Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 36
In Gustav ~Partheys~ "Jugenderinnerungen" (1871; I, 397) heisst es über einen Hauptmann von Rode: "Keinen grösseren Gefallen konnte er seinen Leuten thun, als wenn er ihnen erlaubte, die Gewehre umzukehren und mit dem Kolben zu arbeiten. 'Det fluscht besser'! pflegten sie in ihrem Plattdeutsch zu sagen, und diese Redensart ist lange in manchen Berliner Kreisen einheimisch gewesen, ja man erzählte sich, dass auch dem Kronprinzen von Schweden dieses seltsame Wort zu Ohren gekommen, und er sich nach der Bedeutung erkundigt. Als man ihm dieselbe deutlich gemacht, habe er zu den Pommern und Uckermärkern gesagt: Eh bien, flouchez toujours!"--
* * * * *
Nach v. ~Treitschke~ ("Deutsche Gesch. im 10. Jahrh.", Lpz. 1879, 1. B., S. 504) wurde ~Blücher~ am 19. Okt. 1813, während er die Russen gegen das Gerberthor in Leipzig führte, zum ersten Male von den Kosaken mit dem Ehrennamen begrüsst:
*Marschall Vorwärts!--*
* * * * *
Am 23. Nov. 1814 schrieb Jacob ~Grimm~ an seinen Bruder Wilhelm (Briefwechs. d. Brüd. Grimm. Weimar 1881) vom Wiener Kongress her, der im September begonnen hatte: "Wie dieser Tage der prince de Ligne sagte: "le congrès danse beaucoup, mais il ne marche pas". Gewöhnlich wird dies Spottwort des österreichischen Feldmarschalls ~Karl Josef Fürst~ von *Ligne* († Dez. 1814) in der Form citiert:
*Le congres ne marche pas, il danse.*
~Varnhagen von Ense~ ("Galerie v. Bildnissen aus Rahels Umg. u. Briefwchs." Lpz. 1836. I, 92) schreibt: "Der Fürst von Ligne erlebte noch den grossen Kongress von Wien, wo die Feste leichter als die Geschäfte in Gang kamen, und sein berühmtes Wort veranlasst wurde:
Der Kongress tanzt wohl, aber geht nicht".--
* * * * *
H. v. ~Treitschke~ ("Hist. u. polit. Aufs.", 4. Aufl., Lpz. 1871, I, 171) sagt in "Hans von Gagern" (München 1861): "Man kennt *Blücher*s Toast nach Waterloo (18. 6. 1815):
*Mögen die Federn der Diplomaten nicht wieder verderben, was das Volk mit so grossen Anstrengungen errungen!"--*
* * * * *
Über den Ausdruck:
*den Schwerpunkt nach Ofen verlegen*
sagt der namenlose Verfasser (Kertbeny, ~Benkert~) der "Spiegelbilder der Erinnerung" (1869. III, S. 189, in der "Geschichte eines Stiefgrossvaters"):
"Österreichs Schwerpunkt liegt in Budapest. Dies 'geflügelte Wort' sprach zuerst dessen Erfinder *Friedrich von Gentz* 1820 im Kabinete ~Metternichs~ aus; im ungarischen Reichstage erklang dies Schlagwort zuerst aus dem Munde des grossen Grafen ~Széchenyi~; 1840 rief ~Massimo d'Azeglio~ dies Wort Österreich zu, um es zu bewegen, seine fixe Idee des Besitzes von Oberitalien aufzugeben; dies Wort sprach Graf Camillo ~Cavour~ 1857 in Compiègne aus, und diesen guten Rat erlaubte sich Graf ~Bismarck-Schönhausen~ 1863 in einer Zirkulardepesche Österreich schriftlich (?), 1866 praktisch auf dem Schlachtfelde zu erteilen."
Graf ~Beust~ äusserte in der Sitzung der österreichischen Delegationen vom 19. Aug. 1869, die Redensart entstamme einer Unterredung Bismarcks mit dem österreichischen Gesandten ~Karolyi~.--
* * * * *
Karl von ~Holtei~ erzählt ("Vierzig Jahre" IV, 61; vrgl. VI, 137; 2. Aufl. 1859), Zacharias *Werner* (1768-1823) pflegte "in Zeiten seiner Wiener Heiligkeit", (also von 1814 an bis zu seinem Tode, 1823) ~Goethe~ nur mit
*d*(_ies_)*er grosse Heide*
zu bezeichnen ["ein Ausdruck, den der liebenswürdige Grillparzer--wenn er Werners ostpreussischen Dialekt nachahmt, unwiderstehlich!--gar nicht vergessen kann"]. Dies mag ~Heine~ zu Ohren gekommen sein, von dem ~Goethe~ ("Norderney 1826. "Ges. W." her. v. Strodtmann 1, 138 u.a.a.O.) auch öfters "der grosse Heide" genannt wird, bis er dann in seinem Buche "Über Deutschland", 1834 ("Ges. W." 5, 228) meint, "man" lege diesen Namen ~Goethe~ bei, doch sei er "nicht ganz passend" wegen des unverkennbaren Einflusses des Christentums auf diesen Dichter. ~Goethes~ "Heidentum" betonte übrigens schon vor ~Werner~ im Jahre 1811 (aus Dresden am 24. Mai an J. Bertram; vrgl. "Sulp. Boisserée" Stuttg. 1862, 1, 129) Sulpice ~Boisserée~, ohne jedoch vom "grossen Heiden" zu reden.--
* * * * *
Es wird behauptet, dass die letzten Worte, die *Goethe* am 22. März 1832 vor seinem Tode sprach:
*Mehr Licht!*
gewesen seien; er soll jedoch eigentlich gesagt haben: "Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme".--
* * * * *
Gustav ~Freytag~ erzählt in "~Karl Mathy~. Geschichte seines Lebens" (Lpzg. 1872, S. 49), dass dieser 1831 als junger Kameralpraktikant eine kleine Schrift "Vorschläge über die Einführung einer Vermögenssteuer in Baden", Karlsruhe 1831, bei der badischen zweiten Kammer einreichte, und dass seine Arbeit nach einem rühmenden Bericht Karl *Rotteck*s (1775-1840) mit grosser Anerkennung unter der damals neuen Bezeichnung:
*Schätzbares Material*
der Kammerbibliothek einverleibt wurde. Dieses Wort fand Anklang. So hielt am 15. Mai 1851 Fürst ~Schwarzenberg~ beim Schluss der Dresdener Ministerkonferenzen eine Ansprache, in der es unter anderm hiess:
"Endlich liegen uns ~schätzbare Materialien~ vor, welche von den aus unserer Mitte gewählten Kommissionen mit tiefer Sachkenntnis, mit gründlichem Fleiss und dankenswerter Ausdauer zu tage gefördert worden sind, und welche, wenn sie gehörig benutzt werden, zur zweckmässigen Ausbildung und Verbesserung der Bundesverfassung, somit zur Erstarkung und zur Wohlfahrt des Bundes wesentlich beitragen können".
("Berliner Konstitutionelle Zeitung", 17. Juni 1851, Morgenausg.; 26. Juni 1851, Abendausg.)--
* * * * *
Bei dem Festschmause in Halle im Jahre 1834 aus Anlass der Vollendung des neuen Universitätsgebäudes erhielt der Oberleiter des Baues, Oberbaurat *Matthias* seinen Toast. Kurz darauf erhebt er sich und beginnt: "Meine Herren:
*Unvorbereitet wie ich bin-- --*
hm! hm!-- --Unvorbereitet wie ich bin-- --hm! hm!"--Weiter geht es nicht, und er zieht harmlos aus seiner Brusttasche ein fertiges Manuskript hervor, welches er in aller Gemütsruhe herunterliest. Das erregte viel Heiterkeit, und das Wort ist in Halle zuerst zum geflügelten geworden.[79] Die Wendung wird scherzhaft umgestaltet zu:
*Unvorbereitet wie ich mich habe.--*[80]
[Fußnote 79: ~Gutzkow~: "Rückblicke auf mein Leben", Berlin 1875, S. 242, führt die Redensart auf Fr. L. ~Schmidt~, Direktor des Hamburger Stadttheaters, zurück, der bei seinem 25jährigen Direktionsjubiläum 1840 ganz wie Oberbaurat ~Matthias~ 1834 verfahren sein soll; doch nennt Hermann ~Uhde~, der Herausgeber der "Denkwürdigkeiten von Fr. L. Schmidt", Jena 1875 ("das Stadttheater in Hamburg", 1879, S. 132 u. 133) diese Gutzkowsche Anekdote einen bedauerlichen Irrtum.]
[Fußnote 80: In Linz bezeichnet man den verstorbenen Direktor des dortigen Gymnasiums, Dr. ~Columbus~, als den Urheber dieses lapsus linguae.]
* * * * *
Einen vorzüglichen Cicerone nennen wir einen
*Baedeker,*
indem der Koblenzer Buchhändler Karl ~Baedeker~ (1801-59) im Jahre 1836 Prof. J. A. ~Kleins~ "Rheinreise von Mainz bis Köln, Handbuch für Schnellreisende" (Fr. Röhling, Koblenz 1828) in zweiter Auflage neubearbeitet herausgab, welches Buch der Keim ward zu den jetzt allbeliebten Baedekerschen Reisehandbüchern für Europa und den Orient, die nach des Begründers Tode von dessen Söhnen fortgesetzt worden sind.--
* * * * *
Wir lesen in einem Aufsatze "Ungewöhnliche Charaktere" in den "Neuen Preussischen Provinzialblättern" (hrsg. v. A. ~Hagen~, B. VI, S. 228) von einem 1839 in Königsberg gestorbenen alten, überstudierten Kandidaten und Hospitaliten ~Johann Wilhelm Fischer~. Seine armselige Gestalt zog ihm, der viel auf den Strassen lag, erst die allgemeine Aufmerksamkeit und bald den allgemeinen Anruf:
*Guten Morgen, Herr Fischer!*
zu, der ihn so verdross, dass er wiederholt bei der Polizei und selbst bei dem königlichen Throne um Abhilfe bat. (S. "Der Königsberger Freimütige", 4. Febr. 1852, No. 29).--
* * * * *
*Der beschränkte Unterthanenverstand,*
diese Blüte bureaukratischer Überhebung, entstand folgendermassen: 1837 hob der König von Hannover die Verfassung seines Landes auf. Sieben Göttinger Professoren protestierten dagegen, unter ihnen Professor ~Albrecht~ aus Elbing. Von vielen Seiten erhielten diese Professoren beistimmende Adressen; auch wurde eine, die von ~Prince Smith~ verfasst war, von Einwohnern Elbings an ~Albrecht~ gerichtet. ~Jakob~ van ~Riesen~ in Elbing sendete dem preussischen Minister des Innern ~von Rochow~ eine Abschrift davon ein, worauf folgende Antwort erfolgte, deren Original in der Elbinger Stadtbibliothek liegt:
"Ich gebe Ihnen auf die Eingabe vom 30. v. M., mit welcher Sie mir die von mehreren Bürgern Elbings unterzeichnete Adresse an den Hofrath und Professor Albrecht überreicht haben, hierdurch zu erkennen, dass mich dieselbe mit unwilligem Befremden erfüllt hat. Wenn ich auch annehmen will, dass es nur Gewissenszweifel gewesen sind, welche den Professor Albrecht bewogen haben, die ihm angesonnene Eidesleistung für unstatthaft zu halten, so bin ich doch so weit entfernt, die in der Erklärung des Albrecht und seiner Göttinger Amtsgenossen ausgesprochene Beurtheilung des Verfahrens Sr. Majestät des Königs von Hannover dadurch gerechtfertigt oder auch nur entschuldigt zu finden, dass ich solche vielmehr für eine ebenso unbesonnene als tadelnswerthe und nach diesseitigen Landesgesetzen selbst strafbare Anmassung halte. Die Unterzeichner der Adresse an den Professor Albrecht laden daher mit Recht denselben Vorwurf auf sich, indem sie jene Erklärung billigen und loben und dadurch die Gründe derselben zu den ihrigen machen. Es ziemt dem *Unterthanen*, seinem Könige und Landesherrn schuldigen Gehorsam zu leisten und sich bei Befolgung der an ihn ergehenden Befehle mit der Verantwortlichkeit zu beruhigen, welche die von Gott eingesetzte Obrigkeit dafür übernimmt; aber es ziemt ihm nicht, die Handlungen des Staatsoberhauptes *an den Massstab seiner beschränkten Einsicht* anzulegen und sich in dünkelhaftem Übermute ein öffentliches Urteil über die Rechtmässigkeit derselben anzumassen u.s.w. u.s.w.
Berlin, den 15. Januar 1838.
Der Minister des Innern und der Polizei,
von ~Rochow~".
Aus den Worten des dritten Absatzes des mitgeteilten Schriftstückes: "Es ziemt dem Unterthanen nicht, die Handlungen des Staatsoberhauptes an den Massstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen", ist unser Wort gemacht worden. ~Georg Herwegh~ wendete es in seinem im Dez. 1842 aus Königsberg an ~Friedrich Wilhelm IV.~ von Preussen gerichteten Briefe an.
In den "Erinnerungen" von J. D. H. ~Temme~ (Feuilleton der "Frankfurter Zeitung", 2. April 1879) steht: "Jener bekannte Satz des preussischen Polizeiministers ~von Rochow~, vielmehr seines Geheimrates ~Seiffart~: der beschränkte Unterthanenverstand" u.s.w. In einer Fussnote wird hinzugefügt: "Auch der Geheimrat Seiffart war nicht der Vater der berüchtigten Phrase vom beschränkten Unterthanenverstande. Ein mir befreundeter Rat des Rochowschen Ministeriums teilt mir folgendes über die kleine Geschichte mit: -- -- -- Die Angelegenheit gehörte zu dem Decernat des Herrn Seiffart. Herr Seiffart hatte einen Hilfsarbeiter, einen hochmütigen, übermütigen jungen Assessor; -- -- er hatte auch den Bescheid auf den Elbinger Bericht abzufassen, und er hatte darin jene Phrase angebracht. Dem Herrn Seiffart war sie wohl aus der Seele geschrieben; er liess sie stehen; auch der Herr von Rochow, wie feine Umgangsformen er auch besass, war nicht der Mann, der sie hätte unterdrücken mögen. Mein Freund nannte mir auch den Namen des jungen Assessors; ich erinnere mich desselben aber nicht mehr mit Bestimmtheit und mag daher hier nicht Gefahr laufen, vielleicht einen unrichtigen zu nennen".--
* * * * *
Die grüne Patina, welche so wirkungsvoll edle alte Bronzen überzieht, und dann im allgemeinen jeden altertümlichen Reiz, nennen wir mit *Friedrich Wilhelm IV.* (reg. 1840-1861):
*den verschöne*(_r_)*nden Rost der Jahrhunderte;*
denn dieser König sprach bei der Huldigung in Königsberg am 10. September 1840:
"So wolle Gott unser preussisches Vaterland sich selbst, Deutschland und der Welt erhalten, mannigfach und doch Eins, wie das edle Erz, das, aus vielen Metallen zusammen geschmolzen, uns ein einziger Edelstein ist,--keinem andern Rost unterworfen, als dem verschönenden der Jahrhunderte."--
* * * * *
~Friedrich Wilhelm IV.~ empfing 1842 den jugendlichen Dichter ~Herwegh~ mit den Worten:
*Ich liebe eine gesinnungsvolle Opposition.--*
Er sagte in der am 11. April 1847 vor dem Vereinigten Landtage gehaltenen Thronrede:
"Möchte doch das Beispiel des einen glücklichen Landes, dessen Verfassung die Jahrhunderte und eine
*Erbweisheit*
ohne Gleichen, aber kein Stück Papier gemacht haben, für uns unverloren sein und die Achtung finden, die es verdient".
Am 15. April citierte Freiherr ~Vincke~ das Wort mit dem Zusatze: "Erbweisheit der Engländer". Doch war es so nicht gemeint gewesen. ~Eberty~ ("Gesch. d. preuss. Staats", VII, 265) sagt: "Von den Eingeweihten aber erfuhr man nachträglich, dass Mecklenburg gemeint war".--
* * * * *
*Zwischen mich und mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen*
ist umgestaltet aus den Worten ~Friedrich Wilhelms IV.~ (in derselben Rede): "Es drängt mich zu der feierlichen Erklärung -- -- --, dass ich nun und nimmermehr zugeben werde, dass sich zwischen unsern Herr Gott im Himmel und dieses Land ein ~beschriebenes Blatt~, gleichsam eine zweite Vorsehung eindränge..."--
* * * * *
*Rechtsboden*
ist auf diejenige Stelle derselben Thronrede zurückzuführen, an welcher der König den Landtag anruft, ihm zu helfen, "den Boden des Rechts (den wahren Acker der Könige) immer mehr zu befestigen und zu befruchten".--
* * * * *
In der am 21. März 1848 erschienenen Proklamation ~Friedrich Wilhelms IV.~ "An mein Volk, an die deutsche Nation" kommen die Worte vor:
*Preussen geht fortan in Deutschland auf!--*
* * * * *
*Auf den breitesten Grundlagen*
steht zuerst in einer am 22. März 1848 einer Deputation der Städte Breslau und Liegnitz erteilten Antwort des Königs, deren Beginn lautet: "Nachdem ich eine konstitutionelle Verfassung auf den breitesten Grundlagen verheissen habe..." Das Wort wurde in dem königlichen Propositionsdekret vom 2. April an den vereinigten Landtag wiederholt. Es findet sich dann in dem Manifeste (datiert Schönbrunn, 6. Okt. 1848) wieder, wodurch Kaiser ~Ferdinand~ seine zweite Abreise von Wien ankündigte.--
* * * * *
~Friedrich Wilhelm IV. ~führte den Ausdruck:
*Racker von Staat*
oft im Munde (s. "Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense", Lpz. 1840, S. 274). W. ~Hoffmann~ erzählt darüber in "Deutschland einst und jetzt im Lichte des Reiches Gottes" (Berl. 1868, S. 299):
"Ein Bauer aus dem Regierungsbezirk Merseburg, dem der König eine unbillige Forderung, die er mündlich vorbrachte, nicht gewähren konnte und sich dabei auf den 'Staat und dessen Ordnung' berief, hatte nämlich geantwortet: 'O! ich wusste wohl, dass nicht mein geliebter König mir entgegensteht, sondern der Racker von Staat'. Dieses Bauers Wort gebrauchte der König im Scherze, oft auch in Ironie".--
* * * * *
*Heinrich LXXII.*, Fürst Reuss zu Lobenstein und Ebersdorf, hat durch einen seiner wunderlichen Erlasse der deutschen Sprache:
*Auf einem Prinzip herumreiten*
und das daraus gebildete
*Prinzipienreiter*
zugeführt. Dieser Erlass stand im "Adorfer Wochenblatt", wurde vom "Halleschen Courier" nachgedruckt, ging aus letzterem in die "Vossische Zeitung" (18. Sept. 1845) über und lautet:
"Ich befehle hiermit Folgendes in's Ordrebuch und in die Spezial-Ordrebücher zu bringen. Seit 20 Jahren ~reite Ich auf einem Prinzip herum~, d.h. Ich verlange, das ein jeglicher bei seinem Titel genannt wird. Das geschieht stets nicht. Ich will also hiermit ausnahmsweise eine Geldstrafe von 1 Thlr. festsetzen, der in Meinem Dienste ist, und einen Andern, der in meinem Dienste ist, nicht bei seinem Titel oder Charge nennt".
Schloss Ebersdorf, den 12. Oktober 1844.
~Heinrich LXXII.~--
* * * * *
*Rühmlichst abwesend*
nannte die amtliche Zeitung den Prinzen ~Waldemar von Preussen~, der, in Ostindien weilend, dem Begräbnis seiner Mutter in Berlin am 18. April 1846 nicht beiwohnen konnte. So berichtet ~Varnhagen~ in seinem Tagebuche unter dem 18. April 1846 und unter dem 22. April sagt er, der Verfasser jener amtlichen Anzeige sei der Geheimrat und Archivdirektor ~Georg Wilhelm~ *von Raumer* († 1856).--
* * * * *
In einer Sitzung der Kurie der drei Stände des Vereinigten Landtages am 5. Juni 1847 (s. "Der erste Preuss. Landt. in Berl." Berlin 1847, 2. Abt., 10. Heft, S. 1387) sprach der Abgeordnete ~Hermann~ *von Beckerath* (1801-1870) das oft citierte Wort:
*Meine Wiege stand am Webstuhl meines Vaters.--*
Am 8. Juni 1847 sagte ebenda ~David~ *Hansemann* (1790-1864) (s. die soeben citierte Samml., 2. Abt., 13. Heft. S. 1507):
"Bei Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf",
was gewöhnlich in der Form citiert wird:
*In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf.*
~Lessings~ Anton im "jungen Gelehrten" (3, 12) bemerkt schon: "Ich bin ein wenig hitzig, zumal in Geldsachen."--
* * * * *
Auf einer Äusserung des Fürsten *Metternich* (1773-1859), die sich in dessen Brief vom 19. Nov. 1849 an ~Prokesch~ (vrgl. "Aus d. Nachlasse d. Grf. Prokesch-Osten. Briefwechsel mit Herrn v. Gentz u. Fürsten Metternich". Wien, 1881; Bd. II, S. 343) findet, beruhen die Worte:
*Italien ein geographischer Begriff*
und:
*Deutschland ein geographischer Begriff.*
Metternich sagt daselbst: "Ich habe in meiner Controverse mit Lord Palmerston in den italienischen Fragen im Sommer 1847[81] den Ausspruch gefällt, dass der nationale Begriff 'Italien' ein geographischer sei, und mein Ausspruch: l'Italie est un nom géographique, welcher Palmerston giftig ärgerte, hat sich das Bürgerrecht erworben. Mehr oder weniger--wie dies auf alle Vergleiche passt--gilt derselbe Begriff für das Deutschland, welches bei der Menge in der zweiten Linie der Gefühle und der Strebungen steht, während es von reinen oder berechnenden Phantasten (also von ehrlichen und kniffigen) auf die oberste Stelle erhoben wird".--
[Fußnote 81: Nach Karl ~Hillebrands~ "Gesch. Frankr. v. Ludw. Phil. bis Nap. III." 1879. II, 689 enthielt schon Metternichs Memorandum an die Grossmächte vom 2. Aug. 1814 dieses Wort.]
* * * * *
*Uhland* schloss am 22. Jan. 1848 im Frankfurter Parlament seine Rede gegen die Erblichkeit der Kaiserwürde und den Ausschluss Österreichs mit den Worten: "Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen
*Tropfen demokratischen Öls*
gesalbt ist".--
* * * * *
*Viribus unitis*
Mit vereinten Kräften
ist der vom Kaiser ~Franz Joseph I.~ durch "Allerhöchste Entschliessung" vom 12. Februar 1848 angenommene Wahlspruch. Dessen Schöpfer ist Ritter Joseph *v. Bergmann*, Lehrer der Söhne Erzherzogs Karl. Das vom Kaiser am 4. März 1849 von Olmütz aus erlassene Manifest, wodurch er die Auflösung des Reichstages von Kremsier verkündete, schliesst: "Gross ist das Werk, aber gelingen wird es den vereinten Kräften".--
* * * * *
In der 1. Sitzung des Vereinigten Landtages von 1848 am 2. April sprach Graf Adolf Heinrich *Arnim-Boytzenburg* (1803-68) in der Debatte über die Adresse an den Thron ein in verschiedenen Fassungen, z.B. in dieser:
*Die Regierung muss der Bewegung stets einen Schritt voraus sein,*
oft citiertes Wort in folgendem Zusammenhange aus:
"Das Ministerium hat sich ferner gesagt, dass in einer Zeit, wie die seines Eintritts, es nicht ratsam sei, hinter den Erfahrungen der drei letzten Wochen und deren Ergebnissen in den übrigen deutschen Staaten zurückzubleiben, sondern, dass es ~besser sei, den Ereignissen um einen Schritt voranzugehen~, damit nicht erst durch einzelne Konzessionen Einzelnes gegeben und immer wieder von dem Strom der Zeit überflutet werde, sondern damit das, was gewährt werden könne, auf Einmal gegeben, Geltung und Dauer gewinne".--
* * * * *
In der Sitzung vom 14. Juni 1848 der preussischen Nationalversammlung nannte ~Georg~ *Jung* bei Gelegenheit des ~Reichensperger~schen Antrags, welcher aus Anlass einer angeblichen Misshandlung des Herrn ~von Arnim~ eine Kommission zur Untersuchung dieser Angelegenheiten zu ernennen vorschlug, solche Ausschreitungen: das
*Schaumspritzen jugendlicher Freiheit.--*
* * * * *
~Von Treitschke~ ("Histor. u. polit. Aufsätze" 4. Aufl., Lpz. 1871. I, 429, im Aufsatze "F. C. Dahlmann", Freiburg 1864) spricht über das Vertrauen zu den rettenden Thaten der "Kabinette der bewaffneten Furcht in Wien und Berlin" und über die auch in die Hallen von St. Paul hereinbrechende Reaktion und sagt dann: "Kein geringerer Mann als *Dahlmann* hat das unselige Wort:
*Rettende That*
erfunden". (Friedrich Christoph ~Dahlmann~, geb. 1785, gest. 1860.)--
* * * * *
Aus der deutschen konstituierenden Nationalversammlung ist das Wort des Präsidenten ~von Gagern~ in der 22. Sitzung am 24. Juni 1848:
*der kühne Griff,*
tief ins Volk gedrungen. Er sprach:
"Wer soll die Centralgewalt schaffen? Meine Herren! ich habe diese Frage von dem Standpunkte des Rechtes und von dem Standpunkt der Zweckmässigkeit vielfach beurteilen hören; ich würde bedauern, wenn es als ein Prinzip gälte, dass die Regierungen in dieser Sache gar nichts sollten zu sagen haben; aber vom Standpunkte der Zweckmässigkeit ist meine Ansicht bei weiterer Überlegung wesentlich eine andere, als die der Majorität im Ausschuss...... Meine Herren! Ich thue ~einen kühnen Griff~ und ich sage Ihnen: wir müssen die provisorische Centralgewalt selbst schaffen".
Der stürmische Jubelruf, mit dem ~Gagerns~ Wort aufgenommen wurde, verschaffte diesem seinen Widerhall, und doch hatte Gagern nur ein Wort seines Vorredners Karl *Mathy* (1807-1868) wiederholt, der, von der Ansicht ausgehend, dass auch die Einzelstaaten bei Begründung einer deutschen Centralgewalt gehört werden müssten, gesagt hatte:
"... sollten die Regierungen einzelner Staaten unterlassen, dem Beispiele zu folgen, dem Beispiele treuer Pflichterfüllung gegen das gesammte Vaterland, welches die Versammlung, wie ich nicht zweifle, geben wird, dann meine Herren, ja dann wäre uns ein ~kühner Griff~ nach der Allgewalt nicht nur erlaubt, sondern durch die Not geboten".
Vielleicht schwebten ~Schillers~ Worte vor ("Gesch. d. 30jähr. Krieges" B. 3, vorletzter Absatz):
"Die Geschichte ... sieht sich zuweilen durch Erscheinungen belohnt, die gleich einem ~kühnen Griff~ aus den Wolken in das berechnete Uhrwerk der menschlichen Unternehmungen fallen".--
* * * * *
*Das ist das Unglück der Könige, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen*
sagte ~Johann~ *Jacoby* (1805-77) am 2. November 1848 als Mitglied der von Friedrich Wilhelm IV. empfangenen Deputation der Berliner Nationalversammlung.
Möglicherweise kam dieses Wort, dem Erregten in jenem Augenblick natürlich unbewusst, aus ~Herders~ "Cid" (2, 32), wo Graf von Cabra zum sterbenden König Don Sancho spricht:
"Ach, der Kön'ge hartes Schicksal, Dass, wenn man sie nicht mehr fürchtet, Dann nur ihnen Wahrheit spricht".