Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 33

Chapter 333,488 wordsPublic domain

geschaffen, der sich so erklärt, dass die Republikaner die sonst übliche Kniehose (culotte) mit der bis zu den Füssen reichenden (pantalon) vertauscht hatten. Nach ~Bourloton et Robert~ ("La commune, Paris 1872, S. 169) hätte er es lärmenden Frauen auf der Tribüne zugerufen. Will man aber Peter ~Duponceau~ glauben, so citierte ~Maury~ nur ein schon bekanntes Wort, das zuerst Baron ~Steuben~ in Washingtons Winterlager von 1777-78 den abgerissenen "tapferen Offizieren der Revolutionsarmee beigelegt" habe. (vrgl. Friedr. Kapp: "Leb. d. amerik. Generals Fr. W. v. Steuben" S. 97. Berlin 1858.)--

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*Il est peu de distance de la roche Tarpéienne au Capitole,*

sagte *Mirabeau* (1749-91) in seiner Rede vom 22. Mai 1790; d.h. "selbst ein Senator kann als Hochverräter zum Tode verurteilt werden". ~Jouy~ wiederholte das Wort in dem Text zu Spontinis zuerst am 15. Dez. 1807 aufgeführten Oper "la Vestale" (3, 3) in der Form: "La roche Tarpéienne est près du Capitole" "Nicht weit vom Capitol da steht Tarpejens Klippe".--

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*Vandalismus*

ist zum ersten Male von *Grégoire*, Bischof von Blois, in einem Berichte an den Konvent gebraucht worden. "Ich schuf dies Wort, um die Sache zu töten", sagt er in seinen "Memoires" (t. 1, p. 346, Ausg. von 1837).--

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*Sans phrase(s)*

*Ohne Redensarten*

ist verkürzt aus: "La mort sans phrases", was bei der Abstimmung über die Art der Behandlung Ludwigs XVI. in der Konventsitzung vom 17. Januar 1793 *Sieyès* (1748-1836) gesagt haben soll, aber nicht gesagt hat, wie aus "Le Moniteur", 20. Jan. 1793, hervorgeht. Sieyès stimmte mit: "La mort". Auch sagte er:

*Ils veulent être libres et ne savent pas être justes.*

Sie wollen frei sein und verstehen nicht gerecht zu sein.

Ebenfalls soll er zuerst im Jahre 1793 das später von ~Napoléon III.~ aufgenommene Wort:

*Natürliche Grenzen*

auf den Rhein angewendet haben. (~Ludwig Häusser~, "Deutsche Geschichte", 3. Aufl., Bd. 2, S. 19.) Der Gedanke kommt schon 1444 in einem Manifeste des Dauphin, später ~Ludwig XI.~, vor, und wurde Gegenstand einer lebhaften litterarischen Fehde am Ende des 15. und Anfange des 16. Jahrhunderts.--

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Bertrand *Barère* (1755-1841) sagte am 26. Mai 1794 im Konvent (s. "Moniteur" vom 29. Mai): "Wenn voriges Jahr die von Houchard befehligten Truppen alle Engländer vertilgt hätten, anstatt durch ihre Anwesenheit unsere Festungen zu vergiften, so wäre England in diesem Jahr nicht wieder gekommen, um unsere Grenzen anzugreifen.

*Nur die Toten kehren nicht zurück,*

*Il n'y a que les morts qui ne reviennent pas,*

aber die Könige und ihre Sklaven sind unverbesserlich; sie müssen verschwinden, wenn Sie wollen, dass der Friede Bestand habe, wenn Sie wollen, dass die Freiheit gedeihe". Einige Tage später wiederholte er das blutige Wort (~Macaulay~: "Bertrand Barère") und ~Napoléon I.~ citierte es auf St. Helena mit Bezug auf sich am 17. Juli und am 12. Dez. 1816. (~O'Meara~, "Napoléon in exile".)--

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Die männliche Jugend von Paris, die nach dem 9. Thermidor 1794 sich zum Vorkämpfer der Contrerevolution aufwarf, soll den Namen

*Jeunesse dorée*

Goldjugend (reiche junge Leute)

als Spitznamen geführt haben. ~Adolf Schmidt~ ("Pariser Zustände während der Revolutionszeit von 1789-1800", Jena 1874, T. I, No. 12: "Die Mythe von der Jeunesse dorée") weist aber nach, dass der Ausdruck nur einmal von dem Romanschreiber ~Pagès~ im zweiten, anfangs 1797 erschienenen Teile seiner "Geheimen Geschichte der französischen Revolution" in der Form: "die Pariser Jugend, welche man auch la jeunesse dorée nannte" gebraucht wurde, ohne je weiter vorzukommen, bis im Jahre 1824, gleichsam mit einem Schlage, die Taufe der Pariser Jugend der Revolutionszeit als "Jeunesse dorée" durch ~Mignet~, ~Thiers~, ~Thibaudeau~ und ~Prudhomme~ vollzogen ward. Wir bezeichnen heute damit die üppige Jugend der Hauptstädte.--

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*Ils n'ont rien appris ni rien oublié*

*Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen*

schrieb 1796 *de Panat* an ~Mallet du Pan~ ("Mém. et Corresp. de Mall. du Pan." rec. p. Sayous. II, 197).--

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*La grande nation*

*Die grosse Nation*

nannte General *Bonaparte* die Franzosen in der Proklamation, die er 1797 beim Verlassen Italiens an die Italiener richtete (s. Lanfrey: "Nap. I." 1, 10 Anf.). Er wiederholte es oft[72] und hat noch am 31. Okt. 1816 auf St. Helena vor Las Cases (s. dess. "Mémorial de Sainte Hélène") behauptet, er sei der Erfinder des Wortes. Ob er es wirklich war, lässt sich bezweifeln; denn (nach ~Glaser~: "Graf Joseph Maistre" Berl. 1865. S. 17) schrieb J. ~Maistre~ schon 1794 an Vignet des Etoles: "Was ihren Hochmut betrifft, so bedenken Sie nur, dass es unmöglich ist, Glied einer ~grossen Nation~ zu sein, ohne es zu fühlen" ... und auch ~Goethe~ brauchte den Ausdruck "~die grosse Nation~" von den Franzosen bereits in den 1793 und 1795 geschriebenen "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten". ~Napoléon III.~ aber hob die Autorschaft seines Oheims ausdrücklich in dem Schreiben hervor, das er u. d. 12. Apr. 1869 zur Verherrlichung von dessen 100. Geburtstage durch eine Pensionserhöhung der Veteranen an den Minister Rouher richtete.--

[Fußnote 72: Vrgl. ~Laurent~: "Gesch. d. Kais. Nap." K. 6; ~Lanfrey~ III, 4: ~Häusser~: "Deutsch. Gesch." 3. Aufl. II, 575-6: "Une année de la vie de l'Emp. Napol." p. A. D. B. M. ..., lieut. de grenad. 3. Ausg. Berl. 1816. S. 142, 3; ~Hinrichs~: "Polit. Vorles." Halle 1843. I, 224.]

* * * * *

*C'est plus qu'un crime, c'est une faute,*

Das ist mehr als ein Verbrechen, das ist ein Fehler,

soll Polizeiminister *Fouché* (1763-1820), andere nennen ~Talleyrand~, über die Hinrichtung (20. 3. 1803) des Herzogs ~d'Enghien~ durch Konsul ~Bonaparte~ gesagt haben.--

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~Barère~ ("Mémoires", Par. 1842, T. 4, p. 447) erzählt, dass *Talleyrand* (1754-1838) 1807 in einer Unterredung mit dem spanischen Gesandten ~Jzquierdo~, der ihn an seine zu Gunsten Karls IV. von Spanien gemachten Versprechungen erinnerte, gesagt habe:

*La parole a été donnée à l'homme pour déguiser sa pensée.*

*Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen,*

was als eine witzige Umdrehung des Satzes von ~Molière~ ("Le mariage forcé" Sc. 6. Pancrace) erscheint:

"La parole a été donnée à l'homme pour expliquer sa pensée."

Heinrich ~Heine~ hingegen schreibt ("Ideen. Das Buch Le Grand" 1826. Kap. XV; Ges. W. I, 296) ersteres Wort ~Fouché~ in der Form zu:

*Les paroles sont faites pour cacher nos pensées.*

Vor ~Talleyrand~ und ~Fouché~ jedoch liess ~Voltaire~ (Dialog 14 "Der Kapaun und das Masthuhn") den Kapaun sagen: "Die Menschen bedienen sich des Gedankens nur, um ihre Ungerechtigkeiten zu begründen, und sie wenden die Worte nur an, um ihre Gedanken zu verbergen"; und vor Voltaire sagte ~Young~ († 1765) in der Satire "Universal passion, the love of fame", II, v. 207:

Where nature's end of language is declined, And men talk only to conceal the mind.

Wo man den Zweck der Sprachnatur verneint Und man nur spricht, zu hehlen, was man meint.

Der Gedanke ist den Alten entlehnt; denn schon in der Spruchsammlung des sogenannten ~Dionysius Cato~ lautet das 26. Distichon des 4. Buches:

Perspicito tecum tacitus quid quisque loquatur; Sermo hominum mores et celat et indicat idem;

Ganz im Stillen bedenk' es mit dir, was Einer gesprochen; Menschliche Rede verhüllt die Gesinnung so, wie sie sie anzeigt;

nachdem längst zuvor ~Plutarch~ ("de recta ratione audiendi" c. 7, p. 41 D.) bemerkte: αἱ δὲ τῶν πολλῶν διαλέξεις καὶ μελέται σοφιστῶν ... τοῖς ὀνόμασι παραπετάσμασι χρῶνται τῶν διανοημάτων ... (Die meisten Sophisten brauchen in ihren Streitübungen und Kunstreden die Worte als dichten Schleier für die Gedanken.)--

* * * * *

*Der Kaffee muss heiss wie die Hölle, schwarz wie der Teufel, rein wie ein Engel, süss wie die Liebe sein*

und:

*Surtout pas de zêle!*

Vor allen Dingen keinen Eifer!

oder:

*Pas trop de zêle!*

Nur nicht zu viel Eifer!

oder:

*Trop de zêle!*

Zu viel Eifer!

sind Worte, die auch auf ~Talleyrand~ zurückgeführt zu werden pflegen; und für dessen Abneigung gegen grosse Dienstbeflissenheit giebt Mdme de Rémusat (Mémoires, 1880, Bd. 3, S. 174) allerdings die Quelle mit Talleyrands Worten an seinen Nachfolger Champagny, als er ihm die Ministerialbeamten vorstellte: "Vous les trouverez fidèles, habiles, exacts, ~mais, gràce à mes soins, nullement zélés~". Sie fügt hinzu, dass Talleyrand dies dann dem Kaiser erzählte, der darüber lachte.--

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*Légitimité, Legitimität*

für: "Recht der angestammten Fürsten" ist nach ~Thiers~ ("Consulat et Empire", t. XVIII, p. 445) eine von ~Talleyrand~ erfundene Bezeichnung.--

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Als am 7. Sept. 1812 an der Moskwa die Sonne aufging, rief *Napoléon I.* seinen Offizieren mit den Worten

*Voilà le soleil d'Austerlitz!*

*Das ist die Sonne von Austerlitz!*

die siegreiche Schlacht vom 2. Dez. 1805 ins Gedächtnis zurück, (vrgl. ~Ségur~ "Hist. de Napol. et de la grande armée pend. l'année 1812", VII, 9.)--

*Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas*

*Vom Erhabnen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt*

sagte ~Napoléon I.~ auf seiner Flucht aus Russland mehrmals zu seinem Gesandten ~de Pradt~ in Warschau (Dez. 1812).[73] Er gab damit nur einem oft dagewesenen Gedanken seine bleibende Form. ~Marmontel~ († 1799) sagte bereits: "En général, le ridicule touche au sublime" (Oeuvr., t. V, p. 188). ~Wieland~ ("Die Abderiten", Bd. 3, Kap. 8; 1774): "Die ~Dummheit~ hat ihr ~Sublimes~ so gut als der Verstand, und wer darin bis zum ~Absurden~ gehen kann, hat das Erhabne in dieser Art erreicht, was für gescheute Leute immer eine Quelle von Vergnügen ist, und ~Thomas Paine~ ("The age of reason", 1794, T. II. g. E. Anm.): "Wenn Schriftsteller und Kritiker vom Erhabnen sprechen, so sehen sie nicht, wie nahe es an das Lächerliche grenzt".--

[Fußnote 73: S. ~de Pradts~ "Hist. de l'ambassade dans le Grandduché de Varsovie en 1812", Berl. 1816.--Schon in den "Mémoires de Madame de Rémusat 1802-8", publiés par son petit-fils Paul de ~Rémusat~, Paris 1880, T. III, p. 55 u. 56 heisst es: "Bonaparte hat oft gesagt, dass nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen wäre".]

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Das ~Napoléon I.~ zugeschriebene Wort

*Tout soldat français porte dans sa giberne le bâton de maréchal de France*

Jeder französische Soldat trägt den Marschallstab in seiner Patronentasche

steht in "La vie militaire sous l'Empire" par E. ~Blaze~, (Par. 1837) 1, S. 5 und wird S. 394 in der Form wiederholt: "Nous avons tous un brevet de maréchal de France dans notre giberne". Nach den "Mémoires de Madame de Rémusat 1802-1808" (T. III., Paris 1880, p. 86 u. 87) wurden die Nachrichten aus Deutschland 1806 nach der Schlacht bei Jena aus einer Stadt Braunschweigs vom Briefe eines vermeintlichen Soldaten begleitet, in dem es heisst: "Nichtsdestoweniger ist es wahr, sagte man, dass ein Soldat, welcher zu sich sagen kann: Es ist nicht unmöglich, dass ich Marschall, Fürst oder Herzog wie jeder Andre werde, durch diesen Gedanken ermutigt werden muss".--

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*Die soziale Frage*

ist, wie von ~Treitschke~ in einer Vorlesung "Über den Sozialismus" am 5. März 1879 lehrte eine von ~Napoléon I.~ erfundene und später auch von ~Napoléon III.~ angewendete Phrase, die zum Klappern der demokratischen Tyrannei gehörte.--

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Man liess den *Grafen von Artois*, später *Karl X.*, in der "Restauration" im Moniteur mit einem Programme debütieren, das gewöhnlich umgestaltet wird zu:

*Il n'y a rien de changé en France, il n'y a qu'un Français de plus,*

Es ist Nichts in Frankreich geändert, es ist nur ein Franzose mehr vorhanden.

Es ist dies aber dem Grafen ~von Artois~ untergeschoben nach der "Revue contemporaine" vom 15. Febr. 1854 (S. 53), wo *Beugnot*, der zeitweilige, mit der Leitung der Regierungspresse beauftragte Minister des Innern, folgende Entstehungsgeschichte des Wortes giebt. Er hatte den Grafen ~von Artois~ am Tage seines Einzuges, 12. April 1814, gegen 11 Uhr abends verlassen, um sich zu Herrn ~von Talleyrand~ zu begeben.

"Ich fand ihn", erzählt er, "mit den Herren Pasquier, Dupont de Nemours und Angles im Gespräch über den Verlauf des Tages, den man einstimmig als vortrefflich anerkannte. Talleyrand erinnerte daran, dass nun auch ein Artikel im Moniteur notwendig wäre, und Dupont bot sich an, ihn zu verfassen. 'Nein', erwiderte Talleyrand, 'er würde zu poetisch ausfallen. Ich kenne Sie. Beugnot ist der Mann dazu. Er kann gleich ins Bibliothekzimmer gehen und schnell einen Artikel schreiben, den wir dann an Sauvo schicken'.--Ich mache mich an die Arbeit, die erst nicht schwierig war. Als ich aber an die Antwort des Prinzen auf Talleyrands Anrede komme, stocke ich. Einige einem tiefen Gefühle entsprungene Worte machen durch den Ton, in dem sie gesagt werden, durch die Gegenwart der Dinge, durch die sie veranlasst worden sind, Eindruck; handelt es sich aber darum, sie ohne diese Umgebung aufs Papier zu bringen, so sind sie kalt, zum Unglück vielleicht lächerlich. Ich gehe also zu Talleyrand zurück und teile ihm meine Verlegenheit mit. 'Nun', antwortete er, 'was hat denn der Prinz gesagt?'--'Nichts Erhebliches; er schien mir sehr bewegt und vor allen Dingen bestrebt, seinen Zug fortzusetzen'.--'Nun, wenn Ihnen das, was er gesagt, nicht passt, so machen Sie ihm eine Antwort'.--'Eine Rede, die er nicht gehalten hat?'--'Da ist doch keine Schwierigkeit. Machen Sie eine gute, zu der Person und zu dem Augenblick passende Rede, und ich bürge dafür, der Prinz heisst sie gut und wird nach zwei Tagen glauben, er hat sie gehalten. Er wird sie gehalten haben, und von Ihnen wird nicht weiter die Rede sein'.--Gut.--Ich gehe, versuche eine zweite Fassung und bringe sie zur Censur zurück.--'Das geht nicht', sagt Talleyrand, 'der Prinz macht keine Antithesen und erlaubt sich nicht die geringste Redefloskel. Seien Sie kurz, einfach und sagen Sie etwas, was für die Redenden und Zuhörenden mehr passt, weiter nichts'.--'Mir scheint', fiel Pasquier ein, 'dass viele Gemüter von der Furcht vor den Veränderungen bewegt sind, welche die Rückkehr der bourbonischen Prinzen veranlassen muss; vielleicht müsste man diesen Punkt zart berühren'.--'Sehr gut', sagte Talleyrand, 'das empfehle ich Ihnen auch'. Ich versuche eine andere Redaktion und werde zum zweiten Male abgewiesen, weil ich mich nicht kurz gefasst habe und der Stil gekünstelt sei.--Endlich gelingt mir folgende, ~die im Moniteur abgedruckt ist, und wo ich den Prinzen sagen lasse~: 'Kein Zwist mehr, Friede und Frankreich. Endlich sehe ich es wieder! und nichts ist darin geändert, ausser dass ~ein~ Franzose mehr vorhanden ist' (et rien n'y est changé, si ce n'est qu'il s'y trouve un Français de plus). 'Dies Mal ergebe ich mich', sagte endlich der grosse Tadler. 'Dies ist die Rede des Prinzen. Ich sage gut dafür, dass er sie gehalten hat. Sie können jetzt ruhig sein'."

In der "Revue rétrospective", 2. série, t. IX., p. 459 heisst es: "Der Graf von Artois, der am folgenden Tage die Erzählung seines Einzuges las, rief aus: 'Das habe ich ja nicht gesagt'. Man machte ihn darauf aufmerksam, dass er es notwendigerweise gesagt haben müsse, und die Redensart blieb historisch".--

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Das Wort, welches General ~Cambronne~ in der Schlacht bei Waterloo (18. Juni 1815) gesagt haben soll:

*La garde meurt et ne se rend pas,*

*Die (alte) Garde stirbt und ergiebt sich nicht,*

hat er selbst, der sich bei Waterloo ergab und nicht blieb, stets auf das Entschiedenste in Abrede gestellt. Trotzdem hat man die Statue, welche ihm in seiner Geburtsstadt Nantes errichtet wurde, mit dem Ausspruche geziert. Nach ~Fournier~ ("l'Esprit dans l'histoire", 2. Ausg., Paris 1860, S. 361) ist der Journalist *Rougemont* der Erfinder dieses Wortes, das er am 19. Juni 1815 im "L'Indépendant" abdrucken liess.[74] Übrigens erhoben die Söhne des Generals ~Michel~ gegen die Inschrift an Cambronnes Statue Protest und beanspruchten die Worte für ihren Vater.--

[Fußnote 74: S. ~Larousse~ "Fleurs historiques", p. 440 bis 447; des Obersten ~Dehnel~ "Erinnerungen deutscher Offiziere in britischen Diensten aus den Kriegsjahren von 1805-1816"; "Das Leben des Freiherrn Hugh von Halkett, königlich hannoverschen Generals der Infanterie. Nach dessen hinterlassenen Papieren und Quellen entworfen von E. ~von dem Knesebeck~, königlich hannoverschen Generalmajor", Stuttgart 1865; General ~von Fransecky~ "Militair-Wochenblatt", 25. April 1876. Nach Roger ~Alexandre~ "Le Musée de la conversation" (1892, p. 158) hätte die Phrase zuerst am 24. Juni 1815 im "Journal genéral de la France" gestanden.]

* * * * *

Man nennt das Zwischenreich von 1815:

*Les Centjours,*

*Die Hunderttage,*

obgleich es über diese Zeit hinausging. Die Schuld trägt der ~Seinepräfekt~, der *Ludwig XVIII.*, (reg. 1814-24), der am 19. März aus Paris entschwunden war, bei seinem Wiedereinzuge am 8. Juli als schlechter Rechner in seiner Anrede "hundert Tage" aus Paris abwesend sein liess.--

Derselbe Monarch nannte bald nach dem Einzuge dankbar die gefügige zweite Kammer

*Chambre introuvable*

eine Kammer, wie sie sich so leicht nicht wiederfindet.

Später jedoch, als sich die Gefügigkeit bis zu unbequemem Fanatismus steigerte, eignete sich der Hohn den Ausdruck für jede Kammer an, die monarchischer sein will als der Monarch.--

*L'exactitude est la politesse des rois*

*Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige*

ist auch ein Wort ~Ludwigs XVIII.~ (vrgl. Oelsners Brief aus Paris v. 8. Juli 1817 im "Briefw. zw. Varnhagen v. Ense und Oelsner" I, 119 und "Souvenirs de J. Laffite" Par. 1844. I, 150).--

* * * * *

~Las Cases~ teilt im "Mémorial de Sainte Hélène" (Paris 1823-24) unter dem 8. April 1816 folgendes Wort mit, das ~Napoléon I.~ ihm gegenüber aussprach:

_Bei dem gegenwärtigen Zustande der Dinge kann ganz_ *Europa binnen zehn Jahren kosakisch* _sein_ *oder* _ganz_ *republikanisch* (_toute en républiques).--

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Über das Wort

*doctrinaire*

sagt ~Duvergier de Hauranne~ ("Histoire du gouvernement parlamentaire", t. III, p. 534): "~Guizot~ ... gehörte einer Kammerfraktion (im Jahre 1816) an, die, obwohl sie das Ministerium unterstützte, sich mehr als einmal von ihm getrennt hatte, und deren anerkannter Führer, Herr Royer-Collard, bereits von dem "Nain jaune réfugié" (einer französischen, in Brüssel entstandenen Zeitung) einen später berühmt gewordenen Namen, den Namen 'doctrinaire' erhielt". Andere erzählen, dass ~Royer-Collard~ in einer Lehranstalt der "Prêtres de la doctrine chrétienne", auch kurz "doctrinaires" genannt, erzogen wurde. Als er nun 1816 in der Kammer eine Rede hielt, habe ein Mitglied der Rechten ausgerufen: "Voilà bien les doctrinaires!" (Da haben wir die Doktrinäre!) und so sei die politische Bedeutung des Wortes "doctrinaire" für unpraktische Verfechter wissenschaftlicher Theorien entstanden. Sonst kommt das Wort schon in ~Balzacs~ († 1654) "Le Socrate chrétien", Disc. 10, vor. --

* * * * *

Den Sturz der bourbonischen Herrschaft kündigte ein prophetisches Wort *Salvandy*s (1795-1856) an. Dieser, damals französischer Gesandter in Neapel, nahm an einem Balle Teil, den der ~Herzog von Orléans~ (Ludwig Philipp) am 5. Juni 1830 im Palais Royal zu Ehren seines Schwagers, des Königs von Neapel, gab. ~Salvandy~ hat diesen Ball im "Livre des Cent-et-un", Bd. 1, beschrieben. "Als ich", erzählt er, "am Herzog von Orléans vorbeiging, dem man von allen Seiten Komplimente über die Pracht seines Festes machte, sagte ich jenes Wort zu ihm, welches die Zeitungen am folgenden Tage wiederholten: 'Das ist ein ganz neapolitanisches Fest, mein Prinz,

*nous dansons sur un volcan,*

*wir tanzen auf einem Vulcan'."*

"Nous ~marchons~ sur des volcans" wurde schon 1794 von Robespierre ~citiert~ (s. H. Taine: "Les origines de la France contemporaire", II "La revolution", T. III, p. 193, Paris 1885).--

* * * * *

Als einige Tage vor der Einsetzung des Juli-Königtums (1830) die Frage erhoben wurde, ob der neue König den Namen "Philipp der Siebente" annehmen sollte, erklärte *Dupin* der Ältere (1783-1865): "Der Herzog von Orleans sei auf den Thron berufen worden,

*nicht weil, sondern obgleich*

non parce que, mais quoique

er ein Bourbon sei".--

* * * * *

Der ~Herzog von Orléans~, der spätere König *Ludwig Philipp* (reg. 1830-1848), endigte am 31. Juli 1831 seine erste Proklamation als General-Statthalter des Königreichs mit der Phrase:

*La charte sera désormais une vérité.*

Die Verfassung wird künftighin eine Wahrheit sein.

~Dupin der Ältere~ (s. dessen Mémoiren II, p. 151) schrieb diese Proklamation nach den Ideen des Herzogs. S. Näheres in ~Roger Alexandres~ "Musée de la Conversation" 1892, S. 58.--

* * * * *

Am 16. Sept. 1831 meldete der "Moniteur" (p. 1594), der "Courrier" erzähle nach dem "Preussischen Staatsanzeiger", was sich am 15. und 16. August (nach der blutigen Einnahme Warschaus) zugetragen habe, und füge hinzu.... "L'ordre et la tranquillité sont entièrement rétablis dans la capitale" ("Ordnung und Ruhe sind in der Hauptstadt völlig wieder hergestellt"). Selbigen Tages zeigte der Minister Graf ~Sebastiani~ den Abgeordneten in Paris das Ereignis an und citierte dabei: "au moment où l'on écrivait, la tranquillité régnait à Varsovie." Darauf erschien im Journal "La Caricature" eine Zeichnung von ~Grandville~ et Eugène ~Forest~, die einen russischen Soldaten unter Leichen darstellte und die Unterschrift trug:

"*L'ordre règne à Varsovie.*"

S. R. Alexandre: "Musée de la conversation" 1892, p. 262. Nach der Abendausgabe der Nationalzeitung vom 29. Nov. 1880 hätte der russische Feldherr ~Paskiewitsch~ diese Worte am 8. Sept. 1831 dem Kaiser Nikolaus geschrieben, doch weiss J. ~Tolstoy~ "Essai sur le feldmaréchal Paskewitch", Paris 1835, nichts davon.--

* * * * *

~Victor~ *Cousin* (1792-1867) soll (nach Joh. ~Jacoby~ "Heinr. Simon" 2. Aufl. S. 110) gesagt haben:

*Preussen, das klassische Land der Schulen und Kasernen.*

Aber wann und wo? In seinem "Rapport sur l'état de l'instruct. publ. dans quelq. pays de l'Allem. et particul. en Prusse (Par. 1832)" steht es nicht.--

* * * * *

*Entente cordiale,*

Herzliches Einverständnis,

ein Ausdruck zur Bezeichnung des Verhältnisses zwischen England und Frankreich, datiert nach ~Littré~ aus der Adresse der französischen Deputirtenkammer von 1840 bis 1841. ~Metternich~ ("Nachgel. Papiere" Wien 1883. VII, p. 27) führte das Wort auf *Guizot* (1787-1874) zurück.--

* * * * *

*La France marche à la tête de la civilisation*

*Frankreich marschiert an der Spitze der Civilisation*

entsprang ~Guizots~ Vorlesungen über "Geschichte der Civilisation in Europa" (Paris 1845, 1. Vorlesung). Erst sagte er nur:

"Es hiesse zu weit gehen, wollte man behaupten, dass Frankreich immer und in allen Richtungen an der Spitze der Völker geschritten sei" (qu'elle est marché toujours dans toutes les directions à la tête des nations),

dann aber weiterhin:

"Geisteshelle, Geselligkeit und sympathisches Wesen sind Frankreichs Grundzüge und die seiner Civilisation; und diese Eigenschaften machten es ganz besonders geeignet, an der Spitze der europäischen Civilisation zu marschieren (à marcher à la tête de la civilisation européenne)".--