Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 32
*Cavour*s (1810-61) Grundsatz, den er noch an seinem Todestage, am 6. Juni 1861, dem Pater Giacomo aussprach, lautete:
*Libera chiesa in libero stato*
*Freie Kirche im freien Staat.*
(s.v. ~Treitschke~: "Cavour", Heidelb. 1869 und in "Hist. u. polit. Aufs." 4. Aufl., 2. Bd. Lpz. 1871, S. 244; ferner ~Fumagalli~.)
~Montalembert~ äussert dasselbe in der Vorrede zu seinen Werken (Paris 1860, I, S. XI) also: "mit einem Worte, ~die freie Kirche in einer freien Nation~ ist das Programm gewesen, das mich zu meinen ersten Anstrengungen angefeuert hat u.s.w."--
*Cri de douleur*
*Schmerzensschrei*
ist ein geflügeltes Wort durch ~Cavour~ geworden, der es 1856 auf dem Friedenskongress in Paris anwendete, als er daselbst Beschwerde über den Druck erhob, den Österreich auf Italien ausübte. Auch sagte ~Victor Emanuel~ in der Thronrede von 1859:
"Den Verträgen treu, bin ich doch nicht taub gegen den Schmerzensschrei, der aus allen Teilen Italiens zu mir dringt".--
Spanien.
König *Ferdinand V.* (1479-1516) von Spanien verlieh (nach Bandini: "Leb. d. Amerigo Vespucci". III. Abschn.) dem ~Columbus~ i. J. 1493 den Wappenspruch:
"Por Castilla y por Leon Nuebo mundo alló Colon".
(Für Castilien und Leon fand Columbus eine neue Welt.) Es scheint, als tauche hier zum ersten Male das Wort
*Neue Welt*
auf, welches dann (vrgl. Kap. III: "Amerika") namenhafte Bedeutung erlangte.--
* * * * *
*Krieg bis aufs Messer*
antwortete der spanische Feldherr Don José de *Palafox* (1780-1847) bei der Belagerung von Saragossa 1808 auf die Aufforderung der Franzosen zur Übergabe.--
Polen.
*Der König herrscht, aber er regiert nicht*
ist in der lateinischen Form:
*Rex regnat, sed non gubernat*
von Jan *Zamoiski* († 1605) im polnischen Reichstage gesagt worden. Später schrieb ~Hénault~ ("Mémoires", S. 161) von Madame des Ursins: "Elle gouvernait, mais elle ne régnait pas"; aber am bekanntesten wurde das Wort durch ~Thiers~, der in den ersten Nummern der von ihm mit Armand ~Carrel~ und dem Buchhändler ~Sautelet~ gegründeten, zum ersten Male 1. Juli 1830 erschienenen Zeitung "Le National" den Satz verfocht:
*Le roi règne et ne gouverne pas.--*
* * * * *
*Finis Poloniae!*
Das Ende Polens!
wurde dem polnischen Feldherrn Thaddäus ~Kosciuszko~ (1746-1817) in No. 24 der amtlichen "Südpreussischen Zeitung" vom 25. Oktober 1794 in den Mund gelegt. ~Kosciuszko~ sei in der Schlacht bei Maciejowice am 10. Okt. 1794 auf der Flucht in einem Sandhügel stecken geblieben; dort hätten ihm die Kosaken das Pferd unter dem Leibe erschossen und ihn, als er herabsprang, am Hinterkopf verwundet. Auf vier Stangen sei er darauf in das Lager gebracht worden, wo er seinen Säbel abgeliefert und dabei gerufen hätte: "Finis regni Poloniae". In einem vom 12. Nov. 1803 datierten Briefe an Louis Philippe ~Ségur~, der diesen Ruf in sein "Tableau historique et politique de l'Europe de 1786-96, contenant l'histoire de Frédéric Guillaume II, Paris 1800" aufgenommen hatte, leugnet ~Kosciuszko~ ihn ab.
Dieser Brief, der sich in der Urkundensammlung der Familie ~Ségur~ befindet, ist in ~Amédée Renées~ Übersetzung von ~Cesare Cantùs~ "Historia de cento anni" (B. 1, S. 419) abgedruckt und von ~Karl Blind~ in der "Gartenlaube" von 1868, No. 27 und später in der "Gegenwart" vom 11. Aug. 1877 nach einer von Ch. Ed. ~Chojezki~ mitgeteilten französischen Urschrift übersetzt.
Die Polen antworteten auf den untergeschobenen Weheruf mit dem Dombrowski-Marsche eines unbekannten Verfassers:
Jeszcze Polska nie zginȩla etc.
dessen Übersetzung:
*Noch ist Polen nicht verloren*
selbst für uns Deutsche ein Alltagswort geworden ist. Dieser Marsch wurde zuerst von der polnischen Legion gesungen, welche ~Dombrowski~ 1796 unter ~Bonaparte~ in Italien sammelte. ("Vorlesungen über slawische Litteratur und Zustände" von ~Adam Mickiewiecz~. Deutsche Ausgabe Leipzig 1843, T. II, S. 258, 269, 324.)--
Frankreich.
Da nach ~Prosper Mérimée~ ("Chronique du règne de Charles IX", 1829, Vorr. S. 7) *Ludwig XI.* (1461-83) "Diviser pour régner" sagte, so mag auf diesen zurückzuführen sein:
*Divide et impera!*
Entzweie und gebiete!
Heinrich ~Heine~ freilich führte es weiter zurück, indem er aus Paris am 12. Jan. 1842 schrieb: "König Philipp hat die Maxime seines macedonischen Namensgenossen, das 'Trenne und Herrsche!' bis zum schädlichsten Übermass ausgeübt" (Ges. W. X, 38).--
* * * * *
*Tel est notre bon plaisir*
Dies ist unser gnädiger Wille
steht zuerst in der Form: "Tel est notre plaisir", in einer Ordonnanz König *Karl*s *VIII.* (1470-98) von Frankreich vom 12. März 1497. (Collection des Ordonnances des Rois.) Das "bon" findet sich in keiner Verfügung der Könige Frankreichs, und der Satz bedeutet nichts Anderes, als "Placet".--
* * * * *
*Chevalier sans peur et sans reproche*
*Ritter ohne Furcht und Tadel*
ist der Beiname des heldenmütigen ~Bayard~ († 1524). So wird er genannt im Titel des sehr seltenen, auf der Bibliothèque nationale zu Paris unter "I. n'27 1200 Réserve" in den Katalog eingetragenen Buches: "La tresioyeuse plaisante et recreative hystoire composée par le loyal serviteur des faiz gestes triumphes et prouesses du bon ~chevalier sans paour et sans reprouche~, le gentil seigneur de Bayart" etc. 1527. (Es giebt auch eine Ausgabe von 1525.) Das Beiwort kommt unverändert unzählige Male in dem Buche vor. Nach La Croix du Maine schrieb Bouchet: "Panégyrique du Chevalier sans reproche, messire Louys de la Trimouille" (Poitiers, chez Jaques Bouchet, 1527). De la Trimouille fiel in der Schlacht bei Pavia (1525).--
* * * * *
*Franz I.* (1494-1547) lassen die meisten historischen Darstellungen nach seiner Besiegung und Gefangennahme in der Schlacht bei Pavia (1525) mit einem Briefe an seine Mutter auftreten, dessen Kürze sie gewöhnlich ausdrücklich hervorheben.
*Tout est perdu, fors* (_modern: hors_) *l'honneur!*
*Alles ist verloren, nur die Ehre nicht!*
soll Alles gewesen sein, was in diesem Muster von Lakonismus gestanden habe. Jedoch ist dieser von ~Dulaure~ aufgefundene und in dessen "Geschichte von Paris" (1837, B. 3, S. 209) abgedruckte Brief länger und lautet:
"Madam! Sie zu benachrichtigen, welches der Ausgang meines Unglücks ist, so ist mir vor allen Dingen nur die Ehre und das gerettete Leben geblieben (de toutes choses ne m'est demouré que l'honneur et la vie qui est sauve), und weil diese Nachricht Ihnen in unserem Missgeschick einigen Trost bereiten wird, habe ich gebeten, dass man mich diesen Brief schreiben lasse, was man mir gefällig bewilligt hat" u.s.w.--
* * * * *
*Le quart d'heure de Rabelais,*
"die Viertelstunde des Rabelais" (das heisst: "die letzte Viertelstunde im Wirtshause, in welcher man seine Zeche zu bezahlen hat") ist auf eine Anekdote aus dem Leben des ~Rabelais~ zurückzuführen, die sich in einer 50 oder 60 Jahre nach dessen Tode von dem Priester und Rechtslicentiaten ~Antoine le Roy~ in Meudon zusammengestellten Foliohandschrift "Elogio Rabelaesina"[70] findet. Aus Rom zurückberufen, war ~Rabelais~ im Gasthause zu Lyon in Geldverlegenheit. Da lässt er die Ärzte der Stadt benachrichtigen, dass ein ausgezeichneter Doktor von weiten Reisen heimgekehrt sei und ihnen seine Beobachtungen mitzuteilen wünsche. Sie erscheinen. Er behandelt, verkleidet und mit verstellter Stimme, die schwierigsten Fragen der Heilkunst. Plötzlich nimmt er eine geheimnisvolle Miene an, schliesst die Thüren und spricht: "Hier habe ich ein feines Gift aus Italien mitgebracht, um Euch vom König und seinen Kindern zu befreien". (Dies wäre denn die ~Viertelstunde~ gewesen, welche Rabelais benutzte, um sich aus Geldverlegenheit zu retten.) Sofort verlassen ihn Alle; nach wenigen Augenblicken wird er festgenommen, mit Bedeckung nach Paris gebracht und vor den König geführt. ~Rabelais~ erscheint, ohne noch länger Geberde und Stimme zu verstellen. ~Franz I.~ lächelt, entlässt huldvoll die bestürzten Lyonnaiser und behält ~Rabelais~ zum Abendessen bei sich.--
[Fußnote 70: No. 8704 der Pariser Nationalbibliothek.]
* * * * *
*Heinrich IV.* von Frankreich (reg. 1589-1610) hat (nach den der "Geschichte Heinrichs des Grossen", 1681, von ~Hardouin de Péréfixe~ angehängten "Denkwürdigen Worten") einst zum Herzog von Savoyen gesagt: "-- wenn Gott mir noch Leben schenkt, so will ich es so weit bringen, dass es keinen Bauer in meinem Königreiche giebt, der nicht im Stande sei, ein Huhn in seinem Topfe zu haben". Das wurde dann erweitert zu:
*Je veux que le dimanche chaque paysan ait sa poula au pot.*
*Ich wünsche, dass Sonntags jeder Bauer sein Huhn im Topfe hat.*
Als ~Heinrich IV.~, so wird erzählt,[71] von seinem Beichtvater wegen seiner vielen Liebschaften getadelt ward, liess er ihm Tage lang Rebhühner auftragen, bis er sich beschwerte, dass er
*toujours perdrix*
essen müsse. Der König erwiderte, dass er ihm die Notwendigkeit der Abwechselung habe einleuchtend machen wollen. Doch erwähnt kein französisches Wörterbuch diesen Ausspruch. Dass er, obgleich in keinem spanischen Wörterbuche befindlich, auch in Spanien bekannt ist, ergiebt sich aus dem Bänkelsängerliede "Curiosa Relacion Poetica, En Coplas Castellanas del verdadero aspecto del mundo y estado de las mujeres" (Barcelona 1837), worin es heisst:
como dice el adagio
Que cansa de comer perdices
(d.h. wie das Sprichwort sagt, dass man es müde wird, Rebhühner zu essen).--
[Fußnote 71: Eine Ermittelung der Quelle wäre hier sehr erwünscht.]
* * * * *
*Petit-maîtres*
Herrchen
nannte man während der Zeit der Fronde (1648-53) eine politische Partei, an deren Spitze der grosse ~Condé~, dessen Bruder ~Conti~ und der Herzog ~von Longueville~ standen, weil sie die Herren (les maîtres) des Staats sein wollten. Voltaire, der dies ("Louis XIV" ch. 3) berichtet, fügt hinzu: "Man giebt jenen Namen heutzutage anmassenden und schlechterzogenen jungen Leuten". Heute versteht man darunter so viel wie "Stutzer".
Nach den Mémoiren der Mdme de Motteville (Amst. 1739: I p. 407) nannte man die jungen vornehmen Waffengefährten und Günstlinge des Condé, mit denen er in dem Salon der Königin Anne d'Autriche zu erscheinen liebte, deswegen "petits-Maîtres", weil er selbst der Herr des Staates zu sein schien.--
* * * * *
Das Wort *Ludwig*s *XIV.* (reg. 1643-1715):
*L'État c'est moi,*
Der Staat bin ich,
ist unverbürgt und jedenfalls nicht im April 1655 vor dem Parlamente gesagt worden, wie erzählt wird. ~Chéruel~ (1855, "Administration monarchique en France", B. II, S. 32-34) sagt:
"Hierher versetzt man nach einer verdächtigen Tradition die Erzählung von der Erscheinung Louis' XIV. im Parlament, im Jagdrock, eine Peitsche in der Hand, und hierhin verlegt man die berüchtigte Antwort auf die Bemerkung des ersten Präsidenten, der das Interesse des Staates hervorhob: 'Ich bin der Staat'. Statt dieser dramatischen Scene zeigen uns die zuverlässigsten Dokumente den König, wie er allerdings dem Parlament Schweigen gebietet, aber ohne einen unverschämten Hochmut zur Schau zu tragen".
Ein handschriftliches Journal, das ~Chéruel~ erwähnt, schliesst die Erzählung der Scene im Parlament also:
"Nachdem Seine Majestät sich schnell erhoben hatten, ohne dass irgend Jemand in der Versammlung ein einziges Wort gesagt, kehrten Sie nach dem Louvre und von da nach dem Walde von Vincennes zurück, woher Sie am Morgen gekommen waren und wo Sie vom Herrn Kardinal erwartet wurden".
Hierzu fügt Edouard ~Fournier~ ("l'Esprit dans l'histoire", 3. Auflage, S. 271):
"Also Mazarin erwartet den König, um von ihm zu erfahren, wie Alles abgelaufen ist, und namentlich um zu hören, wie der junge Fürst seine gewiss vom Kardinal selbst angefertigte Lektion aufgesagt hat; und in diese vom Kardinal eingegebene Lektion, von der der Schüler nicht mit einem Worte abweichen durfte, sollte sich eine für die Macht des alten Ministers wenigstens ebenso beunruhigende, wie für das Ansehen des Parlaments drohende Phrase, wie 'Ich bin der Staat' plötzlich eingeschlichen haben? Das ist unmöglich. Der Staat war noch nicht Ludwig XIV.; er war noch immer Mazarin".
~Dulaure~ ("Histoire de Paris", 1853, S. 387) behauptet freilich:
"Er unterbrach einen Richter, der in einer Rede die Worte 'der König und der Staat' gebrauchte, indem er mit Hoheit ausrief: 'L'État c'est moi'".
Ludwig XIV. hätte damit allerdings nur ausgesprochen, was seine Höflinge empfanden. Sein Bewunderer und Günstling, der Bischof ~Bossuet~, schrieb (Oeuvres XXIII, p. 643; Par. 1864) vom Fürsten: "tout l'état est en lui" und verglich ihn mit Gott. Nach der "Revue britannique" (Mai 1851, S. 254) wäre aber Königin Elisabeth von England Urheberin des Wortes.--
* * * * *
*Tant de bruit pour une omelette* (_au lard_)!
So viel Lärm um einen Eierkuchen (mit Speck)!
führen französische Schriftsteller auf den Dichter *Desbarreaux* († 1675) zurück. Dieser bestellte während eines Ungewitters an einem Freitag, also einem Fasttage, im Wirtshause einen Eierkuchen mit Speck. Als der fromme Wirt dies Gericht widerstrebend auftrug, erfolgte ein heftiger Donnerschlag, so dass der Ärmste vor Entsetzen in die Kniee sank. Da ergriff Desbarreaux seinen Eierkuchen und warf ihn zur Beruhigung des Mannes mit jenen Worten aus dem Fenster ("Oeuvres de Voltaire", édit. Beuchot, tom. 43, p. 511).--
* * * * *
Der Herzog *von Montausier* (1610-90) von Ludwig XIV. 1668 zum Gouverneur des Dauphin ernannt, lies durch ~Bossuet~ und ~Huet~ Ausgaben der alten Klassiker
*in usum delphini*
zum Gebrauch für den Dauphin
besorgen, worin die anstössigen Stellen aus dem Texte weggelassen und erst am Schlusse zusammengestellt sind. Seitdem wendet man diesen Ausdruck auf alle aus Sittlichkeitsgründen verstümmelte Schriften an.--
* * * * *
Aus der Zeit seiner Regentschaft (1715-23) stammt des Herzogs *Philipp von Orléans* Wort
*Roué*
Geräderter, Galgenschwengel,
womit dieser Fürst die lichtscheuen Genossen seiner Gelage zu bezeichnen liebte (s. "Mémoir. compl. et authent. du duc de ~Saint-Simon~". Nouv. édit. 40 voll. Par. 1843. Tome XXIII, p. 20, Tome XXV, 61). Heute wird es gebraucht wie "vornehmer Wüstling".--
* * * * *
Der Grosskaufmann und Handelsintendant Jean Claude Marie *Vincent*, Seigneur *de Gournay* (1712-59) sprach in einer Versammlung von Physiokraten, vermutlich im September d. J. 1758, das zur Parole der Freihandelsschule gewordene Wort:
*Laissez faire, laissez passer!*
Gewerbefreiheit! Handelsfreiheit!
"Laissez-nous faire!" hatte aber schon ein Grosskaufmann Legendre, wahrscheinlich François Legendre, der Verfasser eines damals verbreiteten Rechenbuches, in einer von Colbert vermutlich im Jahre 1680 berufenen Versammlung von Kaufleuten gesagt.--
Aus ~Vincent de Gournays~ Munde stammt auch (nach Baron Grimms "Correspondance", Juli 1764) das Wort:
*Bureaukratie.*
(vrgl. A. Oncken in "Berners Beiträgen zur Geschichte der Nationalökonomie" No. 2. S. 1-131: "Die Maxime 'Laissez faire et laissez passer', ihr Ursprung, ihr Werden. Ein Beitrag zur Geschichte der Freihandelslehre." Bern, 1886).--
* * * * *
*Il n'y a que le premier pas qui coûte*,
Es kommt nur auf den ersten Schritt an,
erklärt uns ~Gibbon~ ("History of the decline" u.s.w. 1776-88, VII, cap. 39, Anm. 100) mit den Worten:
"Der katholische Märtyrer hatte sein Haupt eine beträchtliche Strecke entlang in seinen Händen getragen; doch machte einmal bei einer ähnlichen Erzählung eine Dame meiner Bekanntschaft die Bemerkung: la distance n'y fait rien, il n'y a que le premier pas qui coûte". Schon ~Condillac~ bringt ("Cours d'études", "Art d'écrire" II, 10, Parma 1775) diese Geschichte, spricht aber ganz allgemein von einer "femme d'esprit", und auch ~Louvet de Couvrays~ "Faublas" (1787) giebt in der Vorrede an: "Une femme d'esprit dit: il n'y a que le premier pas qui coûte". ~Littré~ teilt unter "pas" die Condillacsche Geschichte mit. ~Quitard~ hingegen berichtet im "Dictionnaire des proverbes", Frau *du Deffand* (1697-1780) habe es zum Kardinal Polignac gesagt, als dieser die Länge des Weges betonte, den der auf dem Montmartre enthauptete heilige Dionysius bis nach Saint-Denis mit seinem Haupte in den Händen zurücklegte; und allerdings rührt es von ihr her, denn sie selbst nennt sich in einem Briefe vom 7. Juli 1763 an d'Alembert als Verfasserin des Wortes.
vrgl. "Trois Mois à la Cour de Frédéric." Lettres inédites de d'Alembert publiées et annotées par Gaston Maugras. Paris, 1886. p. 28.--
* * * * *
Der Zeit Ludwigs XV. (reg. 1723-74) gehört (nach ~Hénault~ "Mémoires", S. 4) ein Wort des damals mit der Bewachung des Buchhandels betrauten Grafen *d'Argental* an. Er hatte den Litteraten Abbé ~Desfontaines~ vor sich laden lassen, um ihm einen Verweis wegen des Missbrauchs seiner Feder zu erteilen. Als Desfontaines sich folgendermassen entschuldigte: "Aber ich muss doch leben, Excellenz", antwortete d'Argental:
*Je n'en vois pas la nécessité.*
Ich sehe nicht ein, dass das nötig ist.
~Voltaire~ erzählt dasselbe in einem Briefe vom 23. Dez. 1760 an den Marchese ~Albergati Capacelli~ in Bologna; doch nennt er nicht d'Argental, sondern spricht nur von einem Staatsminister.--L. F. ~Huber~ begann eine Recension in der Jenaer allgemeinen Litteraturzeitung: "Monseigneur, ich muss ja doch leben, sagte ein Pasquillant zum Polizeilieutenant *Sartine*, der ihm sehr aristokratisch antwortete, dass er die Notwendigkeit dessen nicht einsähe". (L. F. Hubers sämtliche Werke seit dem Jahre 1802. 2. T. S. 151.) Jean Jacques ~Rousseau~ ("Emile", Buch 3, 1761) lässt "einen Minister" das Wort zu "einem unglücklichen satirischen Schriftsteller" sagen. Nach dem "Commentaire historique sur les oeuvres de lauteur de la Henriade" (1776, in ~Voltaires~ "Oeuvres complètes", Gothaer Ausg., Bd. 48, S. 99) hörte ~Desfontaines~ (1685-1745) dies Wort von *d'Argenson* (1652-1721), dem Chef der Pariser Polizei. ~Schiller~ notierte im Entwurfe zu einem Trauerspiele "Die Polizei": 'Die bekannte Replik: Ich muss aber ja doch leben, sagt der Schriftsteller--Das seh' ich nicht ein, antwortet Argenson'. (Schillers Werke, Historisch-kritische Ausg. von Karl Goedeke, 1. Bd. S. 262.)--
* * * * *
Die Inschrift des Berliner Invalidenhauses v. J. 1748
*Laeso et invicto militi*
Dem verwundeten, doch unbesiegten Krieger
soll vom Marquis *d'Argens* (1704-71) herrühren (s. ~König~: "Vers. ein. hist. Schild. der Residenz Berlin", T. 5, Bd. 1, S. 100, Berlin 1798; und Gallus: "Gesch. d. Mark Brandenb." B. 6, S. 130. Züllich. u. Freyst. 1805). Camille ~Paganet~ ("Hist. de Fréd. le Gr.", Vol. 1, Livr. 2, p. 416. Par. 1830) giebt jedoch *Maupertuis* (1698-1759) als Verfasser an.--
* * * * *
*Après nous le déluge!*
Nach uns die Sündflut!
(d.h. "wir leben frech und flott darauf los, nach uns geschehe, was da will!") soll die Marquise von *Pompadour* (1720-64) gesagt haben (s. "Mém. de Mdme. du Hausset". 1824: "Essai sur la marq. de Pomp." S. 19 u. Mlle. Fel in "Le Reliquaire de M. Q. de la Tour" par Ch. Desmaze. Par. 1874, S. 62). Benutzt ist wohl das Wort eines unbekannten griechischen Dichters
ἐμοῦ θανόντος γαῖα μιχθήτω πυρί
Nach meinem Tode geh' die Welt in Flammen auf,
welches ~Cicero~ ("de fin." 3, 19, 64), ~Seneca~ ("de clem." 2, 2, 2) und ~Stobaeus~ ("Ecl." 2, 6, 7) citieren. ~Tiberius~ soll es (nach ~Cassius Dio~, 48, 23) mit Vorliebe gebraucht haben und ~Nero~ sprach, als es einst in seiner Gegenwart angeführt wurde: "Vielmehr schon während ich lebe" und steckte Rom in Brand (s. ~Sueton~ "Nero" 38 u. ~Zonaras~ 11, 3).--
* * * * *
Nach ~Fournier~ ("Paris démoli", Einleit. p. 39) entstand das Wort
*Restaurant*
für Speisehaus 1765 in Paris dadurch, dass ein gewisser *Boulanger* über die Thür seines Speisehauses, mit Verhunzung der Stelle, Matth. 11, 28 setzte: "Venite ad me omnes, qui stomacho laboratis, et ego vos restaurabo". (Kommt her zu mir Alle, die ihr am Magen leidet, und ich will euch erquicken.)--
* * * * *
*Mystificieren, Mystification*
stammt von dem im 18. Jahrhundert entstandenen
mystifier,
wovon:
mystification und mystificateur
abgeleitet worden sind, Worte, die erst 1835 in das Wörterbuch der französischen Akademie aufgenommen wurden. "Mystifier" wurde für den bis zur Narrheit eitlen und leichtgläubigen Dichter ~Poinsinet~ († 1769) von seinen Bekannten erfunden, die sich die wunderlichsten Scherze mit ihm erlaubten, ihm z.B. vorschlugen, sich das Amt des Ofenschirms beim Könige zu kaufen, und ihn bewogen, sich zu diesem Zwecke wochenlang die Schenkel zu rösten, um sich an die Kaminhitze zu gewöhnen (s. ~Littré~; ~Grimms~ Korrespondenz, 15. Sept. 1764; Jean ~Monets~ Memoiren, Bd. 2).--
* * * * *
*Le silence du peuple est la leçon des rois*
Das Schweigen des Volkes ist eine Lehre für die Könige
ist aus der am 27. Juli 1774 zu St. Denis für Ludwig XV. gehaltenen Leichenrede des Abbé *de Beauvais*, Bischofs von Senez († 1790), hergestellt, in welcher es heisst: "Le peuple n'a pas sans doute le droit de murmurer, mais sans doute aussi il a le droit de se taire, ~et son silence est la leçon des rois~". (Sermons panégyriques et oraisons funèbres de l'abbé de Beauvais, Paris 1807, 1 vol., p. 243.)
~Mirabeau~ wendete das Wort am 15. Juli 1789, dem Tage nach dem Falle der Bastille, in der Nationalversammlung also an: "Le silence des peuples est la leçon des rois".--
* * * * *
Die erste Sammelausgabe der Werke *Chamfort*s (1746-94) ist von Ginguéné im Jahre 3 besorgt. Der 1. Bd. enthält eine "Notiz über das Leben ~Chamforts~", in welcher es (S. 58) von ihm heisst: "Der Mann, der unseren in feindliche Länder ziehenden Soldaten als Devise vorgeschlagen hatte:
*Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières!*"
*Krieg den Palästen! Friede den Hütten!*
Im Protokoll der Konventsitzung vom 2. Pluviôse im Jahre 2 wird über die Feier des Jahrestags des 21. Januar berichtet: "Die Jakobiner begaben sich darauf nach dem Platz der Revolution an den Fuss der Bildsäule der Freiheit, um dort den Schwur zu leisten: Tod den Tyrannen, Friede den Hütten!"--
~Chamfort~ "Caractères et Anecdotes" (Oeuvres choisies, éd. A. Houssaye, p. 80) giebt unbestimmt einen geistreichen Mann als den Erfinder des Wortes an:
*La France est une monarchie absolue, tempérée par des chansons.*
Frankreich ist eine absolute, durch Gassenhauer gemässigte Monarchie.
* * * * *
Nach der Ermordung Pauls, Kaisers von Russland, im Jahre 1801 sagte ein russischer Grosser zu Graf Münster, dem hannöverschen Gesandten:
*Le despotisme, tempéré par l'assassinat, c'est notre Magna charta.*
Der durch Meuchelmord gemässigte Despotismus ist unsere Verfassung.
Von ~Lanfrey~ ("Histoire de Napoléon I.", Tom. 2, Kap. 6 gegen Ende) wird als geistreiches Wort ~Talleyrands~ bei dieser Gelegenheit angeführt: "L'assassinat est le mode de déstitution usité en Russie". "Der Meuchelmord ist der in Russland übliche Modus der Thronentsetzung."--
* * * * *
Nach ~Barrau~ ("Histoire de la révolution", 2. Ausg., S. 134) hätte Abbé *Maury* (Mitgl. d. Constit. 1789-91) in der Constituante, unterbrochen von lärmenden Kerlen auf der Tribüne, mit dem Ausrufe: "Monsieur le Président, faites taire ces sansculottes" den Ausdruck:
*sans-culottes*