Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 29
Wenn Gracchen über Aufruhr klagen?"--
2, 63:
*Dat veniam corvis, vexat censura columbas!*
Alles verzeihen die Krittler den Raben und peinigen die Tauben;
(d.h.: die Sittenrichter sind milde gegen die Männer und streng gegen die Frauen).
4, 91 steht:
*Vitam impendere vero;*
Sein Leben dem Wahren weihen,
(J. J. ~Rousseaus~ Wahlspruch);
6, 223 höhnt ein herrisches Weib ihren Mann, der sich sträubt, einen Sklaven ohne Schuldbeweis zu kreuzigen, dass er einen Sklaven für einen Menschen halte, und schliesst kategorisch:
*Hoc volo, sic iubeo; sit pro ratione voluntas;*
Ich will's: also befehl' ich's: statt Grundes genüge der Wille
(oft wird "Sic volo" etc. citiert; so von ~Luther~ 31, S. 150).--
6, 242 und 243:
"Nulla fere causa est, in qua non femina litem Moverit"
"Kaum giebt's einen Prozess, wo den Streit nicht hätte begonnen Irgend ein Weib"
scheint die Grundlage manches Wortes zu sein. So heisst es in ~Richardsons~ Romane "Sir Charles Grandison" (1753) 1, Brief 24: "Such a plot must have a woman in it" (hinter solchem Anschlage muss eine Frau stecken); und es wird häufig citiert:
"*Cherchez la femme*" _oder_ "*Où est la femme?*"
~Juvenal~ 7, 154 lesen wir von den Lehrern, die den Schülern bis zur Erschlaffung immer wieder dieselbe Geistesspeise auftischen müssen:
_Occidit miseros_ *crambe repetita* _magistros_.
_Immer wieder_ *aufgewärmter Kohl* _tötet die armen Schullehrer_.
Hiernach entstand der Ausdruck
*Kohl*
für "langweiliges Geschwätz" (~Weigand~ nahm dies in der 1. Aufl. d. "Wörterbuches" an, während er in der 2. Aufl. das Wort aus der Gaunersprache herleitet. ~Grimms~ "Deutsch. Wörterb." hält aber die Beziehung auf Iuvenal aufrecht).
Das Wort des ~Juvenal~ enthält eine Anspielung anf das griechische Sprichwort "δὶς κράμβη θάνατος", "zweimal hintereinander Kohl ist der Tod" (vrgl. ~Basilius Magnus~, † 379, vol. 3, epist. 186 u. 187, ed. Hemsterhuys, und ~Suidas~ unter "κράμβη"). Jedoch in Deutschland drang diese Anschauung nicht durch. So singt z.B. Wilhelm Busch in "Max und Moritz" von dem Kohl der Witwe Bolte:
"Wofür sie besonders schwärmt,
Wenn er wieder aufgewärmt".--
~Juvenal~ 7, 202 liefert uns:
"Corvus albus",
*Ein weisser Rabe,*
als Bezeichnung für einen Ausnahmemenschen.-- 8, 83-84 heisst es:
"Summum crede nefas, animam praeferre pudori Et propter vitam vivendi perdere causas".
"Als grösste Sünde gelt' es dir, Der Ehre vorzuzieh'n das Leben Und um das liebe Leben hier Des Daseins Ziele aufzugeben!"
Hieraus wird citiert, es sei verwerflich:
*propter vitam vivendi perdere causas,*
und daraus dann die Warnung gemacht:
*Non propter vitam vivendi perdere causas!--*
10, 81 bietet als das Verlangen des römischen Volkes:
*Panem et circenses;*
Brot und Circusspiele;
10, 356:
*Mens sana in corpore sano;*
Gesunde Seele in gesundem Körper;
14, 47:
*Maxima debetur puero reverentia.*
Die höchste Scheu sind wir dem (zu erziehenden) Knaben schuldig.--
* * * * *
*Tacitus* (52-117 n. Chr.) nimmt sich in den unter Trajan geschriebenen "Annalen" I, 1 vor,
*sine ira et studio*
Keinem zu Lieb' und keinem zu Leid
(eigentlich: "ohne Zorn und ohne Vorliebe", d.h. "ohne Parteilichkeit", "vorurteilsfrei") zu schreiben, wobei ihm der ~Sallust~ische Satz (51, 13) vorschweben mochte: "in maxuma fortuna minuma licentia est; neque studere, neque odisse, sed minume irasci decet" ("In der höchsten Glückslage liegt die geringste Freiheit; man soll da weder Vorliebe, noch Hass zeigen, am allerwenigsten aber Zorn").-- "Annalen" 1, 7 steht:
*ruere in servitium,*
sie stürzen sich in die Knechtschaft.--
*Durch seine Abwesenheit glänzen*
ist ein Taciteïscher Edelstein in Chénierscher Fassung. ~Tacitus~ erzählt ("Annalen", B. 3, letztes Kap.), dass, als unter der Regierung des Tiberius Iunia, die Frau des Cassius und Schwester des Brutus, starb, sie mit allen Ehren bestattet ward; nach römischer Sitte wurden dem Leichenzuge die Bilder der Vorfahren vorangetragen;
"aber Cassius und Brutus leuchteten gerade dadurch hervor, dass man ihre Bildnisse ~nicht~ sah";
"~sed praefulgebant~ Cassius atque Brutus, eo ipso, ~quod~ effigies eorum ~non visebantur~".
Daraus machte J. ~Chénier~ in der Tragödie "Tibère", 1, 1:
Cnéius: Devant l'urne funèbre on portait ses aïeux: Entre tous les héros qui, présents à nos yeux, Provoquaient la douleur et la reconnaissance, Brutus et Cassius *brillaient par leur absence.*
(Dem Aschenkruge voraus trug man die Bildnisse ihrer Vorfahren. Unter allen den Helden, die unsern Schmerz und unsere Dankbarkeit weckten, glänzten Brutus und Cassius durch ihre Abwesenheit.)--
* * * * *
Der jüngere *Plinius* (62-113 n. Chr.) teilt uns in Ep. VII, 9 mit: Aiunt multum legendum esse, non multa.
*multum, non multa,*
Vieles, nicht vielerlei,
hat hierin seinen Ursprung, ebenso wie
*non multa, sed multum.*
Plinius meint wahrscheinlich die Stelle im ~Quintilian~ X, 1, 59: "multa magis quam multorum lectione formanda mens" ("der Geist ist mehr durch viele als durch vielerlei Lektüre zu bilden"), vrgl. auch "schrecklich viel gelesen haben".--
Ep. VIII, 9 bietet "~illud iners quidem, iucundum tamen nil agere~" ("das zwar unerspriessliche, aber angenehme Nichtsthun"), was wir in italienischer Form also citieren:
*il dolce far niente.*
Das süsse Nichtsthun.
Übrigens sagte bereits ~Cicero~ ("de oratore" II, 24): "Nihil agere ... delectat", "Nichts thun ist angenehm": und wer weiss, wie Viele schon vor ihm diese Bemerkung machten?--
* * * * *
*Tres faciunt collegium,*
Drei machen ein Kollegium aus,
ist ein "Digesten" 87, "de verborum significatione" 50, 16 in der Form: "*Neratius Priscus* tres facere existimat collegium--" (Neratius Priscus meint, dass drei ein Kollegium ausmachen) vorkommender Rechtsspruch, welcher die Bedeutung hat, dass wenigstens drei Personen da sein müssen, um die Grundlage einer Art der juristischen Person, einen Verein zu bilden. (Priscus lebte um 100 n. Chr.) Im gewöhnlichen Leben besagt der Spruch, dass wenigstens drei Studenten im Auditorium sein müssen, wenn der Professor lesen soll, oder dass ein Trinkgelage zu Dreien bereits behaglich ist.--
*Ultra posse nemo obligatur*
Über sein Können hinaus ist Niemand verpflichtet
ist die Umformung des Rechtssatzes vom ~jüngeren~ *Celsus* (um 100 n. Chr.): Impossibilium nulla obligatio est (s. "Digesten" Lib. 50, Tit, 17, L. 185).--
* * * * *
*Klassischer Schriftsteller*
stammt aus dem Satz des *A. Gellius* (XIX, 8, 15 Hertz; bl. um 125-175 n. Chr.): "classicus adsiduusque scriptor, non proletarius". Nach sonstigem Sprachgebrauche würde dies geheissen haben: "ein zur ersten Vermögensklasse gehörender und zur höchsten Steuer verpflichteter Schriftsteller, kein Proletarier", hier aber steht es zum ersten Male in der übertragenen Bedeutung: "ein vornehmer Autor ersten Ranges, kein untergeordneter" d.h. "ein mustergültiger Schriftsteller" (vergl. ~Verrius Flaccus~: "Klassischer Zeuge").--
* * * * *
Aus dem Satze des *Tertullian* (um 145-220 n. Chr.) "Über das Fleisch Christi" 5: "Und gestorben ist Gottes Sohn; es ist ganz glaubwürdig, weil es ungereimt ist. Und begraben, ist er auferstanden; es ist gewiss, weil es unmöglich ist", hat sich entwickelt:
*Credo, quia absurdum.*
Ich glaube es, weil es widersinnig ist.
Diese Worte stehen ~nicht~ bei Augustinus, wie oft behauptet wird.--
* * * * *
*Ulpian* (um 170-228) schuf den Rechtssatz (Lib. 56 ad. Edict.--Digest. XLVII, X, 1, § 5):
"Ein unseren Kindern zugefügtes Unrecht berührt unsere eigene Ehre so sehr, dass einem Vater die Klage wegen erlittenen Unrechts auf seinen Namen zusteht, wenn ihm einer den Sohn, selbst mit dessen Einwilligung, verkaufte; dem Sohn aber steht sie nicht zu, weil das kein Unrecht ist, was einem geschieht, der es so haben will" ("quia nulla est iniuria quae in volentem fiat").
Aus den Schlussworten entwickelte sich das übliche
*Volenti non fit iniuria*
(Dem, der es so haben will, geschieht kein Unrecht).--
* * * * *
In des *Terentianus Maurus* (nach ~Lachmann~ Ende des 3. Jahrh. n. Chr.) "Carmen heroicum", einem Teile seines Gedichtes "De literis, syllabis et metris", lautet Vers 258:
(_Pro captu lectoris_) *habent sua fata libelli.*
(Ganz wie der Leser sie fasst,) so haben die Büchlein ihr Schicksal.--
* * * * *
*Roma locuta* (_est_), *causa finita* (_est_)
Rom hat gesprochen, die Sache ist zu Ende
ist zurückzuführen auf *Augustinus* (354-430 n. Chr.), Sermo 131, No. 10: "Iam enim de hac causa (Pelagiana) duo concilia missa sunt ad sedem apostolicam. Inde etiam rescripta venerunt: ~causa finita est~; utinam aliquando finiatur error". ("Denn es sind schon in Sachen des Pelagius zwei Concilien zum päpstlichen Stuhle entsandt worden. Auch kamen von da die Rescripte: die Sache ist zu Ende. Wenn doch einmal der Irrtum ein Ende nähme!") Nämlich die Synoden zu Karthago und Mileve (416) untersuchten den Gnadenbegriff des Pelagius. Infolgedessen wurden Pelagius und Caelestius bis zum Widerruf exkomniuniciert. Innocenz I. bestätigte den Synodalbeschluss, welchen Augustinus mit den angeführten Worten seiner Gemeinde mitteilte. Wer aber hat zuerst die dem "Causa finita est" voranstehenden Worte in: "Roma locuta est" zusammengezogen? (Die Rescripte des Papstes vom Jahre 417 stehen bei Augustinus Epist. 181 und 182).--
* * * * *
*Si vis pacem, para bellum,*
Wenn du Frieden haben willst, sei kriegsbereit,
ist wohl den Worten des *Vegetius* (Ende 4. Jahrh. n. Chr.) entlehnt: "Qui desiderat pacem, praeparet bellum" ("Epitome institutorum rei militar." 3. prolog.)--
* * * * *
*O si tacuisses, philosophus mansisses*
Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben
erklärt sich aus des *Boëtius* (um 473-525 n. Chr.) "Tröstung der Philosophie" 2, 17:
"Als jemand einen Mann, der den falschen Namen eines Philosophen nicht zum Vorteil wahrer Tugend, sondern aus hochmütiger Eitelkeit führte, mit Schmähung angegriffen und hinzugefügt hatte, dass er bald erfahren würde, wenn jener nämlich die zugefügten Beleidigungen sanft und geduldig trüge, ob derselbe ein Philosoph sei, so trug letzterer einige Zeit lang Geduld zur Schau, und gleichsam höhnend über die erlittene Schmähung fragte er: "Merkst Du nun endlich, dass ich ein Philosoph bin?" Darauf sagte der erste recht beissend: "Intellexeram, si tacuisses" ("Ich hätt's gemerkt, wenn Du geschwiegen hättest"). Mit anderen Worten: "Du wärst ein Philosoph geblieben, wenn Du geschwiegen hättest". Ist die Bibel die erste Quelle dieses Wortes? In Hiob 13, 5 heisst es: "Wollte Gott, ihr schwieget: so würdet ihr weise"; in Sprüche Salomonis 17, 28: "Ein Narr, wenn er schwiege, würde auch weise gerechnet und verständig, wenn er das Maul hielte". Vielleicht spielt der heilige ~Bernhard~ († 1153) darauf an, wenn er in der "Praefatio in librum de diligendo Deo" sagt: "Accipite de mea paupertate quod habeo, ne tacendo philosophus puter" (Nehmt von meiner Armut an, was ich habe, damit ich nicht wegen meines Schweigens für einen Philosophen gelte).--
* * * * *
*In flagranti* (_crimine comprehensi_)
*Auf frischer That ertappt*
stammt aus dem von *Tribonian* († 545) und neun anderen Juristen 529 n. Chr. edierten "Codex Justinianeus", einem Teile des "Corpus iuris" (1. 13. C. 9, 1). Dort steht: "in ipsa rapina et adhuc flagrante crimine comprehensi."--
Ebendaher stammt (1. 27. C. 3, 28) das "levis notae macula adspergi", "mit einem kleinen Schandflecken bespritzt werden", daher wir kurz sagen
*levis nota*
ein leichter Verweis.
(vrgl. "Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts" von H. G. Heumann. 6. Aufl. 1884.)--
* * * * *
*Ut, re, mi, fa, sol, la, si,*
die italienische Benennung der Töne durch ~Guido~ von ~Arezzo~ (11. Jahrh.), bildete man aus den Anfangssilben der ersten Strophe der sapphischen Ode von *Paulus Diaconus* († 797) an den heiligen Johannes:
*Ut* _queant laxis_ *re*_sonare fibris_ *Mi*_ra gestorum_ *fa*_muli tuorum_ *Sol*_ve polluti_ *la*_bii reatum_ *S*_ancte_ *J*_ohannes!_
Dass mit leichtem Herzen die Jüngerscharen Deine Wunderthaten besingen können, Nimm hinweg die Schuld von den Sünderlippen, Heil'ger Johannes!
(Des Wohlklangs wegen setzten dann die Italiener für "ut" "do", während die Franzosen bei "ut" blieben).--
* * * * *
*Secunda Petri*
oder:
*Altera pars Petri*
wird für "Urteilsvermögen" gebraucht nach dem 2. Buche "de iudicio" ("Über das Urteil") der "Sententiarum" des *Petrus Lombardus* († 1164).--
* * * * *
Das kanonische Recht enthält im 6. Buch der "Decretalen" (B. 5, Tit. 12, Reg. 43) den Grundsatz von *Bonifacius VIII.* († 1303):
*Qui tacet, consentire videtur.*
Wer schweigt, von dem wird angenommen, dass er zustimmt.
Es erinnert an des ~Sophokles~ Worte ("Trach." 814): "οὐ κάτοισθ' ὅθ' οὕνεκα ξυνηγορεῖς σιγῶσα τῷ κατηγόρῳ;" "begreifst du nicht, dass du durch dein Schweigen dem Ankläger beipflichtest?" (vrgl. auch ~Euripides~ "Orest." 1592 "Iphig. Aul." 1142 und ~Terenz~ "Eunuch" 3, 2). ~Bonifacius~ verbessert übrigens den zu weit greifenden Satz durch den folgenden aus des ~Paulus~ lib. 56 ad Edictum (v. l. 142. D. 50, 17; l. 11 § 4. 7 D. 11, 1; l. 13 § 11 D. 19, 2) geschöpften: "Is qui tacet non fatetur, sed nec utique negare videtur" ("Wer schweigt, pflichtet nicht etwa bei, sondern scheint nur nicht schlechtweg Nein zu sagen"), vrgl. Windscheid "Pandekten" 1, § 72 u. 10.--
* * * * *
Aus der 1277 verfassten "Alexandrëis"[67] des ~Philippe~ *Gualtier* de Châtillon (5, 301) stammt:
*Incidis in Scyllam, cupiens vitare Charybdin,*
Während du wünschst, die Charybdis zu meiden, verfällst du der Scylla.
[Fußnote 67: Der Titel der ersten Ausgabe lautet: "Alexandri Magni Regis Macedonum vita per Gualtherum Episcopum Insulanum heroico carmine elegantissime scripta. 1513"; und im 5. Buch lesen wir dort:
"Incidis in scillam cupiens vitare caribdim".]
Dieser Vers ist einem griechischen Sprichworte bei ~Apostolius~ 16, 49 (Paroemiogr. Graeci ed. Leutsch II, 672) nachgebildet, das sich aus Homers "Odyssee" (XII, 85-110) entwickelte, wo die Gefahren der beiden Meeresstrudel Scylla und Charybdis zuerst geschildert werden. Auch setzt man für "Incidis" "Incidit" und dann für "cupiens" "qui vult". Homerischer als Gualtier sagen wir:
*Aus der Scylla in die Charybdis gerathen;*
denn Homer schildert die Scylla zuerst.--
* * * * *
Im Gedichte W. *Langland*s (Mitte des 14. Jahrh.) "Piers Ploughman's Vision" V. 12, 908 heisst es:
Clarior est solito post maxima nebula (sic!) Phoebus.
Glänzender scheinet, als sonst, nach mächtigen Wolken die Sonne.
Das Citat ist in dieser unrichtigen Form durch Jahrhunderte bis in ~Binders~ "Novus Thesaurus Adagiorum Latinorum" (2. Ausg., Stuttgart 1866) gewandert; berichtigt, enthält es das bekannte, schon in ~Sebast. Francks~ "Sprichwörter" (1541, II, 104'a) aufgenommene:
*Post nubila Phoebus.*
(Nach Wolken die Sonne).
Vielleicht beruht das Wort auf Tobias 3, 23: "... nach dem Ungewitter lässest du die Sonne wieder scheinen".--
* * * * *
*In dulci iubilo ...*
In süssem Jubel ...
beginnt ein Weihnachtslied, das aus einer des Mystikers ~Suso~ Leben enthaltenden Handschrift des 14. Jahrh. stammt und somit nicht, wie oft behauptet wurde, von dem 1440 gest. ~Petrus Dresdensis~ herrührt (s. Hoffmann v. Fallersleben: "In dulci jubilo" S. 8. Hannover 1854). Das Wort findet sich später in Studentenliedern und hat dort den Sinn von in "Saus und Braus".--
* * * * *
*De omni re scibili et quibusdam aliis*
Über alles Wissbare und einiges Andere
wird auf ~Giovanni~ *Pico*, Graf. *v. Mirandola* († 1494) zurückgeführt, der in Rom (1486) 900 Thesen bekannt machte, die er sich öffentlich zu verteidigen erbot. In der elften rühmt er sich, vermittelst der Zahlen zur Entdeckung und zum Verständnis von Allem zu gelangen, was man erfahren könne (ad omnis scibilis investigationem et intellectionem). Citiert wird auch:
*De omnibus rebus et quibusdam aliis.--
* * * * *
Fortiter in re, suaviter in modo*
Stark in der That, milde in der Art
ist zurückzuführen auf den vierten Jesuitengeneral *Aquaviva* (1543-1615), der in "Industriae ad curandos animae morbos" (Venedig 1606) sagt: "Dass die Art der Regierung stark und mild sein muss, lehrt nicht allein die sich gleich bleibende Autorität der heiligen Väter, sondern das lehren auch in reichem Masse unsere Satzungen", und nach weitläufiger Erörterung dieses Grundsatzes schliesst: "~Fortes in fine assequendo et suaves in modo~ assequendi simus" (Lasst uns stark sein in der Erreichung des Ziels und milde in der Art es zu erreichen). Wohl möglich, dass hierzu des Sophisten ~Himerius~ (4. Jahrh. n. Chr. "Or." 7, 15, Firmin Didot) "πρᾷος τοὺς λόγους, ὀξὺς τὰ πράγματα", "mild im Reden, schneidig im Handeln" die Anregung gab; während der Wortlaut aus der "Weisheit Salomonis" zu stammen scheint, wo von der Weisheit geschrieben steht (8, 1): "Sie reichet von einem Ende zum andern gewaltiglich und regieret alles wohl"; nach der Vulgata: "attingit ergo a fine usque ad finem fortiter et disponit omnia suaviter".--
* * * * *
Nach ~Berners~ Vermutung ("Lehrb. d. deutsch. Strafrechts" 1879. S. 120. Anm.) ist der römische Rechtsgelehrte Prosper *Farinacius* (1544-1618) der Urheber des Ausdrucks
*Corpus delicti,*
welchen ~Klein~ ("Grunds, d. gem. deutsch, peinl. Rechts" 1799. § 68) zuerst mit
*Thatbestand*
übersetzt habe. Bei ~Farinacius~ (1581. Quaest. I, n. 6) steht: "Primum Inquisitionis requisitum est probatio corporis delicti", "Das erste Erfordernis richterlicher Untersuchung ist die Prüfung des Thatbestandes", und weiterhin (Quaest. 2, n. 1-30) handelt er eingehend vom "Corpus delicti".--
* * * * *
Von dem Wittenberger Professor Friedrich *Taubmann* (1565-1613) ist:
*Quando conveniunt Ancilla, Sibylla, Camilla, Garrire incipiunt et ab hoc et ab hac et ab illa!*
Ancilla, Sibylla, Camilla, wenn Die sich wiedersehn, Gleich geht's mit Schnattern los über Die und dann Die und dann Den!
was sich in der Form:
Quando conveniunt Margretha, Catharina, Sybilla (sic!) etc.
wohl zuerst im "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 56 findet. In der Form:
Quando conveniunt Catharina, Sibylla, Camilla, Sermones faciunt vel ab hoc vel ab hac vel ab illa
steht es als Kanon in ~Göpels~ Kommersbuch, 2. Ausg., S. 357, No. 249. In Grotefends grösserer latein. Grammatik (II, 87. 4. Aufl. 1824) heisst es "Catharina, Rosina, Sibylla" u. sonst wie oben.--
* * * * *
*Et in Arcadia ego* (Auch ich war in Arkadien)
setzte der Maler Bartolommeo *Schidone* (1559-1615) auf sein im Palast Sciarra-Colonna in Rom befindliches Gemälde unter einen am Boden liegenden Totenkopf, den zwei junge Hirten ergriffen betrachten. Bekannter wurde jedoch das Wort durch Nic. ~Poussin~ († 1663), der es auf dem Grabhügel eines Landschaftsgemäldes anbrachte, welches im Louvre hängt und in einer etwas veränderten, kleineren Wiederholung im Besitze des Herzogs von Devonshire ist. Auch ist es als Basrelief auf Poussins Grabmonument zu sehen, das Chateaubriand in San Lorenzo in Lucina zu Rom setzen liess. In den Jahren 1765-80 wurde dann das Bild oft durch den Stich verbreitet und von Oeser, Bach u.A. nachgeahmt. Die älteste deutsche Übersetzung des Wortes ist wohl die in J. G. ~Jacobis~ "Winterreise" (ersch. 1769, vrgl. seine "Sämtl. Werke", Halle 1770, II, S. 87): "Wenn ich auf schönen Fluren einen Leichenstein antreffe, mit der Überschrift: "~Auch ich war in Arkadien~"; so zeig' ich den Leichenstein meinen Freunden, wir bleiben stehen, drücken uns die Hand und gehen weiter".
So redet Joh. Benj. ~Michaelis~ in einem 1771 bei Gross in Halberstadt gedruckten Brief an "An Herrn Canonicus Gleim" (31. 7. 1771) von einem "unvermuteten Grabmal mit der Aufschrift: ~Auch ich war in Arkadien~". In ~Wielands~ "Pervonte" (1778) heisst es:
"Und auch nicht eine dieser Schönen Schien nach der Grabschrift sich zu sehnen: Auch ich lebt' in Arkadia!"
und am Schlusse:
"Und ruft mit Wehmut aus: "Du arme Vastola, Auch du warst in Arkadia!"
(~Delille~ übersetzte es in seinem 1782 erschienenen Lehrgedicht "Les Jardins", Str. 3, V. 139 mit: "Et moi aussi je fus pasteur dans l'Arcadie".) Das letzte Stück von ~Weissens~ Kinderfreund (24. T. 1782) schliesst mit dem Schäferspiel: "Das Denkmal in Arkadien"; und ~Herder~ schreibt 1785 ("Ideen" VII, 1, Werke, I. X. S. 41): "Auch ich war in Arkadien ist die Grabschrift aller Lebendigen in der sich immer verwandelnden, wiedergebärenden Schöpfung". ~Schiller~ beginnt seine "Resignation" (1786): "Auch ich war in Arkadien geboren" (s. Kap. III), und ~Herder~ wiederum schliesst 1787 sein Gedicht "Die Erinnerung" (nach dem Spanischen) mit dem entsetzlichen Reim:
"Lies die Inschrift glänzend schön: Auch hier ist Arkadien!"
und 1789 sein "Angedenken an Neapel" fast noch ärger:
Doch ein Hauch wird lispelnd zu euch wehen; Ich, auch ich war in Arkadien!
Garlieb ~Merkels~ "Erzählungen" (1800) haben das Motto: "Auch ich war in Arkadien", und Herzog ~Emil August von Sachsen-Gotha~ schrieb einen Roman: "Kyllenion, oder: Ein Jahr in Arkadien", Gotha 1815. Endlich wählte ~Goethe~ "Auch ich in Arkadien" zum Motto beider, 1816 und 1817 erschienenen Bände seiner "italienischen Reise", während E. T. A. ~Hoffmann~ in dem Motto zum 2. Abschnitt des 1. Bandes der "Lebensansichten des Kater Murr" (Berl. 1821-2) wieder zu dem üblichen "anch ich war in Arkadien" zurückkehrte.--
* * * * *
*Vademecum*
("Gehe mit mir") in der Bedeutung "Taschenbuch, Begleitbuch fürs Leben", ist der Titel des Buches von ~Johann Peter~ *Lotichius*: "Vade mecum sive epigrammatum novorum centuriae duae", Frankfurt a. M. 1625 (Vademecum oder zwei Hunderte neue Epigramme). Als der Horazübersetzer Pastor ~Lange~ über das kleine Format von ~Lessings~ "Schriften" spöttelte: er wolle wohl seine gesammelten Werke zu einem "Vademecum" machen, veröffentlichte dieser: "Ein Vademecum für den Herrn Sam. Gotth. Lange, Pastor in Laublingen, in diesem Taschenformate ausgefertiget von Gottfr. Ephr. Lessing" (Berl. 1754). Hiernach bekam "Vademecum" den spöttischen Sinn: "Denkzettel fürs Leben". Ohne Bezug auf Litterarisches findet sich das Wort vor ~Lotichius~ in Frankreich, da schon 1532 in des ~Rabelais~ "Gargantua und Pantagruel" (II, 28) Panurge ein Ledertäschchen sein "Vademecum" nennt.--
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*Pia desideria*
*Fromme Wünsche*
ist der Titel einer Schrift des belgischen Jesuiten ~Hermann~ *Hugo* (Antwerpen 1627). Joh. Georg ~Alpinus~ übertrug sie unter dem Titel "Himmelflammende Seelenlust. Oder Hermann Hugons Pia Desideria, d.i. Gottselige Begierden u.s.w." (Frankfurt 1675). Der lateinische Titel wurde 1675 von Philipp Jakob ~Spener~ für jene in der Geschichte der Religion bedeutende Schrift gewählt, wodurch er, der Verinnerlichung des Glaubens das Wort redend, der starren Orthodoxie gegenübertrat. Von da rührt der Widerhall her, den das Wort bekam.--
* * * * *
*In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus autem caritas,* In notwendigen Dingen Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allen aber liebendes Dulden,