Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 28
"Felix Austria" findet sich schon auf einem Siegel Herzog Rudolfs IV. vom Jahre 1363 (vrgl. Dr. Franz Kürschner: "Herzog Rudolfs IV. Schriftdenkmale"). Dass, wie man meinte, Matthias Corvinus des Distichons Urheber sei, erwies Béla von Tóth als Irrtum (s. dessen "Szájrul szájra" (von Mund zu Munde), Budapest 1895, S. 22-25). Bis jetzt ist der ovidkundige Verfasser der Verse noch unerforscht.--
Aus Ovids "Amores" 3, 4, 17 stammt:
*Nitimur in vetitum semper, cupimusque negata,*
Zu dem Verbotenen neigen wir stets und begehren Versagtes;
oder wie es in einem Altdorfer Stammbuch v. J. 1722 übersetzt wird:
"Unser Tichten, Trachten, Ringen Geht nur nach verbotnen Dingen."
(vrgl. "Deutsche Stammbücher" von den Gebrüdern Keil, 1893 No. 912).--
"Amor" 3, 8, 55 (und "Fasti" 1, 217) bieten:
*Dat census honores,*
Die Einkünfte geben die Ehren;
"Amor." 3, 11, 7 vrgl. "Ars amandi" 2, 178:
*Perfer et obdura* (_dolor hic tibi proderit olim_)
Trage und dulde: dir wird ~der~ Schmerz dermaleinst noch nützen.
("Tristia" 5, 11, 7 lautet: "Perfer et obdura, multo graviora tulisti", eine Übertragung von ~Homers~ "Odyss." 20, 18 [s. Kap. X]. Vor ~Ovid~ sang ~Catull~ 8, 11: "Obstinata mente perfer, obdura", und ~Horaz~ "Sat." 2, 5, 39: "Persta atque obdura").--
Brief 17, 166 steht:
*An nescis longas regibus esse manus?*
Weisst du denn nicht, wie weit reichet der Könige Hand?
Schon bei ~Herodot~ (8, 140) heisst es von Xerxes: "καὶ γὰρ δύναμις ὑπὲρ ἀνθρώπον ἡ βασιλέος ἐστι καὶ χεὶρ ὑπερμήκης", denn der König hat auch die Gewalt über den Menschen und eine über die Maassen lange (d.h. weitreichende) Hand".--
Aus ~Ovids~ "Kunst zu lieben" ("Ars amandi") 1, 99 ist das Wort über die Frauen bekannt:
*Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae,*
Zum Seh'n kommen sie hin, hin kommen sie, dass man sie sehe.
Aus 2, 13 der "Kunst zu lieben" wird citiert:
Nec minor est virtus, quam quaerere, *Parta tueri.*
Weniger schwer, als Erwerben, ist's nicht: Erworb'nes bewahren;
wohl eine Reminiscenz aus ~Demosthenes~ ("Olynth.") 1, 23, der da sprach: "πολλάκις δοκεῖ τὸ φυλάξαι τἀγαθὰ τοῦ κτήσασθαι χαλεπώτερον εἶναι", "oft scheint es schwerer zu sein, Schätze zu bewahren, als sie zu besitzen".-- Der 91. Vers der Ovidischen "Mittel gegen die Liebe" ("Remedia amoris") heisst:
*Principiis obsta* (_sero medicina paratur_).
Sträube dich gleich im Beginn (zu spät wird bereitet der Heiltrank).
Auch wird "Principiis obsta" oft aus dem Zusammenhange gerissen und "wehre dich gegen Principien!" darunter verstanden. ~Ovid~ mag dabei an des ~Theognis~ Rath gedacht haben (v. 1133):
"Κύρνε, παροῦσι φίλοισι κακοῦ καταπαύσομεν ἀρχήν, ζητῶμεν δ' ἕλκει φάρμακα φυομένῳ."
"Heilen wir, wo Freunde weilen, Böses, Kyrnos, gleich zur Stunde! Lass' uns mit dem Balsam eilen, Wenn im Wachsen ist die Wunde!"--
Aus ~Ovids~ "Metamorphosen" 1, 7 ist die Bezeichnung des Chaos verbreitet:
*Rudis indigestaque moles*
Eine rohe, verworrene Masse;
"Met." 2, 13 und 14, bringt die Schilderung der Nymphen:
*Facies non Omnibus una, Nec diversa tamen* (_qualem decet esse sororum_):
Nicht gleich sind alle von Antlitz, Und doch auch nicht verschieden (so wie sich's gehöret bei Schwestern);
"Met." 2, 137:
*Medio tutissimus ibis*
In der Mitte wirst du am sichersten gehen.
"Met." 3, 136 und 137:
*Dicique beatus Ante obitam nemo supremaque funera debet,*
Niemanden soll man Glücklich heissen, bevor er gestorben und eh' er begraben.
(vrgl. Kap. XII: "nemo ante mortem beatus".)
"Met." 5, 416-7:
*Si componere magnis parva mihi fas est,*
Wenn es mir erlaubt ist, Kleines mit Grossem zu vergleichen,
(s. Kap. X: Herodot 2, 10 und 4, 99.);
"Met." 6, 376 die das Quaken der Frösche malenden Worte:
*Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere tentant,*
Ob in der Tiefe sie quaken, sie quaken doch, nur um zu schimpfen;
"Met." 7, 20-1 die Worte der sich in aufkeimender Liebe zu Iason überraschenden Medea:
*Video meliora proboque; Deteriora sequor.*
Wohl seh' ich das Bess're und lob' es: Aber ich folge dem Schlecht'ren.
(vrgl. Euripides: "Medea", 1078-9 und "Hippol." 380.)--
Aus "Met." 9, 711 stammt:
*Pia fraus,*
*Frommer Betrug;*
und aus "Met." 15, 234:
*Tempus edax rerum,*
Die Zeit, welche die Dinge zernagt;
(auch in den "Epistolis ex Ponto" 4, 10, 7 wendet Ovid "tempus edax" an. "Edax vetustas" [zernagendes Alter] steht "Metam." 15, 872; vrgl. oben: "Zahn der Zeit").--
Aus ~Ovids~ "Fasti" (Festkalender) 1, 218 wird citiert:
*Pauper ubique iacet,*
Ein Armer hat allerwärts einen niederen Stand,
und aus 6, 5:
*Est deus in nobis, agitante calescimus illo,*
In uns wohnet ein Gott, wir erglüh'n durch seine Belebung.--
Aus ~Ovids~ "Tristia" sind bekannt 1, 9, 5 u. 6:
*Donec eris felix, multos numerabis amicos: Tempora si fuerint nubila, solus eris*
Freunde, die zählst du in Menge, so lange das Glück dir noch hold ist, Doch sind die Zeiten umwölkt, bist du verlassen allein;
(vrgl. ~Theognis~ 115, 643, 697, 857, 929 u. ~Plautus~ "Stichus" IV, 1, 16.)--
"Trist." 3, 4, 25: "bene qui latuit, bene vixit" in der Form:
*Bene vixit, qui bene latuit*
Glücklich lebte, wer in glücklicher Verborgenheit lebte,
(nach Epikurs: "λάθε βιώσας", "bleibe verborgen im Leben!" s. Plutarch p. 1128 ff. u. Useners "Epicurea" 1887, 8. 326 u. 327.)--
"Trist." 4, 3, 37:
*Est quaedam flere voluptas!*
Im Weinen liegt eine gewisse Wonne;
"Trist." 5, 10, 37:
*Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli,*
Ein Barbar bin ich hier zu Land, da mich keiner versteh'n kann.--
In ~Ovids~ "Briefen aus dem Pontus" 1, 2, 143 stammt das Wort:
*Besser sein als sein Ruf,*
denn er sagt dort von Claudia: "ipsa sua melior fama", sie sei selbst besser als ihr Ruf. Dann erwidert Figaro auf Almavivas Vorwurf, er stehe in abscheulichem Rufe (réputation), in "Figaros Hochzeit" (1784) 3, 3, von ~Beaumarchais~: "Et si je vaux mieux qu'elle?" "Und wenn ich nun besser bin, als mein Ruf?" Und in ~Schillers~ "Maria Stuart" (1801) 3, 4 heisst es:
*Ich bin besser, als mein Ruf.*
Auch ~Goethe~ verwendet das Wort gegen Ende des siebenten Buches von "Dichtung und Wahrheit".
Des Perikles Wort bei Thucydides 2, 41: "Die Stadt sei noch besser, als ihr Ruf (ἀκοῆς κρείσσων)" kann nicht als Quelle angesehen werden, weil der Sinn wesentlich abweicht.--
Ebenda bei ~Ovid~ 3, 4, 79 (s. oben: Properz 2, 10, 5-6) steht:
*Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas,*
Wenn's auch an Kräften gebricht, so ist doch der Wille zu loben.--
* * * * *
Aus dem ersten (um 12 v. Chr. verf.) Buche der "Astronomica" des *Manilius* wurde V. 104, der von der menschlichen Vernunft aussagt:
Eripuitque Jovi fulmen viresque tonandi,
Und selbst Zeus entriss sie den Blitz und die Donnergewalten,
vom Kardinal ~Polignac~ (1745. "Anti-Lucretius" 1, 96) in folgender Umgestaltung gegen Epikur gerichtet, der den Griechen ihre Götter raubte:
Eripuit fulmenque Jovi Phoeboque sagittas.
Zeus entriss er den Blitz und dem Phoebus entriss er die Pfeile.
Hiernach schmiedete man in Paris für des Freiheitsapostels und Blitzableiter-Erfinders, Benjamin ~Franklins~, Porträtbüste von Houdhon den Vers:
Eripuit coelo fulmen, mox sceptra tyrannis,
Erst entriss er dem Himmel den Blitz, dann den Herrschern die Scepter.
Nach Condorcet (Oeuvr. compl. Par. 1804. V. 230-1. "Vie de Turgot") war der Minister ~Turgot~ († 1781) der Verfasser dieses Lobspruches, doch mass sich Friedrich ~v. d. Trenck~ in seinem Verhör vor den Richtern zu St. Lazare in Paris (9. Juli 1794) die Urheberschaft bei (s. G. Hiltl: "Des Frh. v. Trenck letzte Stunden. Nach d. Akt. d. Droit publ. u. Archiv. Mittheil." Gartenlaube 1863. No. I). Heute wird gewöhnlich citiert:
*Eripuit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis.--*
* * * * *
*Klassischer Zeuge*
beruht auf folgendem Satz des *Verrius Flaccus* (um Chr. G.) im Auszuge bei Paulus Diaconus (p. 56, 15; Müller): "classici testes dicebantur qui signandis testamentis adhibebantur"--"klassische Zeugen pflegte man die zur Testamentsunterzeichnung Verwendeten zu nennen". Wir aber brauchen das Wort verallgemeinernd, wie "sicherer Bürge".
"Classici" hiessen die zur ersten Vermögensklasse eingeschätzten Steuerzahler (vrgl. "infra classem" bei Paul. Diac. p. 113, 12 u. Gellius VI, 13, 1).--
* * * * *
Im 6. Briefe des jüngeren *Seneca* (4-65 n. Chr.) heisst es:
*Longum iter est per praecepta, breve et efficax per exempla.*
Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und erfolgreich durch Beispiele (s. Phaedrus 2, 2, 2: "exemplis discimus", "an Beispielen lernen wir").--
Auf der Stelle des 7. Briefes:
Homines dum docent discunt
beruht:
*Docendo discitur,* _oder:_ *Docendo discimus*
Durch Lehren lernen wir.--
Im 23. Briefe heisst es:
(_Mihi crede,_) *res severa est verum gaudium,*
(Glaube mir,) eine ernste Sache ist eine wahre Freude.
Diese Worte standen als Weihespruch am alten Gewandhause in Leipzig und stehen nun wieder dort am neuen Konzerthause. Der Musikdirigent ~Langer~ übersetzte sie: "eine schwere Sache ist ein wahrer Spass".--
Aus dem 96. Briefe wird citiert:
*Vivere* (_mi Lucili_) *militare est,*
Leben, mein Lucilius, heisst kämpfen,
(s. Kap. V: "ma vie est un combat").--
Der 106. Brief schliesst mit dem vorwurfsvollen: "Non vitae, sed scholae discimus" (leider lernen wir nicht für das Leben, sondern für die Schule). Wir stellen es um und citieren belehrend:
*Non scholae, sed vitae discimus,*
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.--
Im 107. Briefe wird mit Anlehnung an Verse des Stoikers ~Kleanthes~ (4. Jahrh. v. Chr.), die ~Epiktet~ (c. 52. Ausg. v. Chr. Gottl. Heyne. Lpzg. 1783) überliefert, das Wort geschaffen:
*Ducunt volentem fata, nolentem trahunt,*
Den Willigen führt das Geschick, den Störrischen schleift es mit.--
*Licentia poetica,*
*Poetische Licenz,*
ist entlehnt aus ~Senecas~ "Natural. quaest." II, 44, wo es heisst: "poeticam ista licentiam docent". (vrgl. ~Cicero~ "de orat." 3, 38, wo "poetarum licentiae" und ~Phaedrus~ 4, 25, wo "poetae more ... et licentia" steht. ~Lucians~ "Gespräch mit Hesiod" nennt diese Licenz: τὴν ἐν τῷ ποιεῖν ἐξουσίαν).-- Vielleicht ist auch
*per aspera ad astra*
über rauhe Pfade zu den Sternen
aus ~Seneca~ geschöpft, in dessen "rasendem Herkules" Vers 437 lautet:
Non est ad astra mollis e terris via.
Der Weg von der Erde zu den Sternen ist nicht eben.--
* * * * *
*Das Wasser trüben*
beruht auf *Phaedrus* (bl. etwa 30 nach Chr.), B. 1, Fab. 1, wo der am oberen Laufe des Baches stehende Wolf komischerweise dem weiter unten stehenden Lamme frech zuruft:
Cur (inquit), turbulentam fecisti mihi Aquam bibenti?
Warum hast du mir, der ich trinke, das Wasser trübe gemacht?
Von "Schafen", die "schöne Borne" durch "darein treten" "trübe gemacht" haben, ist übrigens auch die Rede ~Hesekiel~ 34, 18-19 (vrgl. 32, 2 und 13).--
Die Verse des ~Phaedrus~ (I, 10):
Quicumque turpi fraude semel innotuit,
Etiamsi verum dicit, amittit fidem ...
gab ~von Nicolay~ (1737-1820) in seinem Gedichte "Der Lügner" also wieder:
Man glaubet ihm selbst dann noch nicht, Wenn er einmal die Wahrheit spricht.
Danach hat sich die landläufig gewordene genauere Übertragung gebildet:
*Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht; Selbst dann, wenn er die Wahrheit spricht.*
Dieser Gedanke wird schon dem ~Demetrius Phalereus~ (4. Jahrh. v. Chr.) zugeschrieben von Stobaeus ("Florileg." 12, 18).--
Behandelt ein äusserst Minderwertiger eine gefallene Grösse schlecht, so reden wir vom
*Eselstritt;*
denn, als der Esel sah, wie ~Phaedrus~ (1, 21) erzählt, dass Eber und Stier den sterbenden Löwen ungestraft misshandelten, da schlug er ihm mit den Hufen ein Loch in die Stirn.--
In der Fabel des ~Phaedrus~ (1, 24) "Der geplatzte Frosch und der Ochse" (Rana rupta et bos) heisst es vom Frosch, dass er, "vom Neid über solche Grösse erregt (tacta invidia tantae magnitudinis), sich so lange aufgebläht habe (inflavit pellem), um ihr gleichzukommen, bis er "mit geplatztem Leibe dalag" (rapto iacuit corpore). Daher sagen wir von einem Dünkelhaften, er sei wie ein
*aufgeblasener Frosch,*
oder kurzweg, er sei
*aufgeblasen,*
oder:
*ein aufgeblasener Mensch;*
und daher stammt auch ~Martials~ in sechs Distichen (9, 98) zwölfmal vorkommendes, gegen einen Neider seines Ruhmes gerichtetes "Rumpitur invidia" und unser:
*Vor Neid bersten* _oder_ *platzen.*
Die Fabel war nicht des ~Phaedrus~ Erfindung. Schon ~Horaz~ kannte sie (vrgl. "Sat." 2, 3, 314) und ~Vergil~ ("Ecl." 7, 26) lässt Thyrsis singen:
"Pastores, hedera nascentem ornate poetam, Arcades, invidia rumpantur ut ilia Codro."
"Schmücket, arkadische Hirten, den werdenden Dichter mit Epheu, Dass dem Kodrus vor Neid die Eingeweide zerbersten".--
* * * * *
*Valerius Maximus* (bl. um 30 n. Chr.) spricht im "Prologus" von sich als
*mea parvitas,*
und ~Aulus Gellius~ (bl. um 150 n. Chr.) XII, 1, 24 sagt danach von sich:
*mea tenuitas,*
*Meine Wenigkeit,*
was zuerst ~Opitz~ ("Prosodia Germanica oder Buch von der Teutschen Poeterey", Kap. 5, Brieg 1624) gebraucht.--
* * * * *
In des älteren *Plinius* (23-79 n. Chr.) "Natur. hist." 23, 8 heisst es in einem Gegengiftrecept: "addito salis grano" (unter Hinzufügung eines Salzkörnchens), was citiert wird umgestaltet in:
*cum grano salis*
(mit einem Salzkörnchen, d.h. mit einem Bischen Witz).
Ebenda (29, 19) meldet ~Plinius~ vom Basilisken, dass er den Menschen tödten solle, wenn er ihn nur ansehe ("hominem si aspiciat tantum dicitur interimere"). Daher unser:
*Basiliskenblick.*
(vrgl. unter Jesaias "Basiliskenei").--
Ein Wort, das ~Plinius~ häufig im Munde führte:
*Nullus est liber tam malus, ut non aliqua parte prosit,*
Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht in irgend einer Beziehung nütze,
wird vom ~jüngeren Plinius~ in B. 3, Ep. 5 mitgeteilt.
(vrgl. ~Varros~ (fr. 241, Bücheler): "neque in bona segete nullum est spicum nequam, neque in mala non aliquod bonum"--"weder giebt's gute Saat ohne eine schlechte Ähre, noch schlechte ohne irgend eine gute").--
* * * * *
*Persius* (34-62 n. Chr.) bietet in "Satire" 1, 1:
*O quantum est in rebus inane;*
O wie viel Leeres ist in der Welt;
in 1, 28:
*At pulchrum est digito monstrari et dicier: hic est!*
Schön ist's doch, wenn man auf dich zeigt und der Ruf tönt: Der ist's!
(vrgl. ~Horaz~, Od. 4, 3, 22: "monstror digito praetereuntium");
und in "Satire" 1, 46, wie ~Juvenal~ 6, 164:
*Rara avis*
(Ein seltener Vogel)
in dem uns geläufig gewordenen Sinn für "ein seltenes Wesen" überhaupt; während Horaz ("Sat." II, 2, 26) die Worte zwar auch schon anwendet, aber in nicht übertragener Bedeutung.--
* * * * *
*Quintilian* (um 35-95) fragt ("de institutione oratoria" 1, 6): "Dürfen wir einräumen, dass einige Worte von ihren Gegenständen abstammen, wie z.B. lucus, Wald, weil er, durch Schatten verdunkelt, nicht sehr licht ist (luceat)?" Daher rührt:
*Lucus a non lucendo.*
Wald wird "lucus" genannt, weil es darin dunkel ist
(non lucet),
was nach dem Scholiasten Lactantius Placidus (zu Statius "Achilleis" 3, 197) auf einen unbekannten Grammatiker ~Lykomedes~ zurückgeht. Aus 10, 7 ist:
*Pectus est* (_enim_) *quod disertos facit* (_et vis mentis_).
Sinn und Verstand ist's, was den Redner macht.
So übersetzte M. ~Haupt~, sehr gegen die Übersetzung eifernd: Das Herz macht beredt.--
In ~Quintilians~ "Declamationes" (350, Burmanns und Dussault) heisst es: "caedes videtur significare sanguinem et ferrum"--"Mord" (d.h. in juridischem Sinne) "scheint
*Blut und Eisen*
zu bedeuten" (d.h. eine Tödtung durch eine Eisenwaffe, die Blut fliessen lässt). ~Arndt~ mochte dies dunkel vorschweben als er sang (1800, in dem Gedichte "Lehre an den Menschen" Str. 5; s. "Gedichte" Grfsw. 1811. S. 39-41 und das Inhaltsverzeichnis):
"Zwar der Tapfre nennt sich Herr der Länder Durch sein Eisen, durch sein Blut".
Nach ihm ruft Max ~von Schenkendorf~ aus ("Das eiserne Kreuz"):
"Denn nur Eisen kann uns retten, Und erlösen kann nur Blut Von der Sünde schweren Ketten, Von der Bösen Übermut".
Und in einem Aufsatz ~Schneckenburgers~ "Über Deutschland und die europäische Kriegsfrage" (geschr. Ende Okt. 1840, auszüglich abgedruckt im "Schwäb. Merkur" v. 30. Aug. 1870) lesen wir: "Der bei den Franzosen obwaltende Mangel an gediegener Volksbildung und echter Religiosität, das reizbare, oberflächliche, aller Gründlichkeit bare, leidenschaftsloser Belehrung unzugängliche, schnell absprechende Wesen ihres Nationalcharakters, die grobe Entsittlichung beinahe aller Klassen begründen meine Zweifel und scheinen für die absolute Notwendigkeit einer Eisen- und Blutkur zu sprechen". Otto ~von Bismarck~ aber verlieh dem Wort erst Flügel, als er am 30. Sept. 1862 in der Abendsitzung der Budgetkommission des preussischen Abgeordnetenhauses sprach: "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die grossen Fragen der Zeit entschieden--das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen--sondern
*durch Eisen und Blut".--*
*Lucanus* (39-65 n. Chr.), "Pharsalia" 1, 128 bietet:
*Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni,*
Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, aber die unterliegende dem Cato,
und 1, 135:
*Stat magni nominis umbra,*
Er steht da, der Schatten eines grossen Namens,
eigentlich vom Pompejus gesagt, verkürzt in:
*Stat nominis umbra,*
Eines Namens Schatten steht da,
das Motto der "Juniusbriefe" (ersch. im "Public. Advertiser" vom 21. Jan. 1769-12. Mai 1772. London). In der "Pharsalia" 1, 256 steht:
*Furor teutonicus,*
Deutsches Ungestüm,
(vrgl. "Furia Francese").--
* * * * *
*Petronius Arbiter* (1. Jhrh. n. Chr.) bringt die Sentenz: "qualis dominus, talis et servus", die wir also im Munde führen:
*Wie der Herr, so der Knecht.--*
* * * * *
*Martial* (um 40-102 n. Chr.) lässt 6, 19 den Advokaten Posthumus, der in seiner Rede von Cannae, von Mithridates, von den Puniern, von Marius, Sulla u.s.w. spricht, auffordern, zu den drei gestohlenen Ziegen zurückzukommen, um die sich der Streit dreht. Diese Martialstelle bildet die Grundlage der Redensart:
*Um auf besagten Hammel zurückzukommen,*
die in der französischen Farce des 14. oder 15. Jahrhundert "l'Advocat Patelin"[65] vorkommt.
[Fußnote 65: ~Littré~ "Histoire de la langue française", 5. éd., Paris 1869, Bd. 2, p. 30 u. 45 erklärt die Farce für anonym: der Verfasser müsse in den letzten Jahren des 14. und den ersten des 15. Jahrhunderts gelebt haben (pag. 50). Schon 1470 (p. 46) kommt "pateliner" vor. Pierre ~Blanchet~, dem man "Patelin" zuschrieb, starb 1519 als Sechzigjähriger, wäre also 1470 erst ein zehnjähriger Knabe gewesen.]
"Patelin, ein verhungerter Advokat, braucht für seine Frau und sich Tuch. Er tritt in den Laden eines Tuchhändlers, den er durch Lobpreisungen seines verstorbenen Vaters und seiner verstorbenen Tante rührt. Als er diese zum Geprelltwerden geeignete Stimmung im Verkäufer erweckt hat, giebt er sich den Anschein, als sei er von der Güte eines Stückes Tuch, das er in dem Laden erblickt, wie geblendet. Er sei nicht gekommen, um Einkäufe zu machen, aber der Güte solcher Waren könne er nicht widerstehen, und wohl sehe er, dass die ersparten Goldstücke, die er zu Hause liegen habe, heran müssten. Der Händler, den die Aussicht auf ein vorteilhaftes Geschäft noch mehr für Herrn Patelin einnimmt, ist sofort bereit, ihm sechs Ellen Tuch mitzugeben, und Herr Patelin ladet ihn ein, sich gleich seine Bezahlung zu holen und bei ihm zu speisen. Der Tuchhändler kommt, vernimmt aber von der Frau des Advokaten zu seinem Erstaunen, dass der Mann schon seit elf Wochen gefährlich krank, gerade jetzt im Sterben liegt und also unmöglich heute Tuch gekauft haben kann. Da er nun gar den Kranken selbst in verschiedenen Sprachen phantasieren hört, so zieht er sich endlich, halb überzeugt, halb zweifelnd zurück. Bald darauf wird derselbe Tuchhändler von seinem Schäfer um Hammel betrogen und klagt. Der Schäfer wendet sich an den Advokaten Patelin, der ihm den Rat erteilt, auf alle Fragen des Richters nichts zu antworten als "Bäh". Im Termin erscheinen nun der Tuchhändler als Kläger und der Schäfer als Verklagter in Begleitung seines Anwalts. Der Kläger ist über das unerwartete Erscheinen Patelins so bestürzt, dass er seines Prozesses vergisst und den Anwalt beschuldigt, ihn um sechs Ellen Tuch betrogen zu haben. Der Richter ruft ihm daher zu:
_Sus_, *revenons à ces moutons!*[66]
Wohlan, lasst uns auf die besagten Hammel zurückkommen!
[Fußnote 66: So heisst es in der letzten Ausgabe des "l'Advocat Patelin" vom ~Bibliophile Jacob (Paul Lacroix)~. In früheren heisst es:
*à nos moutons!*
und so wird es gewöhnlich in Frankreich citiert.--]
Da der Kläger trotzdem fortfährt, in der Auseinandersetzung des Thatbestandes das gestohlene Tuch und die gestohlenen Hammel zu verwechseln, so wird er mit seiner Klage abgewiesen.
{~Rabelais~ citiert das Wort bereits 1532, statt "revenir" stets "retourner" anwendend, in "Gargantua und Pantagruel", 1, 1; 1, 11; 3, 34, ~Grimmelshausen~ "Der abenteuerliche Simplicissimus", Mompelgart 1669 (herausg. von ~Keller~, Stuttgart 1854, I. S. 34), sagt: "Aber indessen wieder zu meiner Heerd zu kommen". ~Kotzebue~ lässt im Lustspiele "Die deutschen Kleinstädter" (Leipz. 1803) den Bürgermeister Staar zu Krähwinkel die Worte sagen: "Wiederum auf besagten Hammel zu kommen". Auch im Englischen findet sich jetzt das Wort. Es heisst in "German Home Life", Lond. 1876, p. 17: "But to return to our sheep"}.--
~Martial~ bietet ferner 8, 56:
*Sint Maecenates, non deerunt, Flacce, Marones.*
Wenn's Mäcene nur giebt, mein Flaccus, dann giebt's auch Vergile!--
Der Name des
*Maecen*(_as_)
war durch die Gedichte des Vergil, Horaz und Properz zur typischen Bezeichnung eines Gönners und Beschützers der Künste geworden und ist es geblieben.--
Es heisst 12, 51:
*semper homo bonus tiro est,*
Ein guter Mensch bleibt immer ein Anfänger,
(d.h.: er wird oft getäuscht, weil er immer unbefangen bleibt wie ein Kind). Es wird auch citiert:
*Bonus vir semper tiro;*
denn so schrieb ~Goethe~ das Wort in seine "Maximen und Reflexionen" (3. Abteilung).-- Aus "De spectaculis, 31;
Cedere maiori virtutis fama secunda est; Illa gravis palma est quam minor hostis habet,
Wer dem Gewalt'geren weicht, dess Mut gilt gleichsam als zweiter; Das ist der schmerzliche Ruhm für den geringeren Feind,
ist:
*Cedo maiori*
Vor dem Grösseren trete ich zurück
entlehnt (s. Kap. XII: "Der Starke weicht einen Schritt zurück").
*Maiori cedo*
lautet es in den Sentenzen der unter dem Namen "Dionysius Cato" schon im 4. Jahrh. bekannten Spruchsammlung.--
* * * * *
Aus *Juvenal* (etwa 47-113 n. Chr.) wird citiert Satire 1, 30:
*Difficile est satiram non scribere;*
Es ist schwer, (da) ~keine~ Satire zu schreiben;
1, 74:
*Probitas laudatur et alget;*
Rechtschaffenheit wird gepriesen und friert dabei;
1, 79:
(_Si natura negat_) *facit indignatio versum;*
Wenn das Talent es versagt, so schmiedet Entrüstung die Verse;
1, 168:
*Inde irae et lacrumae,*
Daher Zorn und Thränen,
was mit Anlehnung an Terenz, "Andria", 1, 1:
"*Hinc illae lacrumae!*"
umgemodelt wird zu:
*Inde illae irae,* _oder_ *Hinc illae irae;*
(Daher jener Zorn).
2, 24:
*Quis tulerit Gracchos de seditione querentes?*
Wer wohl die Gracchen erträgt, die um Aufruhr Klagen erheben?
d.h. wer hört auf den, der das, wogegen er eifert, selbst thut? D. J. Strauss übersetzte:
"Ist es auch billig, darf man fragen,