Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 27
Das erste deutsche Reisehandbuch erschien zu Ulm im Verlage Georg Wildeysers unter dem Titel: "Martini Zeilleri Fidus Achates oder Getreuer Reisegefert u.s.w." und es befindet sich ein Exemplar der dritten Auflage vom Jahre 1661 auf der Giessener Universitätsbibliothek. ~Zeiller~ war nach Joechers Gelehrtenlexikon ein Pfarrersohn in Ulm, Ephorus des Gymnasiums, Inspektor der deutschen Schulen, Censor der philosophischen und historischen Bücher, "aber dabei sehr leichtgläubig".--
"Aen." 6, 261 heisst es:
*Nunc animis opus, Aenea, nunc pectore firmo!*
Jetzt, Aeneas, bedarf es des Muts, jetzt kräftigen Herzens.--
Aus "Aen." 6, 620 wird citiert:
*Discite iustitiam moniti, et non temnere divos.*
Lernet, gewarnt, recht thun und nicht missachten die Götter.
Aus "Aen." 6, 727 ist:
*Mens agitat molem;*
Der Geist bewegt die Materie;
aus "Aen." 6, 583:
*Parcere subiectis et debellare superbos,*
Die Unterworfenen schonen, die Übermüt'gen besiegen;
aus "Aen." 7, 312:
*Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo;*
Kann ich die Götter für mich nicht erweichen, so lock' ich die Hölle;
aus "Aen." 8, 560:
*O mihi praeteritos referat si Juppiter annos!*
O, wenn Zeus mir gäbe zurück die vergangenen Jahre!--
Die Tonmalerei in "Aen." 8, 596:
*Quadrupedante putrem sonitu quatit ungula campum,*
Dröhnend erschüttert das lockere Feld vierfüssiger Hufschall,
wandelt der Dichter "Aen." 11, 875 um, indem er "cursu" statt "sonitu", "Lauf" statt "Schall" und "quadrupedoque" statt "quadrupedante" setzt.--
Als Motto dienen oft Apolls Worte an Julus nach dessen glorreicher Waffenthat, "Aen." 9, 641:
*Sic itur ad astra!*
So steigt man zu den Sternen!--
Aus "Aen." 10, 63, 64:
Quid me alta silentia cogis rumpere?
Warum zwingst Du mich, das tiefe Schweigen zu brechen?
ist entnommen:
*altum silentium*
tiefes Schweigen. --
"Aen." 10, 467 findet sich:
*Stat sua cuique dies,*
Jedem steht sein Tag bevor! --
*Experto credite,*
Glaub't es dem, der es selbst erfuhr,
steht "Aen." 11, 283. Es ist auch in ~Ovid~ "Ars amandi" 3, 511 zu finden und, umgestellt in "crede experto", bei ~Silius Italicus~ "Punica", 7, 395. "Experto crede" heisst es in des heiligen Bernhard Ep. 106 und im Prologus zum 1. Buche des "Policraticus" von ~Johannes von Salesbury~ († c. 1180). Dann kommt es in den maccaronischen Gedichten des ~Antonius de Arena~ († 1544): "Ad compagnones", im dritten Verse des "consilium pro dansatoribus" zu "Experto crede Roberto" erweitert, vor, was ~Neander~ "Ethice vetus et sapiens" (Leipz. 1590, S. 89) als sprichwörtlich anführt. Ed. ~Fournier~ "l'Esprit des Autres" (6. Ausg. 1881, S. 32) citiert einen mittelalterlichen Vers: "Quam subito, quam certo, experto crede Roberto". Endlich wird in ~Moscheroschs~ 1643 erschienenen "Gesichte Philanders von Sittewald" (in "der Welt Wesen") als ratgebender Führer des Autors erwähnt:
*Expertus Robertus. --*
Das Wort ~Vergils~:
*Sic vos non vobis,*
ist uns vom jüngeren ~Donatus~ ("Leben des Vergil", 17) also überliefert: Vergil habe einst an das Thor des Augustus ein für den Kaiser schmeichelhaftes Distichon anonym angeschrieben. Bathyll, ein schlechter Dichter, habe sich für den Verfasser ausgegeben und sei deshalb von Augustus mit Ehren und Gaben bedacht worden. Um die Blösse des unverschämten Poeten aufzudecken, schrieb ~Vergil~ darauf den obigen Halbvers viermal unter einander an das Thor. Augustus forderte die Ergänzung dieses Versanfangs. Vergebens versuchten sich Einige daran. Da kam endlich Vergil, und nachdem er unter das erst erwähnte Distichon die Worte gesetzt hatte: "Hos ego versiculos feci, tulit alter honores" (Ich schrieb hier diese Verschen, die Ehren ein And'rer davontrug) ergänzte er die Anfänge so:
Sic vos non vobis nidificatis aves, Sic vos non vobis vellera fertis oves, Sic vos non vobis mellificatis apes, Sic vos non vobis fertis aratra boves.
d. i.:
So bau't ihr Nester, o Vögel, nicht für euch, So trag't ihr Wolle, o Schafe, nicht für euch, So mach't ihr Honig, o Bienen, nicht für euch. So zieh't ihr Pflüge, o Rinder, nicht für euch. --
* * * * *
*Horaz* (65-8 v. Chr.) gab 24 oder 23 v. Chr. die drei ersten Bücher seiner "Oden" heraus; aus diesen ist in Deutschland geläufig I, 1, 7:
*Mobilium turba Quiritium,*
Die Schaar der wankelmütigen Quiriten;
I, 3, 9:
*Aes triplex circa pectus,*
*Mit dreifachem Erz gepanzert.*
I, 3, 37:
*Nil mortalibus arduum est,*
Nichts ist Sterblichen allzuschwer;
I, 4, 15:
*Vitae summa brevis spem nos vetat inchoare longam,*
Die kurze Summe des Lebens verbietet uns eine lange Hoffnung anzufangen;
I, 9, 13:
*Quid sit futurum cras, fuge quaerere,*
Was morgen sein wird, frage nicht;
I, 11, 8:
*Carpe diem,*
Beute den Tag aus;
I, 16, 22:
*Compesce mentem*
Beherrsche deinen Unmut;
I, 22, 1:
*Integer vitae scelerisque purus,*
Der im Wandel Reine und von Schuld Freie;
I, 24, 7:
*Nuda ... Veritas*
*die nackte Wahrheit;*
I, 24, 9:
*Multis ille bonis flebilis occidit,*
Von vielen Guten beweint, starb er hin;
I, 28, 15:
*Omnes una manet nox,*
Auf Alle harrt ein und dieselbe Nacht;
I, 32, 1:
*Poscimur,* Wir werden vom Geist ergriffen;
(vrgl. ~Ovid~, "Metam." 5, 333).--
"Oden" II, 3, 1:
*Aequam memento rebus in arduis Servare mentem.*
Bedenk' es, wie du standhaft im Ungemach Den Gleichmut wahrest;
II, 3, 25:
*Omnes eodem cogimur,*
Zum selben Ort hin (d.h. zum Orcus) müssen wir Alle;
II, 6, 13:
*Ille terrarum mihi praeter omnes Angulus ridet,*
Jenes Plätzchen lächelt mir vor allen anderen auf der Erde zu,
was sich als Hausinschrift nicht selten findet;
II, 10, 5:
*Aurea mediocritas,*
*Goldene Mittelstrasse*
II, 14, 1 u. 2:
*Eheu fugaces, Postume, Postume Labuntur anni ...*
O weh, die Jahre, Postumus, Postumus, Entgleiten flüchtig ....
II, 16, 27:
*Nihil est ab omni Parte beatum;*
Es giebt kein vollkommenes Glück.--
"Oden" III, 1, 1:
*Odi profanum vulgus et arceo;*
Ich hasse die uneingeweihte Menge und halte sie fern;
III, 1, 2:
*Favete linguis!*
Hütet die Zungen! (d.h. zanket und schwatzet nicht! seid andächtig!)
Aus ~Cicero~ (de divin. I, 45, 102 u. II, 40, 83) ergiebt sich, dass dieser Ruf von Alters her bei öffentlichen Religionshandlungen in Rom üblich war.
III, 3, 1:
*Iustum et tenacem propositi virum;*
Den Biedermann, der seinem Entschlusse treu;
III, 3, 7:
*Si fractus illabatur orbis, Impavidum ferient ruinae;*
Ob berstend auch einstürzt der Himmel, Stirbt in den Trümmern der Held doch furchtlos;
III, 4, 65:
*Vis consili expers mole ruit sua;*
Kraft ohne Weisheit stürzt durch die eig'ne Wucht;
III, 16, 17:
*Crescentem sequitur cura pecuniam;*
Dem wachsenden Geld folgt die Sorge;
III, 24, 6:
*dira necessitas;*
Die furchtbare Notwendigkeit;
III, 29, 55:
*Mea virtute me involvo;*
*Ich hülle mich in meine Tugend ein;*
III, 30, 1:
*Exegi monumentum aere perennius;* Ein Denkmal habe ich mir gesetzt, dauernder als Erz:
III, 30, 6:
*Non omnis moriar,* Nicht ganz werde ich sterben.--
"Oden" IV. Buch (ersch. um 18 v. Chr.) 1. 3:
*Non sum qualis eram;* Ich bin nicht mehr, der ich war;
(vrgl. ~Ovid~, "Tristia" 3, 11, 25: "Non sum qui fueram");
IV, 7, 16:
*Pulvis et umbra sumus;*
Staub und Schatten sind wir;
(vrgl. Kap. X. ~Pindar~ "Pyth." 8, 136, ferner ~Sophokles~ "Elektra" 1159 und ~Euripides~ "Meleagros" Frg. 536, ed. Nauck).
Aus IV. 9, 45:
"Non possidentem multa vocaveris Recte beatum"
"Nicht den, der viel besitzt, wirst du mit Recht glücklich nennen"
mag der Widerspruchsgeist
*Beati possidentes!*
Glücklich die Besitzenden!
entwickelt haben. Dieser Ausdruck wurde durch die Juristen üblich, die nicht im "Corpus iuris", wohl aber sonst oft von "beatitudines possessionis" ("Vorteilen, die der Besitz gewährt") und von "beati possidentes" reden.
IV, 12, 28:
*Dulce est desipere in loco,*
Lieblich ist's, zu seiner Zeit den Thoren spielen,
was ~Seneca~ ("De tranquill. anim." 15, g. End.) in der Form "aliquando et insanire iucundum est" auf einen griechischen Dichter zurückführt. Vielleicht meint er ~Menanders~ "καὶ συμμανῆναι δ' ἔνια δεῖ", "man muss mit Andern auch mal thöricht sein" (bei Clemens Alexandrinus "Stromat." VI, p. 204; Bentley: συμμανῆναι für συμβῆναι).--
Aus den "Epoden" (um 30 v. Chr.) des ~Horaz~ ist bekannt 2, 1:
*Beatus ille, qui procul negotiis* (_Ut prisca gens mortalium_) *Paterna rura bobus exercet suis* (_Solutus omni fenore;_)
Glückselig, wer dem Treiben der Geschäfte fern Gleichwie die Menschheit alter Zeit Mit eignen Rindern sein ererbtes Gut bepflügt Von allen Wucherplagen frei.--
Den "Satiren" des Horaz entnehmen wir I (ersch. 35 v. Chr.) 1, 24:
(_Quamquam_) *ridentem dicere verum* (_Quid vetat?_)
(_Doch_) *lächelnd die Wahrheit sagen* (_was hindert daran?_),
welche Stelle meistens umgeändert wird in:
*Ridendo dicere verum.*
I, 1, 69 und 70:
*Mutato nomine de te fabula narratur;*
Die Geschichte handelt von dir, nur der Name ist geändert;
I, 1, 106:
*Est modus in rebus, sunt certi denique fines;*
Es ist Mass und Ziel in den Dingen, es giebt, mit einem Worte, bestimmte Grenzen;
I, 3, 6:
*ab ovo usque ad mala;*
Vom Ei bis zu den Äpfeln,
d.h. vom Anfange des Mahles, wo Eier gereicht wurden, bis zu dessen Ende, wo man die Früchte auftrug, bedeutet: "von Anfang bis zu Ende, ohne Unterlass, ohne Unterbrechung".
Aus "Sat." I, 4, 34:
dummodo risum Excutiat sibi, non hic cuiquam parcet amico,
Wenn er nur Lachen für sich erweckt, wird er keinen Freund verschonen,
entstand wohl das schon bei ~Quintilian~ "de institut. orat." 6, 3, 28 als sprichwörtlich angeführte (Propositum illud:
Potius amicum, quam dictum perdendi)
*Lieber einen Freund verlieren, als einen Witz.*
(~Boileau~, Sat. 9, 22 hat:
Mais c'est un jeune fou qui se croit tout permis,
Et qui pour un bon mot va perdre vingt amis.
~Quitard~ "Dictionnaire des proverbes", Paris 1842, p. 44 führt auf: "Il vaut mieux perdre un bon mot qu'un ami").--
"Sat." I, 4, 62 sagt ~Horaz~, nachdem er ein klangvolles Fragment des ~Ennius~ angeführt hat:
"invenias etiam disiecti membra poetae".
(Nach ~Wieland~: "Ihr werdet auch in den zerstückten Gliedern den Dichter wieder finden"). Daraus stammt unser:
*disiecta membra poëtae.*
~Horaz~ scheint dies Wort dem ~Polybius~ zu verdanken, nur dass er es anders verwendet. Letzterer meint (1, 4), wer nur Einzelforschungen treibe, könne aus den Bruchstücken nicht auf den grossen Gang und Zusammenhang der Geschichte schliessen, ebenso wenig, wie Die, welche nur "die zerstreuten Gliedmaassen" ("διεῤῥιμμένα τὰ μέρη") eines Körpers vor sich sähen, aus dem Einzelnen nachweisen können, wie das Ganze in seiner lebendigen Schöne gewesen sei.
I, 4, 85:
*Hic niger est, hunc tu, Romane, caveto,*
Das ist eine schwarze Seele; vor ihm, o Römer, hüte dich;
I, 5, 100:
*Credat Iudaeus Apella,* *Das glaube der Jude Apella,*
(d.h.: Glaube es, wer es will; ich glaube es nicht);
I, 9, 59:
*Nil sine magno vita labore dedit mortalibus,*
Das Leben gab dem Sterblichen Nichts ohne grosse Arbeit;
I, 9, 71:
*Unus multorum.*
Einer von den Vielen, vom grossen Haufen, ein Dutzendmensch;
I, 9, 78:
*Sic me servavit Apollo,*
So hat mich Apollo gerettet;
ein Anklang an das homerische ("Iliade" 20, 443) "τὸν δ' ἐξήρπαξεν Ἀπόλλων"--"doch schnell entrückt ihn Apollon", nämlich den von Achill bedrängten Hektor.
I, 10, 72:
*Saepe stilum vertas,*
Oft wende den Griffel,
d.h. "feile den Ausdruck" (indem du mit dem oberen breiteren Ende des Griffels verwischest, was du mit dem unteren spitzen in die Wachstafel gegraben hast).
"Satir." II, (wahrscheinlich 30 v. Chr.) 1, 27 steht:
" ... quot capitum vivunt, totidem studiorum Milia"--
woraus mit Anlehnung an des Terenz ("Phormio" 2, 4) "Quot homines, tot sententiae" gebildet wurde:
*Quot capita, tot sensus!*
So viel Köpfe (es giebt), so viele Meinungen (giebt es);
II, 2, 17 u. 18:
--cum sale panis Latrantem stomachum bene leniet,
"Brot mit Salz wird den bellenden Magen gut besänftigen",
woraus wir entnehmen:
*Bellender* _oder_ *knurrender Magen.*
II, 3, 243 lesen wir von den Söhnen eines Reichen, die das Teuerste, Nachtigallen, massenhaft zu vertilgen liebten:
*Par nobile fratrum,*
Ein edles Brüderpaar, so wie man höhnisch sagt: "ein Paar nette Burschen!"
II, 6, 1 steht:
*Hoc erat in votis;*
Dies gehörte zu meinen Wünschen!
II, 6, 49:
*Fortunae filius,*
*Sohn des Glücks* _oder_ *Glückskind.--*
Die "Episteln" des Horaz bieten I (ersch. 20 od. 19 v. Chr.) 1, 14:
*Iurare in verba magistri,*
Auf des Meisters Worte schwören;
I, 1, 54:
(O cives, cives, quaerenda pecunia primum est;) *Virtus post nummos;*
Bürger, o Bürger, ihr müsset zunächst Reichtümer erstreben; Tugend erst nach dem Gelde!
I, 1, 76 nennt ~Horaz~ das römische Volk:
belua multorum capitum,
*Ein vielköpfiges Ungeheuer,*
oder wie wir auch übersetzen hören:
*eine vielköpfige Bestie;*
I, 2, 14:
*Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi;*
Wie auch immer die Könige (Agamemnon und Achilles) wüten, die Griechen, sie büssen's (d.h. das Volk büsst es);
I, 2, 16:
*Iliacos intra muros peccatur et extra;*
G'rade wie drinnen in Ilions Burg wird draussen gefrevelt;
I, 2, 40:
*Dimidium facti, qui coepit, habet;*
wer nur begann, der hat schon halb vollendet,
was dem bei Aristoteles viermal (s. im Index von Bonitz "ἥμισυ") vorkommenden Sprichwort ("ἡ ἀρχὴ ἥμισυ παντός", "der Anfang ist die Hälfte des Ganzen") nachgebildet ist, welches Lucian ("Hermotimos" 3) fälschlich dem Hesiod zuschreibt, während es Jamblichus dem Pythagoras ("Leben d. Pyth." 29) zuweist. Der horazische Vers schliesst mit den Worten (vrgl. Kap. X.: Theognis):
*Sapere aude*
Wage es, weise zu sein!
I, 2, 62:
*Ira furor brevis est;*
Der Zorn ist eine kurze Raserei;
I, 2, 69:
*Quo semel est imbuta recens, servabit odorem Testa diu.*
Lange wird neues Geschirr noch ~danach~ riechen, womit man's Füllte zuerst.
I, 6, 67 enthält:
*Si quid novisti rectius istis, Candidus imperti; si non, his utere mecum;*
Wenn du was Besseres weisst, als dies hier, Teil' es mir redlich mit; wenn nicht, so benutze, wie ich, dies;
was an des ~Isokrates~ (436-339 v. Chr.) Wort anklingt ("Ad Nicocl." § 39): "χρῶ τοῖς εἰρημένοις, ἢ ζήτει βελτίω τούτων". "Benutze das Gesagte, oder suche etwas Besseres, als dies!"
I, 10, 24:
*Naturam expollas furca; tamen usque recurret;*
Treibst du Natur mit dem Knüppel auch aus, sie kommt doch zurück stets,*
(s. Kap. V: "Chassez le naturel etc.").--
I, 11, 27:
*Caelum non animum mutant, qui trans mare currunt;*
Wer über See geht, der wechselt das Klima und nicht den Charakter;
~Horaz~ entlehnte diesen Gedanken den Griechen.
Schon ~Aeschines~ (in "Ctesiph." 78) sagte: "ὅστις ἐστὶν οἴκοι φαῦλος, οὐδέποτ' ἦν ἐν Μακεδονίᾳ καλὸς κἀγαθός· οὐ γὰρ τὸν τρόπον ἀλλὰ τὸν τόπον μετήλλαξεν"--"Wer daheim ein Feigling ist, war nie in Macedonien ein Held; denn er wechselte nicht den Charakter, sondern den Ort". Und vor ihm ~Bias~ (s. Stobaeus "Floril." p. 51 ed. Gessner): "Τόπων μεταβολαὶ οὔτε φρόνησιν διδάσκουσιν, οὔτε ἀφροσύνην ἀφαιροῦνται"--"Ortswechsel belehrt weder den Verstand, noch nimmt er Einem den Unverstand".--
I, 11, 28 bietet (vielleicht nach des Aristophanes "Fröschen", 1498, wo "διατριβὴ ἀργός", "faule Thätigkeit" vorkommt): "strenua ... inertia", woraus unser
*geschäftiger Müssiggang*
entsprungen ist, wenn wir es nicht aus des ~Phaedrus~ 2, 5 "occupata in otio" oder aus ~Senecas~ ("Üb. d. Kürze d. Leb." 11. g. E.) "desidiosa occupatio", (ebenda 12) "iners negotium", und ("Üb. d. Ruhe d. Seele" 12) "inquietam inertiam" herleiten wollen. Joh. Elias ~Schlegels~ Lustspiel "Der geschäftige Müssiggänger" (im vierten Bd. von Gottscheds "Deutscher Schaubühne ..." Lpz. 1743) machte das Wort in Deutschland geläufig.--
I, 12, 19 steht:
*Concordia discors*
Zwieträchtige Eintracht,
(_~Ovid~, "Metam." 1, 433 hat: discors concordia_);
I, 17, 35:
*Principibus placuisse viris, non ultima laus est,*
Wer den vorzüglichsten Männern gefiel, dess Ruhm ist gering nicht;
Danach schrieb ~Marcellinus~ in seinem Leben des "Thukydides" § 35: "ὁ γὰρ τοῖς ἀρίστοις ἐπαινούμενος καὶ κεκριμένην δόξαν λαβὼν ἀνάγραπτον εἰς τὸν ἔπειτα χρόνον κέκτηται τὴν τιμήν;" "Wer von den Besten gelobt wurde und diesem Lobe entsprach, dess Ruhm wird ewig unvergänglich sein"; und dann ~Schiller~ im "Prolog" (1798) zu "Wallensteins Lager":
(_Denn_) *wer den Besten seiner Zeit genug Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.--*
I, 17, 36 finden wir:
*Non cuivis homini contingit adire Corinthum;*
Nicht einem Jeglichen wird es zu Teil, nach Korinth zu gelangen;
(d.h. hier: das Höchste zu erreichen. Es ist die Übersetzung des griechischen Sprichworts "οὐ παντὸς ἀνδρὸς εἰς Κόρινθον ἔσθ' ὁ πλοῦς", dessen frivole Deutung man ~Gellius~ 1, 8, 4 nachlesen kann. Korinth bot aber auch ideale Genüsse und die Seefahrt von Rom dorthin war ein Wagnis. Daraufhin zielt der horazische Vers.)
I, 18, 71 steht:
*Et semel emissum volat irrevocabile verbum;*
Und, einmal entsandt, fliegt unwiderruflich das Wort hin.--
I, 18, 84 steht:
*Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet;*
Brennet des Nachbars Wand, so bist du selber gefährdet;
I, 19, 19:
*O imitatores, servum pecus;*
O Nachahmer, sklavisches Gezücht!--
Aus dem zweiten Buch der "Episteln", das in den letzten Lebensjahren des ~Horaz~ erschien, ist 2, 102:
*Genus irritabile vatum.*
Das reizbare Geschlecht der Dichter.--
Aus der "Kunst zu dichten" des ~Horaz~ entlehnen wir dem Verse 4 (mit leichter Umwandlung) den Vergleich für eine unharmonische Dichtung:
*Desinit in piscem mulier formosa superne;*
In einen Fischschwanz endet das oberhalb prachtvolle Weibsbild;
aus Vers 5:
*Risum teneatis, amici?*
Würdet Ihr, Freunde, Euch da des Lachens erwehren?
Vers 9 u. 10:
*Pictoribus atque poëtis Quidlibet audendi semper fuit aequa potestas,*
Maler und Dichter, erlaubt war stets euch jegliches Wagstück;
Vers 11:
*Hanc veniam petimusque damusque vicissim;*
Diese Vergünstigung fordern wir selbst und gewähren sie Ander'n;
als Citat wird dies ganz allgemein von gegenseitigen Diensten gebraucht; ~Horaz~ bezieht es auf die dichterischen Freiheiten, die er andern Poeten gestatten und sich selbst erlaubt wissen will;
aus Vers 19:
*non erat his locus;*
Das war hier nicht am Platze;
aus Vers 25 u. 26:
*Brevis esse laboro obscurus fio;*
Ich bemühe mich kurz zu sein und werde dunkel;
aus Vers 39 u. 40:
*Versate diu, quid ferre recusent, Quid valeant humeri;*
Überleget euch lang', was die Schultern verweigern, Was sie zu tragen vermögen;
Vers 78:
(_Grammatici certant, et_) *adhuc sub iudice lis est,*
Da sind die Forscher nicht eins, und der Streit hängt noch vor dem Richter,
woraus das übliche Scherzwort entsprungen sein mag:
*Darüber sind die Gelehrten noch nicht einig;*
aus Vers 97:
*sesquipedalia verba*
ellenlange Wörter.--
Vers 147 rühmt von Homer, dass er den trojanischen Krieg nicht
*ab ovo*
vom Ei (der Leda an, aus dem Helena hervorging),
d.h. "vom ersten, entlegensten Anfang" an zu erzählen beginne, sondern den Zuhörer (V. 148) sofort
*in medias res*
Mitten in die Dinge hinein
führe.--
Vers 173 nennt den Greis:
*Laudator temporis acti*
Lobredner der Vergangenheit.--
Aus Vers 276: "Dicitur et plaustris vexisse poemata Thespis" (Man sagt, dass Thespis seine Dramen auf Wagen umhergefahren habe) ist der
*Thespiskarren*
entlehnt. Doch irrt sich ~Horaz~ in seiner Angabe, da der Wagen der ältesten griechischen Komödie angehört, während Thespis der älteste attische Tragödiendichter war.--
Vers 333 steht:
*Aut prodesse volunt aut delectare poetae.*
Entweder wollen die Dichter uns nützlich sein oder ergötzen.
Vers 343 spricht ~Horaz~ vom Dichter:
(_Omne tulit punctum qui miscuit_) *utile dulci*
Jeglichen Beifall errang, wer Lust und Nutzen vereinte,
woraus die Redensart stammt:
*Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.*
Diese letzten Worte scheinen aus ~Polybius~ entlehnt zu sein, der (1, 4) sagt, man könne "aus der Geschichte ~zugleich Nutzen und Vergnügen~ schöpfen" ("ἅμα καὶ τὸ χρήσιμον καὶ τὸ τερπνὸν ἐκ τῆς ἱστορίας λαβεῖν").
(S. auch ~Lucian~ "Wie man Geschichte schreiben muss" 9, "Über den Tanz" 33, "Anacharsis" 6 u. 10.)--
Aus Vers 359:
Indignor, quandoque bonus dormitat Homerus.
Ich ärgere mich, wenn der vortreffliche Homer auch einmal schläft (d.h. im Ausdruck nachlässig ist)
wird fälschlich als eine Entschuldigung für Schlummerköpfe citiert:
*Quandoque bonus dormitat Homerus.*
Zuweilen schlummert ja selbst der vortreffliche Homer.--
Ebenso irrig ist oft aus Vers 361 das
*Ut pictura poësis: ...*
(Ein Gedicht gleicht darin einem Gemälde, dass ...)
herausgerissen citiert worden, als bedeute es: "Malerei und Poesie haben die gleichen Gesetze". (vrgl. Kap. X: "Simonides").--
Von einer Schrift, zu deren Lektüre man gern zurückkehrt, citiert man den Ausgang des 365. Verses:
*Decies repetita* (_poësis_) *placebit.*
Zehnmal wiederholt, wird sie gefallen.
Solche Schrift wird zu jenen gehören, deren Verfasser das berühmte:
*Nonumque prematur in annum,*
Und bis ins neunte Jahr muss sie verborgen bleiben (d.h. gefeilt werden),
den Ausgang des 388. Verses, beherzigt haben.--
Von Einem, der sich als Mann bewährt, sagen wir mit Vers 413:
*Multa tulit, fecitque puer, sudavit et alsit,*
Viel hat, in Hitze und Frost, schon als Kind er gethan und erlitten.--
* * * * *
Des *Livius* (59 v.-17 n. Chr.) Redewendung (4, 2, 11):
"potius sero, quam nunquam,"
(Lieber spät, als niemals),
citieren wir französisch:
*Mieux vaut tard, que jamais.--*
Im ~Livius~ steht (38, 25, 13): "cum iam plus in mora periculi quam in ordinibus conservandis praesidii esset, omnes passim in fugam effusi sunt"--"Als schon mehr Gefahr im Verzuge, als Hilfe im Aufrechterhalten der Heeresordnung lag, strömten Alle in planloser Flucht auseinander". Hieraus bildete sich das Wort:
*periculum in mora,*
*Gefahr im Verzuge.*
39, 26, 9 enthält das Drohwort "nondum omnium dierum solem occidisse"--"es sei noch nicht die Sonne aller Tage untergegangen", was wir kürzen zu:
*Es ist noch nicht aller Tage Abend.--*
* * * * *
Bei *Tibull* (54-19 v. Chr.) 2, 5, 23 steht:
*Roma aeterna.*
*Das ewige Rom.--*
* * * * *
*Propertius* (48-16 v. Chr.) bietet uns 2, 10, 5-6:
"Quod si deficiant vires audacia certe Laus erit: *in magnis et voluisse sat est,"*
Wenn auch die Kräfte versagen, so wird doch das kühne Beginnen Rühmlich sein: schon genügt's, hat man nur Grosses gewollt.
Joh. ~Agricola~ von Eisleben ("Terent. Andria" Berl. 1544, d. 4, 1) nennt dies eine Sentenz Platonis. Wieso?--Anklingt ~Tibulls~ (4, 1, 7): "Est nobis voluisse satis"--"Uns genügt's, gewollt zu haben".--
Aus des ~Propertius~ Pentameter (3, 21, 10):
Quantum oculis, animo tam procul ibit amor,
Wie aus den Augen sie schwand, schwand auch die Lieb' aus dem Sinn,
scheint herzurühren:
*Aus den Augen, aus dem Sinn.--*
* * * * *
Aus dem Pentameter des *Ovid* (43 v.-17 n. Chr.) "Heroiden" 13, 84: "Bella gerant alii! Protesilaus amet" ist offenbar das berühmte Distichon entstanden:
*Bella gerant alii! tu, felix Austria, nube! Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus!*
Kriegführ'n lasse die Andren! du, glückliches *Österreich*, freie! Mehrer des Reiches ist Mars Anderen, Venus nur dir!