Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 25

Chapter 253,383 wordsPublic domain

*Theophrast* (um 372-287 v. Chr.) pflegte (nach Diogen. Laërt. V. 2 n. 10, 40) zu sagen: "πολυτελὲς ἀνάλωμα εἶναι τὸν χρόνον", "Zeit sei eine kostbare Ausgabe". Hieraus scheint hergeleitet:

*Zeit ist Geld,*

was wir auch englisch ausdrücken:

*Time is money.*

In Bacons "Essayes" ("Of Dispatch" 1620) heisst es: "Time is the measure of business, as money is of wares: and business is bought at a deare hand, where there is small dispatch" (Zeit ist der Arbeitmesser, wie Geld der Waarenmesser ist: und Arbeit wird teuer, wenn man nicht sehr eilt).--

* * * * *

Der Redner *Pytheas* (um 340 v. Chr.) sagte (nach Plutarch "Staatslehren" 6 n. "Demosthenes" 8, sowie nach

Aelian "variae hist." 7, 7) von den Reden des von ihm unaufhörlich angefeindeten Demosthenes, dass sie "nach Lampendochten röchen" (ἐλλυχνίων ὄζειν) und noch heute sagen wir

*nach der Lampe riechen*

von jeder litterarischen Arbeit, welche ohne Anmut der Form nächtliches Studium verrät.--

* * * * *

Bei ~Stobäus~ (Serm. LXVI, p. 419. Gesn.) finden wir des *Menander* (342-290 v. Chr.):

Τὸ γαμεῖν, ἐάν τις τὴν ἀλήθειαν σκοπῇ, Κακὸν μέν ἐστιν, ἀλλ' ἀναγκαῖον κακόν.

Heiraten ist, wenn man die Wahrheit prüft, Ein Übel, aber ein

*notwendiges Übel.*

~Malum necessarium~, die lat. Übersetzung, steht in des ~Lampridius~ (4. Jahrh. n. Chr.) "Alexander Severus" 46.--

~Plutarch~ überliefert uns in der "Trostrede an Apollonius", dessen Sohn gestorben war, (p. 119'e; cap. 34) den Vers des ~Menander~:

"*Ὃν οἱ θεοὶ φιλοῦσιν ἀποθνήσκει νέος*",

den ~Plautus~ ("Bacch." 4, 7, 18) also übersetzt:

"quem di diligunt adolescens moritur"

und der bei uns zu lauten pflegt:

*Wen die Götter lieben, der stirbt jung.--*

~Menanders~ Wort "ἀνεῤῥίφθω κύβος" ("der Würfel falle!"--Überl. v. Athenäus XIII, p. 559 c.) citierte ~Cäsar~, als er 49 v. Chr. den Rubicon überschritt, in griechischer Sprache, wie Plutarch ("Pompeius", 60 und "Ausspr. v. Kön. u. Feldh.") ausdrücklich hervorhebt. Sueton hingegen lässt ihn lateinisch sagen ("Caesar" 32):

*Alea iacta est!*

*Der Würfel ist gefallen!*

(Erasmus verbessert: "Iacta esto alea!" "Der Würfel falle!") Huttens Wahlspruch (s. Kap. III) "Jacta est alea" hat hier seine Quelle.--

Die 422. Gnome der "Monostichen" des ~Menander~

*Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται*

*Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen*

stellte ~Goethe~ als Motto vor den 1. Teil seiner Selbstbiographie.--

Eine Komödie ~Menanders~

*Ἑαυτὸν τιμωρούμενος*

kam auf uns durch des ~Terenz~ Komödie

*Heautontimorumenos,*

"Der Selbstpeiniger".

* * * * *

Die nach ~Diogenes Laërtius~ (VII, 1 n. 19, 23) von dem Stoiker *Zeno* (geb. 340 v. Chr.) aufgestellte (von ~Porphyrius~ im "Leben des Pythagoras" aber auf diesen zurückgeführte, in ~Plutarchs~ Schrift "Die Menge der Freunde" und in dem ~Pseudo-Aristotelischen~ Buch "Magna Moralia" II, 15 citierte) Definition des Freundes "Ἄλλος ἐγώ" wenden wir an in der lateinischen und deutschen Form:

*Alter ego,*

*Ein zweites Ich.*

Bei ~Cicero~ findet sich "me alterum" "ad. fam." 7, 5, 1; "ad Attic." 3, 15, 4; 4, 1, 7; "Alterum me" "ad fam." 2, 15, 4; "verus amicus est tanquam alter idem" "de amic." 21, 80; bei Ausonius "alter ego" praef. 2, 42 (4. Jahrh. n. Chr.). Der griechische Romanschreiber ~Eustathius~ [6. Jahrh.? 12. Jahrh.?] sagt dreist von sich: "Ein zweites Ich; denn also bezeichne ich den Freund". ~Hercher~ "Erotici Graeci" 2, p. 164, 25; vrgl. 165, 18. Späterhin nahm "Alter ego" die Bedeutung eines Stellvertreters der souveränen Gewalt an.--

* * * * *

Am Schlusse jeder Beweisführung des Mathematikers *Euklid* (bl. um 300 v. Chr.) heisst es:

ὅπερ ἔδει δεῖξαι,

*quod erat demonstrandum,*

was zu beweisen war.--

Des (um 270 v. Chr. bl.) Philosophen *Bion* Witz: "Εὔκολον τὴν εἰς Ἅιδου ὁδόν· καταμύοντας γοῦν κατιέναι", "der Weg zum Hades ist leicht; man kommt ja mit geschlossenen Augen hinab" (s. Diog. Laërt. IV, c. 7, n. 3, § 49) wird von uns in der kürzeren Form des Vergil citiert ("Aen." 6, 126):

*Facilis descensus Averno,*

Das Hinabsteigen in die Unterwelt ist leicht;

worauf dann folgt, dass das Wiederauftauchen daraus schwer sei.--

* * * * *

*Philo Judaeus* († 54 n. Chr.) sagt ("de migr. Abrahami" 15, p. 449, Mangey) von den ägyptischen Zauberern: "ἀπατᾶν δοκοῦντες ἀπατῶνται" (sie glaubten zu betrügen und wurden betrogen). Danach schreibt der gern citierende Apostel ~Paulus~ im 2. Briefe an Thimotheus 3, 13 auch von den Magiern Ägyptens: "Mit den bösen Menschen aber und verführerischen wird es je länger je ärger, "verführen und werden verführt" ("πλανῶντες καὶ πλανώμενοι"). Dann sagt ~Porphyrius~ in seines Lehrers Plotin Leben (16): "οἳ--ἐξηπάτων καὶ αὐτοὶ ἠπατημένοι" ("die betrogen und selbst betrogen waren") und ~Augustinus~ ("Bekenntnisse" 7, 2): "deceptos illos et deceptores", und G. E. ~Lessing~ ("Nathan" 3, 7) verdeutschte in der Parabel von den drei Ringen das Wort also:

*Betrogene Betrüger.*

{vrgl. ~Margarete von Navarra~ in dem 1543 erschienenen "Heptameron" Novelle 1, 6, 15, 23, 25, 28, 45, 51, 62; ~Cardanus~ († 1576) "De subtilitate", 1663, III, 551; ~Cervantes~ "Don Quijote" 2, 33 (1615) u.s.w.; ~Moses Mendelssohn~ ("Ges. Schr.", 1843, III, 115; Brief vom 9. 2. 1770 an Bonnet über eine Sekte): "Wollen wir sagen, dass alle ihre Zeugen Betrogene und Betrüger sind?" Eine komische Oper von Guilet et Gaveaux (1799) heisst "Le trompeur trompé".}--

* * * * *

Flavius *Josephus* (37 n. Chr.--nach 93) sagt in seiner Schrift "Gegen Apion" (II, 16) von Moses im Gegensatze zu Minos: "Ὁ δὲ ἡμετέρος νομοθέτης εἰς μὲν τούτων οὐδοτιοῦν ἀπεῖδεν, ὡς δ' ἄν τις εἴποι βιασάμενος τὸν λόγον,

θεοκρατίαν

ἀπέδειξε τὸ πολίτευμα, Θεῷ τὴν ἀρχὴν καὶ τὸ κράτος ἀναθείς"--"Unser Gesetzgeber richtete jedoch auf Alles Dieses gar nicht sein Augenmerk; er machte die Staatsverfassung zu einer

*Theokratie*

(Gottesherrschaft), wenn man sich so gewaltsam ausdrücken darf, indem er Gott die obrigkeitliche Macht beilegte".--

* * * * *

Einen Spruch des *Epiktet* (geb. um 50 n. Chr.) teilt ~Aulus Gellius~ 17, 19, 6 in der lateinischen Form mit:

*Sustine et abstine,*

ἀνέχου καὶ ἀπέχου,

*Leide und meide.--*

* * * * *

*Plutarch* (geb. um 50 n. Chr., † 120 n. Chr.) erzählt in seiner Biographie des L. ~Aemilius Paullus~ (Kap. 5), dass dieser sich aus unbekannten Gründen von seiner Gattin, Papiria, habe scheiden lassen. Plutarch vermutet, dass der Scheidungsgrund ein ähnlicher gewesen sei, wie derjenige eines gewissen Römers. Dieser habe sein Weib fortgeschickt und alsdann auf die Fragen seiner Freunde: "Ist sie denn nicht sittsam? Nicht schön von Gestalt? Schenkte sie Dir denn keine Kinder?" ihnen seinen Schuh hingestreckt und gefragt: "Ist er nicht fein? Ist er nicht neu? Aber Niemand von Euch sieht, an welcher Stelle mein Fuss gedrückt wird, (οὐκ ἂν εἰδείη τὶς ὑμῶν. καθ' ὅτι θλίβεται μέρος οὑμὸς πούς)". Hierauf fusst die Stelle des ~Hieronymus~ (adv. Jovin. 1, 48): "Legimus quendam apud Romanos nobilem, cum eum amici arguerent, quare uxorem formosam et castam et divitem repudiasset, protendisse pedem et dixisse eis: Et hic soccus, quem cernitis, videtur vobis novus et elegans, sed nemo scit praeter me, ~ubi me premat~." Hier findet sich zuerst das bekannte Bild unseres Sprachschatzes:

*Nicht wissen* _und_ *wissen, wo Einen der Schuh drückt.--*

Durch *Lucian*s (um 160 n. Chr.) Abhandlung "wie man Geschichte schreiben müsse" wurde die thracische Stadt

*Abdera*

für immer als lächerlich gebrandmarkt; und sie wurde als solche in Deutschland berühmt durch ~Wielands~ im "teutschen Merkur" 1774, 1. und 2. erschienene "Geschichte der

*Abderiten".--*

* * * * *

Bei *Sextus Empiricus* (Ende des 2. Jahrh. n. Chr.; "Adversus mathematicos", 287; Imm. Bekker, Berl. 1842; S. 665) steht:

ὀψὲ θεῶν ἀλέουσι μύλοι, ἀλέουσι δὲ λεπτά.

Lange zwar mahlen die Mühlen der Götter, doch mahlen sie Feinmehl. (Ähnlich in "Orac. Sibyll." 8, 14. ed. Friedlieb, Lpz. 1852.)

In Eiseleins "Sprichwörtern" wird das Wort ohne jeglichen Beleg auf ~Plutarch~ zurückgeführt. ~Sebastian Franck~ ("Sprichwörter", 1541, II, 119'b) führt an: "Sero molunt deorum molae, Gottes Mühl stehet oft lang still" und "die Götter mahlen oder scheren einen langsam, aber wohl", ferner einige Zeilen weiter unten "Der Götter Mühl machen langsam Mehl, aber wohl", und ~Logau~ (1654) III, 2, 24 macht daraus:

*Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein.* (Ob aus Langmut er sich säumet, bringt mit Schärf er alles ein.)

Daraus dürfte die bekannte Redensart: "Langsam, aber sicher" entstanden sein.--

* * * * *

*Plotin* († 270 n. Chr.) bereichert unsere Sprache um zwei "geflügelte Worte". Wir lesen bei ihm (Enn. I, 6 p. 57; Ausg. v. Kirchhoff I, S. 12): "οὐ γὰρ πώποτε εἶδεν ὀφθαλμὸς ἥλιον, ἡλιοειδὴς μὴ γεγενημένος, οὐδὲ τὸ καλὸν ἂν ἴδοι ψυχὴ μὴ καλὴ γενομένη", "Nie hätte das Auge je die Sonne gesehen, wäre es nicht selbst sonnenhafter Natur; und wenn die Seele nicht schön ist, kann sie das Schöne nicht sehen". Hieraus stammt

*Schöne Seele*

und der ~Goethe~sche Vers (1823. "Zahme Xenien". Bd. 3):

*Wär' nicht das Auge sonnenhaft, Die Sonne könnt' es nie erblicken.*

Mit diesem Gedanken lehnte ~Plotin~ sich an ~Plato~ an, der in seinem "Staat" p. 508 sagt: "Das Gesicht ist nicht die Sonne ... aber das sonnenähnlichste ... unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung", und der ebenda weiter unten "Erkenntnis und Wahrheit, wie Licht und Gesicht, für sonnenartig" erklärt.--

* * * * *

*Julianus Apostata* (331-363 n. Chr.) meint (oratio VI ed. Ez. Spanhemius, 1696, p. 184), "es dürfe nicht Wunder nehmen, dass wir zu der, gleich der Wahrheit, einen und einzigen Philosophie auf den verschiedensten Wegen gelangen. Denn auch wenn Einer nach Athen reisen wolle, so könne er dahin segeln oder gehen und zwar könne er als Wanderer die Heerstrassen benutzen oder die Fusssteige und Richtwege und als Schiffer könne er die Küsten entlang fahren oder wie Nestor das Meer durchschneiden". Damals galt noch Athen als Ziel der Gebildeten, später wurde es Rom. "Es führen viele Wege nach Athen" liegt im obigen Satz und mochte sich in das uns geläufige Wort verwandeln:

*Es führen viele Wege nach Rom,*

wofür jedoch sichere Belege noch zu suchen sind.--

* * * * *

*Proclus* (412, 485 n. Chr.) nennt in seinem Commentar zu Platos "Timaeus" (154c) den "οὐρανός" (Himmel) die

*πέμπτη οὐσία*

*Quintessenz*

(Das fünfte Seiende)

und auch in dem "Leben des Aristoteles" von ~Ammonius~ (Westermann, "vitarum scriptores Graeci minores", 1845, p. 401) wird die "εʹ οὐσία" erwähnt. Damit ist nach Aristoteles ("De mundo", Kap. 2) der Äther gemeint, der dort "ein anderes Element als die vier, ein göttliches, unvergängliches" genannt wird. (Aristot. "Meteor." 1, 3; "de coelo", 1, 3; "de gen. an.", 2, 3.) Proclus ist die Quelle für das Wort. Viel später jedoch wurde der heut damit verknüpfte Begriff des feinsten Extrakts, der innersten Wesenheit oder des Kerns einer Sache in dies Wort hineingelegt. ~Raimundus Lullus~ gab 1541 sein Buch "De secretis naturae sive Quinta essentia" heraus, in dem er zu Anfang des zweiten Teiles diese "Quintessenz" als Allheilmittel preist, und 1570 erschien Leonhart ~Thurneysser~ zum Thurns "Quinta essentia, das ist die höchste Subtilitet, Krafft und Wirkung ... der Medicina und Alchemia" ... In der Vorrede stellt er die "Quinta Essentz Olea" neben den "Stein der Weisen", den "lapis philosophorum". Im 13. Buch nennt er sich einen Schüler des Theophrastus ~Paracelsus~, der also der Vater des Schwindels mit der "Quintessenz" sein wird, wie er so manchen anderen Schwindels Vater gewesen ist.--

XI.

Geflügelte Worte aus lateinischen Schriftstellern.[63]

[Fußnote 63: Aus diesem Kapitel (15. Aufl.) ging A. ~Otto~'s Werk hervor: "Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer" (Lpzg., Teubner, 1890), eine vortreffliche Arbeit, der dieses Buch manchen wertvollen Aufschluss verdankte.]

*Jeder ist seines Glückes Schmied*

ist nach der dem ~Sallust~ zugeschriebenen Schrift "de republica ordinanda" 1, 1, wo es heisst: "quod in carminibus Appius ait, fabrum esse suae quemque fortunae", auf ~Appius~ *Claudius* (Consul 307 v. Chr.) zurückzuführen. ~Plautus~ ("Trin." 2, 2, 84: "sapiens ipse fingit fortunam sibi") schreibt diese Fähigkeit nur dem Weisen zu; während ein von Cornelius ~Nepos~ (Atticus 11, 6) mitgeteilter Jambus eines Unbekannten wiederum aussagt:

*Sui cuique mores fingunt fortunam* (_hominibus_).

Jedes Menschen Glück schmiedet ihm sein Charakter.--

* * * * *

Als Citatenquelle ist *Plautus* (um 254-184 v. Chr.) zu erwähnen mit:

*Nomen atque omen,*

Name und zugleich Vorbedeutung,

aus dem "Persa", 4, 4, 74, und mit dem ebenda 4, 7, 19 vorkommenden, von ~Terenz~ im "Phormio" 3, 3, 8 angewendeten

*Sapienti sat* (_est)!_

Für den Verständigen genug!

(d.h. für ihn bedarf es keiner weiteren Erklärung).--

*Oleum et operam perdidi*

Öl und Mühe habe ich verschwendet

kommt in des ~Plautus~ "Poenulus" 1, 2, 119 vor und wird dort von einer Dirne gebraucht, die sich vergebens hat putzen und salben lassen. ~Cicero~ überträgt es auf Gladiatoren ("Ad familiares" 7, 1); dann wird damit auf das verschwendete Öl der Studierlampe angespielt (Cicero "Ad Atticum" 13, 38; "Iuvenal" 7, 99).--

Allgemein bekannt ist auch des ~Plautus~ Komödientitel

*Miles gloriosus*

Der ruhmredige Kriegsmann.

Das Original dieses Stückes war von einem uns unbekannten griechischen Dichter und hiess "Ἀλαζών" ("der Marktschreier", "Aufschneider", "Gloriosus"), wie ~Plautus~ (2, 1, 8 u. 9) selbst bezeugt.--

*Summa summarum,*

Alles in allem,

finden wir zuerst bei ~Plautus~ ("Truculentus" 1, 1, 4).--

Im "Trinummus" (5, 2, 30) des ~Plautus~ heisst es:

*Tunica propior pallio.*

*Das Hemd ist mir näher als der Rock.--*

Bei ~Plautus~ ("Stichus" 5, 4, 52 "Casina" 2, 3, 32) kommt

*Ohe iam satis!*

Oh, schon genug!

vor, das sich auch bei ~Horaz~ (Sat. 1, 5, 12) und ~Martial~ (4, 91, 6 u. 9) findet.--

* * * * *

*Ennius* (239-169 v. Chr.) wird in ~Ciceros~ "Laelius" 17, 64 citiert mit:

*Amicus certus in re incerta cernitur,*

Den sicheren Freund erkennt man in unsicherer Sache.--

Schon ~Euripides~ (Hec. 1226) sagt ähnlich:

"Ἐν τοῖς κακοῖς γὰρ οἱ ἀγαθοὶ σαφέστατοι Φίλοι".

"Denn in der Not sind gute Freund' am sichersten".--

* * * * *

In 1, 1, 99 der "Andria" des *Terenz* (185-155 v. Chr.) erzählt Simo, wie er sich erst über des Sohnes Pamphilus Thränen beim Begräbnis einer Nachbarin gefreut, dann aber der Verstorbenen hübsche Schwester unter den Leidtragenden bemerkt habe ... "Das fiel mir gleich auf. Haha! Das ist's!

*Hinc illae lacrumae!"*

"Daher jene Thränen!"

Dies Wort wird bereits von ~Cicero~ ("pro Caelio", c. 25) und von ~Horaz~ ("Epistel" 1, 19, 41) citiert.--

Aus 1, 2, 23 der "Andria" des ~Terenz~ ist die Antwort des Davus:

*Davus sum, non Oedipus,*

Davus bin ich, nicht Ödipus,

d.h. "ich verstehe dich nicht, denn ich kann nicht so geschickt Rätsel lösen wie Ödipus".--

Aus der "Andria" 1, 3, 13:

Inceptio est amentium, haud amantium,

Ein Beginnen von Verdrehten ist's, nicht von Verliebten,

ist in den Gebrauch übergegangen:

*Amantes, amentes,*

Verliebt, verdreht,

was wohl zuerst in dem Titel des 1604 in 3. Auflage erschienenen Lustspiels "Amantes amentes" von ~Gabriel Rollenhagen~ vorkommt. "Amens amansque" (verdreht und verliebt) findet sich übrigens schon bei ~Plautus~ "Merc." Prolog. 81.--

Aus der "Andria" 2, 1, 10 und 14 ist:

*Tu si hic sis, aliter sentias,*

Wärst du an meiner Stelle, du würdest anders denken;

*Interim fit* (_eigentlich: fiet_) *aliquid;*

Unterdessen wird sich schon irgend etwas ereignen;

(in des Plautus "Mercator" 2, 4, 24 heisst es: aliquid fiet).--

Aus 3, 3, 23 sind die Worte:

*Amantium irae amoris integratio* (_est_)

Der Liebenden Streit die Liebe erneut,

eine Verschönerung des Menandrischen "ὀργὴ φιλούντων μικρὸν ἰσχύει χρόνον", "Nicht lange währt der Zorn der Liebenden" (s. Stobäus Serm. LXI, p. 386. 11); aus 4, 1, 12:

*proximus sum egomet mihi,

Jeder ist sich selbst der Nächste.--*

Aus dem "Eunuch" (Prolog 41) des ~Terenz~ stammt:

*Nullum est iam dictum, quod non sit dictum prius,*

Es giebt kein Wort mehr; das nicht schon früher gesagt ist;

(s. Goethe: "Wer kann was Dummes ...")--

Aus 4, 5, 6 kommt uns das damals schon sprichwörtliche

*Sine Cerere et Libero friget Venus*

Ohne Ceres und Bacchus bleibt Venus kalt.

Bereits ~Euripides~ sagte ("Bacchae", 773):

οἴνου δὲ μηκέτ' ὄντος, οὐκ ἔστιν Κύπρις.

Wo's keinen Wein mehr giebt, giebt's keine Liebe.--

In des ~Terenz~ "Heautontimorumenos" (s. auch unter: Menander) 1, 1, 25 heisst es:

*Homo sum; humani nihil a me alienum puto,*

Mensch bin ich; nichts, was menschlich, acht' ich mir als fremd.

Es liegt hier wohl zweifellos die Übersetzung eines, schon im Menanderschen Original befindlich gewesenen Wortes vor.--

Aus des ~Terenz~ "Adelphi" 4, 1, 21 citieren wir den erschreckten Ruf des Syrus, als er Ctesiphos Vater plötzlich erblickt, über den er gerade mit jenem spricht:

*Lupus in fabula!*

(~Cicero~ "ad. Attic." 13, 33 wendet das Wort an, das schon bei ~Plautus~ "Stich." 4, 1, 71 in der Form "ecce tibi lupum in sermone" vorkommt.) Zu übersetzen wäre: "Wenn man vom Wolf spricht, ist er nicht weit"; doch wollen andere Ausleger den Volksglauben der Alten hineinziehen, dass man beim Anblick eines Wolfes verstummen müsse (s. Voss z. Vergils Ecl. 9, 54 u. Meineke zu Theokrits Id. 14, 22), da ja auch die plötzliche Ankunft dessen, von dem wir reden, uns verstummen mache.--

"Adelphi" 4, 7, 21-23 heisst es:

"Ita vita est hominum, quasi, cum ludas tesseris; Si illud, quod maxume opus est iactu, non cadit, Illud quod cecidit forte, id arte ut corrigas".

"So gleicht des Menschen Leben einem Würfelspiel: Wenn just der Wurf, den man am meisten braucht nicht fällt, So korrigiert man, was der Zufall gab, durch Kunst".

Aus dieser Stelle stammt

*corriger la fortune*

"das Glück verbessern", d.h. "falsch spielen", was sich in ~Hamiltons~ 1713 erschienenen "Mém. d. Grammont" K. 2, in ~Prévosts~ "Manon Lescaut" (1743) 27, 1 und auch in ~Lessings~ "Minna von Barnhelm" (1767) 4, 2 findet.

~Molière~ (1663 "L'École des Femmes" 4, 8) hat "corriger le hazard" beim Würfelspiel, aber durch "bonne conduite". In ~Regnards~ "Le Joueur" (1696) 1, 10 weiss Toutabas, wenn's sein muss, "par un peu d'artifice d'un sort injurieux corriger la malice"; und in G. ~Furquhars~ "Sir Harry ~Wildair~" (1701) Akt 3 z. A. sagt "Monsieur Marquis" in seinem Kauderwelsch: "Fortune give de Anglis Man de Riches, but Nature give de France Man de Politique to correct unequal Distribution".--

*Duo cum faciunt idem, non est idem,*

Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe,

ist eine Verkürzung der Stelle "Adelphi" 5, 3, 37:

Duo cum idem faciunt, ..., Hoc licet impune facere huic, illi non licet.

Wenn zwei dasselbe thun, ... so darf der Eine es ungestraft thun, der Andere nicht.--

Aus des ~Terenz~ "Phormio" 1, 2, 18 stammt:

*Montes auri pollicens;*

_Berge Goldes_ *(goldene Berge) versprechen*(_d_).

Wenn ~Georg Ebers~ ("Ägypten in Bild und Wort" S. 17) den Komödiendichter ~Menander~ aus Athen an seine Geliebte schreiben lässt: "Ich habe von Ptolomäus ... Briefe ..., in denen er mir mit königlicher Freigebigkeit ~goldene Berge~ verspricht", so ist dies nur eine freie Übersetzung von "τῆς γῆς ἀγαθά, die Güter der Erde". In des ~Plautus~ "Miles gloriosus" 4, 2, 73 kommen aber schon "argenti montes", "Berge von Silber", vor und im "Stichus" 1, 1, 24-5 heisst es: "Neque ille sibi mereat Persarum montes, qui esse aurei perhibentur", "Und er möchte sich die Perserberge nicht erwerben, die von Gold sein sollen". Auch ~Varro~ (bei "Nonius" p. 379) singt von diesen Perserbergen:

"Non demunt animis curas ac religiones Persarum montes, non atria divitis Crassi";

"Weder die Berge der Perser, noch Hallen des prunkenden Crassus Können die Herzen befreien von Angst und von nagenden Skrupeln";

während der Perserkönig im ~Aristophanes~ ("Acharn." 81) nach achtmonatlichem Sitzen auf goldenen Bergen (ἐπὶ χρυσῶν ὀρῶν) eine Befreiung anderer Art fand. Es scheint, als deute unser Gudrunepos (vor 1200) mit seinem (V. 493) "und waere ein berc golt, den naeme ich niht dar umbe" auf eine gemeinsame indogermanische Quelle.--

Aus des ~Terenz~ "Phormio" 2, 2, 4 ist:

*Tute hoc intristi; tibi omne est exedendum,*

Du hast es eingerührt; Du musst es auch ganz ausessen;

aus 2, 4, 14:

*Quot homines, tot sententiae,*

So viel Leute, so viel Ansichten,

was schon ~Cicero~ ("De fin." 1, 5, 15) anführt, (vrgl. unten: Horaz "Sat." 2, 1, 27.)--

* * * * *

*Oderint, dum metuant,*

Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,

aus der Tragödie "Atreus" des *Accius* (170-104 v. Chr.), citierten bereits ~Cicero~ (1. "Philipp." 14, 34, "pr. Sest." 48, "de offic." 1, 28) und ~Seneca~ ("Üb. d. Zorn" 1, 20, 4; "Üb. d. Gnade" 1, 12, 4 u. 2, 2, 2). Nach ~Sueton~ ("Calig." 30) war es ein Lieblingswort des Kaisers Caligula.--

* * * * *

Bei *Lucilius* († 103 v. Chr.) steht (ed. Lachmann, Berl. 1877, v. 2, ebenso bei ~Persius~ 1, 2):

*Quis leget haec?*

Wer wird das (Zeug) lesen?--

Auch stammt nach ~Macrobius~ ("Saturnalien", 6, 1, 35)

*non omnia possumus omnes*

wir können nicht Alle Alles

von ~Lucilius~ her und wurde von ~Furius Antias~ citiert. ~Vergil~ verwendete es Ecloge 8, 63. ~Homer~ mag des Gedankens Vater sein, denn, dass ~einem~ Menschen nicht alle Gaben verliehen seien, spricht er öfters aus (s. "Iliade" 4, 320; 13, 729 u. "Odyssee" 8, 167).--

* * * * *

*Varro* (116-27 v. Chr.) "De lingua latina" VII, 32 (n. Otfr. Müllers Ausg.) sagt: "Sed canes, quod latratu signum dant, ut signa canunt, canes appellatae". Dies ist spöttisch umgestaltet worden zu:

*canis a non canendo*

Hund wird "canis" genannt, weil er nicht singt (non canit)

(s. Quintilians "lucus a non lucendo").--

Auch citieren wir das von ~Gellius~ (1, 22, 4 u. 13, 11, 1) als Titel einer ~Varro~nischen Schrift angeführte:

*Nescis, quid vesper serus vehat.*

Du weisst nicht, was der späte Abend bringt.--

* * * * *

*Cicero* (106-43 v. Chr.) nennt "pro Roscio Amerino", 29 die Mordgesellen, die zu Sullas Zeiten Gutsbesitzer ermordeten und dann deren Güter betrügerisch an sich zu bringen und vorteilhaft zu verschachern wussten:

sectores collorum et bonorum,

*Halsabschneider* _und_ *Güterschlächter.--*

Im Anfange der 1. Rede "in Catilinam" finden wir das auch bei Livius 6, 18 und bei Sallust "Catilina" 20, 9 vorkommende, ungeduldige

*Quousque tandem ...?*

Wie lange noch ...?--

In Ciceros "Catilina" 1, 1 (vrgl. Martial IX, 71); IV, 25, 56, sowie "pro rege Deiotaro" 11, 31 und "de domo sua" 53, 137 steht:

*O tempora! O mores!*

O Zeiten! O Sitten!

Im "Hofmeister" (1774) von R. ~Lenz~ citiert es (5, 10) der Schulmeister Wenzeslaus, und als Refrain von ~Geibels~ "Lied vom Krokodil" (1840) fand es die weiteste Verbreitung.--

In ~Ciceros~ "Catilina" 2, 1 findet sich:

*Abiit, excessit, evasit, erupit.*

Er ging, er machte sich fort, er entschlüpfte, er entrann.--

*Videant consules ne quid res publica detrimenti capiat,*

Die Konsuln mögen dafür sorgen, dass die Republik keinen Schaden leidet