Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 24

Chapter 243,103 wordsPublic domain

Diesem Spruch des von den Alten gern citierten Dichters mögen des ~Plautus~ Worte ("Aulul." 4, 10, 15) entstammen:

Factum illud: fieri infectum non potest,

Geschehen ist's: ungeschehen kann's nicht gemacht werden,

und ("Trucul." 4, 2, 21):

Stultus es, qui facta infecta facere verbis postules,

Dumm bist du, weil du Geschehenes durch Worte ungeschehen machen willst;

wir sagen danach:

*Geschehene Dinge lassen sich nicht ungeschehen machen* und:

*Geschehenes ungeschehen machen wollen.--*

* * * * *

Mit dem Klagelaut des sterbenden Singschwans ("Cycnus musicus" s. Brehms "Thierleben" 1879, II, 3 S. 446: "sein letztes Aufröcheln ist klangvoll wie jeder Ton, welchen er von sich giebt") vergleicht *Äschylus* (525-456 v. Chr.) eines Menschenkindes schwungvolle Worte vor dem Tode, indem er ("Agam." 1445) Klytämnestra von Kassandra sagen lässt:

"ἡ δέ τοι, κύκνου δίκην τὸν ὕστατον μέλψασα θανάσιμον γόον",

"Jene, die nach Art des Schwans Zu singen anhub letzten Todesklaggesang".

~Cicero~ wendet ("de orat." 3, 2, 6) denselben Vergleich auf L. Crassus an, der starb, kurz nachdem er eine Rede gehalten: "Illa tanquam cycnea fuit divini hominis vox"--"Das war gleichfalls die Schwanenstimme des göttlichen Menschen". Und so nennen wir die letzte Schöpfung eines dahingeschwundenen Geistes sein

*Schwanenlied*

oder seinen

*Schwanengesang.--*

* * * * *

*Pindar* (521-441 v. Chr.) bietet die Worte ("Olymp." 1, 1):

*Ἄριστον μὲν ὕδωρ,*

Das Beste ist das Wasser;

und ("Pyth." 8, 136, vrgl. unten Horaz "Od." IV, 7, 16 mit Anm.):

*Σκιᾶς ὄναρ ἄνθρωποι,*

Eines Schattens Traum (sind) die Menschen.--

Aus einem uns verlorenen Gesange ~Pindars~ hat sich ein Bruchstück erhalten (s. Boeckh: "Frgm." 151 und Plato: "Gorgias" 484 b), worin es mit Bezug auf die Tötung und Beraubung des Geryon durch Herkules heisst:

"νόμος ὁ πάντων βασιλεὺς θνατῶν τε καὶ ἀθανάτων ἄγει δικαιῶν τὸ βιαιότατον ὑπερτάτᾳ χειρί."

"Das Gesetz (sc. der Natur, das dem Stärkeren Recht giebt), der König über alle Sterblichen und Unsterblichen, waltet mit allmächtiger Hand, das Gewaltsamste billigend".

~Herodot~ (3, 38) citiert ausser dem Zusammenhang: "[ὀρθῶς μοι δοκέει Πίνδαρος ποιῆσαι νόμον πάντων βασιλέα φήσας εἶναι".--"Pindar scheint mir in seinem Dichten recht zu haben, wenn er sagt: 'das Herkommen ist König über Alle'"; und wiederum anders (7, 104): "ἔπεστι γάρ σφι δεσπότης νόμος ... (ἐπικρατέειν ἢ ἀπόλλυσθαι)"--"über ihnen steht nämlich als Despot das Gesetz (zu siegen oder zu sterben)". Diesen Stellen entsprang das Wort:

*Usus tyrannus,*

Der Brauch ist Tyrann,

was im Hinblick auf des ~Horaz~ ("A. P." 71-72) "usus Quem penes arbitrium est et ius et norma loquendi", "Über die Sprache verfügt der Gebrauch, Recht giebt er und Regel", gewöhnlich auf Sprachliches bezogen wird, wie denn schon Luther (29, S. 258) sagt: "Die natürliche Sprache ist Frau Kaiserin".--

* * * * *

Auf *Heraklit* (bl. um 500 v. Chr.) wird der bekannte Satz zurückgeführt, dass Alles ewig wechsle (vrgl. oben Kap. III: Börne):

*Πάντα ῥεῖ,*

Alles fliesst.

Nach ~Aristoteles~ "de coelo" 3, 1 (vrgl. "Metaph." 1, 6 n. "de anima" 2, 2), während er nach ~Plato~ ("Kratyl." 402 a.) gesagt haben soll: "πάντα χωρεῖ" ("Alles bewegt sich fort").--

* * * * *

*Sophokles* (496-406 v. Chr.) sagt im "Oedipus auf Kolonos" 1026-7:

"... τὰ γὰρ δόλῳ τῷ μὴ δικαίῳ κτήματ' οὐχὶ σώζεται".

Wir citieren dies nach ~Paulus Diaconus~ (p. 222. Muell.) aus ~Naevius~ († 204) also:

*Male parta male dilabuntur*

(vrgl. dasselbe bei ~Cicero~ "Philipp." II, 27 ohne Quellenangabe und ~Plautus~ "Poenulus" 4, 2, 22: "Male partum, male disperit") und auf Deutsch, aber aus den "Sprüchen ~Salomonis~" 10, 2 schöpfend, in der Form:

*Unrecht Gut gedeiht nicht.--*

Auch citieren wir den Anfang des herrlichsten Chors der "Antigone" (331-2) des ~Sophokles~:

*Πολλὰ τὰ δεινὰ, κοὐδὲν ἀν- θρώπου δεινότερον πέλει,*

Vieles Gewalt'ge lebt, und nichts Ist gewaltiger, als der Mensch;

sowie der Titelheldin sanftes Wort (516):

*Οὔ τοι συνέχθειν, ἀλλὰ συμφιλεῖν ἔφυν,*

*Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.--*

Die in dem Scholion zu des ~Sophokles~ "Antigone", 620, angeführten Verse eines ~unbekannten griechischen Tragikers~:

Ὅταν δ' ὁ δαίμων ἀνδρὶ πορσύνῃ κακά, Τὸν νοῦν ἔβλαψε πρῶτον, ᾧ βουλεύεται,

citieren wir in der schlecht lateinischen Form:

*Quos Deus perdere vult, dementat prius,*

Die, welche Gott verderben will, verblendet er vorher.

(~Velleius Paterculus~ II, 118: "Ita se res habet, ut plerumque fortunam mutaturus deus consilia corrumpat". ~Publilius Syrus~, 490 bei Ribbeck: "Stultum facit Fortuna, quem vult perdere".) Ein Fragment bei Lykurg advers. Leocratem § 92 lautet ähnlich:

ὅταν γὰρ ὀργὴ δαιμόνων βλάπτῃ τινά, τοῦτ' αὐτὸ πρῶτον ἐξαφαιρεῖται φρενῶν τὸν νοῦν τὸν ἐσθλόν.--

* * * * *

*Vier Elemente,*

Feuer, Wasser, Luft, Erde, stellte *Empedokles* (geb. 490 v. Chr.) in seinem Lehrgedichte "über die Natur" auf.--

* * * * *

*Herodot* (484-428 v. Chr.) sagt (2, 10), das Land zwischen den Gebirgen nördlich von Memphis sei einst ein Meerbusen gewesen, gerade wie das Gebiet um Ilion u.s.w., "wenn es erlaubt ist, so Kleines mit Grossem zu vergleichen"--"ὡς ... εἶναι σμικρὰ ταῦτα μεγάλοισι συμβαλεῖν", und er braucht dieselbe entschuldigende Wendung (4, 99; nur steht dort ταῦτα vor σμικρά), als er die Küste Skythiens mit der Attikas vergleicht. Daher rührt wohl ~Vergils~ Wort ("Georgica" 4, 176) gelegentlich des Vergleichs der Bienen-Arbeit mit der der blitzeschmiedenden Cyclopen:

*Si parva licet componere magnis,*

Wenn man Kleines mit Grossem vergleichen darf.

(vrgl. "Ecl." 1, 24; Ovid "Met." 5, 416-7 u. "Trist." 1, 3, 25 u. 1, 5, 28).--

Ebenso ist das übliche, die Glaubwürdigkeit beschränkende

*Relata refero*

(Ich erzähle Erzähltes)

auf ~Herodot~ zurückzuführen, der (7, 152) auseinandersetzt: "ἐγὼ δὲ ὀφείλω λέγειν τὰ λεγόμενα, πείθεσθαί γε μὲν οὐ παντάπασι ὀφείλω, καί μοι τοῦτο τὸ ἔπος ἐχέτω ἐς πάντα λόγον"--"mir liegt ob zu erzählen, was erzählt wird, aber mir liegt nicht immer ob es zu glauben; und dies Wort soll mir bei Allem gelten, was ich erzähle" (vrgl. dieselbe Vorsicht 1, 183; 4, 173, 187, 195; 6, 137).--

* * * * *

In des *Euripides* (480-406 v. Chr.) "Orestes" 234 schlägt Elektra dem kranken Bruder vor aufzustehen, denn:

μεταβολὴ πάντων γλυκύ

Abwechselung ist immer angenehm,

was den Griechen "geflügelt" wurde: denn Aristoteles ("Nikom. Eth." 7, 15) citiert: "Abwechselung ist das Allerangenehmste, wie der Dichter sagt" ("μεταβολὴ δὲ πάντων γλυκύτατον κατὰ τὸν ποιητήν").

Als Übersetzung dieses Wortes lässt sich aus der nachchristlichen römischen Litteratur (s. Valerius Maximus II, 10 ext. I; Phädrus II, Prolog 10; Justinus "Praefatio")

varietas delectat[62]

herleiten; wir aber citieren:

*variatio delectat,*

Abwechselung ergötzt,

was sich nirgends findet. Der muntere Dichter und Komponist August Schäffer († 1879) irrt, wenn er eins seiner Lieder beginnt:

"Delectat variatio Das steht schon im Horatio".--

[Fußnote 62: So wird es richtig citiert in Hans Clauerts "wercklichen Historien" (1591, cap. XV) und mit dem Zusatz versehen: "Wie der Teuffel sagt, da er Buttermilch mit einer Mistgabel ass".]

In des ~Euripides~ "Iphigenie in Tauris" (568) sagt Orest, er lebe unglücklich:

κοὐδαμοῦ καὶ πανταχοῦ,

Sowohl nirgends als auch überall;

~Seneca~ schreibt ("epist." 2, 2):

Nusquam est, qui ubique est,

Nirgends lebt, wer überall lebt;

~Martial~ (7, 73, 6):

Quisquis ubique habitat, ... nusquam habitat,

Wer überall haust, haust nirgends;

Und so sagen wir denn:

*Überall und nirgends sein.--*

* * * * *

Ein Vers des Dichters und pythagoräischen Philosophen *Epicharmus* (5. Jahrh. v. Chr.) findet sich im pseudoplatonischen "Axiochus" 366 und in des Äschines "Dialogen" III, 6 also verstümmelt:

Ἁ δὲ χεὶρ τὰν χεῖρα νίζει· δός τι, καὶ λαβέ τι

Die Hand wäscht die Hand: Gieb etwas und nimm etwas.

Liest man den Schluss mit C. Fr. Hermann ("Gesch. d. plat. Philos." S. 306) "λάβοις τί κα" "so magst du auch etwas kriegen", so ergiebt sich der gute Sinn des Goetheschen "Wie du mir, so ich dir". Schon bei den Griechen wurde "χεὶρ χεῖρα νίπτει" geflügeltes Wort (s. Menander "Monostich." 543 und die Stellen S. 274 im "Epicharm." von Lorenz Berl. 1884). Wir citieren es nach ~Senecas~ "Verkürbissung des Claudius" und ~Petronius~ c. 45 lateinisch in der Form:

*manus manum lavat*

und übersetzen:

*Eine Hand wäscht die andere.--*

* * * * *

Die Worte des (401 v. Chr. †) *Choerilos* von Samos (s. Kinkel. "Frgm. Epic. Graec." I, p. 271. fr. 10; 1877):

Πέτρην κοιλαίνει ῥανὶς ὕδατος ἐνδελεχείῃ

*Der Tropfen höhlt den Stein* (_durch Beharrlichkeit_)

citieren wir auch in der lateinischen Form

*Gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo*

Der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch häufiges Niederfallen.

Ovid ("ex Ponto" 4, 10, 5) singt: "Gutta cavat lapidem" ... fährt dann aber fort "consumitur annulus usu" ("der Ring wird durch den Gebrauch abgenutzt"). Das "non vi sed saepe cadendo" war schon im 16. Jahrh. bekannt, da es folgende Verse hervorrief, welche sich in Giordano Brunos Lustspiel "Il candelajo" ("Der Lichtzieher", 1582) III, 6 finden:

"Gutta cavat lapidem, non bis sed saepe cadendo:

Sic homo fit sapiens, bis non sed saepe legendo".

("Der Tropfen höhlt den Stein, nicht durch zweimaligen, sondern durch öfteren Fall: so wird der Mensch weise, nicht durch zweimaliges, sondern durch öfteres Lesen").--

* * * * *

Ein Wort des *Sokrates* (469-399 v. Chr.) in Xenophons Memorabilien 1, 3, 5, das ~Cicero~ "de finibus" 2, 28, 90 in der Form "cibi condimentum est fames" (Hunger ist der Speise Würze) mitteilt, erscheint schon im 13. Jahrh. im Deutschen. In ~Freidanks~ "Bescheidenheit" (Wilh. Grimms "Vridanc", 39) heisst es bereits unter "Von dem Hunger":

*Der Hunger ist der beste Koch.--*

Nach ~Sokrates~ (s. Cornificius "ad. Herenn." 4, 28, 39; Quintilian 9, 3, 85; Aulus Gellius 19, 2; Athenäus "Deipnos." 4, p. 158F; Diog. Laërtius II, 5, n. 16, 34: "ἔλεγε, τοὺς μὲν ἄλλους ἀνθρώπους ζῆν, ἵν' ἐσθίοιεν· αὑτὸν δὲ ἐσθίειν, ἵνα ζώῃ" "er sagte, andere Leute lebten, um zu essen; er aber esse, um zu leben") citieren wir auch

*Wir leben nicht, um zu essen; wir essen, um zu leben.--*

* * * * *

*Hippokrates* (um 460-370 v. Chr.) hat im Anfange der Schrift "Prognostikon" ein Menschenantlitz, auf dem sich die Kennzeichen des nahenden Todes einstellen, so vortrefflich zu schildern gewusst, dass man noch jetzt ein solches Gesicht

*Hippokratisches Gesicht*

*facies hippocratica*

nennt. Wer aber nannte es zuerst so?--

Den Anfang der "Aphorismen" des ~Hippokrates~ "Ὁ βίος βραχὺς, ἡ δὲ τέχνη μακρή" citieren wir in der lateinischen Form:

*Vita brevis, ars longa* (_vrgl. Seneca "de brev. v." 1_),

Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang;

und ebenso, den Schluss: "Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται, ὅσα σίδηρος οὐκ ἰῆται, πῦρ ἰῆται (ὅσα δὲ πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρὴ νομίζειν ἀνίατα)", das Motto von Schillers "Räubern":

"*Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat,

quae ferrum non sanat, ignis sanat.*

(Quae vero ignis non sanat, insanabilia reputari oportet")--"Was Arzneien nicht heilen, heilt das Messer; was das Messer nicht heilt, heilt Brennen; was aber Brennen nicht heilt, muss als unheilbar angesehen werden".--

* * * * *

Aus *Thucydides* (um 454-396 v. Chr.) 1, 22 ist bekannt:

Κτῆμα ἐς ἀεί

Ein Besitztum auf immer.--

2, 45 lässt ~Thucydides~ den Perikles zu den Witwen der gefallenen Athener Folgendes sprechen: "τῆς τε γὰρ ὑπαρχούσης φύσεως μὴ χείροσι γενέσθαι ὑμῖν μεγάλη ἡ δόξα καὶ ἦς ἂν ἐπ' ἐλάχιστον ἀρετῆς περὶ ἢ ψόγου ἐν τοῖς ἄρσεσι κλέος ἦ." "Ihr werdet grossen Ruhm ernten, wenn Ihr Euch nicht schwächer erweiset, als die Natur Euch schuf, und am meisten Die, von der unter den Männern im Guten wie im Bösen am Wenigsten gesprochen wird!" Dadurch wurde das Wort gebildet:

*Die beste Frau ist die, von der man am Wenigsten spricht.--*

* * * * *

Als in des *Aristophanes* (um 444-380) "Vögeln" unter dem Schwarm auch eine Eule herbeifliegt, fragt (V. 301) Euelpides: "τίς γλαῦκ' Ἀθήναζ' ἤγαγε"; "Wer hat die _Eule_ nach _Athen_ gebracht?" sc.: "wo schon so viele sind"; denn die Eule, kein seltener Vogel dort, war Athenes Wappentier und prangte auf den Münzen der Stadt, die (nach V. 1106: "Γλαῦκες ὑμᾶς οὔποτ' ἐπιλείψουσι" ... "An Eulen wird es euch nie mangeln") schlechtweg "Eulen" hiessen. So ward denn wohl

*Eulen nach Athen (tragen)*

im Sinne von "etwas Überflüssiges leisten" ein griechisches Sprichwort (vrgl. Suidas: "Γλαῦκα εἰς Ἀθήνας"), welches uns zum "geflügelten Wort" wurde durch ~Aristophanes~ und ~Cicero~ ("Γλαῦκ' εἰς Ἀθήνας" v. "Fam." 6, 3; 9, 3; "Quint. fr." 2, 16).--

V. 376 der "Vögel" des ~Aristophanes~:

ἀλλ' ἀπ' ἐχθρῶν δῆτα πολλὰ μανθάνουσιν οἱ σοφοί,

aber wer klug ist, der lernt fürwahr von dem Feinde gar Vieles

kürzt ~Ovid~ ("Metam." 4, 428) zu dem Schlagwort ab:

*Fas est et ab hoste doceri*

Recht ist's, auch vom Feinde zu lernen.--

Ebenfalls in des ~Aristophanes~ "Vögeln" (V. 821 u. sonst) wird die von den Vögeln in die Luft gebaute Stadt

νεφελοκοκκυγία

*Wolkenkukuksheim*

genannt, was gleichbedeutend mit "Phantasiegebilde" gebraucht wird.--

In des ~Aristophanes~ "Plutos" steht (1151):

πατρὶς γάρ ἐστι πᾶσ' ἵν' ἂν πράττῃ τις εὖ

Ein Vaterland ist jedes (Land), wo es einem gut geht.

(vrgl. die Parallelstellen bei Nauck: "Tragic. graec. fragm." S. 691). Dies lautet bei Cicero "Tusc." 5, 37 (verm. herrührend vom Tragiker ~Pacuvius~, † 130 v. Chr.)

Patria est, ubicunque est bene,

Das Vaterland ist allenthalben, wo es gut ist;

und hierin sehen wir die Quelle des als Kehrreim des Liedes "Froh bin ich und überall zu Hause" ("Gedichte" von Fr. Hückstädt, Rostock 1806. S. 144-5) bekannten Wortes:

*Ubi bene, ibi patria,*

Wo (es mir) gut (geht), da (ist mein) Vaterland.--

* * * * *

*Plato* (um 427-347 v. Chr.) sagt im "Phaedon" 91 c.: "ὑμεῖς μέντοι, ἂν ἐμοὶ πείθησθε, σμικρὸν φροντίσαντες Σωκράτους, τῆς δὲ ἀληθείας πολὺ μᾶλλον", "wenn ihr mir folget, so kümmert ihr euch um Sokrates ein wenig, viel mehr aber um die Wahrheit". Dieses Wort überliefert uns ~Ammonius~ ("Leben d. Aristot.") in der zugespitzten Form: "φίλος μὲν Σωκράτης, ἀλλὰ φιλτάτη ἡ ἀλήθεια", "Sokrates ist mir lieb, aber die Wahrheit am allerliebsten". Wir citieren es in lateinischer Sprache und setzen für "Sokrates" "Plato":

*Amicus Plato, sed magis amica veritas,*

Plato ist mir lieb, aber die Wahrheit ist mir noch lieber,

wie es sich schon in des ~Cervantes~ "Don Quijote" (c. 51. T. II, ersch. 1615) findet; während ~Luther~ ("de servo arbitrio" z. A.) schreibt: "Amicus Plato, amicus Socrates, sed praehonoranda (höher zu schätzen) veritas" (vrgl. Aristot. 1096, a, 14. Bekker).--

In "Tim. 26, e" stellt ~Plato~ "πλασθέντα μῦθον" "die erdichtete Fabel" und "ἀληθινὸν λόγον" "die wahre Überlieferung" einander gegenüber. Auch wendet er "μῦθος" und "λόγος" einzeln in demselben Sinne an, weshalb F. A. ~Wolf~ ("zu Platos Phaedon". Berl. 1811. S. 27) diese Worte mit

*Dichtung und Wahrheit*

übersetzte, indem er auf den gleichen Gebrauch in des Aristoteles "Poëtik" hinwies. Vor ihm hatte schon G. E. ~Lessing~ ("Vossische Zeitung" v. 12. Juni 1751) "Erdichtung und Wahrheit" und J. G. ~Jacobi~ (in d. Aufs. "Dichtkunst. Von der poetischen Wahrheit". S. 9 u. 17, mit dem er im Okt. 1774 die "Iris" eröffnete) den Ausdruck

*Wahrheit und Dichtung*

angewendet. ~Goethe~ nannte dann (1811) seine Lebensbeschreibung "Dichtung und Wahrheit", welcher Titel nach seinem Tode durch ~Riemer~ und ~Eckermann~ in "Wahrheit und Dichtung" keck verändert wurde.--

Aus ~Platos~ "Gorgias", 1, citieren wir das damals schon sprichwörtliche "κατόπιν ἑορτῆς" stets in der lateinischen Form:

*post festum,*

nach dem Fest,

d.h. "zu spät, wenn alles, weswegen man kommt, vorüber ist"; obgleich sich die Römer dieses Ausdrucks selbst nicht bedienten.--

*Platonische Liebe*

nennt man diejenige, welche sich zu der geliebten Person nicht durch Sinnenreiz hingezogen fühlt, sondern durch die Schönheit der Seele und des Charakters; platonisch heisst sie, weil ~Plato~ im "Gastmahl" sie von Pausanias also erklären lässt.--

*Deus ex machina*

beruht auf ~Plato~, der ("Kratylos", p. 425, D) den ~Sokrates~ sagen lässt: "wir müssten uns denn auch unsererseits mit der Sache so abfinden, wie die Tragödiendichter, die ihre Zuflucht zu den Maschinen nehmen, wenn sie in Verlegenheit sind, und die Götter herbeischweben lassen, indem wir sagten, die ursprünglichen Wörter hätten die Götter eingeführt und deshalb wären sie richtig".--

~Platos~ "Gesetze" rügen (p. 625), dass die meisten es nicht einsehen, "dass ihr Lebelang stets alle Städte mit allen Städten in beständigem Kriege wären", und es heisst ferner dort (pag. 626): "dass naturgemäss stets alle Städte mit allen Städten in unversöhnlichem Kriege wären", und nicht nur diese, sondern dass auch "Dorf gegen Dorf, Haus gegen Haus, Mensch gegen Mensch, ein Jeder gegen sich selbst Krieg führe", ja "dass Alle mit Allen auf Kriegsfuss seien" ("πολεμίους εἶναι πάντας πᾶσι"). Hiernach heisst es vielleicht bei ~Lucilius~ (Lachm. v. 1020):

"insidias facere, ut si hostes sint omnibus omnes",

"sie legen Fall'n, als wären Alle Allen Feind'",

und gewiss bei ~Hobbes~ ("De cive" .... als Mscpt. gedr. 1642, ersch. Amst. 1648 .... c. 1, 12):--"es ist unleugbar, dass Krieg der natürliche Zustand der Menschen war, bevor die Gesellschaft gebildet wurde, und zwar nicht einfach der Krieg, sondern der

*Krieg Aller gegen Alle",*

*Bellum omnium in omnes,*

während sich in seinem "Leviathan" (engl. Lond. 1651, latein. Amst. 1668) c. 18 der Ausdruck also wiederholt:

*Bellum omnium contra omnes.--*

* * * * *

*Kosmopolit*

*Weltbürger*

stammt nach ~Diogenes Laërtius~ VI, 2 n. 6, 63 von *Diogenes* dem Cyniker (412-323 v. Chr.), der auf die Frage, woher er sei, sich "κοσμοπολίτης" nannte.

~Cicero~ erzählt ("Tusc." 5, 37, 108): "Als Sokrates gefragt wurde, aus welchem Lande er sei, antwortete er: 'Aus der Welt'. Denn er hielt sich für einen Einwohner und Bürger der ganzen Welt". Dass dies Wort mit Unrecht auf Sokrates zurückgeführt wird, darüber vrgl. ~Zeller~ II, 1, p. 160'6 und 277'4. (3. Aufl., Lpz. 1875.)--

* * * * *

*Aristoteles* (384-322 v. Chr.) sagt uns, der Mensch (ἄνθρωπος) sei von Natur (φύσει) ein

*πολιτικὸν ζῷον* ("Polit." 1, 2), *ζῷον πολιτικόν* (3, 6),

*politisches Geschöpf, geselliges Wesen, geselliges Tier,*

"Der Mensch ein gesellicht Thier" ist die Überschrift eines Verses von Friedrich von ~Logau~ (Salomons von Golau Deutscher Sinngetichte. Drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654 ersch. Jedoch ohne Jahresangabe. 3. Tausend, 10. Hundert No. 95).--

~Aristoteles~ spricht ("Hist. animal." 6, 3) davon, dass sich im Weissen des Eies das Herz des werdenden Vogels "als ein Blutfleck" anzeige, "welcher Punkt, wie ein Lebewesen, hüpfe und springe" ("Στίγμη αἱματίνη ἐν τῷ λευκῷ ἡ καρδία· τοῦτο δὲ τὸ σημεῖον πηδᾷ καὶ κινεῖται, ὥσπερ ἔμψυχον"). Theodorus ~Gaza~ († 1478) übertrug die letzten Worte also: "quod ~punctum salit~ iam et movetur ut animal". Volcher ~Coiter~ ("Exercitat. anatom." Norib. 1573) citiert dies: "punctum salit", und dann nennen ~Aldovrandi~ ("Ornithol." Frcf. 1610; L. 14 c. 1) und W. ~Harvey~ ("Exercit. d. gener. anim." 17; Lond. 1651) "den hüpfenden Punkt", der sich (s. Schiller "Der Genius" 1795) "verborgen im Ei reget":

*punctum saliens,*

welch'

*springender Punkt*

("der Lebenspunkt, der Punkt, auf den Alles ankommt") von uns meistens übertragen auf das in geistiger Beziehung als Hauptsache Hervorspringende angewandt wird.--

Im ~Aristoteles~ ("De incessu animalium" cap. 2 n. 8) findet sich der Satz "Die Natur macht Nichts vergeblich" ([ἡ φύσις οὐδὲν ποιεῖ μάτην) (natura nihil frustra facit) und es scheint, als habe man zerstreuterweise hieraus das dann viel gebrauchte Wort mit völlig anderer Bedeutung gebildet:

*Natura non facit saltus*

*Die Natur macht keinen Sprung* (_wörtl. keine Sprünge_)

(vrgl. Linné "Philosophia botanica" 1751 unter 77); denn es wird (cap. 8) bald darauf das Springen (ἅλσις, ~saltus~) der Tiere besprochen.

Julius ~Frauenstädt~ leitet es irrig in seiner Einleitung von Schopenhauers "sämtl. Werken" (S. 22. 2. Aufl. Lpz. 1877) kurzweg aus obiger Aristotelesstelle her.--

Auf dem von ~Aristoteles~ ("Histor. animal." 8, 28) überlieferten Sprichworte: "ἀεὶ φέρει τι Λιβύη καινόν", "immer bringt Afrika etwas Neues" beruht:

*Quid novi ex Africa?*

Was giebt es Neues aus Afrika?

(vrgl. ~Aristot.~ "de generat. animal." 2, 5, ~Anaxilas~, Komödiendichter um 350 v. Chr. bei ~Athen.~ 14, p. 623 E., ~Plin.~ "Nat. hist." 8, 17: "vulgare Graeciae dictum: semper aliquid novi Africam afferre" und ~Nicephorus Gregoras~ [um 1350] "Histor. Byzant.", p. 805, 23, ed. Schopen).--

~Aristoteles~ ("de anima" 3, 4) sagt: "ὥσπερ ἐν γραμματείῳ ᾧ μηδὲν ὑπάρχει ἐντελεχείᾳ γεγραμμένον" ("wie auf einer Tafel, auf der wirklich nichts geschrieben ist"). Hierzu fügt Trendelenburg das Wort ~Alexanders aus Aphrodisias~ (um 200 v. Chr.): "ὁ νοῦς ... ἐοικὼς πινακίδι ἀγράφῳ" ("die Vernunft, einer unbeschriebenen Tafel gleichend"), das ~Plutarch~ "Aussprüche d. Philos". 4, 11 (χαρτίον, "Blatt" für "Tafel" setzend) den Stoikern zuschrieb. Wir citieren lateinisch

*Tabula rasa,*

abgewischte Schreibtafel;

was nach Prantl ("Gesch. d. Logik") zuerst bei ~Ägidius a Columnis~ († 1316) vorkommt.

"Tabellae rasae" lesen wir zwar schon bei ~Ovid~ ("Ars Amandi" 1, 437) aber ohne jene Beziehung auf Geistiges.--

~Aristoteles~ ("Problemata" 30, 1) fragt: "Διὰ τί πάντες ὅσοι περιττοὶ γεγόνασιν ἄνδρες, ἢ κατὰ φιλοσοφίαν, ἢ πολιτικὴν, ἢ ποίησιν, ἢ τέχνας, φαίνονται μελαγχολικοὶ ὄντες ..." "Woher kommt es, dass all' die Leute, die sich in der Philosophie, oder in der Politik, oder in der Poesie, oder in den Künsten auszeichneten, offenbar Melancholiker sind?" Hieraus bildete Seneca ("de tranquill, anim." 17, 10) den uns geläufigen Satz:

*Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.*

Es hat keinen grossen Geist ohne eine Beimischung von Wahnsinn gegeben.--

Im ~Aristoteles~ ("Oekonom." 1, 6) lesen wir: "Καὶ τὸ τοῦ Πέρσου, καὶ τὸ Λίβυος ἀπόφθεγμα εὖ ἂν ἔχοι· ὁ μὲν γὰρ ἐρωτηθεὶς τί μάλιστα ἵππον πιαίνει,

ὁ τοῦ δεσπότου ὀφθαλμὸς

ἔφη· ὁ δὲ Λίβυος, ἐρωτηθεὶς ποία κόπρος ἀρίστη, τὰ τοῦ δεσπότου ἴχνη, ἔφη." "Sowohl des Persers, wie des Libyers Ausspruch ist gut, denn Jener sagte auf die Frage, was ein Pferd am Besten mäste:

*Das Auge des Herrn;*

während der Libyer auf die Frage, welcher Dünger am Besten sei, sagte: des Herrn Fussstapfen". ~Columella~ (4, 18) vermengt diese Worte, indem er schreibt: "oculos et vestigia domini res agro saluberrimas", "die Augen und Fussstapfen des Herrn seien die heilsamsten Dinge für den Acker", und ~Plinius~ ("Nat. hist.", 18, 2) kürzt dies also: "majores fertilissimum in agro

*oculum domini*

esse dixerunt".--"Die Altvordern sagten, am fruchtbringendsten für den Acker sei das Auge des Herrn".--

Im ~Aristoteles~ ("Analyt." prior. B. 18 p. 66 ed. Bekker) steht: "Ὁ δὲ ψευδὴς λόγος γίνεται παρὰ τὸ πρῶτον ψεῦδος", "der falsche Satz entspringt dem falschen Grundgedanken" oder "die falsche Conclusion der falschen Prämisse". Hieraus stammt für "Grundirrtum"

*Das πρῶτον ψεῦδος,*

das wir jedoch nach dem Sprachgebrauch, der "ψεῦδος" nicht als "Irrtum" sondern als "absichtliche Täuschung" nimmt, oft als "Grundbetrug" oder "Urlüge" aufzufassen und theologisch anzuwenden geneigt sind.--

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