Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 23

Chapter 233,274 wordsPublic domain

*Woher der Männer?--*

Nach "Odyssee" 2, 94-109 sprechen wir von

*Penelopearbeit*

als einer stets von vorn beginnenden, nie fortschreitenden Arbeit. ~Penelope~ hatte ihren Bewerbern Gehör versprochen, sobald sie für ihren Schwiegervater Laertes ein Totengewand fertig gewebt haben würde, vernichtete aber bei Nacht, was sie den Tag über geschaffen hatte. Schon ~Plato~ ("Phaed." p. 84 A) citiert diese "Arbeit ohne Ende" ("ἀνήνυτον ἔργον").--

Auf "Odyssee" 3, 214-215:

"εἰπέ μοι ἠὲ ἑκὼν ὑποδάμνασαι, ἦ σέ γε ~λαοὶ~ ἐχθαίρουσ' ἀνὰ δῆμον ~ἐπισπόμενοι θεοῦ ὀμφῇ~",

"Sag', ob willig Du Dich demütigst, oder das ~Volk~ Dich Etwa hasst in dem Lande, ~befolgend die Stimme des Gottes?~"

beruht vielleicht

*Vox populi, vox Dei,*

*Volkes Stimme, Gottes Stimme,*

Eher stammt es jedoch aus ~Hesiods~ ("Werke u. Tage" 763-764. Ausg. Goettling):

"Φήμη δ' οὔ τις πάμπαν ἀπόλλυται, ἥντινα πολλοὶ Λαοὶ φημίζουσι. θεός νύ τις ἐστὶ καὶ αὐτή".

"Nie wird ganz ein Gerücht sich verlieren, das vielerlei Volkes Häufig im Munde geführt; denn ein Gott ist auch das Gerücht selbst".

~Aeschines~ ("c. Tim." 129) wendet diese Stelle an, ~Demosthenes~ ("d. fals. legat." 243) antwortet darauf und ~Aeschines~ ("d. fals. legat." 144) entgegnet ihm wiederum. Auch ~Aristoteles~ ("Nikom. Ethik" 1153b 27), ~Dio Chrysostomus~ (37 extr.) u.A. citieren die Verse ~Hesiods~, die also im Alterthum ein "geflügeltes Wort" waren. Schon Alcuin (735-804 n. Chr.) bekämpft das "Vox populi, vox Dei" ("Capitulare admonitionis ad Carolum". Baluzzi Miscell, I, p. 376, Paris 1678) also: Auf diejenigen muss man nicht hören, die zu sagen pflegen 'Volkes Stimme, Gottes Stimme', da die Lärmsucht des Pöbels immer dem Wahnsinn sehr nahe kommt".--

Der als Führer und Ratgeber des Telemach aus der "Odyssee" und wohl noch mehr aus ~Fénélons~ "Télémaque" bekannte

*Mentor*

gilt als Bezeichnung eines Erziehers.--

"Odyssee" 4, 349, 365, 384 und 401 taucht Proteus auf als

γέρων ἅλιος,

*Meergreis.*

(vrgl. die Vossische Übersetzung: der "untrügliche Greis des Meeres"; des "meerdurchwallenden Greises"; "ein Greis des salzigen Abgrunds"; "der untrügliche ~Meergreis~.")--

"Odyssee" 6, 208 und 14, 58 steht:

*δόσις δ' ὀλίγη τε φίλη τε,*

So gering die Gabe auch ist, so angenehm ist sie doch.--

Aus der Erzählung von der Hadesstrafe des Sisyphus ("Odyssee" 11, 593-600. S. unt. Kap. II, "Sisyphusarbeit") citiert man V. 598:

αὖτις ἔπειτα πέδονδε κυλίνδετο λᾶας ἀναιδής,

wieder entrollte darauf in die Eb'ne der schändliche Felsblock,

weil Voss (Musenalmanach für 1778 S. 149) die Tonmalerei des in lauter Daktylen dahinstürzenden Hexameters also wiedergeben zu müssen glaubte:

*Hurtig mit Donnergepolter* (_entrollte der tückische Marmor_),

und die drei ersten im griechischen Texte gar nicht vorhandenen Wörter dieser Übersetzung zum Citate geworden sind.

In der frühesten Form, wie sie ein Brief von Voss an Gleim vom 27. März 1777 aufbewahrt, finden wir:

"Und wie ein Wetter herunter entrollte der tückische Felsen."

Bernays fügt hinzu ("Homers Odyssee von J. H. Voss", Stuttg. 1881, S. LXI): "Es sei hier bemerkt, dass auch Pope diese Verse mit besonderer Anstrengung behandelt und ihnen das stärkste Mass sinnlich nachahmender Bewegung zu erteilen versucht hat:

"The huge round stone, resulting with a bound, Thunders impetuous down, and smokes along the ground."

Wie sehr auch Voss den Popeschen Homer verachtete und bespöttelte, zu seinem Donnergepolter liess er sich wahrscheinlich doch durch den Engländer verleiten".--

"Odyssee" 12, 208-12 enthält die Trostworte des Odysseus an seine Ruderer, die vor der Scylla erschrecken:

"ὦ φίλοι, οὐ γάρ πώ τι κακῶν ἀδαήμονες εἰμέν. ... καί που τῶνδε μνήσεσθαι ὀίω".

Freunde, wir sind ja bisher nicht ungeübt in Gefahren ... Und ich hoffe, wir werden uns einst auch dieser erinnern".

Die letzten Worte citieren wir nach ~Vergils~ leicht veränderter Wiedergabe ("Aen." 1, 203):

*... forsan et haec olim meminisse juvabit,*

Dereinst wird auch dieses vielleicht zur Erinnerungsfreude.--

"Odyssee" 17, 218 steht:

(κακὸς κακὸν ἡγηλάζει), ὡς αἰεὶ τὸν ὁμοῖον ἄγει θεὸς ὡς τὸν ὁμοῖον.

(Ein Taugenichts führet den andern), Wie doch stets den Gleichen ein Gott gesellet zum Gleichen!

Hieraus mag den Griechen das von ~Plato~ (Symp. 195b.) überlieferte Sprichwort "ὡς ὅμοιον ὁμοίῳ αἰεὶ πελάζει", entsprungen sein, was von ~Cicero~ (Cato M. 3, 7) mit "pares cum paribus facillime congregantur" wiedergegeben wird und von uns mit:

*Gleich und gleich gesellt sich gern.--*

Das Trostwort "Odyssee" 20, 18 lautet:

(Τέτλαθι δὴ κραδίη.) *καὶ κύντερον ἄλλο ποτ' ἔτλης.*

Dulde nur still, mein Herz! Schon Schnöderes hast du erduldet!

Horaz "Od." 1, 7, 30: "O fortes peioraque passi Mecum saepe viri, Nunc vino pellite curas"; "Sat." 2, 5, 21: "Et quondam maiora tuli"; u. Ovid. "Trist." 5, 11, 7: "Perfer et obdura".--

*Sardonisches Lachen*

stammt aus "Odyssee" 20, 301-2:

"μείδησε δὲ θυμῷ Σαρδάνιον μάλα τοῖον",

"er lächelte so recht sardonisch in sich hinein".

~Pausanias~ (X, 17, 7) meint, auf der Insel Sardo wachse ein Kraut, nach dessen Genuss man vor Lachen sterbe.--

* * * * *

*Hesiod* (9. Jahrh. v. Chr.) gebraucht:

Πλέον ἥμισυ παντός

*Die Hälfte ist mehr als das Ganze,*

(Vers 40, Ausg. ~Goettling~, des an seinen Bruder Perses gerichteten Gedichtes "Werke und Tage".) Hesiod und Perses hatten das väterliche Erbe unter sich geteilt; die ungerechten Richter, die den armen Poeten nötigten, die Hälfte seines Eigentums dem Perses zu überlassen, nennt er in jenem Verse: "Thoren! Sie wissen nicht, um wieviel die Hälfte mehr ist als das Ganze!" Denn Hesiod verwaltete den Rest seiner Habe so weise, dass er nichts eingebüsst zu haben schien, während sich des Bruders Vermögen durch Trägheit mehr und mehr verringerte.--

Ebenda, 289, bietet ~Hesiod~:

*Τῆς δ' ἀρετῆς ἱδρῶτα θεοὶ προπάροιθεν ἔθηκαν* (Ἀθάνατοι· μακρὸς δὲ καὶ ὄρθιος οἶμος ἐπ' αὐτὴν).

Schweiss verlangen die Götter, bevor wir die Tugend erreichen; Lang und steil ist der Pfad, der uns zu dem Gipfel hinanführt.--

Ebenda, 309, sagt Hesiod:

Ἔργον δ' οὐδὲν ὄνειδος.

*Arbeit schändet nicht.--*

* * * * *

Nach alter Rhapsodensitte (s. Demodokos bei Homer "Odyss." 8, 499) singt *Alkman* (bl. um 610 v. Chr.; frg. 31): "ἐγὼ δ' ἀείσομαι, ἐκ Διὸς ἀρχόμενος" (ich werde singen, von Zeus beginnend). Darnach lautet der Anfang der "Phainomena", eines Lehrgedichtes des ~Aratus~, so wie der Anfang des 17. Idylls seines Freundes ~Theokrit~ (bl. um 250 v. Chr.) "Ἐκ Διὸς ἀρχώμεσθα" (von Zeus lasst uns beginnen). ~Vergil~ "Eclogen", 3, 60 überträgt es mit:

*Ab Jove principium,*

was ~Statius~ (1. Jahrh. n. Chr.) im prosaischen Prooemium zum 1. Buch seiner "Silvae" und ~Calpurnius~ (1. Jahrh. n. Chr.) in Ecloge 4, 82 wiederholten.--

* * * * *

(Ἐξ ὄνυχος τὸν λέοντα γράφειν)

*Ex ungue leonem* (_pingere_),

(_Der Klaue nach den Löwen malen, d.h. aus einem Glied auf die ganze Gestalt schliessen_)

wird von ~Plutarch~ ("De defectu oraculorum", 3) auf *Alcäus* (bl. um 610 v. Chr.), von ~Lucian~ ("Hermotimus", 54) auf ~Phidias~ (geb. um 500 v. Chr.) zurückgeführt. Es findet sich sprichwörtlich schon bei dem Mimendichter ~Sophron~ aus Syrakus (5. Jahrh. v. Chr.).--

~Alcäus~ bezeichnet es zwar als Sprichwort, ist aber für uns die Quelle von

*Im Weine* (_liegt_) *die Wahrheit,*

was noch öfter in der lateinischen (nicht antiken) Form citiert wird:

*In vino veritas,*

denn er zuerst singt (frgm. 16, Bergk): "οἶνος ... ἀνθρώποις δίοπτρον"--"der Wein ist ein Spiegel für die Menschen" und (frgm. 57): "οἶνος, ὦ φίλε παῖ, καὶ ἀλάθεα ..." "Wein, liebes Kind, (wird) auch Wahrheit (genannt)".

Vrgl. Theognis (500): "ἀνδρὸς ... οἶνος ἔδειξε νόον"--"Wein offenbart des Menschen Sinn"; Äschylus (fragm. 13): "κάτοπτρον εἴδους χαλκός ἐστ', οἶνος δὲ νοῦ"--"des Wuchses Spiegel ist das Erz, der Wein des Sinns"; Ion (bei Athen. X, p. 477): "τῶν ἀγαθῶν βασιλεὺς οἶνος ἔδειξε φύσιν"--"Wein, der die Edlen beherrscht, deckte das Innerste auf"; Plato ("Symp." 33) nennt als Sprichwort: "οἶνος ... ἦν ἀληθής"--"der Wein ist wahr" (d.h. macht, dass man die Wahrheit sagt); Theokrit (29, 1) ebenfalls mit Anlehnung an Alcäus:

"Οἶνος, ὦ φίλε παῖ, λέγεται καὶ ἀλάθεα· Κἄμμε χρὴ μεθύοντας ἀλαθέας ἔμμεναι."

"Wahrheit nennet man auch, o geliebtester Knab', den Wein: Und so müssen wir nun, wie Betrunkene, wahr nur sein".

Auch Plinius ("N. H." XIV, 28): "vulgoque veritas iam attributa vino est"--"gewöhnlich wird dem Wein die Wahrheit zuerteilt"; ferner Plutarch ("Artaxerx." 15), Athenäus II, 6 p. 37 u.a.m.--

Ein Freudengesang des ~Alcäus~ (12, Schneidewin 20. B.) auf den Tod des Tyrannen von Lesbos, Myrsilos, beginnt:

Νῦν χρὴ μεθύσθην,

was wir nach ~Horaz~ (Od. I, 37, 1) lateinisch citieren:

*Nunc est bibendum,*

Jetzt muss getrunken werden!--

* * * * *

Bekannte Worte sind die Inschriften des Apollotempels in Delphi, das:

*γνῶθι σεαυτόν,*

*Erkenne dich selbst,*

*(Nosce te,*

wie Cicero, Tuscul. 1, 22, 52 übersetzt), das Einem der sieben Weisen, bald dem *Thales* (um 620 - 543 v. Chr.), bald dem *Chilon*, bald anderen zugeschrieben wird, und das von ~Terenz~ ("Andria" I, 1, 34) durch

*Ne quid nimis*

übersetzte, bald auf *Chilon*, bald auf *Solon* (um 640 - 559 v. Chr.), bald auf *Sokrates* (469-399 v. Chr.), endlich im allgemeinen auf die Sieben Weisen zurückgeführte

*μηδὲν ἄγαν,*

Nichts zu viel.

(~Diogenes Laërtius~ I, 1 n. 14, 41; I, 2 n. 16, 63; II, 5 n. 16, 32; IX, 11 n. 8, 71. vrgl. Theognis 219, 335 und 401.)--

*De mortuis nil nisi bene,*

Über die Toten (sprich) nur gut,

ist wahrscheinlich eine Übersetzung des von ~Diogenes Laërtius~ (I, 3 n. 2, 70) überlieferten Wortes des *Chilon*:

τὸν τεθνηκότα μὴ κακολογεῖν.

Doch führt ~Plutarch~ "Solon", c. 21 (Anfang) den Spruch in etwas anderer Form auf Solon zurück. ~Thucydides~ sagt II, 45: "τὸν γὰρ οὐκ ὄντα ἅπας εἴωθεν ἐπαινεῖν", "Den, der nicht mehr ist, pflegt Jeder zu loben".--

* * * * *

*Epimenides* aus Kreta (um 596 v. Chr.) galt den Alten als der Verfasser des Verses:

"Κρῆτες ἀεὶ ψεῦσται, κακὰ θηρία, γαστέρες, ἀργαί",

den Luther in der "Epistel S. Pauli an Titum" (1, 12) also übersetzt: "Die Creter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche". Danach sagen wir von einem trägen Schlemmer, er sei ein

*fauler Bauch.--*

* * * * *

In *Äsop*s (6. Jahrh. v. Chr.)[61] Fabel 27: "Der flöteblasende Fischer" (citiert wird hier stets die Halmsche Ausgabe) versucht ein Fischer erst vergeblich durch Flötenspiel die Fische an sich zu locken: dann greift er zum Netz und spricht, als sie nun vor ihm auf dem Strande hüpfen: "ὦ κάκιστα ζῶα, ὑμεῖς, ὅτε μὲν ηὔλουν, οὐκ ὠρχεῖσθε, νῦν δὲ ὅτε πέπαυμαι, τοῦτο πράττετε"--"O ihr schlechtes Getier, als ich flötete, wolltet ihr nicht tanzen, nun ich aber aufhöre, thut ihr's!" Diese Fabel erzählte Cyrus in Sardes höhnend den Gesandten der Ioner und Äoler, weil die Ioner, als er sie bitten liess, vom Krösus abzufallen, nicht auf ihn hörten, nun aber, da er die Herrschaft erlangt, gehorsamst bereit waren. Er schliesst: "Παύεσθέ μοι ὀρχεόμενοι, ἐπεὶ οὐδ' ἐμέο αὐλέοντος ἠθέλετε κβαίνειν ὀρχεόμενοι"--"Höret auf vor mir zu tanzen, denn als ich euch flötete, da wolltet ihr nicht herauskommen und tanzen!" (Herodot I, 141.) Der Evangelist ~Matthäus~ (11, 17; vrgl. Luk. 7, 32) kürzt das äsopische Wort also: "ηὐλήσαμεν ὑμῖν καὶ οὐκ ὠρχήσασθε". Und wir entnehmen aus Luthers Übersetzung "Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen" unser:

*Nach Jemandes Pfeife tanzen sollen.--*

[Fußnote 61: Die "geflügelten Worte" aus griechischen Fabeln sind zwar dem 6. Jahrh. unter Äsop eingereiht, aber es ist wohl möglich, dass keines von ihnen dem Fabelerzähler Äsop sein Dasein verdankt, da die auf uns gekommene Sammlung "äsopischer" Fabeln diesen Namen mit keinem besseren Rechte führt, als die der "anakreontischen" Gedichte den des Anakreon.]

Wie der Fuchs in ~Äsops~ Fabel (33 u. 33b) "Der Fuchs und die Trauben" sagen wir, das Misslingen unserer Pläne nicht der eigenen Unzulänglichkeit, sondern den Umständen zuschreibend:

*Die Trauben sind sauer,*

(ῥᾷγες ὀμφακίζουσι μάλα)

wenn sie für uns zu hoch hängen.--

Aus ~Äsops~ Fabel 97 "Der Bauer und die Schlange" und 97'b "Der Wanderer und die Natter" entlehnen wir:

*Eine Schlange am Busen nähren;*

(vrgl. Petron. 77: "tu viperam sub ala nutricas").--

Zu den äsopischen Fabeln (158) wird auch eine Erzählung des Sophisten ~Prodikus~ (bl. um 430 v. Chr.) in seinen "Horen" gerechnet, die wir in Xenophons "Denkwürdigkeiten" (2, 1, 21) durch den Mund des Sokrates erfahren, wonach Herkules als Jüngling in der Einöde zwei Wege vor sich sah, den zur Wollust und den zur Tugend, und lange zweifelte, welchen er einschlagen solle (vrgl. Cicero "de off." 1, 32). Wir citieren danach:

*Herkules am Scheidewege.--*

Aus ~Äsops~ Fabel (200) "Die Dohle und die Eule" und 200'b "Die Dohle und die Vögel" stammt:

*Sich mit fremden Federn schmücken.--*

In ~Äsops~ Fabel (203) "Der Prahler" und (203'b) "Der prahlerische Fünfkämpfer" rühmt sich jemand, dass er in Rhodus einst einen gewaltigen Sprung gethan, und beruft sich auf die Zeugen, welche es dort mit angesehen hätten. Einer der Umstehenden antwortet ihm: "Freund, wenn's wahr ist, brauchst du keine Zeugen. ~Hier ist Rhodus, hier springe~" (ἰδοὺ ἡ Ῥόδος, ἰδοὺ καὶ τὸ πήδημα), was lateinisch in der Form citiert wird:

*Hic Rhodus, hic salta.--*

Aus ~Äsops~ Fabel (232) "Der Hund und der Koch" wird kurz herausgegriffen:

*παθήματα--μαθήματα.*

*Leiden sind Lehren.*

vrgl. Paulus im Ebräerbriefe 5, 8: "ἔμαθεν ἀφ' ὧν ἔπαθε τὴν ὑπακοήν"--"er lernte an dem, was er litt, Gehorsam".--

Die 237b. Fabel "Die Hasen und die Frösche" schliesst: "ὁ μῦθος δηλοῖ· ὅτι οἱ δυστυχοῦντες ἐξ ἑτέρων χείρονα πασχόντων παραμυθοῦνται", "die Fabel lehrt, dass die Unglücklichen aus den schlimmeren Leiden Anderer Trost schöpfen" (vrgl. Thucyd. 7, 75; Seneca "Über den Trost, an Polybius" 31). Mit einer leichten Veränderung des Sinnes wurde hieraus im Mittelalter ein Hexameter gebildet, den wir bei ~Dominicus de Gravina~ ("Chronic. de reb. in Apul. gest. ab anno 1333-50", s. "Raccolta di varie croniche etc." Nap. 1781. II, 220) also citiert finden: "iuxta illud verbum poëticum: gaudium est miseris socios habuisse poenarum", "nach jenem Dichterwort: Wonne für Jeden im Leid ist Leidensgefährten zu haben". Dann bietet ~Marlowes~ "Faustus" (1580): "Solamen miseris socios habuisse doloris", "Trost für Jeden im Leid ist Schmerzensgefährten zu haben"; während die heute übliche, schon von Spinoza ("Ethik" 4, 57; ersch. 1677) als sprichwörtlich bezeichnete Form lautet:

*Solamen miseris socios habuisse malorum.*

Trost für Jeden im Leid ist Unglücksgefährten zu haben.--

Aus ~Äsops~ Fabel (240) "Die Löwin und der Fuchs" und (240'b) "Die Löwin" stammt:

*Eins, aber es ist ein Löwe.*

(ἕνα ... ἀλλὰ λέοντα.)--

In der 246. Fabel antwortet der Fuchs dem in der Höhle krank liegenden Löwen auf dessen Frage, warum er nicht näher trete: "ὅτι ὁρῶ ἴχνη πολλῶν εἰσιόντων, ὀλίγων δὲ ἐξιόντων", "weil ich die Spuren vieler Hineingehenden, aber weniger Hinausgehenden sehe". Schon Plato ("Alcib." I. p. 123 A) citiert diese Stelle und Horaz ("Epist." 1, 1, 74 nach ~Lucilius~ bei Nonius p. 303 u. 402) überträgt sie also: "Quia me vestigia terrent", "Omnia te adversum spectantia, nulla retrorsum", woraus sich das "geflügelte Wort" entwickelte:

*Vestigia terrent,*

Die Spuren (der verunglückten Vorgänger) schrecken ab.

So antwortete (nach Zincgref "Apophth.", Strassb. 1626. S. 49) Kaiser Rudolf I. auf die Frage, ob er nicht nach Rom reisen wolle, um die Salbung vom Papst zu empfangen: "Vestigia terrent". Gleich dem Fuchs in der Fabel wollte er nicht, wie seine Vorgänger,

*Sich in die Höhle des Löwen wagen.--*

Aus ~Äsops~ Fabel (258) "Der Löwe und der wilde Esel" und (260) "Der Löwe, der Esel und der Fuchs" entlehnen wir:

*Löwenanteil,*

d.h. den unverschämt grossen Anteil, den sich der Stärkere kraft des Rechts des Stärkeren zuspricht. Auf Grund dieser Fabel heisst in der Rechtswissenschaft (s. Lex. 29, § 2; Dig. pro socio 17, 2) ein Gesellschaftsvertrag, wonach der eine Teilnehmer allen Nachteil trägt, der andere allen Nutzen zieht, eine

*societas leonina.--*

Fabel 304 "Der verschwenderische Jüngling und die Schwalbe" erzählt, wie ein Jüngling, der seine Habe bis auf einen Mantel verthan, auch diesen verkaufte, als er die erste Schwalbe heimkehren sah, weil es nun schon Sommer sei (οἰόμενος ἤδη θέρος εἶναι). Danach aber fror es noch so, dass die Schwalbe tot blieb und der frierende Verschwender ihr Worte des Zornes über die Täuschung nachrief. Hieraus stammt wohl das von Aristoteles (Nik. Eth. I, 6) überlieferte Wort: "μία χελιδὼν ἔαρ οὐ ποιεῖ" "Eine Schwalbe macht keinen Frühling", welches wir, auf Äsop zurückgreifend, also citieren:

*Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.--*

Nach ~Athenäus~, 14, p. 616 E (vrgl. Plutarch "Agesilaos" 36) sagte der Ägypterkönig ~Tachos~ zum Spartanerkönig Agesilaos: Ὤδινεν ὄρος, Ζεῦς δ' ἐφοβεῖτο, τὸ δ' ἔτεκεν μῦν (der Berg kreisste, Zeus geriet in Angst, der Berg aber gebar eine Maus). ~Horaz~ machte daraus ("Ars poëtica", 139) auf die hochtrabend beginnenden Dichterlinge den Spottvers:

*Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.*

Wie das Gebirg' auch kreisst, es kommt nur 'ne schnurrige Maus 'raus,

(vrgl. ~Phädrus~ "Fabeln" IV. 22). Die erste Anwendung dieses wohl ursprünglich Äsopischen Wortes im Deutschen scheint am Ende des 12. Jahrh. in ~Hartmanns von der Aue~ "Erec", 9048, vorzukommen.--

* * * * *

Ein Wort des griechischen, ohne Habe aus seinem Vaterlande fliehenden Philosophen *Bias* (bl. um 570 v. Chr.) nahm der "Wandsbecker Bote" in der lateinischen Form:

*Omnia mea mecum porto*

Alles Meinige trage ich bei mir

zum Motto. ~Claudius~ veranstaltete dann eine Sammlung seiner Werke unter dem Titel "Asmus omnia sua secum portans oder: Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten", 8 Bde., Hamburg 1774-1812. ~Cicero~ "Paradoxa", 1, 1, 8 stellt die Worte so: "Omnia mecum porto mea". Bei ~Valerius Maximus~ 7, 2, externa, 3 heisst es: "ego, inquit, vero bona mea mecum porto". ~Seneca~ legt einen fast wörtlich, dem Sinne nach ganz gleichen Ausspruch dem Philosophen *Stilpon* (bl. um 300 v. Chr.) bei, im 9. Briefe und in der Schrift "Über die Standhaftigkeit der Weisen", Kap. 5 u. 6; so auch ~Plutarch~ "Über Seelenruhe", Kap. 17. (S. ~Zeller~ II, 1, p. 234'5.) ~Phädrus~ führt 4, 21 den Ausdruck auf den Dichter *Simonides* von Keos (556-469 v. Chr.) zurück, dem wir auch nach ~Claudians~ Verse ("Ep." 4, 9):

"Fors iuvat audentes, Cei sententia vatis",

"Wagende fördert das Glück, so sagte der Dichter von Keos",

(andere Lesart:

"Fors iuvat audaces, prisci sententia vatis",

"Herzhafte fördert das Glück, so sagte ein uralter Sänger")

mittelbar das

*Fortes fortuna adiuvat*

verdanken sollen, was sich zuerst bei ~Terenz~ ("Phormio" 1, 4), dann bei ~Cicero~ ("Tusc." 2, 4, 11; "de fin." 3, 4, 16 kurz weg "fortuna fortes") findet, dem ~Livius~ (34, 37) schon als altes Sprichwort gilt und ähnlich vom älteren ~Plinius~ ("Epist." 6, 16 des Neffen Plinius) citiert wurde bei Erforschung des Vesuvausbruchs, wobei er trotzdem sein Leben verlor.

vrgl. auch ~Ennius~ bei Macrobius 6, 6; ~Vergil~ "Aen." 10, 284; ~Tibull~ 1, 2, 16 ("fortes adiuvat ipsa Venus"); ~Livius~ 8, 29; ~Ovid~ "Ars am." 1, 608; "Met." 10, 586; "Fast." 2, 782, ~Seneca~ "Epist." 94 und oben ~Schillers~ "Dem Mutigen hilft Gott".--

Ferner nannte ~Simonides~ (nach Plutarch: "De Gloria Atheniensium" 3) "τὴν μὲν ζωγραφίαν ποίησιν σιωπῶσαν, τὴν δὲ ποίησιν ζωγραφίαν λαλοῦσαν", worüber Lessing in der Vorrede seines "Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poësie" bemerkt: "Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, dass

*die Malerei eine stumme Poësie und die Poësie eine redende Malerei*

sei, stand wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie ~Simonides~ mehrere hatte, dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, dass man das Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich führt, übersehen zu müssen glaubt".

Schon ~Plutarch~ gab (a.a.O.) die Erläuterung, beide Künste seien ("ὕλῃ καὶ τρόποις μιμήσεως") "in den Gegenständen wie in der Art der Nachahmung" verschieden.

~Goethes~ Satz (s. Eckermann "Gespräche" 23. März 1829), dass

*die Baukunst eine erstarrte Musik*

sei, hat wohl in des ~Simonides~ Worten seine Wurzel, wenn er auch zunächst durch Mdme de ~Staëls~ "Corinne" (1807) angeregt sein mag, die (4, 3) vor dem St. Petersdom ausruft: "La vue d'un tel monument est comme une musique continuelle et fixée ..." Nach ~Schelling~ ("Vorlesungen über Philosophie der Kunst" S. 576 und 593) würde der Satz lauten:

*Die Architektur ist die erstarrte Musik,*

und Schopenhauer lässt sich ("Die Welt als W. u. V." 2, 519) über das "Witzwort" aus, dass

*Architektur gefrorne Musik*

sei.--

* * * * *

*Sphärenharmonie (*_oder_ *Sphärenmusik)*

ist nach des *Pythagoras* (geb. um 582 v. Chr.) Annahme das Tönen der sich im Raume bewegenden Planeten. (~Zeller~ "Die Philos. d. Griech. in ihrer gesch. Entw." I, p. 398 ff. 4. Aufl. Lpzg. 1876).--

*Philosophie*

soll als technischer Ausdruck für die Wissenschaft der Philosophie (nach einer Angabe des Plato-Schülers Heraklides aus Pontus, deren historische Wahrheit jedoch bezweifelt wird) auch dem ~Pythagoras~ seine Entstehung verdanken (~Zeller~ a. a. O. I, p. 1 ff.).--

Nach Plutarch ("Über das Hören" 13) sagte ~Pythagoras~, ihm habe sich aus der Philosophie das "μηδὲν θαυμάζειν" ergeben, ein Lehrsatz, den wir nach ~Horaz~ ("Epist." 1, 6, 1) also citieren:

*Nil admirari!*

Nichts anstaunen!--

*Kosmos*

für "All", "Weltall" soll nach Diogenes Laërtius 8, 48 zuerst von den Pythagoräern gebraucht worden sein. (~Zeller~ a. a. O. I, p. 409'3, und "Doxographi Graeci" ed. H. Diels. Berlin 1879, p. 327'8). Eigentlich hiess "Κόσμος" "Ordnung", als welche den Pythagoräern aber das All erschien, da die Zahlen ihnen die Dinge waren und zugleich ein System bildeten.--

*Ipse dixit,*

Er selbst hat's gesagt,

das Cicero "de natura deorum", I, 5, 10 als das Wort überliefert, womit die Schüler des Pythagoras des Meisters Lehren priesen, ist uns in der lateinischen Form ebenso zur Hand, wie das griechische:

*αὐτὸς ἔφα,*

das der Scholiast zu Vers 196 der "Wolken" des ~Aristophanes~ erhalten hat.--

* * * * *

*Theognis* (bl. um 540 v. Chr.) bringt uns zuerst den Gedanken (V. 327-8):

ἁμαρτωλαὶ ... ἐν ἀνθρώποισιν ἕπονται θνητοῖς ...

Fehltritte haften den sterblichen Menschen an.

~Sophokles~ "Antig." 1023-4, ~Euripides~ "Hippol." 615 und ein unbekannter Tragiker (bei Nauck "frgm. poët. trag." 261) sagen dasselbe mit ähnlichen Worten, während es in dem Epigramm auf die bei Chäronea Gefallenen (V. 9 beim Demosthenes "pro corona" § 289) heisst: "μηδὲν ἁμαρτεῖν ἐστι θεῶν ..."--"In nichts irren ist eine Eigenschaft der Götter". Dann bietet ~Cicero~ ("Philipp." 12, 2): "Cuiusvis hominis est errare, nullius nisi insipientis in errore perseverare"--"Jeder Mensch kann irren, nur der Dumme im Irrtum verharren". Wir pflegen hiernach zu sagen:

*errare humanum est,*

*Irren ist menschlich.*

vrgl. Seneca Rhetor controvers. 4, 3 und Hieronymus epist. 57, 12: "errasse humanum est".--

Des ~Theognis~ (398):

τὸν δ' ἀγαθὸν (νόον) τολμᾶν χρή

gab wohl Horaz ("Epist." I, 2, 40) wieder mit seinem knappen:

*Sapere aude*

Wage es, weise zu sein!--

~Theognis~ (583) singt ferner:

*Ἀλλὰ τὰ μὲν προβέβηκεν, ἀμήχανόν ἐστι γενέσθαι Ἀργά· τὰ δ' ἐξοπίσω τῇ φυλακῇ μελέτω.*

Was nun einmal geschehen, lässt ungescheh'n niemals sich machen; Aber für Das, was da kommt, sorge mit wachsamem Sinn!