Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 22

Chapter 223,265 wordsPublic domain

"Es kommt darauf an, Wort durch Wort zu übersetzen, nicht eines durch mehrere zu umschreiben. Bemerken Sie sodann, dass "sentimental" ein neues Wort ist. War es Sterne erlaubt, sich ein neues Wort zu bilden, so muss es eben darum auch seinem Übersetzer erlaubt sein. Die Engländer hatten gar kein Adjectivum von 'sentiment', wir haben von 'Empfindung' mehr als eines: 'empfindlich, empfindbar, empfindungsreich', aber diese sagen alle etwas anderes. Wagen Sie 'empfindsam'! wenn eine mühsame Reise heisst, bei der viel Mühe ist, so kann ja auch eine empfindsame Reise heissen, bei der viel Empfindung war; ich will nicht sagen, dass Sie die Analogie ganz auf Ihrer Seite haben dürften. Aber was sich die Leser vor's erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen".

Lessing bildete also das Wort:

*empfindsam*

nach "sentimental", das er irrtümlich für eine Erfindung Sternes hielt. Noch 1769 braucht ~Herder~ in seinen "Kritischen Wäldern" stets "Empfindbarkeit".--

* * * * *

Aus ~Benjamin~ *Franklin*s (1706-90) "Weg zum Reichtum" ist:

*Three removes are as bad as a fire.*

Dreimal umziehen ist so gut, wie einmal abbrennen,

ebendaher ist:

*Early to bed and early to rise, Makes a man healthy, wealthy and wise,*

Früh zu Bett, früh auf der Reise, Macht gesund und reich und weise.--

* * * * *

Das gelegentlich einmal von Samuel *Johnson* (1709-84) gebrauchte und von seinem Biographen ~Boswell~ (im 66. Lebensjahre Johnsons) mitgeteilte

*Hell is paved with good intentions,*

Die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert,

führt ~Walter Scott~ in seinem Werke "Die Braut von Lammermoor" (1819), B. 1, Kap. 7 auf einen englischen Theologen zurück. Wahrscheinlich meint er Georg ~Herbert~ († 1632), der in "Iacula prudentum" (S. 11, Ausg. von 1651) denselben Gedanken in der Form:

Hell is full of good meaning and wishings

ausspricht. Wir sagen auch:

*Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.*

Vielleicht lehnt sich dies Wort an ~Jesus Sirach~ 21, 11: "Die Gottlosen gehen zwar auf einem feinen Pflaster, dess Ende der Höllen Abgrund ist".--

* * * * *

Oliver *Goldsmith* (1728-74) hat es schwerlich geahnt, dass die im zweiten Akt seiner Komödie "Der gutmütige Mann" (1760) vorkommenden Worte Loftys:

*Massregeln, nicht Menschen*

*Measures, not men*

einst ein mit Erbitterung angewendetes politisches Schlagwort werden würden. So sagt der Verfasser der "Juniusbriefe" in Unkunde über die Quelle des Citats: "Massregeln und nicht Menschen ist der gewöhnliche Ruf angeblicher Mässigung. Das ist eine elende Heuchelei, von Schurken aufgebracht und von Narren in Umlauf gesetzt"; und ~Burke~ in seinen "Gedanken über die Gründe der jetzigen Unzufriedenheit", 1773: "Von diesem Kaliber ist die heuchlerische Phrase: Massregeln, nicht Menschen, eine Art Zauberformel, wodurch manche sich jede Ehrenpflicht abschütteln".

Aus ~Goldsmiths~ "The Hermit", stanza 8, wird citiert:

*Man wants but little here below, Nor wants that little long,*

Hienieden braucht der Mensch nicht viel, Noch braucht er's lange Zeit,

während ~Young~ schon in "Nightthoughts" (1741) 14, 118 sagt:

Man wants but little, nor that little long.--

* * * * *

William *Cowper* (1731-1800) ist zu nennen wegen der im Gedichte "The task" (1785) Buch 4 enthaltenen Bezeichnung des Thees:

*The cups, That cheer, hut not inebriate.*

Die Schalen, Die erheitern, nicht berauschen.--

* * * * *

Richard Brinsley *Sheridan* (1751-1816) liefert uns den Titel seiner berühmten Komödie (1777), der auf so viele gesellige Vereinigungen angewendet wird:

*The school for scandal.*

_Die_ *Lästerschule.--*

* * * * *

Das bei Robert *Burns* (1759-96) in dem Gedichte: "Is there for honest poverty" vorkommende

For a' that and a' that

übersetzt ~Freiligrath~ mit:

*Trotz alledem und alledem.*

~Schmidt-Weissenfels~ sagt in einem biographischen Bei- und Nachtrag: "Lassalle und Freiligrath" ("Gegenwart" vom 26. Mai 1877):

"Wenn aus dem Briefwechsel in dieser Zeit noch etwas erwähnenswert ist, so ist es die sichtliche Liebhaberei, mit welcher Lassalle das Lieblingswort Freiligraths: 'Trotz alledem und alledem' darin mehrfach citiert. Freiligrath führte es schon in der glücklichen Poetenzeit, die er früher am Rhein verlebte, im Munde, hatte es dann nach Burns zum Titel und Gedankengang eines seiner leidenschaftlichsten revolutionären Gedichte[58] benutzt, und seitdem war es zu einem geflügelten Wort geworden. Aber eifersüchtig war der Dichter darauf, dass ihm das Urheberrecht daran gewahrt bleibe; auch trug es sein Siegel als Wahlspruch".--

[Fußnote 58: "Neuere politische und sociale Gedichte" von F. Freiligrath, Köln 1849. 1. Heft, S. 62. vrgl. auch Ferd. Freiligraths "ges. Dicht". Stuttg. Göschen, 1870, S. 44 und 172.]

* * * * *

William *Wordsworth* (1770-1850) bietet aus "My heart leaps up" das von ~Lewes~ zum Motto des ersten Buches von "Goethes Leben" auserkorene:

*The child is* (_the_) *father of the man.*

*Das Kind ist des Mannes Vater.--*

* * * * *

Aus Thomas *Campbell*s (1777-1844) "Lochiel's Warning" ist das von ~Byron~ als Motto für "Dantes Prophezeiung" gewählte:

(_'T is the sunset of life gives me mystical lore And_) *coming events cast their shadows before.*

(_Der Abend des Lebens giebt mir geheimnisvolle Weisheit, Und_) *künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.--*

* * * * *

Thomas *Moore* (1779-1852) beginnt ein schwermütiges Lied seiner "Irischen Melodieen" (1807-34):

"'tis the last rose of summer."

Danach nennen wir, ohne auf den Text weiter einzugehen, den holden Gegenstand der Liebesneigung eines bejahrten Herrn seine

*letzte Rose.--*

* * * * *

Aus Lord George *Byron*s (1783-1824) Tagebuche sind bekannt die von ihm mit Bezug auf den unerwarteten Erfolg der beiden ersten Gesänge seines "Childe Harold" geschriebenen Worte:

*I awoke one morning and found myself famous,*

Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt!

und aus "Childe Harold", 4, 79 citiert man die Bezeichnung als:

*Niobe of Nations.*

Niobe der Nationen.

In seinem "Don Juan" (11, 45 und 13, 49; ersch. 1823) giebt ~Byron~ als Zahl der Londoner höheren Schichte reicher hochnäsiger Nichtsthuer "etwa Viertausend" ("about twice two thousand") an und so (11, 54), auch nach Lanne, als die Zahl der "lebenden Schriftsteller": etwa "Zehntausend" ("ten thousand"). Vor ihm bezeichnete man die obere Schichte mit "the upper-crust", dann aber sagte man, wohl die erwähnten beiden Stellen des elften "Don Juan"--Gesanges vermengend, meistens:

*The upper ten thousand,* oder *The upper ten,*

*Die oberen Zehntausend.*

Oder wäre schon Edmund ~Burke~ hier als Quelle anzusehen? Dieser versteht nämlich (1793. "Remarks on the policy of the allies ..."; "Works", Lond. 1815 VII, p. 140-1) "ganz England" unter dessen 35000 Grundbesitzern und spricht von 10000 adligen Kavalleristen als von der Kraft Preussens, die 1792 gegen Frankreich zog.--

* * * * *

Washington *Irving* (1783-1859) veröffentlichte 1837 eine Skizze "The Creole Village", in der er den Wunsch ausspricht, es möge unter den unschuldigen Bewohnern dieses Dorfes

"the almighty dollar"

*der allmächtige Dollar*

immer verachtet bleiben. In "Wolfert's Roost and other Papers" (1855) brachte er dann die kleine Erzählung wieder und sagt in einer Anmerkung (p. 48), jener Ausdruck sei zuerst von ihm damals gebraucht und inzwischen landläufig geworden.--

* * * * *

Der Dichter und Komponist von (Tell me the tales that to me were so dear)

*Long, long, ago*

*Lang', lang' ist's her*

ist T. H. *Bayly* (Cramers Vocal Gems, No. 1).--

* * * * *

"The last of the Mohicans"

*Der letzte Mohikaner*

(1826), und

"The Path-Finder"

*Der Pfadfinder*

(1840) sind Romantitel James Fenimore *Cooper*s (1789-1851).--

* * * * *

Aus James Robinson *Planché*s (1796-1880) englischem, von Th. ~Hell~ verdeutschten Texte zu Karl Maria ~von Webers~ am 12. April 1826 in London zuerst aufgeführten "Oberon" stammt:

*Mein Hüon, mein Gatte!*

scherzhaft erweitert durch:

*Im Schlafrock von Watte!*

nach dem musikalischen Quodlibet "Fröhlich" (von L. ~Schneider~), das in den 30er Jahren in Berlin gegeben wurde, und in dessen 1. Akte der Oberon-Text also parodiert wird:

Alexander, mein Gatte, Im Schlafrock von Watte!--

* * * * *

Edward George Lytton *Bulwer* (1803-73) nennt die Deutschen in der Vorrede zu "Ernest Maltravers", London 1837, "das Volk der Dichter und Kritiker". Wir citieren gewöhnlich:

*Volk der Dichter und Denker.*

Vielleicht weckte diesen Gedanken Frau von ~Staël~, die in der Vorrede vom 1. Oktober 1813 zu ihrem Buche "De l'Allemagne" schreibt, sie habe vor drei Jahren Preussen und die umliegenden nordischen Länder "la patrie de la pensée" genannt.--

* * * * *

Aus dem Titel von Charles *Darwin*s (1809-82) Werk "On the origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured races in the

*struggle for life"*

(1859) sind die letzten Worte:

*Kampf ums Dasein*

ins Leben übergegangen. Angeregt zu diesem Schlagworte wurde Darwin durch ~Malthus~, der schon in seinem "Essay on the principles of population" (London 1798) von "struggle for existence" gesprochen hatte.

In der alten fünfaktigen Einteilung von Schillers "Wallensteins Tod" endete der dritte Akt mit einem, bei der neuen Einteilung fortgebliebenen Monologe Buttlers, in dem die Worte vorkommen:

"Nicht Grossmut ist der Geist der Welt, Krieg führt der Mensch, er liegt zu Feld, Muss um des Daseins schmalen Boden fechten".--

VII.

Geflügelte Worte aus italienischen Schriftstellern.

Der erste Vers von *Dante* ~Alighieris~ (1265-1321) "Göttlicher Komödie" ("Hölle" 1, 1) lautet:

*Nel mezzo del cammin di nostra vita,*

Auf halbem Wege dieser Lebensreise,

und der letzte Vers der Inschrift über der Höllenpforte ("Hölle" 3, 9):

*Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate*

Beim Eintritt hier lasst alle Hoffnung fahren!

Aus 5, 121 der "Hölle" citiert man:

*Nessun maggior dolore Che ricordarsi del tempo felice Nella miseria.*

Kein grössrer Schmerz ist denkbar, Als sich erinnern glücklich heit'rer Zeit Im Unglück.

Derselbe Gedanke findet sich bereits in des ~Boëtius~ († 524 oder 526 n. Chr.) "Tröstung der Philosophie", 2, 4, welche Schrift Dante gern las: "In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem", "Bei aller Schicksalstücke ist Glücklichgewesensein die unseligste Unglücksart".--

* * * * *

Rodomonte, wovon man

*Rodomontade*

ableitete, ist der Name eines heidnischen Helden in Lodovico *Ariosto*s (1474-1533) "Rasendem Roland" (ersch. 1515). Er ist dem des "Rodamonte" (Bergzertrümmerer) in ~Bojardos~ "Verliebtem Roland" (ersch. 1495) sinnzerstörend nachgebildet.--

* * * * *

*Furia Francese*

französischer Ungestüm

erscheint zuerst bei Antonius *de Arena* († 1544) "Ad compagnones", S. 11 und entstand wohl aus dem

*furor teutonicus*

deutscher Ungestüm

bei ~Lucanus~ († 65 v. Chr.) "Pharsalia", 1, 255. 256. Auch ~Petrarca~ († 1374), Canzone 5, v. 53 spricht von "tedesco furor".--

* * * * *

*Se non è vero, è* (_molto_) *ben trovato*

(Wenn es nicht wahr ist, ist es sehr gut erfunden)

steht in Giordano *Bruno*s (1550-1600) "Gli eroici furori" (Paris 1585, 2. T., 3. Dialog, vrgl. "Opere di Giordano Bruno", hrsg. von Ad. Wagner, Leipz. 1830, Bd. 1, S. 415). Doch gab hiermit ~Bruno~ nur einer schon vor ihm üblichen Wendung die knappere Form (s. Fumagalli "Chi l'ha detto?" 1895. S. 349).--

* * * * *

Aus ~Mozarts~ zuerst 1787 aufgeführtem "Don Juan", dessen italienischer Text von Lorenzo *Daponte* (1749-1838) verfasst und durch Friedr. ~Rochlitz~ verdeutscht wurde, stammt 1, 1 (s. "Gefl. Worte aus der Bibel": Offenb. Joh.):

*Keine Ruh' bei Tag und Nacht*

und:

*Das ertrage, wem's gefällt;*

sowie 1, 9:

*Reich' mir die Hand mein Leben!*

und 2, 6:

*Weiter* (_Sonst_) *hast du keine Schmerzen?*

was auch in der Form citiert wird:

*Hast du sonst noch Schmerzen?--*

* * * * *

*Cosi fan tutte*

(So machen's alle Weiber)

ist der Titel einer zuerst 1790 in Wien aufgeführten komischen Oper ~Mozarts~, deren Text auch von Lorenzo ~Daponte~ herrührt.--

* * * * *

*Mich fliehen alle Freuden,*

was oft travestiert wird, ist der Anfang eines Liedes aus dem komischen Singspiele "Die schöne Müllerin" (la molinara) von Giovanni *Paesiello* (1741-1816), das vermutlich Christian Gottlob ~Neefe~ (1748-98) übersetzt hat. Das italienische Lied beginnt:

"Nel cor più non mi sento

Brillar la gioventù".

Aus ~Rossinis~ zuerst 1813 in Venedig aufgeführtem "Tancred", Akt I, citieren wir:

*di tanti palpiti,*

*nach so langen Leiden.--*

Aus ~Donizettis~ zuerst 1836 in Neapel aufgeführter Oper "Belisar", deren italienischer Text nach Eduard ~von Schenks~ gleichnamigem Trauerspiel von Salvatore *Cammarano* gedichtet und von J. ~Hähnel~ verdeutscht wurde, wird citiert Akt 2. Sc. 3:

*Trema, Bisanzio!*

*Zitt're Byzanz!--*

VIII.

Geflügelte Worte aus spanischen Schriftstellern.

Einen närrischen Verfechter veralteter Anschauungen nennen wir einen

*Don Quijote,*

nach dem Titelhelden des Romanes von Miguel de *Cervantes* (1547-1616): "El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha" (1. T. 1605. 2. T. 1615). Nach dem Kampfross des Don Quijote nennen wir einen elenden Gaul eine (richtiger einen)

*Rosinante*

(spanisch: "Rocinante", zusammengesetzt aus "rocin", Klepper und "antes", früher). Don Quijote gab dem Pferde diesen Namen, weil dadurch ausgedrückt würde, was es einst als blosser Reitklepper gewesen, und was es jetzt als die Perle aller Rosse der Welt geworden wäre.

Nach der Erkorenen Don Quijotes bezeichnen wir eine Geliebte als

*Dulcinea;*

wir lassen verblendete Draufgänger, die Windmühlen für Riesen halten, wie Don Quijote (I, 8),

*mit Windmühlen kämpfen,*

(molinos de viento acometer)

und nennen einen Kopfhänger, wie Sancho Pansa (I, 19) seinen von Schlägen zerbläuten Herrn, einen

*Ritter von der traurigen Gestalt*

(El Caballero de la Triste Figura).--

* * * * *

Der Titel eines Lustspiels von Don Pedro *Calderon* (1600-81) ist:

"El secreto á voces",

wonach Carlo ~Gozzi~ (Venezia. Colombani 1772, Tom. 4) sein in Modena bereits 1769 gegebenes Stück

"Il pubblico secreto"

verfasste, das zuerst (1781) F. W. ~Gotter~ für uns bearbeitete, unter dem Titel:

"_Das_ *öffentliche Geheimnis*",

und später Karl ~Blum~ (1786-1844) unter dem Titel:

"_Das_ *laute Geheimnis*".

~Schiller~ citiert schon in einem Brief an Koerner (4. Sept. 1794): "Was man in einer Zeitung und auf dem Katheder sagt, ist immer ein öffentliches Geheimnis".--

Auch citieren wir deutsch ~Calderons~ Lustspieltitel "La vida es sueño":

*Das Leben ein Traum.--*

Von ~Calderon~ stammt auch (aus dem vor 1644 erschienenen Stück "In diesem Leben ist Alles wahr und Alles Lüge") der Ausspruch her:

Ultima razon de Reyes ...

"Das letzte Wort der Könige

(im Kriege sind Pulver und Kugeln").--Ludwig XIV. wählte hiernach für die französischen Geschütze (wohl um 1650, da sie sich nicht früher findet) die schlecht-lateinische Inschrift:

Ultima ratio regum,

welche durch Beschluss der Assemblée vom 17. Aug. 1796 verpönt wurde.--In Preussen tritt nach Preuss ("Oeuvres de Frédéric-le-Grand" XI, p. 118)

*Ultima ratio regis*

seit 1742 als Kanonen-Inschrift auf. Alle Bronzegeschütze Friedrichs des Grossen trugen sie, die eisernen aus Haltbarkeitsrücksichten nicht; weshalb sie bei den meistens eisernen Festungsgeschützen ganz fortblieb. Daher rührt es, dass heut die Inschrift nur bei preussischen Feldgeschützen vorkommt und nicht bei Festungsgeschützen, gleichviel ob sie aus Bronze, Eisen oder Stahl sind.--

IX.

Geflügelte Worte aus russischen Schriftstellern.

Iwan *Turgenjew* (1818-83) schreibt in den "Literatur- und Lebens-Erinnerungen" (VI.--"Deutsche Rundschau", Febr. 1884. S. 249 u. 253) über den Helden seines Romans "Väter und Söhne" (1862): "Die Figur des Basarow ist das Ebenbild eines jungen, kurz vor dem Jahre 1860 verstorbenen, in der Provinz lebenden Arztes, den ich kennen gelernt hatte, und in dem mir das verkörpert zu sein schien, was man später ~Nihilismus~ nannte". Und ferner: "Das von mir erfundene Wort

*Nihilist*

wurde von Vielen angegriffen, die nur auf eine Gelegenheit, einen Vorwand warteten, die Bewegung, die sich der russischen Gesellschaft bemächtigt hatte, aufzuhalten. Nicht im Sinne eines Vorwurfs, einer Kränkung hatte ich dieses Wort gebraucht, vielmehr als einzig richtigen Ausdruck für ein historisches Faktum; es wurde aber zu einem Werkzeuge falscher Anklagen--ja beinahe zu einem Brandmal der Schande gemacht".--

Allerdings gab ~Turgenjew~ dem Worte "Nihilist" seine heutige, auf die russischen Umstürzler allein bezügliche Bedeutung; aber erfunden hat er es ebensowenig, wie das Wort "Nihilismus". Schon i. J. 1799 schrieb Fr. H. ~Jacobi~ ("Werke" 3, 44) an Fichte, dass er den Idealismus in der Philosophie "Nihilismus" schelte; 1804 schrieb Jean Paul ("Vorschule der Aesthetik" Abt. I, § 4):

"Wenn der Nihilist das Besondere in das Allgemeine durchsichtig zerlässet und der Materialist das Allgemeine in das Besondere versteinert und verknöchert, so muss die lebendige Poesie eine solche Vereinigung beider verstehen und erreichen, dass jedes Individuum sich in ihr wiederfindet",

und 1838 lehrte ~Krug~ in seinem "Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften" ("Supplem." 2. Abt. S. 83):

"Im Französischen heisst auch der ein 'Nihiliste', der in der Gesellschaft, und besonders in der bürgerlichen, nichts von Bedeutung ist (nur zählt, nicht wiegt oder gilt), desgl. in Religionssachen nichts glaubt.[59] Solcher socialen oder politischen oder religiösen Nihilisten giebt es freilich weit mehr, als jener philosophischen oder metaphysischen, die alles Seiende vernichten wollen".

[Fußnote 59: Im Jahre 1846 spricht Meinhold in der Vorrede zur zweiten Auflage seiner Novelle "Maria Schweidler die Bernsteinhexe" (p. XXIV) von der "nihilistischen Kritik" der Evangelien.--]

In der ersten Ausgabe v. J. 1828 (3, 58) erklärte ~Krug~ "Nihilismus" noch kurzweg als "eine in sich selbst zerfallende Behauptung", so dass inzwischen die politische Bedeutung des Wortes in Frankreich entstanden sein wird.

X.

Geflügelte Worte aus griechischen Schriftstellern.

*Homer* verdanken wir den Ausdruck:

ἔπεα πτερόεντα,

*geflügelte Worte,*

welcher 46mal in der "Iliade", 58mal in der "Odyssee" vorkommt. Er wird seit dem Erscheinen des vorliegenden Buches, also seit 1864, allgemein auf den in ihm behandelten Stoff angewendet, so dass ~Georg Büchmann~ als Urheber der ~wissenschaftlichen~ Bedeutung dieses Wortes zu nennen ist (vrgl. die "Einleitung").--Auch drang die Bezeichnung in die holländische, dänische, schwedische und französische Sprache ein (vrgl. vorne das "Gedenkblatt"). Carlyle brauchte in seinem 1838 geschriebenen Essay über Walter Scott den Ausdruck "winged words" schon in dem Sinne der "citierbaren Sentenzen".--

*Nestor,*

der älteste und weiseste Grieche in der "Iliade" (1, 247 ff. und anderwärts) hat hervorragenden Greisen seiner Art den Namen gegeben.--

Das kriegerische Volk, welches in Homers "Iliade" dem Achill unterthänig ist, gab uns für jede, mit dem Schwerte, der Feder oder der Zunge kampfbereite Gefolgschaft seinen Namen:

*Myrmidonen.--*

"Iliade" 1, 599 und "Odyssee" 8, 326 steht:

ἄσβεστος γέλως;

"Odyssee" 20, 346:

ἄσβεστον γέλω,

*unauslöschliches Gelächter,*

woraus wir

*homerisches Gelächter*

gemacht haben, was sich vielleicht zuerst als "rire homérique" in Frankreich findet, wie z.B. in den aus den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts stammenden "Memoires de la Baronne d'Oberkirch" (cap. 29): "on partit d'un éclat de rire homérique".--

* * * * *

"Iliade" 2, 204 und 205 steht:

*Οὐκ ἀγαθὸν πολυκοιρανίη, εἷς κοίρανος ἔστω, Εἷς βασιλεύς ...*

Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur Einer sei Herrscher, Einer König allein ...

So schliesst ~Aristoteles~ (Metaph. 12. 10 gegen Ende) seine Theologie im Gegensatz zu der Speusippischen Sonderung der Wesenklassen.--

"Iliade" 2, 212-277 schildert uns das Urbild eines boshaften Schwätzers, den "hässlichsten Mann vor Ilion",

*Thersites,*

wie er zeternd den Agamemnon frech verleumdet und vom Odysseus mit Worten und Schlägen unter dem heiteren Beifall der Achaier zum Schweigen gebracht wird.--

Das "Iliade" 2, 408. 563 u. 567 und sonst noch 22mal vorkommende βοὴν ἀγαθόςβοὴν ἀγαθός (im Schlachtruf tüchtig), ein Beiwort des Menelaus und des Diomedes, hat ~Voss~[60] frei übersetzt mit

*Rufer im Streit.--*

[Fußnote 60: Job. Heinrich Voss gab seit 1777 einzelne Stücke der Odyssee heraus, dann 1781 die ganze Odyssee und 1793 die Iliade.]

Aus "Iliade" 4, 164, 165 und 6, 448, 449 ist:

*Ἔσσεται ἦμαρ, (ὅτ' ἄν ποτ' ὀλώλῃ Ἴλιος ἱρή--)*

*Einst wird kommen der Tag, (da die heilige Ilios hinsinkt--).*

Auf Grund der Erwähnung "Stentors mit der ehernen Stimme, der so laut schreien konnte wie fünfzig andere", ("Iliade", 5, 785) nennen wir eine ungewöhnlich laute Stimme eine

*Stentorstimme.--*

In "Iliade" 6, 142 werden die Menschen harmlos als solche bezeichnet, "die des Feldes Frucht essen", "οἳ ἀρούρης καρπὸν ἔδουσιν" (vrgl. auch "Odyssee" 8, 222; 9, 89; 10, 101) was wir im verächtlichen Sinne nach ~Horaz~ (Epist. I, 2, 27) lateinisch citieren:

(_Nos numerus sumus et_) *fruges consumere nati,*

(Wir sind Nullen) geboren allein zum Essen der Feldfrucht.--

"Iliade" 6, 484 steht:

*δακρυόεν γελάσασα,*

*Unter Thränen lächelnd*

nimmt Andromache ihr Söhnchen dem scheidenden Hektor ab.--

Aus "Iliade" 12, 243 ist:

*Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης.*

Ein Wahrzeichen nur gilt! das Vaterland zu erretten!--

In der "Iliade" 15, 496 lesen wir:

*... οὔ οἱ ἀεικὲς ἀμυνομένῳ περὶ πάτρης Τεθνάμεν ...*

Nicht ruhmlos ist's, für des Vaterlandes Errettung sterben.

Dies erweiterte ~Tyrtäus~ (s. Bergk "Poet. lyr. graec." p. 397 frgm. 10) also:

τεθνάμεναι γὰρ καλὸν ἐνὶ προμάχοισι πεσόντα ἄνδρ' ἀγαθὸν περὶ ᾗ πατρίδι μαρνάμενον,

Schön ist der Tod für den tapferen Mann, der unter den Kämpfern Fiel in den vordersten Reih'n, als er fürs Vaterland focht.

Wir citieren aber die kürzere Form, welche ~Horaz~ ("Od." III., 2, 13) dieser Empfindung lieh:

*Dulce et decorum est pro patria mori,*

Glorreich und süss ist sterben fürs Vaterland.--

"Iliade" 21, 107 steht:

κάτθανε καὶ Πάτροκλος, ὅπερ σέο πολλὸν ἀμείνων,

*Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du,*

(s. Schillers "Fiesko" 3, 5). Es war nach ~Diog. Laertius~ (IX, 11, n. 6, 67) ein Lieblingsvers des Philosophen ~Pyrrhon~, und nach ~Plutarch~ ("Alexander" 54) soll ~Kallisthenes~ diesen Vers wiederholt ausgesprochen haben, als er bei Alexander in Ungnade gefallen war.--

Ferner wird citiert das "Iliade" 17, 514; 20, 435; "Odyssee" 1, 267; 1, 400; 16, 129 vorkommende:

*Θεῶν ἐν γούνασι κεῖται,*

*Das liegt _oder_ ruht im Schosse der Götter.--*

* * * * *

Der dritte Vers der "Odyssee" kündet von dem gereisten Manne, der

*πολλῶν δ' ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω,*

*Vieler Menschen Städte gesehn* _und Sitten gelernt hat._--

"Odyssee" 1, 149 lautet:

Οἱ δ' ἐπ' ὀνείαθ' ἑτοῖμα προκείμενα χεῖρας ἴαλλον,

*Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.--*

Aus "Odyssee" 1, 170 wird die Frage an den Fremdling citiert:

*τίς πόθεν εἴς ἀνδρῶν?*

*unde gentium?*