Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 21
ein Rekrut, tritt in dem am 19. März 1831 im Theater "Folies dramatiques" mit vielem Beifall aufgeführten Lustspiele der Gebrüder *Cogniard* (Théodore, 1806-72, und Hippolyte, 1807-82,) "La cocarde tricolore" auf. Im "Figaro" (28. Jahrg., Sér. 3, No. 41) behauptet ein alter Pariser, er habe diesen Haudegen persönlich gekannt. Nach Littré ist es jedoch nur eine auf volkstümlichen Zeichnungen vorkommende Figur, die, eines verblendeten und beschränkten Patriotismus Gefühle in Bezug auf Napoléons I. Erfolge und Misserfolge ausdrückend, demjenigen den Namen gab, der übertriebene und lächerliche Ansichten über Vaterlandsliebe und Krieg hat.--
* * * * *
*La propriété. c'est le vol!*
Eigentum ist Diebstahl,
sagt Pierre-Joseph *Proudhon* (1809-65) in "Qu'est-ce que c'est que la propriété? ou: Recherches sur le principe du droit et du gouvernement" (Paris 1840). ~Brissot~ schrieb bereits in seinen "Recherches philosophiques sur le droit de propriété et sur le vol considéré dans sa nature" (1780): "La propriété exclusive est un vol dans sa nature". Übrigens sagen schon im 13. Jahrh. die Weisheitssprüche hinter Jehuda Tibbons Ermahnungsschrift (Berlin 1852), dass Eigentum, d.h. Geld, Diebstahl ist; und "Eigentum ist etwas Abscheuliches" heisst es in ~Morellys~ "Le Code de la nature" (Amsterd. 1755).--
* * * * *
*Le spectre rouge* (_de 1852_)
*Das rothe Gespenst* (_von 1852_)
ist der Titel einer Broschüre M. A. *Romieu*s (4'e Edit. Berlin 1851), in welcher er für Frankreich den Bürgerkrieg prophezeit.--
* * * * *
(_Le_) *Demi-monde*
Halbwelt
ist der Titel eines 1855 veröffentlichten Romans von ~Alexandre~ *Dumas* dem Jüngeren (geb. 1824).--
* * * * *
*Auf, nach Kreta!*
ist aus ~Offenbachs~ Operette "Die schöne Helena" (1865), deren Text von Henry *Meilhac* (geb. 1832) und Ludovic *Halévy* (geb. 1834) herrührt.--
VI.
Geflügelte Worte aus englischen Schriftstellern.
*Utopien*
(d.h. Nirgendreich aus dem griechischen οὐ, nicht, und τόπος, Ort) nennen wir ein von der Phantasie geschaffenes, ideales, unmögliches Land nach der von Thomas *Morus* (1480-1535) 1516 verfassten Schrift "De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia" ("über den besten Zustand des Staates und über die neue Insel Utopien").--
* * * * *
In Sir Philip *Sidney*s (1554-86) "Arcadia", 3, die erst nach seinem Tode erschien, steht:
My better half
_meine_ *bessere Hälfte.--*
* * * * *
In englischer Sprache citieren wir:
*My house is my castle,*
Mein Haus ist meine Burg,
die Umformung eines Rechtsspruches bei Sir Edward *Coke* (1551-1633), der ("Institutes", T. 3, R. 162, Abschnitt "Gegen das Bewaffnetgehen") den Satz "Es darf Jemand Freund und Nachbarn versammeln, um sein Haus gegen Diejenigen zu verteidigen, welche ihn berauben oder töten oder ihm darin Gewalt anthun wollen", also begründet:
For a man's house is his castle.
Denn eines Mannes Haus ist seine Veste.
Er sagt ferner in "Semaynes Case" (5, Report 91): "Das Haus eines Jeglichen ist ihm gleich wie seine Burg und seine Veste, sowohl zu seiner Verteidigung gegen Beleidigung und Gewalt wie zu seiner Ruhe". Doch hätten wir es kaum nötig, diesen alten Rechtsspruch englisch zu citieren, da er im Haimburger Stadtrecht von 1244 deutsch lautet: "Wir wollen auch, daz einem jegeleichen purger sein Haus seine Veste sei". (~Osenbrüggen~ "Der Hausfrieden", Erlangen 1857, S. 3 und 4.)--
* * * * *
~Francis~ *Bacon* (1561-1626) veröffentlichte "Essayes. Religious Meditations. Plaies of perswasion and disswasion". (Scene and allowed. Print. f. H. Hooper. Chancery Lane. 1597.) Der besondere Titel der zweiten, auf dem Gesamttitel als "Religious Meditations" bezeichneten Abteilung lautet: "Meditationes sacrae". (Londini. Excud. Joh. Windel.) Nur diese "Meditationes sacrae" erschienen hier in lateinischer Sprache, und in deren 11. Artikel "De Haeresibus" steht die Stelle: "nam et ipsa scientia potestas est" (denn die Wissenschaft selbst ist Macht). 1598 wurde dieser Sammelband bei demselben Verleger wieder abgedruckt, nur dass in dieser Ausgabe die "Religious meditations" auch englisch erschienen; hier im 11. Artikel "Of Heresies" ist Obiges übersetzt: for (denn)
*knowledge* (_itself_) *is power,*
*Wissenschaft* (_selbst_) *ist Macht.*
Im "novum organum" 1, 3 (vrgl. 2, 1 u. 3) begründet es Bacon also:
"scientia et potentia humana in idem coincidunt, quia ignoratio causae destituit effectum" (Der Menschen Wissen und Macht fällt in Eins zusammen, weil Unkenntnis jeden Erfolg vereitelt).--
* * * * *
*Shakespeare* (1564-1616), der hier nach der sogenannten ~Schlegel-Tieck~schen Übersetzung citiert wird, in der jedoch dreizehn Dramen von Wolf Graf ~Baudissin~ bearbeitet sind, bietet im "Hamlet" 1, 2:
*Schwachheit, dein Nam' ist Weib!*
*Frailty, thy name is woman!*
Vordem übersetzte ~Wieland~:
*Gebrechlichkeit, dein Nam' ist Weib!*
~Raupach~ ("Die Schleichhändler", Akt 2 geg. Ende) bildete daraus die Travestie:
*O Verstellung, dein Name ist Kieckebusch!--*
Im "Hamlet" 1, 2 heisst es ferner:
*Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem, Ich werde nimmer seines Gleichen seh'n,*
*He was a man, take him for all in all, I shall not look upon his like again,*
wie auch Antonius vom Brutus im "Cäsar", 5, 5 sagt:
*Dies war ein Mann;*
*This was a man!*
"Hamlet" 1, 4 steht:
(_Du kommst in_) *so fragwürdiger Gestalt,*
(_Thou com'st in_) *such a questionable shape,*
*Etwas ist faul im Staate Dänemark;*
*Something is rotten in the state of Denmark;*
1, 5:
(_But soft! methinks,_) *I scent the morning air,*
(_Doch still! mich dünkt_) *ich witt're Morgenluft,*
(was in ~Bürgers~ "Lenore", Str. 28 wiederholt wird);
*Es giebt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, Als eure Schulweisheit sich träumen lässt;*
*There are more things in heaven and earth, Horatio, Than are dreamt of in our philosophy;*
*Die Zeit ist aus den Fugen,*
*The time is out of joint.*
"Hamlet" 2, 2 steht:
*Kürze ist des Witzes Seele,*
*Brevity is the soul of wit;*
auch hört man die Übersetzung: "Kürze ist des Witzes Würze";
*Mehr Inhalt, wen'ger Kunst;*
*More matter, with less art;*
*Zweifle an der Sonne Klarheit, Zweifle an der Sterne Licht, Zweifl', ob lügen kann die Wahrheit, Nur an meiner Liebe nicht;*
*Doubt thou, the stars are fire, Doubt that the sun doth move; Doubt truth to be a liar; But never doubt, I love;*
*Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode;*
*Though this be madness, yet there is method in it;*
*Kaviar für das Volk;*
*Caviare to the general;*
*Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher?*
*Use every man after his desert, and who should 'scape whipping?*
*Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, Dass er um sie soll weinen?*
*What's Hecuba to him, or he to Hecuba, That he should weep for her?*
In ~Homers~ "Iliade" (6, 449 ff.) sagt Hektor zu Andromache, dass ihn sogar der Hekuba, seiner Mutter, künftiges Leid minder bekümmere, als ihres, der Gattin.
Aus Hamlets Monolog in 3, 1 ist:
*Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.*
*To be or not to be, that is the question.*
(_s' ist_) *ein Ziel Aufs innigste zu wünschen* (_näml. der Todesschlaf_).
*'tis a consummation Devoutly to be wish'd;*
*Der angebor'nen Farbe der Entschliessung Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;*
*And thus the native hue of resolution Is sicklied o'er with the pale cast of thought.*
Das Wort Hamlets ebenda:
Get thee to a nunnery,
Geh' in ein Kloster,
wird bei uns in der Form citiert:
*Geh' in's Kloster,*
so von ~Heine~ in den "Romancero"-Gedichten: "Die alte Rose" und "Der Exnachtwächter".--
Ferner enthält diese Scene Ophelias:
*O welch' ein edler Geist ist hier zerstört!*
*O what a noble mind is here o'erthrown!*
Aus 5, 1 ist Hamlets Ausruf:
*Ach, armer Yorick!*
*Alas, poor Yorick!*
Lorenz ~Sterne~ veröffentlichte seine "Predigten" (London 1760 und 1766) unter dem Namen Yorick, womit er sich keine geringe Schmeichelei sagte, da Hamlett den Yorick, des Königs Spassmacher, 5, 1 einen "Burschen von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen" nennt. Auch ~Sternes~ "Sentimentale Reise" erschien nach seinem Tode (1768) unter dem Namen Yorick.--
Aus 5, 2 werden Hamlets letzte Worte citiert:
*Der Rest ist Schweigen.*
*The rest is silence.--*
* * * * *
Aus dem 1. Teile von ~Shakespeares~ "König Heinrich IV." wird der Beiname Heinrich Percys,
*Hotspur, Heisssporn*
auf einen heissblütigen, ritterlichen Jüngling angewendet. 2, 4 bietet die Worte des Kellners Franz:
*Gleich, Herr, gleich!*
*Anon, Sir, anon!*
und die drei Worte des Falstaff:
*So lag ich, und so führt'*(_e_) *ich meine Klinge,*
*Here I lay, and thus, I bore my point;*
(_Wenn Gründe_) *so gemein wie Brombeeren* (_wären_),
(_If reasons were_) *as plenty as blackberries;*
*Hol' die Pest Kummer und Seufzen! Es bläst einen Menschen auf, wie einen Schlauch,*
*A plague of sighing and grief; it blows a man up like a bladder.*
Auch fordert Falstaff dort mehrfach "a cup of sack", "ein Glas Sekt", worunter ein südlicher Wein zu verstehen ist. Das Wort
*Sekt* (_oder Sect_)
soll zuerst in Berlin und bald in ganz Deutschland die Bedeutung "Champagner" dadurch bekommen haben, dass sich Ludwig ~Devrient~, die Rolle des Falstaff weiter spielend, in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin (Charlottenstr. 49) also sein schäumendes Lieblingsgetränk zu bestellen pflegte.
4, 2 bietet Falstaffs
*Futter für Pulver* (_oder:_ *Kanonenfutter*),
*Food for powder.*
5, 1 gegen Ende finden wir Falstaffs:
*Ich wollte, es wäre Schlafenszeit, Heinz, und Alles gut.*
I would it were bedtime, Hal, and all well.*
5, 4 sagt Prinz Heinrich, als er den sich tot stellenden Falstaff unter den Gefallenen auf dem Schlachtfelde erblickt:
*Ich könnte besser einen Bessern missen,*
*I could have better spared a better man,*
und ebenda sagt Falstaff:
*Das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht.*
*The better part of valour is discretion.*
Im zweiten Teil von ~Shakespeares~, "König Heinrich IV.", 4, 4 haben wir des Königs Worte:
*Dein Wunsch war des Gedankens Vater, Heinrich,*
*Thy wish was father, Harry, to that thought.*
Es liesse sich annehmen, dass irgendwie des ~Demosthenes~ Gedanke (3. Olynthische Rede § 19): "ὃ γὰρ βούλεται, τοῦθ' ἕκαστος καὶ οἴεται" (Jeder bildet sich die Dinge so ein, wie er sie sich wünscht) bis zu Shakespeare gelangt wäre, der ihm dann seine dauernde Form gab.--
* * * * *
In ~Shakespeares~ "Julius Cäsar", 1, 2 sagt Cäsar:
*Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich.*
*He thinks too much; such men are dangerous.*
Das in 3, 1 vorkommende Wort des Antonius:
Zuletzt, doch nicht der letzte meinem Herzen,
Tho' last, not least in love,
ist in der Form, in der es Lear, 1, 1 zu Cordelia spricht
*Du jüngste, nicht geringste,*
_Although_ *the last, not least,*
geläufiger (Shakespeare fand es bereits in ~Spensers~ [† 1599] "Colin Clout", 444 vor).
In "Julius Cäsar" 3, 2 finden wir die Worte des Antonius:
*Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann; Das sind sie Alle, Alle ehrenwert.*
*For Brutus is an honourable man, So are they all, all honourable men.*
Die Umwandlung einer aus ~Plutarchs~ "Caesar" 69 entlehnten Stelle (ὄψῃ δέ με περὶ Φιλίππους) lautet in ~Shakespeares~ "Julius Caesar" 4, 3:
*Bei Philippi sehen wir uns wieder.--*
* * * * *
In Shakespeares "Heinrich V.", 2, 1 (und in den "Lustigen Weibern von Windsor" 2, 1) sagt Nym:
*Das ist der Humor davon,*
*There's the humour of it,*
was sich in derselben Scene viermal in der Form
that is the humour of it
wiederholt. Aus 4, 3 führen wir ein uns nur in englischer Form:
*Household words*
(_Alltagsworte_)
geläufiges Wort an. Es ist dadurch so bekannt geworden, dass Charles ~Dickens~ es zum Titel eines viel gelesenen litterarischen Unterhaltungsblattes wählte.--
* * * * *
In ~Shakespeares~ "Richard III.", 1, 1 steht:
*the winter of our discontent.*
*Der Winter unseres Missvergnügens;*
5, 4:
*Ein Pferd! ein Pferd!* (_m_)*ein Königreich für'n Pferd*
*A horse! a horse! my kingdom for a horse!*
Beim Citieren wird dieses Wort häufig travestiert, so dass statt "ein Pferd" der jedesmalige Gegenstand des Wunsches gesetzt wird.--
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Heinrich VIII.", 4, 2 stammt:
*Men's evil manners live in brass; their virtues We write in water.*
Der Menschen Sünden leben fort in Erz; Ihr edles Wirken schreiben wir ins Wasser.
Shakespeare hat hier offenbar Thomas ~Mores~ "History of Richard III.", 1557, S. 57 benutzt: "Men use, if they have an evil turne, to write it in marble, and whoso doth us a good a tourne, we write it in duste". (Hat man ein Ungemach erfahren, so pflegt man es in Marmor zu schreiben, und jede uns erwiesene Wohlthat schreiben wir in den Staub).--
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Sommernachtstraum" 5, 1 entnehmen wir:
*Des Dichters Aug' in schönem Wahnsinn rollend,*
*The poets eye, in a fine frenzy[57] rolling;*
ferner des die Satzglieder verdrehenden Prologusspielers Worte "That is the true beginning of our end" ("Das ist das wahre Beginnen unseres Endes", anstatt "Das ist das wahre Endziel unseres Beginnens"), die wir in der Form:
*Das ist der Anfang vom Ende,*
oder französisch citieren:
*C'est le commencement de la fin,*
was in den "Hunderttagen" zu seinem Erstaunen Talleyrand zugeschrieben wurde (s. Fournier: "l'Esprit dans l'histoire", Par. 1882, 4. Aufl. S. 438); endlich rufen wir aus derselben Scene ironisch einem grossprahlenden Redner zu:
*Gut gebrüllt, Löwe!
*Well roared, lion!--*
[Fußnote 57: Horaz, Od. III, 4: amabilis insania.]
* * * * *
~Shakespeares~ "Kaufmann von Venedig" bietet 1, 2:
*Gott schuf ihn, also lasst ihn für einen Menschen gelten.*
*God made him, and therefore let him pass for a man;*
2, 2:
*Das ist ein weiser Vater, der sein eigen Kind kennt,*
*It is a wise father, that knows his own child,*
(Telemachs Worte: "Odyssee", I, 215-16). Aus 4, 1 wird citiert:
*Ich steh' hier auf meinen Schein.*
*I stay here on my bond.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Sturm" ist:
*Caliban*
für einen ungefügen, plumpen Gesellen sprichwörtlich; aus 2, 2 ist:
*Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen,*
*Misery acquaints a man with strange bedfellows.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Romeo und Julia" citieren wir die Namen der streitenden Familien Montague und Capulet, als Typen des Parteizwistes zweier Häuser, in der Form:
*Montecchi und Capuletti;*
aus "Romeo und Julia", 2, 2:
*Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt,*
*He jests at scars, that never felt a wound;*
*Was ist ein Name? Was uns Rose heisst, Wie es auch hiesse, würde lieblich duften;*
*What 's in a name? that which we call a rose, By any other name would smell as sweet;*
aus 3, 5:
*Es war die Nachtigall und nicht die Lerche;*
*It was the nightingale and not the lark;*
aus 5, 3:
*O, wackrer Apotheker! Dein Trank wirkt schnell.*
*O, true apothecary! Thy drugs are quick.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "Macbeth", 1, 3, ist anzuführen (diesmal nach ~Schillers~ Übersetzung, nur dass er "rennt" statt "rinnt" nahm):
*Komme, was kommen mag, Die Stunde rinnt auch durch den rauh'sten Tag;*
*Come what come may, Time and the hour runs through the roughest day;*
aus 1, 5:
*Zu voll von Milch der Menschenliebe,*
*Too full of the milk of human kindness.*
(vrgl. Schillers "Tell" 4, 3). Hat Shakespeare dabei an 1. Petri 2, 2 gedacht: "Und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch, als die jetzt geborenen Kindlein, auf dass ihr durch dieselbige zunehmet?"
Aus "Macbeth" 5, 1 wird citiert:
*Alle Wohlgerüche Arabiens,*
*All the perfumes of Arabia.--*
* * * * *
In ~Shakespeares~ "Mass für Mass" 5, 1 kommt
*tooth of time*
vor, was ~Wieland~ ("Abderiten", im "Teutschen Merkur", 1774, 1 n. 2, IV, 12 u. "Peregrinus Proteus", 1791, 3) mit
*Zahn der Zeit*
in Deutschland einbürgerte. Übrigens findet sich die "scharfzahnige Zeit" bereits bei ~Simonides aus Keos~ († 468 v. Chr.); s. Stobaeus "Eclog. Phys." I, 8, 22 u. vrgl. Ovid, "Metam." 15, 234-5 u. 872.--
Auch der Titel von ~Shakespeares~ Lustspiel:
*Verlor'ne Liebesmüh'*
nach ~Tieck~:
*Liebes-Leid und Lust*
*Love's labour's lost*
wird citiert; ebenso lebt bei uns der Titel seines Lustspiels
*Comedy of errors*
in dieser Form:
*Eine Komödie der Irrungen*
und der Titel seines Lustspiels:
*Viel Lärm*(_en_) *um Nichts,*
*Much ado about nothing.--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~
*Othello,*
dessen Name sprichwörtlich für einen eifersüchtigen Ehemann wurde, 1, 3 wird citiert:
*Thu' Geld in deinen Beutel!*
*Put money in thy purse!*
aus 5, 2:
*Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?*
*Have you prayed to-night, Desdemona?--*
* * * * *
Aus ~Shakespeares~ "König Lear" 3, 2 stammt des Narren trübes Wort (vrgl. "Was ihr wollt" 5. a. E.):
*Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag;*
*For the rain it raineth every day;*
aus 3, 4:
*Kundiger Thebaner;*
*Learned Theban;*
und aus 4, 6:
*Ja, jeder Zoll ein König!*
*Ay, every inch a king!*
und:
*Narr des Glücks.*
*Fool of fortune.*
Letzteres kommt auch in "Timon von Athen", 3, 6 und in der Form "fortune's fool" in "Romeo und Julia", 3, 1 vor.--
* * * * *
In der ersten Folio-Ausgabe Shakespeares (London 1623) folgt dem Vorworte eine Reihe von Gedichten, zunächst ~Ben~ *Jonson*s (1574-1637): "Dem Gedächtnisse des Autors, meines geliebten William Shakespeare" u.s.w. In diesem Gedichte steht:
*He was not of one age, but for all times,*
Nicht seiner Zeit nur, allen Zeiten lebt er,
sowie die unsterblich gewordene Bezeichnung des zu Stratfort am Avon geborenen Shakespeares:
*sweet swan of Avon,*
süsser Schwan vom Avon,
welche Jonson wohl ~Horaz~ nachbildete, der ("Od." 4, 2, 25) Pindar--"Dircaeum cycnum"--"den Schwan vom Dirkequell" nennt, weil dieser in des Dichters Heimat floss und der singende Schwan dem Apoll geweiht war.--
* * * * *
Henry *More* (1614-87) behauptet im "Encheiridion metaphysicum" (1671), "die Körper hätten bloss drei Dimensionen, die Geister aber vier". Diese
*vierte Dimension,*
worunter wir jetzt gewöhnlich blühenden Unsinn verstehen, ist uns besonders durch Friedrich ~Zöllners~ (1834-82) "Die transcendentale Physik und die sogenannte Philosophie" (Lpz. 1879) in tiefstem Ernst verkündet worden.
Er spricht dort vom "Württembergischen Prälaten Friedr. Christ. ~Oetinger~ (1702-82. Sämtl. Schriften, hrsg. v. ~Ehmann~, Pfarrer in Unteriesingen bei Tübingen, Stuttg. 1868), der S. 314 über die Philosophie seines Freundes ~Fricker~ (1729-66, Pfarrer von Dettingen unter Urrach) sagt: "Zu diesen arithmetischen Schlussfolgen gehört auch ein geometrisch Concept, nämlich das Intensum oder die vierte Dimension".--
* * * * *
Der Theologe Thomas *Tully* oder Tullius, (1620-79) wird von John ~Tillotson~ (1630-94) bewundernd citiert wegen des Satzes: "Dii immortales ad usum hominum fabricati paene videantur" ("fast scheinen die unsterblichen Götter zum Nutzen der Menschen erschaffen zu sein"). Tillotson umschreibt das dann also ("Sermons" Lond. 1712; vol. 1 p. 696, Serm. 93): "if God were not a necessary Being of himself, he might almost seem to be made on purpose for the use and benefit of Men" ("wäre Gott nicht an und für sich notwendigerweise da, er müsste, scheint es, eigens zu Nutz und Frommen der Menschheit geschaffen werden"). Und hieraus schöpfte ~Voltaire~ ("Épitre à l'Auteur du livre des trois imposteurs") den berüchtigten Vers:
*Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer,*
Und gäb' es keinen Gott, wir müssten ihn erfinden.--
* * * * *
John *Bunyan*s (1628-88)
"*Vanity Fair*"
(Markt der Eitelkeit) aus "the Pilgrims Progress", (1678-84) hat ~Thackeray~ zum Titel eines satirischen Romans (1847) gewählt.--
* * * * *
*Lilliput*
ist bei Jonathan *Swift* (1667-1745) "Gullivers Reisen" (1726) der Name des Märchenlandes der daumenhohen
*Lilliputer oder Lilliputaner.--*
*John Bull*
als Bezeichnung des englischen Volkes stammt aus John *Arbuthnot*s (1675-1735) politischer Satire "History of John Bull" (1712). Ein Hoforganist John Bull komponierte i. J. 1605 das Volkslied "God save the king" (vrgl. Heil Dir im Siegerkranz). Weil dieser Tondichter so Volksthümliches schuf, mag Arbuthnot darauf verfallen sein, dessen Namen auf das Volk im Ganzen anzuwenden. George ~Colmans~ Schauspiel "John Bull" (1805), das in Karl ~Blums~ Übertragung bei uns (1825) aufgeführt wurde, gab aber wohl erst dem Worte Flügel.--
* * * * *
Alexander *Pope* (1688-1744) sang in seiner "Ode on St. Cecilia's day" (1708):
"... 'tis no crime to love"
(Lieben ist kein Verbrechen).
In ~Gellerts~ Lustspiel "Die zärtlichen Schwestern" (1747) sagt Lottchen (1, 11), sie halte "die vernünftige Liebe für kein grösser Verbrechen, als die vernünftige Freundschaft", und Siegmund ruft aus (2, 10): "Julchen widersteht ja seiner Liebe. Ist es ein Verbrechen? was kann ich dafür, dass sie mich rührt?" Dann sagt Marwood in ~Lessings~ "Miss Sara Sampson" (1755; 4, 8): "Es ist kein Verbrechen geliebt haben; noch viel weniger ist es eines, geliebt worden sein, aber die Flatterhaftigkeit ist ein Verbrechen". Und ebenda (5, 10) spricht die sterbende Sara: "Noch liebe ich Sie, Mellefont, und wenn Sie lieben ein Verbrechen ist, wie schuldig werde ich in jener Welt erscheinen!" In ~Wielands~ "Grazien" (1770; 2. B.) spricht Amor: "Ist euch lieben ein so gross Verbrechen?" und C. F. ~Weisse~ übersetzt ~Popes~ Worte in seinen "kleinen lyrischen Gedichten" (Lpz. 1772; Bd. 3, 5. 183) mit: "Ist Lieben ein Verbrechen?" So entstand der Anfangsvers des schon 1810 bekannten Liedes eines Unbekannten:
*Ist denn Lieben ein Verbrechen?--*
*Hénault* schrieb den Vers:
*Indocti discant, et ament meminisse periti.*
Laien, die mögen hier lernen und Kenner sich freu'n der Erinn'rung.
als Motto auf sein "Abrégé chronologique de l'histoire de France" (1744) und teilte in der 3. Aufl. dieses Abrisses (1749) mit, dass er ihn den Reimen ~Popes~ entnommen habe:
"Content, if hence th' unlearn'd their wants may view, The learn'd reflect on what before they knew", "Froh, wenn hiernach den Laien sein Kenntnismangel kränkt, Und abermals der Kenner sein Wissen überdenkt".
(Pope "Essay on Criticism" 1711, V. 744-5).--
* * * * *
Samuel *Richardson* (1689-1761) gab uns das Muster eines Damenhelden in
*Lovelace,*
einer Figur seines Romans "Clarissa Harlowe" (1749), und ist für uns der Urheber des Wortes
*sentimental,*
denn "sentimental" wird in seinem Romane "Sir Charles Grandison" (1753. Bd. 6, Brief 52) durch liegende Schrift als neu und ungewöhnlich bezeichnet und im Index angeführt. Zwölf Jahre später erschien ~Sternes~ Buch "Yorick's sentimental journey", dessen Verdeutscher J. J. Ch. ~Bode~ (1768) den Titel auf ~Lessings~ Rat mit "Yoricks empfindsame Reise" wiedergab. In der Vorrede führt Bode Lessings eigene Worte also an: