Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 19

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ist der Anfang eines 1840 von Nicolaus *Becker* (1809-45) gedichteten Liedes, das zuerst im Rheinisch. Jahrbuch, 1841, S. 365 stand.--

* * * * *

*Struwwelpeter*

ist der Titel einer 1845 erschienenen Kinderschrift von Heinrich *Hoffmann-Donner* in Frankfurt a. M. (geb. 1809). In der Form "Strubbelpeter" kommt das Wort früher vor. Als Goethe 1765-68 in Leipzig studierte, nannte ihn die Frau des Kupferstechers Stock "den Frankfurter Strubbelpeter" und zwang ihn, sich das Haar auskämmen zu lassen (s. "Kunst und Leben" aus Försters Nachlass hrsg. v. H. Kletke. 1873. S. 102 ff.).--

Auch der die Suppe verschmähende

*Suppenkasper*

ist aus ~Hoffmanns~ Schrift bekannt.--

* * * * *

*O lieb', so lang du lieben kannst,*

ist der Anfang von Ferdinand *Freiligrath*s (1810-76) Gedichte "Der Liebe Dauer", das, 1830 verfasst, zuerst im "Morgenblatt für gebildete Leser", Stuttgart, No. 271, 12. Nov. 1841 stand.

Auch ~Freiligraths~ Gedichttitel

*Der Blumen Rache*

wurde zum geflügelten Wort. Doch nimmt man hier Blumen in übertragenem Sinn und denkt an weibliche Rache, während in dem Gedichte wirkliche Blumen durch ihren Duft ein schlummerndes Mädchen tödten, aus Rache dafür, dass sie von ihr grausam aus der Erde gerissen wurden.--

* * * * *

*Rrr! ein ander Bild!*

sind die Worte des Guckkästners in des pseudonymen ~Brennglas~ (*Glasbrenner*s) "Berlin, wie es ist--und trinkt" (Lpz. 1832-50). Aus denselben Heften ist:

*Auch eine schöne Gegend!* (_eigentlich: Ooch 'ne scheene Jejend._)

Diese Redensart kommt in einem Gespräche zweier Berliner Frauen vor, die einander fragen, wo ihre beiderseitigen Söhne im Freiheitskriege gefallen seien. Auf die Antwort der Einen: "Bei Leipzig", erfolgt nun die oben angeführte Äusserung im breitesten Berliner Dialekt.

Heinrich ~Heine~ schaffte dem Worte weitere Verbreitung; denn er sagt im "Tannhäuser" (1836):

Zu Hamburg sah ich Altona, ~Ist auch eine schöne Gegend,~

im "Ex-Nachtwächter":

~Das ist eine schöne Gegend Ebenfalls.~

und in "Himmelfahrt" (Letzte Gedichte, 1853-55):

Sie (die Spree) fliesst gemütlich über, wenn's regent Berlin ist ~auch eine schöne Gegend~.

Vielleicht kam ~Glasbrenner~ auf diese Wendung durch ~Tiecks~ "Gestiefelten Kater" (1797), worin (3, 5) der König sagt:

"Auch eine hübsche Gegend. Wir haben doch schon eine Menge schöner Gegenden gesehen".--

* * * * *

In der No. 395 der Münchener "Fliegenden Blätter" (1852) befindet sich ein "Die Wassersnoth in Leipzig" betiteltes Gedicht, das anfängt:

*In der grossen Seestadt Leipzig,*

und in dessen Verlauf sich die bekannten Zeilen finden:

*Auf dem Dache sitzt ein Greis, Der sich nicht zu helfen weiss.*

Das Gedicht ist unterzeichnet G. H. und der Dichter war nach einer Mitteilung der Redaktion der "Fliegenden Blätter" ein damals in Kiel lebender stud. jur. G. J. F. ~Hansen~. Es wird aber behauptet, dass das Gedicht schon vor 1852 in Leipzig allgemein bekannt war.--

* * * * *

Die in Gustav *Raeder*s (1810-68) Posse "Robert und Bertram oder die lustigen Vagabonden" (1859) häufig vorkommende und vielfach umgestaltete Redensart Bertrams:

*Weiter* (_oder:_ *Sonst) hat es keinen Zweck*

ist ein sehr gebräuchliches Wort geworden, ebenso wie das in seiner Zauberposse "Der artesische Brunnen" (ersch. 1860) oft im Munde Balthasars vorkommende:

*Meine Mittel erlauben mir das!--*

* * * * *

Aus ~Fritz~ *Reuter*s (1810-74) "Ut mine Stromtid" (ersch. 1862-64) Kap. 3 wird Inspektor Bräsigs Äusserung zu Karl Havermann citiert:

*Darin bin ich dir über.--*

* * * * *

*Alles schon dagewesen,*

pflegt Rabbi Ben Akiba in Karl *Gutzkow*s (1811-78) "Uriel Acosta" (1847) in den verschiedensten Formen zu wiederholen [s.: Prediger Salomo 1, 9].--

* * * * *

Wir sprechen, um die Richtung des Komponisten ~Richard~ *Wagner* (1813-83) und seiner Anhänger zu bezeichnen, auf Grund seiner Schrift: "Das Kunstwerk der Zukunft" (Leipz. 1850) von

*Zukunftsmusik.*

In der "Niederrheinischen Musikzeitung" von 1859, No. 41 schrieb deren damaliger Redakteur, Prof. Ludwig ~Bischoff~: "All' die Ungegohrenheit, der Schwindel, all' die Eitelkeit, all' die Selbstbespiegelung, all' die Trägheit, der Zukunft zuzuschieben, was man selbst leisten müsste, all' die Hohlheit und Salbaderei der ästhetischen Schwätzer--wie schön fasst sich das alles in dem einen Wort 'Zukunftsmusik' zusammen". ~Wagner~ antwortete darauf (s. "Das Judentum in der Musik" S. 36): "Prof. Bischoff in der Kölnischen Zeitung verdrehte meine Idee eines 'Kunstwerkes der Zukunft' in die lächerliche Tendenz einer Zukunftsmusik". Jedoch adoptierte ~Wagner~ später das Spottwort; denn er gab 1861 eine Schrift "Zukunftsmusik. Brief an einen französischen Freund" heraus. Übrigens ist die Idee nicht ganz Wagners Eigentum. Schon in Rob. ~Schumanns~ "Gesammelten Schriften" (Bd. I, S. 46) findet man unter den Aufzeichnungen Florestans die Bemerkung aus dem Jahre 1833: "Eine Zeitschrift für zukünftige Musik fehlt noch"! und Karl ~Gaillard~, Redakteur der "Berliner musikalischen Zeitung", sagt No. 24, Jahrgang 1847 derselben: "Schafft sich Herr Berlioz ein eigenes Orchester an, so mag er dirigieren, soviel es ihm beliebt, und seinen musikalischen Hokuspokus, genannt 'die neue Musik' oder 'die Musik der Zukunft', treiben", (vrgl. die gründliche Erörterung Wilh. ~Tapperts~ in dessen "Wagner-Lexikon", Lpz. 1877, S. 45.)--

* * * * *

~Emanuel~ *Geibel*s (1815-84) Lied "Der Zigeunerbube im Norden" beginnt:

"Fern im Süd' das schöne Spanien, Spanien ist mein Heimathland, Wo die schattigen Kastanien Rauschen an des Ebro Strand."

Danach sagen wir:

*Spanien, das Land der Kastanien"--*

Aus ~Geibels~ Lied "Wo still ein Herz von Liebe glüht" wird citiert:

*O rühret, rühret nicht daran!*

und aus seinem Gedichte "Hoffnung" ("Zeitstimmen", Lübeck 1841, S. 15):

*Es muss doch Frühling werden.--*

* * * * *

Johannes *Scherr* (1817-86) gab dem ersten Kapitel des achten Buches seines Werkes "Blücher und seine Zeit" (1862-63) die auf Napoléon I. bezügliche Überschrift:

*Kaiserwahnsinn;*

danach dann (1864) in der "Verlorenen Handschrift" Gustav *Freytag*s (geb. 1816) Professor Werner von der Meisterschaft spricht, mit welcher Tacitus die eigentümlichen Symptome und den Verlauf des

*Caesarenwahnsinns*

schildert.--

* * * * *

~Georg~ *Herwegh*s (1817-75) Gedicht "Aus den Bergen" bietet:

*Raum, ihr Herren, dem Flügelschlag Einer freien Seele*

und sein Gedicht "Strophen aus der Fremde" schliesst:

*Das arme Menschenherz muss stückweis brechen.*

Es stand zuerst in Rückerts "Musenalmanach" (Lpz. 1840, S. 246 ff.) und darauf in den "Gedichten eines Lebendigen" (Zürich u. Winterthur 1841).--

* * * * *

Der Titel eines Walzers von Johannes Strauss:

(_An der Donau_) *An der schönen blauen Donau*

ist der Kehrreim der ersten beiden Strophen des Gedichtes "An der Donau" aus den "Stillen Liedern" (Lpz. 1839) von Karl *Beck* (1817-79).--

* * * * *

Es giebt eine alte Anekdote[56] von einem Reisenden, der im Auslande Bienen von der Grösse eines Schafes gesehen zu haben vorgab, während die Bienenkörbe nicht grösser gewesen seien, als die in der Heimat, und der dann auf die Frage "Wie die Bienen denn hineinkämen?" die Antwort giebt: "Dafür lass' ich sie selbst sorgen." Diese Anekdote hat ~Wilhelm~ *Camphausen* (geb. 1818) in den "Düsseldorfer Monatsheften" illustriert und einem für sein Vaterland begeisterten Russen die volkstümlich gewordene Antwort

*Der Bien' muss*

in den Mund gelegt.--Von demselben Künstler ist die Illustration zu dem berühmten Worte eines Unteroffiziers an einen Soldaten:

*Was nutzt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist?*

welche auf No. 23 der "Münchener Bilderbogen", 5. Aufl., steht und schon 1847 in den "Fliegenden Blättern", Bd. V. No. 98 unter dem Titel: "Der einjährige Freiwillige auf dem Marsche" zu finden war.--

[Fußnote 56: S. den Lügenmärchen-Anhang zur 6. Ausgabe des "~Laienbuches~" (Schiltbürger) von 1597, deren einziges bekanntes Exemplar sich auf der Wiener Hofbibliothek befindet; ferner: ~Melanders~ "Jocor. atq. serior. centur. aliq." No. 115 (Frkf. 1603), Olorin. ~Variscus~ "Ethogr. mundi", T. 1 No. 2 (Magdb. 1609), Nicod. ~Frischlini~ "Beb. et Pogii facetiae, item additamenta Phil. Hermotimi", p. 304 (Amst. 1660), "~Kurtzweiliger Zeitvertreiber~" von 1666, S. 117 unter "Aufschneidereien", und ~Abraham a Santa Clara~ in "Huy und Pfuy! der Welt" (1680) unter "Ross".]

* * * * *

Aus der "Wacht am Rhein", gedichtet 1840 von ~Max~ *Schneckenburger* (1819-49) stammt:

*Lieb Vaterland, magst ruhig sein!*

Das 1854 von Carl ~Wilhelm~ komponierte Lied wurde erst im Jahre 1870 volkstümlich. Anton ~Langer~ in Wien verfasste im Aug. 1872 eine Entgegnung darauf unter dem Titel "Donauwacht". Als Antwort auf dieses antideutsche Pasquill schrieb F. F. *Masaidek* (geb. 1840), ein Mitarbeiter des Wiener Figaro, ein Gegenpasquill:

*Die Wacht am Alserbach,*

das am 23. Aug. 1872 in der "Deutschen Zeitung" und im "Figaro" erschien und Tags darauf vom "Vaterland", der "Tagespresse", der "Wehrzeitung", dem "Volksfreund" und dem "Extrablatt" abgedruckt wurde. Der Titel hat sich in Österreich erhalten und dient heute zur Bezeichnung der exaltierten Schwarzgelben.--

* * * * *

Aus der Posse "Berlin, wie es weint und lacht" von ~David~ *Kalisch* (1820-75) stammt:

*Alles muss verrungeniert werden,* (_Alles muss ruiniert werden,_)

und:

*Was ich mir dafür kaufe!* (_eigentlich:_ *Wat ick mir dafor kofe!)* (_im Sinne von: Was ich mir daraus mache!_).--

Das Wort

*'s Geschäft bringt's mal so mit sich*

stammt aus ~Kalischs~ "Berlin bei Nacht";

*Darin bin ich komisch*

und:

*So'n bischen Französisch, Das ist doch ganz wunderschön*

aus seiner Posse "Der gebildete Hausknecht".

*So lasst ihm doch das kindliche Vergnügen*

ist aus der Posse "Namenlos" von ~Pohl~ und ~Kalisch~. ~Kalisch~ ist auch der Schöpfer der typisch gewordenen Gestalten des "Kladderadatsch" (begründet 1848): des ewigen Quartaners

*Karlchen Miessnick,*

des schlagfertigen Berliner Spiessbürgerpaares

*Müller und Schultze*

und des breitspurig jüdelnden

*Zwückauör* (_Zwickauer_),

der auch in ~Kalischs~ gleichzeitiger Posse "100,000 Thaler" als Börsenspekulant mit Herrn Zittauer auftritt und nach Max ~Rings~ "Erinnerungen", ein Breslauer Urbild gehabt haben soll.--

* * * * *

*Gegen Demokraten Helfen nur Soldaten*

ist der Schluss des Gedichtes *v. Merckel*s "Die fünfte Zunft", das als fliegendes Blatt im Aug. oder Sept. 1848 erschien, in den "Zwanzig patriotischen Liedern" von ~v. Merckel~ (Berlin 1850) wieder abgedruckt wurde und in ~Paul Lindaus~ "Gegenwart" vom 16. Nov. 1878 zu finden ist. Sehr bekannt wurde das Wort als der Titel einer 1848 zu Berlin erschienenen Broschüre, die ein Oberst ~v. Griesheim~ verfasst haben soll (s. Graf Roons Denkwürdigkeiten 1, 270).

Wenn Karl ~Braun-Wiesbaden~ in "Nur ein Schneider" den Schneider sagen lässt, der Prinz von Oranien-Nassau habe seit 1787 den Grundsatz im Munde geführt: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", so ist das wohl nur eine Erfindung.--

* * * * *

*Wie denken Sie über Russland?*

ist der Titel eines in Berlin 1861 erschienenen Lustspiels von Gustav *v. Moser* (geb. 1825).--

* * * * *

*Es wär' so schön gewesen, Es hat nicht sollen sein*

ist die Umgestaltung von

Behüet dich Gott! es wär' zu schön gewesen, Behüet dich Gott, es hat nicht sollen seyn!

im XIV. Stück des "Trompeter von Säkkingen" (1854) Viktor *v. Scheffel*s (1826-1886).--

* * * * *

In "Immanuel Kant. Ein Denkmal seiner unsterblichen Philosophie, dem deutschen Volke geweiht von Fr. M. *Freystadt*" (1. u. 2. Aufl., Königsb. 1864; S. 16) nennt der Verfasser

*Königsberg die Stadt der reinen Vernunft*

und fügt in einer Anmerkung hinzu: "Schreiber dieses war der Erste, der Königsberg den gedachten Ehrentitel gab in einem Korrespondenzartikel für die Leipziger Allgemeine Zeitung während der vierziger Jahre dieses Säculums". (Jahrgang und Nummer giebt er nicht an.) Dies Wort scheint frei nach Heinrich Heine gebildet zu sein, der 1828-29 im 2. T. der "Reisebilder" (Ges. W. II, 12) von Berlin "der gesunden Vernunftstadt" spricht.--

* * * * *

Julius *Stettenheim*s (geb. 1831) ergötzlicher Lügenberichterstatter und Verdreher geflügelter Worte

*Wippchen*

ist zur typischen Figur geworden und viel citiert wird dessen oft wiederkehrende und meistens überflüssige Wendung:

*Verzeihen Sie das harte Wort!*

(vrgl. "Wippchens sämtliche Berichte" von ~Julius Stettenheim~ 1878ff.). "Verzeiht ein hartes Wort mir!" sagt schon in ~Herders~ "Cid." (I, 21) Doña Uraca zu ihrem sterbenden Vater.--

* * * * *

Aus Wilhelm *Busch*s (geb. 1832) "Max und Moritz, eine Bubengeschichte in sieben Streichen" (Münch. 1865) ist der Vers verbreitet:

*Dieses war der erste Streich, Doch der zweite folgt sogleich.--*

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Aus Hermann *Salingré*s (1833-79) Posse "Graupenmüller" (1865) wird citiert:

*Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.--*

Der Titel eines 1876 als Manuscript gedruckten Lustspiels von Julius *Rosen* (Nikolaus Duffek 1833-92) lautet:

*O diese Männer!*

Schon in dem ~Richardson~schen Romane "Sir Charles Grandison" (1753), Bd. 3, Brief 16 heisst es:

"O these men!"--

* * * * *

Als am 9. Sept. 1865 zu Danzig ein auf Rechnung des Herrn Friedrich Heyn erbautes Fregattschiff "Marineminister von Roon" von Stapel gelassen wurde, ward dabei ein vom Regierungsrat *Wantrup* († 1891) verfasstes Gedicht gesprochen, aus dessen Anfangszeilen:

_Vom Fels zum Meere weh'n des Königs Fahnen, Und auch die blaue Salzflut grüssen ihre Farben Schwarzweiss_--*so reinlich und so zweifelsohne*

die letzten fünf Worte unvergänglich geworden sind.--

* * * * *

Ein sonst unbekannter, nun verstorbener Schriftsteller *Hogarten* ist der Verfasser des weitverbreiteten Verses:

*Geniess't im edlen Gerstensaft Des Weines Geist, des Brotes Kraft.*

Er schrieb diese Worte im Auftrage der Berliner Tivolibrauerei, deren Saalgebäude sie seit 1869 schmücken. Als Kuriosum sei erwähnt, dass sich der Dichter, dem man einen Friedrichsd'or bot, zwanzig dafür erstritt.--

* * * * *

In einem Feuilletonartikel "tote Seelen" in der "Neuen freien Presse" (31. März 1875; wieder abgedruckt in "Halb-Asien", 2. Aufl. 1879. II, 81 ff.), der das Treiben jüdischer Wucherer in Galizien geisselte, schuf Karl Emil *Franzos* (geb. 1848) das Schlagwort:

*Jedes Land hat die Juden, die es verdient,*

und nannte es den "Schlüssel zur neueren Geschichte der Juden". Antisemiten und Philosemiten zogen gegen das Wort los, es hallte wieder in der europäischen Presse und blieb geflügelt. ~Franzos~ hat es offenbar dem Satze nachgebildet: "Chaque pays a le gouvernement qu'il mérite", der auf ~Proudhon~ zurückgeführt zu werden pflegt. Ob mit Recht, bleibt noch zu erforschen. Andere meinen, Friedrich ~Gentz~ sei des Gedankens Vater.

*Halb-Asien*

wird ein Teil des von der Kultur nur überfirnissten Osteuropas genannt, nachdem ihn Karl Emil ~Franzos~ zuerst im Feuilleton der "Neuen freien Presse" (Herbst 1875, "Von Wien nach Czernowitz") so bezeichnete. Franzos citierte sich dann selbst, als er (Jan. 1876) das Buch herausgab: "Aus Halb-Asien. Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrussland und Rumänien".--

* * * * *

In der No. 28 der "Züricher Post" vom 2. Februar 1888 steht ein satirisches Lied von Karl *Henckell* (geb. 1864), das den Titel: "Lockspitzellied" führt. Davon stammt das Wort

*Lockspitzel*

als Verdeutschung von "agent provocateur". Die Bezeichnung "Spitzel" für Spion entstammt der österreichischen Volkssprache.--

IV.

Geflügelte Worte aus dänischen Schriftstellern.

Durch Ludwig Freiherr von *Holberg*s (1684-1754) 1722 erschienenes Lustspiel "Der politische Kannegiesser" hat das Wort

*Kannegiesser*

die Bedeutung eines politischen Schwätzers bekommen, und wir leiten selbst Wörter davon ab wie:

*kannegiessern, Kannegiesserei.*

Der Titel eines anderen Lustspiels von Holberg:

*Don Ranudo de Colibrados*

ist die Bezeichnung eines von Adelstolz aufgeblähten, bettelhaften Menschen geworden. Ranudo ist Anagramm von O du Nar(r).--

V.

Geflügelte Worte aus französischen Schriftstellern.

Einen Menschen, dem die Wahl zwischen zwei gleich wertvollen Gegenständen schwer wird, vergleichen wir mit

*Buridans Esel.*

Um zu beweisen, dass keine Handlung ohne einen bestimmenden Willen stattfinden könnte, soll sich ~Buridan~, ein französischer Philosoph des 14. Jahrh., des Bildes eines Esels bedient haben, der in gleichem Abstande von zwei Bündeln Heu, gleichmässig von beiden angezogen, notwendigerweise verhungern müsse. Er mag dies mündlich gethan haben, denn in Buridans Werken ist der entsprechenden Stelle vergeblich nachgespürt worden. Durch ~Schopenhauer~ ("Die beiden Grundprobleme der Ethik" 2. Aufl., S. 58) wissen wir, dass ~Bayle~ († 1706) im Artikel "Buridan" die Grundlage alles seitdem darüber Geschriebenen ist. Schopenhauer sagt daselbst ferner:

"Auch hätte Bayle, da er die Sache so ausführlich behandelt, wissen sollen, was jedoch auch seitdem nicht bemerkt zu sein scheint, dass jenes Beispiel .... weit älter ist als Buridan. Es findet sich im Dante, der das ganze Wissen seiner Zeit inne hatte, vor Buridan lebte und nicht von Eseln, sondern von Menschen redet, mit folgenden Worten, welche das vierte Buch seines Paradiso eröffnen:

Intra duo cibi distanti e moventi D'un modo, prima si morria di fame Che liber' uomo l'un recasse a' denti.

(Zwischen zwei gleich entfernten und gleich anlockenden Speisen würde der Mensch eher sterben, als dass er bei Willensfreiheit eine von ihnen an die Zähne brächte.) Ja, es findet sich schon im Aristoteles 'über den Himmel', 2, 13 mit diesen Worten: 'Ebenso was über einen heftig Hungernden und Dürstenden gesagt wird, wenn er gleich weit von Speise und Trank absteht, denn auch dieser muss in Ruhe verharren'. ~Buridan~, der aus diesen Quellen das Beispiel überkommen hatte, vertauschte den Menschen gegen einen Esel, bloss weil es die Gewohnheit dieses dürftigen Scholastikers ist, zu seinen Beispielen entweder Sokrates oder Plato oder asinum zu nehmen".--

* * * * *

(_Mais_) *où sont les neiges d'antan?*

Wo ist der Schnee des verflossenen Jahres?

ist der Kehrreim der "Ballade des Dames du temps jadis" François *Villon*s (1431-61), in der er die Vergänglichkeit aller weiblichen Schönheit des Leibes und der Seele besingt.--

* * * * *

*L'appétit vient en mangeant*

Je mehr man hat, je mehr man will,

eigentlich: "Die Esslust kommt beim Essen", steht in des François *Rabelais* (1483-1553) "Gargantua", Kap. 5. Das im "Leben des Gargantua und Pantagruel" vorkommende und seitdem für Nachäfferei angewendete

*Les moutons de Panurge*

Die Schafe des Panurge

findet seine Erklärung darin, dass in der Erzählung Panurge einem eine Herde Schafe mit sich führenden Viehhändler, der sich auf demselben Schiff befindet, ein Schaf abkauft und es über Bord wirft, worauf alsdann die ganze Herde nachspringt.

*Horror vacui*

Grauen vor dem Leeren

lässt sich auf "Gargantua et Pantagruel" 1, 5: "Natura abhorret vacuum" zurückführen.

*Deficiente pecu, deficit omne, nia*

(Mangelt im Beutel die Bar--mangelt's an Jeglichem,--schaft,)

heisst es in "Gargantua und Pantagruel", III, 41 (1546).--

* * * * *

Clément *Marot* (1495-1544) schilderte (1531) in einer poetischen Epistel an den König (Au Roy pour avoir esté des-robbé), wie ihn sein Diener bestohlen habe, "ein Fresser, Trunkenbold, ein unverschämter Lügner, ein falscher Spieler, Spitzbube, Flucher, Lästerer, dem man auf hundert Schritt anriecht, er werde an den Galgen kommen,

sonst der beste Kerl von der Welt",

*au demeurant le meilleur fils du monde".--*

* * * * *

Der Kanzelredner Pierre *Charron* (1541-1603) sagt am Anfang der Vorrede des ersten Buches seines "Traité de la Sagesse" (Bordeaux 1601): "La vraie science et le vrai étude de l'homme, c'est l'homme". Diesen Satz citieren wir englisch nach Pope, der ihn (1733) in seinem Lehrgedichte "Essay on Man" 2, 1 also wiedergab:

*The proper study of mankind is man.*

"Das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch"

sagt ~Goethe~ in den "Wahlverwandschaften" II, 7 am Ende.--

* * * * *

*Chronique scandaleuse*

ist der Titel einer historischen Schrift über Louis XI., die man ~Jean de Troyes~ zugeschrieben hat, die aber von Ludwigs XI. écuyer und maître d'hôtel ~Denis Hesselin~ inspiriert, wenn nicht verfasst ist. Die Schrift heisst ursprünglich "Chroniques du très-chréstien et victorieux Louys de Valois, unziesme de ce nom". Erst ein Buchhändler, der 1611 diese Schrift wieder abdruckte, gab ihr den Titel "Chronique scandaleuse", den sie ihrem Inhalte nach nicht verdient. (Aubertin "Hist. de la littérature franç. au moyen-âge", II, 271).--

* * * * *

Einen schmachtenden Liebhaber nennen wir nach einer Person des Romans "Astrée" (1619) von *d'Urfé* (1567-1625) statt Céladon:

*Seladon.--*

* * * * *

Réne *Descartes* (Renatus Cartesius, 1596-1650) bezeichnet als die erste und sicherste Erkenntnis des Philosophen (s. "Princip. Philos." 1, 7 u. 10. Amst. 1644) den Satz: "ego

*cogito, ergo sum".*

Ich denke, also bin ich.--

* * * * *

Aus 4, 3 des "Cid" (1636) von Pierre *Corneille* (1606-84) ist:

*Et le combat cessa, faute de combattants,*

Und endlich schwieg der Kampf, da es an Kämpfern fehlte.--

* * * * *

Jean *Rotrou* (1609-50) schrieb in seiner zuerst 1636 gegebenen Komödie "Les Sosies" (IV, 4):

"Point point d'Amphytrion (sic!), où l'on ne disne point",

"Amphitryon ist hin, wenn er uns nicht mehr sättigt".

Dieser Vers wurde wohl dadurch angeregt, dass bei ~Plautus~ ("Amphitruo" III, 3, 13 s. auch 2, 70) Jupiter unter des Titelhelden Maske den Blepharo durch Sosias zum Frühstück bitten lässt, und er rief ~Molières~ Worte hervor ("Amphitryon" 1668, III, 5):

"Le véritable Amphitryon Est l'Amphitryon où l'on dîne".

Amphitryon, der echte rechte, Ist der Amphitryon, bei dem man tafelt".

So wurde denn "L'Amphitryon où l'on dîne" in Frankreich "geflügelt" und danach erlangte auch bei uns, ohne Beziehung auf Plautus,

*Amphitryon*

die Bedeutung eines gefälligen Gastgebers.--

* * * * *

*Die Kastanien aus dem Feuer holen,*

*Tirer les marrons du feu,*

entlehnen wir der Fabel Jean de *La Fontaine*s (1621-95), 9. Bch., 17 "Der Affe und die Katze". Der Affe Bertram bewegt die Katze Raton, geröstete Kastanien aus dem Feuer zu holen, die er sofort verspeist, bis eine Magd dazu kommt, worauf beide Tiere fliehen. "Raton war nicht zufrieden, sagt man", schliesst die Fabel, welche schon im 16. Jahrh. von Sim. ~Majoli~ in "Dies caniculae" lateinisch und von Noël du ~Fail~ in "Eutrapel" französisch, im 17. von Jac. ~Regnerius~ lateinisch und von Guil. ~Bouchet~, Pierre ~Deprez~, Is. ~Benserade~ französisch erzählt wurde, vrgl. Fabel 17 in des Armeniers ~Vartan~ († 1271) Fabelsammlung (Paris 1825).--

* * * * *

Nach *Molière*s (Jean Baptiste ~Poquelin~ 1622-73) Komödie "Le dépit amoureux" (1656) reden wir von einem

*dépit amonreux,*

verliebtem Trotze.--

* * * * *