Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 17
Aus Wenzel ~Müllers~ Singspiele "Das Neu-Sonntagskind" (1793 zuerst aufgeführt, 1794 zuerst in Pressburg gedruckt), Text von Joachim *Perinet* (1765-1816), stammt:
Wer niemals einen Rausch hat g'habt, Der ist ein schlechter Mann,
was in der Form:
*Wer niemals einen Rausch gehabt, Der ist kein braver Mann*
citiert wird und sein Vorbild hat in den Versen, die wir bei ~Keil~ in den "Deutschen Studentenliedern des 17. u. 18. Jahrh.", S. 33 finden:
Denn wer sich scheut, ein Rausch zu han, Der will nicht, dass man ihn soll kennen, Und ist gewiss kein Biedermann.--
* * * * *
Joh. Friedr. *Kind* (1768-1843) ist zu nennen wegen:
*Komm doch näher, liebe Kleine!*
aus seinem Gedichte "Der Christabend" (das auch Citat aus Mozarts "Don Juan" sein kann); und aus seinem Text zu Karl Maria von Webers zuerst am 18. Juni 1821 in Berlin aufgeführtem "Freischütz" citieren wir:
*Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt? Werft* (_eigentlich:_ *Stürz't) das Scheusal in die Wolfsschlucht! Samiel, hilf!* _oder:_ *Hilf, Samiel! Er war von je ein Bösewicht; Ihn traf des Himmels Strafgericht! Was gleicht wohl auf Erden Dem Jägervergnügen!--*
* * * * *
Von Friedr. Dan. Ernst *Schleiermacher* (1768-1834) rührt her:
*In sieben Sprachen schweigen.*
In "Zelters Briefwechsel mit Goethe" (V. S. 413) sagt Zelter in einem Briefe vom 15. März 1830: "nun muss ich schweigen, (wie unser Philologus Bekker, den sie den Stummen in sieben Sprachen nennen)"; und ~Halm~ "Nekrolog auf Immanuel Bekker" ("Sitzungsber. d. bayerisch. Akad. d. Wissensch." 1872, S. 221) sagt: "Schleiermachers geistreiches Wort, Bekker schweige in sieben Sprachen, ist zu einem geflügelten geworden".
*Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.*
wird in Berlin auch auf ~Schleiermacher~ zurückgeführt. Wo findet es sich aber in ~dieser Form~ zuerst gedruckt?--
* * * * *
~Ernst Moritz~ *Arndt* (1769-1860) beginnt sein "Vaterlandslied" (1812):
*Der Gott, der Eisen wachsen liess, Der wollte keine Knechte;*
und ferner verdanken wir ihm das Wort:
*Soweit die deutsche Zunge klingt,*
welches den dritten Vers der sechsten Strophe seines Gedichtes "Des Deutschen Vaterland" bildet, das 1813 zu Ostern erschien (s. "Deutsche Wehrlieder für das Kgl. preuss. Frei-Corps", 1. Samml.) und 1825 von Gustav ~Reichardt~ komponiert wurde.--
Schliesslich citieren wir auch den Titel von ~Arndts~ 1813 zu Leipzig bei W. Rein erschienener Schrift: "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze" in der Form:
*Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze.*
Diese Worte schmücken Afingers Arndtdenkmal in Bonn.--
* * * * *
~Friedr.~ *Voigt* (1770-1814) beginnt ("Lieder für das Herz; zur Beförderung eines edlen Genusses in der Einsamkeit", Lpz. 1799) ein Lied "Elisas Abschied":
*Noch einmal, Robert, eh' wir scheiden,* (Komm an Elisas klopfend Herz).
Ursprünglich stand Heinrich statt Robert da (s. den ersten Druck in der deutschen Monatsschrift, August 1798, S. 281 ff.).--
* * * * *
*Den Bürgermeister ausgenommen*
steht in dem Gedichte "Die Ausnahme" von Andreas *Wilke* († 1814 zu Grabow in Mecklenburg-Schwerin als Vorsteher einer Privatschule). Entlehnt hat er wohl den Schwank einer Erzählung im "Vademecum für lustige Leute" (8. T., Berlin 1781, S. 68, No. 130). Danach sagt ein Fremder in einer kleinen Stadt nach der Mahlzeit zum Gastwirt, er habe so gut gegessen wie irgend einer im Lande. Der Wirt, ein Ratsherr des Städtchens, versetzt darauf: "den Herrn Bürgermeister ausgenommen". Als der Fremde dies bestreitet, muss er vor Gericht einen Gulden Strafe zahlen. Dabei aber bemerkt er: "Der Kerl, der mich hier vor Gericht gebracht hat, ist der grösste Narr der Christenheit--Sie, Herr Bürgermeister, ausgenommen".--
* * * * *
*Alles, was ist, ist vernünftig*
ist eine Umformung der Worte Georg Wilh. Friedr. *Hegel*s (1770-1831) in der Vorrede zu seinen: "Grundlinien der Philosophie des Rechtes" (1821):
Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig;
(Aristot. Ethic. Nicom. I, 8, § 1). ~Pope~ "Essay on Man", 1, 289 hat:
Whatever is, is right,
Alles was ist, ist recht so.--
* * * * *
Das Motto der Briefe ~Rahels~:
*Still und bewegt*
entlehnte ~Varnhagen v. Ense~ aus Joh. Christ. Friedr. *Hölderlin*s (1770-1843) "Hyperion" (Tübingen 1797-99, Bch. 2, Brief 2: "Wie der Sternenhimmel, bin ich still und bewegt"), eingedenk der Worte Goethes (1795) über Rahel: "Sie ist, soweit ich sie kenne, in jedem Augenblicke sich gleich, immer in einer eigenen Art ~bewegt, und doch ruhig~,--kurz, sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte", (vrgl. "Rahel, ein Buch des Andenkens für ihre Freunde". Berlin 1833. S. 98.) Wahrscheinlich ist ~Hölderlins~ Vergleich eine Übertragung von: "in motu immotum", dem Motto des Kardinals Luigi Este († 1586), das mit dem Emblem des sternenbedeckten Firmaments die Devise jenes Fürsten bildete.--
*Der König rief, und alle, alle kamen,*
ist der Anfang eines von H. *Clauren* (Carl Heun 1771-1854) gedichteten Liedes, dessen erster Druck das Datum "Gnadenfrei, den 24. Juni 1813" trug, "in Kommission zu haben bei W. G. Korn in Breslau und bei Gröbenschütz in Berlin".--
* * * * *
Der Anfangsvers eines Liedes von ~August~ *Mahlmann* (1771-1826) in ~Beckers~ "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" (1802, S. 278, 279) lautet:
*Ich denk' an euch, ihr himmlisch schönen Tage* (der seligen Vergangenheit!).--
* * * * *
Von Friedrich von *Schlegel* (1772-1829) ist:
*Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet.*
Es steht in dem von seinem Bruder August Wilhelm und ihm herausgegebenen "Athenaeum", Berlin 1798-1800, Bd. 1, Stück 2, S. 20 unter "Fragmente".--
*Göttliche Grobheit*
ist aus Fr. v. ~Schlegels~ Roman "Lucinde" (Berlin 1799) entwickelt, in dem es S. 30 heisst:
"Ich wollte Dir erst beweisen und begründen, es liege ursprünglich und wesentlich in der Natur des Mannes ein gewisser tölpelhafter Enthusiasmus, der gern mit allem Zarten und Heiligen herausplatzt, nicht selten über seinen eigenen treuherzigen Eifer hinstürzt und mit einem Wort leicht ~bis zur Grobheit göttlich ist~".
~Koberstein~ ("Grundriss", 5. Auflage, 4. Band, S. 696) sagt: "Die Gegner (der Romantiker) griffen den Ausdruck Fr. Schlegels 'göttliche Grobheit', dessen er sich in der 'Lucinde' bedient hatte, auf und wandten ihn häufig auf die Kritik und Polemik der neuen Schule an". (?) Hiernach wäre der erste, welcher "göttliche Grobheit" anwendete, nicht E. T. A. ~Hoffmann~ gewesen. (?) In seiner Erzählung im Berlinischen Taschen-Kalender von 1821: "Die Irrungen. Fragment aus dem Leben eines Phantasten" heisst es im Kapitel "Traum und Wahrheit": "O Baron, sprach die Jungfrau, du hast Mut und nicht fremd blieb dir göttliche Grobheit".--
* * * * *
Von *Novalis* (Friedrich Freiherr von Hardenberg 1772-1801) ist das im Schlegel-Tieckschen Musenalmanach für 1802 mitgeteilte:
*Wenn ich ihn nur habe, Wenn er mein nur ist,*
sowie das ebenda befindliche:
*Wenn alle untreu werden, So bleib' ich dir doch treu.*
Max von ~Schenkendorf~ ("Gedichte", Cotta 1815, S. 141 "Erneuter Schwur". Junius 1814. An Friedrich Ludwig Jahn.) wiederholte diese Verse, nur dass er "euch" statt "dir" setzte und die Gefährten seiner Jugend damit besang.--
* * * * *
Nach R. ~Köpke~: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters" (I, 210 und 211) ist ~Ludwig~ *Tieck* (1773-1853) der Schöpfer des Wortes:
*Waldeinsamkeit.*
Es heisst daselbst: "Als Tieck sein Märchen 'Der blonde Eckbert' (1797) im Kreise der Freunde aus dem Korrekturbogen vorlas, erfuhr das Wort, welches im Mittelpunkt desselben stand, ~Waldeinsamkeit~, eine scharfe Kritik, ~Wackenroder~ erklärte, es sei unerhört und undeutsch, wenigstens müsste es heissen: "Waldeseinsamkeit". Die Übrigen stimmten bei. Umsonst suchte ~Tieck~ sein Wort durch ähnliche Zusammensetzungen zu verteidigen. Er musste endlich schweigen, ohne überzeugt zu sein, strich es aber nicht aus und gewann ihm das Bürgerrecht in der Litteratur". ~Tieck~ selbst erzählt dies in seiner 1841 in der "Urania", (S. 133 ff.) erschienenen Novelle "Waldeinsamkeit", nennt jedoch das Jahr 1796.--
Das Wort
*romantisch,*
das 1734 im "Bernischen Spectateur" neben dem bis dahin üblichen "romanisch" zuerst[54] vorkommt, erlangte seine allgemeine Bedeutung als litterarischer Parteiname, nachdem ~Tieck~ 1800 seine Gesamtgedichte unter dem mit vollster Unbefangenheit gewählten Titel "Romantische Dichtungen" herausgegeben hatte (s. R. ~Köpke~: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters", I, 265; s. auch II, 172). Erst A. W. ~Schlegel~ stellte in "Charakteristiken und Kritiken" (Königsberg 1801) die klassische Poesie des Altertums und die romantische des Mittelalters und der Neuzeit als auf ganz verschiedene Weise entstanden gegenüber. ~Romantic~ wird nach ~Friedländer~ ("Darstell. aus d. Sittengesch. Roms", 5. Aufl. 1881. Bd. 2, S. 245) im Englischen schon Mitte des 17. Jahr. von Personen und Naturscenen gebraucht.--
[Fußnote 54: S. "Die Gegenwart" XXVII, S. 71 "Klassisch und Romantisch." Eine Wortstudie von H. Breitinger.]
Ein Losungswort für und gegen die Romantik war einst Tiecks:
*Mondbeglänzte Zaubernacht.*
Nämlich im Prolog und am Schlusse seines "Kaiser Oktavianus" (1804) glossiert er das Thema:
Mondbeglänzte Zaubernacht, Die den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig' auf in der alten Pracht!
~Uhland~ verwendet das Wort in seiner Glosse "Der Romantiker und Recensent".--
* * * * *
Amadeus Gottfr. Adolf *Müllner*s (1774-1829) Worte in dem Drama "Die Schuld" (aufgeführt 1813, ersch. 1816) 2, 5:
(Und) erklärt mir, Oerindur, Diesen Zwiespalt der Natur! (Bald möcht' ich in Blut sein Leben Schwinden seh'n, bald--ihm vergeben)
hat der Volksmund also umgestaltet:
*Erkläret* (_löset_) *mir, Graf Oerindur, Diesen Zwiespalt der Natur.--*
* * * * *
Von ~Luise~ *Brachmann* (1777-1822) citieren wir den ersten Vers ihres Gedichtes "Columbus":
*Was willst du, Fernando, so trüb und so bleich?--*
* * * * *
~De la Motte~ *Fouqué*s (1777-1843) "Trost" ("Frauentaschenbuch für 1816" S. 187) beginnt:
*Wenn alles eben käme, Wie du gewollt es hast.--*
* * * * *
*Zahlen beweisen*
oft erweitert zu:
*Zahlen beweisen, sagt Benzenberg,*
müsste eigentlich heissen: "Zahlen entscheiden"; denn so lautet es an vielen Stellen der Schriften des rheinischen Physikers und Publicisten Joh. Friedr. *Benzenberg* (1777-1846). Verbreitet wurde der Ausdruck besonders durch die "Kölnische Zeitung". Als nämlich 1833 der Stadt Köln das Stapelrecht genommen und ihr zum Ersatz ein Freihafen gegeben wurde, entspann sich unter den Beteiligten ein lebhafter Streit über den Nutzen oder den Schaden der neuen Einrichtung, welcher in der genannten Zeitung unter der abwechselnden Überschrift "Zahlen beweisen" und "Zahlen beweisen nicht" ausgefochten wurde. Der Karneval von 1834 bemächtigte sich der Frage und verschaffte durch allerlei drollige Wendungen und Zusätze dem Worte Eingang in die weitesten Kreise.--
* * * * *
In Clemens *Brentano*s (1778-1842), Lustspiel "Ponce de Leon" (1804), 5, 2, sagt der Haushofmeister Valerio zu einem Schulmeister mit Bezug auf eine erwartete Musikantenschar: "Diese schlechten Musikanten und guten Leute aber werden sich unter Eurer Anführung im Walde versammeln". Hieraus entstand durch E. T. A. ~Hoffmann~ ("Seltsame Leiden eines Theater-Direktors", anonym, Berl. 1819, S. 198, u. "Kater Murr", 1820, 2. Abschn.) und ~Heinrich Heine~ ("Ideen. Das Buch le Grand", 1826, Kap. 13) das Dictum:
*Gute Leute und schlechte Musikanten.*
~Brentano~ wird dadurch zu seinem Worte angeregt worden sein, dass die Amme in Shakespeares "Romeo und Julia" (IV, 5) die Musikanten "Ihr guten Leute" anspricht, denen weiterhin Peter sagt: "Es heisst 'Musik mit ihrem Silberklang', weil solche Kerle, wie ihr, kein Gold fürs Spielen kriegen".--
* * * * *
Aus dem zuerst im "Neuen Liederbuch für frohe Gesellschaften", Hamburg 1808, S. 91, sodann im Sommer 1810 bei J. A. Böhme in Hamburg erschienenen "Gesellschaftslied: Im Kreise froher kluger Zecher, in Musik gesetzt fürs Piano-Forte von Karl ~Döbbelin~" stammt:
*Wir Menschen sind ja alle Brüder.*
(Schon Maleachi 2, 10 ruft aus: "Haben wir nicht alle einen Vater?") Das Lied ist unterzeichnet *Ludwig*. Ist damit ~Johannes Ludwig~ gemeint, der Verfasser der "Lieder und Gedichte für Freunde der Natur und häuslichen Glückseligkeit", Hildburghausen 1802? Später steht ~Zschokkes~ Name unter dem Liede. Nach dem "Nekrolog der Deutschen" (IV, 281) soll Christian Gottlob ~Otto~, Professor der Mathematik an der Fürstenschule zu Meissen (1763-1826) der Verfasser sein.--
* * * * *
*Volkstum*
ist Friedrich Ludwig *Jahn*s (1778-1852) Erfindung. Er gab "Das deutsche Volkstum" 1810 zu Lübeck heraus. In der bereits 1808 geschriebenen, dem Buche vorangehenden "Erklärung", erwähnt er, dass er schon früher eine Schrift "Volkstum" verfasst habe, die verloren gegangen sei.--
*Turnen*
ist ein ebenfalls von ~Jahn~ um jene Zeit eingeführtes Wort. Er eröffnete 1811 den ersten Turnplatz in der Hasenhaide bei Berlin. Turner (mit turnieren in Verbindung) steht bereits gegen 1650 bei ~Moscherosch~, "Philander von Sittewald", II, 146. (Althochdeutsch turnan = wenden, lenken).--
* * * * *
(_Das Publikum, das ist_) *ein Mann, Der alles weiss und gar nichts kann,*
beginnt ein Gedicht "Das Publikum" von ~Ludwig~ *Robert* (1778-1832), welches nach dem Nekrolog von W. Alexis für Robert (im "Freimütigen", Juli 1832) "von Mund zu Munde" ging (s. "Ludw. ~Roberts~ Schriften". Mannh. 1838. T. I, S. 19). Ernst ~von Wildenbruch~ in seinem "Christoph Marlow" (1884) lässt Ben Jonson sagen (Akt 3, Sc. 5): "Ein Recensent, siehst du, das ist ein Mann, der Alles weiss und gar nichts kann".--
Aus ~Roberts~ Gedicht "An L. Tieck. Promenaden eines Berliners in seiner Vaterstadt" (1824) stammt das Wort (s. "Morgenblatt" vom 21. Sept. 1824 und L. Roberts "Schriften" II, 125):
*Hof-Demagoge.*
("So nämlich nenn' ich keinen Berliner! Hof-Demagogen sind Männchen, Die allem Volke den Hof machen Und bei jeder Gelegenheit Für massigen Preis, Was preussisch ist, preisen".)
Dies wurde der Spitzname für den aus Münchengosserstädt stammenden Berliner Schriftsteller Friedrich ~Förster~, der ein eifriger Liberaler und Hofgelegenheitsdichter war. Später nannte ein Kritiker der "Nachträge zu den Reisebildern (1831)" im "Konversationsblatt" Heinrich ~Heine~ einen "Salondemagogen" (s. "Ges. W." XX, 225, 1876), woraus dann das harmlosere Witzwort "Salontiroler" entsprungen sein mag, was Berthold ~Auerbach~ in seinem Roman "Auf der Höhe" gebraucht und das von ~Defregger~ zum Titel und Inhalt eines Gemäldes (Berliner Nationalgalerie) auserkoren ward, nur dass dort nicht das Waldkind im Salon, sondern der Salonmensch unter den Wäldlern die komische Figur spielt.--
* * * * *
Der "Denkspruch" von ~Karl~ *Streckfuss* (1779-1844):
Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht zagen, *Das Unvermeidliche mit Würde tragen,* Das Rechte thun, am Schönen sich erfreuen, Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen, Und fest an Gott und bess're Zukunft glauben, Heisst leben, heisst dem Tod sein Bitt'res rauben,
findet sich in seinen "Gedichten" (Lpzg. 1811) und ist im Inhaltsverzeichnisse mit der Jahreszahl 1809 versehen. Die zweite Reihe wurde zum "geflügelten Worte".
Nach den Mitteilungen seiner Söhne bestimmte Streckfuss 1831, als die Cholera in Berlin herrschte, in seinem Testamente, dass jene Verse auf sein Grab gesetzt werden sollten. Sie befinden sich auch auf seinem namenlosen Grabstein auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhofe in Berlin vor dem Hallischen Thore. 1843, ein Jahr, ehe Streckfuss starb, liess die litterarische Gesellschaft, deren Vorsteher er war, ihn durch Franz ~Kugler~ zeichnen und die, mit dem von ihm eigenhändig geschriebenen Denkspruch versehene Zeichnung lithographisch vervielfältigen.--Der gleiche Gedanke ist schon früh den Griechen aufgestiegen. Vrgl. ~Theognis~, 591-594 (Poetae lyrici graeci, ed. Bergk. Leipz. 1882, 4. Aufl. Tom. II):
Τολμᾶν χρή, τὰ διδοῦσι θεοὶ θνητοῖσι βροτοῖσιν, ῥηϊδίως δὲ φέρειν ἀμφοτέρων τὸ λάχος, λίην χαλεποῖσιν ἀσῶ φρένα, μηδ' ἀγαθοῖσιν τερφθῇς ἐξαπίνης, πρὶν τέλος ἄκρον ἰδεῖν.
(_Der Mensch soll dulden, was die Gottheit sendet, Und, wie das Loos auch fällt, es leicht ertragen. Im Leid lass nie dein Herz zu tief verzagen, Im Glück nicht jubeln, eh' du weisst, wie's endet!_)
und die Worte des ~Kleobulus~ bei Diogenes Laertius (I, 6 u. 4, 93):
εὐτυχῶν μὴ ἴσθι ὑπερήφανος ἀπορήσας μὴ ταπεινοῦ.
(_Sei nicht übermütig im Glück, nicht kleinmütig im Unglück._)
Conz († 1827) übersetzt den am Ende des "Handbuches des Epiktet" (Stuttgart o. J.) befindlichen Vers (der nach Simplicius dem ~Kleanthes~, Schüler des Zeno und Lehrer des Chrysippus, angehört):
Ὅστις δ' ἀνάγκῃ συγκεχώρηκεν καλῶς
(_Wer sich der Notwendigkeit in schöner Weise fügt_)
mit Benutzung der Streckfussischen Worte:
_Und wer das Unvermeidliche mit Würde trägt._
Die erste Zeile der Streckfussischen Grabschrift entsprang wohl dem Verse
"Im Glücke bin ich stolz, verzagt in Kümmernissen"
aus ~Gellerts~ Gedicht "Das natürliche Verderben des Menschen" (s. "Geistliche Oden und Lieder" 1757).--
* * * * *
Aus der zuerst 1809 aufgeführten "Schweizerfamilie" Joseph ~Weigls~ mit Text von Ignaz Friedr. *Castelli* (1781-1862) citieren wir:
*Setz' dich, liebe Emeline, Nah', recht nah zu mir.--*
* * * * *
Der Anfang eines Liedes von ~Johann Rudolf~ *Wyss d. J.* (1781-1830) lautet:
*Herz, mein Herz, warum so traurig? Und was soll das Ach und Weh?*
Es erschien im Schweizeralmanach "Alpenrosen" 1811 zuerst in Berner Mundart:
"Herz, myn Herz, warum so trurig?"--
* * * * *
Adalbert *v. Chamisso*s (1781-1831):
*Der Zopf, der hängt ihm hinten,*
(1822. "Tragische Geschichte". Zuerst in "Moosrosen" auf das Jahr 1826, herausg. von Wolfgang ~Menzel~, Stuttg. 1826, S. 395, 396) ist ebenso bekannt, wie sein
*Das ist die Zeit der schweren Not,*
was zuerst in einem im Juni 1813 von ~Chamisso~ an J. ~Hitzig~ aus Kunersdorf geschriebenen Briefe vorkommt (J. Hitzig: "Leben und Briefe von Ad. v. Chamisso", I., S. 343, Leipz. 1839), wo es heisst: "Gott verzeihe mir meine Sünden!
Thema. Das ist die schwere Zeit der Not, Das ist die Not der schweren Zeit, Das ist die schwere Not der Zeit, Das ist die Zeit der schweren Not".
Diese vier Zeilen führen in den Werken Chamissos jetzt den Titel "Kanon".--
In ~Chamissos~ "Nachtwächterliede" (1826; Werke 3, 95 Lpz. Weidmann, 1836) lautet die dritte Strophe:
"Hört, ihr Herrn, so soll es werden: Gott im Himmel, wir auf Erden, *Und der König absolut, Wenn er unsern Willen thut.* Lobt die Jesuiten!"--
Auch wird aus ~Chamissos~ "Frauen-Liebe und -Leben" 2 ("Gedichte" 1831 n. A.) citiert:
*Er, der herrlichste von allen.*
vrgl. Hiob 1, 3: "Er war herrlicher, denn Alle, die gegen Morgen wohneten".--
* * * * *
Max von *Schenkendorf* (1783-1817) sagt in der vorletzten Strophe von "Schills Geisterstimme" (1809):
*Für die Freiheit eine Gasse!*
Theodor ~Körner~ sagt nach ihm in seinem "Aufruf" (von 1813) "Frisch auf, mein Volk! die Flammenzeichen rauchen", wo es den Anfang des vorletzten Verses der ersten Strophe bildet:
*Der Freiheit eine Gasse!*
Dass Arnold von Winkelried, wie erzählt wird, sich mit diesen Worten 1386 in der Schlacht bei Sempach in die Speere der Feinde gestürzt habe, lässt sich nicht nachweisen. Im Liede ~Halbsuters~, das von Liliencron in den "historischen Volksliedern der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrh.", 1. Bd. S. 125-140 mitteilt, wird nur Strophe 27 "Ein Winkelried" genannt und Strophe 29 von ihm gesagt:
Hie mit da tet er fassen ein arm voll spiess b'hend; den sinen macht er gassen, sin leben hat ein end.
~Herwegh~ besang Winkelrieds That mit einem Gedichte, dessen Titel und Kehrreim: "Der Freiheit eine Gasse!" ist. Ähnlich sagte schon um 61 n. Chr. ~Seneca~ ("de provid." 2), indem er schildert, wie Cato Uticensis sich nach der Niederlage bei Thapsus (46 v. Chr.) das Leben nahm: "Una manu latam libertati viam faciet"--"mit einer Hand wird er der Freiheit eine breite Bahn schaffen".--
Auch citieren wir den Anfangsvers von ~Schenkendorfs~ Liede (1813):
*Freiheit, die ich meine,* Die mein Herz erfüllt, Komm' mit deinem Scheine, Süsses Engelsbild!--
* * * * *
*Was vergangen, kehrt nicht wieder; Aber ging es leuchtend nieder, Leuchtet's lange noch zurück!*
bildet in den Gedichten ~Karl~ *Förster*s (1784-1841), herausg. v. L. ~Tieck~, Leipz. 1843, I. S. 60 den Anfang des Gedichtes "Erinnerung und Hoffnung".--
* * * * *
Das von ~Pius Alex.~ *Wolff* (1784-1828) nach des Cervantes Novelle: "la gitanilla de Madrid" gedichtete Drama "Preciosa" (zum ersten Male in Berlin 14. März 1821 auf die Bühne gekommen) enthält 1, 5:
*Herrlich! Etwas dunkel zwar-- Aber 's klingt recht wunderbar,*
und
*Leb' wohl, Madrid!* (_Nie wende sich dein Glück!_)--
Der 2, 1 vorkommende Reim:
Wird man wo gut aufgenommen, Muss man ja nicht zweimal kommen,
lautet als stehendes Citat gefälliger so:
*Wird man wo gut aufgenommen, Muss man nicht gleich wiederkommen.--*
2, 2 enthält Preciosas Gesang:
*Einsam bin ich nicht alleine,*
(s. "Geflügelte W. a. d. Geschichte". "Rom": Scipio.)--
Aus 3, 2 der "Preciosa" sind die Worte Pedros:
*Auf der grossen Retirade*, und: *Peter des Plaisirs*
für "maitre de plaisir", und
*Thut nichts, könnt's noch öfter hören;*
aus Sc. 3 u. 8:
*Donnerwetter Parapluie;*
Die Stelle der dritten Scene lautet:
Pedro: Parapluie!
Ambrosio: Flucht nicht so grässlich!
Pedro: Donnerwetter!
Pedro spricht gern in wälschen, von ihm missverstandenen Wörtern, und so wird jenes "Parapluie" von ihm aus "parbleu" verzerrt, das seinerseits aus "par Dieu" entstand, wie "Potsdonnerwetter" aus "Gottsdonnerwetter".--
* * * * *
Ernst Benj. Sal. *Raupach* (1784-1852) lässt seinen "König Enzio" (1831) zweimal sagen:
*Das Glück war niemals mit den Hohenstaufen.*
(Akt 2, Sc. 2, Auftritt 5 und Akt 4, Sc. 2, Auftritt 8.)--
* * * * *
Adolf *Bäuerle*s (1784-1869) Lied "Was macht denn der Prater?" aus seinem von Wenzel ~Müller~ komponierten Operntext "Aline" (aufgef. in Wien am 9. Okt. 1822) hat den Refrain:
"Ja nur ein' Kaiserstadt, ja nur ein Wien".
Dies Lied wurde in K. v. ~Holteis~ "Die Wiener in Berlin" (4. Jahrb. d. Bühne für 1825) eingeschoben, und man citiert es im Wiener Dialekt:
*'s giebt nur a Kaiserstadt, 's giebt nur a Wien!*
"Es giebt nur a Wien" steht übrigens schon in einer 1781 in Wien erschienenen, namenlosen Schrift "Schwachheiten der Wiener".--
* * * * *
Ein altes jüdisches Sprichwort: "Butterbrot fällt uf's Ponim" (d.h. aufs Gesicht, vom hebräischen "panim") hat Ludwig *Börne* (1786-1837) zu dem Worte verarbeitet (Ges. Schr., 3, 276):
*Minister fallen, wie Butterbrode, gewöhnlich auf die* _gute_ *Seite.--*