Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 16
In ~Schillers~ Gedicht "Der Antritt des neuen Jahrhunderts" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1802". S. 167) heisst es:
*Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, Und das Schöne blüht nur im Gesang.*
Ebenda, S. 231, steht "Voltaires Pucelle und die Jungfrau von Orleans", später "Das Mädchen von Orleans" genannt. Daraus wird citiert:
*Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen Und das Erhab'ne in den Staub zu zieh'n.*
* * * * *
Aus der zweiten Scene des Prologes zur "Jungfrau von Orleans", die zuerst 1801 in Leipzig aufgeführt wurde, und deren erster Druck unter dem Titel: "Kalender auf das Jahr 1802. Die Jungfrau von Orleans" u.s.w. (Berlin, Unger) erschien, wird citiert:
*Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte?*
aus der dritten:
*Mein ist der Helm, und mir gehört er zu; Nichts von Verträgen, nichts von Übergabe.*
Der Anfangsvers der ersten Strophe des Monologs Johannas:
*Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften,*
wird, wie ihr Schlussvers:
*Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder,*
bei einem Abschiede angewendet. Die Worte des Königs Karl (VII, 1, 2):
*Drum soll der Sänger mit dem König gehen, Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen,*
erscheinen mit ihrem "Drum" als eine Schlussfolge aus den vorhergehenden Betrachtungen Karls; citiert wird das Wort, indem man für "Drum" eigenmächtig "Es" setzt.
*Mit dem Volke soll der Dichter gehen,* Also les' ich meinen Schiller heut'!
sagt ~Freiligrath~.
Ferner sind uns aus der "Jungfrau von Orleans" folgende Stellen geläufig:
*Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?* (1, 3)
(wobei zu bemerken, dass nach ~Plutarchs~ "Cäsar", K. 33, Pompeius einst geprahlt hatte, er könne Armeen aus der Erde stampfen;)
*Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre* (1, 5);
1, 9:
*Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen;*[48]
[Fußnote 48: Solche Gegenüberstellung findet sich bereits: ~Livius~ 5, 44; 22, 48; 23, 40; 25, 14; ~Curtius~ 4, 15; ~Tacitus~, hist. 3, 77: "pugna" und "caedes"; ~Livius~ 2, 53 und 5, 45; ~Tacitus~, hist. 4, 33: "proelium" und "caedes"; ~Livius~ 28, 16: "pugna" und "trucidatio velut pecorum".]
1, 10:
*Von wannen kommt dir diese Wissenschaft?*
(Schiller ahmte sich selbst in diesem Verse nach; denn in "Macbeth", 1, 5 (1801) übersetzt er das Shakespearesche 1, 3 vorkommende:
_Say from whence You owe this strange intelligence?_
also:
_Sagt, von wannen kam euch Die wunderbare Wissenschaft?_)
1, 10:
*Unsinn, du siegst, und ich muss untergeh'n!*
3, 6:
*Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.*
4, 1:
*Ach, es war nicht meine Wahl!*
5, 14:
*Wie wird mir? Leichte Wolken heben mich;*
und der Schlussvers des ganzen Dramas:
*Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!--*
* * * * *
~Schillers~ Gedicht "An die Freunde" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1803", Tübingen, Cotta, S. 1 u. 2) enthält das Wort:
(_Und_) *der Lebende hat recht*
dann die Umschreibung für Theaterbühne:
*Die Bretter, die die Welt bedeuten*
S. 201 und S. 202 daselbst steht das Gedicht: "Thekla. Eine Geisterstimme", aus dem der Endvers citiert wird:
*Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.--*
* * * * *
Aus der "Braut von Messina" (1803) sind bekannt der Anfangsvers
*Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb,*
der vielleicht aus dem Wort des Apothekers in Shakespeares "Romeo und Julie" (5, 1) entstand:
"My poverty, but not my will, consents",
oder aus Dantes ("Inferno" 12, 87):
"Necessità 'l c' induce e non diletto".
Nachdem Don Manuel zum ersten Male die Bühne verlassen hat, ertönt das Wort des Chors:
*Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muss der Mensch für den kommenden Morgen.*
Ferner citieren wir:
1, 7:
*Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen;*
2, 5:
*Die ist es oder keine sonst auf Erden!*
3, 4:
*Blendwerk der Hölle!*
3, 5:
*Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe!*
4, 4:
*Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren! Wer besitzt, der lerne verlieren, Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz;*
4, 7:
*Auf den Bergen ist Freiheit!
Die Welt ist vollkommen überall, Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.
Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der Übel grösstes aber ist die Schuld.*
Der zweite Vers ist die Übersetzung von ~Ciceros~ [ad. fam. VI, 4, 2]: ("nec esse ullum malum praeter culpam".--A. W. v. ~Schlegel~ versah diese Verse mit Bezug auf ~Müllners~ Drama "Die Schuld", 1816, im Wendtschen Musen-Almanach von 1832 mit der Überschrift: "Unter Müllners Bildnis" und Carl ~Bagger~ ["Digtninger, gamle og nye", 1836] schreibt:
[In ein Stammbuch.]
Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der Übel grösstes aber sind die Schulden).--
* * * * *
Der erste Vers aus ~Schillers~ Romanze "Der Jüngling am Bache", welche in dem am 12. Okt. 1803 in Weimar aufgeführten und 1806 erschienenen "Parasiten" 4, 4 eingeflochten ist, lautet:
*An der Quelle sass der Knabe.*
Der "Parasit" ist von ~Schiller~ aus ~Picards~ "Médiocre et Rampant ou le moyen de parvenir" (1797) weniger übersetzt als übertragen; die Schillersche Romanze hat mit der Picards nur die Stimmung gemein, so dass obiges Citat durchaus Schiller angehört, während jedoch der Schluss der Romanze:
*Raum ist in der kleinsten Hütte Für ein glücklich liebend Paar*
seine Entstehung wohl einer Reminiscenz verdankt. Nämlich in ~Wielands~ "Musarion" (1768), Bd. 1, stottert Fanias: "Gewiss sehr viel Ehre! Allein mein Haus ist klein"; worauf die Schöne versetzt: "Und wenn es kleiner wäre, für eine Freundin hat die kleinste Hütte Raum" und in J. A. ~Leisewitzens~ "Julius von Tarent" (1776) 2, 3 ruft Bianca: "Diese Hütte ist klein; Raum genug zu einer Umarmung.--Dies Feldchen ist enge--Raum genug für Küchenkräuter und zwei Gräber; und dann, Julius, die Ewigkeit;--Raum genug für die Liebe!"--
* * * * *
Aus ~Schillers~ Ballade "Der Graf von Habsburg" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1804", Tübingen, Cotta) stammt:
*die kaiserlose, die schreckliche Zeit!*
aus dem "Siegesfest" (ebenda):
*Von des Lebens Gütern allen Ist der Ruhm das höchste doch; Wenn der Leib in Staub zerfallen, Lebt der grosse Name noch,*
sowie:
*Trink ihn aus, den Trank der Labe, Und vergiss den grossen Schmerz.--*
Der vorletzte Vers des von ~Schiller~ 1804 für Beckers "Taschenbuch" verfassten Gedichtes "Der Alpenjäger" lautet:
*Raum für alle hat die Erde.--*
* * * * *
Citate aus "Wilhelm Tell" (1804) sind Tells Worte an Ruodi den Fischer (1, 1):
*Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt;*
Ruodis Antwort:
*Vom sichern Port lässt sich's gemächlich raten;*
Ferner Ruodis:
*Da rast der See und will sein Opfer haben;*
Tells Worte an den Hirten (s.: Erasmus ~Alberus~):
*Ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte;*
und der Schlussvers der ersten Scene:
*Wann wird der Retter kommen diesem Lande?*
In der zweiten Scene wendet Gertrud ein Wort an, das nur die Wiederauffrischung eines alten Sprichworts ist:
*Dem Mutigen hilft Gott!*[49]
[Fußnote 49: s.: Fortes fortuna adiuvat.]
Der zweite Akt führt uns aus der ersten Scene zu:
*Ich bin der letzte meines Stamms;*
wobei zu erinnern ist, dass bereits Friedr. Leop. Graf zu ~Stolberg~ in seiner "Romanze" (1774; "ges. W." der Brüder Stolberg T. 1, S. 56) sang:
"Er, der letzte seines Stammes Weinte seiner Söhne Fall".
Aus derselben Scene des "Tell" citieren wir:
*Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen, Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft;*
und:
*Es lebt ein anders denkendes Geschlecht.*
2, 2 bietet:
*Wir sind ein Volk und einig woll'n wir handeln,* und gegen Ende:
*Wir wollen sein ein einzig* (_nicht: einig_) *Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr.*
Aus 3, 1 entnehmen wir die Worte Walthers:
*Was da fleucht und kreucht,*
gewöhnlich in der Form sämtlicher späteren Auflagen:
*Was da kreucht und fleucht,*[50]
Worte, die sich an 1. Mos, 7, 14 anlehnen.
[Fußnote 50: Schon ~Walther von der Vogelweide~ singt (nach Simrocks Übersetzung, 6. Aufl., Leipz. 1876, S. 5) im Gedichte "Wahlstreit" (1198): "Was kriechet oder flieget", vrgl. ~Homers~ "Ilias" 17, 447: "ὅσσα τε γαῖαν ἔπι πνείει τε καὶ ἕρπει", ~Herodot~ 1, 140: "τἆλλα ἑρπετὰ καὶ πετεινά" u.s.w.--]
Aus derselben Scene brauchen wir drei Worte Tells:
*Früh übt sich, was ein Meister werden will;*
*Die Axt im Haus erspart den Zimmermann;*
*Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.*
3, 3 enthält des Rudenz Worte:
*Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen.*[51]
[Fußnote 51: ~Amasis~, König von Ägypten (570-526) sagte vom Bogen (Herodot II, 173): "εἰ γὰρ δὴ τὸν πάντα χρόνον ἐντεταμένα εἴη, ἐκραγείη ἄν"--"denn bliebe er alle Zeit gespannt, so würde er wohl zerbrechen". Er entschuldigte damit seinen Hang, die Regierungsmühen mit Trinkgelagen abwechseln zu lassen. Dann leiht Phädrus (3, 4, 10) dem ~Aesop~ die Weisheit, der Geist brauche Spiel, um wieder denkfrisch zu werden, denn: "Cito rumpes arcum, semper si tensum habueris"--"du zerbrichst den Bogen schnell, wenn du ihn stets gespannt haben willst". ~Grimmelshausens~ "Simplicissimus" IV, 1 bietet: "Wann man den Bogen überspannet, so muss er endlich zerbrechen". Doch Schiller schöpfte wohl aus F. M. ~Klingers~ Trauerspiel: "Die Zwillinge" (1774), wo es 2, 2 heisst: "wir wollen den Bogen nicht zu stark spannen, damit die Sehne halte".]
4, 2 spricht der sterbende Attinghausen:
*Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen;*
*Seid einig--einig--einig!*
Aus Tells Monolog 4, 3 wird citiert:
*Durch diese hohle Gasse muss er kommen, Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.--Hier Vollend ich's. Die Gelegenheit ist günstig. Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich* (_ihm_);
*Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen;*
*in gährend Drachengift hast du Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt;*
(wobei wohl 5. Mos. 32, 33 "Ihr Wein ist Drachengift" und Lady Macbeth ["Macbeth" 1, 5] vorgeschwebt hat, die vom Gemüt ihres Mannes sagt, es sei "zu voll von der Milch der Menschenliebe";)
*Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen;
Entränn' er jetzo kraftlos meinen Händen* (_nämlich der Pfeil_), *Ich habe keinen zweiten zu versenden;*
endlich:
*Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,*
was schon des auffallenden Stils wegen citiert wird.
Aus dem darauf folgenden Gespräch Tells mit dem Flurschützen ist bekannt:
*Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt,*
die Umänderung eines älteren Sprichworts: "Niemand kann länger Frieden haben, als seinem Nachbar beliebt".
Dann ruft der getroffene Gessler (4, 3):
*Das ist Tells Geschoss!*
Und nun singen die barmherzigen Brüder:
*Rasch tritt der Tod den Menschen an.--*
Aus dem durch ~Schillers~ Tod (1805) unvollendet gebliebenen "Demetrius" citieren wir:
*Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen,*
wodurch ein oft dagewesener Gedanke[52] für uns seine bleibende Form erhielt.--
[Fußnote 52: S. ~Cicero~ "d. off." 2, 22: "non enim numero haec iudicantur, sed pondere"; ~Plinius d. jüng.~ B. 2, Ep. 12: "numerantur enim sententiae, non ponderantur"; ~Moses Mendelssohn~ (Ges. W. 3, 370; an Nicolai): "Stimmen ... wollen gewogen und nicht gezählt sein"; ~Wieland~ (1774. "Abderiten" 5, 3), der da meint, es komme nicht auf "majora" (das Mehr), sondern auf "saniora" (das Vernünftigere) an; ~Lichtenberg~ (1777. Ausg. v. 1867 B. 2, 3, 236), der es bedauert, "dass wir so oft die Stimmen nur zählen können. Wo man sie wägen kann, soll man es nie versäumen"; ~Klopstock~ (Aug. 1800. "Die Wage"): "Du zählst die Stimmen; wäge sie--" und endlich ~Schiller~ selbst (1801. "Maria Stuart" 2, 3): "Nicht Stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe", (vrgl. Stahls "Autorität nicht Majorität!")] der in "Trogalien zur Verdauung der Xenien, Kochstädt, zu finden in der Speisekammer", 1797 zu lesen ist.--
* * * * *
Chr. Fürchteg. *Fulda*, Lehrer am Pädagogium zu Halle, ist der Verfasser eines Spottverses gegen Goethes und Schillers "Xenien":
Die neumodischen Distichen.
- u u - - - - - u u - u u - - *In Weimar und in Jena macht man Hexameter wie der. Aber die Pentameter sind doch noch excellenter,*
* * * * *
Nikolaus *Sturm*, mit dem Klosternamen ~Marcellinus~ (1760-1819), ist Verfasser eines Liedes, dessen Anfang lautet:
*Nach Kreuz und ausgestand'nen Leiden.*
("Lieder, zum Teil in bayerischer Mundart von P. Marcelin ~Sturm~, ehemaligem Augustiner". 1819 No. 15.)--
* * * * *
Joh. Peter *Hebel* (1760-1826) "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" (1811) erzählt eine Geschichte "Die zwei Postillone":
"Diese Postillone, welche zwischen Dinkelsbühl und Ellwangen fuhren, hatten von zwei Handelsleuten stets so schlechte Trinkgelder erhalten, dass sie sich vornahmen, die Herren freigebiger zu machen. Einst traf es sich, dass der Dinkelsbühler Schwager, den einen dieser Handelsleute fahrend, auf der Landstrasse dem Postillon von Ellwangen begegnete, welcher den anderen Handelsmann fuhr. Keiner will dem anderen ausweichen. Zuerst zanken sich die Postillone, und als die Reisenden sich in den Wortwechsel mischen, schlägt der Ellwanger Postillon dem Passagier in dem gegenüberstehenden Postwagen mit der Peitsche ins Gesicht, worauf der Postillon aus Dinkelsbühl ein Gleiches an dem anderen Passagier that. Nachdem sie ihre gegenseitigen Passagiere durchgepeitscht hatten, trennten sie sich. Diesmal gab jeder der beiden Reisenden ein besseres Trinkgeld.--Hebel lässt den einen Postillon sagen: 'Du sollst meinen Passagier nicht hauen; er ist mir anvertraut und zahlt honett, oder ich hau' den Deinigen auch'."
Der Volksmund hat die Worte des Postillons verkürzt zu:
*Haust Du meinen Juden, so hau' ich Deinen Juden.*
~Hebel~ erklärt in der Vorrede, dass mehrere der mitgeteilten Geschichten anderswo bereits zu hören oder zu lesen waren, und dass er auf diese Kinder des Scherzes und der Laune, denen er ein nettes und lustiges Röcklein angehängt, keine weiteren Ansprüche mache. Wem entlehnte er diesen Schwank?--
* * * * *
Durch Aug. Friedr. Ferd. von *Kotzebue*s (1761-1819) Lustspiel "Die Indianer in England" (1789 zu Reval aufgeführt, 1790 zu Leipzig erschienen) ist der Name der Tochter des Nabob von Mysore,
*Gurli,*
eine Bezeichnung für ein gefühlvoll-naives Frauenzimmer geworden. Auch citiert man den Sammeltitel einiger Schriften ~Kotzebues~:
*Die jüngsten Kinder meiner Laune*
(Leipz. 1793-97) gewöhnlich in der Form:
*Das jüngste Kind meiner Laune,*
mit welchem Scherzworte der Tischler Valentin in ~Raimunds~ "Verschwender" 3, 7 seine Pepi vorstellt.--
* * * * *
Die Anfangsverse von ~Kotzebues~ 1802 verfasstem, von Himmel komponierten Liede (im Februarheft des "Freimütigen" von 1803) "Trost beim Scheiden" (zuerst "Gesellschaftslied" genannt) citieren wir in der Form:
*Es kann ja nicht immer so bleiben Hier unter dem wechselnden Mond,*
und den Anfang von dessen vierter Strophe also:
*Wir sitzen so fröhlich beisammen, Wir haben einander so lieb;*
während es ursprünglich "Es kann schon nicht Alles so bleiben" hiess und "Wir haben uns Alle so lieb".--
* * * * *
Der Anfangsvers einer 1810 erschienenen Romanze ~Kotzebues~ aus seinem Lustspiele "Der arme Minnesinger" (Alman. dram. Spiele, 9. Jhrg. S. 146) heisst:
*Über die Berge mit Ungestüm.*
Das Lied wurde 1811 allgemein bekannt durch Carl Maria von Webers Composition, die seine erste war.--
* * * * *
*Rinaldo Rinaldini*
wurde zur stehenden Bezeichnung für einen räuberhaften Gesellen durch des Chr. Aug. *Vulpius* (1762-1827) ehemals weitverbreiteten Schauerroman "Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptman; eine romantische Geschichte unsers Jahrhunderts" (Leipz. 1797 ff.). In seiner Zeitschrift "Janus" veröffentlichte ~Vulpius~ im Jahre 1800 "Romanzen und Lieder über Rinaldini". Die zweite "Romanze" dort (1, 371) beginnt: "In des Waldes düstern Gründen", und wurde zum Volkslied (vrgl. den "Liederhort" von Erk und Böhmer). Diesen Anfangsvers citieren wir in der Form:
*In des Waldes tiefsten Gründen,*
wohl mit Anlehnung an ~Schiller~, der in seiner "Kassandra" (1802) singt:
"In des Waldes tiefste Gründe Flüchtete die Seherin."--
* * * * *
Die letzte Strophe des Gedichtes "Das Grab" von Joh. Gaudenz Gusert Graf von *Salis-Seewis* (1762-1834) lautet ("Götting. Mus.-Alman." f. 1788):
*Das arme Herz, hienieden Von manchem Sturm bewegt, Erlangt den wahren Frieden Nur, wo es nicht mehr schlägt.--*
* * * * *
Der Anfang des Weihnachtsliedes:
*Morgen, Kinder, wird's was geben, Morgen werden wir uns freu'n,*
wird oft angewendet. Es steht in Splittegarbs Liedersammlung, Berlin 1795, 2. Aufl., S. 317, wurde aber schon vor 1783 von Joh. Phil. Kirnberger in Berlin komponiert. Nach einer Familientradition war der Verfasser der Schulvorsteher Martin Friedrich Philipp *Bartsch* in Berlin († 1833).--
* * * * *
*Unterbrochenes Opferfest*
ist der Titel einer ~von Winter~schen, 1796 erschienenen Oper, deren Text von F. X. *Huber* herrührt.--
* * * * *
Joh. Gottfr. *Seume* (1763-1810) bietet uns in dem Gedichte "Der Wilde" ("Gedichte", Riga, 1801) die Worte:
(_Ein Kanadier, der noch_) *Europens Übertünchte Höflichkeit* (_nicht kannte_).
(_Seht,_) *wir Wilden sind doch bess're Menschen, Und er schlug sich seitwärts in die Büsche.*
Zuerst erschien das Gedicht in Schillers "Neuer Thalia" (Bd. 3 S. 255 Lpz. 1793) und begann:
"Ein Amerikaner, der Europens ..."--
In der "Zeitung für die elegante Welt", 1804, No. 23, liess ~Seume~ das Gedicht "Die Gesänge" erscheinen, dessen erste Strophe:
Wo man singet, lass dich ruhig nieder, Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; Wo man singet, wird kein Mensch beraubt; Bösewichter haben keine Lieder,
im Volksmunde umgewandelt worden ist in:
*Wo man singt, da lass dich ruhig nieder; Böse Menschen haben keine Lieder.*
Schon ~Luther~ sagt in seinem Gedichte "Frau Musica" (Klugs Gesangbuch, Wittenberg 1543):
Hie kann nicht sein ein böser Mut, Wo da singen Gesellen gut,
und ~Cervantes~ "Don Quijote", II 34 (1615) gegen Ende:
Senora, donde hay musica, no puede haber cosa mala. Gnädige Frau, wo Musik ist, da kann nichts Böses sein.
Die Parodie der Seumeschen Verse von David ~Kalisch~:
*Wo man raucht, da kannst du ruhig harren, Böse Menschen haben nie Cigarren*
steht im "Humoristisch-satirischen Volkskalender des Kladderadatsch" von 1850, S. 27.--
* * * * *
*Jean Paul* (Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825) machte zum Schauplatz seiner Satire "Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer" (Bremen 1801) das Landstädtchen[53]
*Krähwinkel,*
das dadurch, wie dann durch ~Kotzebues~ Lustspiel "Die deutschen Kleinstädter" (1803), die Bedeutung eines Klatschnestes erhielt. Auch schrieb ~Kotzebue~ "Des Esels Schatten oder der Process in Krähwinkel" im "Almanach dramatischer Spiele für 1810" (Riga 1809). Danach nennt man jedes kleinstädtisch aufgebauschte Ereignis eine
*Krähwinkelei.--*
[Fußnote 53: Crawinkel, von ~Jahn~ (nach H. Pröhle in "Fr. Ludwig Jahns Leben") in einem Briefe von 1825 Krähwinkel genannt, ist ein Dorf bei Laucha im Kreise Eckartsberga unweit von Jena; Krehwinkel, ein Weiler im Oberamt Schorndorf in Württemberg; Krähwinkel, ein Dorf im Kreise Solingen des Regierungsbezirks Düsseldorf.]
Ferner gab Jean Paul (1804-5) den Roman
"*Flegeljahre*"
heraus, nachdem er schon in seinem "Siebenkäs" (1795 Band 2, Kap. 5) schrieb: "Wenn der Mensch über die Tölpeljahre hinüber ist, so hat er noch jährlich einige Tölpelwochen und Flegeltage zurückzulegen".--
Auch ist wohl ~Jean Paul~ als der Schöpfer des Worts
*Weltschmerz*
anzusehen. In seinem 1810 begonnenen posthumen Werke "Selina oder über die Unsterblichkeit" (ersch. 1827; s. Bd. 2, S. 132) sagt er von Gott: "~Nur sein~ Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet." Hier also bedeutet das Wort entweder "Qualen aller Menschen" oder "schmerzliches Mitgefühl Gottes für das Weltelend". ~Heine~ jedoch verlegte den "Weltschmerz" dann in die empfindsame Menschenseele, indem er in seiner pariser Schrift "Aus der Gemälde-Ausstellung von 1831" bei der Besprechung des Bildes von Delaroche: "Oliver Cromwell vor Karls I. Leiche" ausruft: "Welchen grossen Weltschmerz hat der Maler hier mit wenigen Strichen ausgesprochen". Es bedeutet hier "Schmerz für den fühlenden Menschen über die Vergänglichkeit alles Irdischen". An Jean Paul und Heine lehnte sich dann Julius ~Mosen~ an, der da sang ("Gedichte" 1836, S. 93: "Weltsünde" Str. 2):
"Und meine Seele riss entzwei der Schmerz, Doch der mich schlug, den hört' ich also sagen: Das ist der Weltschmerz, den einst Gott getragen!"
und ferner ("Ahasver" 1838, Gesang 1 Str. 10) im Sinne eines die ganze Welt umfassenden heroischen Schmerzes:
"Zur Zeit nur eines Volkes Todesschmerzen, Zur Zeit die Noth nur einer einz'gen Stadt, Trägt er den Weltschmerz bald in seinem Herzen".
~Heine~ wiederum wendet dann das Wort in der Vorrede (1854) zu den "Geständnissen" ironisch an im Sinne des Mitleids für das Weltelend, das auch "Schufte von Gefühl" hegen. Wir aber brauchen "Weltschmerz" heut im Sinne von "schmerzlichem oder eingebildetem Ekel an Welt und Leben"; und dazu schlug abermals ~Heine~ die Brücke, obwohl er das Wort da in "Weltqual" ummodelt, durch folgende 1840 geschriebene Stelle ("Ges. W." Strodtmann, 12, 230): "Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylon's, glaubt mir's! sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen in meinem Herzen, und gar die Nacht erschmettern darin alle Pauken und Cymbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der Weltqual, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz ..."--
* * * * *
Das 1793 von Johann Martin *Usteri* (1763-1827) verfasste Lied:
*Freut euch des Lebens, Weil noch das Lämpchen glüht; Pflücket die Rose, Eh' sie verblüht!*
erschien zuerst als Einzeldruck 1793 in Zürich und dann mit Nägelis Komposition in Böheims "Freimaurer-Liedern mit Melodien" (Berlin 1795).--
* * * * *
Ludwig Ferdinand *Huber* (1764-1804) nannte Goethes 1803 zuerst in Weimar aufgeführtes und 1804 erschienenes Trauerspiel "Die natürliche Tochter" (im "Freimütigen" von 1803, No. 170, S. 678)
*marmorglatt und marmorkalt.*
(L. F. Hubers "Sämtliche Werke seit dem Jahre 1802", 2. T., S. 240.)--
* * * * *
Der Prediger Friedr. Wilh. Aug. *Schmidt* zu *Werneuchen* (1764-1838) hat in seinem Gedichte "Der Mai 1795" ("Neuer Berliner Musen-Almanach für 1797", S. 86) Anlass zu der Redensart gegeben:
*Sich freuen wie ein Stint,*
indem er sang:
"O sieh; wie alles weit und breit, Von lindem Schmeichelwind Mit Wonneblüten überstreut, An warmer Sonne minnt! Vom Storche bis zum Spatz sich freut, Vom Karpfen bis zum Stint!"--
* * * * *