Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 15
*Männerstolz vor Königsthronen! Dem Verdienste seine Kronen.--*
* * * * *
Der Anfang des Schillerschen Gedichtes "Resignation" ("Thalia", I. Bd. 2. Heft) lautet:
*Auch ich war in Arkadien geboren.*
(Siehe "Et ego in Arcadia".) Aus demselben Gedichte gebrauchen wir die beiden Strophenanfänge:
*Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder*
und:
*Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder,*
sowie die beiden Strophenschlüsse:
*Die Weltgeschichte ist das Weltgericht*
und:
*Was man von der Minute ausgeschlagen, Giebt keine Ewigkeit zurück.--*
* * * * *
In ~Schillers~ "Don Carlos" (1787) 1, 1 stehen die Worte, mit denen Don Carlos in der "Rheinischen Thalia" von 1785 jedoch nicht begann:
*Die schönen Tage in Aranjuez Sind nun zu Ende.*
Aus derselben Scene citieren wir:
*Brechen Sie Dies rätselhafte Schweigen;[30]
O wer weiss, Was in der Zeiten Hintergrunde schlummert;*[31]
und:
*Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen.*
[Fußnote 30: In der "Rheinischen Thalia" von 1785: "Nur brechen Sie dies grauenvolle Schweigen".]
[Fußnote 31: Ebenda in 2, 3.]
Sc. 2:
*Wer kommt?--Was seh' ich?--O, ihr guten Geister! Mein Roderich![32]
Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind;--
O der Einfall War kindisch, aber göttlich schön;[33]
Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens, Von meinem Vater sprich mir nicht.*
[Fußnote 32: Ebenda. "Was seh' ich?--O, ihr guten Geister! Mein Rodrigo".]
[Fußnote 33: Ebenda.]
Beim Citieren wird statt "meinem Vater" je nach Umständen der Gegenstand des Entsetzens eingeschaltet.
Sc. 4 enthält:
*Grosse Seelen dulden still;*
Sc. 5:
*Ein Augenblick, gelebt im Paradiese, Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüsst;*[34]
[Fußnote 34: Ebenda.]
Sc. 6:
(_Deswegen Vergönn' ich Ihnen zehen Jahre Zeit_) *Fern von Madrid* (_darüber nachzudenken_),[35]
und was ~Schiller~ bereits vorfand:
*Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter.*[36]
[Fußnote 35: Ebenda.]
[Fußnote 36: Ebenda. "Die Sonne geht in meinem Reich nicht unter".]
Der Gedanke findet sich schon im Keime bei ~Herodot~ (7, 8), wo ~Xerxes~ († 465 v. Chr.) zu seinem Kriegsrate von dem Feldzugsplane gegen die Athener spricht: "Wenn wir uns Die und deren Nachbarn aus dem Reiche des Phrygiers Pelops unterwerfen, so thun wir dar, dass Persien dann an den Aether des Zeus grenzt. Denn ~dann~ "χώρην γε οὐδεμίαν κατόψεται ἥλιος ὁμουρέουσαν τῇ ἡμετέρῃ" ~wird die Sonne auf kein Land mehr herabblicken, das an das unsrige grenzt~; vielmehr werde ich, ganz Europa mit euch durchstreifend, alle Länder zu einem Lande vereinigen". Die erste Aldiner Ausgabe des Herodot wurde 1502 in Venedig gedruckt. 1585 wurde zu Turin bei der Vermählung des Herzogs von Savoyen mit Katharina von Österreich ein Schäferdrama "Il pastor fido" von ~Guarini~ aufgeführt, in dessen Prolog es heisst:
Altera figlia Di qel Monarca, a cui Nè anco, quando annotta, il Sol tramonta.
Hehre Tochter jenes Monarchen, dem die Sonne auch dann nicht untergeht, wenn es nachtet.
Balthasar ~Schupp~ sagt in der "Abgenötigten Ehrenrettung" (1660), S. 665: "Der König in Spanien ist ein grosser Potentat; er hat einen Fuss stehen im Orient, den anderen im Occident, und die Sonne gehet nimmer unter, dass sie nicht in etlichen seiner Länder scheine". Nach ~Edmund Dorer~ "An Calderon zum 25. Mai 1881" ("Die Gegenwart", 4. Juni 1881, S. 361) hat es ein König von Spanien zuerst gesagt. Welcher? wann? wo?--
In ~Schillers~ "Don Carlos" 1, 6 findet man ferner die Worte:
*Hier ist die Stelle, wo ich sterblich bin;*[37]
und:
*Wenn ich einmal zu fürchten angefangen, Hab' ich zu fürchten aufgehört.*[38]
(Ob Schiller hier an ~Shakespeares~ "Othello", 3, 3 gedacht hat:
to be once in doubt Is once to be resolved, Einmal zweifeln macht mit Eins entschlossen?)--
Die Worte derselben Scene:
*Der Knabe Don Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden*[39]
soll ~Ludwig Devrient~ einst in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin, Charlottenstrasse No. 49, dem Kellner Karl zugerufen haben, als dieser ihm die stark aufgelaufene Rechnung reichte.--
[Fußnote 37: In der "Rheinischen Thalia" von 1785.]
[Fußnote 38: Ebenda.]
[Fußnote 39: Ebenda "Dieser Knabe Don Karl u.s.w."]
Im "Don Carlos" 1, 9 steht:
*In des Worts verwegenster Bedeutung,*
und:
*Arm in Arm mit dir, So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken.*
2, 1 bietet:
*In seines Nichts durchbohrendem Gefühle,*[40]
was Alba in Sc. 5 in der Form: "In meines Nichts durchbohrendem Gefühle" wiederholt.
[Fußnote 40: In der "Rheinischen Thalia" von 1785.]
Ebenda 2, 2 steht:
*Wer ist das? Durch welchen Missverstand hat dieser Fremdling Zu Menschen sich verirrt?*[41]
*Dreiundzwanzig Jahre! Und nichts für die Unsterblichkeit gethan;*[42]
[Fußnote 41: Ebenda.]
[Fußnote 42: Ebenda heisst es: "Dreiundzwanzig Jahre und König Philipps Sohn, und nichts gebaut und nichts zertrümmert unter diesem Monde".]
2, 8:
(_Poesie!--Nichts weiter._--) *Mein Gehirn Treibt* (_öfters_) *wunderbare Blasen auf,* (_Die schnell, wie sie entstanden sind, zerspringen._)
*Die Liebe ist der Liebe Preis,*[43]
*Beim wunderbaren Gott--das Weib ist schön;*
[Fußnote 43: Ebenda.]
2, 15:
*Unrecht leiden schmeichelt grossen Seelen.*[44]
[Fußnote 44: Ebenda.]
3, 10:
*Stolz will ich Den Spanier;*
(_Ich mag es gerne leiden,_) *wenn auch der Becher überschäumt, Wenn solche Köpfe feiern,* (_welch ein Verlust für meinen Staat_):
*Ich kann nicht Fürstendiener sein,*
*Die Ruhe eines Kirchhofs.*
*Geben Sie Gedankenfreiheit!*
was gern erweitert wird zu:
*Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!*
*Sonderbarer Schwärmer,*
*Anders, Begreif' ich wohl, als sonst in Menschenköpfen Malt sich in diesem Kopf die Welt.*
4, 21:
(_Königin!_) *O Gott, das Leben ist doch schön!*
was auch also angeführt wird:
*O Königin, das Leben ist doch schön!*
und in der letzten Scene des letzten Aktes:
*So sehen wir uns wieder,*
was auch in der "Braut von Messina" vorkommt, als Isabella ihre Tochter wiedersieht. Die vom König gesprochenen Schlussworte des "Don Carlos" lauten:
*Kardinal, ich habe Das Meinige gethan. Thun Sie das Ihre.--*
* * * * *
Aus der in ~Schillers~ Monatsschrift "Die Horen" (Tübingen, Cotta, 1795; IV. Bd., 10. Heft, S. 72) enthaltenen "Elegie", welche später den Titel "Der Spaziergang" erhielt, wird der Anfang citiert:
*Sei mir gegrüsst, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel!*
und aus dem 134. Verse:
*Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht;*
sowie der Schlussvers:
*Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.--*
* * * * *
Aus ~Schillers~ (ebenda, IV. Bd., 11. Heft, S. 17 anonym erschienenen) "Teilung der Erde" stammt:
*Was thun? spricht Zeus,*
und:
*Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein.--*
* * * * *
In dem Gedichte "Die Ideale" (S. 135 des Schillerschen Musen-Almanachs für das Jahr 1796, Neustrelitz) redet der Dichter die fliehende Zeit also an:
*So willst du treulos von mir scheiden?--*
* * * * *
Aus dem Gedichte "Würde der Frauen", ebenda S. 186, ist:
*Ehret die Frauen! sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben.*
was oft geschmacklos travestiert wird.--
* * * * *
Aus ~Schillers~ "Xenien" (Musen-Almanach für das Jahr 1797) gehören folgende Citate hierher:
das Distichon "Wissenschaft":
*Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem Andern Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt,*
aus dem Distichon "Kant und seine Ausleger":
*Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu thun.*
"Sonntagskinder" (aus Vereinigung zweier Distichen entstanden, deren erstes "Geschwindschreiber" betitelt war), die heute schon lehren wollen, was sie gestern gelernt, werden in dem gleichnamigen Doppeldistichon mit:
*Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm!*
abgefunden.--
*Das grosse gigantische Schicksal, Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt,*
steht im 35. und 36. Verse der ~Schiller~schen Parodie "Shakespeares Schatten". -- Aus den auf die "Xenien" ebenda folgenden "Tabulae votivae" (Votivtafeln) ~Schillers~ wird citiert:
Pflicht für jeden.
*Immer strebe zum Ganzen! und, kannst du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schliess' an ein Ganzes dich an!*
Der Schlüssel.
*Willst du dich selber erkennen, so sieh', wie die Andern es treiben; Willst du die Andern versteh'n, blick' in dein eigenes Herz,*
und aus dem Distichon
Wahl.
(_Kannst du nicht Allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk, Mach' es Wenigen recht;_) *Vielen gefallen ist schlimm.--*
Endlich bietet uns ("Mus.-Alm." 1797) ~Schillers~ Gedicht
"*Das Mädchen aus der Fremde*"
die Verse:
*Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit,*
und seine "Nadowessische Todtenklage" (ebenda) das schalkhaft auf Lebende angewandte:
*Mit dem Anstand, den er hatte ...*
und seine Ballade "Ritter Toggenburg" (ebenda) den Vers:
*Und so sass er, eine Leiche ...--*
Aus ~Schillers~ "Hoffnung" (10. Stück der Horen von 1797, S. 107) sind die Endverse bekannt:
*Und was die inn're Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht.--*
* * * * *
Der Musen-Almanach für 1798 enthält eine Reihe ~Schiller~scher Balladen. Aus dem "Ring des Polykrates" (S. 24) wird citiert Strophe 9:
*Des Lebens ungemischte Freude Ward keinem Irdischen zu Teil,*
und Strophe 11:
*Noch Keinen sah ich fröhlich enden, Auf den mit immer vollen Händen Die Götter ihre Gaben streun;*
endlich Strophe 16:
*Hier wendet sich der Gast mit Grausen.--*
aus dem "Handschuh" (S. 41) stammt:
*Die Damen in schönem Kranz*
und:
*Den Dank, Dame, begehr' ich nicht.--*
Aus ~Schillers~ "Taucher" (S. 119) wird citiert:
*Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, Zu tauchen in diesen Schlund?
Da unten aber ist's fürchterlich, Und der Mensch versuche die Götter nicht;
Unter Larven die einzig fühlende Brust;
Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel,*
gewöhnlich citiert in der Form:
*Lass, Vater, genug sein des grausamen Spiels.--*
Ebenda stehen (S. 221) "Die Worte des Glaubens", worin im Anfange der zweiten Strophe:
*Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, Und würd' er in Ketten geboren,*
und am Schlusse der dritten, mit Benutzung des 1. Kor. 1, 19 vorkommenden "Verstands der Verständigen":
(_Und_) *was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.--
Aus der Ballade "Die Kraniche des Ibykus" (ebenda S. 267) wird citiert:
*Wer zählt die Völker, nennt die Namen?
Es steigt* (_nicht: es ragt_) *das Riesenmass der Leiber Hoch über Menschliches hinaus.*
und
*Sieh' da, sieh' da, Timotheus, Die Kraniche des Ibykus!--*
Aus dem "Gang nach dem Eisenhammer" (ebenda S. 306):
Str. 7:
*Red'st du von Einem, der da lebet?*
Str. 14:
*Dess freut sich das entmenschte Paar.*
Str. 25 u. 28:
*Der ist besorgt und aufgehoben.*
Str. 28:
*Herr, dunkel war der Rede Sinn.*
Str. 30:
*Dies Kind, kein Engel ist so rein.--*
* * * * *
In seinem im Okt. 1798 bei Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar gesprochenen "Prolog" zu "Wallensteins Lager" schuf ~Schiller~ die Worte:
*Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze,* (_Denn_) *wer den Besten seiner Zeit genug Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.*
(s. unten Horaz: "principibus placuisse ..." u.s.w.)
*Im engen Kreis verengert sich der Sinn, Es wächst der Mensch mit seinen grössern Zwecken.*
(vrgl. ~Seneca~: "Natur. quaest." III, praef.: "Crescit animus, quoties coepti magnitudinem attendit".)
*Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;
Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.--*
In "Wallensteins Lager" (1798), 5. Auftritt, ruft der erste Jäger, als die Marketenderin kommt:
*Was? der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz.*
Im 6. Auftritt wirft der Wachtmeister einem Jäger vor, dass ihm
*der feine Griff und der rechte Ton*
fehle, den man nur in des Feldherrn Nähe lernen könne. Der Jäger erwidert darauf:
*Wie er räuspert und wie er spuckt, Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt.*
was aus ~Molières~ "Femmes savantes" 1, 1 entlehnt ist, wo Armande sagt:
Wer sich nach andern bilden will und achten. Hat ihren guten Sitten nachzutrachten. Das heisst gewiss sein Vorbild nicht erreichen, Im Räuspern nur und Spucken (tousser et cracher) ihm zu gleichen.
~Moland~ sagt in seiner Molière-Ausgabe, VII, Paris 1864: "Molière bringt hier nur eine sprichwörtliche Redensart, die zu seiner Zeit gebräuchlich war, in Verse", und führt zum Beleg "Francien" von ~Sorel~, Buch XI an: "ce n'est pas imiter un homme que peter et tousser comme lui".
Der Anfang der Kapuzinerpredigt[45] in "Wallensteins Lager" lautet:
*Heisa, juchheia! Dudeldumdei! Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!*
[Fußnote 45: Manche meinen, das Wort "Kapuzinade" sei nach dieser Schwankpredigt gebildet, aber es ist älter als Schillers "Wallensteins Lager", und wer es zuerst brauchte, ist noch unentschieden.]
Es treten im Lager zwei Arquebusiere auf, philisterhafte Gesellen, die sich zweimalige Kritiken zuziehen, im 10. Auftritt:
(_Lass sie gehen, sind_) *Tiefenbacher, Gevatter Schneider und Handschuhmacher,*
und im 11. Auftritt:
(_Schad' um die Leut; sind sonst wackre Brüder_) *Aber das denkt wie ein Seifensieder.*
Aus dem Schlussworte des letzten von Körner, Zahn, Zelter und Zumsteeg komponierten Chorgesanges in "Wallensteins Lager" wird citiert:
*Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein.--*
* * * * *
Dem Musen-Almanach für das Jahr 1799 entnehmen wir folgende Citate: aus ~Schillers~ Ballade "Der Kampf mit dem Drachen" (S. 151):
*Was rennt das Volk, was wälzt sich dort Die langen Gassen brausend fort?
Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck;*
aus seiner "Bürgschaft" (S. 176);
*Möros, den Dolch im Gewande;
Das sollst du am Kreuze bereuen;
Zurück! du rettest den Freund nicht mehr;*
(_Der fühlt_) *ein menschliches Rühren;*
(_Und_) *die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn.*
Endlich wird aus der "Bürgschaft" citiert:
*Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der dritte,*
was kein ursprünglicher Einfall Schillers war, sondern vielmehr einer der Fundstellen dieser Ballade entlehnt ist. (S. Register: Dionys der Jüngere.)--
Aus "Des Mädchens Klage" (ebenda, S. 208) und dann, um zwei Strophen verkürzt, als Theklas Lied ("Piccolomini" 3, 7) wird citiert:
*Ich habe genossen das irdische Glück; Ich habe gelebt und geliebet.--*
Die Schlussverse der letzten Strophe des Gedichts vom Jahre 1799: "An Goethe, als er den 'Mahomed' von Voltaire auf die Bühne brachte":
*Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen, Und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen*
erfuhren nach ~Schillers~ Tode eine bizarre Umgestaltung.
Es giebt nämlich eine alte, gewöhnlich in die Zeit Karls V. von Frankreich verlegte, aber bereits in einem viel älteren französischen Roman enthaltene Sage, nach welcher ein französischer Ritter, Aubry, von einem seiner Waffengefährten, Robert Macaire, dessen Name in Frankreich eine typische Bezeichnung für einen Hallunken geworden ist, meuchlings erschlagen, und die Ermordung Aubrys durch das feindselige Betragen des Hundes des Getöteten gegen den Mörder ans Tageslicht gebracht wird. Diese Sage wurde zu einem Melodrama verarbeitet, in welchem ein dressierter Pudel die Hauptrolle spielte, der den Pariser Janhagel in Begeisterung versetzte. 1816 gab sich die königliche Bühne in Berlin dazu her, den Pudel auftreten zu lassen, was, wie ~Zelter~ (Brief 246) an ~Goethe~ schreibt, die Berliner zu dem Witze veranlasste, dass "den Hund aufs Theater bringen" eigentlich "das Theater auf den Hund bringen" sei. Auch der Grossherzog von Weimar, ein grosser Hundeliebhaber, wünschte den vierbeinigen Schauspieler auf seiner Bühne zu sehen, stiess aber auf Widerstand bei ~Goethe~, dem Intendanten. Der Pudel wurde jedoch heimlich verschrieben, Goethe ging am Abend der Theaterprobe, am 20. März 1817, mit eigenmächtiger Urlaubserteilung nach Jena, reichte nach der am 12. April stattgehabten Aufführung den Abschied ein und erhielt darauf von Karl August folgende Zeilen: "Aus den mir zugegangenen Äusserungen habe ich die Überzeugung gewonnen, dass der Geheimrat von Goethe wünscht, seiner Funktion als Intendant enthoben zu sein, welches ich hiermit genehmige". Die Tagesblätter veränderten die obigen Verse Schillers demzufolge also:
Dem Hundestall soll nie die Bühne gleichen Und kommt der Pudel, muss der Dichter weichen,
und nannten den Pudel den "Schicksalspudel". Goethe selbst erwähnt in den "Annalen" unter dem Jahre 1817 von diesen Vorkommnissen nichts.--[46]
[Fußnote 46: ~Carl Eberwein~ "Weimarer Sonntagsblatt", 1857, S. 312. In Gotthardis "Weimarischen Theaterbildern" II, 168 soll diese Travestie mit einer kleinen Variante stehen.]
* * * * *
Schwindet ein Wesen oder ein Werk ohne Ruhm dahin, so hört man sagen, dass es
*Klanglos zum Orkus hinab*
ging, ein Wort, welches den Schluss von ~Schillers~ "Nenie" bildet (ged. 1. Okt. 1799).--
* * * * *
Aus "Hektors Abschied" (zuerst in den "Gedichten von Friedrich ~Schiller~", 1. T., Leipz. 1800) wird citiert:
*Will sich Hektor ewig von mir wenden?*
und
*Theures Weib, gebiete deinen Thränen!*
(In Goedekes "Historisch-kritischer Ausg.", T. 11, wird das Gedicht mit der Jahresbezeichnung 1780-93 versehen, was wohl heissen soll, dass die ältere Form, wie sie in den "Räubern", 4, 4 vorliegt, aus dem Jahre 1780, die neuere aus dem Jahre 1793 stammt.)--
* * * * *
Im "Musen-Almanach für das Jahr 1800" S. 243, erschien ~Schillers~ "Lied von der Glocke"; daraus werden als Citate verwendet die Worte:
*Von der Stirne heiss Rinnen muss der Schweiss ...;
Zum Werke, das wir ernst bereiten, Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten, Dann fliesst die Arbeit munter fort;
Nehmet Holz vom Fichtenstamme;
Die schwarzen und die heitern Lose;
Errötend folgt er ihren Spuren;
O zarte Sehnsucht, süsses Hoffen. Der ersten Liebe goldne Zeit! Das Auge sieht den Himmel offen,[47] Es schwelgt das Herz in Seligkeit;
O dass sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe;
Denn wo das Strenge mit dem Zarten, Wo Starkes sich und Mildes paarten, Da giebt es einen guten Klang;
Drum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet;
Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang;
Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Unglück schreitet schnell;
Wohlthätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht;
Mütter irren (!)
Leer gebrannt Ist die Stätte;
Ein süsser Trost ist ihm geblieben, Er zählt die Häupter seiner Lieben, Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt;*
[Fußnote 47: Anschluss an Joh. 1, 51: s. Kapitel I.]
(Die Berliner sagten 1813 von Bernadottes geringen Verlusten bei Grossbeeren und Dennewitz nach ~Häussers~ "Deutscher Geschichte", 3. Aufl., Bd. 4, S. 267:
_Er zählt die Häupter seiner Lieben, Und sieh! es fehlten ihm nur sieben._)
*... die Gattin ..., die teure;
... das Auge des Gesetzes wacht;
Wenn sich die Völker selbst befrei'n, Da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n;
Da werden Weiber zu Hyänen;
Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tigers Zahn; Jedoch der Schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn.--*
* * * * *
Aus ~Schillers~ Drama "Die Piccolomini" (1800) wird citiert:
*Spät kommt ihr, doch ihr kommt* (1, 1),
wobei bemerkt werden mag, dass schon in der Odyssee, 23, 7 von Odysseus gesagt wird, er komme nach Hause, obwohl er spät komme. (Ursprünglich begannen weder "Don Carlos" noch die "Piccolomini" mit ihren so berühmten Worten. Der Anfang der "Piccolomini" lautete:
Gut, dass Ihr's seid, dass wir Euch haben! wusst' ich doch, Graf Isolani bleibt nicht aus.)
*Was ist der langen Rede kurzer Sinn?* (1, 2.)
*Des Dienstes immer gleichgestellte Uhr.* (1, 4.)
*In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.* (2, 6.)
*Wohl ausgesonnen, Pater Lamormaín!* (2, 7.)
*Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheit, Man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen* (_ebenda_).
(_O, der ist aus dem Himmel schon gefallen, Der an der Stunden Wechsel denken muss!_)
*Die Uhr schlägt keinem Glücklichen* (3, 3),
was gewöhnlich in der Form citiert wird:
*Dem Glücklichen schlägt keine Stunde;*
*Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, Wenn man den sichern Schatz im Herzen trägt* (3, 4),
*Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme* (3, 8),
was als Nebentitel des von ~Hauff~ unter dem Namen H. ~Clauren~ und gegen diesen geschriebenen Romans "Der Mann im Monde" (1825) noch bekannter geworden ist;
*Das eben ist der Fluch der bösen That, Dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären* (5, 1).
Derselbe Gedanke wird schon im "Agamemnon" des ~Äschylus~, 758 so ausgesprochen: "Die gottlose That erzeugt mehre, die ihrem Geschlecht gleichen", und von ~Saxo Grammaticus~ († 1204) in seiner Erzählung von "Hamlet" folgendermassen: "Das eben ist der Fluch der Schuld, dass sie immer wieder Reiz und Veranlassung zu neuer Schuld enthalten muss". (Simrock, "Quellen des Shakespeare", 2. Aufl., I., 104.)--
* * * * *
Aus "Wallensteins Tod" wird citiert:
1, 4:
*Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit;*
*Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht Und die Gewohnheit nennt er seine Amme;*
*Sei im Besitze, und du wohnst im Recht;*
1, 5:
*Ich hab' hier bloss ein Amt und keine Meinung.*
2, 2:
*Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort:*
*Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit-- Leicht bei einander wohnen die Gedanken, Doch hart im Raume stossen sich die Sachen.*
2, 3:
*Es giebt im Menschenleben Augenblicke;*
*Und Ross und Reiter sah ich niemals wieder.*
2, 6:
*Dank vom Haus Österreich!*
3, 9:
*Das war kein Heldenstück, Octavio!*
3, 10:
*Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen;*
(Gern wird für "Sterne strahlen" hier "Sterne glänzen" gesagt, weil es weicher klingt.)
3, 13:
*Du hast's erreicht, Octavio!*
was gewöhnlich so citiert wird:
*Du hast's gewollt! Octavio!*
*Da steh' ich, ein entlaubter Stamm!*
3, 15:
*So ist's, mein Feldherr!*
*Daran erkenn' ich meine Pappenheimer*
3, 18:
*Max, bleibe bei mir!*
4, 10:
*Keines Überfalls gewärtig;*
*Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge;*
*Man sagt, er wollte sterben.*
Theklas Monolog in 4, 12 enthält:
*Was ist das Leben ohne Liebesglanz?*
und schliesst:
*Das ist das Loos des Schönen auf der Erde!*
5, 5 findet sich:
*Ich denke einen langen Schlaf zu thun, Denn dieser letzten Tage Qual war gross;*
und 5, 11:
*Des Menschen Engel ist die Zeit.--*
* * * * *
Aus "Maria Stuart" (1801) citieren wir
4, 6: "Graf! dieser Mortimer starb Euch sehr gelegen",
in der Form:
*Der starb Euch sehr gelegen.*
Die Schlussverse aus "Maria Stuart" lauten:
*Der Lord lässt sich Entschuldigen; er ist zu Schiff nach Frankreich.--*
* * * * *