Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 13
_Schüler:_ *Mir wird von allem dem so dumm,[27] Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.*
_Schüler:_ *Denn was man schwarz auf weiss besitzt Kann man getrost nach Hause tragen.*
[Fußnote 27: In den späteren Bearbeitungen: *von alle dem.*]
_Mephist.:_ *Es erben sich Gesetz' und Rechte Wie eine ew'ge Krankheit fort.*
_Mephist.:_ (_Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;_) *Weh dir, dass du ein Enkel bist!* (_Vom Rechte, das mit uns geboren ist, Von dem ist leider nie die Frage._)
_Mephist.:_ *Im Ganzen--haltet euch an Worte! Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört Und auf des Meisters Worte schwört.*
(vrgl. ~Horaz~ "Epist." I, 1, 14, "jurare in verba magistri".)
_Mephist.:_ *Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.*
_Mephist.:_ *Ich bin des trocknen Tons nun satt.*
_Mephist.:_ *Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen.*
_Mephist.:_ *Doch der den Augenblick ergreift, Das ist der rechte Mann.*
_Mephist.:_ *Besonders lernt die Weiber führen; Es ist ihr ewig Weh und Ach So tausendfach Aus einem Punkte zu kurieren.*
_Schüler:_ *Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.*
_Mephist.:_ *Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, Und grün des Lebens goldner Baum.*
_Mephist.:_ (_Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange_), *Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!*
_Mephist.:_ *Sobald du dir vertraust, sobald weisst du zu leben.--*
Auerbach's Keller in Leipzig.
_Siebel:_ (_Fühlt man erst recht_) *des Basses Grundgewalt.*
_Brander:_ *Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!*
_Brander:_ *Hatte sich ein Ränzlein angemäst't Als wie der Doktor Luther.*
_Mephist.:_ (_Mit_) *wenig Witz und viel Behagen.*
_Frosch:_ *Mein Leipzig lob' ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.*
Schon in einer Beschreibung Leipzigs vom Jahre 1768 heisst es "Paris im Kleinen" (Düntzers Faust, 2. Aufl.) und in dem seltenen Buche "Gepriesenes Andencken von Erfindung der Buchdruckerey ...", Lpzg. 1740, singt der Magister und Rektor in Sangerhausen, Christian Gottlob ~Kändler~ (S. 139):
"So schlecht der Fremde von uns spricht, So untersteht er sich doch nicht, Was Leipzig drucket zu verschmähen, Papier und Littern sind zu schön, Er denkt zum Schluss: Paris zu sehen, Allein er siehet Leipzig stehn".
_Mephist.:_ *Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie beim Kragen hätte.*
*Spanien, das Land des Weins und der Gesänge*
entwickelte sich aus den Worten des Mephistopheles:
"Wir kommen erst aus Spanien zurück, Dem schönen Land des Weins und der Gesänge".
_Frosch:_ *Denn wenn ich judicieren soll, Verlang' ich auch das Maul recht voll.*
_Brander:_ *Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, Doch ihre Weine trinkt er gern.*
_Alle singen: _*Uns ist ganz kannibalisch wohl Als wie fünfhundert Säuen.--*
Hexenküche.
_Mephist.:_ (_Auch_) *die Kultur, die alle Welt beleckt,* (_Hat auf den Teufel sich erstreckt_).
_Mephist.:_ *Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.*
_Mephist.:_ *Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn.*
_Mephist.:_ (_Denn_) *ein vollkommner Widerspruch Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Thoren.*
_Mephist.:_ *Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.--*
Strasse.
_Faust:_ *Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?--*
Abend.
_Margarete:_ *Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch Alles!*
_Mephist.:_ *Gleich schenken? Das ist brav! Da wird er reüssieren!--*
Der Nachbarin Haus.
_Mephist.:_ *Es ist eine der grössten Himmelsgaben, So ein lieb Ding im Arm zu haben.* (_In späteren Ausgaben:_ *'s ist* _u.s.w._)
_Margarete:_ *Das ist des Landes nicht der Brauch.*
_Mephist.:_ *Durch zweier Zeugen Mund Wird allerwegs die Wahrheit kund.*
(Dies ruht auf 5. Mos. 19, 15: "Es soll kein einzelner Zeuge wider jemand auftreten, sondern in dem ~Munde zweier~ oder dreier ~Zeugen~ soll die Sache bestehen" und auf Joh. 8, 17: "Auch stehet in eurem Gesetz geschrieben, dass zweier Menschen Zeugnis ~wahr~ sei", vrgl. 5. Mos. 17, 6; Matth. 18, 16; 2. Kor. 13, 1; 1. Tim. 5, 19.)
_Faust:_ *Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge Behält's gewiss.--*
Gretchens Stube.
_Gretchen:_ *Meine Ruh' ist hin. Mein Herz ist schwer.--*
Marthens Garten.
_Faust:_ *Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsgut.*
_Margarete:_ *Es thut mir lang schon weh', Dass ich dich in der Gesellschaft seh'.*
_Faust:_ *Es muss auch solche Käuze geben.*
_Faust:_ *Ahnungsvoller Engel* (_du_)!
_Faust:_ *Du hast nun die Antipathie!*
_Margarete:_ *Ich habe schon so viel für dich gethan, Dass mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt.*
_Mephist.:_ *Die Mädels sind doch sehr interessiert, Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch.*
_Mephist.:_ *Hab' ich doch meine Freude d'ran!--*
Dom.
_Gretchen:_ *Nachbarin! Euer Fläschchen!--*
Aus ~Goethes~ 1794 erschienenem "Reinecke Fuchs" stammt:
*Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen.--*
* * * * *
Im 11. Kap. des 2. Buches von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" (erschienen 1795 und 1796) kommt in dem am Schlusse stehenden Liede des Harfenspielers (gedichtet 1782):
*O Trank der süssen Labe!*
vor. Das Lied erhielt später unter "Balladen" den Titel: "Der Sänger". Hier sind die Worte verändert in:
*O Trank Toll süsser Labe!--*
Die Worte des Harfenspielers in "Wilhelm Meisters Lehrjahren" 2, 13:
*Wer nie sein Brot mit Thränen ass, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend sass, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte*
schrieb die Königin Luise in ihr Tagebuch, als sie auf der Flucht nach Königsberg am 3. Dez. 1806, von einem Schneesturm überfallen, zu Ortelsburg in ein Bauernhaus einkehren musste. Goethe spricht sich bewegt hierüber aus in den "Sprüchen in Prosa" (n. 153. Werke 19, 43. Hempel. vrgl. "Du speisest sie mit Thränenbrot" ... Ps. 80, 6 und "Der Betrübten Brot" Hosea 9, 4).--
Aus der sich bei ~Goethe~ anschliessenden Strophe:
Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr lasst den Armen schuldig werden, Dann überlasst ihr ihn der Pein; *Denn alle Schuld rächt sich auf Erden,*
ist der letzte Vers sehr bekannt. Dahinter steht bei ~Goethe~ ein anderer Gesang des Harfenspielers, welcher beginnt:
*Wer sich der Einsamkeit ergiebt, Ach! der ist bald allein!--*
*Das Land, wo die Citronen blüh'n,*
ist aus dem Liede "Mignon" (Wilhelm Meisters Lehrjahre 3, 1): "Kennst du das Land, wo die Citronen blüh'n?"--
In der 3. Strophe heisst es:
*Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,*
was auf unklare Menschen angewendet zu werden pflegt.--
In "Wilhelm Meisters Lehrjahren" 4, 9 stehen Philines Worte:
*wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an!*
~Goethe~ citiert sie in "Wahrheit und Dichtung", 14. Buch, also: "Jenes wunderliche Wort (~Spinozas~): "Wer Gott recht liebt, muss nicht verlangen, dass Gott ihn wieder liebe", mit allen den Vordersätzen, worauf es ruht, mit allen den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken. Uneigennützig zu sein in Allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung, so dass jenes freche spätere Wort
*Wenn ich dich liebe, was geht's dich an*
mir recht aus dem Herzen gesprochen ist". Das Wort ~Spinozas~ steht in seiner Ethik, pars V, propositio XIX in der Form: "Qui Deum amat, conari non potest, ut Deus ipsum contra amet".--
Wir citieren die Überschrift des 6. Buches von "Wilhelm Meisters Lehrjahren", wenn wir
*Bekenntnisse einer schönen Seele*
sagen.--
* * * * *
~Goethes~ Ballade "Der Zauberlehrling" (zuerst in Schillers Musen-Almanach für 1798, S. 32) enthält die Worte:
*Die ich rief, die Geister, Werd' ich nun nicht los;*
und aus seiner Ballade "Der Schatzgräber" (zuerst ebenda S. 46) wird citiert:
*Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!--*
* * * * *
Aus ~Goethes~ Sonett in "Was wir bringen" (Vorspiel bei Eröffnung des neuen Schauspielhauses zu Lauchstädt: 26. Juni 1802; 19. Auftritt) wird citiert:
*In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.*
Dies Sonett befindet sich mit dem Titel "Natur und Kunst" auch in dem "Epigrammatisch" überschriebenen Abschnitte seiner Gedichte.--
* * * * *
Im Wieland-Goetheschen "Taschenbuch auf das Jahr 1804", S. 97 steht ~Goethes~ "Tischlied" zum 22. Jan. 1802:
*Mich ergreift, ich weiss nicht wie, Himmlisches Behagen;*
und S. 113 das Gedicht "Schäfers Klagelied", das nach Zelters "Briefwechsel mit Goethe" (I, S. 21 und 41) schon 1802 bekannt war. Am Ende der zweiten Strophe befinden sich, die das träumende Hinabwandeln des Schäfers vom Berge schildernden Zeilen:
*Ich bin heruntergekommen Und weiss doch selber nicht wie,*
die wir in ganz anderem Sinne ("heruntergekommen" in übertragener Bedeutung) citieren.--
* * * * *
Aus ~Goethes~ (ebenda S. 115-116 zuerst erschienenem) Gedichte "Trost in Thränen" wurde üblich:
*Die Sterne, die begehrt man nicht.*
S. 150 ebenda lässt ~Goethe~ am Ende des Gedichtes "Frühlingsorakel" den Kuckuck seinen eigenen Namen
*Mit Grazie in infinitum*
wiederholen.--
* * * * *
Aus dem zu Schillers Todtenfeier am 10. Aug. 1805 von der Lauchstädter Bühne erklungenen ~Goethe~schen "Epiloge zu Schillers Glocke" blieben die folgenden Worte der vierten Strophe haften:
*Denn er war unser!* (_Mag das stolze Wort Den lauten Schmerz gewaltig übertönen!_) *Und hinter ihm in wesenlosem Scheine, Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine.*
Erschienen im "Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1806" her. v. Huber, Lafontaine, Pfeffel u. A., Tübingen, J. G. Cotta; wiederholt und erneut bei der Vorstellung am 10. Mai 1815; abgedruckt in den "Sämtl. Werk." 6, 423. Stuttg. u. Tüb., J. G. Cotta 1840.--
* * * * *
Aus dem in Tübingen, 1808, bei Cotta (8. Band von ~Goethes~ Werken) erschienenen "Faust" wird citiert:
Zueignung (gedichtet 1797).
*Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten.--*
Vorspiel auf dem Theater.
_Direktor:_ (_Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt. Allein_) *sie haben schrecklich viel gelesen.*
_Dichter:_ *Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.*
_Direktor:_ *Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen.*
_Lustige Person:_ *Greift nur hinein in's volle Menschenleben!*
_Lustige Person:_ *Und wo ihr's packt, da ist's interessant.*
_Lustige Person:_ *Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, Ein Werdender wird immer dankbar sein.*
_Direktor:_ *Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Thaten seh'n.--*
Prolog im Himmel.
_Der Herr:_ *Es irrt der Mensch, so lang er strebt.*
_Der Herr:_ *Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.*
_Mephist.:_ *Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern.--*
Faust. Der Tragödie erster Teil. Nacht.
_Wagner:_ *Zwar weiss ich viel, doch möcht' ich alles wissen.*
_Faust:_ *Was du ererbt von deinen Vätern hast. Erwirb es, um es zu besitzen.*
_Faust:_ *Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube; Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.--*
Vor dem Thor.
_Bürger:_ *Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister!*
_Andrer Bürger:_ *... hinten, weit in der Türkei.*
_Faust:_ *... ein dunkler Ehrenmann.*
_Faust:_ *Was man nicht weiss, das eben brauchte man, Und was man weiss, kann man nicht brauchen.*
_Faust:_ *Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.* _Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält mit derber Liebeslust Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen._
Schon Wieland lässt in dem lyrischen Drama "Die Wahl des Herkules" (1773) diesen, zwischen Tugend und Begehrlichkeit schwankenden Halbgott ausrufen:
"Zwei Seelen--ach, ich fühl' es zu gewiss! Bekämpfen sich in meiner Brust Mit gleicher Kraft." ...
Und lange vor Wieland singt ~Racine~ (1639-1699) im dritten Gesange seiner "Cantiques spirituels", "Plainte d'un Chrétien sur les contrariétés qu'il éprouve au dedans de lui-même", den er dem siebenten Kapitel des "Römerbriefes" entlehnte, wo Paulus den Kampf seines inneren und äusseren Menschen schildert:
"Mon Dieu, quelle guerre cruelle! Je trouve deux hommes en moi: L'un veut, que plein d'amour pour toi, Mon coeur te soit toujours fidèle,-- L'autre, à tes volontés rebelle, Me révolte contre la loi".
"L'un tout esprit et tout céleste, Veut, qu'au ciel sans cesse attaché, Et des biens éternels touché, Je compte pour rien tout le reste, Et l'autre par son poids funeste Me tient vers la terre penché". etc.
~Wieland~ und ~Goethe~ setzten für "deux hommes" unwillkürlich "deux âmes" als den üblichen Begriff. Sie kannten wohl die Lehre des Mani (3. Jahrh. n. Chr.), von deren Anhängern Balthasar ~Bekker~ ("Bezauberte Welt" I. Buch, XVIII. Hauptstück § 7; holländ. 1691, deutsch 1693 Amsterd.) sagt: "Sie halten gar dafür, dass jeder Mensch zwo Seelen habe, deren eine allezeit wider die andere streite". Und Beide hatten gewiss in ~Xenophons~ "Cyropaedie" VI, 41 des wider Willen sündhaft verliebten Araspes Vermuthung gelesen, "er müsse ohne Frage zwei Seelen haben (δύο γὰρ, ἔφη, ὦ Κῦρε, σαφῶς ἔχω ψυχάς), denn ~eine~ Seele könne nicht böse ~und~ gut sein, noch zugleich etwas wollen und es auch nicht wollen." Bereits in den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" (1793-1795) lässt ~Goethe~ den "Alten" von "Ferdinand" sagen, er habe seiner Eltern grundverschiedene Gemüthsarten in sich vereinigt, so dass "seine Freunde zu der Hypothese ihre Zuflucht nehmen mussten, dass der junge Mann wohl zwei Seelen haben mochte"; und weiterhin heisst es da "die gute Seele schien die Oberhand zu gewinnen". ~Hierzu~ brauchte ~Goethe~ Racine nicht; seine Faustworte aber strömen klar aus jener Quelle.--
_Faust:_ (_Du hast wohl recht:_) *ich finde nicht die Spur Von einem Geist, und alles ist Dressur.*--
Studierzimmer.
_Faust:_ *mein geliebtes Deutsch.*
_Mephist.:_ *Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?*
_Faust:_ *Das also war des Pudels Kern!*
_Faust:_ *Der Kasus macht mich lachen.*
_Mephist.:_ *der Geist, der stets verneint!*
_Mephist.:_ *Beisammen sind wir, fanget an!*
_Mephist.:_ *Du bist noch nicht der Mann, den Teufel fest zu halten!--*
Studierzimmer.
_Mephist.:_ *Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.*
_Faust:_ *Was willst du armer Teufel geben?*
_Faust:_ *Verweile doch! Du bist so schön!*
(vrgl. T. II, 5 "Grosser Vorhof des Palastes".)
_Mephist.:_ *Blut ist ein ganz besondrer Saft.*
Schon in Christian Heinrich ~Postels~ Singspiel "Die Gross-Muthige Thalestris oder Letzte Königin der Amazonen" (Hamburg. Vorgestellet anno 1690) heisst es im "anderen Auftritt":
"Blut ist der Safft vor allen Säfften, Der tapfren Muth im Herzen kann ernähren".--
Hexenküche.
_Mephist.:_ *Ein stiller Geist ist Jahre lang geschäftig; Die Zeit nur macht die feine Gährung kräftig.*
_Tiere:_ (_Wir kochen_) *breite Bettelsuppen.--*
Walpurgisnacht.
_Mephist.:_ *süsser Pöbel.*
(G. v. ~Loeper~ führt dies Wort in seiner Ausgabe des Faust auf ein "dolce plebe" im Ariost zurück, giebt aber keine Stelle an.)
_Mephist.:_ *Die Müh' ist klein, der Spass ist gross.*
_Mephist.:_ *Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.*
(vrgl. "Maximes et réflexions morales du Duc de la Rochefoucauld" 1782, No. 43 "L'homme croit souvent se conduire lorsqu'il est conduit".)--
Feld.
_Mephist.:_ *Sie ist die erste nicht.* (_Nicht Goethes Erfindung, sondern ein altes Wort._)--
Kerker.
_Faust:_ *Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an.*
_Margarete:_ *Heinrich! Mir graut's vor dir.--*
* * * * *
Das Bild
*der rote Faden*
wird in ~Goethes~ "Wahlverwandtschaften" (1809), II. 2, also erklärt:
"Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen Marine: Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, ~dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht~, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.
Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet".
~Goethe~ citiert den roten Faden noch einmal in den "Wahlverwandtschaften", II, 4 zur Einleitung eines Stücks von Ottiliens Tagebuch: "Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl zu erkennen sein."
"Dieser rote Faden" schrieb Lothar ~Bucher~ ("National-Zeit." 8. Juli 1865 Morgenbl.), "sieht in Wirklichkeit gar nicht rot aus, sondern gelb". Das war aber damals nur bei den in Chatham angefertigten Tauen der englischen königlichen Marine der Fall, während die aus Portsmouth rot, die aus Plymouth blau und die aus Pembroke grün gekennzeichnet wurden. Jetzt ist der rote Faden allein üblich, was zu Goethes Zeit sich ebenso verhalten haben wird. Seit 1776 besteht der Brauch in Englands Flotte. Als Unterscheidungszeichen für Zwillinge kommt "der rote Faden" 1. Mos. 38, 28 u. 30 vor.--
*Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen*
(d.h. in der Region der Ideale) steht im Tagebuche Ottiliens ("Wahlverwandtschaften", II, 7) und wird oft vergeblich in ~Lessings~ "Nathan" gesucht. Dort sagt I, 6 der Tempelherr zu Daja: "Weib macht mir die Palmen nicht verhasst, worunter ich so gern sonst wandle".--
* * * * *
*Nur der Lump ist bescheiden*
entlehnen wir ~Goethes~ Versen aus dem zuerst 1810 im "Pantheon" gedruckten, von Zelter komponierten Gedichte "Rechenschaft":
Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der That.
Goethe mag hierauf, wie Schopenhauer ("Par. u. Paral." 2, 496; Lpzg. 1877) bemerkte, durch ~Cervantes~ gekommen sein, welcher in den seiner "Reise auf den Parnass" angehängten Verhaltungsregeln für Dichter auch diese giebt: "Jeder Dichter, den seine Verse lehrten, dass er einer sei, achte und schätze sich hoch, indem er sich an das Sprichwort halte: ein Lump sei, wer sich für einen Lump hält" ("ruin sea el que por ruin se tiene!").--
* * * * *
*Hier sind wir versammelt zu löblichem Thun*
ist der 1. Vers von ~Goethes~ am 26. März 1810 nach Berlin gesandtem und in den "Gesängen der Liedertafel", 1811, No. 44, zuerst gedrucktem Liede: "Ergo bibamus" (s. auch "Geflügelte Worte aus der Geschichte"). Das Lied sollte, wie Reinhold ~Steig~ (Goethe-Jahrbuch XVI, S. 186 ff.) aus den Akten der Singakademie nachwies, den Geburtstag der ~Königin Luise~ post festum verherrlichen. "Wunderlichst in diesem Falle!" Als "Ein Spätling zum 10. März" ist es wirklich in der Handschrift vom Dichter bezeichnet. ~Zeller~ setzte es in Musik.--
* * * * *
Das in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit seinen Verwandten ~genial~ oder, wie man damals sagte, ~genialisch~ entstandene Wort:
*Geniestreich*
hat seine schriftstellerische Weihe durch ~Goethe~ im 1814 geschriebenen 3. Teile, im 19. Buche, von "Dichtung und Wahrheit" gefunden, wo er kurz nach der Definition: "Genie ist die Kraft des Menschen, welche durch Handeln und Thun Gesetz und Regel giebt", sagt: "Wenn einer zu Fusse, ohne recht zu wissen warum und wohin, in die Welt lief, so hiess dies eine Geniereise, und wenn einer etwas Verkehrtes ohne Zweck und Nutzen unternahm, ein Geniestreich".
Als ältere Stellen sind anzuführen:
Alman. de belletr. 1782 S. 100, wo es von den Sturm- und Drang-Dichtern (nach Grimm) heisst: "die Herrn samt ihren Geniestreichen ... sind beinahe vergessen"; dann erschien 1786 ein Buch unter dem Titel "Folgen einer akademischen Mädchenerziehung, mit unter einige Geniestreiche. Kein pädagogischer Roman"; und endlich schrieb Schiller am 1. Nov. 1790 an Koerner über die wahrscheinliche Verheirathung Goethens mit "Mamsell Vulpius", es könnte ihn doch verdriessen, "wenn er mit einem solchen Geniestreich aufhörte".--
* * * * *
Das häufige Zurückweisen auf Shakespeare bezeichnen wir mit dem Titel eines im "Morgenblatt für gebildete Stände", 1815, No. 113, am 12. Mai erschienenen Aufsatzes von ~Goethe~:
*Shakespeare und kein Ende.--*
* * * * *
~Goethes~ zuerst für die Ausgaben von 1815 vereinigte Sammlung "Sprichwörtlich" liefert uns den Vers:
*Alles in der Welt lässt sich ertragen, Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen;*
was bei ~Luther~ (B. 57, S. 128) "Gute Tage können wir nicht vertragen" lautet; und das aus dem "Epilog zum Trauerspiel Essex" abgelöste, von ~Goethe~ am 18. Okt. 1813, dem Schlachttage von Leipzig gedichtete:
*Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, Ein letztes Glück und einen letzten Tag.--*
Aus dem Abschnitt "Sprüche" (zugleich auch aus dem "Westöstlichen Divan. Buch der Sprüche") citieren wir das nach Ev. Joh. 9, 4 (s. Kap. I dieses Buches) gebildete:
*Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.--*
In ~Goethes~ "Sprüchen in Prosa", Abt. 2 heisst es:
"Es giebt
*problematische Naturen,*
die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug thut".
Hiernach gab Friedrich Spielhagen einem seiner Romane den Titel "Problematische Naturen" (1860). ~Goethe~ schrieb auch in der "Geschichte der Farbenlehre" (III. Abt. "Bacon v. Verulam"): "Man durchsuche Dictionnaire, Bibliotheken, Nekrologe, und selten wird sich finden, dass eine problematische Natur mit Gründlichkeit und Billigkeit dargestellt worden ..." und er wandte das Wort noch einmal an, als er in Jena am 8. Okt. 1827 zu Eckermann ("Gespräche" III, 143) vom Kuckuck sagte: "Er ist eine höchst problematische Natur, ein offenbares Geheimniss, das aber nichtsdestoweniger schwer zu lösen, weil es so offenbar ist".--
* * * * *
Aus ~Goethes~ "West-östlichem Divan" (1819) stammt das beliebte Aufsatzthema: