Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 10
Nach dem "Was ist das?" zum 8. Gebot in ~Luthers~ "Katechismus" (1529) sollen wir
*Alles zum Besten kehren,*
und im dritten Hauptstück heisst es: "Vater unser, der du bist im Himmel.--Was ist das? Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater". Hiernach ist
*Er will uns damit locken*
ein geflügeltes Wort geworden. Ebenda zählt Luther in der Erklärung der "vierten Bitte" des "Vaterunsers" auch
*Gute Freunde, getreue Nachbarn*
zu "unserem täglichen Brod".--
*Wasser thuts freilich nicht*
stammt aus dem vierten Hauptstück.--
*Die Kunst geht nach Brot,*
(d.h. "die Kunst geht betteln",) was in ~Lessings~ "Emilia Galotti", 1, 2 vorkommt, steht bei ~Luther~, B. 64, S. 183: "Kunst gehet itzt nach Brot, aber Brot wird ihr wieder nachlaufen und nicht finden". Bei Neander: "Ethice vetus et sapiens", (Lpz. 1590) steht S. 338 unter "Proverbia Germanorum" bereits: "Kunst gehet nach Brot".--
* * * * *
Aus ~Luthers~ "Ein' feste Burg ist unser Gott" (im Klugschen Gesangbuche von 1529, S. 21) wird citiert:
*Mit unsrer* (_eigentl.: unser_) *Macht ist nichts getan,*
ferner:
*Das Wort sie sollen lassen stan,*
und:
*Lass fahren dahin.*
Letzteres benutzte ~Schiller~ im "Reiterliede" (Schillers Musenalmanach für 1798, S. 137) am Schluss von "Wallensteins Lager":
Lass fahren dahin, lass fahren!
~Bürger~ singt in Strophe 14 des Gedichtes "der Bruder Graurock und die Pilgerin" (1777):
Lass fahren! Hin ist hin!--
* * * * *
Für "Legende" braucht ~Luther~ "~Lugenda~" in seiner "Predigt am 25. Sonntag nach der heiligen Dreifaltigkeit, Anno 1537, in tempio parochine", B. 6, S. 244: "Sonderlich hat die Lugenda von den Wunderzeichen Franzisci ein Sack voll erlesener, grosser, schändlicher Lügen". ~Lugende~ steht in Grimmelshausens "wunderbarlichem Vogelnest", (1672) II, 13. Später wurde aus Lugenda "Lügende" und "Lüg-Ente". In "~Schelmuffskys~ Curiöser und sehr gefährlicher Reisebeschreibung zu Wasser und Lande, von E. S.[16] Gedruckt zu Schelmerode in diesem Jahr" (1696) heisst es zu Anfang: "so wusste ich allmalen so eine artige ~Lüg-Ente~ vorzubringen". Daraus ist
*Ente*
für Zeitungslüge geworden. Grimm jedoch sagt im "Wörterbuch": Man nennt eine in Zeitungen verbreitete, gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende Fabel oder Lüge heute gewöhnlich Ente; früher hiess es blaue Ente; blau ist nebelhaft, nichtig; einem etwas Blaues vormachen, blauen Dunst machen bedeutet vorlügen". Es folgen dann mehrere Belegstellen, wobei zu bemerken ist, dass auch im Französischen "canard" und im Spanischen "ánade" für Zeitungslüge gebraucht wird.--
[Fußnote 16: Der Verfasser war der einunddreissigjährige Christian ~Reuter~, dessen Leben und Werke Friedrich Zarncke beschrieb. Vrgl. Bd. IX d. "Abhandl. d. philol.-hist. Classe der Kgl. sächs. Gesellsch. d. Wissensch." No. 5. Lpz. S. Hirzel. 1884.]
* * * * *
Allgemein wurde, doch ohne jegliche Gewähr, auf ~Luther~ der Spruch zurückgeführt:
*Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,* *Der bleibt ein Narr sein Lebelang;*
auch die Lutherstube auf der Wartburg ist jetzt damit geschmückt. ~Xanthippus~ ("Spreu" IV, München 1883) hat wohl mit Recht als die Quelle den italienischen Reim bezeichnet:
"Chi non ama il vino, la donna e il canto Un pazzo egli sara e mai un santo."
"Wer nicht liebt Gesang und Weib und Wein, Der wird ein Narr und nie ein Heiliger sein."
Zum ersten Male, scheint es, tritt die Luther-Legende im "Wandsbecker Bothen" von 1775, No. 75 in folgender "Devise an einen Poeten" auf:
Dir wünsch' ich Wein und Mädchenkuss, Und deinem Klepper Pegasus Die Krippe stets voll Futter! Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Lebenlang. Sagt Doktor Martin Luther.
Nach ~Redlich~ ("Die poetischen Beiträge zum Wandsbecker Bothen", Hamburg 1871, S. 57) machte wahrscheinlich ~Joh. Heinrich Voss~ diese Verse, also nicht ~Claudius~, wie W. ~Roeseler~ ("Mathias Claudius und sein Humor", Berlin 1873, S. 41) annimmt. Dann teilt ~Voss~ den oben citierten Vers 1777 im "Musenalmanach" (Hamburg, S. 107) mit der Überschrift "Gesundheit" und der Unterschrift "Dr. M. Luther" mit. Auch sein 1777 gedichtetes Lied: "An Luther" (~Voss~: "Sämmtl. Gedichte" Königsb. 1802. B. 4, S. 60) endet mit jenen Worten, und aus seiner Anmerkung S. 294, ersehen wir, dass Hamburger Pastoren in dem Abdrucke des Spruches im Musenalmanach eine Verunglimpfung Luthers erblickten und deshalb Vossens Wahl zum Lehrer am Johanneum vereitelten. Über den Ursprung gab Voss keine Auskunft. ~Herder~ ("Volkslieder", 1. T. Leipz. 1778, S. 12) schliesst die Zeugnisse über Volkslieder mit:
Wer nicht liebt, Weib, Wein und G'sang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang. Luther.
~Karl Müchler~ giebt in dem zuerst in F. W. A. Schmidts "Neuem Berliner Musenalmanach für 1797", S. 48 gedruckten Trinkliede "Der Wein erfreut des Menschen Herz" ("Lieder geselliger Freude", herausg. von J. F. Reichardt, 1797, 2. Abtlg. S. 15) jeder Strophe die Kehrreime:
-- -- Was Martin Luther spricht: Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Lebelang; Und Narren sind wir nicht.
Auch in ~Methfessels~ "Allgemeinem Commers- und Liederbuch", Rudolstadt 1818, schliesst das ~von Lichtensteinsche~ Lied "Wo der geistige Freudenbringer":
Drum singt, wie Doktor Luther sang: Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang.
Wenn in den "Epistolis obscurorum virorum" (Lips. 1864, p. 371) gesagt wird: "Quamvis Salomon dicat: musica, mulier et vinum laetificant cor hominis, primo Proverbiorum XII". "Obgleich Salomon sagt: Musik, Weib und Wein erfreuen des Menschen Herz, erstes Buch der Sprüche 12", so ist das ein erdichtetes Citat, da es kein erstes Buch der Sprüche Salomos giebt.--
* * * * *
*Dunkelmänner,*
die wörtliche Übersetzung von "obscuri viri", hat folgenden Ursprung: der für die Reformation kämpfende Humanist ~Reuchlin~ gab, um sein Ansehen im Streite gegen die kölner Papisten, Pfefferkorn, Hochstraten, Arnold von Tongern, Ortuinus Gratius u.s.w. zu stärken, 1514 seinen Briefwechsel mit berühmten Leuten: "Epistolae clarorum virorum" heraus. Von ihm befreundeter Seite, es werden Crotus Rubianus, Ulrich Hutten, Jacob Fuchs, Eobanus Hesse, Petreius Eberbach genannt, erschien 1515 der erste, 1517 der zweite Band "Epistolae obscurorum virorum" (Briefe unberühmter Leute), die so abgefasst sind, als kämen sie von seinen Feinden, und die auch an Ortuinus Gratius gerichtet sind. Zuerst frohlockten diese; als sie aber merkten, dass sie gemeint seien, erschien 1518 die Gegenschrift: "Lamentationes obscurorum virorum, non prohibitae per sedem Apostolicam". So bekam "obscuri viri", eigentlich "unberühmt" im Gegensatz zu "clari viri", den Nebensinn von Obscuranten, Finsterlingen, "Dunkelmännern". Letzterer Ausdruck scheint erst im 19. Jahrhundert gebildet worden zu sein. In der von ~Bentzel-Sternau~ herausgegebenen Zeitschrift "Jason", Jahrgang 1809, III. Band, S. 271 wird gesagt: "Bekannt ist es, welche heilsame Wirkung die Briefe der Dunkelmänner auf den Lesenden (den kranken Erasmus) hervorbrachten." ~Hoffmann von Fallersleben~ brachte in den "Unpolitischen Liedern" (1. T. 1840) ein Gedicht "Dunkelmannstracht" und H. ~Heine~: "Wintermärchen" (1844), Kap. 4, sagt von Köln:
Ja, hier hat einst die Klerisei Ihr frommes Werk getrieben, Hier haben die Dunkelmänner geherrscht, Die Ulrich von Hutten beschrieben.--
* * * * *
~Ulrich~ *von Hutten* (1488-1523) ist wegen seines Wahlspruches:
*Ich hab's gewagt,*
zu erwähnen, welcher sich zuerst auf dem Titelblatt seiner Übersetzungen der "Conquestiones" (wahrscheinlich--nach Böcking--1520 erschienen) sowie als Unterschrift in der, nach Böcking gleichfalls 1520 erschienenen "Klag über den Lutherischen Brandt zu Mentz (Mainz)" findet. Ebenso beschliesst Hutten mit diesem Spruch das Vorwort zu seinem "Gesprächbüchlein" (1521) und in demselben seinen Dialog in Prosa: "Die Anschauenden", und er hängt ihn fast stets seinen deutschen Versen als Schluss, ohne Zusammenhang mit dem Vorhergehenden, an. Im Zusammenhang steht es am Schluss seiner "Klag und Vormahnung gegen den übermässigen unchristlichen Gewalt des Bapsts zu Rom", wo es heisst:
Wohlauf, wir haben Gottes Gunst, Wer wollt in solchem bleiben d'heim? Ich hab's gewagt, das ist mein Reim.
Auch beginnt ein 1521 gedrucktes Lied von ihm:
Ich hab's gewagt mit Sinnen,
dessen sechste Strophe schliesst:
Bin unverzagt, Ich hab's gewagt, Und will des Ends erwarten.
Er sah in diesem deutschen Wahlspruch eine Übersetzung seines lateinischen, bereits 1517 als Motto seinem "Phalarismus" vorgesetzten und auch später noch, z.B. in der Vorrede "an alle freien Männer Deutschlands" (ad liberos in Germania omnes) von ihm angewendeten Wahlspruches:
*Jacta est alea.*
Gefallen ist der Würfel.
(vrgl. Menander unt. "Gefl. Worte aus Griech. Schriftst.").--
* * * * *
Nach dem Buchdrucker ~Johann~ *Ballhorn* (eigentlich Balhorn), der seit 1531 in Lübeck (nach Balthasar ~Schuppius~ zu Soest in Westfalen) thätig war, heisst
*ballhornisieren* _oder_ *verballhornen*
so viel wie "verschlimmbessern", "lächerliche Veränderungen in einem Schriftstück anbringen". Der erste, welcher Johann Ballhorn erwähnt, ist ~Schuppius~ in dem "Kalender" (1659) S. 588 und 601. An der ersten Stelle heisst es: "wie Johann Ballhorn, der Buchdrucker zu Soest in Westfalen, welcher das ABCbuch vermehrt und verbessert herausgehen liess"; und an der zweiten: "als ich dasselbe erbrochen, lag darin dieses Pasquill, auctior et correctior, wie Johann Ballhorn zu schreiben pflag". Andere leiten "verballhornen" von dem jedoch durch Johann Ballhorn nur gedruckten Buche "Lübeckische Statuta" u.s.w., (1586) ab, weil die darin vorgenommenen und dem allein auf dem Titelblatt genannten Ballhorn fälschlich zugeschriebenen Verbesserungen allseitigen Tadel gefunden hätten. Noch Andere schieben ihm zu, dass er dem auf der letzten Seite der Fibeln üblichen Hahn ein paar Eier untergelegt habe. Eine Fibel mit dem Bilde des Hahnes, im Jahre 1583 gedruckt zu Hamburg, befindet sich in der dortigen Stadtbibliothek. In "Deutscher Recht- nicht Schlechtschreibung" (S. 5, Berlin 1877) wird "Johann Ballhorn von Buxtehude" genannt; einen solchen giebt es nicht.--
* * * * *
Aus dem "Esopus", (4, 62; 1548) des ~Burchard~ *Waldis* (1490-1556) stammt:
*Das ist für die Katze,*
oder, wie man im Königreich Sachsen zu sagen pflegt:
*Das ist der Katze,*
d.h. das lohnt nicht, das bringt nichts ein. Der Ausdruck ist ein Rest der dort befindlichen Erzählung "Vom Schmied und seiner Katze". Ein Schmied nahm sich vor, von seinen Kunden nichts für seine Arbeit zu verlangen, sondern die Bezahlung ihrem eigenen Willen anheimzustellen; sie begnügten sich aber mit dem blossen Danke. Nun band er seine fette Katze in der Werkstatt an, und wenn ihn die Kunden mit leeren Worten des Dankes verliessen, sagte er: "Katz, das geb ich dir!" Die Katze verhungert, und der Schmied beschliesst, es zu machen wie die anderen Handwerker.[17] ~Seume~ glaubte, die Schnurre rühre von ~Taubmann~ her; denn er schreibt in seinem Buche "Mein Leben", ziemlich gegen Ende: "so dass ich -- -- -- weiter nichts erntete, als ein freundliches 'Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen', wovon doch am Ende selbst Taubmanns Katze ihr Bischen Geist aufgab".
[Fußnote 17: S. ~Balthasar Schuppius~ "Freund in der Not" (1657) S. 229, "der Kurtzweilige Zeitvertreiber" von 1666, S. 41 und ~Abraham~ a St. ~Clara~ "Huy und Pfuy der Welt".]
In den "Deutschen Rechtssprichwörtern" von Graf und Dietherr, 2. Ausg., Nördlingen 1869, S. 267 steht "vom Danke kann man keine Katze füttern" und in der Anmerkung a: "von'n danke kan man keine katten futtern". Es ist also ebenso möglich, dass ~Waldis~ seine Erzählung daraus herspann, wie, dass diese Worte aus ihr entsprangen.--
* * * * *
*Lehrstand, Nährstand, Wehrstand*
wird bei Erasmus *Alberus* (1500-53) zum ersten Male angedeutet. In seiner "Predigt vom Ehestand" aus dem Jahre 1546 (auf der Königl. Bibliothek in Berlin) heisst es Bogen 6: "Der Priester muss lehren, die Oberkeit wehren, die Bauerschaft nähren" und in seinem "Buch von der Tugend und Weisheit, nämlich 49 Fabeln" (Frankfurt a. M. 1550, Fabel 47, Morale):
"Fein ordentlich hat Gott die Welt Mit dreien Ständen wohl bestellt. Wenn die sich nur wüssten zu halten, So liess Gott immerdar hin walten. Ein Stand muss ~lehrn~, der andre ~nährn~, Der dritt' muss bösen Buben ~wehrn~".
In Luthers "Tischreden", 1560, (B. 59, S. 207) heisst es:
"Amt eines treuen Seelsorgers".
"~Nähren~ und ~wehren~ muss in einem frommen, treuen Hirten und Pfarrherrn beisammen sein ... sonst wenn das ~Wehren~ nicht da ist, so frisst der Wolf die Schafe desto lieber, da sie wohl gefüttert und feist sind. ... Ein Prediger muss ein Kriegsmann und ein Hirte sein. ~Nähren ist lehren~, und das ist die schwerste Kunst; darnach soll er auch Zähne im Maule haben und ~wehren~ oder streiten können". In den "Tischreden" (ed. Förstemann, Abt. 3, S. 415) steht Kap. XXXVII, § 118: "Einem Lehrer gebührt, dass er gewiss lehre, nähre und wehre" und bei Bindseil "Colloquia latina", V. p. 280: "Id eo ad Doctorem pertinet nehren und wehren docere et confutare". "Nähramt, Wehramt" kommt bei Luther am Schluss der Schrift "Ob Kriegsleute u.s.w." vor, und "Vom Nähr- und Lehrstande" u.s.w. ist die Überschrift zu Sirach 39. Im ~Wencel Scherffer~ ("Geist- und Weltliche Gedichte", Brieg 1652, S. 74) werden die drei Beine einer von den Herzögen zu Liegnitz und Brieg erlegten dreibeinigen Bache auf die drei Stände: "den Regier-, Lehr- und Nährstand" gedeutet und "Wehr-Lehr-Nähr-Her-Stand" betitelt Friedrich von ~Logau~ einen seiner Verse (Salomons von Golau Deutscher Sinn-Getichte drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654 ersch. jedoch ohne Jahresangabe. 2. Tausend 8. Hundert No. 21). Die drei Substantiva "Wehrstand, Lehrstand, Nährstand" findet man in der Überschrift, welche ~Weidner~ dem 3., 4. und 5. Teile von ~Zincgrefs~ "Apophthegmata" (1653-55) giebt. ~Zeller~ erläutert ("Geschichte der Philosophie", II, 1, 764) die drei Stände in Platos "Staat" durch diese deutschen Bezeichnungen.--
In der Schrift des ~Erasmus Alberus~ "Ein Dialogus oder Gespräch etlicher Personen vom Interim" (1548; Blatt Diiij) heisst es:
(_Gehe hin, und_) *thu, das du nicht lassen kannst.*
~Lessing~ wiederholt es in "Emilia Galotti" (1772), 2, 3; v. ~Hippel~ in den "Lebensläufen nach aufsteigender Linie", I, 5 (1778) sagt: "Er thue, was er nicht lassen kann"; in ~Wielands~ "Pervonte" (1778) heisst es von Vastola, als diese den Pervonte küssen muss (2. Teil); sie "that was sie nicht lassen konnte"; ~Schiller~ in "Wilhelm Tell", I, 1 lässt Tell sagen: "ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte".--
* * * * *
*Atlas*
für "Landkartensammlung" führte Gerhard *Mercator* (Kremer; 1512-94) durch sein Werk ein "Atlas sive geographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura", (Atlas oder geographische Betrachtungen über die Erschaffung der Welt und über die Gestalt der erschaffenen Welt) Duisburg 1595.--
* * * * *
Der Pastor in Frankfurt a. O. Andreas *Musculus* (Mensel; 1514-81) gab 1556 die Schrift heraus "Vom zuluderten zucht und ehrerwegnen pluderichten Hosen Teuffel vermanung und warnung", auf deren neuer Auflage v. J. 1629[18] der Hosenteufel bezeichnet wird als "Dess jetzigen Weltbeschreyten verachten und verlachten Al-modo Kleyder Teuffels Alt-Vatter". Dies sehen wir als die Quelle des üblichen Wortes
*Modeteufel*
an (mit Julius ~Lessing~: "Der Modeteufel" S. 5; Berl. 1884. "Volkswirtschaftl. Zeitfr." Heft 45).--
* * * * *
In Johann *Fischart*s (1547-89) "Gargantua" (S. 160) lesen wir: "Duck dich Seel, es kommt ein Platzregen," was vielleicht die Quelle des bekannten Wortes ist:
"*Freue dich, liebe Seele, jetzt kommt ein Platzregen*",
wie unter einer in den vierziger Jahren des 19. Jahrh. zu Berlin erschienenen kolorierten Zeichnung steht, die einen dicken schweisstriefenden Herrn darstellt, der, an einem Tisch sitzend, die Hand nach einem vollen Glase Berliner Weissbier ausstreckt.--
~Fischart~ verdanken wir auch den tief ins Volk gedrungenen Witz
*Jesu-wider*
(für "Jesuit", "Jesuiter"); denn er reimt in seinem "Jesuitenhütlein" (1580, Kap. 4):
"Aber weil der Nam Wider Christ Noch etlichen zuwider ist, Welche doch noch zu gewinnen weren: So that den Namen ich verkehren
Und setzt das förderst rechts darhinder, Auff dass mans finden könt dest minder, Macht Christ Wider und Jesu Wider Für Wider Christ, den sonst kennt jeder".--
[Fußnote 18: Dieser nach des ~Musculus~ Tode erschienene Nachdruck fehlt in der Kgl. Bibliothek zu Berlin, ist aber vorhanden in der reichhaltigen Costume-Bibliothek des Freiherrn von Lipperheide in Berlin.]
* * * * *
Johannes Olorinus *Variscus* (Johann Sommer; 1559-1622) erzählt in "Ethographia Mundi", (1609, 1. T., 17. Regel) unter andern Lügengeschichten, dass jemand, ans Ende der Welt gekommen, dort
*Die Welt mit Brettern vernagelt*
oder, wie er sagt, "verschlagen" gefunden habe.--
* * * * *
*Gas*
ist ein von *van Helmont* (1577-1644) in Brüssel erfundenes Wort. In seinen "Opera omnia", (ed. M. B. Valentini, 1707) heisst es S. 102, Sp. 12 § 14 nach Erwähnung des von ihm entdeckten Gases: "Hunc spiritum, incognitum hactenus, novo nomine ~gas~ voco" (Diese bislang unbekannte Art Luft benenne ich mit dem neuen Namen "Gas").--
* * * * *
Friedrich *von Logau* (1604-55) sang in seinen Sinngedichten (Salomons von Golau deutscher Sinn-Getichte drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns ersch. 1654 jedoch ohne Jahresangabe. 1. Tausend, 8. Hundert, No. 2) nach vollendetem dreissigjährigen Kriege:
"Gewaffneter Friede".
"Krieg hat den Harnisch weg gelegt, der Friede zeucht ihn an, Wir wissen was der Krieg verübt, wer weiss was Friede kann?"
und (3. Tausend, 5. Hundert, No. 78):
"Der geharnischte Friede".
"Der Friede geht im Harnisch her, wie ist es so bestellt? Es steht dahin; er ist vielleicht die Pallas unsrer Welt".
Danach sagen wir:
*ein bewaffneter Friede.--*
Eben daher citieren wir (2. Tausend, 4. Hundert, No. 34):
"Der Mai".
"*Dieser Monat ist ein Kuss, den der Himmel giebt der Erde, Dass sie jetzund seine Braut, künftig eine Mutter werde*".--
~Logaus~ Sinngedichte ("Die Liebe". 2. Tausend, 4. Hundert, No. 14):
"Nenne mir den weiten Mantel, drunter alles sich verstecket; Liebe thuts, die alle Mängel gerne hüllt und fleissig decket",
und (2. Taus., 9. Hundert) "Christliche Liebe":
"Liebe kaufte neulich Tuch, ihren Mantel zu erstrecken, Weil sie, was durch dreissig Jahre Krieg verübt, soll alles decken",
sind wohl unsere Quellen, wenn wir sagen, dass wir etwas
*Mit dem Mantel der Liebe zudecken.*
* * * * *
In Friedrich Wilhelm ~Gotters~ "Gedichten" (I, S. 91; Gotha 1787) heisst es in der Romanze "Die Trauer" (1774):
"Elise, die gern Thränen stillt, Verirrte gerne leitet, Und über kleine Schwächen mild Der Liebe Mantel breitet".
Es sei hierbei erinnert an "Sprüche Salomonis" 10, 12: "Liebe decket zu alle Übertretungen", an 1. Petri 4, 8: "Die Liebe decket auch der Sünden Menge" und an das (nach dem "Corpus iuris canonici", Dist. 96, c. 8) dem Kaiser Konstantin zugeschriebene Wort: "er würde, wenn er mit eigenen Augen einen Priester oder Einen im Mönchsgewande sündigen sähe, seinen Mantel ausziehen und ihn so damit bedecken, dass Niemand ihn gewahre" ("chlamydem meam expoliarem et cooperirem eum, ne ab aliquo videretur").--
* * * * *
Aus ~Paul~ *Gerhardt*s (1606-76) Kirchenliede "Nun ruhen alle Wälder" (Geistliche Lieder und Psalmen", Berlin 1653) stammt die Frage:
*Wo bist du, Sonne* (_ge_)*blieben?--*
Auch citiert man die erste Zeile seines 1649 gedichteten Liedes vom Folgenden abgelöst, also:
*Wach auf, mein Herz, und singe!--*
* * * * *
Ein Weihnachtslied von *Johann Rist* (1607-67) beginnt:
*Ermunt're dich, mein schwacher Geist.--*
* * * * *
*Nürnberger Trichter*
beruht auf dem Titel eines Buches von *Harsdörffer* (1607-58): "Poetischer ~Trichter~, die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugiessen", das 1648 ohne Namen in ~Nürnberg~ erschien.
Das Bild vom Trichter ist nicht seine Erfindung, da er sich in der Vorrede auf "H. ~Schickards~ Hebreischen Trichter" (Tüb. 1627) bezieht, und ein solcher Trichter schon in der lateinischen Komödie "Almansor, sive ludus literarius" des Mart. ~Hayneccius~ (Lpz. 1578) 5, 5, genannt wird. Vrgl. ~Zincgref-Weidner~ ("Apophthegmata", T. 3, Amst. 1653, S. 227): "Der Drechter Almansoris, mit welchem man den Leuten ingegossen, ist lang verlohren". "Mit einem Trichter eingiessen" steht bereits bei Sebast. ~Franck~ ("Sprichw." 1541, II, 107 b). "Eintrichtern" sagen wir jetzt. Franz ~Trautmann~ gab 1849-50 in Nürnberg ein humoristisches Blatt "der Nürnberger Trichter" heraus.--
* * * * *
Philipp *von Zesen* (1619-89), wendete
*lustwandeln*
in "Der Adriatischen Rosemund" (1645) zum ersten Male für "spazieren gehen" an. Mit seinen anderen, S. 366 daselbst zusammengestellten Verdeutschungen drang er nicht durch; aber "lustwandeln" erhielt sich, weil es den Spott ganz besonders hervorrief. Christian ~Weise~ macht sich in dem satirischen Romane (1672) "Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt", Kap. 11 darüber lustig, sowie ~Grimmelshausen~ in "Des weltberühmten Simplicissimi Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel u.s.w." (o. O. u. J. Kap. 5 g. E.). Im obengenannten Verzeichnisse bildete Zesen das Wort
*Gottestisch* (_für Altar_)
wohl mit Anlehnung an 1. Kor. 10, 21 "Teilhaftig sein des Herrn Tisches".--
* * * * *
Samuel *Rodigast* (1649-1708) dichtete das evangelische Gesangbuchlied:
*Was Gott thut, das ist wohlgethan.--*
* * * * *
Wenn in unfeinen Kreisen die Geliebte eines Menschen als seine
*Charmante*
(noch gemeiner: Schockscharmante) bezeichnet wird, so ist dieser Ausdruck dem Französischen nicht unmittelbar entnommen, da "sa charmante" einem Franzosen in diesem Sinne unverständlich ist. "Charmante" ist vielmehr eine der Geliebten des Helden in Christian *Reuter*s (geb. 1665) die entarteten Simpliciaden geisselnden Romane "Schelmuffskys Wahrhafftige, Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande, in hochteutscher Frau Muttersprache eigenhändig und sehr artig an den Tag gegeben von E. S". (Hamburg 1696.)--[19]
[Fußnote 19: S. die Anmerkung unter "Ente".]
* * * * *
Das Ende der 2. Strophe im Liede Erdmann *Neumeister*s (1671-1756): "Herr Jesu Christ, mein Fleisch und Blut" lautet:
Herr Jesu Christ! wo du nicht bist, Ist Nichts, das mir erfreulich ist;
was geschmacklos umgestaltet wurde in:
*Wo du nicht bist, Herr Organist, Da schweigen alle Flöten.--*
* * * * *
Als Bezeichnung Berlins findet sich
*Spree-Athen*
wohl zuerst in dem Gedichte des Erdmann *Wircker* zu Friedrichs I. Lobe "An seiner königl. Majestät zu Preussen im Nahmen eines andern", worin es heisst:
"Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehn, Drumb hastu auch für Sie ein Spree-Athen gebauet".