Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes
Part 1
[Transcriber's Note/Transkriptionsnotizen: Die Erstausgabe der "Geflügelten Worte" war bereits 1864 erschienen; die vorige (18.) Auflage von 1895 schloss mit dem Kapitel "Citate aus Sagen und Volksmärchen" und hatte "Hannemann! geh' du voran! Du hast die grössten Stiefeln an, (Dass dich das Tier nicht beissen kann)" als letzten Eintrag. Ausführliche Transkriptionsnotizen zu möglicherweise unklaren Textstellen der vorliegenden "vermehrten und verbesserten" 19. Auflage von 1898 haben wir am Ende dieses Textes zusammengestellt.
Schreibweisen des Originals haben wir so weit wie möglich beibehalten; allerdings sind häufige Abkürzungen zur besseren Lesbarkeit hier ohne Leerzeichen belassen (d.h.; z.B.; u.s.w.; u.A.). Wir haben *fett* gesetzten Text mit *Sternsymbolen* dargestellt; dabei wurde das Genitiv-s -- wie im Original -- nicht mit einbezogen: "*Schiller*s"; ~gesperrt~ gesetzten Text haben wir mit ~Tilden~ umgeben und _kursiv_ gesetzten Text mit _Unterstrichen_; außerdem findet sich #extra fett# gesetzter Text zwischen #Nummernzeichen#.]
Geflügelte Worte
Der Citatenschatz des deutschen Volkes
gesammelt und erläutert
von
Georg Büchmann.
Fortgesetzt von Walter Robert-tornow.
Neunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage.
Berlin
Haude & Spener'sche Buchhandlung (F. Weidling)
1898.
DES
DEUTSCHEN KAISERS UND KÖNIGS
VON PREUSSEN
WILHELMS II.
MAJESTÄT
IN TIEFSTER EHRFURCHT
ZUGEEIGNET.
Vorwort
zur neunzehnten Auflage.
Auf Wunsch des verewigten ~Walter Robert-tornow~ habe ich die Herausgabe dieser ersten seinem Ableben folgenden Auflage der "Geflügelten Worte" übernommen. Der verdienstvolle Nachfolger des unvergesslichen ~Georg Büchmann~ sollte das Erscheinen der achtzehnten Auflage des Buches und mit ihr die Drucklegung des hunderttausendsten Exemplares nur um wenige Monate überleben. Alles in der Zwischenzeit von ihm gesammelte und ihm zugegangene Material wurde, soweit es sich als brauchbar erwies, in dieser neuen Auflage verarbeitet. Dasselbe gilt von den zahlreichen späteren Funden und Einsendungen. Es darf getrost behauptet werden, dass auch die vorliegende neunzehnte Auflage des "Büchmann" eine "vermehrte und verbesserte" genannt zu werden verdient, und dass das Buch abermals um einen Schritt derjenigen Vollkommenheit näher gebracht wurde, die für ein solches Werk überhaupt erreichbar ist, und die zu erreichen seit mehr als dreissig Jahren das Bestreben seiner Herausgeber war. Die Freunde des Buches werden sehen, dass eine stattliche Anzahl neuer "geflügelter Worte" hinzugetreten ist, und dass auch sonst zahlreiche Verbesserungen und Berichtigungen älterer Angaben zu verzeichnen sind. Das "Gedenkblatt" wurde durch einen Lebensabriss ~Robert-tornows~, verfasst von Dr. Georg Thouret, erweitert und die "Einleitung" einer gründlichen Umarbeitung unterzogen.
Allen, die durch freundliche Ratschläge und Einsendungen oder Quellennachweise zur Vervollkommnung des Buches beigetragen haben, sei hier herzlichster Dank gesagt! Soweit die Beiträge keine Verwendung gefunden haben, unterliegen sie noch der Prüfung und gelangen, soweit sie brauchbar sind, später zur Benutzung. Ich bitte um gütige freiwillige Mitarbeit auch für die Zukunft. Einsendungen werden durch Vermittlung der Verlagshandlung erbeten.
Möge von der vorliegenden Auflage gesagt werden können, dass sie pietätvoll im Sinne ~Büchmanns~ und ~Robert-tornows~ das Werk fortzuführen und weiterzubilden bestrebt war. Einen weiteren Anspruch erhebt sie nicht.
Berlin.
Konrad Weidling.
Dezember 1897.
Inhalt.
_Seite_
Gedenkblatt
Georg Büchmann XI Walter Robert-tornow XVI
Einleitung XXII
Geflügelte Worte
I. Aus der Bibel 1 II. Aus Sagen und Volksmärchen 94 III. Aus deutschen Schriftstellern 118 IV. Aus dänischen Schriftstellern 268 V. Aus französischen Schriftstellern 269 VI. Aus englischen Schriftstellern 290 VII. Aus italienischen Schriftstellern 312 VIII. Aus spanischen Schriftstellern 315 IX. Aus russischen Schriftstellern 318 X. Aus griechischen Schriftstellern 320 XI. Aus lateinischen Schriftstellern 365 XII. Aus der Geschichte Hellas 442 Rom 454 Italien 462 Spanien 469 Polen 470 Frankreich 471 Amerika 500 Holland 500 England 502 Deutschland und Österreich 506
Namen-Verzeichnis der Urheber "Geflügelter Worte" 564
Register
Deutsche Sprache 571 Französische Sprache 729 Englische Sprache 734 Italienische Sprache 737 Spanische Sprache 738 Griechische Sprache 739 Lateinische Sprache 744
Gedenkblatt.[1]
*Georg Büchmann* wurde geboren zu Berlin am 4. Januar des Jahres 1822. Er besuchte daselbst das Joachimsthalsche Gymnasium bis zum Jahre 1841, besonders gefördert durch die trefflichen Pädagogen August ~Meineke~ und Ludwig ~Wiese~, und er studierte, ebenfalls in Berlin, anfänglich Theologie, bald aber, angezogen durch ~Boeckh~ und ~Panofka~, klassische Philologie und Archäologie bis zum Jahre 1844.
[Fußnote 1: Das Gedenkblatt für Georg Büchmann schrieb ~Walter Robert-tornow~; den Lebensabriss Robert-tornows verfasste Dr. ~Georg Thouret~.]
Durch die damals noch herrschende Hegelsche Philosophie gewann er früh eine glänzende Dialektik. Die Jugendgenossen wissen von seiner Redegewandtheit und von seinem schlagenden Witz zu berichten; doch trieb er keinen Missbrauch mit diesen Gaben, denn sein bester Freund aus jenen und späteren Tagen schreibt über ihn: "Mit der Freude an seinem Schaffen vereinte er die anspruchsloseste Bescheidenheit. Streng gegen sich selbst, war er liebevoll gegen Andere, anerkennend und voll Wohlwollen. Nur der Lüge und hohlen Phrase, oder der Unduldsamkeit gegenüber konnte er schroff werden."
Nach Absolvierung der Universität nahm ~Büchmann~ in der Nähe von Warschau eine Hauslehrerstelle an, erlernte dort die polnische Sprache und erwarb sich im Oktober 1845 in Erlangen den philosophischen Doktorgrad auf Grund seiner Dissertation "~Über die charakteristischen Differenzen zwischen den germanischen und slawischen Sprachstämmen~". Demnächst ging er nach Paris, befestigte seine Kenntnisse in der französischen Sprache und gab Unterricht an einem dortigen Institut.
Im Jahre 1848 in seine Vaterstadt zurückgekehrt, machte ~Büchmann~ das Lehrerexamen, erledigte das Probejahr am "Collège" und wurde, nachdem er drei Jahre lang an der Saldernschen Realschule zu Brandenburg a. d. Havel unterrichtet hatte, im April 1854 Oberlehrer an der Friedrich-Werderschen Gewerbeschule in Berlin. Hier gehörte er dreiundzwanzig und ein halbes Jahr hindurch zu den geachtetsten Lehrkräften und zählte in der von Professor ~Herrig~ gegründeten "Gesellschaft für neuere Sprachen" zu den Leitsternen.
Hervorragend war Georg ~Büchmanns~ Leichtigkeit in der Aneignung lebender Sprachen. Das Griechische, Hebräische und Lateinische trieb er lediglich in den Jugendjahren (nur dass er letzteres noch in seinen romanischen Abzweigungen, besonders im Provençalischen, eifrig verfolgte), wählte dann das Französische und Englische zu seinem Spezialstudium und Lehrgegenstand und machte sich daneben vertraut mit dem Spanischen, Italienischen, Polnischen, Dänischen und Schwedischen. Die Ergebnisse seiner Forschungen legte er gelegentlich nieder in Schulprogrammen und Zeitschriften. So findet sich in den Programmen der Saldernschen Realschule ausser seiner obenerwähnten Doktordissertation eine Abhandlung "~Über Wort- und Satzfügung im Neuschwedischen~", in dem Jahresbericht für 1858 der Berliner Gewerbeschule ein feinsinniger Essay über ~Longfellow~ und im Herrigschen "Archiv" eine vielbelobte Arbeit "~Beiträge zur englischen Lexikographie~". Ferner hatte er den wesentlichsten Anteil an der Neubearbeitung zur sechzigsten Auflage des ~französischen Wörterbuches von Thibaut~, die er mit ~Wüllenweber~ herausgab.
Auf weitere Kreise suchte Georg ~Büchmann~ zu wirken, als er mit seinem Schulfreunde Ludwig ~Pomtow~ eine Reihe anmutiger "~Märchen~" herausgab, deren einige noch heute in Sammlungen fortleben. Auch hielt er am 22. Januar 1862 im Saale des Berliner Schauspielhauses einen zündenden Vortrag "~Über den Berliner Adresskalender~", worin er seine vielseitige Sprachkenntnis zur Erklärung der üblichsten und der seltsamsten Familiennamen benutzte. Aber das Gebiet seiner eigensten Befähigung ging ihm erst auf, als er die Bekanntschaft zweier Werke machte, in denen Engländer und Franzosen ihren Reichtum an landesüblichen Citaten auszubreiten versuchten.
Diese Bücher führen den Titel: "Handbook of Familiar Quotations" [Chiefly from English Authors (by J. R. P.). A new Edition. London 1853]--und: "L'Esprit des Autres" [par Edouard ~Fournier~. Paris 1855]. Sie regten Georg ~Büchmanns~ launiges Naturell und seinen durch grosse Belesenheit unterstützten Scharfsinn zu Forschungen an über die geistige Scheidemünze aus aller Herren Ländern, welche in Deutschland umläuft. Bald gelang es ihm, seine Vorgänger durch Stofffülle und Zuverlässigkeit weit zu übertreffen.
Zunächst hielt ~Büchmann~ nun im Herrigschen Verein, 1863, einen Vortrag über "gefälschte Citate" und er sprach dann, 1864, im Saale des Berliner Schauspielhauses über "landläufige Citate" im allgemeinen, denen er in bestimmter, erweiterter Auffassung (vrgl. die Einleitung) bei dieser Gelegenheit den seitdem weltbekannten Namen "Geflügelte Worte" gab. In demselben Jahre noch erschien im bescheidenen Umfange von 220 Seiten sein Buch "~Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des deutschen Volkes~". Schon aus dem Inhalte dieser ersten Auflage ist ersichtlich, welche weiten, über den engeren Kreis der landläufigen Citate im gewöhnlichen Sinne erheblich hinausgehenden Grenzen ~Büchmann~ dem neuen, von ihm geschaffenen sprachwissenschaftlichen Begriffe des "geflügelten Wortes" zog. In der dreizehnten Auflage, der letzten von ihm herausgegebenen (1882) schrieb er:
"Die ganz willkürlich gewählte Benennung 'Geflügelte Worte', welche ich diesem Buche gab, ist allgültig geworden und über Deutschlands Grenzen hinausgedrungen. Es erschien 1871 in Holland unter dem Titel 'Gevleugelde Woorden' ein klägliches Machwerk, welches mich ausbeutete, ohne dass mein Name darin auch nur erwähnt wurde. Eine sehr erfreuliche, in der Anlage sich eng an mein Buch anschliessende, aber trotzdem selbständige dänische Bearbeitung des Stoffes hat 1878 Oscar ~Arlaud~ in Kopenhagen unter dem Titel 'Bevingede Ord' geliefert und die Citate der dänischen Sprache hinzugefügt. Im Jahre 1881 liess er ein ebenso lobenswertes Supplement erscheinen. Arvid ~Ahnfeld~ gab 1880 in Stockholm eine Citatensammlung unter dem Titel 'Bevingade Ord' heraus, zu welcher die meinige und Oscar ~Arlauds~ benutzt worden sind und welche ausserdem die schwedischen und finnischen Citate bringt".[2]
[Fußnote 2: Italien und Ungarn traten hinzu. "Chi l'ha detto?" des ~Giuseppe Fumagalli~, Mailand 1895 und "Szájrul szájra" (d.h. "von Mund zu Mund") von ~Tóth Béla~, Budapest 1895.]
Selbstverständlich lockte ~Büchmanns~ und seiner Mitarbeiter Bienenfleiss bis in die jüngste Zeit hinein manche litterarische Drohnen herbei, die ihren Plagiaten ein mehr oder minder schäbiges Mäntelchen umhingen, sich Wörter und Namen aus dem Büchmannschen Buchtitel aneigneten und die Ausbeutung so gründlich betrieben, dass sie sogar die Druckfehler mit übernahmen. Einen wesentlichen Abbruch konnten sie indessen dem Werke ~Büchmanns~ nicht thun, weil die gebildeten Kreise des deutschen Volkes eine feine Empfindung in Dingen des litterarischen Anstandes besitzen, und weil ~Büchmanns~ Werk in jeder neuen Auflage für sich selbst sprach.
Ausserdem, dass seine vortreffliche Arbeit den wohlverdienten Anklang in den weitesten Kreisen fand, wurde Georg ~Büchmann~ erfreut durch die Verleihung des Professortitels und des Ordens vom roten Adler.
Es war gut für ihn, dass er nun eine eigene Thätigkeit besass, welche ihn alle Unbilden des Lebens vergessen machte; denn, krankend an den Folgen eines schweren Sturzes, musste er sich im Jahre 1877 in den Ruhestand versetzen lassen. "Alle seine Schüler", so heisst es in dem Programm der Gewerbeschule vom Jahre 1878, "bewahren der anregenden und bildenden Kraft seines Unterrichts und der persönlichen Wärme, die er ihnen entgegentrug, das dankbarste und ehrenvollste Andenken; alle seine Kollegen zollen ihm ihre Hochachtung, viele verehren in ihm dankbar ihr Vorbild und Muster in ihrem amtlichen Wirken".
Fortan lebte Georg ~Büchmann~, gepflegt von seiner Gattin, der bekannten Malerin Helene ~Büchmann~, der wir sein wohlgetroffenes Bildnis verdanken, das in einer Radierung von Hans Meyer unser Buch schmückt, ganz der Ausgestaltung seines Werkes, versenkt in das Studium der Weltlitteratur und angeregt durch einen schliesslich über neunhundert Namen aufweisenden Briefwechsel.[3]
[Fußnote 3: D.h. die überwiegende Zahl dieser Korrespondenten wandte sich ~Einmal~ an Büchmann, einige öfters; ein regerer Gedankenaustausch, wie z.B. mit dem Germanisten Robert ~Hein~, konnte nur mit sehr Wenigen stattfinden.]
Er hatte in der "Einleitung" jeder Auflage um Zusätze und Berichtigungen gebeten, und ein solcher Appell an die Philologie findet in deutschen Herzen immer ein Echo. In der damals von Paul Lindau redigierten "Gegenwart" vom 27. September 1879 sprach Georg ~Büchmann~ in dem Aufsatz "~Sechshundert Korrespondenten~" seinen lebhaften Dank aus für den vielfältigen Nutzen, der seiner Sammlung aus solcher freiwilligen Mitarbeiterschaft erwachsen sei. Gegen Ende dieses Artikels heisst es:
"'Geflügelte Worte' sind vorhanden. Es war meine Pflicht, sie zu sammeln und ihren Quellen nachzuspüren. Die Frage, ob ihre Anwendung nützlich oder schädlich, zu empfehlen oder abzuraten sei, hatte ich mir nicht vorzulegen. Sie sind als eine Ergänzung des deutschen Wortvorrats und Wörterbuches zu betrachten. Das lesende Publikum zollt ihrer Sammlung einen Beifall, der mich erfreut und mich anspornt, die betretene Bahn nach Kräften zu erweitern und noch gangbarer zu machen".
Bald nach dem Erscheinen der dreizehnten Auflage der "Geflügelten Worte", vom Herbst des Jahres 1882 an, sah sich der leidende Autor genötigt, jeder ernsten Thätigkeit zu entsagen. Ein allmähliches Hinschwinden aller Lebenskräfte trat ein, und am 24. Februar 1884 gab ein erlösender Tod ihm die ewige Ruhe.
Sein Name wird unvergessen bleiben, so lange es auf Erden gebildete und gründliche Deutsche giebt.
* * * * *
*Walter Robert-tornow* wurde am 14. Juli 1852 auf Ruhnow in Hinterpommern geboren. Zeit seines Lebens blieb ihm das "Horizontgefühl" seiner Jugend, wie er es nannte, lebendig, und immer von neuem ergriff ihn die Sehnsucht nach den "weissen, reinen" Wolken des pommerschen Himmels, nach den rauschenden Buchenkronen und den hochwipfligen Fichten an den stillen, tiefen Landseen voll Wasserrosen, und nach den in duftigem Schimmer wogenden Getreidefeldern seiner vielverlästerten, hinterpommerschen Heimat. Leider war ihm das köstliche Erbteil des Pommernstammes, die derbe Leibesgesundheit, versagt. Nie empfand er seine körperliche Gebrechlichkeit schmerzlicher als im Jahre 1870.
Während einer Kur auf Helgoland lernte der dreijährige Knabe spielend lesen, d.h. die Kunst, die er später und bis zum letzten Atemzuge als Handwerk betrieb. Die gehaltvolle Bücherei des Vaters, der nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in den Wissenschaften heimisch war, und die gesunde Luft eines wohlhabenden und hochgebildeten Elternhauses begünstigten die geistige Entwicklung des begabten Jünglings. Mit besonderer Vorliebe pflegte gerade er die künstlerischen Traditionen der Familie, der eine Rahel, die Gattin Varnhagens von Ense, und ihr Bruder, der Dichter Ludwig Robert, entsprossen waren. Sein Lehrer in Ruhnow und für immer sein Freund wurde der Philologe Dr. Isler, und die originelle Lebensanschauung dieses ausgezeichneten Mannes, bei dem sich Stoizismus und humorvolle Skepsis wundersam mischten, wirkte nachhaltig auf den Schüler ein. Aus den Epigrammen in ~Robert-tornows~ "Begleitbuch" (Berlin 1888) sprechen verwandte Überzeugungen und Stimmungen.
Im Sommer 1870 bezog unser Freund die Berliner Universität, um philologische und kunsthistorische Vorlesungen zu hören. Am meisten zog ihn zunächst die klassische Philologie an, und er hatte bei gediegenen Kenntnissen und einem angeborenen Spürsinn das Zeug zum Philologen. Zum Abschlusse jahrelanger, aber oft unterbrochener Studien schrieb er eine lateinische Abhandlung "über die symbolische und mythologische Bedeutung der Bienen und des Honigs bei den Alten", liess aber die Arbeit liegen und veröffentlichte sie erst volle achtzehn Jahre später.[4]
[Fußnote 4: De apium mellisque apud veteres significatione et symbolica et mythologica. Berolini 1893. In das philologische Gebiet gehört ausserdem seine Herausgabe der 2. Auflage von Abels "deutschen Personennamen", Berlin 1889.]
Eine Zeit lang zeichnete er neben den Universitätsstudien auf der Berliner Kunstakademie, weil ein der Familie befreundeter Maler Portraitiertalent bei ihm entdeckt haben wollte. Diesen Versuch gab er bald auf; denn Neigung und Talent zogen ihn mächtig zur Poesie. Er übte und verstand die Kunst, Verse aller Art zu schmieden. Schon bei seiner Arbeit über die Bienen übertrug er für sich das 4. Buch von Virgils Georgica in deutsche Jamben, dann machte er sich daran, die Elegieen des Theognis in Reimen nachzudichten; Versuche aus dem Englischen schlossen sich später an, bis ihm zuletzt, am Ende seines Lebens, auf diesem Gebiete ein Meisterwerk gelang: die Übersetzung der "Gedichte des Michelangelo Buonarotti", die erst nach seinem Tode erscheinen konnte (Berlin 1896).
Durch unausgesetzte Beschäftigung mit der deutschen Litteratur erwarb er sich eine aussergewöhnliche Belesenheit. Gute Bücher las er immer wieder und übte sein an sich starkes Gedächtnis durch Auswendiglernen. In Lessings Werken fühlte er sich zu Haus, so dass er getrost die 9. Auflage von Stahrs Biographie des Dichters besorgen konnte. Aber am vertrautesten von allen Dichtern war und blieb ihm Goethe, "sein Tröster, der, aus Sturm und Drang zur Weisheit gekommen, der Menschheit ein Meer von Schönheiten erschuf". Auch Heine gehörte zu seinen Lieblingen, weil ihn dessen Schreibweise bezauberte und sein Schicksal rührte. Gern wandte er die Mahnung dieses Dichters: "Baue dein Hüttchen im Thal!" auf sich selbst an. Schon der Umstand, dass Heine nach den Musikkatalogen der am häufigsten komponierte deutsche Lyriker sein soll, genügte ihm, um ihn zäh gegen alle Angriffe zu verteidigen. Die schöne Schrift "Goethe in Heines Werken" (Berlin 1883) darf als die reifste Frucht seiner liebsten Studien bezeichnet werden.
Unter den deutschen Prosaikern standen die tiefinnerlichen Humoristen seinem Herzen am nächsten. Scherrs "Michel", Kellers "Grüner Heinrich", Vischers "Auch Einer", Roseggers "Waldschulmeister" und Reuters "Stromtid" waren ihm unentbehrliche Bücher, am unentbehrlichsten der grüne Heinrich.
Im Februar 1877 trat ~Robert-tornow~ noch von Pommern aus in nähere Beziehungen zu Büchmann und den "Geflügelten Worten". Damals begann er dem Verfasser Stoff zuzusenden; beide wechselten dann während dreier Jahre in steigendem Einverständnisse Briefe und wurden endlich Freunde, als ~Robert-tornow~ i. J. 1880 mit seinen Eltern nach Berlin übersiedelte.[5] Vier Jahre später starb Büchmann, aber er hatte sein Werk bereits ganz in die Hände des Freundes gelegt. Auch hätte er keinen passenderen Nachfolger finden können. Denn Belesenheit und Gedächtniskraft, Sprachgefühl und Geschmack, Arbeitslust und Musse, alles fand sich zusammen, um diesen für das verantwortungsvolle Amt geschickt zu machen.
[Fußnote 5: In das Haus seines verstorbenen Onkels Ferdinand Robert-tornow Er schilderte das originelle Heim dieses seiner Zeit berühmten Sammlers und Kunstkenners in einer formvollendeten Monographie. Vgl. deutsche Rundschau XVII, Dezember 1890.]
Wie der Ährenleser dem Schnitter, so folgte ~Robert-tornow~ Büchmann nach und sammelte mit demselben Fleisse, den er an seinem Vorgänger neidlos pries. Stillschweigend besserte er das Vorhandene und führte die schon von Büchmann angestrebte chronologische Anordnung des Stoffes innerhalb der einzelnen Kapitel durch. Das reizvolle Kapitel "Geflügelte Worte aus Sagen und Volksmärchen" ist sein Werk; im ganzen buchte er 730 neue Citate und Ausdrücke. Ausserdem arbeitete er ein umfangreiches, durch die Fülle der Schlagwörter nahezu untrügliches Register aus, um die Benutzung des Buches so bequem wie möglich zu machen. Endlich gelang ihm, was dem verdienstvollen Begründer trotz aller Mühe nicht hatte gelingen wollen, nämlich eine feste Definition für den Begriff eines geflügelten Wortes in sprachwissenschaftlichem Sinne, die genau mit Büchmanns Absichten übereinstimmt (s. Einleitung). Genug, er sparte keine Mühe, um das schöne Buch auf der Höhe zu erhalten. Es wurde ein Stück auch seines Lebens und beeinflusste seinen eigenen Stil in Poesie und Prosa. Er dichtete am liebsten und besten in der Epigrammform und verwuchs mit den geliebten "Geflügelten Worten" so innig, dass er in der Todesstunde nur in Citaten sprach.
Wenn bei einem Buche wie diesem der Erfolg als Massstab für seinen Wert gelten darf, so erkannte die gebildete Welt ~Robert-tornows~ Weiterarbeit willig an. Denn während bis zu Büchmanns Tode 13 Auflagen und 57000 Exemplare der "Geflügelten Worte" verbreitet waren, erlebte ~Robert-tornow~ die Freude und gerechte Genugthuung, mit der 18. Auflage das hundertste Tausend zu erreichen.
Seit dem Jahre 1888 lebte er als Bibliothekar des Königlichen Hauses in einem heimlichen und anheimelnden Winkel des alten Hohenzollernschlosses. Gehört Einsamkeit zur Vertiefung und bedeutet Geselligkeit das beste Gegengift gegen Vergrübeln, ist also Abwechselung in Beidem das Beste, so führte er hier ein beneidenswertes Dasein. Hinter diesen gewaltigen Mauern, welche Stille! Hier hauste er wie ein Zauberer im Märchen. Aber wer ihn suchte und zu finden wusste, der traf ihn stets aufgeräumt und immer hilfsbereit. Seine Zelle öffnete sich für alle ehrlichen Seelen. Allen war er da Etwas, gar manchem Viel, jedem aber etwas Besonderes. Er verstand sich auf Menschenschicksale. Denn auch in seinem Herzen hatten Leidenschaften getobt, auch um seine Seele hatten dunkle Gewalten gestritten: er aber hatte sich in selbsterlebten Liedern frei gesungen und sich zum Siege, zum echten Lebenshumor durchgekämpft. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass er dankbar die steigende Anerkennung und Gunst des Hofes empfand und sich über die äusseren Ehrungen, die ihm zu teil wurden, herzlich freute.