Part 14
Symbol der Weisheit ist der Elefant, Und heilig hält man ihn am Flusse Ganges; Er ist des Buddha irdisches Gewand; Ganesa, Gott der Künste, des Gesanges, Wird elefantenhäuptig dargestellt; Auf Elefanten ruht das All der Welt; Ein Elefant ist Indras Schlachtgenosse --
Nie hört ich gleiches vom Rhinozerosse.
An einen Erfolggekrönten.
„Wie sich Verdienst und Glück verketten, Das fällt den Toren niemals ein.“ Du wirst dich vor dem Schimpf nicht retten, Ein „Tantiemenhecht“ zu sein. Brauchst aber nicht viel danach zu fragen. Laß du getrost deine Villa ragen Und in Goldschrift über der Tür anbringen Die Einladung Götzens von Berlichingen.
Päan.
Heute will ich mit Harfenton Weiber und Männer besingen, Die Europens faule Kultur Fabelhaft vorwärts bringen. „Umjewertet muß alles sein!“ Dies ist ihr großer Gedanke. Ärmliches Rinnsal nur ist der Nil; Aber ein Strom ist die Panke.
„Spießer“ wäre, wer bei der Frau Und den zwölf Kindern bliebe! Nur ein doppelter Ehebruch Ist genialische Liebe. Eines verbotenen Ehebands Lieblich-heimliche Schlingung Ist für eine erhöhte Kultur Allererste Bedingung.
Äußerst wichtig ist außerdem, Daß du nicht zahlst, was du schuldest, Und kein achtungverletzendes Wort Von dem Gläubiger duldest. Wenn dein Schneider die viere streckt, Soll er doch ruhig verrecken! Gott sei Dank ist die Menschheit da, Um das Genie zu bezwecken.
„Wahrheit“, „Ehre“, „Gerechtigkeit“ Is ja man „Quatsch mit Soße“. Alles, was andere schaffen ist Kitsch; +Euer+ Tun ist „das Große“. Was euch ragend im Wege steht, Haut es in Knäuel und Klumpen -- „Herrenmenschen“ nennt man euch dann! (Früher sagte man „Lumpen“.)
Hamlet im 20. Jahrhundert.
Letzte Szene. Der König, die Königin, Hamlet und Laertes liegen als Leichen auf der Bühne.
+Fortinbras+ (Herr Schulz):
Laßt vier Hauptleute Hamlet hoch zu Throne Gleich einem Krieger tragen: bei dem Zug Laßt Feldmusik und alle Kriegsgebräuche Laut für ihn sprechen! Nehmet auf die Leichen! (Zum Publikum:) In Arrangierung solcher Leichenzüge Ist unsere Firma ohne Konkurrenz. Zur Übernahme von Beerdigungen Sowie Beschaffung feinster Trauerroben Empfiehlt sich dem verehrten Publikum +Das Trauermagazin von Schulz & Söhne+.
(Trauermarsch. Der Vorhang fällt langsam.)
Nibelungenstrophen des Oberlehrers Ambrosius Fuchser[4].
1. ~Probatum est.~
Uns ward in diesen Tagen verheißungsvolle Mär; Von einem mitteldeutschen Gymnasio kam sie her. Von Sexta bis zur Prima jedweder Tadel soll, Den sich ein Schüler zuzog, geschrieben werden in ein Protokoll.
Zum Beispiel, wenn in Sexta ein Kind so ruchlos war, Ein andres Kind zu zupfen am Ohre oder Haar, Vielleicht es gar zu piksen im dicksten Teil des Beins, So nimmt der Lehrer Feder und Protokoll her und notiert ihm eins.
Dort bleibt nun +bis zum Abgang+ das schnöde Schandmal stehn, Und all und jedes -- wär’s auch das winzigste Vergehn -- Trägt man +mit echter Tinte+ in diese Blätter ein. (Das Buch muß selbstverständlich zu diesem Zweck ein ziemlich dickes sein!)
Steht nun der bange Jüngling im Abiturium, So wendet der Herr Schulrat bloß diese Blätter um. Nicht fürchtet ihn der Fromme -- den Bösen trifft sein Fluch; Des Prüflings ganze Seele, sie liegt ja offen vor ihm wie ein Buch!
O Heil der neuen Schule, die Konduiten schreibt, Daß auch der kleinste Fehler nicht ungeahndet bleibt! Hätt’ also man den Goethe traktiert von Anfang an, Er wär vielleicht geworden ein tugendhafter, ordentlicher Mann.
2. Der Fleck.
O großer, hehrer Schiller, ich geb es gerne zu: Nicht nur ein großer Dichter, ein großer Mensch warst du. Du hieltst in reinen Händen das hehre Ideal, Und das ist stets zu loben, in unsrer tief gesunkenen Zeit zumal.
Doch eins, o großer Schiller, gereicht dir nicht zur Ehr; Du reistest +ohne Urlaub+ zur Räuber-Première. Wo hielt dein guter Engel, o Schiller sich versteckt, Als du dich so vergingest! Das war, ach, nie und nimmermehr korrekt!
Sieh, wenn so stark dein Herz dir nach jenem Mannheim schlug, So war’s nicht mehr als schicklich, um Urlaub ein Gesuch Auf längsgefalztem Bogen, mit Achtungsstrich zuletzt, Zu schreiben an die hohe Behörde, welche Gott dir vorgesetzt!
Und wenn man’s dann dir abschlug, so war es sonnenklar, Daß es zu deinem Besten und Schwabens Wohle war. Doch daß du schwänztest -- warst du auch zehnmal ein Genie -- Das bleibt ein Fleck, o Schiller, in deiner sonst so reinen Biographie! -- --
3. Zur sozialen Frage.
Ich las in einer Zeitung von einer Ladnerin, Die aus der Kasse Geld nahm, das sich befand darin. Zum Glück ward die Verworfne zur rechten Zeit erwischt Und fortgeschleppt zum Kerker, daß ihr Charakter werde aufgefrischt.
Bezog sie auch pro Monat nur dreißig Mark an Lohn Und war er einbehalten seit zweien Monden schon, Weil sie zerschmissen hatte verschiednes Porzellan -- Ein +ordentliches+ Mädchen, das hätte so was dennoch nicht getan.
Der Mensch ist frei geboren, ist frei, das steht mir fest, Und der nur wird verleitet, der sich verleiten läßt. Und bellte laut sein Magen, viel lauter bellen muß Aus seines Wesen Tiefe der ~Imperativus categoricus~.
Und geht’s in solchem Falle dem Sünder nicht so schlecht, So läßt man eben Gnade ergehen mal vor Recht; Denn Hunger und dergleichen Entschuldigungen gibt’s +Nicht+ für den +Legislator+, und darf’s auch nicht, aus Gründen des +Prinzips+!
Wohl gibt’s ein Recht zum Leben, ein Recht auf Arbeit auch, Ein Recht auf Nahrung nimmer, der Mensch ist +mehr+ als Bauch! Der Mensch soll eben stark sein, beherrschen soll er sich! Behandelt man ihn milde, gebärdet er nur immer toller sich.
Käm ich mal in die Lage, zu hungern oder so, Ich trotzte jeder Lockung und stürbe frei und froh. Doch eben weil ich ehrlich mich hielt mein Leben lang Mit ungeheurer Mühe, so hab’ ich Trank und Speise. Gott sei Dank.
4. Die Wissenschaft muß umkehren.
Gib, daß ich heut, o Muse, mit Engelszungen sprech’; Die Wissenschaft, du Hehre, die wird ’mal wieder frech! Trotz meines ernsten Mühens weicht sie um keinen Schritt Und leugnet alte Lehren, die ehmals kein Gesitteter bestritt.
Es wird so ziemlich alles mit frevlem Mut gewagt; Vermessen nach dem +Alter der Erde+ wird gefragt! Fünftausendneunmalhundert sind es und dreizehn Jahr, Seit Gott die Welt erschaffen: das ist, ihr Herr’n, der frömmsten Einfalt klar!
Nach +Affenmenschen+ sucht man auf Javas ferner Flur; O bleibt, ihr blinden Toren, bei uns im Lande nur! Ihr lästert Gott und Menschen mit dem, was ihr bezweckt: Ich stamme +nicht+ vom Affen, das sag ich euch, zum mindesten nicht direkt.
Man sollt es gar nicht glauben: Der Schwindel geht so weit Daß ein gewisser Virchow mit „Wissenschaftlichkeit“ Erklärt: „Des Denkens Vorgang wird bald erkennbar sein.“ Na ja, ich sag euch so viel: In +meinen+ Schädel dringt ihr +nicht+ hinein!
Ich frage: +Warum greift hier nicht die Regierung ein+? Kann +sie+ denn bei der Drohung des Virchow ruhig sein? Sie steure diesem Greuel mit Schneidigkeit und Schwung; Dazu hat sie ein Recht und -- das wissen alle -- auch Befähigung!
Auch ich bin ein Gelehrter und Freund der Wissenschaft; Doch über meine +Seele+ gewinnt sie keine Kraft! Vom frevlen Wissensdünkel halt’ ich mein Herze rein; Mein Wissen kann nicht anders als immer nur ein höchst bescheidnes sein!
Stellt gegen +meinen+ Glauben nur +eure+ Wissenschaft, Und lernt, wem Gott gekrönet die Stirn mit höh’rer Kraft! Ich lehre und verkünde in Stadt sowohl als Land, Was Gott der Herr gesprochen und ich als gut und richtig anerkannt.
[4] Ambrosius liebt die in der letzten Zeile achtsilbige Nibelungenstrophe des Gudrunliedes, weil sie lang nachschleppt wie der Mantel eines ~rector magnificus~.
Eruption.
In einem Bade, dahin man geht Wegen beginnender Nervosität, Saß ich friedlich bei einem Glas Bier, Eben versöhnt mit der Welt und mir. Da muß zu meinem starren Entsetzen Die Kurkapelle die Bögen wetzen, Die Kurkapelle -- ~mon sort tragigue~! Denn ich liebe so sehr die Musik! Entkommen konnt’ ich für kein Geld, Weil mich mein Freund, der Arzt bestellt, Klappt’ also hoch meinen Kragen nur Und unterwarf mich auch dieser Kur.
Die Herren spielten sich ein Programm -- Höll’ und Himmel und Gottverdamm’! „Die Schmiede im Walde“ -- o ungeheuer! -- Mit Hammerschlag und bengalischem Feuer --! „Du liebes Aug’, du lieber Stern“ -- „Zigeunerkind hat niemand gern“ Und -- ob sich mir auch das Herz gebäumt hat -- „Weißt du, Mutter, was mi’ träumt hat!“ Tod und Teufel! Mein Freund, der Wicht, Kommt die Kanaille noch immer nicht?
Nun obendrein noch ein Potpourri -- +Muß+ man nun dazu schweigen? wie? Was zögert der Freund? Sein Wort soll ihn brennen! Ist das überhaupt noch „Freund“ zu nennen?
Zu meiner Linken saßen bei Bier, Tabak und Skat der Mannen vier. Drei sahen das Meer mit dem Rücken an; Die Daumen drehte der vierte Mann. Sie säßen seit sieben Stunden dabei, Erklärten sie selber offen und frei, Sie sagten, hier säße man am besten Im ganzen Ort -- und lüpften die Westen.
Grad vor mir stritt ein edler Haufe, Wo man das beste „Pilsner“ kaufe, Und wo es zu warm und wo es kalt sei, Und ob es mit zwanzig Pfennig bezahlt sei; Auch applaudierte man dem Konzerte, Macht’ eine Lebensversich’rungsofferte Und rief im Mäcenatenton: „Ach spiel’n Sie noch ’mal die ‚Holzauktion‘!“
Zu meiner Rechten aber, ei ei, Saßen zierlicher Damen drei: Die waren im Tagewerk schon weit, Bei der vierten Torte, beim fünften Kleid. Bedachten soeben, was sie nun wollten, Ob sie sich +nochmal+ umzieh’n sollten, Sprachen von Nizza und anderen Stätten: Ja, da sehe man nach Toiletten! Andre als hier! Hier sei es ja kläglich! Z. B. die Oberstin trage täglich Das rosageblümte Morgenkleid, Und das sei ihr auch noch hier oben zu weit. So kamen sie bald durch Analogie Auf die Romane der Nataly Und den Heldenspieler Herrn Bogentritt. Summten auch schmachtend ein Weilchen mit „Ist denn kein Stuhl da?“ und ähnliche Lieder, Fuhren plötzlich zusammen wieder: „Ob man’s beachtet -- es sei ein Skandal! -- Daß nun heut schon zum zweitenmal Die Kammerrätin ganz ~sans façon~ Flaniere mit einem Seladon -- Was? Ein Verwandter? Haha! So dumm!“
Da reißt es mir jäh den Kopf herum: Die spielen bei Gott -- was packt mich denn an? -- Das Menuett aus dem „Don Juan“. Und da schossen auch schon -- ja scheltet mich „Tor“! Die Tränen mir wild aus den Augen hervor, Und in mir rief’s mit Entsetzen schier: „Allmächtiger Mozart -- was willst du +hier+?!“ Da +war+ er!! Ich sah durch den Garten ihn gehn -- Starrend hab ich ihn angesehn -- Wollt’ es ihm gern mit Blicken beschreiben: Nicht hier! O +hier+ nicht! +Hier+ kannst du nicht bleiben ... Da war er schon fort. Die Kapelle spielte Ein Gassenlied, das soundsovielte. -- --
Und jäh verstand ich das heiße Leid Von alles Großen Einsamkeit. Griff schnell nach dem Seidel und biß ins Glas -- Nicht heulen! Die Damen merken schon was! Nahm’s Tuch und schnaufte, erhob mich flink, Stolperte, stieß einen Stuhl um und ging.
Draußen kam auch mein Freund daher, Dem beichtet’ ich bald die ganze Mär. Der schüttelt den Kopf, ich weiß nicht wie: „Hyperästhesis -- Neurasthenie! Da sieh dir die andern Leutchen an: Die sind gesund -- nimm dir’n Beispiel dran.“
Ich blickte zum Himmel: da loderte fern Venus, der große, blühende Stern. Und rufen mußt’ ich’s mit lachendem Mund: „Bin ich denn krank und sind jene gesund -- Dann dank ich dir, Gott, mit bewegtem Sinn, Daß ich ein Neurastheniker bin!“
XII. +Denkzettel.+
Offenes Visier.
Schlag frei des Geistes Auge auf im Angesicht der Welt Und modle deine Rede nicht, daß allen sie gefällt; Der Feige gibt ein schillernd Wort gelegner Deutung hin -- Ein Sinn beherrsche jedes Wort; doch nie das Wort den Sinn.
Karriere.
Er stieg von Amt zu Amt mit stetem Glück, Verkehrte höflich selbst mit Erzhallunken, Wich freundlich hier und freundlich dort zurück -- Und so ist er gemach emporgesunken.
Der Diplomat.
Herr Luchs spricht keinem Menschen nach dem Mund; -- Und doch gelang es ihm, so hoch zu steigen? Ja: denn der Schalk versteht die feinre Kunst, Den großen Herren nach dem Ohr zu schweigen.
Ein Korrekter.
Das ist ein Kerl nach der Zeiten Gebot! Und bät ihn Gott selbst um ein Stücklein Brot, Er fragte zunächst, was, wenn er’s schenke, Die vorgesetzte Behörde denke.
An eine kleine Pharisäerin.
„Dieser Mann ward arm durch eigne Schuld! Und mit voller Hand sollt’ ich ihm geben?“ Edle Dame voller Lieb’ und Huld, Ja! -- Denn von der Schuld kann er nicht leben.
Den Feinden der Mode.
Wer schilt mir noch die Mode gar? Erscheint’s euch denn so wunderbar, Daß, was die „halbe Welt“ beglückt, Die andre Hälfte mit entzückt?
Auf einen feisten Monarchen.
Kein Schlemmer hat bei Spiel und Bauch-Ergetzen Solch ein Gewicht wie König Rülps erreicht. Auf seinen Grabstein wird sein Volk ihm setzen Das schlichte Wort: „Er sei der Erde leicht!“
Der Snob im Theater.
Des Volkes Stimme macht Ihm nie Beschwerde; Ihm gilt kein Urteil, das nicht Er gefällt. Er hält ein ganzes Volk für eine „Herde“, Eh’ Er Sich Selbst für einen Ochsen hält.
Auf einen bürokratischen Emporkömmling.
I.
„Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand.“ O Lügenwort, das Ohnmacht sich erfand! Dem Flachkopf, der durch Gunst ein Amt erklommen, Hat Dünkel bald den Rest von Hirn genommen.
II.
Seitdem er stieg, trägt er ein frommes Kleid. Ich schätz’ ihn wegen dieser Dankbarkeit. Er fühlt’s: So dumm sein und so hoch es bringen, Das geht nur zu mit überirdschen Dingen.
III.
(Er ist vermählt.)
Justitia fit. Wer draußen wird geplagt, Der findet still daheim, was ihm behagt. Und wer im Amte frech auf Stelzen wandelt, Wird meist zu Hause subaltern behandelt.
Aktuell um jeden Preis.
„Nur aktuell, und ganz im Dienst des Tages stehn!“ Der Edle schreit es aus als Grundsatz seiner Zeitung. Das Korn vom Tag vorher mag auf dem Halm vergehn; Dem Mäusedreck von heut verhilft er zur Verbreitung.
Auf einen Skandal-Journalisten.
Er schimpft und tobt, ein wahrer Schlammvulkan! Und tut dabei, als ob nicht Haß ihn triebe. Und wahrlich habt ihr Unrecht ihm getan: Er schimpft wie eine Priesterin der Liebe.
Auf einen Redakteur.
Wie kommt der Wicht dazu -- beim Element! -- Sich mastig wie ein Osterochs zu dehnen? -- Der Mann besitzt das Recht und das Talent, Die Werke eines Shakespeare abzulehnen.
Auf einen finsteren Kunstrichter.
Kein Geschöpf trägt seinen Namen; Hoffet nicht, ihn zu erbitten. Unfruchtbare alte Damen Haben schrecklich strenge Sitten.
Passende Beschäftigung.
Neidgelber Schuft, du suchst dein Element? Leck ab die Stiefel aller fremden Dichter; Das spuck den heimischen in die Gesichter, So wirst du ein moderner Rezensent.
Der Einzige und sein Eigentum.
Er ist und bleibt der schärfste Rezensent; Denn just das Beste ist für ihn das Schlechte. Ist jedes Buch, das er als gut erkennt, Ein frecher Eingriff doch in seine Rechte.
Auf einen Pornographen.
Er hat Talent. Nur muß er sich ergehen In Schweinerei’n: so glückt ihm sein Gedicht. Die Muse hat -- verzeihlichstes Versehen -- Geküßt ihn aufs konträre Angesicht.
Beliebtes Rezept.
Das faßt die Jugend heut beim ersten Wink: Die Ruhmbekränzten muß man dreist vermöbeln! Selbst kann man nichts -- so bleibt nur eins: sich flink An Männern von Verdienst emporzupöbeln.
Einem Pessimisten.
Von Weltverachtung strotzen deine Lieder -- Und langst doch gierig nach des Ruhmes Kränzen. Du lügst. Wem diese Welt im Grund zuwider, Verachtet es gewiß, in ihr zu glänzen.
Einem jungen Welthasser.
„Unzufrieden bin ich mit der Welt!“ Also rufst du trotzig und entschieden. Hast du, junger Freund, schon festgestellt, Ob die Welt denn wohl mit dir zufrieden?
Wohlgemeinter Rat.
Du sollst dich nie so weit verlieren, Mit einem Esel zu disputieren. Deine schärfsten Beweise erscheinen ihm ja Als kollegiales Y--a, Y--a.
~Homo novus.~
Da seht mir den Parvenu, den verrannten: Er will nicht von tierischen Ahnen kommen! Kaum ist er ein wenig emporgeklommen, Verleugnet er schon seine nächsten Verwandten.
Den Rückwärtsern.
I.
„Historisches Werden! Historisches Wachsen!“ Mit euren Phrasen! Mit euren Faxen! Werden und Wachsen -- kann’s denn geschehn Ohne die Sonne neuer Ideen?
II.
Neue Ideen (wie die Sonn’ im Lenz!) Treiben aber mit Vehemenz. Oder verlangt ihr von Alt und Jung Temperierte Begeisterung?
III.
Um die Rechte des Volks zu morden, Was nicht habt ihr als Recht gefodert! Ja, euer Recht war historisch geworden; Aber nun ist es historisch vermodert.
Der dichtende Schimpfbold.
Hei, wie hast du die andern verrissen! Und nun du selber? Du „dichtest“ ja vieh’sch! Eines, Freundchen, solltest du wissen: Schimpfen verpflichtet. ~Poeblesse oblige.~
Auf einen Rezensenten.
Der Mann verriß die Verse aller Dichter -- Sein erstes Lied erweist ihn als gerecht: Nicht war er andern nur ein harter Richter, Er macht auch seine eignen Verse schlecht.
Der Geheimnisser.
Ein „Magus des Nordens“ in jedem Gedicht, Fügt er geschäftig Reim an Reim. Ob er gedacht dabei oder nicht, Das hält er wunderbar geheim.
Auf einen Herausgeber,
der von einem Schriftsteller namens Alfred Gold abschrieb.
I.
Oh, sein Talent ist nicht so eng begrenzt! Vielseitig ist er schon, der Sakramenter! Es ist nicht alles „Gold“, was bei ihm glänzt; Nein, hin und wieder stahl er auch bei Schlenther.
II.
Kein schmählicher Verdacht verkenne ihn! Er ist ein ehrliches, ein braves Haus; Er ist ein neuer heiliger Crispin: Er stiehlt nicht nur; er gibt ja auch heraus.
III.
Siegfried der Niblung war kein übler Herr: Doch +deine+ Glorie zehnfach heller prangt. Er war defekt; doch du bist integer. Ich meine: was die Hornhaut anbelangt.
Der Mystikus.
O hättest du immer „dunkel“ geschrieben, Du wärst ein Symbolist geblieben! -- Zum ersten Male schrieb er klar -- Da sah man’s, daß er ein Simpel war.
Neustes Rezept für Lyrik.
Paßt in den Vers das Wort, das mir vonnöten, So halt ich’s mit der Klarheit und mit Goethen. Gerät der Ausdruck mir konfus und schief, Alsdann, ihr Trottel, bin ich eben +tief+.
Auf einen Minister.
Das ist ein Mann! Soll er was Rechtes tun, So hält er’s „jetzt noch nicht für opportun“, Und hilft ihm keine Ausflucht dran vorüber, So stellt er sich „sympathisch -- gegenüber“.
Auf einen Parteiführer.
Ei, seht mir doch den alten Freiheitsknaben! Wie seine Herrschsucht alles niederhaut! Die Freiheit liebt er, traun, wie eine Braut; Er möchte sie für sich alleine haben.
Emanzipierte Frauen.
Ihr spielt mit falschen Bärten, liebe Närrchen. Wie gern vertraut man echten, starken Frauen! Nun aber seid ihr nachgemachte Herrchen -- Kein Laie wird, kein Geistlicher euch trauen.
Der kreißende Dichter.
Ein großer Wurf liegt ihm im Sinn, Wie wogt sein Dichterbusen! Gleich fallen alle Neune hin! Zwar Kegel nicht, doch Musen.
Warnung.
Setz, was du willst, mein Freund, den Deutschen vor, Nur keine -- wenn ich raten darf -- Komödie. Sie richten Lerchenlied und Rosenflor Standhaft nach den Gesetzen der Tragödie.
Pharisäer und Heuchler.
Wie um Kleist, um Hebbel sie klagen In spätem Bewunderungsfieber! -- Hört zu: Sie wurden erschlagen Durch Kerle von +eurem+ Kaliber.
Der „Tiefe“ im Lustspiel.
Und lachen Götter und Menschen und Engel -- Er ist zu bedeutend; drum lacht er nie. Recht hast du, erhabener Würdebengel; Das Lachen scheidet den Menschen vom Vieh.
Auf einen Polizeiminister.
In jeglichem Erlasse trachtest du, Wie du mit Ketten fester uns umschließest. Das wär’ fürwahr dein trefflichster Erlaß, Wenn du dich selber uns erließest.
Diplomatie.
Seid ihr mit Pulver und Blei bewehrt, Dann laßt die Diplomaten schalten! Die werden solange den Frieden erhalten, Bis einer von ihnen den Krieg erklärt.
Der Bescheidene.
„Ich weiß, ich habe viel und große Mängel!“ Er spricht es nicht mit Scham, nein, mit Erdreisten! Und denkt bei sich: Ein so famoser Bengel Wie ich kann sich ein Schock von Fehlern leisten.
Kein Wunder.
Das wär’ mein Stück? Das kann ich nicht verstehen! Als baren Unsinn zeigt mir’s dieser Mann! „Ich ließ dies Drama durch den Kopf mir gehen,“ So schreibt der Kritikus. Ja freilich: +dann+ -- --!
Auf einen Hosenknopf-Naturalisten.
„Fort von der Bühne Traum- und Fabelwesen! Man spuke nicht! Allein man spucke dreist!“ O wäre Shakespeare doch wie du gewesen! Wir hätten einen Hamlet ohne Geist.
Bescheidenheit.
Wir sagen’s frei: „Wir Menschen irren alle.“ Bescheidenheit stand keinem jemals schlecht. Nur -- zeigt man uns an einem Einzelfalle, Daß wir geirrt -- so sind wir da im Recht.
~Hinc illae lacrimae.~
Es gibt kein Stück, das ihn bewegt; Er beißt und spuckt wie nur ein Lama. Wo sonst ein Herz den Menschen schlägt, Trägt er ein ungespieltes Drama.
~Le précieux ridicul de Berlin.~
Er ist ein Fatzke, meiner Seel’; Doch manchmal hat er auch Urteil und Schick, Und kurz und gut: er ist ein Juwel Im Schmockkasten unsrer Theaterkritik.
Der lautere Künstler.
(Faust I, Hexenküche.)
Weh denen, die durchs Drama Geld erwarben! Mit Gift bespeit er sie in vollen Garben. Wie glücklich würde sich der Affe schätzen, Könnt’ er nur auch in jenes Lotto setzen!
Zierden des Vaterlands.
(1910.)
I.
Vier Anonymi fielen mich an: Ich sei -- bum bum! -- kein deutscher Mann. Lieb Vaterland, magst ruhig sein: Vier Hunde kneifen die Schwänze ein.
II.
Verzeiht, ich habe mich geirrt; Schaut her, wie sich das Bild entwirrt: Nicht vier der Hunde -- das muß ich ergänzen -- +Ein+ Köter war es mit vier Schwänzen.
Altes Lied von der Zufriedenheit.
Herr Plutus lehrt bescheid’nen Sinn; Er singt so schön, er singt so gut: „Was fragt ihr viel nach Geld und Gut, Wenn ich zufrieden bin?“
Inschrift.
Warum ihr Frau Justizia heut Mit einer Binde schaut? Sie sieht nicht, was das Zünglein deut’, Und nicht, wohin sie haut.
Ein Biedermann.
„Mir handelt es sich nie um die Person! Mein Sinn ist auf die +Sache+ nur gestellt!“ Er überzeugt durch echten Herzenston; Denn jene hehre Sache ist das Geld.
Verbesserte Auflage.
Zum zweitenmal erscheinen deine Lieder. „Verbessert“ schriebst du drauf mit kühnem Sinn. Ich blätt’re zweifelnd nach -- und blätt’re wieder -- Und wirklich sind jetzt weniger darin.
Der beliebige Meyer.
Ich bin blamiert! Ich bin moralisch tot! Mein Ruhm ist futsch! Mein Ansehn ist zum Geier! Denn Meyer schreibt, ich wär’ ein Idiot. Wer? Meyer! Meyer??! Ausgerechnet: Meyer.
Meyer II.
Daß nichts ich kann, sucht Meyer euch zu zeigen; Was kann dagegen Meyer, dieser Held! Er kann mir rückwärts auf- und niedersteigen Und Einkehr halten, wo es ihm gefällt.
Meyer III.