Gedichte

Part 13

Chapter 133,448 wordsPublic domain

Die großen Geister werden recht erkannt Erst, wenn sie tot. Die kommenden Geschlechter Empfinden dann mit hochgequollner Brust, Daß sie verständnisvoller und gerechter.

„Wie konnte man nur jenen großen Alten Die lauteste Bewundrung vorenthalten! Wie klein sind gegen diese Koryphäen Der ‚Jetztzeit‘ Epigonen und Pygmäen!“

So schwatzen sie und treiben’s unverdrossen Nach altem Stil mit ihren Zeitgenossen.

Anwartschaft des Ruhms.

Ein Schwätzer schmähte jüngst ein Werk von Künstlerhand. Der Pöbel fiel ihm bei. Ein andrer Künstler fand Dies Werk und sah’s mit Lust und rief gar, als er dann Den Mob gehört, voll Schmerz: „Beneidenswerter Mann.“

Gefahrvolles Schwanken.

Laß die entschiedene Kraft nicht wechseln in dir mit der Schwachheit, Oder du weckst dir gewiß Fluch nur, Verachtung und Hohn. Wenig Stärke genügt, der Schwächlinge Haß zu entfesseln; Ihn zu bezwingen, verlangt Tatkraft, die nimmer sich beugt.

Schwerstes Unglück.

Kein Dornenkranz, den uns das Schicksal flocht, Bohrt so ins Hirn sich wie der Reue Zahn, Wenn wir ein großes Werk zu tun vermocht Und tun gesollt -- und feige nicht getan.

Spruch.

Wie manchen hat ein Zufall nur gestürzt! Er schleicht verfemt, verachtet durch das Leben -- Du fluch ihm nicht; daß du gestrauchelt, sei Dir Grund genug, Gefallnen zu vergeben.

~Hic Rhodus.~

Sucht ihr der Freiheit schlimmste Feinde? Betrachtet die übergroße Gemeinde, Welcher die Knechtheit sitzt im Bauch, Die lieber atmet in Qualm und Rauch, Als hinauszuwandern auf muntern Füßen, Selber das Morgenrot zu grüßen. Wie jeder von Freiheitsreden schwitzt! Aber vom Recht, das er längst besitzt, Macht so ein widerwärtiger Gauch Aus lauter Faulheit keinen Gebrauch.

Erkennen und Lehren.

Zu der Erkenntnis Höh’n klimmst du aus finsterem Tale Freudig-sicheren Schritts; droben ja winkt dir das Licht! Aber willst du von sonnigen Höhen die Gabe des Lichtes Tragen ins finstere Tal, fehlt dir im Dunkel der Pfad.

Guter Rat.

Heut, da die Ohnmacht sich brüstet und Meinungen jeder zu Markt trägt, Die er vom Baume gerupft, eh die Vernunft sie gereift, Sei dir ein Weggenoß im tollen Gedränge der Zweifel; Aber im Frieden für dich pflanze der Zukunft die Tat.

Einem Neunmalweisen.

Ein Stümpchen Licht, mein Freund, strahlt hell genug, Ein Fleckchen Rost auf edlem Stahl zu finden; Doch einer Sonne Glanz nur kann dem Trug, Dem Graun der Nacht die bange Welt entwinden.

Moderne Gesellschaftsstützen.

„Dem Ernst gehört die heutige Zeit Dem praktischen Verrichten! Heut’ ziemt’s dem wahren Manne nicht, Zu träumen und zu dichten!“

So spreizt sich in der Gegenwart Staatsmann, Soldat und Krämer Und dünkelt sich, an männlichem Ernst Shakespeare und Schiller beschäm’ er.

Frommer Eifer.

„Vermißt du dich, mit Gott zu rechten Und seinen Ratschluß anzufechten?!“ So fauchen zornerbebend die Pfaffen Und lassen vor dir die Hölle klaffen,

Wenn du rechtest mit +ihren+ Verdrehungskünsten, Mit +ihren+ pfiffigen Hirngespinsten, Wenn du, weil du nach Gott verlangst, Für einen Popanz dich bedankst.

Zeitbild.

Einem andersgläubigen Prinzen Wird sie sich demnächst vermählen; Darum abtun ihren Glauben Wird sie und den seinen wählen. Einst die religiöse Hebung Schnöder Untertanenseelen Wird mit gottgewisser Salbung Sie der Geistlichkeit empfehlen.

Kollegialität.

Wer kennte die Herren Kollegen nicht, Die unsere Leistungen benagen, Wenn wir, die ihnen „so gut bekannt“, Ein Neues, Unerhörtes wagen!

Das sind die Kritiker, die stets Die „größeren Alten“ zu Markte tragen -- Hätte Christus mit ihnen die Schule besucht, Sie hätten ihn mit ans Kreuz geschlagen.

Auf einen Typus.

Der schnöde Knirps! An den größten Mann Drängt er sich brüderlich-frech heran, Weil er ihn hie und da verstand. Ja, wenn einst Gott am Zeitenrand Uns löst das Rätsel dieser Welt, Ruft er: „So hab’ ich’s mir vorgestellt! Du hast mir das Wort vom Munde genommen; Ich konnte nur nicht auf den Ausdruck kommen.“

Tatsache!

Und es ist so, was ihr auch zu sagen beliebt; Ich beweis’ es, bis jeder Zweifel zerstiebt, Und ich schwör’ es euch zu mit tausend Eiden, Und Naturhistoriker mögen’s entscheiden; Wahr ist es und bleibt’s: daß es Flöhe gibt, Die den Adler um seinen Flug beneiden.

Fortschritt.

Ein Hündlein lief vorm Wagen her, Machte dem Pferd die Arbeit schwer. Das wackre Tier nicht stehen blieb Und vor sich her den Köter trieb. „Die Hundeseelen“, so dacht ich heiter, „Sie bellen; aber sie müssen weiter.“

Geburtstagsverse.

Einem Fünfzigjährigen.

Die, eigner Stärke bar, auf fremde Schwächen lauern, Sie möchten gar zu gern das Leben dir versauern. Allein des Lebens Mahl, wofern es sonst geraten Und man noch Zähne hat, schmeckt auch als Sauerbraten.

Desgleichen.

Dem Dichter, wenn ihm schon das Haar ergreist, Die Muse immer höh’re Gunst erweist. Er blüht und reift -- sein Alter ist nur Schein -- Und wächst voll Lust in Gottes Schoß hinein.

Einem Sechzigjährigen.

Das Schönste hat man dir gesagt, gewünscht -- Und doch bleibt mir noch eins zu wünschen -- leider! Bewahre dich in Sieg, Triumph und Glück Ein guter Gott vor dem Geschmeiß der Neider!

Einem Fünfundsiebzigjährigen.

Der braucht mit nichten zu zagen, -- Was auch die Zeit entrafft -- Dem stark das Herz geschlagen; Du lebst noch fernen Tagen Nach Mayers Erhaltung der Kraft.

Dein Werk ist still-lebendig -- Mag Schnee darüber weh’n -- Die Kraft sitzt ihm inwendig, Die wacht und wirkt beständig. Im Frühling wird man’s seh’n.

Marie v. Ebner-Eschenbach.

(Zum 80. Geburtstage.)

Wer wurde nicht fromm, wenn du erschienst? Melde mich auch zum Mariendienst Und wollte, meines Mundes Hauch Würd’ lauter Myrrhen und Weihrauch. Zwar wehrst du dem Dank mit schlichtem Mut; Aber unseren Herzen tut er gut.

Petrus Rosegger.

(Zu seinem 70. Geburtstage.)

Der Peter saß mit frommem Sinn, Flickte sein Netz und sang dazwischen. Sprach Jesus: „Leg die Nadel hin, Von nun an sollst du Menschen fischen“.

Mozart.

(1906.)

Über Rosenwolken ein geflügelt Schreiten, Gott im Auge, Blumen in der Hand; Dann ein jähes, großes Flügelweiten In das ewige, das dunkle Land.

XI. Fröhlicher Krieg.

Frau Beate Stupiditas.

Stupiditas, das gesunde Weib, Saß am Markt und sonnt’ ihren Leib, Tät über dem Bauch die Hände falten Und feil einen Korb voll Fische halten. Fett glänzt’ ihr Haar und breit ihr Scheitel; Auf ihre Hüften war sie eitel; Um Hüften saß und Schultern breit Zum Platzen glatt ein honettes Kleid. Schon zwanzig Minuten in guter Ruh Sah sie einem Orgeldreher zu Und sah die Kurbel sich drehn und drehn, Konnte daran nicht satt sich sehn. Hinter den Wangen blank und dick Quoll hervor der bleierne Blick; Die Unterlippe sank so tief, Daß ihr das Wasser vom Munde lief. Mit einem Male „hihi, huhu!“ Lachte sie laut und gluckste dazu; Denn über den Markt mit Wimmern und Schrein Hinkte ein Hündlein mit blutendem Bein; Johlende Buben hinterher, Bewaffnet mit Steinen groß und schwer. Kam auch daher eine Nachbarin, Hatte ein Kind im Bündel drin: „Ach gute Frau Stupiditas, Ihr wißt ja doch immer zu allem was; Seht nur die Augen von meinem Kind! Wie rot und dick! Es wird noch blind!“ „Bind’t Nußschalen drauf, tut Spinnen darein, Die saugen die Augen blank und rein.“ Stupiditas ist früh und spat Geschwind zur Hand mit klugem Rat; Die Leute plaudern gar gern mit ihr; Denn reden kann sie dort und hier. Der Bürgermeister, der Syndikus Nicken ihr würdig vertrauten Gruß; Die Ältesten, eh’ sie zu Rate gehen, Bleiben bei ihr ein Weilchen stehen; Der Richter und der Staatsanwalt Machen bei ihrem Korbe halt Und forschen bei ihr, ob sie jemand weiß, Der der Obrigkeit gezeigt den Steiß. Dem Priester küßt sie den Mantelsaum, Er sieht sie gern im heil’gen Raum; Der Deputierte Schwenkebier Holt sich ~vox populi~ von ihr, Und der Professor und Meister der Schule Läßt einen Vortrag von der Spule, Behauptet am Schluß mit schmunzelnder Ruhe: „~Faber quisque fortunae suae.~“ Stupiditas stöhnt: „Ach Gott, wie gelehrt!“ Und fühlen beide sich hoch geehrt; Dann schwärzt sie ihm einen Dorsch mit ein, Der töter ist als sein Latein. Sogar von der Oper der Herr Tenor Singt ihr ein paar Passagen vor; Ihr Blick verschwimmt in Dampf und Dunst Und winselnd haucht sie: „Die Kunst, ach die Kunst?!“ Mit einem Male -- halli hallo! Was jagt durch die Gassen mit Joh und Oho? Sie bringen einen in Ketten gebunden, Der hat ein künstliches Brot erfunden, Für jeden erreichbar! Zu Ende die Not! Darum auch schlägt man ihn heute tot. Stupiditas mitten unter der Menge, Verliert einen Schlarren im Gedränge; Aber wild-begeistert und heiter Schlampt sie auf einem Pantoffel weiter. Wie schwappt ihr Fleischwerk auf und ab, Ein Haarschwips hängt bis zum Kinn herab! Die Menge rast, die Zähne gefletscht, Einer erdrückt, ein andrer zerquetscht, Ein Dritter unter Rädern zermalmt, Daß Hirn und Blut vom Pflaster qualmt; Aber es gibt zu schaun, zu schaun! Ein Erfinder wird totgehaun! Der hebt noch die Hände beschwörend und spricht -- Und sieht Stupiditas ins Gesicht -- --: Da erblaßt er tief und verstummt sogleich Und neigt sich lächelnd dem letzten Streich. Plötzlich vom anderen Ende -- ei! Tatarata und Hochgeschrei! Ein weiter Platz von Menschen erfüllt; Ein großes Denkmal wird enthüllt. Stupiditas mitten im Schwarme dicht Hört zu dem Redner mit sanftem Gesicht: Hört von des Gefeierten Kampf und Not, Von seiner Sorge ums liebe Brot, Wie er vergeblich sein’ Kraft verschwendet Und endlich im Wahnsinn einsam geendet. Stupiditas macht das Mäulchen klein Gleichwie ein sanft-fromm Mägdelein, Spricht seufzend zur Nachbarin: „Schrecklich, nicht? Wie schwer das Große Bahn sich bricht!“ Da plötzlich wird es ihr licht im Sinn: „Ich will’s ihr sagen, Gevatterin: Die Dummheit! Die Dummheit! Wär’ die aus der Welt, ’s wär’ um uns alle besser bestellt!“

Trotz der Lüge.

Hast du dir in der Seele Gelobt mit starkem Eid, Zu kämpfen für die Wahrheit In jedem Erdenstreit, So darfst du nie dich zeigen Entwaffnet und besiegt, Wie schreckbar auch und drohend Der Feind im Felde liegt.

Vielleicht, daß ein Gewalt’ger Dich richtet und verdammt, Weil deines Geistes Leuchte Zu hell die Nacht durchflammt; Doch schlimmer sind die Feinde, Die meuchlings dich bedroh’n Mit Trug und feiger Lüge, Mit scheelem Neid und Hohn.

Du wirst sie kennen lernen, Die angstvoll-herbe Qual, Daß du um solche Feinde Verzagst am Ideal, Daß alles dir im Geiste Zusammenbricht und fällt Und dir entgegendüstert In öder Nacht die Welt.

Dann aber darfst mit nichten Du still von dannen gehn, Es darf in deinen Augen Nicht eine Träne stehn! Sonst bricht in frechen Tönen Der Feinde Jubel los; Sie nähren ihre Freude Mit deinen Schmerzen groß.

Nein, lachen sollst du, lachen Der schnöden Meuchlerzunft! Und ob sie schon nicht hörten Die Stimme der Vernunft, Ob sie des Mitleids Regung Fühllos vernommen nie -- Dein trotzig, fröhlich Lachen Betäubt, vernichtet sie.

Da prallen Pfeil und Lanze Von deinem Panzer ab; Du schreitest klaren Auges Hin über Tod und Grab. Die Feinde werden scheuen, Führst du mit Lachen Krieg Und mit geruhigem Glauben An den gewissen Sieg.

Adler und Pfau.

„Welch dummer Stolz,“ so sprach der Adler einst Zum Pfau, „um solch ein glänzendes Gefieder, Da man doch eine Stimme hat, Die allen Hörern gleich zuwider!“ „Du sprichst vom Hahn?“ versetzt der Pfau frohlockend, „Ei freilich, dieser Geck, auf seinem Miste hockend! Mit seinem Schrein beleidigt er mich täglich; Auch mir ist längst sein Dünkel unerträglich.“

Schwan und Gans.

„O Schwester!“ sprach der Schwan zur Gans, „O Schwester, könnt ich mich doch dir vergleichen! Du übertriffst mich weit durch deines Kleides Glanz; An edler Windung muß mein Hals dem deinen weichen, Oh, glitt ich auf dem See dahin So stolz wie du, der Wellen Königin!“ -- Das Gänschen sprach: „Ich seh es, in der Tat, Wie sehr mich die Natur bevorzugt hat; Den eignen Wert erkenn’ ich mehr und mehr, Und deine Huldigung erfreut mich sehr.“ -- „Du dumme Gans!“ fuhr da der Schwan heraus, „Glaubst du, mein Schmeicheln wollte da hinaus? +Dein+ Lob zu singen, tat es mir nicht not!“ Und wütend biß der Schwan das Gänschen tot. --

Die beiden Hähne.

Ein junges, keckes Hähnchen schrie Hell in die Luft sein Kikriki. Das klang so kräftig-wunderbar, So herzerfrischend-morgenklar: Tausend Nachtmützen, unerhört! Wurden vom Kissen aufgestört.

Beschwichtigend rief ein alter Hahn: „Schlaft weiter!“ Ich hab’ es nicht getan, Nicht ich, der amtliche Wächter im Hof, Der besoldete Dünger-Philosoph. Es war die Stimme des Dilettantismus, Ein frecher Neuling war’s, der schrie. Es hat keine Ahnung, das gute Vieh, Vom akademischen Kikerikismus.

Das Zentral-Eichamt.

Der Affe Bimbo saß im Wald Und rezensiert’ mit Mordsgewalt: „Ich“, rief er, „bin dazu berufen, Die Sänger richtig abzustufen. Es ist zum Lachen und Entsetzen, Wie sich die Leutlein überschätzen. Ich werde sie nunmehr rangieren Und ihren Größenwahn kurieren. Die Nachtigall dünkt sich die Erste. Daß sie nur nicht vor Dünkel berste! Mein Zeugnis lautet: ‚2-3‘! Dem Buchfink geb ich eine ‚2‘. Die Drossel -- wenn sie’s auch verletzt -- Wird ‚3-4‘ von mir geschätzt; Dem Kuckuck, ist er auch nicht frei Von Mängeln, geb ich ‚1-2‘; Rotkehlchen, Lerche (Anempfinder!) Sind ‚4-5‘, nicht mehr, nicht minder --.“

So sitzt der Affe und orakelt, Und jeder Stolz wird abgetakelt.

Der Rabe hört und sieht es stumm, Dann wird ihm das Gewäsch zu dumm. Er lacht aus vollem Hals und spricht: „Bedenk, du aufgeblas’ner Wicht, Du würdest nicht Zensuren schrein, Wenn du nicht glaubtest, +Mensch+ zu sein.“

Der alte Hahn.

Ein alter Hahn, Der stets mit Fleiß das Seinige getan, Lag schnappend, abgelebt und mager Auf seinem Sterbelager, Und schluchzend, Glucksend Umstand der Gattinnen, der Kind’ und Kindeskinder Heer Den armen Mann. „Ach, meine Lieben, ach,“ so keucht’ er schwer, „Wie ich gelebt, ich kann Vor Gott und Hühnern es nicht eben rühmen. Ich folgte nur zu gern den ungestümen Begierden meiner Brust; Umkrallt hielt mich die schnöde Sinnenlust; O glaubt es, glaubt es mir: sie ist vom Teufel! Jetzt steht mir’s außer Zweifel. O meine Lieben, seid --“ er haucht’s gewaltsam Mit letzter Kraft -- „Geliebte, seid enthaltsam!“ Erschöpft sank er zurück.

Das Korps der Hennen Ließ nicht mit Sicherheit erkennen, Was seine Meinung sei. Man widersprach nicht, stimmte aber auch nicht bei Und sah zu Boden keuschen Angesichts. Auch Söhn’ und Enkel sagten lange nichts -- -- -- Bis dann der jüngste, Nicht geringste Der Gockel doch das Schweigen brach Und sprach: „Verehrter, heißgeliebter Urpapa! Von deines Worts erhabener Gewalt Erschüttert steh’n wir da; Bewahren wollen wir es im Gedächtnis Als heiligstes Vermächtnis. Wir freilich sind nun wohl zu alt, Um einen andern Weg noch einzuschlagen; Doch wollen wir’s -- das schwören wir dir zu -- Mit Ernst und Nachdruck +unsern Kindern+ sagen!“

Darauf verschied der alte Hahn in Ruh’.

Wahlgeschichten.

1. Der Regierungskandidat.

Die Hasen wollten sich vertreten lassen Durch einen Abgeordneten beim Jäger: Das sollte den aufs Blut bedrängten Massen Ein Anwalt sein und ihres Rechtes Träger. Da trat des Jägers Hund in ihren Kreis Und sprach -- er ließ sich gern herab zu wedeln --: „Wer euch noch einen bessern Anwalt weiß Als mich, der rede frei heraus, ihr Edeln! Des Jägers Ohr, so darf ich schmeicheln mir, Besitz ich ganz, und unverbrüchlich treu Fühl ich mit euch, wohlweises Mitgetier, Vor unserm Herrn die gleiche fromme Scheu. Bekannt sind beide Teile mir auf Grund Langjähriger Erfahrung, und beständig War mein Int’resse -- dafür bin ich Hund! -- Für Jäger wie für Hasen gleich lebendig --“ Da scholl Hurra aus tausend Hasenkehlen, Und jeder drängte sich, den Hund zu wählen.

2. Die freie Wahl.

Erloschen war des Hundes Wahlmandat. Der Jäger schoß die Hasen tot wie immer. Da flog ein Etwas durch den Hasenstaat Wie erster, schwacher Freiheitsmorgenschimmer. Zur Neuwahl ließ der Hund die Hasen laden; Er rief bewegt: „Man juble, man erstaune! Mein Souverän von Blei und Pulvers Gnaden Erwachte heut in liberaler Laune. Er will, daß jeder frei sein Wahlrecht übe Und ganz nach seiner Überzeugung stimme, Wer frech das Bild der Volksabstimmung trübe, Dem droh er schwer mit seinem höchsten Grimme. Dies ist sein Wunsch. Doch wünscht der Herrscher auch, Daß ich euch klug zu wählen, gründlich lehre, Daß ich des Rechts unwürdigen Gebrauch Beleuchte durch der Folgen ganze Schwere. Hört nicht auf Freiheitsphrasen, wüst und hohl -- Ihr könntet eure Lage noch verschlimmern -- Die Wahl ist frei! -- Doch was zu eurem Wohl --“ Hier ließ der Hund die Zähne freundlich schimmern -- Und wunderbar: bei vorgenommner Wahl Fiel auf den Hund der Stimmen ganze Zahl.

3. Die moralische Konsequenz.

Und wieder Wahl nach abgelaufner Frist! Zur Zeit der Schonung ward sie angesetzt, Da von den Hasen nichts zu holen ist Und sie sich mehren dürfen ungehetzt. Des Jägers Büchse hatte den Etat An feisten Hasen reichlich eingebracht. Er sprach bei sich: „Gelegne Zeit ist da, Daß man zum Schein ein Zugeständnis macht.“ Da ließ der Hund die Hasen sich versammeln. „Der Jäger will,“ so rief er durch den Hain, „Ein Hase soll, vernehmt’s mit Dankesstammeln, In Zukunft euer Deputierter sein. Denn was sein Volk bewegt im tiefsten Grunde -- Der Herrscher nimmt es ernst mit seiner Pflicht! -- Vernehmen will er’s nun aus Hasenmunde; Ich aber kandidiere diesmal +nicht+!“

Die Hasen wählten wie aus einem Mund Zu ihrem Abgeordneten den Hund.

Lehrreiche Fabel.

Vom Zaune schreit ein hocherzürntes Spätzchen, Ein recht gefräßig-dummes Straßenmätzchen: „Wie ärgert mich doch diese Nachtigall! Sie hört nicht auf, mit ihrer Stimme Schall Tagaus, tagein die Hörer zu entzücken. Mich will kein Mensch mit seiner Gunst beglücken. Bequemt sie nur zu einem Seufzer sich, Dünkt mein Gesang den Menschen lächerlich. Gewiß: Sie hat Talent, ist musikalisch, Doch daß sie’s zeigt, ist unkollegialisch!“

Denunziation.

„Huldvollst geruhten Seine Majestät Dies köstliche Bonmot zu machen: --“ Und ein paar Worte folgen drauf, Zum Weinen nicht und nicht zum Lachen. Nur Unsinn ist es eben nicht, Was Seine Majestät da spricht; Doch das genügt den öden Kriechern, Sich untertänigst totzukichern. Schleppt vor den Richterstuhl die Lecker, Ihr Hochverratsprozeßaushecker! Wenn Kön’ge reden mit Vernunft, Als Wunder rühmt’s die Schmeichlerzunft!

Zweifelhaftes Heldentum.

„Vivat die Propaganda der Tat!“ Ei, Ihr seid mir ja mutige Kerle! Verputzt die Welt wie eine Schmerle Oder wie einen Kopf Salat.

Ein roher, hinterlistiger Mord: +Die+ Tat ist feiger als ein Wort, Das einer ruhig und unverzagt Euch Dummköpfen grad ins Gesicht gesagt.

Die unterbrochene Predigt.

Beim Gottesdienst auf freiem Felde hielt Ein wütend Pfäfflein eine Donnerpredigt. Mit seines Herrgotts schärfsten Blitzen spielt Das Männlein ungeniert und unbeschädigt. Er spricht von einer fernen großen Stadt, Wo eine Seuche alt und jung verschlingt, Wo Tag und Nacht durch Werk- und Schlummerstatt Der Wimmerton der Sterbeglocke klingt. „Seht,“ ruft er, „seht allda den Finger Gottes! Seht, wie der Herr die Glaubenslosen schlägt! Gott ist gerecht! Wie auf die Stadt des Spottes Der Herr nun endlich seine Hand gelegt --“ Er hob den Blick. Da flog ein Vogel, und Der schloß durch ein Geschenk aus seinem Schoß -- Ein seltner Glücksfall -- ihm den losen Mund -- Der Vogel, wie mir schien, war ziemlich groß.

Hier sah der Mann den Finger Gottes nicht, Und das mit Recht. Denn es bedünkt mich schier: So viel Gefühl, zu strafen diesen Wicht, So viel Vernunft besitzt wohl auch ein Tier.

Der Sieger.

Der Löwe hält auf offnem Felde Hof, Und ihn umgibt der Tiere bunt Gewimmel. Ein kohlenblanker Rappe naht dem Thron, Mit ihm zugleich ein blütenweißer Schimmel. „Erhabner König, schlichte du den Streit,“ So riefen sie, „wer schöner von uns beiden. Ob Schwarz, ob Weiß der Schönheit Preis gebührt, Wir stritten lang darum; du magst entscheiden.“ Der Leu versinkt darauf in tiefes Sinnen, Wiegt schwer und lange sein erlauchtes Haupt. Da tritt bescheidnen und gesenkten Blickes Ein Esel vor und näselt: „Wenn’s erlaubt, Daß ich mit meinem Rat euch unterstütze, Ist weder Schwarz noch Weiß zu etwas nütze. +Extrem+ sind schwarze so wie weiße Haare, Und in der +Mitte+ lag noch stets das Wahre.“ „Ha!“ rief der König aus, „nicht Schwarz, nicht Weiß -- Dir, weiser Freund, gebührt der Schönheit Preis; Du fährst am besten, du, in diesem Streit der dritte, Ein grauer Esel nur, und doch die goldne Mitte!“

Der Kritiker spricht:

Gott ist gewiß ein begabter Mann; Nur glaubt er, daß er alles kann. Säuseln will er und will gewittern -- Ich meine, er sollte sich nicht zersplittern. Am besten gelingen ihm die Kamele, Die schuf er mir recht aus der Seele. Das ist sein Fach! -- Und ich sollte denken, Er könnte sich wohl darauf beschränken.

Göttliche Komödie.

Zwei Zeitungen haben voll Gift und Wut Erbitterten Krieg miteinander gemacht; Ich habe darüber frohgemut Mich krank -- und endlich gar tot gelacht.

Doch als sie einander mit Würde sodann Im Anstand Lektionen gegeben, Da packt’ es mit Rütteln und Schütteln mich an, Und ich lachte mich wieder zurück ins Leben.

Das erlösende Wort.

Ich hatte mich eifrig fürs Ganze gemüht; Viel Arbeit und Ärger war mir erblüht. Ich kämpfte, schuftete ums Gelingen -- Mir sollt’s und konnt’s keinen Vorteil bringen.

Da kommt so’n Mensch, den Gott in die Welt Als Stütze für’n Naströpfel hingestellt, Und sagt ganz frech hinter meinem Rücken: Ich wolle mich nur mit Lorbeern schmücken.

Zwar dumm war’s, doch auch niederträchtig; Drei Tag’ lang war mir’s im Herzen nächtig. Am vierten aber, da fiel mir’s ein: „Der Kerl ist ein Gesinnungsschwein.“

„Gesinnungsschwein“ -- famos! famos! Gleich war ich allen Kummer los. Muse, hab’ Dank für das hehre Wort! Ich pfeif mir ein Lied und wirke fort.

An einen außerordentlichen Professor,

so mich mit einem Elefanten verglich.