Gedichte

Part 11

Chapter 113,524 wordsPublic domain

Und wir, vereint in seinem großen Namen, O suchten wir ein gleiches Glück und fänden’s! Noch fliehen irrend Leben sich und Lied. Des Lebens Helle suchte einst die Kunst Und zagte feigen Blicks vor seinen Nächten -- In seines Dunkels Schrecken drang sie vor Und haßte lichtvergeßnen Aug’s die Sonne -- Vergessen und verloren hatte sie Das Werk des großen Schöpfers aller Dinge, Das Lied des Weltendichters: Tag und Nacht. Und da sie’s endlich wiederfindet, jubelnd Die Arme breitet nach des Lebens Fülle -- Verwehrt sich ihr das Leben streng und kalt. Nicht will’s mit ihr des Lorbeers Schatten teilen, Den trauten Namen „Freundin“ ihr nicht gönnen, Wehrt ihr den Thron, den ihr Natur errichtet Zur Seite des Gedankens und der Sitte, Und spricht voll Hochmut dröhnende Gesetze: „Du sollst!“ und „Du sollst nicht! Weil mir’s beliebt!“ Ach, nicht von edler Frauen roter Lippe, Nein, von des Eifrers zorngesträubtem Munde, Von Pharisäer- und Pedantenlippen Gellt nun der Ruf: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“

Versöhnung unser Werk! Es kam der Frühling; Goldregen hängt herab aus leichten Lüften, Und aus der Tiefe steigt die Lilie auf, Demselben Schoße beide sie entsprungen. Oh, daß dereinst in einem neuen Frühling Entgegenwüchsen Leben sich und Lied, In Mutterarmen der Natur versöhnt! Wohl käme dann auch Tassos „goldne Zeit“! Am Zeitenstrom hinwandelten sie beide, Die Kunst, das Leben, Aug’ in Aug’ versunken Im starken Frieden spät erkannter Liebe. Nicht mehr begehrte eines, was das andre Nicht willig aus verwandtem Trieb gewährt. So führend wie geführt, frohlockten beide Dem lichtumkränzten Ziel der Ströme zu, Und im Geriesel warmer Sonnenfluten Und im verborgnen Silberklang der Quellen, Im rauschenden Gesang aus Busch und Bäumen Bewegte das Erlösungswort die Welt, Das selige Wort: „+Erlaubt ist, was gefällt!+“

[2] Als Prolog gesprochen bei einer Tasso-Aufführung in Hamburg.

Hebbel der Nibelungendichter.

Prolog zu einer Nibelungen-Aufführung.

Von Siegfried tönt ein hoher Klang. Ein Siegfried war es, der ihn sang.

Von Friedrich Hebbeln heb ich an, Der war ein stolzer Knab und Mann.

Den nackten Stecken in der Hand, Zog er allein durchs deutsche Land

Und schaut’ nach starken Schmieden aus Und fand die rechten bald heraus

Und übt’ in Feuers Licht und Brunst Bei großen Meistern seine Kunst.

Er schlug, daß hell die Welt erklang Und Splitter rings und Funke sprang,

Und schmiedet’ sich ein funkelnd Schwert, Das macht’ ihn tausend Ritter wert.

Er zwang die Riesen Not und Leid, Wusch sich im Blut des Drachen Neid,

Gewann das Kleid Unsterblichkeit Und deutsche Kunst, die Sternenmaid.

Wie früh sein irdisch Auge brach! Der Tod ihn hinterrücks erstach.

Doch ruht auf deutscher Seelen Grund Des werten Helden goldner Fund

Und strahlt in Tag und Nacht hinein Mit tiefer Glut und klarem Schein.

Der ihn errang, lebt ewig-jung Wie Siegfried lebt, der Nibelung.

Elise Lensing[3].

An einen armen Dichter denk ich heute, Der eines nebligen Novembertags Von Hamburg mit der Post gen Norden fuhr. In Kiel ward Rast gemacht. Die Passagiere, Nach wohl durchrüttelter, durchfrorner Nacht Der nahen Labung froh, entstürzten fröhlich Dem Wagen, riefen nach dem Wirt und heischten Ein gastlich Zimmer und ein dampfend Mahl. Nur Friedrich Hebbel schwieg. Die Barschaft reichte Zu einem warmen Trunke kaum. Gegessen Hatt’ er am Abend und am Morgen nicht; Auch jetzt entschlug er rechnend sich des Mahls. Er hatte seinen Deutschen erst die „Judith“ Geschenkt, darum auch war es ihm versagt, Ein Zimmer zu bezahlen. Unter Knechten, Fuhrleuten, die sich lärmend unterhielten, Saß er im Postkontor und schrieb ein Brieflein. Er schrieb: „Als ich Dich gestern nun verlassen, Als ich im Wagen saß, schloß ich die Augen Und öffnete sie eher nicht, als bis Die Tore Hamburgs wir im Rücken hatten. Nichts sollte mir Dein liebes Bild verdrängen Ich wollt es mit mir nehmen in die Nacht, Und sieh, in Traum und Schlummer dieser Stunden Wie viel hab’ ich an Dich gedacht, Elise.“

Du Liebesmacht des Weibes, sei gesegnet In Ewigkeit. Blickt hin auf die Geschichte Erhabner Geister, die im Kampf bestanden: Wie oft blüht neben ihrem lauten Ruhme Nicht eines edlen Weibes stiller Ruhm. Denn eines Weibes Liebe, merkt es wohl, Ist ganz so stark wie eine Welt voll Haß. „Männer gebären soll das Weib, nicht Männer morden“, So klingt ein mächtig Wort in dieser „Judith“. Ich aber weiß ein Höhres noch dem Weibe: In Not und Nacht uns Männer zu erhalten. So lang der Name Friedrich Hebbel leuchtet -- Und strahlen wird er durch Jahrhunderte -- So lange werden neben ihm erglänzen Wie stille Flammen, die im Sturm nicht beben, Zwei Namen auch: Elise und Christine. Zweimal war er dem Untergange nah, Und zweimal hat ihn eines Weibes Liebe Uns neu geschenkt. Christine und Elise! Ihr gabt so viel uns, wie der Dichter gab, Ihr gabt uns Hebbeln. Und ihr lebt wie er! Noch freut Christine sich des Sonnenlichts, Die edle Frau, um deren hohe Scheitel Ein jubelnd Volk des Dankes Lorbeer schlingt. Seit vielen Jahren aber schläft Elise Den traumlos tiefen Schlaf. Oh, kämen Träume In diesem Schlaf, gewiß umschwebte sie Das Bild des Helden, den sie so geliebt, Wie einst ihr Bild ihm in die Nacht gefolgt. Allein, wie tief und fest dein Schlummer sei, Unsterblich ist, was wahrhaft einst gelebt: So wacht in treuen Herzen deine Treue. Ja, +deine+ Treue, +deine+ Liebe ist’s, Die zum Gedächtnis dir ein Mal errichtet, Und was des Steines Inschrift immer sei, Vom Feuer +deines+ Herzens wird er klingen Und rufen in die haßerfüllte Welt: Durch Liebe lebt, was groß und köstlich ist!

[3] Als Prolog gesprochen bei einer Judith-Aufführung zum Besten eines Elise Lensing-Denkmals in Hamburg.

Der Gekrönte.

Von eines kunstgeweihten Tempels Stufen Stieg er herab: der Sieger im Gesang. Im abendlichen Dunkel dicht gedrängt, In langen Reihen harrte sein die Menge. Wohin er lächelnd schritt, da brandete, Brausend im Anprall die Begeisterung; Der Fackeln Glut umflog die hohe Stirn Ganz wie das düstre Flackerlicht des Ruhms. Und mit ihm ging die Woge ihres Zurufs Und trug ihn wie auf holdbewegter Flut. Erstiegen war der Gipfel -- und vergessen War das verschwiegene Elend langer Jahre, Sein nie belohntes Ringen um den Preis, Der Massen Stumpfsinn, Niedertracht und Hohn. Des Volkes Gunst erhob ihn über alle Und trug ihn nun gewiß zum sichren Hafen.

Und wie er dankend, lächelnd schritt dahin, Hört’ er Gelächter neben sich -- Gelächter ... Hört’ er dergleichen nicht in frühern Tagen? Und einen Mann erblickt’ er bald, bedrängt Von einer Schar von Spöttern. Und sie riefen: „He, Freundchen, schau: so sieht ein Dichter aus! Betracht ihn recht! Allein, wie ist mir denn? Du bist ja +auch+ ein ‚Dichter‘! Wenigstens Glaubst du es selbst! Ja, willst du denn dem Sieger Nicht deinen Gruß entbieten? Nicht die Hand Ihm reichen als -- Kollege? Hahahaaa!“ Und lauter scholl das Lachen. Der Geschmähte Sah fern ins Dunkel, bleich bis in die Lippen; Die Seele war noch jung genug zum Schmerz.

Der Sieger kannte nicht den so Verhöhnten, Nicht seines Liedes Kraft. Allein er kannte Vortrefflich Stimm’ und Antlitz jener Edlen. Das waren ganz dieselben breiten Fratzen, Die in den Morgen seines jungen Glaubens Hineingegrinst, dieselben Stimmen waren’s, Die ihm das reine, adlerfrohe Herz Mit Geifer überströmt. Der Pöbel war es, Der ungeheure, der nicht Götter hat, Nein Götzen nur, Idole, selbstgemachte, Und der nach vornen nicht kann beten, ohne Mit Eselshufen hinten auszuschlagen. Der Seele Gleichgewicht verlangt es so. Und sah er überall nicht gleiche Züge? Auch hier -- und hier? Und solch Gesindel pries ihn Und hob ihn jauchzend himmelhoch empor --

Da griff in des Gekrönten Herz das Heimweh Nach seines Kummers reinen, stolzen Tagen, Heimweh nach tiefer Nächte heiligen Schatten, Nach ihrer Stimmen, ihrer Sterne Gruß; Heimweh nach seines Glaubens Morgenröten, Nach hohen Festen seiner Einsamkeit, Nach jener Jünglingsträne, die nicht fließt, Weil sie des Auges Glut zu rasch verzehrt, Heimweh nach bittrem Jubel, trotziger Lust, Nach reicher Not und königlicher Schmach. Und Heimweh zog sein Herz zu seinen Brüdern, Die er verlassen, die in Staub und Hunger, Verhöhnt, verfolgt, in dunkler Tiefe keuchten, Indessen er auf freier Höhe stand ...

Ausstreckt’ er weit die Hand, daß der Verhöhnte Sie jäh ergriff mit dankbewegter Hast. -- --

Wem hohe Kraft die Schöpferseele füllt -- Trägt auch der Menge Gunst ihn bis ans Ende -- An seiner Frühe Leiden hängt sein Herz; Bei den Verschmähten ist sein Heimatland.

Glosse.

Im Fleiß kann dich die Biene meistern, In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein; Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern; Die Kunst, o Mensch, hast du allein.

Schiller.

Du rühmst, o Mensch, der Arbeit dich, der harten. Tritt in den sommerlichen Tag hinaus! Ein emsig Völklein wirkt in deinem Garten Von früh bis spät mit ewigem Ein und Aus. Ein Schwarm von nimmermüden Segensgeistern! +Im Fleiß kann dich die Biene meistern.+

Bestaunst du deiner Hände Werk so gerne, Wenn zierlich dir’s und anmutvoll gelang? Geh hin zum stillen Seidenwurm und lerne: Ein Fädchen spinne du so zart, so lang! Es kann, und spinnt dein Finger noch so fein, +In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein+.

Jedoch dein Geist: was hat er nicht ersonnen! Strömt Weisheit nicht aus deiner Stimme Schall? Allein -- hat er das letzte Ziel gewonnen? Und atmet nicht ein Gott im weiten All? Kannst du das Weltenrätsel je bemeistern? +Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern.+

So bei mir denkend, bin ich trüb gewandelt Durch Nacht und Tag. Und brennende Begier Nach jenem Geiste, der +allwissend handelt+, Verzehrte meine durstige Seele schier. Da rührte mich sein Hauch -- ein Lied ward mein: +Die Kunst, o Mensch, hast du allein!+

Die Künstler.

Denen, die der Wüste Sand durchschreiten, Denen, die das wilde Meer befahren, Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt, Hilft die wundertät’ge Fee Morgana.

Aus den Wellen, aus dem Sand erhebt sie Palmengrüne Küsten und Oasen, Hohe Säulentempel, die der Osten Überspinnt mit wunderbarem Lichte. --

Unsrer Wüstenwandrung winkt ein Eden, Unsrer Meerfahrt solch ein selig Eiland. Jene schauen’s, die das Ruder lenken, Die voran dem Wüstenzuge reiten.

Schauen’s nicht in seiner wahren Schönheit; Zitternd nur in ferner Luft begegnet Ihrem Blick das Trugbild der Morgana -- Und ihr Auge glüht in Seherflammen.

Und den wild verzweifelnden Genossen, Die, am Boden schmachtend, sich verfluchen, Künden sie mit schauerndem Erstaunen Alle Wonnen der beglückten Ferne.

Seltsam strömt’s von den beredten Lippen, Und in nie gehörten, heiligen Lauten Singen in prophetischer Begeistrung Sie der Menschheit kommende Vollendung.

Wer die Seher sind? Wie oft, o Seele, Rafftest du dich auf zu neuer Wandrung, Wenn in seligen Tönen und Gestalten Ihre Hoffnung sprach vom Paradiese! --

Denen, die des Lebens Meer befahren, Die des Daseins Wüstensand durchschreiten, Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt, Hilft die wundertät’ge Fee Morgana.

IX. Gott und Gedanke.

Gesegnete Wandrung.

In fernes Licht hinein Schreit’ ich schon lange, lange; Um graue Trümmer hängt’s An jenem Felsenhange.

Um Sagentore blühn Die abendroten Ranken; Durch Fensterhöhlen schau’n Verschollene Gedanken.

Und meine Seele schwebt Durch Tor- und Fensterbogen Ins Land des warmen Lichts, Allmächtig hingezogen.

Ich weiß es nun gewiß: Es schwebt ein selig Leben Schon über dieser Welt Und ist uns schon gegeben.

Ich weiß seit diesem Tag: Es klingt Gesang und Reigen Aus einer reinen Welt In jedes tiefe Schweigen.

Alles ist ewig.

In den morgenfrischen Bäumen Hing ein letzter Hauch der Nacht, Und die Blumen machten Augen Wie ein Kind, wenn es erwacht --

Holder Schreck entriß mich plötzlich Lächelnder Versunkenheit --: Eine Rose hat geduftet Wie ein Lied aus Kinderzeit! --

Aufgehoben bleibt im Ganzen Jedes Atems leises Wehn; Einst an einem großen Morgen Wirst du’s lächelnd wiedersehn.

Eine Rose hat geduftet Wie ein Klang aus Kinderzeit; Duft und Klingen, Heut und Gestern Weben all an +einem+ Kleid.

Hingebung.

Das All erstrahlt von Millionen Sternen. Die Erde blickt hinauf in stummer Ruh Und haucht in selbstvergessenem Entzücken Dem Himmel ihren warmen Odem zu.

Im Unermessnen geht ihr Hauch verloren! Und doch gibt sie des Herzens Glut dahin Und sieht sich selbst in Schnee und Eis erstarren. Der ferne Glanz belohnt die Dulderin.

Der Wahrheit Sternen opfert so der Denker Das Leben, das in seinen Adern glüht. Dem fernen Lichte gibt er sich zu eigen Und fragt nicht, ob ihm hier ein Frühling blüht.

Andacht im Gebirge.

Im Tal vernahm ich’s: „Zwischen Felsenmauern Wird dich die Macht des Ewigen durchschauern; Dein Ich zermalmen wird der tote Stein. Er wird zu dir mit Donnerworten sprechen; Dann wird dein Menschenstolz zusammenbrechen, Und wie ein Nichts wirst du dir selber sein.“

Und ich erhob den Stab mit frohem Wagen Dorthin, wo ich bis in die Wolken ragen Der Berge schneebekrönte Gipfel sah. Der Jugend raschen, kecken Mut zu kühlen, Schritt in des Felsendomes Chorgestühlen Ich fort und fort, dem Thron der Blitze nah.

Verloren bald im öden Meer der Steine, Verirrt, verlassen von des Tages Scheine, Stand ich allein in nebelweißer Nacht. Dann sank der Mond hinab zu früher Stunde, Und fern erhob wie mit metallnem Munde Der Herrn des Sturms den ersten Ruf zur Jagd.

Da fuhr’s auf wucht’gen Schwingen durch die Lüfte Und überschrie den Klang der Felsenklüfte, Wo lauter Donner aus den Schlünden brach. Aus dunkler Tiefe klommen ohn’ Ermatten Zu mir herauf des Abgrunds Riesenschatten, Bis sie ein jäh gezückter Blitz durchstach.

Und jetzt -- des Felsentempels Säulen zittern! Durchrast ein ganzer Aufruhr von Gewittern Die Täler rings zum Auferstehungstag? Erdröhnend schob sich’s an den Felsenwänden In Sturmeslauf hinab, um jäh zu enden Mit gellend wiederholtem Donnerschlag.

Die Bäume reckten sich mit tiefem Stöhnen; Ihr Angstruf klang aus dem Gewirr von Tönen Wie aufgescheuchter Vögel Klageschrein. Ein blauer Strahl aus weitem Flammenrachen -- Und mir zu Füßen schlug mit lautem Krachen Ein Föhrenstamm zerborsten auf den Stein.

Da riß es sich in trotz’gem Überschwange Vom Munde mir: „Frohlockend deinem Klange Geb ich, Natur, mein klopfend Herz dahin: Euch übertönt des Herzens Schlag, ihr Stürme, Euch überragt, ihr grauen Felsentürme, Des Menschen hoher, lichtgeborner Sinn!

Vor euch nicht sink ich in den Staub danieder; Nein, eure Donner sind mir Freudenlieder, Das Herz mir füllend mit erhabner Lust. Mag nur der Sturm in euren Klüften hausen! Fliegt er vorüber mir mit Zornesbrausen, Werd’ ich der stärkern Schwinge mir bewußt.

In Nichts sollt ich vor euch zusammenschrumpfen? Hier sollte sich das Schwert des Geistes stumpfen? Dies Schwert, fürwahr, zerspringt auf keinem Stein! An seinem Stahl zerbrechen eure Blitze, Mit ihm bewaffnet, dringt zum Himmelssitze Der Wahrheit einst der Mensch, der Kämpfer, ein.

Seid mir gegrüßt, erhabne Bergesriesen, Erhaben, weil ihr mir den Weg gewiesen Zu meines Menschentums Erhabenheit. Willkommner Schemel seid ihr meinen Füßen, Von eurem Rücken aus den Bau zu grüßen, Den unermeßlichen, der Ewigkeit.“ --

Den Weg ins Tal fand ich am frühen Morgen; Die Berge hielt, den Himmel mir verborgen Ein Wolkenschleier. Aber klar und fern, An meines Geistes Himmel aufgegangen Mit überirdisch morgendlichem Prangen, Stand selig lockend des Gedankens Stern.

Menschenlos.

Das ist ein Augenblick der Seligkeit, Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt, Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke,

Wenn unser Geist den Brand entzündet glaubt, Der in des Daseins Rätseltiefen leuchtet, Und sich im Rausche des begeisterten Entzückens unvermerkt die Wimper feuchtet.

Da wähnt der Blick, er sähe groß und klar Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln; Aufatmend spricht das Herz: „Ich bin getrost: Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.“

Gewißheit: -- Schöner Wahn des Augenblicks! Bald wieder wird der alte Zweifel nagen; Der feste Boden weicht -- dir schwindelt -- weit Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.

Die kluge Antwort, die dein Hirn ersann Auf Fragen, die die Menschenbrust zerfleischen, Sie löste sich in tausend Rätsel auf, Die doppelt gierig neue Antwort heischen.

Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre, Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt, Daß er der Heimat festen Grund gewahre.

Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen: Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt, So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.

Zum Strande der Gewißheit lenkt dein Schiff Nur, um ins Unbestimmte neu zu fliehen, Bis einst auf hoher See in ihren Schoß Das sturmzerschlagne Wrack die Wellen ziehen.

Das Gesicht der Wahrheit.

„Wenn Menschen schweigen, werden die Steine schreien.“

Seit wenig Tagen geh’ ich fromm und froh Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär Kam mir von irgendwo und irgendwann, Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. --

Gefangen hatten ihn die Häscher nun, Den Herben, Wilden, Stolzen, dem der Spott Wie ätzend Gift vom Munde floß -- doch war’s Ein heilsam Gift -- dem die Begeisterung, Wie Donnerflammen aus dem Krater, prasselnd Von heißer Lippe sprang. Doch ging er leicht Und stolz in seinen Fesseln; denn ihn trug Geheime göttliche Allgegenwart. Allgegenwärtig fühlt’ er seinen Gott, Wo er auch ging und stand, den neuen Gott! Und so vermaß er sich verwegner Hoffnung: Auch seine Richter müsse ja berühren Die Nähe dieses Gottes und die Kraft Und Reinheit seines Atems. Denn er war Ein Mann an Stolz und Trotz, ein Kind an Hoffnung.

Die Richter aber thronten rings auf Stühlen Von Eisen, und die Stühle hießen Ordnung Und Religion und Sitte und Gewohnheit. In diesen Stühlen ruhten breit und fest Die Fundamente des gemeinen Wohles. Wenn aber vor der Glut der neuen Lehre Die wackern Stühle schmolzen, so gerieten Die Fundamente des gemeinen Wohles In glühende Bedrängnis. Und so bliesen Die Richter denn mit hoheitsvollen Backen Den Hauch der prallen Sonne sich vom Leibe Und saßen tot auf ihren toten Stühlen. Und sprachen dann: „Er soll am Pranger stehen Auf off’nem Markt, vor allem Volk, nachdem man Zuvor die Ohren ihm vom Kopf geschnitten.“ Auf den Tribünen hatte rings das Volk Gelauscht, und als der Richter Weisheit nun In jenem Spruch sich froh und stolz befestigt, Zerstreute schwatzend, lachend sich die Menge, In Ehr’ und Zucht des Gaudiums gewärtig, Das ihr der heil’ge Sonntag bringen werde. --

Hoch aus dem surrenden und plappernden Und gurgelnden und schnatternden Gebrodel Der Menge, die den weiten Markt erfüllte, Stieg schwarz und grausenhaft der Prangerkasten, Der den Verdammten noch dem Blick verbarg, Und schwärzer gähnte drin das Loch, in dem Des armen Sünders Kopf erscheinen sollte.

Mit faulen Äpfeln, Eiern und noch manchem In stiller Emsigkeit gehäuften Unrat Höchst sorgsam ausgerüstet, harrt die Menge, Harrt stundenlang. Denn neben ihrem Zorn, Dem Löwen, ruht das Eselein Geduld. Auf hoher Balustrade leuchten Rat Und Älteste der Stadt, des schönen Wetters Und der im tiefsten Herzen sanft empfund’nen Weltordnung froh -- den armen Sünder packte Ein wilder Schauder vor dem nahen Greuel. An beide Ohren preßt er bang die Hände -- Nah ist hier keiner, der ihn retten möchte. Denn jeder haßt ihn -- +könnte+ wohl ihn lieben, Doch haßt ihn. Und ihm ist, als trennt’ ihn doch Von diesen allen nur ein dünner Vorhang -- Er klagt sich an, daß er das rechte Wort, Das eine, kurze, klare Wort nicht fand, Das +alle+, +alle+ überzeugen mußte -- Ja, wenn er jetzt --! Allein nun war’s zu spät.

Und tief im Kopfe hub ein Singen an Von lauen Jugendtagen. Warum blieb er Nicht still am warmen Herde seiner Heimat? Und sanft und fest in seiner Mutter Schoß Fühlt’ er sein Haupt gedrückt -- und auf der Wange Fühlt’ er die rauhe, warme, gute Hand: Mein Junge bist du -- mein -- mein guter Junge -- -- Der Henker winkt. -- -- -- Die Augen fest geschlossen, Des Hagels von Geschossen schon gewärtig, Zwängt er den Kopf durchs enge Loch des Prangers; Im Hirne braust und wirbelt wilde Scham -- --

Da stößt ein süßer Schreck ihm tief ins Herz, Und seliges Erschauern rinnt ihm kalt Vom Wirbel bis zur Zeh’. Und fühlt sogleich, Daß alle, alle, die dort unten stehen, Derselbe große, stille Strom durchrinnt.

Und schlägt die Augen auf -- und sieht das Volk, Das hängt mit +einem+ Blick an seinem Antlitz Und starrt hinauf und schweigt. Und starrt -- und schweigt.

Und sieht um seinen Mund, den Blut benetzt, Ein zuckend Lächeln, sieht die dunklen Haare In feuchten Strähnen an den Wangen kleben, Und aus den Haaren, an den Wangen nieder Rinnt Blut, rinnt Blut -- so stumm und so geschäftig, Das warme Blut -- und hilflos starrt der Kopf Hervor aus schwarzer Wand, und hilflos irren Die Blicke hin und her: Wo seid ihr, Hände? Was helft ihr nicht? O wischtet ihr mir nur Das Blut vom Mund! -- Und klagend glänzt das Auge.

Und vor dem hilflos armen Kopf erbleicht Der Rat der Stadt, und ganz geheim ins Ohr Schreit gellend, jauchzend ihm die Totenstille ...

Da schwirrt vom Markt ein Lerchenstimmlein auf, Und sieh, ein Kind, ein Mägdlein, steigt behende Zum Schandgerüst empor und trägt ein Kränzlein Von Löwenzahn, den es am Rain gepflückt. Und streckt den Kranz empor und langt und langt Und kann es nicht erreichen. Und ein Greis Folgt ihm geschäftig, hebt das Kind empor, Und in die nassen, wirren Haare drückt es Mit leiser Hand den weichen, goldnen Kranz. -- --

Seit wenig Tagen geh ich fromm und froh Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär Kam mir von irgendwo und irgendwann, Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. --

Das Dogma.

„Wenn aller Welten Ende nun erscheint, Dann wird ein Hirt und eine Herde werden, Und Millionen Augen werden selig Sich baden in dem einen Strom des Lichtes, Der von dem Throne des Allweisen rinnt. Dann wird kein Streiten sein und kein Entzweien; Sie glauben all an +einen+ Gott und folgen Dem guten Hirten auf die ewige Weide.“ -- Also verheißen wird’s von Priestermund.