Gedichte

Part 10

Chapter 103,525 wordsPublic domain

Her durch Wände und geschloßne Türen Schwebt ein Spiel von leisen, weichen Händen, Oft so zart -- ich weiß nicht: ist’s des Weltalls Tönend Schweigen, oder ist es Klingen? Ist es Klingen?

Klang es nicht wie längst verwehtes Leben? Ja, es rief wie erste Kindertage, War wie alter Ahnen leises Rufen, Die noch wachen in vergeßnen Gräbern, In vergeßnen Gräbern.

Meinen Enkel einst umhaucht mein Leben Wie ein fernes Spiel von leisen Händen -- Hörbar kaum, wie Traum von einem Klange, Wird es klingen durch verschloßne Türen -- Durch verschloßne Türen. --

VII. Vaterland und Heimat.

Deutschland.

Deutschland, geliebte Mutter, Du gabst mir, was ich bin; Du sangst das Lied der Hoffnung In meinen Kindersinn, Und ruhig wuchs mein Wille Wie deiner Felsen Hang; Durch meines Herzens Gründe Ging deiner Ströme Klang.

Wo ich nun weil’ und wandre, Bleib ich in deiner Haft; Ich trank ja deine Liebe, Du Land voll Morgenkraft. In Not und Fremde such ich Dein Auge groß und lind Und weiß, ich bin geborgen Wie einer Mutter Kind.

So nimm auch, heilige Mutter, Nimm meine Liebe an, Und will der Neid dich schänden, O fordre, fordre dann! Mein Herz mit allen Wünschen Sei dir ein Opferbrand, Ruht einst nur seine Asche In deiner Mutterhand.

An mein Vaterland.

(1914.)

O mein Deutschland, wie sie dich ehren! Sieben Völker mit ihren Heeren Fielen tapfer über dich her; Denn für sechse wär es zu schwer.

O mein Deutschland, wie mußt du stark sein, Wie gesund bis ins innerste Mark sein, Daß sich’s keiner allein getraut, Daß er nach sechsen um Hilfe schaut.

Deutschland, wie mußt du von Herzen echt sein, O wie strahlend hell muß dein Recht sein, Daß der mächtigste Heuchler dich haßt, Daß der Brite vor Wut erblaßt!

Wär es zu denken, könnt’ es sich fügen, Deutschland, könntest du unterliegen -- Wer einer Welt von Feinden sich stellt, Ist auch im Sturze der siegende Held.

Aber du wirst sie zermalmen zu Staube, Die dich umschlichen zu nächtlichem Raube. Fege die Welt vom Truge rein, Laß die Unschuld geborgen sein!

Stürz’ dich ins siebenfache Gewimmel, Morde den Teufel und hol’ dir vom Himmel Sieben Kränze des Menschentums, Sieben Sonnen unsterblichen Ruhms!

Gewittersegen.

(1914.)

Mag die Welt in Wettern beben, Bis sie Deutschland fürchten lernte. Heldentod ist ewiges Leben; Heldensaat ist ewige Ernte.

Die singenden Helden.

Das waren unsre Jüngsten, schier noch Knaben, Die stürzten sich mit Singen in die Schlacht. Daß sie am Todestor gesungen haben, Des sei, solange Deutschland lebt, gedacht.

England, sieh her auf deiner Feindin Söhne Und fühl’ im Herzen deinen tiefsten Neid: Im Land der Lieder klingt wie Jubeltöne Der Söhne Sterben und der Mütter Leid.

Du rissest sie aus ihrer Mütter Armen, Die edlen Knaben, jugendzart und hold; Du hast für keiner Mutter Sohn Erbarmen, England, du Spottgeburt von Gift und Gold.

Doch sei gewiß: den Reigen der Gestirne Bewegt ein Sehender, der nimmt und gibt: Verdorren soll dein Leib, du Mammonsdirne, Und keinen Sohn mehr tragen, der dich liebt.

Dich aber, Deutschland, werden Geister tragen Zu jedem Sieg mit unhemmbarem Schritt; Denn überall, wo deine Zeichen ragen, Dies Lied der Helden zieht im Winde mit.

Wo immer ihr Gesang auf Purpurschwingen Einher vor deinen stolzen Scharen weht: Anheben wird ein Herz- und Schwertersingen, Vor dem kein Teufel dieser Welt besteht.

Das Kindergesicht

(1915.)

+Sie zeigen im Tod ein Kindergesicht.+ So schrieb ein Mann, der sie sterben gesehen, Die in die Schlacht wie zum Brautlauf gehen. Ich las dies Wort und vergeß es nicht.

Das ist ein Wort wie ein Gedicht. Ich hör’s die deutsche Sage singen, Aus Strömen und Wäldern der Heimat klingen -- Ist es das Lied von Deutschland nicht?

Die deutsche Seele glaubt ans Recht, An den Sieg der Unschuld in künftigen Tagen; Drum wird sie von Engeln zum Siege getragen, Drum wird sie zur Flamme in Sturm und Gefecht.

Da graust es dem Feinde, da starrt ihm ins Herz Vieltausendfach das Aug’ der Gorgone, Da bricht ihm das Knie vor Deutschlands Sohne; Des Blick ist Stein, sein Arm ist Erz.

Sein Blick ist Stein -- bis das Auge bricht. Da fällt die Maske! -- O mögen sie sagen Von Deutschlands Helden in ewigen Tagen: „+Sie zeigen im Tod ein Kindergesicht.+“

Ostern 1915.

Wieder kreischen wilde Pöbelhorden. Deutschland wollen sie am Kreuze morden. Kann dies Deutschland blutend je vergehn, Dritten Tages wird es auferstehn.

Der Sohn.

Seinem Vater schuf er Zorn; Seiner Mutter schuf er Leiden, Und im Herzen wie ein Dorn Saß sein wildes Leben beiden.

Hielten sie ihn an der Brust, War er kindlich und voll Reue. Schwamm er fern im Strom der Lust, So verpraßt’ er Pflicht und Treue.

Und sie fügten still sich schon, Ihre Hoffnung auszumerzen. Nächtlich: „Ein verlorner Sohn --!“ Schluchzten heimlich ihre Herzen. -- --

„Jene Brücke wird gesprengt!“ Die es tun, sind Toderkorne. Stürmisch aus den Reihen drängt Hellen Augs sich der Verlorne.

Und die Kunde kam nach Haus: „Als ein Held ist er gefallen. Dieses Sieges Rosenstrauß, Er hat ihn gepflückt vor allen!“ --

Lächelnd sprach der Vater: „Sieh, Wieder ist er uns gegeben. Was er lebte, das war nie! Dieser Tod ist nun sein Leben.“

Das Gold dem Vaterlande.

I.

Dein Bruder gibt sein Blut. Willst du dein Gold nicht geben? Behalt’s: so ist es tot. Gib’s hin: so wird es leben!

II.

Ringsum ist Kampf und Not. Ringsum ist bittres Muß. Freiwillig gib dein Gold: du gibst vom Überfluß.

III.

Bist du so undankbar, an deinem Gold zu kleben? Du gibst es nur zurück; dein Land hat dir’s gegeben.

IV.

Verflucht ist alles Gold, das du mit Inbrunst liebst. Zum Segen wird der Fluch, wenn du’s dem Ganzen gibst.

Was denkt der Schuft?

(1916.)

Es zogen Sechzigjährige hinaus Und trugen, jung gestrafft, des Kriegs Beschwerde. Die hart verdiente Ruh’ verschmähten sie Und lösten sich vom liebgewohnten Herde. Sie dachten: Unser Leben blüht von vorn! -- Was denkt der Schuft? Er denkt: Wie wuchre ich mit meinem Korn?

Es stürmten Sechzehnjährige zum Kampf Und dachten nicht, im Mutterarm zu warten. Ein ganzes Leben -- ihnen galt’s so viel, Um Breschen auszufüllen oder Scharten. Sie dachten: Wer vorm Feinde fällt, stirbt nie! -- Was denkt der Schuft? Er denkt: Wie hoch verschachre ich mein Vieh?

Und Mütter setzten in das grause Spiel Drei Söhne, vier und mehr, so viel sie hatten; Sie zahlten in den Schatz des Vaterlands Mit Kindesblut und mit dem Blut der Gatten. Sie dachten: Siegt mein Volk, so lohnt der Kauf! Was denkt der Schuft? Er denkt: Wie treib ich meinen Zins hinauf?

Und kommen wird der Tag, da Blumen blühn Aus jedem Grab, in das ein Glück versank, Und kommen wird der Tag, da Ähren stehn Auf jedem Grund, der Blut und Tränen trank, Und Deutschland preist sein eisernes Geschick! Was denkt der Schuft? Er denkt nicht mehr; er hängt, will’s Gott, am Strick.

Unsere gefangenen Brüder.

(1919.)

Sie rufen euch! Hört ihr’s? Sie rufen euch! Die Frankreichs Niedertracht, die Englands Roheit In Ketten hält, aus Hunger, Gram und Schmach Her gellt ihr Schrei: „Ist Deutschland wirklich tot? Lebt keine deutsche Seele mehr, kein Herz, Das unser Elend fühlt und seine Schande? Wir hören: Deutschland tanzt! Doch das ist Lüge, Muß Lüge sein. Das Volk, von dem wir schieden, Als wir zu Felde zogen, das war groß, Und Unglück macht die Großen doch nur größer! Nein, nein, das ist gewiß: Unzähl’ge Hände Im heil’gen Vaterlande regen sich, Uns zu befrein! Was einen Stein erbarmt, Was ein Franzos’ ersinnt, ein Brite tut, Das muß dem niedrigsten der Erdenkinder Das Eingeweid’ aufwühlen -- wie nicht sollt es In Flammen setzen unsrer Brüder Herzen?! O macht uns frei! Von Tag zu Tag, von Stunde Zu Stunde, von Minute zu Minute Erharren wir, erhoffen wir, ersehnen, Erflehen wir die Freiheit! Ach, wann helft ihr? Wir möchten unsre Kinder wiedersehen Und unsere Weiber, Mütter -- unsre Lieben! Wann wird das sein? Ob’s morgen ist? Ob heute?“

So rufen sie! Hört ihr es nicht? Sie rufen! Was gebt zur Antwort ihr? Antwortet ihnen: „+Wir sind am Werk!+ Wir rasten nicht noch ruhn, Euch zu befrein. Und zögert das Gelingen, So habt Geduld und nehmt euch dies zum Trost: Mit jedem Tag, der euch in Tränen aufgeht, Wächst unsre Lieb zu euch, wächst euer Lohn! Mit jedem Tag, den ihr in Gram verhaucht, Wächst Deutschland aus der Nacht, wächst Deutschlands Kraft! Mit jedem Tag, den ihr im Grimm verflucht, Wächst schrecklich die Verdammnis eurer Henker! Auf seinem Weltenthrone sitzt noch immer, Gewärtig und gerecht, der Weltenrichter. Am Tage des Gerichtes sollt ihr kommen Und in die schwere Schale ihrer Schuld Die Zeiten eures bittren Jammers legen, Nicht Tag für Tag, nicht Stund’ für Stunde, nicht Minute für Minute, nein! Ihr sollt Sekunde für Sekunde wiederzahlen All eure Pein, auf daß die bleichen Schelme Tropfen für Tropfen würgen an dem Gift, Das sie dem Unglück fühllos eingetränkt. So schwer’s auch falle, faßt euch in Geduld! Es kommt ein Lenz und mit ihm Deutschlands Tag. Es kommt ein Tag erlösenden Gewitters, Der Deutschlands Fluren segnet mit Gedeihn Und seiner Feinde geile Saat zerschlägt. Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!

Acht Worte sind’s, in diese beißt die Zähne: +Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!+“

An jeden Deutschen.

Das grab dir, Deutscher, tief ins Herz: Kein Fremder fragt nach deinem Schmerz. Auf andre bau’n macht dich zum Spott. Hilf du dir selbst, so hilft dir Gott.

Das Notwendigste.

Mein hart geprüftes Volk, verzage nicht! In jeder Nacht wird dir ein Stern entbrennen, Reicht nur dein eigner Genius dir das Licht, In Ehrfurcht deine Genien zu erkennen.

1922.

So war es einst: Vom Neid umkreist, Stand Deutschland stolz in Stein und Erz! Nur war im Erz zu wenig Geist, Nur war im Stein zu wenig Herz.

So ist es jetzt: Geschrei und Zank, Und Leib und Seele darbt und friert. Das Vaterland zum Tode krank, Und Torenweisheit triumphiert.

So soll es sein: Ein fröhlich Mühn In Hoffnung, Zucht und Redlichkeit. Dann wird’s aus Trümmern wieder blühn; Nur neue Tat schafft neue Zeit!

Lied der Deutschen.

Wir waren noch im Unglück groß; Uns barg Germanias Mutterschoß. Da kam die Lüge, der Verrat, Da kam des Teufels schlimmste Tat: Verrat hat uns zerbrochen.

Er nahm die Freiheit, nahm das Brot, Er gab uns Leib- und Seelennot, Er gab das heilige Vaterland In schamvergessner Würger Hand. Wir wollen deß gedenken.

Für’s neue Glück die neue Saat, Wie nennt sie sich? Sie nennt sich: +Tat!+ Hier schwören wir aufs Fahnentuch: Den treffe seiner Kinder Fluch, Der jetzt noch faul und feige!

Und nun empor den Blick gewandt! Der uns das tiefste Leid gesandt, Er ließ uns eines noch: die Kraft, Die hoch die alte Fahne rafft Und sie nicht läßt im Sterben.

Schleswig-Holstein.

Aus meiner Kindheit Träumen blüht ein Land Der sanften Hügel, drinnen Helden schlafen, Der goldnen Felder, die ins Blau des Himmels Hinüberflimmern wie ein früher Traum, Der stillen Ströme, die, dem Meer verwandt, Mit ernstem Schweigen breite Schiffe tragen, Ein Land der weiten, saftgetränkten Triften, Wo schwere Rinder durch den Nebel brüllen, Ein Land, wo See’n und Wälder sich umarmen In selig-stummem Anschau’n ihrer Prächte, Ein Land, wo zwischen Dorn und wilden Rosen Die Vögel sich mit Singen bau’n ihr Glück.

Aus meiner Kindheit Tagen glänzt ein Land Der sanften Frau’n, die ohne Falschheit lächeln, Die bei der Arbeit singen, weil ihr Herz Des Himmels hellem Auge offen liegt, Der Frauen, die sich leicht im Tanze schmiegen Und starke, wangenrote Kinder nähren, Die Gudrun gleich in graue Fernen harren, Im Blick der Treue unbewegte Glut, Bis der Ersehnte kehrt aus Kampf und Not.

Aus meiner Kindheit Tagen strahlt ein Land Der ernsten Männer hinter Pflug und Amboß. Sie reden wenig und sie lachen selten Und singen kaum; allein sie träumen viel. Sie blicken zweifelnd auf, wenn von Verrat sie Und Falschheit hören, und sie fassen’s kaum. Denn ohne Arglist suchen sie das Glück In eigner Kraft und nicht in fremdem Weh. Ihr Gang ist aufrecht; ihre Brust ist breit, Sanft strahlt das Auge unter freier Stirn. Nicht laut ist ihre Kraft, nicht rauh und wild; Doch wer sie je verkannte, hat’s gebüßt. Von Schwert und Axt und Morgenstern erklingt Des Lands Geschichte und von Männern, die Wie Mauern standen. Nimmer reichte weiter Des Manns Geduld als seines Herzens Stolz.

Ihr kennt dies Land, ihr schaut ihm in die Augen, Wenn ihr ins Antlitz eurer Kinder blickt: In seine jungen, hoffnungshellen Augen. Dies Land, dies flutumbrauste, sei ein Leuchtturm, Dem jeder deutsche Schiffer froh vertraut. -- Halt aus in Nacht und Not, mein Land, mein Licht!

Holsteinische Abendlandschaft.

Unschuld lugt aus dem Hain, und Freude spielt um die Hecken; Heim in sonniger Ruh wandelt der redliche Fleiß. Dir, solange sie klingt, erheb ich die funkelnde Schale Dankbar kindlichen Blicks, Heimat, du heiliges Land! Tausend Bereiche der Welt sind sonniger, stolzer, erhabner; Aber aus deinem Gefild singt mir ein kindliches Herz.

Deutsche Weihnacht.

(~Dies natalis invicti.~)

Weihnachten, Tag der Hoffnung, bist du da? Du stiller Tag, da früh die Sonne sinkt? Allein durch Nebel lacht sie rötlich schon Erlösung uns aus langer Wintersnot.

Herbei, ihr Glaubenden, ihr Wartenden, Ihr Helden, die Verrat zu Boden warf, Ihr Nackten, die verruchte Gier entblößt, Herbei! Ist auch noch fern der Ernte Fest, So sollt ihr doch das Fest der Hoffnung feiern. Vergeßt auf wenige Minuten nur Den Gram, die Sorge; holt ein Zweiglein euch Vom immergrünen Tannenbaum herbei Und richtet’s auf im roten Abendlicht, Und labt an seinem Grün den müden Blick: Denn wißt, daß in der Tanne unsere Altvordern schon das Bild des Frühlings sahn! Die schwanken Zweige raunten leise Kunde, Daß nicht vergangen sei der Erde Grün Für immerdar; nein, leuchten werde bald Der Anger wieder in verjüngter Pracht, Der Wald ein neues Lied des Lebens rauschen Und reich die Ähre schwanken auf dem Halm.

Wenn nun die heil’ge Nacht gekommen war, Da sich das Glück der dunklen Mächte wendet Und seine goldnen Pfeile prüft das Licht, Da, unbesiegt von Sturm- und Wolkenschauern, Die Sonne neu beginnt den frohen Lauf --, Dann ließen sie auf einer starken Achse Ein riesengroßes Rad sich drehn, nachdem sie Zuvor des Rades Kranz in Brand gesteckt. Da griff der Sturmwind in die Flammenspeichen Und trieb es um mit Prasseln und mit Sausen In rasend wildem Schwung, daß weit umher Durchs Grau’n der Nacht ein goldner Regen fiel. So war das Flammenrad ein Bild der Sonne, Der unbezwungnen, großen Lebensmutter, Die rüstiges Vertrauen nie betrog, Und so begingen sie mit Hoffnungsjubel Das „Auferstehungsfest der Unbesiegten“. --

Herbei, ihr Knechte denn und Bettler all, Ihr Wartenden, ihr Horchenden, herbei, Vereint euch brüderlich am kalten Herd Und feiert eurer stillen Hoffnung Fest. Laßt einmal nur die Last des Kummers sinken, Liebkost den frischen, duft’gen Tannenzweig Und glaubt mit brünstigem, bewegtem Herzen, Daß einst die Flur der Heimat neu ergrünt. Erhebt die Herzen durch ein starkes Wort, Und sprecht ihr dann vom großen Kampf, der kommt: Gewiß, daß eurem innern Blick erscheint Das Rad der Zeit, von flammenden Gedanken, Vom Sturme der Begeisterung beschwingt, Die’s treibt und treibt, daß goldne Funken sprühn. Dann sollt ihr an die goldne Sonne denken, Die ihr ersehnt und die gewiß einmal In heil’ger Morgenröte kommen wird ... Und sollt im leisen Lächeln dieser Stunde, Im stumm-beredten Druck der Hand begehn +Das Auferstehungsfest der Unbesiegten+.

VIII. Kunst und Dichter.

Der Ruf.

Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte Der Schlaf hervor. Schon raunte mir die ersten, leisen Worte Der Traum ins Ohr. Da klang von nahen Zweigen Ein tiefer Freudenschall, Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. In meinen Traum sang eine Nachtigall.

Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume Im Traum, im Traum. Nur fern, o fern, durch mitternächt’ge Bäume Ein lichter Saum. Doch horch: von jenen Röten Ein süß geheimer Hall, Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! In meinen Traum sang eine Nachtigall.

Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme Von je erklang Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme Voll Hoffnung sang. Ein Land des Lichtes träumen Wir armen Seelen all! Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: In meinen Traum singt eine Nachtigall.

Wintermärchen.

Auf dem Baum vor meinem Fenster Saß im rauhen Winterhauch Eine Drossel, und ich fragte: „Warum wanderst du nicht auch?

Warum bleibst du, wenn die Stürme Brausen über Flur und Feld, Da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?“

Antwort gab sie leisen Tones: „Weil ich nicht wie andre bin, Die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn.

Die da wandern nach der Sonne Ruhelos von Land zu Land, Haben nie das stille Leuchten In der eignen Brust gekannt.

Mir erglüht’s mit ewigem Strahle -- Ob auch Nacht auf Erden zieht --, Sing ich unter Flockenschauern Einsam ein erträumtes Lied.

Dir auch leuchtet hell das Auge; Deine Wange zwar ist bleich; Doch es schaut dein Blick nach innen In das ewige Sonnenreich.

Laß uns hier gemeinsam wohnen, Und ein Lied von Zeit zu Zeit Singen wir von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit.“

Schiller.

In einer großen Stadt, wo ich gewohnt, In einem volk- und häuserreichen Viertel, Sah ich aus meiner Kammer unterm Dach In das Gewirr der Steine oft und lang. Schier unabsehbar lagen vor mir da Kamine, Mauern, Dächer und Mansarden, Ein wirres Auf und Ab und Durcheinander, Ein steinern Meer, im Wellenspiel erstarrt. Und aus den Schlünden dieses Meeres drang Des Alltags Raserei in Lust und Angst: Des Hungers Seufzen und Gebrüll des Rausches, Der Schrei der Gier, der Kindheit Morgenlachen, Der Arbeit Hämmern und des Tanzes Spiel.

Und immer, immer, wenn ich Sinn und Seele An diesem Brei von Dunst und Lärm ersättigt, Schlich glücksgewiß und still mein Blick zur Seite, Wo sich ein Wunder groß und ernst erhob. Da, dicht umwühlt von Essen, Erkern, Giebeln, Und ganz doch unberührt von ihrem Schwall, Ein ewig strömender Gesang von Stein, Stieg eines Domes Turm zu Himmelshöhn. In breiten Massen wuchtig aufgeschichtet, Schwang er doch leicht sich auf ins reine Blau. Es überschlug der Blick sich, der ihn maß, Und sank nach innen, schauernden Entzückens; Denn seine herrlich ragende Gewalt Umfloß der Schönheit ruhiges Gewand. Von Zeit zu Zeit erdröhnte dumpf erhallend Der Glocken tiefer Ton -- dann drang ein Zittern Bis in der Häuser, in der Herzen Grund, Und wohl durch manche Seele, manches Haus Ging Wunsch und Hoffnung, groß und rein zu sein. Und klang am Feierabend gar ein Lied Vom Turm herab, dann quoll’s wie Rosenwolken Durch allen Gassendunst, ein Duft von Frieden Durchdrang den Lärm, und hoch an rauchgeschwärzten Gemäuern hing ein stiller Abendglanz Wie herbstlich rotes Weinlaub ... Aber auch Wenn er geheimnisvoll und schweigend stand, Wie ewige Gedanken überdenkend, Stieg mancher Blick empor an seinen Zinnen, Empor in eine ahnungsreiche Welt.

Ja, auch die nie durch seine Pforte schritten, Die ihn nur ragen sahn aus ferner Gasse -- Sie sahn ihn mit Bewunderung, mit Andacht, Ja ja, sie liebten ihn aus dunklem Drang Und wandten gern zu ihm den müden Blick --

Denn daß er groß war, das war Trost und Glück. Daß er aus Qual und Qualm und Last und Lärm Erhaben sich und schönheitsmild erhob, Das war Befreiung aus bedrängtem Leid. Daß er aus allen Engen sich entriß, Das war Erlösung. Und die Zweifler selbst, Die Hoffnungslosen schauten milden Blicks Auf diesen Weiser nach dem beßren Land.

Schon mehr als hundert Jahre stand der Turm, Und ragen wird er durch Jahrhunderte In ferne Zukunft. Und aus Tür und Fenster In Hütte und Palast wird manch ein Antlitz Sich neigen und dies Mal der Hoffnung suchen, Und manche Seele wird an ihm empor In unsrer Sehnsucht Heimatland entschweben.

Goethe und Tasso[2].

So wird sich wieder denn der Vorhang heben Vor Belriguardos lorbeerstillen Gärten, Wo zarte Fraun Gedankenkränze winden Und alle Schönheit ahndevoll umfangen, Ein edler Fürst die Kunst beschützt, weil er Nicht Regeln ihr, nein, Recht und Freiheit gibt, Nicht Ketten, sondern Flügel ihr verleiht, Und wo in Sonnenglanz und Myrtendüften Torquato Tassos traurige Geschichte Sich zuträgt, der mit traumgeschwellten Segeln Gescheitert einst am starren Fels des Lebens -- Um ihn in höchster Not doch zu umklammern.

Des unglücksel’gen Sängers Schicksal hat Ein glücklicherer Genius uns gesungen. Und war er glücklicher? Nahm ihm das Schicksal Nicht nur die äußre Bürde von den Schultern, Daß tiefer er den innren Schmerz empfinde? O glaubt: er hat das eigne Leid gesungen In Tassos Schmerzen! Ach, in süßen Worten Hat laue Kälte ihn, wie oft, gekränkt, Gefrorner Neid mit scharfen Eisesnadeln Sein Herz verletzt wie oft! Doch Qual vor allem Ist gottgeborner Seelen tiefster Drang: Der Dichtung Traum dem Leben zu versöhnen! Ach, all ihr Leben ist ein schmerzlich Fragen: Warum ward unter Seligen ich geboren, Wenn unter Menschen ich mein Leben lang Die Heimat suchen soll? --

Allein er suchte Und suchte mit dem treusten Menschenherzen Geruhige Wohnstatt unter seinen Brüdern. Denn Mensch war er, und unter Menschen wollt er In Liebe wohnen. Und im Angesichte, Im ungeheuren Rätselangesichte Des Lebens forscht’ er Tag für Tag und Stunde Für Stunde. Und war seelentief beglückt, Wenn aus des Lebens dunklem Auge ihn Ein heimlich, heilig Wissen überdrang. Da weckte solch ein Licht in seinem Busen Das große Feuer seines Herzens auf, Und seine Kunst, in goldnen Flammen sang sie Ein selig Wissen uns vom harten Leben. Ja, glücklich war er! Seine Stirn berührte Das Heldenglück des Lebensüberwinders -- Das Glück, das einst Ferraras armer Sänger Mit irrem Flügelschlag umsonst gesucht.