Gedichte

Part 2

Chapter 23,453 wordsPublic domain

O diese armen müden Blicke! Die euren und die meinen! Die nicht mehr sind und die noch kommen werden! Die niemals kommen und die dennoch sind! Die Sonntags Kranke zu besuchen scheinen; Und manche sind wie Kranke ohne Haus, Wie Lämmer auf der Bleiche voller Linnen. Und diese ungewohnten Blicke! In deren Wölbung eine Jungfrau hingerichtet wird Hinter verschlossner Tür und man muss zusehn! Und die an unbekannte Trübsal uns gemahnen! An Bauern in den Fenstern der Fabrik, An einen Gärtner, der zum Weber wurde, An einen Sommernachmittag im Wachsfigurenkabinett, Und an der Königin Gedanken, die einen Kranken sieht im Garten! An Kampfergeruch im Walde! Und an ein Fürstenkind, das Feiertags in einen Turm geworfen wird, An wochenlange Fahrt auf schwülem Kanal. Erbarmt euch derer, die mit kleinen Schritten ausgehn, So wie Genesende zur Erntezeit! Erbarmt euch derer, die wie Kinder blicken, Die sich zur Essenszeit verliefen! Habt Mitleid mit dem Blick des Wunden zu dem Arzt, Er ist wie Zelte im Orkan! Habt Mitleid mit dem Blick der Jungfrau in Versuchung, Und mit dem Blick, der Jungfrau, die erliegt! Wie Fürstentöchter, die im ausweglosen Sumpf verirrt sind! (O wie die Milch in Strömen durch das Dunkel flieht, Und wie die Schwäne sterben mitten unter Schlangen!) Und jene Blicke, die wie Schiffe mit vollen Segeln, lichterstrahlend, hinausziehn in den Sturm! Das Klägliche in all den Blicken, weil sie nicht wo anders sind! So viele Leiden, kaum zu unterscheiden, und dennoch so verschieden! Und die, die niemand je verstehen wird! Und diese armen, fast verstummten Blicke! Und diese armen Blicke, die da flüstern! Und diese armen fast erstickten Blicke!

Die einen wie ein Schloss, zum Krankenhaus verwandelt! Und so viel andre sind wie Zelte, Lilien des Krieges auf dem kleinen Rasenplatz des Klosters! Und viele sind wie Kranke, die im Treibhaus liegen! Und viele sind wie Krankenschwestern ohne Kranke auf hoher See!

O dass ich alle diese Blicke sah! O dass ich alle diese Blicke aufnahm! Die meinen, die sie kreuzten, sind erschöpft, Und seit der Zeit kann ich die Augen nicht mehr schliessen!

ERWARTUNG

Die Seele faltet ihre Wunderhände Am Himmel meiner Blicke, Herr, und fleht: O dass mein Träumen doch Erfüllung fände, Das von den Lippen deiner Engel geht!

In meinen müden Augen harrt sie still, Den Mund geöffnet zu Gebeten, Die zwischen meinen Lidern sich verspäten Und deren Blüte niemals kommen will.

In meines Traumes Schoss ruht sie die Brust, Die unter meinen Wimpern ihr verblüht, Und zuckt die Wimpern, der Gefahr bewusst, Die sie im Garn der Lüg' erwachen sieht.

NACHMITTAG

Die Augen überraschten meine Seele. O Gott, erbarme dich und sä' Ein wenig Blätter und ein wenig Schnee Darüber, dass gedämpft das Feuer schwele!

Auf meinem Bett hab' ich die Sonne brüten, Und dieser ewig gleiche Stundenschlag! Und meine Blicke streuen ihre Blüten Auf Sterbende am Erntetag! ...

Nur welke Gräser hab' ich rings gepflückt, Und meine Augen sind vom Schlaf so müd' Wie Kranke, die kein frischer Trunk erquickt, Wie Kellerblumen, drauf die Sonne glüht.

Ich harr' des Regens, der die Wiesen tränkt Und meine regungslosen Träume, Und meine Blicke ziehn durch weite Räume Der Herde nach, die zu den Städten drängt.

TREIBHAUS DER SEELE

Aus meinen Augen Traumesblüten treiben Und meine Seele, unter Glas verschlossen, Hat durch ihr Treibhaus Licht ergossen Und streift die blauen Fensterscheiben.

O Treibhaus, das die schwüle Seele kettet, Die Lilien, um die das Glas sich schliesst, Das Schilf, das unter diesem Glasmeer spriesst, Die Wünsche all, die nichts mehr rettet.

Durch der geschlossnen Lider Säume Möcht' ich zu den vergess'nen Blüten dringen, Die einstmals rosig an den Ästen hingen, Die offnen Blüten meiner Träume.

Ich harre, dass im Laubwerk, dem verdorrten, Ein wenig Grün sich zeigen will; Ich harre, dass der Mond die Pforten Mit blauen Fingern öffnet, sanft und still.

WILLENSREGUNG

Hab Mitleid mit den Augen, die verdrossen Der Seele Hoffen neu erwachen sehn. Hab Mitleid, Herr, mit dem, was unerschlossen In Nächten harrt und zaudert aufzugehn!

O Seele du mit deinen leisen Wogen Und den bewegten Lilien in der Flut, Von dunklen Wasserstreifen überzogen, Und was in meinen Augen Edles ruht!

O Gott, der Wasserrosen Hals umstricken Seltsame Blumen, die ich nie gekannt, Und deiner Engel unsichtbare Hand Bewegt die stille Flut in meinen Blicken.

Und ihre unbestimmten Zeichen bringen Die Blumen in der blauen Flut zum Blühn, Und meine Seele spannt die weissen Schwingen Zum Flug, um mit den Schwänen fortzuziehn.

HÄNDEDRÜCKE

O Händedrücke! Das Dunkel dehnt sich zwischen euren Fingern! Trompetenschrillen im Wettersturm! Und Orgelklang im Sonnenschein! Alle Herden der Seele in lichtloser Nacht! Und alles Salz des Meeres im Gras der Wiesen! Und diese blauen Meteore rings am Himmelskreis! (Habt Mitleid mit des Menschen Kraft!)

Doch diese sind noch trauriger und müder! O, diese Händedrücke eurer armen, feuchten Hände! Ich höre eure reinen Finger sich um meine Finger legen, Und Lämmerherden ziehn im Mondenlicht an eines Flusses lauer Flut von dannen.

Ich weiss noch all die Hände, die ich je berührte. Ich sehe wieder, was in dem Schutze dieser Hände war. Und heute seh' ich, was ich selbst im Schutze dieser lauen Hände war. Ein Bettler war ich oft, der Brot am Fuss von Thronen isst. Ein Taucher war ich, der aus heisser Flut sich nicht mehr retten kann! Ich war ein ganzes Volk, das nicht mehr aus dem Mauerkreis entkam. Und diese Hände, wie ein Kloster ohne Garten!

Und die, die mich umschlossen, wie ein Glashaus An Regentagen eine Krankenschar umschliesst! Bis andre kamen, kühlere, das Tor zu öffnen Und Wasser auf die Schwelle auszugiessen!

O, seltsame Händedrücke bekam ich, Die mich nun immerdar umgeben! Almosen waren es am Sommertag, Und eine Ernte in tiefem Keller. Und Seiltänzerlieder hallten rings um ein Gefängnis, Und Wachsfiguren standen sommers in den Wäldern! Oder der Mondstrahl mähte nieder die Oasen, Und manchmal traf ich Jungfraun schweissgebadet im Schoss von Eisgrotten!

Habt Mitleid mit den seltsamen Händen! Sie halten aller Könige Geheimnisse umspannt!

Habt Mitleid mit den allzu bleichen Händen! Es ist, als kämen sie aus Mondeshöhlen. Sie sind vernutzt vom Spinnen: der Wasserstrahlen Spindel spannen sie.

Habt Mitleid mit den allzu weissen, feuchten Händen! Mir ist, als hätten Königstöchter sich am Mittag hingelegt den ganzen Sommer lang.

Haltet euch fern von allzu harten Händen! Sie scheinen aus dem Felsen ausgemeisselt. Doch habt Erbarmen mit den kalten Händen! Ich seh' ein Herze bluten unter eis'gen Rippen! Und habt Erbarmen mit den bösen Händen! Die Brunnen haben sie vergiftet Und junge Schwäne in ein Schierlingsnest getan. Ich sah die bösen Engel mittags alle Pforten öffnen. Nur Toren sind auf einem giftigen Fluss. Nur schwarze Schafe sind auf sternenloser Trift, Und Lämmer gehn, die Finsternis zu weiden.

Doch diese frischen, treuen Hände! Sie bieten reife Früchte dar den Sterbenden! Sie tragen frisches, kaltes Wasser in der hohlen Hand. Milch giessen sie auf blutige Schlachtfelder! Sie kommen, traun, aus wunderbaren, ewigen Urwäldern!

NACHTSEELE

Meine Seele ist betrübt am Ende, Ist betrübt von all der Müdigkeit, Matt von ihrer Unzulänglichkeit, Matt ist sie und auch betrübt am Ende, Und mein Antlitz harrt auf deine Hände.

Herr, es harrt auf deine reinen Hände, Harrt auf ihre engelreine Kühle, Harret auf des Friedensringes Spende, Harret, dass es ihren frischen Odem fühle, Einem Schatze gleich im Meeresgrunde.

Und ich harre, dass ich bald gesunde, Dass ich nicht am Sonnenlichte sterbe, Hoffnungslos im Sonnenlicht verderbe, Dass mein Blick sich kühlt, der fieberwunde, Drinnen so viel Arme Schlaf begehren!

Drinnen so viel Schwäne ziehn auf Meeren, Schwäne, die ins Ungewisse fliegen Und den kranken Hals vergeblich biegen, Drinnen Kranke gehn und Rosen brechen Auf verschneiten Gartenflächen.

Herr, mein Antlitz lechzt nach deinen Händen, Die gleich eisigen Engeln Kühlung spenden; Und nach ihnen lechzen wie nach Wasserbächen Meiner Blicke dürre Haiden, Wo so viele müde Lämmer weiden!

FÜNFZEHN LIEDER

I

Sie schmiedeten sie in der Höhle an Und machten ein Kreuz an die Pforte dann. Die Maid gedachte des Lichts nicht mehr, Und der Schlüssel, der fiel ins Meer.

Sie wartete drinnen die Sommerszeit, Sie wartete sieben Jahr und mehr: Alljährlich kam einer des Wegs daher.

Sie harrte drinnen die Winterszeit, Und im Harren ward ihr das Haar so lang: Das entsann sich des Lichtes Herrlichkeit,

Und suchte das Licht und fand's und drang Durch die Steine hindurch zum Felsenhang, Hing nieder von ihm mit Prangen.

Eines Abends kommt noch Einer gegangen, Weiss nicht, was der lichte Schein da sei, Und traut sich nicht vorbei.

Er meint, ein Zeichen wär's, gar eigen, Er meint, ein güldner Born wär' dort, Er meint, es wär' ein Engelreigen; Er wendet sich und geht auch fort ...

II

Und kehrt er einst heim, Was sag ich ihm dann? -- Sag, ich hätte geharrt, Bis mein Leben verrann.

Wenn er weiter fragt Und erkennt mich nicht gleich? -- Sprich als Schwester zu ihm; Er leidet vielleicht ...

Wenn er fragt, wo du seist, Was geb ich ihm an? -- Mein Goldring gib Und sieh ihn stumm an ...

Will er wissen, warum So verlassen das Haus? -- Zeig die offene Tür, Sag, das Licht ging aus.

Wenn er weiter fragt Nach der letzten Stund'? -- Sag, aus Furcht, dass er weint, Lächelte mein Mund. ..

III

Sie töteten einst drei Jungfräulein, Zu schauen in ihr Herz hinein.

Das erste war voller Glück und Freud', Und überall, wo sein Blut hinsprang, Drei Schlangen zischten drei Jahre lang.

Das zweite war voller Lindigkeit, Und überall, wo sein Blut hinsprang, Drei Lämmer grasten drei Jahre lang.

Das dritte war voller Harm und Leid, Und überall, wo sein Blut hinsprang, Drei Erzengel wachten drei Jahre lang.

IV

Die Mädchen mit den verbundenen Augen (Tut ab die goldenen Binden!) Die Mädchen mit den verbundenen Augen Wollten ihr Schicksal finden ...

Haben zur Mittagsstunde (Lasst an die goldenen Binden!) Haben zur Mittagsstunde Das Schloss geöffnet im Wiesengrunde.

Haben das Leben gegrüsst (Zieht fester die goldenen Binden!) Haben das Leben gegrüsst, Ohne hinauszufinden ...

V

Die drei blinden Schwestern (Hofft und verzaget nicht) Die drei blinden Schwestern Mit goldner Lampen Licht

Steigen hinauf zum Turme (Sie, ihr und der ich's sag'), Steigen hinauf zum Turme Und harren sieben Tag' ...

O, spricht die eine (Hofft und verzaget nicht), O, spricht die eine, Ich höre unser Licht ...

O, spricht die andre (Sie und wir andern auch), O, spricht die andre, Der König steigt herauf ...

Nein, spricht die Reinste (Hofft und verzaget nicht), Nein, spricht die Reinste, Verloschen ist unser Licht ...

VI

Sie kamen und sagten mir ein Wort (Mein Kind, ich zittre so), Sie kamen und sagten mir ein Wort: Sie sagten, er zöge fort ...

Ich nahm zur Hand die Lampe hell (Mein Kind, ich zittre so), Ich nahm zur Hand die Lampe hell Und trat zu den Türen schnell ...

An der ersten Tür, an der ich stand (Mein Kind, ich zittre so), An der ersten Tür, an der ich stand, Erbebte die Flamme in meiner Hand ...

An der zweiten Tür, an der ich stand (Mein Kind, ich zittre so), An der zweiten Tür, an der ich stand, Da sprach die Flamme in meiner Hand ...

An der dritten Tür, an der ich stand (Mein Kind, ich zittre so), An der dritten Tür, an der ich stand, Erlosch das Licht in meiner Hand ...

VII

(aus »Blaubart und Ariane«)

Die sieben Mädchen von Orlamünde Nach der Fee Verschwinden, Die sieben Mädchen von Orlamünde Wollten Tür und Freiheit finden,

Zündeten an die sieben Lampen, Öffneten Tür um Tür, Türme, viele hundert Säle, Fanden nicht zum Licht herfür ...

Steigen in hallende Grotten nieder, Wagen sich noch tiefer hinab, Finden eine Tür verschlossen, Goldner Schlüssel schliesst sie ab.

Sehn im Spalt des Meeres Wogen, Fürchten alle den Tod, Wagen sie nicht aufzuschliessen, Pochen dran in ihrer Not ...

VIII

Sie hatte drei Kronen von lautrem Gold, Wem gab sie die Kronen, sprich?

Die eine reicht sie den Eltern dar, Die kauften drei Netze dafür von Gold, Und hielten sie drin, bis es Frühling war.

Die andre tat' sie den Buhlen weih'n, Die kauften drei silberne Garne fein Und hielten sie bis zum Herbst darin.

Die dritte gibt sie den Kindern hin, Die kauften drei eiserner Fesseln Zwang, Drin blieb sie gekettet den Winter lang ...

IX

Sie kam zum Schloss gegangen -- Die Sonne erhob sich kaum -- kam zum Schloss gegangen, Die Ritter blickten mit Bangen Und es schwiegen die Fraun.

Sie blieb vor der Pforte stehen -- Die Sonne erhob sich kaum -- blieb vor der Pforte stehen; Man hörte die Königin gehen Und der König fragte sie:

Wohin gehst du? Wohin gehst du? -- Gib acht in dem Dämmerschein -- Wohin gehst du? Wohin gehst du? Harrt drunten jemand dein? Sie sagte nicht Ja noch Nein.

Sie stieg zu der Fremden hernieder -- Gib acht in dem Dämmerschein -- Sie stieg zu der Fremden hernieder, Die schloss sie in ihre Arme ein. Die beiden sagten nicht ein Wort Und gingen eilends fort.

Der König, der hat an der Schwelle geweint -- Gebt acht, wenn der Dämmer scheint -- Der König, der hat an der Schwelle geweint. Man hörte der Königin Schritte verhallen, Man hörte welke Blätter fallen.

X

(aus »Aglavaine und Selysette«)

Als ihr Geliebter schied (Ich hörte die Türe gehn), Als ihr Geliebter schied, Da hab' ich sie lächeln sehn ...

Doch als er wieder kam (Ich hörte des Lichtes Schein), Doch als er wiederkam, War ein andrer daheim ...

Und ich sah den Tod (Mich streifte sein Hauch), Und ich sah den Tod, Der erwartet ihn auch ...

XI

Mutter, hast du nicht vernommen, Mutter, dass sie uns warnen kommen? ... Tochter, gib mir deine Hand, Tochter, es ist ein Schiff am Strand ...

Mutter, sei auf deiner Hut ... Tochter, es fährt bald auf der Flut ... Mutter, ist die Fährnis nah? ... Tochter, es zieht in die Ferne ja ...

Mutter, es nähert sich immerfort ... Tochter, bald ist's nicht mehr im Port ... Mutter, jetzt ist es schon im Haus ... Tochter, es zieht in die Welt hinaus ...

Mutter, jetzt kommt es zur Tür herein ... Tochter, sie ziehen die Anker ein ... Mutter, jetzt flüstert es neben mir ... Tochter, es ist schon fern von hier ...

Mutter, es nimmt den Sternen den Glanz ... Tochter, die Segel beschatten sie ganz ... Mutter, jetzt pocht's an die Fenster an ... Tochter, der Wind hat sie aufgetan ...

Mutter, ich sehe fast nichts mehr ... Tochter, es fährt auf das hohe Meer ... Mutter, es ist überall ganz nah ... Tochter, wovon denn sprichst du da? ...

XII

Ihr habt die Lampen angezündet Und im Garten liegt Sonnenschein! Ihr habt die Lampen angezündet: Durch die Spalten seh' ich den hellen Schein. Tut auf die Türen und lasst ihn ein!

-- Die Schlüssel der Türen sind verloren, Wir müssen warten und uns gedulden; Die Schlüssel fielen von Turmes Rand. Wir müssen warten und uns gedulden, Bis andre Tage kommen ins Land ...

Andre Tage öffnen die Türen, Deren Riegel sich jetzt nicht rühren. Der Wald, der hütet sie gut. Des welken Laubes Feuerglut, Die brennt auf der Schwelle der Türen ...

-- Die anderen Tage sind voller Müh', Die anderen Tage fürchten sich auch, Die anderen Tage kommen nie, Die anderen Tage sterben wie sie, Und wir, wir sterben auch ...

XIII

Schwestern, ich suchte dreissig Jahr, Wo mag er verborgen sein? Schwestern, ich pilgerte dreissig Jahr Und holte ihn doch nicht ein ...

Schwestern, ich pilgerte dreissig Jahr, Nun sind die Füsse mir schwer. Schwestern, er war überall Und ist nirgends mehr ...

Schwestern, trübe die Stunde blinkt; Zieht mir vom Fusse die Schuh'. Schwestern, auch der Abend sinkt Und meine Seele sucht Ruh' ...

Schwestern, sechzehn Jahre alt, Pilgert weit fort von hier. Schwestern, nehmt meinen Stab zum Halt, Geht und sucht gleich mir ...

XIV

Die drei Schwestern wollten sterben, Setzten auf die güldnen Kronen, Gingen sich den Tod zu holen.

Wähnten ihn im Walde wohnen: »Wald, so gib uns, dass wir sterben, Sollst drei güldne Kronen erben.«

Da begann der Wald zu lachen Und mit einem Dutzend Küssen Liess er sie die Zukunft wissen.

Die drei Schwestern wollten sterben, Wähnten Tod im Meer zu finden. Pilgerten drei Jahre lang.

»Meer, so gib uns, dass wir sterben, Sollst drei güldne Kronen erben.«

Da begann das Meer zu weinen, Liess mit dreimal hundert Küssen Die Vergangenheit sie wissen.

Die drei Schwestern wollten sterben, Lenkten nach der Stadt die Schritte; Lag auf einer Insel Mitte:

»Stadt, so gib uns, dass wir sterben, Sollst drei güldne Kronen erben.«

Und die Stadt tat auf die Tore Und mit heissen Liebesküssen Liess die Gegenwart sie wissen.

XV

LIED DER JUNGFRAU

(aus »Schwester Beatrix«)

Allen weinenden Seelen, Aller nahenden Schuld Öffn' ich im Sternenkranze Meine Hände voller Huld.

Alle Schuld wird zunichte Vor der Liebe Gebet. Keine Seele kann sterben, Die weinend gefleht.

Verirrt sich die Liebe Auf irdischer Flur, So weisen die Tränen Zu mir eine Spur.

NACHWORT

Die Gedichtsammlung IM TREIBHAUS (»Serres chaudes«, Brüssel 1895) ist übertragen von K. L. Ammer und in die endgültige Form gebracht durch Fr. v. Oppeln-Bronikowski, der auch die »FÜNFZEHN LIEDER« übersetzt hat (Quinze Chansons, Brüssel 1900, in der Neuauflage der »Serres chaudes«).

Die »Serres chaudes« sind Maeterlincks Erstlingswerk. Er schrieb sie im Jahre 1887 in Paris unter dem Einfluss der Decadenten und veröffentlichte sie z. T. in der von ihm und Charles van Lerberghe begründeten Zeitschrift »La Pléiade«, welche die Lyrik reformieren wollte, getreu der ARS POETICA Verlaines:

»De la musique avant toute chose ... Rien de plus cher que la chanson grise Où l'Indécis au Précis se joint ... Que ton vers soit la chose envolée Qu'on sent qui fuit d'une âme en allée Vers d'autres cieux à d'autres amours ... Et tout le reste est littérature.«

Maeterlinck ist in der Erfüllung dieses Postulats noch weiter gegangen als Verlaine; man möchte diesem Gedichte als Motto einen Spruch aus den »Fragmenten« des NOVALIS voransetzen, die Maeterlinck bekanntlich ins Französische übertragen hat:

»...Es lassen sich Erzählungen ohne Zusammenhang, jedoch mit Assoziation, wie Träume, denken; Gedichte, die bloss wohlklingend und voll schöner Worte sind, aber auch ohne allen Sinn und Zusammenhang, höchstens einige Strophen verständlich, wie Bruchstücke aus den verschiedenartigsten Dingen. Diese wahre Poesie kann höchstens einen allegorischen Sinn im Grossen und eine indirekte Wirkung wie Musik haben.«

Die FÜNFZEHN LIEDER, von denen zwölf auf vlämischem Boden entstanden sind (Luxusausgabe »Douze Chansons« mit Illustrationen von Charles Doudelet, Paris 1897), sind stilistisch von den »Serres chaudes« sehr verschieden; sie tragen den Stempel des altfranzösischen Volksliedes mit seinen Refrains, seiner primitiven Metrik und Reimtechnik, seiner Schlichtheit und Starrheit, seinen dumpfen Wiederholungen.

So heisst es in Lied VI:

»An der ersten Tür, an der ich stand, Erbebte die Flamme in meiner Hand. An der zweiten Tür, an der ich stand, Da sprach die Flamme in meiner Hand. An der dritten Tür, an der ich stand, Erlosch das Licht in meiner Hand.«

Damit vergleiche man z. B. jene von Chamisso mitgeteilte Ballade »La fille du roi d'Espagne«:

»Der Ritter wirft sein Gewand ab, Taucht in des Meeres Grund. Bei seinem ersten Tauchen Macht er keinen Fund.

Bei seinem zweiten Tauchen Hat der Ring geblinkt. Bei seinem dritten Tauchen Der Rittersmann ertrinkt.«

Arthur Luther hat im »Litt. Echo«, Bd. VIII, 10, Sp. 748, auch auf die Ähnlichkeit zwischen Dante Gabriel Rossettis »An old song ended« und Lied II verwiesen, ebenso auf dessen Anklingen an Ophelias Lied in Shakespeares »Hamlet«, welch letzteres Maeterlinck selbst als stimmungbildend anerkennt.

INHALTSVERZEICHNIS

IM TREIBHAUS S. 1 SEHNEN IM WINTER 25 TREIBHAUS 3 REIGEN DES UNMUTS 26 GEBET 4 AMEN 27 TREIBHAUSSTARRE 5 TAUCHERGLOCKE 28 VERSUCHUNGEN 6 AQUARIUM 30 GLASGLOCKEN 8 BRENNGLAS 31 DUNKLES OPFER 10 SPIEGELBILDER 32 HERZGEWÄCHSE 11 GESICHTE 33 SEELENGLUT 12 GEBET 34 SEELE 13 BLICKE 35 MÜDIGKEIT 15 ERWARTUNG 38 MÜDES JAGEN 16 NACHMITTAG 39 MÜDE RAUBTIERE 17 TREIBHAUS DER SEELE 40 GEBET 18 WILLENSREGUNG 41 TRÜBE STUNDEN 19 HÄNDEDRÜCKE 42 TRÜBSAL 20 NACHTSEELE 45 KRANKENHAUS 21 FÜNFZEHN LIEDER 47 NACHTGEBET 23 NACHWORT 67

DRUCK VON W. DRUGULIN IN LEIPZIG

EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA

MAETERLINCK, Gesammelte Werke

übersetzt von Friedrich von Oppeln-Bronikowski

I. DRAMATISCHE WERKE

Bd. I-VIII brosch. à Mk. 2.--, geb. à Mk. 3.-- Einzig autorisierte Bühnenausgabe

Band I PRINZESSIN MALEINE. Mit einer Vorrede und dem Bildnis des Verfassers

Band II DREI ALLTAGSDRAMEN: Der Eindringling -- Die Blinden -- Im Innern. 2. Auflage

Band III DREI MYSTISCHE SPIELE: Die sieben Prinzessinnen -- Alladine und Palomides -- Der Tod des Tintagiles. 2. Auflage

Band IV PELLEAS UND MELISANDE. 2. Aufl.

Band V AGLAVAINE UND SELYSETTE. 2. Auflage

Band VI ZWEI SINGSPIELE: Blaubart und Ariane -- Schwester Beatrix. 2. Auflage

Band VII MONNA VANNA. 18.-20. Tausend

Band VIII JOYZELLE

Band IX DAS WUNDER DES HEILIGEN ANTONIUS. Brosch. Mk. 1.--, geb. Mk. 2.--

II. PHILOSOPHISCHE WERKE

Band I DER SCHATZ DER ARMEN. 3. verb. Aufl. Brosch. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--

Band II WEISHEIT UND SCHICKSAL. 3. Aufl. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50

Band III DAS LEBEN DER BIENEN. 4. erw. Auflage. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50 Preisgekrönt von der Académie française

Band IV DER BEGRABENE TEMPEL. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50

Band V DER DOPPELTE GARTEN. Brosch. Mk. 4.50, geb. Mk. 5.50