Gedichte

Part 1

Chapter 13,214 wordsPublic domain

VON DIESEM BUCHE WURDEN 20 ABZÜGE AUF ECHTEM JAPANPAPIER ZUM PREISE VON ZWANZIG MARK FÜR DAS EXEMPLAR HERGESTELLT / IN GANZPERGAMENT GEBUNDEN UND HANDSCHRIFTLICH NUMERIERT

MAURICE MAETERLINCK

GEDICHTE

VERDEUTSCHT VON K. L. AMMER UND FRIEDRICH VON OPPELN-BRONIKOWSKI

VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS JENA 1906

IM TREIBHAUS

And in his hand a glass which shows us many more. _Shakespeare_

Et torpenti multa relinquitur miseria. _De Imitatione_

TREIBHAUS

O Treibhaus in Waldesmitte Mit dem ewig geschlossenen Tor, Wie manches birgt deine Kuppel doch, Was mich an meine Seele gemahnt!

Gedanken einer Prinzessin, die darbt, Verzweiflung von Schiffern in der Wüste, Trompetenmusik an den Fenstern Schwerkranker! Geht in die schwülsten Winkel! Ist's nicht, als läg' ein Weib ohnmächtig am Erntetag? Postillone sind im Hof des Hospizes; Fern geht ein Elenjäger, jetzt Krankenwärter!

Seht nun im Mondenlichte zu! (Nichts ist an seinem rechten Fleck!) Wie eine Irre vorm Richterstuhl, Wie ein Kriegsschiff mit vollen Segeln auf dem Kanal! Nachtvögel, die sich auf Lilien wiegen! Totengeläut am Mittag (Da unter den Glocken!) Ein Krankenzug in der Wiese, Äthergeruch in der Sonnenglut.

Mein Gott, mein Gott, wann kommt Regen Und Wind in das Treibhaus und Schnee!

GEBET

Barmherzigkeit, mein Gott, Barmherzigkeit, Dass ich schon an des Wollens Schwelle fehle! Bleich ist vor Ohnmacht meine Seele, Vor weisser Ohnmacht und Untätigkeit.

Die Seele mit den halbvollbrachten Taten, Die Seele, bleich von Weinen und von Klagen, Sieht vor dem Unerschlossnen ihre matten Und schwachen Hände zittern und verzagen.

Und während aus dem Herzen veilchenblaue Traumblasen steigen, hat ein Mondenstrahl Die schwachen Hände ihr, wie Wachs so fahl, Benetzt mit seinem müden Silbertaue, --

Ein Mondenstrahl, darinnen schon ein Schimmer Der welken Lilien künft'ger Tage lebt, Ein Mondenstrahl, aus dessen bleichem Flimmer Sich trüb der Schatten ihrer Hände hebt.

TREIBHAUSSTARRE

Die blaue Starre, ach, im Herzen immer! Und dieses allzuklare Schauen Von meinen Träumen, meinen sehnsuchtsblauen, Im tränenfeuchten Mondenschimmer!

O Starre, wie das Treibhaus blau, Die tiefen, grünen Scheiben fest verschlossen, Das Glas von Mondlicht übergossen, Und nur der Blick durchdringt den Bau,

Sieht draussen Wälder riesenhaft In nächtlichem Vergessen in den Raum Aufragen, unbeweglich wie ein Traum, Der auf den Rosen liegt der Leidenschaft.

Und langsam steigt ein Wasserstrahl, Darin zu einem ew'gen grünen Weinen Der Himmel und das Mondenlicht sich einen, Und wie im Traum eintönig ist sein Fall.

VERSUCHUNGEN

O die Versuchungen, die grün Im Dunkel meiner Seele aufgeschlossen Mit ihren Blättern, die mein Ich durchglühn Wie Flammen, und mit ihren Sprossen, --

Der dunklen Äste dunklen Zierden, Die in des Bösen Mondenschein Mit ihren keimenden Begierden Herbstliche Schatten um sich streu'n!

Die unter ihrer Schleimhaut Schale Und ihrer Fieberschwären Blühn Das Mondlicht überziehn, das fahle, Mit ihres trüben Reifes Grün.

Und ihre frevle Fruchtbarkeit Geheime Süchte offenbart, So düster wie das Herzeleid Von Kranken, welche Schnee umstarrt.

Von ihrer Trauer überflort, Seh' ich in Wunden voller Blutes Der Wollust blaues Schwert gebohrt Ins rote Fleisch des Übermutes.

O Herr, die Träume dieser Welt, Wann sterben sie in meinem Herzen? Gib, dass Dein Himmelsglanz erhellt Das schlimme Treibhaus meiner Schmerzen

Und das Vergessen, das ich nimmer fand! Und ihrer Fieber dürre Haide! Die Sterne zwischen ihrer Lippen Rand Und ihrer Sünden Eingeweide!

GLASGLOCKEN

Glasglocken ihr! Seltsame Pflanzen, immerdar geschützt, Und draussen stürmt der Wind durch meine Sinne! Ein ganzes Tal der Seele ewig regungslos Und feuchte Wärme, mittags eingeschlossen! Die Bilder, die man an des Glases Oberfläche sieht!

Hebt niemals eine auf! Auf alten Mondschein sind ein paar gestülpt. Blick' durch das Blattwerk: Es sitzt vielleicht ein Landstreicher auf dem Thron, Man meint, Seeräuber lauerten auf einem Teich, Und Vorwelttiere drohen Überfall den Städten.

Auf alten Schnee sind etliche gestellt, Gestülpt sind andre über alten Regen. (Habt Mitleid mit dem eingeschlossnen Dunst!) Ich hör' ein Fest am Sonntag feiern in der Teurung, Ein Lazarett ist auf dem Erntefeld, Und alle Königstöchter irren an einem Fasttag durch die Auen!

Gib acht auf die am Horizont zumal! Sie decken alte Ungewitter sorgsam zu! O, irgendwo muss eine grosse Flotte im Sumpfe sein! Und Schwäne haben, deucht mich, Raben ausgebrütet! (Kaum sieht man durch den feuchten Dunst!)

Eine Jungfrau begiesst Farnkraut mit heissem Wasser, Und eine Schar von kleinen Mädchen belauscht den Klausner in der Zelle. In einer gift'gen Grotte Grund sind meine Schwestern eingeschlafen!

O harrt, bis endlich Mond und Winter Die Glocken decken, rings im Eis verstreut!

DUNKLES OPFER

Mein armes Tun bring ich dir dar; Es ist den Träumen Toter gleich; Im Sturme scheint der Mond so bleich Auf meiner Reue Tiereschar:

Auf meiner Träume violette Schlangen, Die sich durch meinen Schlummer ranken, Und auf mein schwertgekrönt Verlangen, Auf Löwen, die im Sonnenschein ertranken,

Und Lilien im fernen Wogenspiele Und Hände, die auf ewig sich geschlossen, Und meines Hasses rote Stiele, Vom trüben Flor der Liebe grün umflossen.

Hör' in Erbarmen, was die Lippe spricht, Und dulde, dass mein düsteres Gebet Und das im Gras verstreute Mondenlicht Die Nacht am Himmelsrande mäht.

HERZGEWÄCHSE

Meiner müden Schwermut blaues Glas Deckt den alten, unbestimmten Kummer, Dessen ich genas, Und der nun erstarrt in seinem Schlummer.

Sinnbildhaft ist seiner Blumen Zier: Mancher Freuden düstre Wasserrose, Palmen der Begier, Weiche Schlinggewächse, kühle Moose.

Eine Lilie nur in all dem Flor, Bleich und starr in ihrer Kränklichkeit, Richtet sich empor Über all das blattgewordne Leid.

Licht sind ihre Blätter anzuschauen, Weissen Mondesglanz sie um sich sät. Zum Kristall, dem blauen, Sendet sie ihr mystisches Gebet.

SEELENGLUT

Ihr Augen mein, von Finsternis erleuchtet, Die alle meine Süchte überwand! Das Herz, das allen Träumen offen stand In Nächten, da die Seele Schweiss befeuchtet!

Ich hab' die Rosen der verdorrten Erwartungen versenkt in mein Gemüt, Und meine Wimpern schlossen ihre Pforten Über den Wünschen, die umsonst geglüht.

Allabendlich tun meine ohnmachtsstarren Und bleichen Finger ab das Glockenglas Der grünen Hoffnung von dem dürren Gras Der Dinge, die nicht sind und die nicht waren.

Und meine matte Seele lauscht mit Beben Den Traumesworten, die die Lippe spricht Im Flor der Lilien, die mich umgeben; Und meines Herzens Finsternis wird Licht! ...

SEELE

O meine Seele! O meine allzusichre Seele! Und diese Herden von Wünschen in einem Treibhaus! Die eines Gewitters über den Wiesen harren!

Tritt zu den Kränksten: Sie hauchen seltsame Dünste aus! Mir ist bei ihnen, als beträt ich mit meiner Mutter ein Schlachtfeld! Man begräbt einen Waffenbruder zur Mittagszeit, Indess' die Wachen ihr Mahl verzehren.

Tritt auch zu den Schwächsten: Sie liegen in seltsamem Schweiss. Sieh hier eine kranke Braut, Dort einen Verrat am Sonntag Und kleine Kinder im Kerker. (Und weiter weg, durch all den Dunst) Ist's eine Sterbende an der Küchentür? Eine Krankenschwester, die am Sterbebett Gemüse liest?

Tritt endlich zu den Traurigsten: (Zuletzt zu ihnen, denn sie sind vergiftet.) O meine Lippen spüren den Kuss von Verwundeten! Alle Schlossfräulein starben vor Hunger Diesen Sommer in den Türmen meiner Seele!

Sieh, der junge Tag tritt hinein in das Fest! Ich sehe Lämmer an den Ufern entlang Und einen Schleier vor den Fenstern des Spitals!

Ein weiter Weg ist es von meinem Herzen bis zu meiner Seele! Und alle Wachen sind auf ihrem Posten tot!

Es war einmal ein armes kleines Fest in den Vorhöfen meiner Seele! Man mähte dort den Schierling eines Sonntag-Morgens; Und all die Jungfrau'n aus dem Kloster sahn die Schiffe Auf dem Kanal vorüberziehn; es war an einem sonn'gen Fasttag. Indess' die Schwäne litten unter einer gift'gen Brücke, Schlug man die Bäume rings um das Gefängnis. Man bracht' an einem Juni-Nachmittag Arznei, Und Krankenmahle breiteten sich aus nach allen Seiten!

O meine Seele! Wie traurig ist das alles, meine Seele! Wie traurig alles!

MÜDIGKEIT

So starr sind ihre Augen und erblindet, Dass ihre Lippe nicht die Stelle findet. Nur noch versenkt in ihren stolzen Traum Schaun sie wie Hunde, die am Wiesensaum Verträumt die weissen Lämmer schreiten sehen, Wie sie des Mondes Silber auf der Au Abweiden, überdeckt vom Himmelsgrau, -- Grau wie ihr Leben; stumpf und ohne jähen Wunsch nach dem Rosenflor in ihren Spuren Und achtlos dieser tiefen stillen Fluren.

MÜDES JAGEN

O meine Seele fühlt so krank sich heut'! Sie krankt an allem, was nicht ward, Am Schweigen, das nichts offenbart, Und meine Augen klären sie mit Leid.

Ich seh' ein regungsloses Jagen, Seh' der geheimen Süchte Meute Auf müden Spuren folgen ihrer Beute, Und der Erinn'rung Geisseln schlagen.

Die Hunde meiner Träume irren Durch schwülen Wald in langen Zügen Und nach dem weissen Hirsch der Lügen Der Reue gelbe Pfeile schwirren.

O Gott, mein atemlos Verlangen, Der Augen schwüles Wünschen hält In allzublauem Dunst gefangen Den Mond, der meine Seel' erhellt.

MÜDE RAUBTIERE

O die verrauschten Leidenschaften! Der Tränen Flut, des Lachens Klang! Unter dem welken Laub erschlafften Mit halbgeschlossnen Lidern, krank,

Die gelben Hunde meiner Sünden Und meines Hasses schielende Hyänen, Und auf verdrossnen bleichen Wiesengründen Seh' ich die Löwen sich der Liebe dehnen!

In ihres Traumes Ohnmacht hingekauert Und müde unter schlaffem Himmel, Der trüb und farblos niedertrauert, So seh' ich ihren Blick auf dem Gewimmel

Der Lämmer der Versuchung haften, Die langsam, eines nach dem andern, Im stillen Mondschein weiterwandern -- Und stille ruhn sie, meine Leidenschaften ...

GEBET

Wie ein Weib verzagt ist meine Seele! Gott, sieh gnädig nieder auf das Tun Meiner Hände, Lilien der Seele, Meiner Augen, drin des Herzens Himmel ruhn!

Herr, erbarm dich meiner Nöte! Ring und Palmenzweig hab' ich verloren. Herr, erbarm dich meiner Angstgebete; Schwache Blumen sind sie, die im Glas verdorren.

Mitleid, Herr, wenn arg die Lippen sprechen, Mitleid, Herr, mit meiner Reue! Lilien auf meine Fieber streue, Säe Rosen auf die Sümpfe der Gebrechen!

Gott, den Himmel meiner Augen füllt Trübend alter Stunden Taubenflug. Hab' Erbarmen mit dem Lendentuch, Das mit seinen blauen Falten mich umhüllt.

TRÜBE STUNDEN

O sieh die alten Wünsche ziehen, Und wieder müde Träumerei, Und wieder Träume, die entfliehen: O sieh, der Hoffnung Tage sind vorbei!

Zu welchen soll ich nun entrinnen? Kein Stern mehr an des Himmels Weiten! Eis liegt auf allen Traurigkeiten Und unterm Mond schwimmt blaues Linnen.

Und wieder Tränen, die ich überrasche! O sieh die Lämmer, die den Schnee abweiden, Sieh Kranke frieren bei verglomm'ner Asche! O Gott, erbarm dich aller ihrer Leiden!

Lass mich nicht länger des Erwachens harren, Nicht länger harren auf des Schlummers Ende! Der Sonne harren meine Hände, Die in dem kalten Mond erstarren.

TRÜBSAL

Die trägen Pfau'n, die weissen Pfau'n entwichen, Die weissen Pfau'n flohn des Erwachens Leid. Ich seh' die weissen Pfau'n, die Pfau'n von heut', Die Pfauen, die im Schlaf sich fortgeschlichen. Die trägen Pfau'n, die weissen Pfauen schreiten Lässig zum sonnenlosen Teich im Garten. Ich hör' die weissen Pfau'n der Traurigkeiten Lässig die sonnenlose Zeit erwarten.

KRANKENHAUS

Krankenhaus am Ufer des Kanals! Krankenhaus im Juli! Und dennoch macht man Feuer an im Saal, Und grosse Dampfer pfeifen schrill auf dem Kanal!

(O tretet nicht ans Fenster!) Auswandrer gehn durch einen Prunkpalast! Ich sehe eine Yacht im Sturm! Ich seh auf allen Schiffen Herden!

(Tut lieber nicht die Fenster auf, So ist man fast geschützt vor allem Draussen!) Man meint, ein Treibhaus liegt im Schnee, Man meint, dass eine Wöchnerin Den ersten Kirchgang tut bei stürmischem Wetter. Man sieht auf eine wollne Decke Blumen ausgestreut. Ein Brand brach aus an einem Sonntag Und einen Wald betret' ich voll Verwundeter! O, endlich kommt der Mond!

Ein Wasserstrahl steigt mitten auf im Saal! Ein Schwarm von kleinen Mädchen öffnet die Tür! Ich seh' auf einer grünen Insel Schafe weiden Und schöne Blumen blühn auf einem Gletscher! Lilien in einer Marmorhalle! Ein Fest, das man im Urwald feiert! Und eine morgenländische Flora blüht in einer Eisgrotte!

Horch, die Schleusen tun sich auf! Die grossen Dampfer schlagen Wellen im Kanal!

O die barmherzige Schwester schürt das Feuer!

Das schöne grüne Schilf am Ufer brennt! Ein Schiff voller Verwundeter kämpft mit der Flut im Mondenschein! Die Königstöchter alle sind in einem Boot im Sturm! Und die Prinzessinnen sterben in einem Schierlingsfeld! O lasst die Fenster zu! Hoch, horch, noch pfeifen fern die grossen Dampfer! Im Garten wird jemand vergiftet! Und bei den Feinden feiert man ein Fest! Es rennen Hirsche durch eine belagerte Stadt! Eine Tierbude mitten in Lilien! Eine Tropenflora im Schoss eines Kohlenschachtes! Eine Schafherde zieht über eine eiserne Brücke! Und die Lämmer der Herde betreten traurig den Saal!

Jetzt zündet die Schwester die Lampen an; Sie bringt den Kranken das Essen. Sie schliesst die Fenster auf den Kanal Und alle Türen vor dem Mondenschein.

NACHTGEBET

Mein nächtliches Gebet ist müd' In Sehnsuchtsträumerei'n erschlafft. Ich fühl's, wie jähe Leidenschaft Und schlimme Wollust mich durchglüht!

Ich seh' des Mondes helles Flirren Im nächt'gen Kummer meiner Träume; Ich sehe über giftige Räume Die Fleischeslust verloren irren.

Ich fühle, wie nach grünen Fernen Die Gier in meiner Brust erwacht, Und in der wolkendunklen Nacht Lechz' ich verdürstend nach den Sternen.

Ich fühle, wie mein Geist sich füllt Mit bösen, schwarzen Zärtlichkeiten, Und über sumpfbedeckten Weiten Verfinstert sich des Mondes Bild.

Dein Groll, o Herr, macht mich zunichte! O hab Erbarmen, Herr, und beue Dem Kranken, Schweissgebadeten aufs neue Das Grün, das er erblickt im Mondenlicht!

Und all den Schierling, Herr, es eilt, es eilt, Der ringsum wuchert, heiss' ihn niedermähen! Durch meiner Hoffnung Dunkel muss ich sehen, Wie grün der Mond auf Schlangenleibern weilt!

Und all die schlimmen Träume dringen In meinen Blick mit ihren Sündenqualen; Ich höre blaue Wasserstrahlen Empor zum kalten Monde springen!

SEHNEN IM WINTER

Ich weine über Lippen ohne Farben, Auf denen keine Küsse je geboren, Und über Wünsche wein' ich, die verloren In hingemähten Traurigkeiten starben.

Und immer ist der Himmel regenblass, Und immer deckt der Schnee die Meeressäume. Und Wölfe sind gelagert in das Gras Vor der geschlossnen Schwelle meiner Träume.

In meine matte Seele, ganz verschwommen Von fernen Tagen, ist ihr Blick gesenkt; Sie sehn sie von der Lämmer Blut getränkt, Die eines Tags im Eise umgekommen.

Und endlich tritt der Mond hervor Und starrt mit seinem Strahl, dem trübsalschweren, Darin des Herbstes welkes Laub gefror, Auf all mein krankes, hungerndes Begehren.

REIGEN DES UNMUTS

Ich stimme bleiche Lieder an Von Küssen, die nicht wiederkehren; Ich sehe Sieche Liebe sich gewähren Auf dem verstreuten Wiesenplan.

In meinen Schlummer eingesponnen, Auftauchen hör' ich Stimmen so gelassen! Und Lilien öffnen sich auf dunkle Gassen, Die Sterne nie geschaut noch Sonnen.

Und dieses Streben mit noch zagem Herzen, Und diese Wünsche, die ich nur gefasst, Sind Bettlern gleich in einem Prunkpalast, Im Morgenrot gleich matten Kerzen.

Ich warte, dass der Mondschein mild Mein Auge füllt, das offen lag im Sinnen So manche Nacht, dass er mit seinem Linnen, Dem stillen, blauen, meine Träume stillt.

AMEN

Die Stunde naht, o Herr; nun benedeie Den ausgelöschten Schlaf der Knechte. Ich harre, Herr, dass deine Rechte In Kellerhöhlen Rosen streue.

Ich höre, dass von deinem Hauch gesunde Mein Herz, nun endlich sicher vor Verrat, Ein Osterlamm, das sich im Sumpf vertrat, Und tief in warmen Fluten eine Wunde.

Ich harre, Herr, auf Nächte sonder Ende, Auf eine unheilbare Schwäche, Dein Ebenbild auf schwüler Wasserfläche Und streck' nach deinem Schatten meine Hände.

Und deiner Nächte, Vater, will ich harren, Auf dass sich die Begierden all, die schwülen, Und Träume in dem feuchten Abend kühlen Und dann in einem Eispalast erstarren ...

TAUCHERGLOCKE

O Taucher, ewig unter der Glocke! Ein ganzes Meer von ewig warmem Glas! Ein ganzes regungsloses Leben mit langen grünen Pendelschlägen! Und so viel fremde Wesen durch die Scheiben, Die zu berühren ewig untersagt ist, Wo so viel Leben draussen herrscht im klaren Wasser!

Gib acht! Der Schatten grosser Segelschiffe fliegt Über den Blumenflor der Meereswälder! Und plötzlich bin ich unterm Schatten grosser Wale, Die nach dem Pole ziehn!

Jetzt löschen wohl die Andern in dem Hafen Die Ladung der beschneiten Schiffe! Ein Gletscher, der noch starrt auf Sommerwiesen! Sie schwimmen rückwärts durch die grüne Flut der Meeresbucht! Am Mittag dringen sie in düstre Grotten Und Meeresbrisen fegen die Terrassen!

Gib acht! Das sind des Golfstroms Flammenzungen! Halt' ihre Küsse fern den Wänden des Verdrusses! Man tat den Fieberkranken keinen Schnee mehr auf die Stirn! Die Siechen haben Freudenfeuer angezündet Und werfen grüne Lilien mit vollen Händen in die Glut!

Lehn' deine Stirn an, wo die Wände kühler sind, Und warte, bis der Mond die Glockenspitze trifft, Und schliess die Augen fest vor jenen Wäldern Von blauen Pendelschlägen und von violettem Gallert: Und bleib den Flüsterworten taub der lauen Flut!

Dann trockne deine schweissgeschwächten Wünsche. Tritt erst zu denen, die der Ohnmacht nahe sind: Es ist, als ob sie Brautnacht feierten im Keller, Als ob sie mittags einen unterirdischen Gang, mit Lampen ausgehängt, beträten. Sie zieh'n im Festzug durch ein Land, das einer Waise Kindheit gleicht.

Tritt dann zu denen, die im Sterben liegen. Sie kommen an wie Jungfraun nach einem langen Weg im Sommer an einem Fasttag. Sie sind so bleich wie Kranke, die den Regen Sanft auf die Gärten des Spitales rieseln hören, Sie sind wie Überlebende, die auf dem Schlachtfeld Mahlzeit halten, Und wie Gefangene, die wissen, dass alle Wächter sich im Flusse baden, Und hören, dass man Gras im Kerkergarten mäht.

AQUARIUM

Ach, meine Wünsche tragen Die Seele nicht mehr an den Strand der Lider Zur Ebbe von Gebet und Klagen Sank sie hernieder.

Tief im geschlossenen Auge sie ruht. Nur ihr Odem treibt matt und weiss Noch empor an den Rand der Flut Lilien von Eis ...

Ihre Lippen im Schmerzabgrunde Schliesst unendliches Wellenspiel; Und doch blühen aus ihrem Munde Blumen auf blauem Stil.

Vor ihren Händen mein Blick erbleicht, Wenn er der Lilien Spur nachzieht, Die, von einander unerreicht, Sich tot geblüht.

Und ich weiss, dass der Tod ihr naht, Faltet sie nur ihre matten Hände, Allzu schwach zu der Blumen Mahd, Die keiner mehr fände ...

BRENNGLAS

Ich betrachte alte Stunden Unterm Brennglas meiner Reue, Seh' von neuem Flor entbunden Ihre tiefgeheime Bläue.

O dies Glas auf dem Verlangen, Das die Seele mir durchdrungen! Nah ich's den Erinnerungen, Welke Gräser Feuer fangen!

Den Gedanken aufgehalten, Seh' ich durch das blaue Glas All das Leid, das ich vergass, Neue Blätter nun entfalten,

Bis zu jener Nächte Ferne, Die mir längst im Geiste starben, Trübend mit den Trauerfarben Meiner Seele Hoffnungssterne.

SPIEGELBILDER

Wie des Traumes Fluten schwellen, Meine Seele bebt, meine Seele bebt Und mein Herz, versenkt in Traumesquellen, Wird von Mondenschein durchwebt.

Tief im düstren Schilf, dem regungslosen, Seh' ich tiefe Spiegelbilder weinen: Schlanke Palmen, Lilien und Rosen, Die sich in dem Wasserschoss vereinen.

Blüt' auf Blüte streut den Blätterkranz Auf des Himmels Widerschein. In des Traumes Flut, in den Mondenglanz Gehen sie für ewig ein ...

GESICHTE

Ich seh' in meinen Träumerei'n Die Tränen, die ich je verschwendet, Die Küsse, die mein Herz verblendet, Vorüberziehn in langen Reih'n,

Wie Mondlicht auf dem Wiesenrain, Wie farbenlose Blumensterne, Wie Wasserstrahlen in der Ferne, Wie Lilien, welk im Mondenschein.

Dem schweren Schlummer matt entstiegen, Seh' ich durch die geschlossnen Lider, Wie Raben sich auf Rosen wiegen Und Sonne lacht auf Kranke nieder.

Und langsam auf die matte Seele fällt Die Schwermut all der unbestimmten Liebe, Ganz still, als ob ihr keine Regung bliebe: So ruht der stille Mondschein auf der Welt.

GEBET

Herr, du weisst, wie elend all mein Mühn! Sieh die Opfer, die ich dir geboten, Schlechte Erdenblumen, die verblühn, Sonnenlicht auf einer Toten.

Sieh auch meine Mattigkeit! Schwarz das Frührot, ohne Mond die Nacht! Träufle nieder deine Himmelspracht, Und befruchte meine Einsamkeit!

Lass mich finden deine Spuren, Schenke Licht der müden Brust; Trübsal liegt auf meiner Lust, Wie das Eis auf grünen Fluren.

BLICKE