Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 9

Chapter 93,642 wordsPublic domain

Im gleichen Augenblick blendete uns ein greller Blitz, den ich in den Augen meines Freundes sich widerspiegeln sah, und zugleich schien die Erde, wie lebendig geworden, sich zu schütteln und zu brüllen. Die Steine zitterten, und in den Büschen hinter uns sprang ein heulender Wind auf. Die dünnen Bäume des jungen Akazienwäldchens legten sich schräg und begannen alle laut zu pfeifen.

Mein Freund blieb bleich sitzen; er sah aus, als beleuchte der Blitz ihn noch immer. Und ich sprang fort und rief: „Wir werden hier erschlagen. Schnell fort!“

„Wie schade,“ rief er mir nach, „daß du dich so fürchtest! Das ist ja gar kein Gewitter. Das ist meine Schöpferkraft! Bleibe! Ich werde dir dann die Krawattennadel gleich verwandelt zeigen.“

Ich lief aber schon fort, während er das sagte. Und ich tat, als wären mir meine Zeichenmappe und auch mein neuer Strohhut im Augenblick wichtiger als die zweifelhafte Verwandlung der Krawattennadel. Denn es begann eben mit talergroßen Tropfen zu regnen.

Mit großen Sätzen sprang ich bergab dem Gutshof zu. Ich hatte mich nur einmal umgesehen und zufrieden bemerkt, daß mein Freund, immer das Taschentuch durch die Luft schwingend, mir eiligst folgte.

Im Gutshof unter der Haustüre erwartete ich ihn. Er kam aber nicht eilig, sondern kam gemächlich unter den großen Regentropfen dahergewandert und behauptete, er habe mit seinem Taschentuch den Regen von sich abgehalten. Und trotzdem ihm das Regenwasser von beiden Schultern lief, meinte er, er wäre gar nicht naß geworden.

Jetzt begann ich mich über all die Torheit laut zu ärgern, und ich hielt ihm seine Selbsttäuschung vor. Er aber sagte, er habe Herrlicheres erlebt, als ich mir vorstellen könne. Er sei jetzt ganz frei von der Elektrizität, die in ihm aufgespeichert gewesen, denn den Donnerschlag und den Blitz, die hätte er mit seinen Kräften hervorgebracht. Das Gewitter wäre nur Schein und Einbildung von mir gewesen.

„Jawohl,“ sagte ich, „und dein Rock, der jetzt auf den Schultern ganz naß ist, und der Regen, der dich bis auf die Haut durchnäßt hat, nennst du das auch Einbildung?“

„Das ist nur in deinen Augen so,“ entgegnete er mir. „Ich sehe keinen Regen an mir. Ich bin ganz trocken. Und dich hätte auch kein Regen eingeholt, wenn du mir vertraut hättest und nicht vorausgelaufen wärest. Denn ich ging trocken im Regen nach Hause, weil es mein Wille war, daß der Regen mich nicht berühren sollte.“

„Und die Krawattennadel ist vielleicht jetzt ein Diamant geworden,“ höhnte ich ein wenig.

„Du bist immer so ungeduldig,“ klagte er. „Wärest du nicht fortgelaufen, wäre der Kiesel längst ein Diamant. Der Stein hat sich aber wieder zurückverwandelt, weil du das Gewitter mit deiner Furcht unterbrochen hast.“

Ich wollte: „Unsinn“ sagen, schwieg jedoch und sagte, ich wollte ihm einen Regenschirm holen, damit er auf dem Heimweg nicht naß würde. Er behauptete fortgesetzt, er würde nicht naß, er würde den Schirm nicht aufspannen.

„Denn wenn man von der Weltanschauung _keinen Nutzen_ haben soll,“ lachte er, „dann ist ja die ganze Sache langweilig.“

Ich war erschüttert über den ihn erniedrigenden Ausspruch, den er da tat, und ich hätte aufweinen mögen. Seine Rede schnitt mir ins Herz. Er sprach von Nutzen und Vorteil. Während er früher nichts als die Erhabenheit seiner Gedanken erleben wollte, wollte er die Gedankenkraft jetzt in Diamanten und in irdischen Nutzen umsetzen. Aber Schuld daran, das leugnete ich keinen Augenblick vor mir selbst, war ich.

Als ich im Hause in meinem Zimmer den Regenschirm holte, erschien mein Freund plötzlich unter der Tür, und rief aus: „Ah, du hast einen eisernen Ofen im Zimmer! Ich habe zu Hause leider nur einen Kachelofen. Und wenn ich gestern einen eisernen Ofen im Zimmer gehabt hätte, hätte ich mein Waschwasser in kölnisches Wasser verwandeln können.“

Ich wurde ganz traurig und ich ließ ihn reden. Er aber stellte einen Stuhl an den Ofen und bat mich, auf den Stuhl zu steigen. Ich sollte mit der einen Hand den Ofen berühren. Meiner anderen Hand reichte er den Zipfel seines Taschentuches hin.

Er behauptete, das Taschentuch sei jetzt mit seiner Elektrizität ganz gesättigt. Er hatte vorher Wasser in die Waschschüssel gegossen und hielt nun mit der rechten Hand das andere Ende des Taschentuches. Seine linke Hand aber tauchte er in das Waschbecken.

„Nun ist der Strom hergestellt,“ triumphierte er. „Soll ich nun das Wasser in Rosenwasser oder in kölnisches Wasser verwandeln?“

Ich mußte beinahe auflachen. Aber er bat mich inständig, meine Gedanken zusammenzufassen, und wir entschieden uns, das Waschwasser in Rosenwasser zu verwandeln.

Plötzlich rief er: „Ach, ich habe ganz vergessen; du bist nicht isoliert genug. Ziehe deine Stiefel aus!“

Dagegen sträubte ich mich, und er ließ es dabei bewenden, daß ich die Stiefel anbehalten durfte.

Unser Anblick wäre für einen plötzlich Eintretenden äußerst komisch gewesen. Feierlich schweigend bildeten wir die Stromkette vom Ofen bis zum Waschtisch, und als Verbindungsglied zwischen mir und meinem Freund schwebte das weiße Taschentuch.

Nach einer kleinen Weile sagte er: „Jetzt ist es genug. Jetzt muß die Verwandlung fertig sein.“ Und er nahm von meinem Schreibtisch ein Stück Fließpapier, tauchte es vorsichtig in das Wasser, roch dann an dem durchtränkten Papier und behauptete, daß es einen schwachen Rosengeruch habe.

„Ja,“ stimmte ich bei, „es riecht nach Rosen im Zimmer.“ Das war auch wahr, denn die Sonne war eben untergegangen, und durch das offene Zimmerfenster strömte der feine Atem der Rosenbüsche aus dem tiefgelegenen Garten herauf. Ich wollte meinen Freund aber nicht daran erinnern, daß dieser Rosenduft jeden Abend nach Sonnenuntergang ins Zimmer kam, denn ich war müde von der Narretei.

Er sagte dann ganz ernst: „Der Duft des Wassers wird wahrscheinlich nicht lange anhalten, denn es ist dies heute das dritte Wunder, an das ich meine Kräfte verschwendet habe, und die Elektrizität war nicht mehr stark genug in mir, um das Wasser bleibend in Rosenwasser verwandeln zu können. Schade, daß ich das Gewitter hinter den Berg geschickt habe. Wenn es über das Haus gezogen wäre, hätten wir seine Kraft mit zur Bereitung des Rosenwassers verwenden können.“

Ich sah hinaus. Der Himmel war klar, das Gewitter war verschwunden, und der Abend breitete sich friedlich über Felder und Gärten aus.

Sichtlich stolz auf seine Leistungen, steckte jetzt endlich mein Freund das Taschentuch in seine Brusttasche, und ich begleitete ihn zur Stadt den Berg hinunter. Ich wollte ihn in dem unklaren Zustand, in dem er war, wenigstens bis zum Stadttor folgen. Ich fürchtete, er würde unterwegs vielleicht im Felde sitzen bleiben und irgendein neues Wunder ausdenken.

Vor dem Burkardustor war damals ein großer Zimmerplatz am Mainufer. Dort lagen lange Baumstämme und Balken, zu Haufen geschichtet, auf dem Rasen. Als wir an dem Platz vorüberkamen, stand der Mond mit schwach leuchtendem Halbrund am Himmel. Es war dämmrig geworden, und das Mondlicht begann auf den glatten Stämmen des Zimmerplatzes zu glänzen.

Ich wollte mich jetzt von meinem Freund verabschieden. Da deutete er nach dem Mond und sagte: „Warte einen Augenblick! Ich will doch noch versuchen, dir noch ein ganz einfaches Wunder zu zeigen.“

Ich wollte nicht hinhören und sagte: „Mein Vater wartet mit dem Abendbrot auf mich. Ich muß eilen, um auf den Berg zurückzukommen.“

Mein Freund aber war schon auf einen Balkenhaufen geklettert. Schleunigst zog er, oben sitzend, seine Stiefel aus und stand nun da, aufgerichtet auf den Zehenspitzen, die Arme hoch zum Mond gehoben, während ich an dem Bach -- der damals noch nicht überbrückt war -- an einem Maulbeerbaum lehnte und dem Wundersüchtigen von weitem zusah und nun wirklich von Herzen wünschte, es möge ihm gelingen, vor mir in den Mond zu steigen, damit wir nicht mehr von den Wundern weitersprechen müßten.

Es wurde dämmeriger. Wolken schoben sich vor den Mond, und einen Augenblick schien es wirklich, als wäre mein Freund im Dunkel verschwunden. Da wurde mir bang, und ich rief mehrmals seinen Namen.

Er war aber nur hinter die aufgestapelten Balken gestiegen und hatte dort seine Stiefel wieder angezogen. Nun kam er zurück und bewegte wieder lebhaft das Taschentuch in seiner Hand. Und er sagte: „Es wird mir gelingen, ich weiß es ganz gewiß. Jetzt ist es Halbmond, aber wenn es Vollmond ist, wird der Mond kräftig genug sein, mich zu sich zu ziehen.“

Dann nahm er ganz vergnügt Abschied, und wir trennten uns. Nachher auf dem Heimweg hinauf zum Gut in der Stille des dunkelnden Heckenwegs atmete ich auf, als wäre ich einem Zauberer entronnen.

War die Welt nicht wundervoll, wie sie da im Sommerabend nach dem Gewitter in der gereinigten Luft vor mir lag auch ohne Wunder? War es nicht wundervoll, als Mensch zu wandern und sich Mensch und sich nur als Mensch zu fühlen? Warum sollte man fliegen oder Verwandlungen vornehmen?

Als wäre ich von einem Alpdruck aufgewacht aus einem quälenden Schlaf, so befreit fühlte ich mich jetzt auf dem Abendweg. In der Ferne stand der Schattenriß des Giebels vom Gutshaus am Bergabhang. Ein Lichtpunkt leuchtete auf der dunklen Terrasse. Am Himmel flimmerten ein paar vereinzelte Sterne.

War es nicht Wunder genug, zu wissen, daß man lebte?

Der Lichtpunkt auf der Terrasse und die Lichtpunkte der Sterne waren einander ähnlich, und doch wußte ich, die Lichtpunkte oben am Himmel waren riesige Weltenkörper, und auf der Terrasse unten stand nur eine kleine Petroleumlampe auf einem gedeckten Tisch, auf dem das Abendbrot wartete.

War das nicht Wunder genug, daß riesige Welten klein wie Lampen werden konnten, klein wie eine Lampe, die auf einem Menschentisch steht?

_Beim feierlichen Bewundern der Lebensdinge werden alle Leben Wunder!_ Heute kann ich mir mein Empfinden in Worten ausdrücken. Damals genoß ich es ohne umfassendes Wort.

* * * * *

Einige Tage nach diesem Augustnachmittag war ich wieder in unserer Stadtwohnung, als der andere Freund, der Schweigende, zu mir kam und mich fragte, wann ich zum letztenmal den jungen Philosophen gesehen hätte. Derselbe sei nicht mehr ins Kolleg gekommen, auch wäre ihm nicht geöffnet worden, als er den Freund in dessen Wohnung aufgesucht habe.

Auf Nachfrage bei seiner Hausfrau habe diese geantwortet, ihr Mieter liege seit ein paar Tagen zu Bett, wolle aber keine Besuche empfangen, habe auch kein Essen zu sich genommen und wünsche nur in Ruhe gelassen zu sein. Sie gehe deswegen gar nicht mehr an seine Türe, da er jedesmal von drinnen herausrufe, daß er nicht gestört sein wolle.

Das, was ich da hörte, erschreckte mich gewaltig. Ich erzählte in kurzen Zügen dem Schweigenden die Vorgänge des Nachmittags: daß unser Freund mit dem Vorsatz, Wunder zu wirken, zu mir gekommen und noch im gleichen Wahn von mir fortgegangen sei.

„Er muß uns öffnen,“ sagte ich. „Er darf nicht sich selbst überlassen bleiben, sonst verfällt er in Irrsinn. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.“ Der Schweigende nickte, und dann eilten wir beide nach der Wohnung des jungen Philosophen.

Es war sechs Uhr abends, heller Sommerabend. Und als wir in das altmodische Haus traten, in welchem unser Freund ein Zimmer gemietet hatte, war es in dem großen Treppenraum still, und nur unsere Schritte hallten auf der geräumigen Holztreppe des weiten Stiegenhauses. Mit einigem Staunen sahen wir, als wir den oberen Flur, der durch keine Türe von der Treppe abgesperrt war, erreicht hatten, daß dort auf den Sandsteinfliesen viel Wasser ausgeschüttet war.

Wir dachten aber an nichts Besonderes dabei, sondern meinten, daß dieses durch die Unachtsamkeit eines Dienstmädchens geschehen wäre; denn im gleichen Flur war ein Wasserhahn an der Wand angebracht, mit einem eisernen Becken darunter. Da war es leicht möglich, daß das Wasser im Becken vielleicht übergelaufen war, wenn der Beckenabfluß verstopft und der Hahn nicht zugedreht gewesen.

Vorsichtig über die Wasserlachen steigend, kamen wir zur Zimmertür. Wir klopften, aber wir erhielten keine Antwort. Der Zimmerschlüssel steckte, also mußte unser Freund zu Hause sein. Wir klopften mehrmals und versuchten durchs Schlüsselloch zu spähen, und ich sehe uns da noch heute vor der großen weißlackierten Türe beratschlagen, immer ängstlicher werdend, weil wir nicht mehr wußten, was wir zu tun hatten.

„Vielleicht ist er eingeschlafen,“ meinten wir dann und wir beschlossen, einen Augenblick auf der Treppe zu warten, denn es ging augenscheinlich etwas Unheimliches vor. Das sagten uns immer eindringlicher die großen Wasserflecken, die, wie es mir auf einmal schien, ganz von selbst anwuchsen und sich immer mehr über die Steinfliesen ausbreiteten. Wir stiegen über die Wasserseen zurück bis zur breiten Holztreppe. Dort standen wir zaudernd und warteten, an das Geländer angelehnt. Endlich setzten wir uns auf die oberste Stufe und überlegten.

Während wir noch in die Haustiefe zur Treppe hinunterhorchten und immer hofften, der junge Philosoph möge ausgegangen sein und würde plötzlich nach Hause kommen, da fuhren wir auf einmal beide gleichzeitig in die Höhe, denn das Wasser, das wir aus dem Auge gelassen hatten, hatte uns am Treppenrand erreicht, und wir sahen staunend, daß es jetzt wie ein fließender Bach von Stufe zu Stufe hinunterlief.

Wir sahen beide unwillkürlich nach der weißen Zimmertür und verstanden nun, daß die Unmenge Wasser aus dem Zimmer unseres Freundes kam.

„Was ist das wieder für ein Streich?“ entfuhr es dem Schweigenden.

Das bewegliche Wasser, das da neben uns das einzige Leben im Treppenhause war, blickte uns an und sagte uns: „Es ist ihm nichts Schlimmes geschehen, und ihr braucht euch nicht zu ängstigen. Er macht nur neue Wunderversuche.“

Jetzt hörten wir auch, daß einige Gefäße im Zimmer, Eimer und Waschschüssel, klirrten, als würden sie zur Seite gerückt. Unsere Laune heiterte sich auf. Wir klopften nun lebhafter an die Türe und riefen lachend, daß wir eintreten wollten.

„Es ist offen,“ rief drinnen die Stimme unseres Freundes.

Rasch drückten wir die Türe auf, und nun wurden wir noch mehr erstaunt. Wir sahen eine Wasserfläche, weit ausgebreitet über den ganzen Zimmerfußboden, vor uns. Und in seinem Bett, mit dem Augenglas auf der Nase, lag der junge Mann mit feuerrotem Kopf und vergnügt lachend.

Er erklärte uns, daß er noch einmal Versuche gemacht hätte, sich und diesmal auch das ganze Zimmer vollständig zu isolieren, damit er dadurch neue Elektrizitäten in seinem Körper ansammeln könne, die er heute nacht zum Aufstieg in den Vollmond brauchen wollte. Er sagte auch, er habe tagelang nichts gegessen, sondern nur Zigaretten geraucht und sich Kaffee und Tee bereitet.

Als wir durch das Wasser hindurch zu ihm an sein Bett traten, sahen wir erst, daß er im Gesicht seltsam zerschunden war. Er hatte sich die Backenknochen, die Stirnecken, Nase und Kinn so sehr mit dem Taschentuch gerieben, daß diese Stellen wie offene rote Wunden leuchteten. Und umgeben von diesem Kranz von Röte, glänzten unheimlich funkelnd seine Augengläser.

Aber das Vergnügen, daß wir ihn lebend antrafen und auch scheinbar noch bei Verstand, überwog den Schrecken dieser Eindrücke, und wir versuchten mit Lachen und Scherzen und Plaudern seine Wundersucht ins Komische zu ziehen und sie als harmlos und spaßhaft hinzustellen, und brachten es auch fertig, ihn zu überzeugen, daß diese Nervenüberspannung, hervorgebracht durch Hungern, Rauchen und Teetrinken, ihn nur schwächer und nicht stärker mache.

Er befahl uns zwar mehrmals, ihn allein zu lassen, vorgebend, er wolle schlafen. Aber wir ließen uns nicht so leicht abweisen. Da wir nun ins Zimmer eingedrungen waren, wollten wir es nicht so bald wieder verlassen, bis wir ihn gesund und vernünftig gemacht hätten.

Wir riefen das Dienstmädchen. Ihr sagten wir, der Wasserhahn wäre offen gewesen, und das Wasser wäre von draußen hereingeflossen. Daß der junge Philosoph selber Eimer um Eimer geholt und in sein Zimmer ausgegossen hatte, das wäre ihr natürlich nie eingefallen auszudenken. Aber man sah es ihr an, daß sie auch nicht verstehen konnte, wie das Wasser von draußen hereingeflossen war.

Während viele Hände nun die Flut hinausbeförderten und der junge Mann im Bett sich ärgerte, daß man ihn nicht in Ruhe ließ, lief einer von uns fort und kaufte Essen ein, und wir überredeten den Freund, Nahrung zu sich zu nehmen, was er dann auch tat. Wenn er von Wundern reden wollte, fingen wir beide an, der Schweigsame und ich, zu schmunzeln und dann zu lachen. Und besonders der Schweigsame verstand es gut, mit gesundem Spott des andern ungesunde Wunderlust lächerlich zu machen.

Ich war froh, als der Wundermann endlich mitlachte, und als er, nachdem er gegessen und Bier getrunken hatte, wieder Schlaflust bekam, die er seit Tagen künstlich vermittelst Tee und Tabak von sich fern gehalten. Er mußte uns versprechen, zu schlafen und nicht mehr an Wunder zu denken und im Bett zu bleiben, bis wir ihn am nächsten Tag wieder besuchen würden.

Das tat er auch wirklich, und er schlief noch, als wir ihn am nächsten Mittag um zwölf Uhr wieder aufsuchten. Dann war seine Rede wieder vernünftig, und nur noch die roten Flecken in seinem Gesicht, die erst nach einigen Tagen verschwanden, erinnerten an die fieberhafte Wundersucht, die ihn beinahe um Verstand und Leben gebracht hätte.

* * * * *

Nach diesen Erlebnissen mit dem jungen Philosophen war mir eigentlich das Sprechen mit ihm über Atomkraft und über die neue Weltanschauung verleidet, und es war mir lieb, daß mein Freund, der erst vorhatte, den Ferienkurs in Würzburg zu besuchen, sich entschloß, zu den Ferien heimzureisen, um in der Universitätsstadt, in der er geboren war, Ferienkollegs zu belegen.

Als das Wintersemester begann und er wiederkehrte, war er wieder derselbe ruhige und stilldenkende gesetzte Mensch, als den ich ihn immer gekannt hatte. Er hatte dann auch viele Kollegs zu besuchen, und sein Studium nahm ihn derart in Anspruch, daß er nicht mehr so ausschließlich der von ihm auf Physik und Chemie angewandten Lehre der Atomkraft nachgrübeln konnte. Aber das will nicht sagen, daß er die neuen Gedanken bei Seite gelegt hatte. Er holte sie immer wieder vor und ließ sie nicht los und legte sie auch ein Jahr später in einem Manuskript nieder; nur auf plumpe Wunderversuche ließ er sich nie mehr ein.

Wenn ich ihn manchmal nach Jahren wiedersah, in dieser oder jener deutschen Stadt, wo er als Assistenzarzt weilte, und auch dann, als er später selbständiger Arzt geworden, so war seine Atomkraftlehre immer mit neuen Erklärungen chemischer und physikalischer Vorgänge weitergediehen, und er hat diese Lehre niemals aufgegeben, sondern sie immer mehr vereinfacht und ausgearbeitet.

Doch die Anwendung der neuen Weltanschauung auf das Gesellschaftsleben der Menschheit und auf das einzelne Menschenleben kam ihm als etwas so Selbstverständliches vor, daß er sich nicht weiter Mühe gab, darüber etwas niederzuschreiben.

Mir aber, in meinem Schriftstellerberuf, bildete sich die neue Weltanschauung zu einer Mündigkeitssprechung der Menschheit aus. Und die Zeit von 1890 bis heute, vor allem die Zeit von 1890 bis 1900, war für mich eine fortgesetzte Entwicklung zu einem neuen Menschentum hin auf Grund der neuen Weltauffassung, von der ich heute fest überzeugt bin, daß sie dazu da ist, die Menschheitsideale von morgen zu schaffen, denn das Weltfestlichkeitsgefühl liegt im Menschen eingeboren, _es ist keine Lehre, sondern ein natürlicher Zustand, den jeder an sich erkennen kann_.

Ich habe diese Weltauffassung in der Dichtung angewandt und habe sie bewußt und unbewußt bei allen Begegnungen mit Dichtern, Künstlern und geistigen Zeitgenossen aus mir sprechen lassen.

Meine festliche Weltauffassung wurde mir aber oft als Oberflächlichkeit oder Leichtsinn ausgelegt. Um nun endlich ganz verstanden zu werden, in Werken und Handlungen, will ich die Entwicklungsjahre jener Zeit weitererzählen und die Zeitspanne, in der die neue Umwandlung am auffallendsten bei mir zutage trat, im nächsten Abschnitt dieses Buches schildern.

* * * * *

Noch immer liege ich nach dem Sturz mit steifem, schmerzendem Bein im Bett. Aber ich bin erstaunt, wenn ich feststelle, daß ich Wochen am selben Fleck gelegen habe. Es ist mir, als hätte ich keinen Augenblick still gelegen, denn ich bin Meilen über Meilen in das Jahr 1890 zurückgewandert.

Ich erlebte nach dem Sturz in den wenigen Minuten im Gartensaal des Gutshofes, als ich meine und meines Freundes Photographie dort stehen sah, blitzartig jenen Augustnachmittag wieder und die wirren Wunderversuche des jungen Philosophen.

Die Glocken schweigen jetzt mittags, denn die Zeit des außergewöhnlichen Trauergeläutes für den verstorbenen Prinzregenten ist abgelaufen. Die Glocken haben mich gut in die alten Zeiten hineingesungen, so daß ich sie im Geiste immer weiter singen höre, auch wenn sie mittags nicht mehr läuten und nicht mehr melodisch brausend mein Zimmer umkreisen.

Kaum aber kann ich noch glauben, daß ich bereits im Jahre 1913 lebe, denn ich habe auf der Erde noch keinen Schritt in diesem Jahr getan. Nur meine Gedanken marschierten.

Dreiundzwanzig Jahre, die mich vom Jahre 1890 trennen, sind verschwunden, als wenn sie nie gewesen wären. Ist das nicht auch eine Festlichkeit, keinen Schritt mit seinen Füßen in der Gegenwart tun zu können und im Geist bei den Geistern alter Jahre Spaziergänge zu machen mit frischen Jünglingsgliedern?

Und ist das nicht auch eine Festlichkeit, daß ich bei den Erinnerungen die Schmerzen der Gegenwart ganz vergessen und mein Buch beginnen konnte?

Das ist ein großes festliches Wunder, daß die Zeit des Menschen Wunsch gehorchen muß, und daß der Mensch der Gegenwart Schmerzen in Vergessenheit verwandeln kann.

Es ist mir das eine neue Bestätigung dafür, daß das Leben in Leid und Freude ein Fest ist.

Und ich muß es immer wiederholen: _Das Leben ist unter allen Umständen ein Fest._

_Für den Armen und für den Reichen, für den Lebenden und für den Sterbenden ist es festlich, wenn wir es nicht bloß mit äußeren, sondern auch mit inneren Kräften erleben und uns Schöpfer und Geschöpf zugleich fühlen wollen._

* * * * *

Mein Lebenslauf in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war folgender:

Nachdem ich mein Vaterhaus Weihnachten 1891 verließ, flüchtete ich fort aus den Bürgerkreisen zu den „hundertjährigen“ Männern. Ich meine damit diejenigen Dichter und Denker, denen ich teils in Büchern, teils in der Wirklichkeit begegnete, jene, die reif und weise geboren sind, wenn sie auch noch einen jungen törichten Körper haben, jene, die einen bestimmten Grad von Unsterblichkeit besitzen, auch ehe sie ihr Lebenswerk vollendet haben.

Bis 1890 war ich im alten geistigen Deutschland aufgewachsen, im Deutschland von Schiller und Goethe, im Deutschland der Idealisten. Ich hatte noch keine Ahnung, daß dieses nicht mehr das heutige geistige Deutschland war, trotzdem ich empfand, daß die Gedichte, die ich bisher gelesen, wie ein alter vererbter Familienschmuck wirkten, und daß sie auf ihrem Glanz und in ihrer Sprache bereits eine dicke Patinaschicht trugen. Und auch alle die Gedichte der späteren Romantiker brachten eine süße Friedlichkeit mit, wie die alten Mahagonischränke sie ausströmten, in denen jene Bücher ihre Behausung hatten.