Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 8

Chapter 83,776 wordsPublic domain

Die Gartenterrasse, die sich haushoch an jener Ecke, wo ich stand, über den Bergabhang erhebt, war ein guter Aussichtsplatz, und man konnte sich hier leicht Herr der ganzen Welt fühlen.

Ich wurde endlich ungeduldig, weil ich zum Landschaftszeichnen von der Terrasse auf den Berg gehen wollte und mein Freund nicht kam. Ich hatte einige Tage vorher zu dem jungen Philosophen gesagt: „Ich finde, wir nützen deine neuen Weltallgedanken viel zu wenig aus. Du willst diese Gedanken nur auf die Chemie und auf die Physik anwenden, und ich soll sie nur auf die Dichtung anwenden. Wäre es nicht einfacher, wenn wir, um jene Gedanken einmal auf ihre Echtheit zu prüfen, -- ich meine von ihnen besonders den Gedanken, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind und keinen einzelnen Schöpfer über uns haben, -- wäre es nicht möglich, wenn dieser Gedanke wahr ist, daß wir uns dann auch im alltäglichen Leben als Schöpfer gebärden müßten, so daß man alle diese Wunder spielend vollbringen könnte, welche zum Beispiel Christus vollbracht haben soll?“

So vermessen fragte ich, da ich den Begriff Schöpfer nicht im weitesten und nicht im tiefsten Sinne nahm und nicht begriff, daß ein weiser Schöpfer seine Schöpfung klug empfunden und erdacht hat und sich nicht willkürlichem Wunderwirken ergehen wird, nachdem er weise und mit Liebe an seinen Werken tätig war.

Es wird keinem Bildhauer, wenn er ein Meisterwerk vollendet hat, einfallen, sich noch mehr Beweise seiner Schöpfungskraft geben zu wollen, indem er ganz unnütze und unnötige Änderungen an dem vollendeten Meisterwerke vornimmt. Indem er zum Beispiel Willkür walten läßt und plötzlich einem herrlichen Menschenbild, das er geschaffen hat, Ohr und Nase abhackt und das Ohr dorthin setzt, wo vorher die Nase war, und die Nase an Stelle des Ohres anbringt, und dieses nur, um sich zu beweisen, daß er tun kann, was er will, weil er Schöpfer ist. So unsinnig wird kein weiser Meister handeln.

So unsinnig aber forderte ich jetzt Verwandlungswunder, die mein Freund ausführen sollte als sichtbare Beweise für die neue Weltanschauung, weil diese sagt, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind.

„Daß ich Geschöpf bin, habe ich immer gewußt. Nun will ich auch an mir erfahren, daß ich Schöpfer bin,“ so hatte ich zu ihm gesprochen. „Wenn du keine Wunder vollbringen kannst, dann bist du nur Geschöpf, und der Schöpfer lebt dann doch über dir. Beweise mir einmal deine Macht, oder beweise dir selbst deine Ohnmacht.“

Von dieser Sprache wurde der junge Philosoph gereizt. Es war ihm etwas ganz Unfaßbares -- das sah ich ihm an --, daß ich mich nicht reich genug fühlte durch die Gedanken, die er in mir angeregt hatte, und die allmählich auf meine Lebensumwandlung und auf meinen Dichterberuf, dem ich im Innersten zustrebte, schöpferisch wirken sollten.

„Du wirst das Schöpferische an dir erleben. Warte nur, warte nur! So geht das nicht, wie du es dir denkst. Es kommt nicht auf Wunder im Leben an, sondern auf Bereicherung des Lebensfeldes, Bereicherung an Lebensverständnis. Mit Wunderwirken hat die neue Weltanschauung nichts zu tun. Wunder sind billige Verblüffungen für das gedankenlose Volk und nicht nötig für den Denker.“

„Gut,“ sagte ich ungeduldig, „dann rechne ich mich zum gedankenlosen Volk. Denn, was heißt unumschränkte Schöpferkraft anderes, als daß du tun und lassen kannst, was du magst. Christus ist übers Wasser gegangen, Christus ist in den Himmel gestiegen, Christus hat Wasser in Wein verwandelt. Und dieses vollbrachte er alles vor den Augen seiner Jünger, so sagt man. Und er tat dies, um sie gläubig für seine Weltanschauung zu machen und ihnen seine Macht zu beweisen.

Du willst, daß ich meine alte Vorstellungsmacht vom Schöpfer beiseite legen soll und jeden Menschen als Teilhaber an der Schöpfungskraft erklären soll. Beweise mir dieses, daß wir Mitschöpfer sind, durch Wunder. Steige vor mir zum Mond auf oder laß die Wolken, die da weiterziehen, plötzlich stillstehen. Tue irgend etwas Außergewöhnliches, und ich werde nie mehr an deiner Weltanschauung zweifeln und will ihr erster Jünger und erster Verkünder werden.“

Mein Freund sah mich bei dieser Aufforderung an, halb gekränkt, halb beleidigt und zuletzt ärgerlich. Dann aber änderte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck, und er lachte sein altes Lachen wieder, ein wenig spöttisch und klug.

„Darauf war ich wirklich nicht gefaßt,“ meinte er immer noch lachend, „daß du darauf verfallen könntest, Wunder zu fordern. Ich habe mir noch nie überlegt, ob Wunder nötig sind, um die neue Weltanschauung, die die _Mündigsprechung der Menschheit_ umfaßt, zu beweisen. Laß mich überlegen bis morgen, dann werde ich dir Antwort sagen.“

Und er schnitt kurz das Gespräch ab und sprach von etwas anderem, als wenn er meine Frage vergessen wollte.

Ich sagte ihm aber noch einmal eindringlich, daß ich es lächerlich fände, einen solchen Ausspruch in die Welt zu setzen, sich Schöpfer zu nennen, wenn man dann doch nicht mehr tun kann, als man bisher geleistet hat.

„Du bist noch nicht tief genug in die neue Weltauffassung eingedrungen,“ antwortete er mir kurz. „Die schöpferischen Leistungen werden sich ganz von selbst einstellen, aber nicht so, wie du sie erwartest, nicht als Wunder, sondern als neue Leistungen in der Weltvertiefung.

Deine Gedichte werden zum Beispiel ganz anders werden müssen, einen neuen Rhythmus, einen neuen Bilderreichtum und größere Verinnerlichung aufweisen als die Dichtungen jener Zeit, die sich auf den Standpunkt stellten, daß nur der Mensch ein gottähnliches Geschöpf sei, Tiere aber unvernünftige Wesen wären und nicht gottähnliche Geschöpfe, und daß Pflanzen und Steine und alle Gegenstände und Wolken und Licht für den Menschen tote Dinge bedeuten.

Diese Einseitigkeit der alten Anschauung, die immer nur von der _Menschenseele sprach_, aber die die _Schöpfung_ rundum als _seelenlos_ behandelte, als verstandlos und geistlos, dieser Auffassung wirst du jetzt als Dichter in deinen Gedichten die _Kameradschaft aller Lebewesen_ gegenüberstellen.

Tote Dinge gibt es nicht mehr. Wie ich dir erklärt habe, ist alles von Schöpferkraft durchdrungen, alles aus äußerem und innerem Leben entstanden, und alles lebt ein äußeres und ein inneres Leben, das heißt, _alles ist Geschöpf und Schöpfer zugleich und lebt so seit Unendlichkeit und in Unendlichkeit_.

Dieser Friedensspruch, den die Versöhnung aller Leben mit sich bringt, die Gleichstellung aller Kräfte, die Aufstellung, daß jedes Ding dich besitzt und du wiederum auch alles besitzt, diese Erhellung und Bereicherung des menschlichen Daseins, die bisher noch nicht ausgesprochen und nicht bewußt erlebt wurde, diese Weltanschauung wird gegen die frühere Auffassung bei den Menschen Wunder wirken.

Das Leben wird reicher und festlicher werden nach der Befreiung von den alten unfreien Gedanken.

Die neue Weltauffassung, sie befiehlt dir nichts. Sie erklärt dir nur, wer du bist. Sie erklärt, daß du Schöpfer und Geschöpf bist, das heißt, daß du von dir abhängig bist, von dir und deiner Schöpfung. Sie sagt dir noch: du bist der Besitz aller, und du besitzt alles, das heißt, _du bist den Gesetzen deiner eigenen Gesetze unterworfen, denn nur aus Gesetzen entsteht eine Schöpfung. Und als Geschöpf bist du abhängig von dir selbst als Schöpfer, und es ist selbstverständlich, daß du als Schöpfer deine Schöpfung liebst, wie du dich selbst liebst._ Ohne Drohung, ohne daß ein ‚du sollst‘ und du ‚mußt‘ einer fremden Macht über dir lastet, sondern in weiser Freiheit, bist du dein eigener Herr, erkennst dich mitarbeitend am ewigen Leben und erkennst dich als das ewige Leben selbst. Du nimmst dann von selbst die natürlichen Verpflichtungen, die sich bieten, auf dich, zugleich mit deinen natürlichen Ansprüchen am Lebensfest.

Die alte Weltanschauung verlegte dein Heil in ein künftiges Leben nach dem Tode. _Die neue Weltauffassung von morgen ruft dir ein ewiges Heil in jedem Augenblick zu._ Du bist in einer Seligkeit geboren, sagt sie dir, du erlebst diese heute mit wie vor tausenden Jahren und wie in allen kommenden Jahrhunderten. Sie erklärt dir: _du warst, du bist und wirst sein Mitgenießer und Mitschöpfer_.

Du brauchst nicht auf ein Heil zu warten. Du, Schöpferkraft, hast dich, Geschöpf, selbst festlich geschaffen, dich und die Schöpfung. Und müssen dich, Geschöpf, Sorgen bedrängen oder Leiden oder Strafen, weil du die Schöpfung nur aus Leiden und Freuden schaffen konntest, dann erlöst du dich als Schöpfer selbst, indem du die Gestalten wechselst, indem du dich, Geschöpf, verschwinden läßt und dich in einer andern Gestalt aufleben läßt. Von tätiger Freude zu tätiger Freude wanderst du. Dein Wesen ist die unerschöpfliche Schöpferlust und Schöpferkraft, dein Wesen ist die Ewigkeit, und deine Seligkeit heißt: _Tätigkeit, Liebe und Weisheit in Unendlichkeit_.“

So, nicht im Wortlaut, aber im Sinn, sprach mein Freund, der junge Philosoph, heftig auf mich ein. Ich ließ ihn reden und hörte nur verstockt zu, immer von der Gier nach den Wundern besessen, und ich war ein Tor, dessen Schatten erst über die Schwelle der Erkenntnis gefallen war, aber ich selbst stand noch draußen vor der Erkenntnisschwelle.

In meiner Jugendhitze wollte ich schnelle Taten sehen. Das Wort Schöpfer reizte mich. Ich wollte die Macht, die in diesem Worte lag, äußerlich vor mir aufleben lassen.

Und ich sagte plump zu meinem Freund: „Du verschanzt dich hinter vielen Worten, weil du ohnmächtig bist. Du redest von dem Wort Schöpfer und bist nichts als ein ohnmächtiges Geschöpf. Ich glaube dir nicht mehr. Es kann manches gut an deinen Erklärungen sein, aber seit Wochen hast du mich jetzt totmüde gemacht mit deinen immerwährenden Wiederholungen von Schöpfer, Geschöpf und Schöpferkraft.

Ich will und muß von der Kraft etwas erleben. Von deiner inneren Kraft bin ich überzeugt. Zeige mir jetzt auch äußere Kraft.“ Und ich fügte noch, ihn reizen wollend, hinzu: „Der neue Freund, den du mir neulich vorgestellt hast, der Schweigende, er sagte auch, solange du dich nicht als Schöpfer beweisen kannst, bleibst du ein weltabhängiges Geschöpf.“

Im selben Augenblick fuhr es mir durch den Kopf: Hat sich denn der junge Philosoph nicht längst als Schöpfer bewiesen, indem er die „_Weltauffassung von morgen_“ ausdachte; so nannte ich die neue Weltauffassung jetzt.

Aber ich übersprang diesen Gedanken rasch, immer auf die Wunder begierig, die mein Freund als Beweis seiner Macht vollbringen sollte.

„Du willst mich vielleicht gar nicht mehr als Freund anerkennen wollen,“ sagte er scherzend, als er sich verabschiedete, „wenn ich dir nicht ein Wunder zeige.“

„Nein,“ entgegnete ich, „ich werde mich für irregeführt halten, wenn du kein Wunder vollbringen kannst.“

Da sah er mich rasch an, und es war mir, als hätte ich ihn aufs Äußerste gereizt.

„Also,“ sagte er plötzlich unvermittelt, „ich werde es mir nochmals überlegen. Vielleicht kann ich, wenn ich nächstens wiederkomme, doch einige Wunder vollbringen.“

Diese Entscheidung setzte ihn wieder in meine Achtung ein. Wir trennten uns mit einem kurzen Kopfnicken.

Nach dieser Aussprache waren einige Tage vergangen.

Nun saß ich auf der Terrassenecke und wartete. Beinahe bereute ich schon, daß ich den an äußerer Ruhe, Geduld und Weisheit mir so überlegenen Freund mit den heftigen Wünschen nach Wundern in die Enge getrieben hatte. Denn es waren bereits zwei Tage vergangen, oder war es eine ganze Woche -- ich erinnere mich heute nicht mehr so genau, -- seit er sich nicht mehr hatte sehen lassen. Er war öfters am Spätnachmittag auf das Gut gekommen, wo ich meinen Vater täglich besuchte und hatte mir beim Zeichnen zugesehen und geplaudert oder mit meinem Vater Schach gespielt.

Mit Spannung sah ich über die Äcker hinunter, ob ich nicht seinen Kopf bei der Buchenhecke am oberen Weg oder unter den Obstbäumen am unteren Weg auftauchen sehen würde. Der andere Freund, der Schweigende, hatte mir erzählt, daß er ihn lange nicht mehr in den Kollegs gesehen hatte, und hatte mich an diesem Morgen gefragt, ob der Philosoph krank sei. Diese Anfrage war am Telephon geschehen, und der Schweigende hatte gesagt, er wollte heute gegen Abend kommen und mir Nachricht über unseren Freund bringen.

Da hörte ich unterhalb der Terrasse den Kies des Weges knirschen, und als ich mich über die Mauerbrüstung bog, sah ich, bereits dicht am Gut angekommen, den jungen Philosophen. Aber sofort erkannte ich auch, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Sein Gang war fahrig, sein Gesichtsausdruck war, als er mir jetzt zunickte, lebhafter als sonst. Er hielt ein weißes Taschentuch in der Hand, mit dem er sich unausgesetzt die Handflächen rieb.

Ein leichtes Gefühl von Schuld verdunkelte meine Gedanken. Ein Gefühl von Bedauern und Ratlosigkeit begann mich zu quälen, denn ich hatte blitzschnell begriffen, daß der Wunsch, Wunder zu wirken, in meinem Freund jetzt stärker Fuß gefaßt hatte als in mir vorher; das sah ich seiner Veränderung an.

Ich sagte mir dann rasch, daß ich alles wieder rückgängig machen müsse. Es war, als hätte ich den klugen Freund mit der Wunderforderung kindisch gemacht. Und ich wollte ihm sogleich Abbitte tun und gern auf alle Wunder verzichten, damit er seine ruhige gelassene Haltung bei blindem Vertrauen in seine Weltanschauung zurückgewänne.

Ich sah auf einmal ein, daß er recht hatte, wenn er behauptete, daß seine Weltanschauung genug innere Wunder wirken würde, und daß man nicht äußerliche Verblüffungswunder von ihr verlangen sollte.

Unheimlich war mir das Taschentuch, mit dem er sich immer die Handflächen rieb, während er den letzten Rest der Wegstrecke am Bergabhang heraufstieg. Dann kam er herein in den Garten. Ich hatte ihm entgegengehen wollen, war aber an der Terrassenecke sitzen geblieben, um ihn beobachten zu können, und ich wurde mehr und mehr erschüttert.

Er nahm sein Augenglas ab und putzte die Gläser mit dem Taschentuch, und ich sah, daß seine Augen fieberten.

Er kam näher; er zwang sich zu lächeln, als wir uns begrüßten, aber sein Blick war nicht mehr ruhig und nicht in sich gekehrt wie sonst, nicht gefestigt und unerschütterlich. Seine Augen flackerten, als wären sie von einem Fieber entzündet.

Wir standen eine Weile nebeneinander, und jeder von uns überlegte, so schien es mir, um eine Gesprächseinleitung zu finden. Aber das Taschentuch blieb dabei nicht still in den Händen des jungen Philosophen. Es glitt von seiner einen Hand in die andere, und wenn er nicht seine Augengläser putzte, so rieb er sich die Handflächen. Und dabei konnte er nicht ruhig auf beiden Füßen stehen. Er stand bald auf dem linken, bald auf dem rechten Fuß, und ich fühlte mich immer schuldbewußter werden.

Plötzlich meckerte er ein Lachen, schielte mich ein wenig von der Seite an und sagte: „Nun, welches Wunder verlangst du zuerst von mir?“

Da wurde ich wie erlöst, weil ich glaubte, er scherze, und ich sagte rasch: „Ich bitte dich, vergiß diesen Unsinn von mir. Ich verlange gar keine Wunder. Ich verlange nur, daß du derselbe Mensch wieder bist, der du früher warst.“ Und ich sah voll Angst das Taschentuch an, das da immer noch von seiner linken Hand in seine rechte wanderte und von der rechten in die linke Hand zurück.

„Du wunderst dich,“ sagte er und fing meinen Blick auf, „daß ich so unruhig bin. Aber ich habe in mir seit drei Tagen künstlich ein Fieber gesteigert. Ich habe Unmassen Tee und Kaffee getrunken und Zigarren und Zigaretten geraucht, um mich aufzurütteln.“

Während er dies sagte, befühlte er seinen Puls und stellte befriedigt fest, daß das Fieber immer noch stieg. Und er hielt mir seine rechte Hand hin, damit ich auch seinen Puls fühlen sollte. Das wollte ich aber gar nicht tun. Mein Herz klagte plötzlich, als läge es irgendwo wie ein verwundetes Wild im Dickicht. Dieser Mensch, sagte ich mir, zerstört sich, um seine Weltanschauung zu beweisen, die längst bewiesen ist. Denn sie ist dadurch bewiesen, daß sie den festlich stimmt, der sie ernst überlegt.

Ich wußte mir nicht mehr zu helfen. Er meckerte wieder ein unnatürliches Gelächter. Vielleicht ist er schon ganz von Sinnen, rief es in mir eilig und ratlos.

„Du willst ja Wunder haben, und das geht nicht nur so ohne Vorbereitung, wenn man sich mit der Sache noch nicht befaßt hat. Darum habe ich mich jetzt in diesen Tagen vorbereitet,“ fuhr er fort. „Laß uns mal eine Probe machen.

Ich will mal versuchen, ob ich vor deinen Augen fortschweben kann über die Stadt, über das ganze Maintal, hinüber auf die Berge da drüben.“ Und er deutete auf den sogenannten „Kugelfang“ hin, auf die Höhenfläche, die im Osten das Maintal abgrenzt und die Stadt Würzburg, die mit Türmen und Dächern reich im Tal ausgebreitet liegt. „Du mußt aber fest an die Möglichkeit glauben und keinen Augenblick an mir zweifeln,“ fügte er hinzu.

Ich wollte abwehren. Er sah es mir an, daß ich nicht mittun wollte, und rief aus: „Nun, das ist noch schöner! Jetzt, wo ich mich vorbereitet habe, willst du gar keine Wunder haben. Aber jetzt gibt es keinen Rückweg. Jetzt will _ich_ die Wunder haben,“ behauptete er. „Willst du nun daran glauben oder nicht, daß ich das Wunder fertig bringe?“

Ich verstand, daß er sich fest vorgenommen hatte, mich zu überzeugen, und daß ich ihn nicht abbringen würde von seinem Vorsatz, Wunder wirken zu wollen.

„Ach,“ sagte ich, „ich glaube dir alles. An meinem Glauben soll es nicht fehlen. Sage mir aber nur, warum du fortwährend deine Handflächen mit dem Taschentuch reibst?“

„Das will ich dir gleich erklären. Das tue ich, um die Elektrizitätskraft, die ich in meinen Fingerspitzen und in meinen Handflächen sich ansammeln fühle, an die Hautoberfläche zu bringen, um vielleicht so die elektromagnetische Stromverbindung mit der Ferne herzustellen, mit jenem Berge da drüben, zu dem ich mich jetzt durch die Luft bewegen will.“

Da mußte ich ihm antworten: „Ich habe mir das Wunder eigentlich ganz anders vorgestellt. Ich habe nicht geglaubt, daß du dich in einen Fieberzustand versetzen müßtest. Auch nicht, daß du dich vermittelst Elektrizitätskräften und Magnetismus auf den Berg über das Tal hinweg versetzen willst. Sondern ich dachte, daß dein einfacher Wunsch allein im gesunden alltäglichen Körper das Wunder vollbringen würde, das du deiner Schöpferkraft zu tun befiehlst.“

Da meckerte er wieder und schielte mich von der Seite an mit einem irren Blick, aus dem ich nicht klug wurde, ob mein Freund ernst war oder ob er scherzte.

„Du bist aber anspruchsvoll,“ höhnte er ein wenig. „Ich habe noch nie Wunder vollbracht und kann natürlich nicht sofort mit dem Wunsch allein arbeiten. Vielleicht, wenn ich einmal Übung habe, wird das möglich sein. Jetzt aber kann ich noch nicht ohne Vorbereitung eine Wirkung versprechen. -- Nun wollen wir eine Gedankenkette herstellen,“ fuhr er fort. „Sieh da, der Stein an der Terrassenbrüstung ist noch warm von der Sonne, die ihn vorhin beschienen hat.

Lege deine beiden Hände flach auf den warmen Stein. Ich werde dasselbe tun. Dann benützen wir die Erdkräfte. Aber du mußt stark mit mir wünschen, denn ich glaube, daß dein Wunsch nach Wundern, weil er zuerst entstand, der kräftigere ist. Ich glaube, daß dein Wunsch mich eher hinüberheben wird auf den Berg als der meinige.“

Wir taten, wie er gesagt hatte. Aber natürlich rührte sich sein Körper nicht von der Stelle, und ich war auch ganz froh darüber, denn es war alles schon so unheimlich, daß, wenn auch noch ein Wunder sich ereignet hätte, wir wahrscheinlich alle beide unseren Verstand verloren hätten.

Nachdem wir eine Weile über das Tal hinüber auf den Berg gestarrt hatten, brach ich zuerst das Schweigen, da ich sah, wie seine Hände zitterten. „Laß es doch gut sein,“ sagte ich. „Ich glaube jetzt, daß es keine Wunder gibt. Streng dich nicht weiter an.“

Da wurde er aber böse, fuhr mich heftig an und rief geärgert: „Eben habe ich mich fortbewegen wollen! Ich fühlte schon meine Hände zittern, ich fühlte schon, daß ich in die Luft aufsteigen würde. Wenn du aber ungeduldig bist und keinen Glauben in mich hast, dann allerdings sind keine Wunder möglich.“

Mir wurde immer banger um seinen Zustand, denn er begann wieder dieselben heftigen Bewegungen mit seinem Taschentuch. Da sagte ich zu ihm: „Ich will jetzt auf den Berg gehen und zeichnen. Wir können ja ein andermal einen neuen Versuch machen. Für heute finde ich es genug.“

Das Seltsame war geschehen, wir hatten unsere Naturen vertauscht. Ich hatte seine äußere Ruhe angenommen, und er trug meine Wunderbegierde zur Schau. Ich sprach fast wie ein Philosoph und er wie ein junger Dichtersmann, der Märchen in der Welt erleben möchte und Wunderbarkeiten, weil ihn die Dichtersehnsucht mehr zum Unwirklichen als zum Wirklichen lockt.

Ich nahm meine Zeichenmappe und den Bleistiftkasten, der auf der Terrassenbrüstung neben mir gelegen, an mich, setzte meinen Strohhut auf und ging langsam voraus. Ich fühlte, daß ich meinen Freund auf andere Gedanken bringen mußte, damit der Fieberzustand ihn verlassen könne.

Er folgte mir zögernd und immer das unheimliche Taschentuch zwischen den Fingern zerknitternd.

Und als ich ihm sagte, er solle seinen Hut nicht vergessen, erklärte er mir, er habe gar keinen Hut mitgebracht, damit die Elektrizität aus seinen Haaren ungehindert ausströmen könne.

Allmählich fing ich an, fast Verachtung für seinen Zustand zu empfinden. Dieser Wunderwahnwitz, der ihn ergriffen hatte, grenzte ans Lächerliche. Diese Wundersucht hatte es fertig gebracht, den jungen, sonst so gern unauffällig und schlicht daherkommenden Mann ganz zu verwandeln. Er war ohne Hut durch die Stadt aufs Land gewandert!

Eine Viertelstunde später saß ich unterhalb der Steinbrüche, die höher hinauf hinter dem Gutshof liegen, am Rande eines Akazienwäldchens, und ich zeichnete und plauderte von harmlosen Dingen, während mein Freund hinter meinem Rücken unstet umherging und kleine Steine aneinander und aufeinander klopfte. Das Gewitter, das am westlichen Himmel stand, grollte dort hinter einem Wald, immer näher herankommend.

„Hörst du,“ sagte der Unruhige, „das ist meine Elektrizität, die das Gewitter jetzt anziehen wird. Du wirst sehen, es wird sogleich über unsere Köpfe ziehen. Ich fühle, wie ich mit Elektrizität geladen bin.“

Ich ließ ihn reden, zeichnete ein wenig und sah mich dann erst nach dem Gewitter um. Aber als ich meinen Freund anblickte, erschrak ich. Er hatte sich die Stirnecken so heftig mit dem Taschentuch gerieben, daß seine sonst weiße Stirn zwei feuerrote Male zeigte. Er schien einen neuen Einfall bekommen zu haben und winkte mir.

Er hielt seine Krawattennadel in der Hand. Diese Nadel war ein Geschenk seiner Mutter. Es waren in Silber gefaßte Rheinkiesel daran, die stellten eine Rose dar. „Ich werde diese Rheinkiesel jetzt in Diamanten verwandeln,“ sagte er mit etwas geduckter Stimme, kicherte geheimnisvoll und setzte sich auf einen Feldstein.

Das Gewitter grollte jetzt dumpfer und näher. Der Himmel hatte sich verdunkelt, aber die Wolken waren noch nicht über uns angekommen.

„Ich fürchte für meinen Strohhut,“ sagte ich nachlässig, um abzulenken, und blickte zum Himmel.

Er meckerte wieder das mir so unangenehme Lachen, das er heute zum erstenmal mitgebracht hatte, und rief: „Jetzt ist der Augenblick da, wo ich dir beweisen will, daß ich ein Wunder wirken kann. Das Gewitter dort und die Elektrizität in mir treffen so günstig zusammen wie vielleicht niemals wieder. Wünsche nun mit mir, daß diese Glaskiesel sich in Diamanten verwandeln sollen.“

Ich sah ein, es war ihm nicht zu widersprechen. Ich gab ihm achselzuckend nach und wünschte, daß die Rheinkiesel, die er unausgesetzt mit seinem Taschentuch rieb, sich in Diamanten verwandeln möchten. „Du wirst sehen,“ sagte er eifrig, „dieses Mal wird ein Wunder geschehen.“

Ich wollte es gerne glauben. Da setzte er noch hinzu: „Du sollst dich nicht vor dem Gewitter fürchten. Ich habe die Macht, es abzulenken. Ich werde es nach der anderen Seite des Berges schicken.“