Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 7

Chapter 73,641 wordsPublic domain

Mal wollen sie dich mit Gedankensendungen unterhalten, mit Gefühlserinnerungen; mal wollen sie dich durch Gedankeneingabe um Hilfe bitten, daß du tätig wirst und ihnen beispringst; mal wollen sie dir selbst helfen, daß du aufmerksam wirst und nach einer Gefahr, die dir droht, dich umsiehst. Mal wollen sie dir klagen, daß sie müde sind und sterben wollen und die Gestalt wechseln möchten. Mal wollen sie dir in ihrer Tätigkeit gefallen und deinem Gefühl mit ihrer Farbe und mit ihrer Linie mitteilen, wie schön, stark und ewig das Lebensfest ist.

_Sage darum niemand, daß nicht im Menschenleben die ganze Welt zu uns kommen kann und wir nicht zur ganzen Welt kommen können._ Die Gedanken sind die Klänge und Worte der Festlichkeit, und das Gefühl gibt die Rhythmen und den Takt an, mit dem uns das Weltallfest jeden Augenblick anders umgibt.

_Gedanken und Gefühle sind die Sprache, die die Weltalleben untereinander verbindet._ Glaubt nicht, daß nicht jedes Tier denken und fühlen kann. Jedes Gras denkt und fühlt; jeder Baum, jeder Stein, die Berge, die Wolken, der Fluß, die Sterne, Sonne, Mond und Erde denken und fühlen. _Alles Leben schickt sich Gedanken und Gefühle zu, alles steht untereinander immer in ewiger Fühlung, denn alles Leben ist eine und dieselbe Schöpferkraft, alles besitzt eine und dieselbe äußere und innere Welt._

Eine große unendliche Lebensfühlung waltet im Weltall, und die äußersten Sterne der Milchstraße sprechen ebenso deutlich zur Erde, wie deine Freunde in Amerika oder China, nicht bloß mit Telephon, Telegraph oder Brief, nein, mit den Gedanken und Gefühlen, mit dir sprechen.

Wir wissen jetzt, daß wir ohne Draht von einem Meeresschiff auf dem Ozean zu einem anderen Meeresschiff, das wir weder sehen, hören, noch von dessen Dasein wir eine Ahnung haben, durch die „Telegraphie ohne Draht“ Gedanken aufnehmen und Gedanken, also auch Gefühle, hinleiten können. Und, stellt euch nun vor: jedes Atom im Weltall ist Besitzer eines solchen Gedankenübertragungsapparates, da es Besitzer der Schöpferkraft ist, die seit Millionen Jahren unausgesetzt denkt, handelt und empfindet.

Ihr werdet mir sagen: zum Denken gehört ein Gehirn.

Wer an die Schöpferkraft des Atomes glaubt, kann sich leicht vorstellen, daß jedes Atom ein Gehirn besitzt. Denn im Weltraume gibt es eigentlich kein groß und klein und auch keine Zeit. Es gibt nur Unendlichkeit in den Größenbegriffen dort und Ewigkeit in Zeitbegriffen. Also, welche Welt kann nicht in jedem Atom vorhanden sein!

In jedem Atom können auch Sonnensysteme sein und kann auch ein Weltraum sein, da des Atomes Kleinheit nur im Verhältnis zum Menschen die letzte Kleinheit bedeutet. Aber im Verhältnis zur Ewigkeit ist das Atom noch ein Weltraum, noch ein Weltraum voll Weltkräften, voll Weltempfinden, eine Weltschöpfung, eine Unendlichkeit in der Unendlichkeit.

* * * * *

Wer Frieden im Ohr mitbringt und die Sehnsucht im Willen, sich aufzuklären, der wird klärende Worte wie Öltropfen in seinem unruhigen Welttasten empfinden. Und diese Worte werden wie Inseln in ihm werden, auf denen seine Sehnsucht nach Ruhe und Überblick Fuß fassen kann.

Wer aber noch Unruhe mitbringt beim Lesen dieser Zeilen, den wird die Unruhe nicht Fuß fassen lassen. Der wird in einem Chaos zwischen Dämmerungen und zwischen grellen Lichtblitzen und bei plumper Erdendumpfheit und bei Gedankendunkelheit herumtappen, von früheren falschen Idealen unbefriedigt, von früheren halben Lösungen angewidert; der wird wie einer sein, dessen Haar verwirrt ist, und der nicht die Geduld besitzt, es in Ruhe auszukämmen. Und er wird sich Schmerzen bereiten aus einer unnötigen Ungeduld heraus. Darum gönnt euch Geduld, diesem Buch zuzuhören.

Ich habe keinen Vorteil davon, den Menschen diese Aufklärung, die sich in mir bald dreiundzwanzig Jahre ununterbrochen aufgebaut hat, vorzuschlagen. Den einen Vorteil vielleicht hätte ich, daß ich weniger Unruhe begegnen würde, weniger Hast und Unzufriedenheit und mehr weisem, festlichem Sichversenken in den Reichtum der Welt rundum. Ich möchte, daß es in Europa so werde wie im fernen Osten, wo mehr Verinnerlichung und mehr Verständnis für die Weltleben, für Naturleben und für Freude am Weltall herrscht, und wo mehr Nutzen und Freude vom Lebensfest geerntet wird.

Der Kapitän des Schiffes, auf dem ich in Japan ankam, sagte zu mir, als die Anker in Nagasaki Grund faßten: „Herr Dauthendey, so lange Sie jetzt in diesem Land, in Japan, sein werden, werden Sie niemals ein Kind schreien hören und niemals sehen, daß ein Tier geschlagen wird.“

Kinder und Tiere werden in Asien nur mit Milde und mit Freundlichkeit behandelt. Denn der Asiate sagt, es ist die erste Pflicht der Eltern, unendliche Geduld zu üben gegen alle Unarten eines Kindes. Und es ist Pflicht des Menschen, wenn er sich mit Tieren verständigen will, unendliche Geduld zu üben. Die Freundlichkeit erreicht alles, sowohl beim Kind als beim Tier. Und für alle Leben, mit denen man in Beziehung treten will, sind Geduld und Freundlichkeit die einzig möglichen Verkehrsmittel, die angewendet werden müssen, weil sonst überhaupt keine Verständigung möglich ist, keine Übertragung von Gedanken und Gefühlen dieser lautlosen, aber überall den Verkehr ermöglichenden Weltsprache.

Denkt euch einem Franzosen oder einem Engländer gegenüber, dessen Sprachen ihr noch nicht geläufig versteht, so könnt ihr doch bei Geduld und Freundlichkeit die Gedanken des Fremden empfinden und verstehen. Denn es ist durchaus nicht nötig, die Sprache der verschiedenen Völker oder der Tiere, der Vögel oder aller Dinge in ihren Lauten auszuklügeln.

Es ist auch nicht nötig, die Zeichensprache der windbewegten Bäume, der Gräser in ihren Rhythmen und in ihrem Linienwuchs zu ergründen. Es ist auch nicht nötig, die Sprache der Steine, die, mit Licht und Schatten bekleidet, eine Sprache von Farbenwirkungen sprechen, sich zu deuten.

Dieses Deuten überlaßt denen, die ihr Leben dem Sprachdeuten des Weltallebens widmen wollen.

Ihr alle aber könnt alle Leben verstehen ohne besonderen Scharfsinn, ohne langwieriges Beobachten, wenn ihr nur Geduld und Freundlichkeit über euch selbst breitet und den Gedanken und Gefühlen so den Zutritt laßt, die jedes Ding dem anderen zuschickt, jedes Lebewesen dem anderen Lebewesen, jedes Atom dem anderen Atom.

Hört, wenn ihr vor ein Ding hintretet oder vor einem Lebewesen steht, hört auf die Gedanken und Gefühle, die in euch aufsteigen, die zu eurem inneren Ohr reden, so wie ihr mit dem äußeren Ohr auf die Sprache und Gesten der Menschen achtet; dann werdet ihr an euren unwillkürlichen Gedanken und Gefühlen das Leben des Gegenstandes oder des Lebewesens miterleben.

Hört auf die Gedanken, die euch übertragen werden von den euch fremden Wesen, auf die stille Gedankenwelt und Gefühlswelt, die die allgemeine Weltsprache ist, und wißt es: _auch eure Gedanken und Gefühle dringen ein in die anderen Leben um euch_.

Ihr braucht dabei nicht an das Wort „Gedankenlesen“ zu denken. Ihr sollt gar nichts an eurem Wesen ändern, um die Welt zu verstehen. Ihr sollt nur Geduld und Freundlichkeit und _Lebensfestlichkeit_ unausgesetzt über euch verbreiten. Dann wird euch von allen Leben zugesprochen und dadurch geholfen, geraten, gewarnt und zugeplaudert, so wie ihr es nie erwartet habt, daß dieses möglich wäre zu erleben.

Ihr braucht euch aber nicht immer dazu still hinzusetzen und auf die Welt zu horchen. Gerade mitten in der Tätigkeit, wenn ihr euerer Beschäftigung am ernstesten nachgeht, spricht irgendein Ding oder ein Lebewesen um euch seine Gedanken zu euch aus, manchmal betreffs eurer Arbeit, manches Mal ein Urteil über eure Vergangenheit, manches Mal einen Gedanken oder einen Vorausblick in eure Zukunft.

Nur _der Glaube_ an die Weltallsprache sei euch gegeben, denn das _innere Wissen_ habt ihr alle längst selbst gehabt. Freunde müßt ihr sein mit allen Lebewesen, möglichst geduldige, vertrauende und liebevolle Freunde, mit allen Gegenständen um euch, mit allen Lebewesen um euch. Denn nur Freunde werden euch warnen, werden euch helfen und zusprechen.

Glaubt nicht, daß ihr euch ungestraft Menschen, Tiere und auch tote Dinge zu Feinden machen könnt. Ihr könnt euch die ganze Welt zu Feinden machen, wenn ihr ungeduldig, unfreundlich handelt und auf die Gedankensprache der Welt nicht hören wollt. Dadurch werdet ihr dann viel leiden und vielleicht zuletzt gezwungen werden, wenn ihr die ganze äußere Welt euch zu Feinden gemacht habt, die Gestalt, in der ihr gelebt habt, abzulegen, früher vielleicht abzulegen, als ihr es vorhattet, und müßt euch verwandeln, um eurem Haß und dem Haß der Welt, den ihr auf diese Gestalt geladen habt, zu entgehen.

Vielleicht gelingt es euch aber in anderer Gestalt, unter anderen Verhältnissen, friedfertiger, geduldiger und freundlicher euch die Welt zu Freunden zu machen und das Weltfest genußreicher zu feiern, als ihr es vorher tatet, _denn ihr seid immer Schöpfer eurer Zustände_.

Vom Tage an aber, an dem ihr annehmt, daß ihr an einem weise gefeierten Fest teilnehmt, könnt ihr vielleicht gar nicht anders als euch freundlich und geduldig und festlich benehmen. Denn welcher Mensch, wenn er Gastgeber oder Gast ist, könnte seine Lust darin finden, eine Feindschaftsfeier statt einer Freundesfeier bei einem Fest zu erleben! Wenn einer so entstellt ungeduldig und unfreundlich zu einem Fest erscheinen wollte, würde er sich bald hinausgewiesen fühlen und würde erst wiederkommen dürfen und wollen, wenn er sich in festlicher Gestalt zeigen kann.

Wohl mag es vorkommen, daß einer sich den rauhen Spaß machen will, sich Spielverderber zu nennen, und hunderte Male wiederkommt und immer als Feststörer. Auch diese wird es geben und immer wieder geben müssen, weil wir Gestalten innerer Schöpferkraft sind, weil Leben aus Licht und Schatten, Freude und Leid bestehen muß und nur der Wechsel das festliche Leben erzeugt.

Darum setze ich hinzu: _die große festliche Weltallschöpfung wird nicht gebessert werden durch diese Weltanschauung, wie niemals eine Weltanschauung die Schöpfung gebessert hat. Denn die Schöpfung ist nicht zu bessern und nicht zu verschlechtern. Sie ist ein ewiger Wandel von Tag und Nacht, von innerer und äußerer Welt, von tiefster Ruhe und höchster Gestaltungsunruhe, sie ist unsere ewige Schöpferlust._

Es ist nur ein neuer Wandel, der mit der neuen Weltanschauung über die Welt kommen wird, weil die alte Weltanschauung abgetreten, ausgeleiert, nichtssagend, mürbe, alt und brüchig geworden ist, weil ihre Zeit um ist und eine neue Zeit neue Ideale, neue Weltüberblicke aus neuen Aufklärungen heraus für die Menschheit fordert, und die früheren Weltanschauungen für uns nicht weitsichtig genug, nicht mehr äußerste Weltüberblicke sind. So wie ihr alte Kleider ablegt, weil sie eng werden, weil sie sich nicht mehr erweitern lassen, weil ihr eure Formen verändert habt, sie aber ihre Formen nicht mehr bewahren können, so wechseln auch die Weltüberblicke der Menschheit, die sie sich über das Leben machen muß.

Die Götterlehre der Griechen und Römer, die Götterlehre der alten Germanen und Kelten, die Götterlehre der Egypter, die Götterlehre der Inkas und viele Weltanschauungen noch vieler Völker, die jahrhundertelang Familiensitte, Landessitte gestaltet und geleitet haben, sind vom Erdboden verschwunden. Und wir wundern uns nur, daß das damals scheinbar Unerschütterliche erschüttert werden konnte, absterben und schwinden konnte.

Der Leser wird selber verfolgen können, wenn ich ihm jetzt die Entstehungsgeschichte meiner Bücher und die Richtung meiner Lebenswege schildern werde, daß ich alle Kraft, alle Arbeit, Eigenart und Lebensbejahung dreiundzwanzig Jahre lang nur aus dem Weltfestlichkeitsgedanken und Weltfestlichkeitsgefühl schöpfen konnte.

Aber man möge mich nicht falsch verstehen und meine Rede nicht mit der Rede des Pharisäers vergleichen, der stolz auf seine Brust deutete und sagte: „Seht, bin ich nicht immer gut, immer gerecht und wohltätig gewesen.“

Keinen Stolz sollt ihr aus jenen Zeilen, die ich bis jetzt niederschrieb und keinen Stolz aus denen, die ich schreiben werde, herauslesen, keinen Übermut und keine Überhebung über alle die, welche anders denken.

Es fällt mir auch nicht ein, den dumm zu finden, der meine Worte nicht begreifen kann. Wer heute nicht in der Sonne liegen mag, weil er sich ans Dunkel gewöhnt hat, wird vielleicht morgen den sonnigen Platz, den sonnigen Lebensplatz selbst aufsuchen, wenn er sich an den Gedanken vom Dunkel zum Licht gewöhnt hat. Ich jedenfalls halte meine Weltanschauung für die wärmste unter der Sonne.

Wer das Leben bisher als eine Strafe oder als eine Notwendigkeit oder als ein Jammertal oder als eine Aufgabe oder als eine Pflicht oder nur als einen sinnreichen Mechanismus oder als ein sinnloses Chaos betrachtet hat, oder als eine blind zupackende Wollust oder als eine unheilbare Krankheit -- denn alle diese Anschauungen habe ich aus dem Munde lebender Menschen gehört --, wer eine von diesen genannten Anschauungen vertritt, der möge doch wenigstens seinem heranwachsenden Kinde oder der unbefangenen Jugend den Lebenssinn als eine weise Festlichkeit auslegen.

Und der wird sicher erleben, wenn er dieses mit Geduld und Freundlichkeit unternimmt, daß er einen größeren Vorteil davon haben wird, weil er sein Kind reicher macht, befreiter, als es die früheren Kinder waren, weltverständiger und dadurch edler. Und weltverständige und reichgemachte Kinder werden ihren Erziehern mehr Glück, Ehre und Vergnügen bereiten als eingeschüchterte, verheuchelte oder in Weltunkenntnis einseitig und also arm erzogene Menschengeschöpfe.

Sagt dann euren Kindern, wenn sie euch nach Herkunft, Sinn und Ziel des Lebens fragen, sagt ihnen zuerst, daß sie Schöpfer und Geschöpfe zugleich sind seit ewigen Tagen und in ewigen Tagen, und daß ihre augenblickliche Menschengestalt wirklich und unwirklich zugleich ist, sowie alle Leben rundum, sowie das ganze Weltalleben.

Sagt ihnen dann weiter: „Wir erinnern uns nicht und könnten nicht antworten, wenn wir plötzlich gefragt werden: Was haben Sie vor zwei Jahren am letzten Januartag in der sechsten Stunde des Tages gedacht und erlebt?“ -- So ist es auch mit unserem früheren Leben. Wir kennen es äußerlich nicht mehr, so wie uns die Speisen nichts mehr angeben, die wir vor zwei Jahren verdaut haben.

_Nur dem inneren Leben ist alles unvergessen geblieben._ Schon die Sekunde, während ihr diese Zeile lest und aussprecht, ist aus der äußeren Wirklichkeit in die Unwirklichkeit geglitten und hat einer anderen wirklichen Sekunde Platz gemacht, die auch wieder unwirklich wird, bis ihr ausgedacht habt.

Und wie die Sekunde, so ist auch unser eigenes Wesen, wirklich und unwirklich zugleich. _Und wir sind immer in der Unwirklichkeit so gut zu Hause wie in der Wirklichkeit. Und mit uns sind das alle Dinge und alle Lebewesen._

Alle Leben gehören einer greifbaren und einer ungreifbaren Welt an, und deshalb ist kein Leben nur niedrig und keines nur hoch. Das niedrige Tier ist niedrig und hoch zugleich. Die niedrigste Pflanzengattung ist hoch und niedrig zugleich.

Der toteste Gegenstand ist hoch lebend und niedrig lebend zugleich, denn er ist unwirklich und wirklich zugleich. Der elendste Mensch ist hoch und niedrig zugleich, vergänglich und unvergänglich, wirklich und unwirklich.

Und sagt euren Kindern weiter: „Liebe Kinder, wenn ihr das begreift, daß alles Leben wirklich und unwirklich, hoch und niedrig, greifbar und ungreifbar, einer inneren und einer äußeren Welt angehörig zugleich ist, so müßt ihr nicht den Schluß ziehen, als wäre die Welt und das Leben ein kreisender Unsinn.

Seht, das Leben soll ein weises Spiel sein.“ Deshalb ist es wie jedes Spiel wirklich und unwirklich. Was die Puppe für das Mädchen und das Schaukelpferd für den Knaben, das ist das Leben den Erwachsenen: ein anregendes, aber zugleich auch ein verantwortungsvolles Spiel. Und wenn ihr spielt, eifrig, glücklich und lebensvoll, dann fühlt ihr euch festlich.

_Das ganze Leben ist deshalb im Grunde ein feinsinniges mächtiges Fest, das wir alle zusammen seit ewigen Tagen begehen und ewig weiter festlich erleben wollen._ Die verschiedenen Gestalten des Lebens, Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Gegenstände, Lichtstrahlen und Schatten, alle sind Millionen festlicher Kleider, in denen die Schöpferkraft, die in jedem Leben wohnt, zur Festfeier erscheint.

Alle kommen, um Freude und Leiden zu erleben und Freuden und Leiden erleben zu lassen. Das Freudeerleben und Leiderleben ist unser wechselndes Erleben bei diesem Feste.

Und in jeder Gestalt sind drei große Hauptfreuden zu erleben möglich, und alle drei Freuden gehören wie die Geschöpfe, wie die Schöpferkraft auch, zugleich der wirklichen und unwirklichen Welt an.

Die erste Freude, die dir in der Jugend begegnet, wenn du ins Leben trittst, das ist die _Tätigkeit_, körperliche und geistige _Tätigkeit_.

Die _Tätigkeit_ ist kein Fluch, keine schwitzende Not, keine bloße Aufgabe, keine nackte Notwendigkeit. _Tätigkeit_, geistige und körperliche, ist die erste Freude, die dem aufwachsenden Leben zuteil wird; und diese Freude täglich zu vergrößern, wird jedem eine Lust sein.

Denn die _Tätigkeit_ kann jedem wohltun wie Essen und Trinken, wie Atmen und Schlafen, wie Gehen und Liegen. _Die Tätigkeit anderer betrachten und die Tätigkeit nachahmen, das ist das Lebensfest des Kindes._

Wenn ihr dann erwachsen werdet, wird euch eine zweite große Festfreude begegnen: _die Liebe_, wie Vater und Mutter sie zu einander hegen. Auch die _Liebe_ gehört einer wirklichen und einer unwirklichen Welt an, so wie die _Tätigkeit_ einer geistigen und körperlichen Welt angehört. _Tätigkeit_ und _Liebe_ sind dann die beiden großen Freuden im _Lebensfest des Erwachsenen_, im Lebensfest des Mannes und der Frau.

Und wenn das Alter kommt und mit ihm der Abschied vom Lebensfest, nicht der Abschied vom ewigen Fest, nur der Abschied von der Gestalt, von dem Kleid, das wir wechseln sollen, und das vertragen ist, dann kommt eine Verklärung über euch, ein Rückblick über das Sattgewordensein in diesem Kleid, das ihr tragt, ein Dankblick auf diese Gestalt, in der ihr tätig wart und geliebt habt, und es kommt ein leichter Ruhegenuß über euch.

Doch auch dieser ist wirklich und unwirklich zugleich. Und es kommt die dritte Freude, die letzte große Festfreude über euch: das ist die Freude an der _Weisheit_. _Wissend_ und _weise_ werdet ihr über das Fest zurückschauen, ehe ihr eine Pause macht und die alte Gestalt ablegt und nach einem neuen Kleide greift und euch verjüngt.

Und auch die _Weisheit_ ist wirklich und unwirklich zugleich, und darum werdet ihr nicht bei ihr verweilen. Die _Weisheit_ ist eine hohe Kraft, die wir weder als Kind noch in den mittleren Jahren im höchsten Grade besitzen konnten, die erst beim Lebensabschied errungen wird. _Die Weisheit ist die Freude des satten Alters._ --

Aber über eurem äußeren und eurem inneren Leben, die wirklich und unwirklich zugleich sind, ist _wirklich allein eure_ Schöpferkraft. _Sie ist ewig und unendlich wirkend, sie war seit ewigen Tagen euer Eigentum. Sie führt euch durch die drei Festzeiten jedes Lebens. Sie erschafft euch Lebensgestalt um Lebensgestalt. Sie erschuf und vernichtet eure Gestalt und alle Gestalten um euch. Sie macht euch zum Geschöpf und Schöpfer. Sie kann euch nie genommen werden. Sie ist euer unendlicher Besitz und läßt euch ein unendliches Fest feiern, ohne Müdigkeit, ohne Eintönigkeit, ein unendliches Schöpferfest._ --

Und seht noch einmal um euch! Alles, was ihr um euch empfindet, das seid ihr selbst. Nicht bloß euer Kleid schuft ihr euch, eure Schöpferkraft durchströmt alles und alle Leben, alle lebenden und toten Dinge um euch. Nie seid ihr allein, nie einsam. Nie sollt ihr ängstlich sein.

_Was immer ihr empfindet, ist euer festlicher Besitz._ Ihr braucht nicht danach zu greifen. So wie ihr es empfindet, ist es euer Besitz. Eure Schöpferkraft umschließt es, auch wenn ihr es nicht in den Taschen und in den Händen haltet.

_Denn eure jeweilige Gestalt ist auch mit allen Leben verkettet._ Wie euer Leib einen Kopf besitzt und ein Herz, und wie der Kopf eine Stirn besitzt, und wie das Herz im Besitz von Herzkammern ist, so ist euere Gestalt eingegliedert als Teil, als Geschöpf in die Welt. Und euere Gestalt ist Besitz der Welt, wie die Welt Besitz eurer Schöpferkraft ist. Das heißt: _Ihr seid der Besitz aller, und ihr besitzt alle, -- ihr seid Geschöpf und Schöpfer zugleich._

* * * * *

Nun habe ich die Weltanschauung, die sich von 1890 bis 1913 in mir ganz langsam ausbaute, mit diesen Zeilen dem Leser erklärt. Bewußt und unbewußt wuchsen die Gedanken in all diesen Jahren in mir auf. Jetzt, in meinem sechsundvierzigsten Jahr, da das Leben sich bald dem Abstieg zuneigt, wollte ich dieses Gedankengut, wie es heute in mir lebt, vor mir feststellen.

Seit jenem Abendspaziergang mit meinem Freund, dem jungen Philosophen, der mir im Frühling 1890 bei untergehender Sonne, am Main entlang, jene mir so wichtige Aussprache gab, habe ich diese Weltanschauung zuerst wie einen Keim wachsen gefühlt, und jetzt überragt sie mich wie eine Weltenesche, und ich sitze unter schützenden Gedanken, gelehnt an den festen Stamm meines gefestigten Schöpfungsbaumes und fühle mich im innersten Leben wohl und zufrieden, ruhig und reich.

Aber erst war ich nicht gleich zufrieden, als ich noch die Reste der Spinnweben, der alten unfruchtbaren Weltanschauung, in meinen Taschen und vor Augen hatte, und ich will erzählen, wie es mir da erging.

Auf jenem Abendspaziergang, im Frühling 1890, gab mir mein Freund mit den neuen Weltgedanken sozusagen das erste Goldstück meines heutigen Reichseins, und es hatte die Eigenschaft, daß es sich durch fast dreiundzwanzig Jahre ganz von selbst in meiner Tasche vermehrte.

Als ich in den ersten Wochen damals die Entdeckung machte, daß sich das Goldstück von selbst, ohne daß ich damit wucherte, zu vermehren begann, und ich merkte, daß das Gold, wenn ich in meine Tasche griff, meine Hand mehr und mehr anfüllte, da kam die lächerliche Gier über mich, das Reichwerden beschleunigen zu wollen. Und mit Jugendhast und Jugendfrevel verlockte ich meinen Freund, der bisher ruhig war und dem selbstverständlichen Wachsen des geistigen Goldes mit Selbstverständlichkeit zusah, meine Gier zu teilen und die Macht, die wir mit dem neuen Weltgedanken in uns trugen, zu versuchen und zu stürmischer Bereicherung anzufeuern.

Und das geschah an jenem Augustnachmittag, dessen Schilderung ich nun dem Leser so lange schuldig bin, daß er längst das Recht hat, sie ungeduldig von mir zu fordern.

Mein Vater wohnte im Sommer 1890 einige Wochen zu seiner Erholung auf jenem Gutshof am Nikolausberg. Es ist dies derselbe Hof, wo ich nach jenem Sturz verweilte und im Gartenzimmer einen Augenblick, an dem Weihnachtsbaum vorbei auf die Gartenterrasse schauend, mächtig an törichte Wunderversuche erinnert wurde, die ich damals mit meinem Freunde im Angesicht der Stadt Würzburg durchlebte.

* * * * *

Ich stand an jenem Augustnachmittag im Jahre 1890 an der Terrassenecke, halb auf der Mauerbrüstung sitzend und an die Fahnenstange angelehnt, die dort in der Ecke im Boden eingerammt ist. Ich war an diesem Samstagnachmittag auf jenes Gut gekommen, um meinen Vater zu besuchen, und sollte über den Sonntag bleiben.

Zwei Wege führen von der Stadt zum Gut herauf, und ich erwartete, auf einem derselben den Kopf meines Freundes auftauchen zu sehen, der zum Spätnachmittag heraufkommen wollte und bei mir sitzen wollte, während ich mich im Landschaftszeichnen üben würde.

Am Abhang vor der Terrasse lagen die Felder, hohes Korn und saftiger Klee, windstill. Die Hitze des Tages lastete auch noch spät in der Nachmittagsstunde drückend auf jedem Halm, und im Westen hatten sich dunkle Gewitterwolken angesammelt. Aber die Täler und die Stadt im Tal lagen noch breit im glühenden Nachmittagsonnenschein.