Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 3

Chapter 33,678 wordsPublic domain

„Und übrigens ist es gar nicht wahr, daß, ehe wir in jener Sternennacht auf dem Steinberg auf Atomkraft zu sprechen kamen, Sie sich noch immer einen Gottvater mit einem weißen Bart vorstellten oder Engelsscharen auf den Wolken oder Ähnliches.

Sie haben längst nicht mehr glauben können, daß menschenähnliche Wesen den luftleeren Weltraum bevölkern können. Sie leisten mir nur jetzt Widerstand, weil Sie sich noch nicht in den Reichtum der neuen Welt, die sich Ihnen darbietet und in die Verantwortung, die Ihr Ich als eigener Schöpfer auf sich nehmen soll, hineinfinden können.

Das ist aber nur Gewohnheitssache. Die neue Welt, in welcher jedes Geschöpf Selbstschöpfer ist und keinen anderen Übersichstehenden anerkennt als sein eigenes Gefühl und seinen eigenen Verstand und als Richtschnur die Erfahrungen, die es aus den Widerständen des Lebens sammelt -- diese Welt scheint einem zuerst etwas schwieriger zu sein, weil sie verantwortungsreicher ist.

_Man muß seine eigene Schuld auf sich nehmen, aber auch die Freuden werden nicht mehr Geschenke, sondern eigene Errungenschaften. Man ist nicht mehr Geschöpf, das auf Gnade und Ungnade Knecht eines Herrn ist, sondern man ist Herr geworden, eigener Herr seines Lebens und aller zukünftiger Leben._

Niemand, der die neue Weltanschauung annimmt, kann sich mehr mit Schwäche entschuldigen, denn jeder glaubt dann an die unendlichen Schöpferkräfte, die er in sich hat, die wir aber bisher nur dem einen Schöpfer zusprachen.

Sehen Sie die anbrechende Nacht! Sie verhüllt Ihnen nichts mehr vom Augenblick an, wo Sie die Sonnen nicht höher setzen, als sich selbst. Die Nacht birgt in ihrem Dunkel keine anderen Schrecken, als die, die Sie in sich selbst tragen.

Die Nacht ist nicht besser und nicht schlechter als alles Licht. So wie Sie, im Urbegriff genommen, nicht besser und nicht schlechter sind als ich und alle anderen Menschen. Niemand ist Herr und niemand ist Knecht.

Wir bieten jeder dem Leben schwache und starke Kräfte an, je nachdem wir müde oder weniger müde, krank oder gesund sind. Jeder schafft sich, angemessen den Kräften, die er verbraucht, seine eigene Welt. Jeder ist Schöpfer seiner eigenen Freuden und seiner eigenen Sorgen.

Die Kräfte rundum antworten nur auf Kräfte, die zu erwecken jeder ein eigener Schöpfer sein muß. Wir sind nicht Sklaven, nicht Gut und Besitz eines einzigen höheren Wesens. _Wir besitzen alles und uns besitzen alle._“ --

Wären Lawinen von den Bergen mit Donner heruntergekommen, hätten die Berge zu wandern begonnen, und hätte der Mainfluß, an dessen Ufer wir gingen, sich senkrecht aus seinem Bett aufgerichtet und wäre als heißer Geiser in den Himmel gerauscht -- ich hätte mich nicht betäubter fühlen können als jetzt von den Erkenntnisworten, die da mein Herz anredeten.

Mein vom Altgewohnten fast gedankentot gemachtes Herz, das da in den wuchernden Überlieferungen wie in Bergen von Efeu eingesponnen gelegen, erwachte aus einer Finsternis, die ihm liebgeworden war. Vorher war es wie in Dornen eingewickelt gewesen, die es nie ganz hatten aufatmen lassen.

Und nun war ein Brand in mich hineingefallen. Und die alten staubigen liebgewordenen Lasten des Gedankengestrüppes der Jahrhunderte flogen wie leichte Asche fort, und durch den Aschenregen ahnte ich bereits, daß nun ein ewiger Tag anbrechen würde, ein Tag ewiger Kräfte, ein Tag von befriedigendem, ewigem Wechsel, begleitet von einer Unermüdlichkeit und fern aller Wehleidigkeit.

Große handelnde Freuden und große handelnde Schmerzen würden über mich kommen, und nicht mehr jene verschleierten mitleiddurchtönten Augenblicke, nicht mehr jene Unluststunden, die mich bisher ein willenloses Werkzeug nennen durften eines höheren Willens über mir.

„_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._“ Dieses war das Wort, mit dem man Herzen und Berge öffnen konnte. Keine Angst vor dem Tode, kein Drang nach Reichtum und Gold, keine Angst vor Armut und keinen Drang nach Eitelkeiten läßt dieser Ausspruch mehr aufkommen bei dem, der ihn voll erfaßt: „_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._“

Man arbeitet für alle, und alle arbeiten für einen. Unter diesem Losungswort lebten seit Jahrtausenden alle Weltatome und waren alle zusammen Schöpfer dieser Schöpfung, und auch ich war nur im Leben, um Mitschöpfer an der Schöpfung zu sein.

Und mit mir war es der Hügel dort über dem Fluß, die Wolke am Himmel, der Fluß, die Stadt mit ihren Gassen, die Menschen und die Tiere, die Schwalben, die jetzt da im Abend pfeifend in den Äther schossen, die Wälder in der Ferne, in denen die Sonne fortgewandert war, meine Hand, das Holz meines Spazierstockes in der Hand, der Pflasterstein, über den ich ging, die Blütenblätter der Linden, die vor mir im Winde von den Bäumen flogen, -- sie alle mit ihren Atomen sind mit mir Schöpfer und Geschöpfe, sagte ich zu mir.

Der verdammende Bibelspruch: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du arbeiten, und dein Acker wird Dornen tragen,“ -- dieses Spruches Fluch wird ohnmächtig werden auf den Äckern derer, die sich nicht mehr zu Sklaven und zu aus dem Paradies Verstoßenen stempeln wollen, die sich der Erde Mitschöpfer nennen, Mitschöpfer an der Weltallarbeit und an der Weltallfreude. Denn nicht mehr Knechte sind nach dieser Erkenntnis an der Arbeit, sondern Herren ihrer Lust, Herren ihrer Sorge. --

Ich war still stehen geblieben und hatte über den Main gestarrt und hatte meinen Freund neben mir vergessen. Und wie ich meine Blicke hob, stand in der Richtung nach dem Steinbachstal, wo auf Meilen sich der Guttenbergerwald hinstreckt, ein großer funkelnder Stern, die Venus.

Und die Liebe? Wird deine neue Weltanschauung auch der Liebe den richtigen Wert geben? Es war mir, als spräche das eine feine Stimme aus dem blitzenden Punkt dort vom Himmel herab.

Ich wußte damals noch nichts von der Liebe und konnte mir nicht sogleich antworten.

Leben allein ist wenig, wenn es nur dem Erhaltungstrieb zuliebe geschieht! Ich hatte mir aber, solange ich zurückdenken kann, immer vorgestellt, daß das Liebesgefühl zu erleben das Lebenswerteste sein müßte.

Nicht die Sättigung des Magens, nicht das Wettrennen um das tägliche Brot, nicht einmal den Dichterruhm und nicht die Dichterunsterblichkeit wünschte ich zu erreichen, wenn ich dabei auf das Erleben des Liebesgefühls verzichten müßte.

„Alles wirst du stärker erleben, als es je eine Zeit erlebt hat. Verstehst du denn nicht: vom Augenblicke an, wo du keinem Weltphantom huldigen mußt, wirst du deine Huldigungen allen Lebensregungen unverkürzt zukommen lassen. Die Anbetungsstunden und Andachtsstunden, die dich aus deinem eigenen Ich entfernten, wirst du nun zu Anbetungsstunden und Andachtsstunden aller Lebensgefühle machen.

Und auch das Liebesgefühl wird dann von dir reicher bedacht. Du wirst keinen Gott höher stellen als das Herz der Frau, die du auserwählen wirst, und du wirst auch in ihr, der Geliebten, eine Schöpferin begrüßen, wie sie dich als einen Schöpfer begrüßen muß.

Die Frau hat wie der Mann ihre bestimmte Tätigkeit, in der sie am Weltall mitarbeitet, die, wenn sie auch nicht deiner Tätigkeit gleicht, doch ebenso wertvoll und dem Weltbau unentbehrlich notwendig ist, wie das, was du leistest.“ -- So redete ich mit mir.

„Sind Sie nun beruhigt?“ fuhr mein Freund fort, als ich ihn lächelnd ansah und in meinem Innern keine Abweisung mehr fand für die neue Empfindungswelt, die er mir anbot.

„Es leuchtet mir ein,“ sagte ich, „daß die alte Welt, die Bilderwelt der Kirchen und Bibelideale, von den Künstlern so ausgeschöpft ist wie ein Jahr, das ausgereift und längst abgeerntet worden ist. Ich ahnte aber vor unserer Aussprache noch nicht, woher neue Ideale kommen sollten, neue Felder der Phantasie.

Aber noch stehe ich bei Ihren Worten auf keinem sicheren Boden. Ich muß mich zuerst einleben in das, was Sie mir enthüllten.

Ich wünschte, daß die Begeisterung, die vorhin sich meiner beim letzten Sonnenstrahl, der dort aus dem Tal kam, bemächtigte, anhalten möchte. Ich fürchte aber, wenn ich Ihnen heute ‚gute Nacht‘ gesagt habe, werden in den nächsten vierundzwanzig Stunden aus der alten noch nicht abgestorbenen Kirchenwelt alle Zweifel wieder auf mich einstürmen.“

„Das macht nichts,“ sagte der junge Philosoph. „Sie werden noch oft zweifeln müssen. Ich glaube aber, ich kann alle Ihre Zweifel verjagen. Übrigens wird das nicht einmal nötig sein. Ich glaube, Sie selbst werden sie verjagen. Denn da Sie Dichter werden wollen und nicht auf abgeleierten Wegen gehen wollen, wird die Sehnsucht, einen neuen Weg zu finden, Sie von selbst der neuen Weltanschauung entgegentreiben.

Dafür ist mir gar nicht bang. Jeder, der vorwärts will, muß jetzt diesen Weg gehen. Und da die Welt nicht stehen bleibt und auch nicht rückwärts geht, werden alle Menschen von morgen diesen neuen Weg gehen müssen, da es für das Menschengeschlecht keinen anderen Weg gibt, als den Weg fortgesetzter Aufklärung.

Auch die Dümmsten werden zuletzt mit fortgerissen werden und werden mitgehen müssen, da die jetzt kommende Zeit der Menschheit einfach keinen andern Weg zum Vorwärtsgehen übrig läßt, als diesen einen Erkenntnisweg, der da heißt: _wir alle sind Schöpfer an der stets fortschreitenden Schöpfung, die wir Leben nennen._ Über dem Einzelnen gibt es keinen einzelnen Schöpfer, sondern wir selbst besitzen alles, und alle besitzen uns.“

* * * * *

Diese Spaziergangsstunden waren dem August-Nachmittag vorausgegangen, von dem ich jetzt weiterfort erzählen will, und der dann zur Folge hatte, daß ich mich dann äußerlich beinahe von meinem Freunde lossagte, obgleich ich ihm innerlich ein treuer Freund war.

Man muß bedenken, daß wir beide blutjung waren, er nur einundzwanzig Jahre alt, ich nur dreiundzwanzig.

Es ist gerade dieses Alter, in dem man als Jüngling die meiste Zeit und den größten Drang hat, eine Weltanschauung zu suchen, die einem ein Leitfaden durch das Labyrinth des Lebens werden soll.

Diese Jahre sind die Brutjahre der Ideale, da man noch von keiner Meisterschaft in irgend welcher Tätigkeit in Beschlag genommen worden ist. Man läßt sich leicht von Menschen anziehen und leicht abstoßen. Man ist noch nirgends für immer fest verkettet, man ist in jenen Jugendjahren wie ein Samenkorn im Wind, das weiterfliegt und noch keinen Wurzelplatz gefunden hat.

* * * * *

Man sollte nun meinen: nach jener Aufklärung, bei der wir uns beide zu unseren äußersten Geistesgrenzen erhoben hatten und gleichsam über der Erde im Äther des Weltraums gesprochen hatten, hätte es nie mehr für uns möglich sein können, in alltäglichen Dunkelheiten unterzutauchen.

Aber so, wie ich das Gespräch jenes Abendspazierganges hier niederschrieb, ist dasselbe nicht in Wirklichkeit gesprochen worden. Sein Sinn und seine Bedeutung waren wohl dieselben. Aber die Einheit des Gedankenganges stand nicht so geradlinig vor uns. Alles wurde schwankender, im unklaren Plauderton, ausgedrückt, und ich gebe heute, nach dreiundzwanzig Jahren, mehr das Gespräch unserer Geister wieder als das ungelenke und unbeholfenere Gespräch unserer Lippen, das ich natürlich nicht behalten konnte.

Das Endergebnis jenes Abends war, daß ich den neuen Aufklärungen meines Freundes keinen hartnäckigen Widerstand oder eigensinnige Taubheit, welche gleichbedeutend mit Dummheit gewesen wäre, mehr entgegensetzen konnte oder wollte. Im Gegenteil: ich verfiel in einen neugläubigen Übereifer, und diesem allein schreibe ich auch jene verhängnisvolle Probe zu, mit der wir die neue Weltanschauung, ganz unsinnig, äußerlich prüfen wollten.

Wie eine Belastungsprobe bei einer neuen Brücke gemacht wird, so derb gedachten wir auch einen raschen äußerlichen Beweis von der Macht der neuen Weltanschauung liefern zu können.

Ich hatte meinem Freund gesagt: „Angenommen, daß der Mensch gleiche Schöpferkraft hat wie der Schöpfer, den wir uns früher über das Weltall gesetzt vorstellten, dann kann ich recht gut verstehen, daß die Wunder, die Christus tat, wenn er lebenden Leibes zum Himmel gestiegen ist, Wasser in Wein verwandelte, Lahme gehen machte, Blinde sehend und Tote auferstehend, -- daß eigentlich diese Wunder von jedem Sterblichen geleistet werden könnten.“

Diese Frage warf ich Monate nach jenem Frühlingsabend auf, nachdem ich, losgetrennt von meinen alten Überlieferungen, sozusagen zwischen der alten und neuen Welt vagabondierte. Denn, wenn auch der Geist rasch an der Schwelle einer neuen Erkenntnis steht und blitzartige Aufhellungen genossen hat, -- bis der Leib sich an das neue Licht gewöhnt, hat es noch gute Weile.

Alles, was ich an Dichtungen zu schreiben anfangen wollte, neigte noch nach der alten Seite hin, und mein Geist sagte mir, daß ich noch nicht in den Sinnen reif sei, um schon sofort ein Gedicht oder eine Dichtung auf dem Weg der neuen Weltanschauung zu schaffen.

Darüber war ich unglücklich, denn nichts war mir von jeher widerlicher gewesen als Tatenlosigkeit. Seufzer stiegen in mir auf und heimliche Vorwürfe gegen meinen Freund, der mir alles, was jahrhundertelang niet- und nagelfest gewesen war, gelockert hatte.

Ging ich an den schönen alten ehrwürdigen Kirchen vorbei, so sagte ich mir jetzt: es wohnt gar kein Gott darin. Und die Priester dort und die Andächtigen schauen zu einer Leere auf, als ob sie ein leeres Loch in der Luft anbeten.

Und ich bemitleidete alle Menschen, alle, die mir begegneten, von meiner Familie angefangen bis zur Obrigkeit des Landes. Sie alle schienen mir bedauerlich, da sie eine große Null als ihren Herrscher ausgerufen hatten.

Es ging mir wie in jenem Märchen, in dem es heißt, daß ein König bei einem Festzug im Hemd durch die Straßen gegangen ist und es allen Leuten bei Todesstrafe verboten war, zu sehen und zu sagen, daß der König nur ein Hemd anhabe. Denn der König behauptete, ein kostbares Gewand anzuhaben, und niemand durfte dieser Behauptung widersprechen. Bis endlich aus der schweigenden Menge ein kleines unschuldiges Kind, das einen Königsmantel sehen sollte, wo keiner war, harmlos ausgerufen hat: „Aber der König hat nur ein Hemd an. Er hat ja gar keinen Mantel an!“ --

So ging es mir jetzt den Menschen und den Kirchen gegenüber. Ich hätte gern in alle Kirchentüren hineingerufen: „Ihr guten Leute, die ihr da kniet, steht doch auf und geht heim und versäumt die Zeit zur Arbeit nicht und versäumt die Zeit zur Liebe eurer Frauen nicht und versäumt nicht die Zeit zur Bewunderung der Welt, von der ihr Mitschöpfer seid. Es ist gar kein Gott im Himmel, nur Luft und Leere; jeder von euch ist sein eigener Gott.“

So vereinsamt, alleinstehend, einer neuen Weltanschauung verfallen, die nur jener Freund mit mir teilte, fühlte ich mich aber nicht wohl, ich, der ich gerne gesellig sein und die Menschen lieben und achten wollte. Und daß mir von allen Menschen niemand übrig blieb als dieser junge Philosoph -- mit dem ich mich plötzlich allein, wie von der ganzen Menschheit getrennt sah, nachdem ich auf seine Gedankengänge eingegangen war --, das plagte mich. Denn ich war jung und wollte gern durch die Menschenschwärme gehen, die Menschheit erlebend und liebend, und wollte ein einfacher Mensch unter Menschen sein und keinen Sonderling vorstellen.

Der junge Student hatte seine Eltern und seine Heimat in einer andern süddeutschen Stadt, und in meiner Stadt kannte er, mit Ausnahme von einigen Mitstudierenden, denen er sich aber wenig anschloß, fast niemanden.

Er arbeitete in seinen Mußestunden an der Atomkraftlehre, die er später niederschreiben wollte, und deren vertieftes Durchdenken und Klarlegen ihm bereits zur Lebensaufgabe geworden war.

Zu Anfang war es wohl wunderschön, wenn wir uns abends trafen und als zwei verkappte Weltumstürzler an den Provinzlern und Kleinstadtleuten vorübergingen. Diese fanden an uns beiden vielleicht nichts anderes merkwürdig, als daß der junge Philosoph untersetzt war, aber im Gesicht eine kluge regelmäßige Linie zeigte, außerdem ein Augenglas trug und auf der Oberlippe einen kaum beginnenden Bartflaum. Und an mir fiel auch nichts auf als der überstarke Haarwuchs auf meinem Kopf. Auch an unserer Kleidung war nichts Aufrührerisches. Mein Freund trug, solange ich ihn kannte, hechtgraue Kleider von einfachstem Schnitt, während ich meistens schwarze Stoffe trug und mich höchstens durch eine etwas gewähltere Krawatte auszeichnete.

Der junge Philosoph war von Haus aus Katholik, ich Protestant. Aber es war selbstverständlich, daß Religionsunterschiede nie zwischen uns zu Tage traten, da wir uns über jede Religion erheben wollten.

So dachten wir auch, als ein dritter junger Mann, welcher Jude war, sich zu uns gesellte, keinen Augenblick über seine Religion nach und fühlten ihn, nachdem er von dem jungen Philosophen in die neue Weltanschauung eingeweiht worden war, als einen geistesfreien Menschen uns zugehörig. Wenn wir von den neuen Gedankenwegen sprachen, waren wir alle drei wie ein einziger Mensch, der da denkt, fragt und sich Fragen beantwortet.

Das Seltsame war aber, daß jeder von uns dreien aus einer strenggläubigen Familie stammte. Meine Mutter hatte der strengprotestantischen Sekte der Herrnhuter angehört, und in meines Vaters Familie waren viele Oberprediger unter meinen Vorfahren gewesen.

Der junge Philosoph hatte eine äußerst strenge Mutter, die jeden Morgen, Sommer und Winter, ihn und seine Brüder vor dem Schulbesuch in die Frühmesse geschickt hatte. Und jeden Sonntag hatte er die Kirche zweimal besuchen müssen, morgens und nachmittags. Ebenso mußte er jeden Monat zur Beichte gehen, und die äußerst scharfe Mutter, die nie mit schweren Strafen gegeizt, sammelte eifrig die Beichtzettel, die ihr den Beweis des Gehorsams geben sollten, den sie blindlings bei allem, was die Kirche betraf, von ihren Söhnen forderte.

Auch später noch, als mein Freund auf dem Gymnasium war, war sie eben so streng zu ihm gewesen. Und nachher hatte sie ihn dann erst zum Studium auf die fremde Universität gehen lassen, als er ihr versprochen hatte, den Kirchenbesuch dort fortzusetzen. Und dieser junge Mann, der so aufklärend und auf meine alten religiösen Überlieferungen vernichtend wirkte, er besuchte regelmäßig -- um seine Mutter nicht belügen zu müssen, wenn er in den Ferien heimkam und über den Kirchenbesuch ausgefragt wurde -- jeden Sonntag vormittag eine katholische Kirche der Universitätsstadt.

Als ich ihn fragte, wie er das fertig brächte, in die Kirche zu gehen, sagte er: „Es ist mir ganz gleich, ob ich zu Hause auf meinem Zimmer oder in der Kirche über meine Atomlehre nachgrüble. Meine Mutter belügen mag ich nicht, das ist mir unbequem. Und würde ich nicht in die Kirche gehen, so ist diese Frau so stark, daß sie mich nicht weiterstudieren lassen würde. Also tue ich ihr den Gefallen. Ich bin das Nachdenken in den Kirchen schon von Jugend an gewöhnt und habe meine ganze Weltanschauung seit Jahren im Schutz der Kirchengewölbe und der Kirchenstille durchgearbeitet. Ich habe meiner Mutter nur versprochen, _in die Kirche zu gehen_. Für meine _Gedanken in der Kirche_ aber hat sie mir kein Versprechen abgenommen, und dafür hätte ich ihr auch keines geben können.“

Der Vater meines Freundes, welcher als Direktor einer Fabrik, die auf dem Lande lag, nur des Sonntags zur Familie in die Stadt kam, hatte die Erziehung seiner Söhne dieser etwas gewalttätigen Mutter ganz überlassen und war zufrieden, wenn er Ruhe zu Hause fand, und wollte von keinem Streit und keinen Erziehungsangelegenheiten hören. Es hätte dem jungen Mann also nicht geholfen, wenn er in der Kirchenfrage sich an seinen Vater gewendet hätte.

Und so oft ich, der von Haus aus keinen Kirchenzwang kannte, den Freund, wenn er mich Sonntag nachmittag besuchte, fragte: „Warst du heute vormittag spazieren?“, da war seine stete und mich immer wieder verwundernde Antwort: „Ich? Nein. Ich war in der Kirche. Das mußt du doch endlich behalten. Ich bin wahrscheinlich unter allen Medizinstudierenden der beste Kirchengänger der ganzen Universität.“

Er sagte das lachend. Und ich schüttelte den Kopf und erstaunte immer wieder. Ich hätte ein solches Gleichgewicht von Beherrschung und Willen nicht aufbringen können, so glaubte ich immer und äußerte das zu ihm.

Da sagte er zu mir: „Tust denn du nicht dasselbe? Du lebst im Hause deines Vaters, bei ihm, der dich nicht Künstler werden lassen will. Und du beugst dich mit Beherrschung seinem Willen und lebst und arbeitest in seinem Geschäft und denkst dabei deine eigenen Gedanken, von denen dein Vater keine Ahnung hat.

Du gehst folgsam in sein Geschäft, aber deine Gedanken sind nicht dort, denn du willst Schriftsteller und Dichter werden. Ich tue meiner Mutter den Willen und gehe in die Kirche, und du tust deinem Vater den Willen und übst einen Beruf aus, bei dem du, so wie ich in der Kirche, ganz anderen Gedanken nachhängst.“ --

Der Dritte von uns gehörte einer strengjüdischen Familie an und war aus einer der jüdischsten Provinzen Ostdeutschlands nach Würzburg gezogen. Er studierte ebenfalls Medizin, und der junge Philosoph hatte ihn in einem Kolleg, das sie beide besuchten, und wo sie nebeneinander saßen, kennen gelernt. Er hatte ihn mir gelegentlich vorgestellt, und seltsamerweise geschah dieses gerade in dem Augenblick, als ich es etwas eintönig empfand, mit dem jungen Philosophen immer von der Entwicklung seiner Atomlehre zu sprechen.

Denn geleitet vom Studium der Physik und der Chemie, die er eifrig betrieb, da er sie zum Physikum-Examen benötigte, hatte der Philosoph jetzt eine Atomlehre aufgebaut. Er behauptete, die Atome aller Dinge, im Eisen, im Holz und so weiter, kreisen ebenso untereinander wie die Planeten um die Sonne und leben wie die Sonnensysteme kreisend.

Überall, wo Leben herrsche, sei dieselbe kreisende Bewegung in den Dingen wie im Sternenhimmel, so behauptete er. Die Weltkörper seien für den Weltraum nichts als Atome von ungeheurem Umfang. Und mit der Annahme vom Kreisen der Atome wäre auch der Magnetismus und die Elektrizität, deren fernwirkende Kraft bisher unerklärlich war, leicht erklärbar. Ebenso wären die Macht der wirbelnden Dampfkraft, das Schwergewicht und die Ausdehnung der Gase durch das Kreisen der Atome verständlich.

Und der junge Denker wollte die Vorgänge der Chemie und Physik nun auf die einfachste Weise erläutern und ein Buch ausarbeiten, das von nichts weniger als „_vom Wesen aller Dinge_“ handeln sollte.

Bei diesen, auf die Einzelheiten des mechanischen Lebens eingehenden Übertragungen der neuen Weltanschauung wurde ich unaufmerksam und konnte nicht genau mitfolgen, da sie fern von meinem Gebiet lagen: der neuen Dichtung, der ich zustreben wollte. Und so war mir der andere neue Kamerad willkommen, der als Student dem jungen Philosophen kritischere Einwände machen konnte als ich. Ich war schon ganz überanstrengt von den chemischen und physikalischen Vorträgen, die mir der junge Denker auf allen Spaziergängen gehalten hatte.

Auch war ich, um mir eine persönliche Schriftsprache anzueignen und mir das eingedrillte aufsatzartige Deutsch der Schuljahre abzugewöhnen, auf den Gedanken gekommen, alle Spaziergänge und alle Beobachtungen an Menschen und alle Gespräche mit Menschen aufs knappste zu Hause in Notizbüchern niederzulegen. Und da hatte ich viel zu tun, denn ich sah bald ein, wieviele wichtige Beobachtungen aus der Augenblickswelt, wieviele feine, unauffällige und doch wichtige Menschenzüge und wieviele vorüberflatternde Ausdrücke in der Sprechweise der Menschen mir bisher entgangen waren. Denn so, wie in der Landschaft mir jetzt nichts zu klein war und zu unbedeutend, als daß es nicht eindrucksvoll gewesen wäre, so erging es mir bei den Menschen und ihren Gesprächen.

Bald häuften sich Stöße von dicken Notizheften bei mir an, und wenn ich manchmal darin blätterte, war ich erstaunt, wie lebensfrisch jedes Erlebnis noch nach Wochen wirken konnte, wenn es in treffenden Worten und mit genauer Beobachtung festgehalten worden war. In diesen Notizbüchern standen natürlich ganz unzusammenhängende Beobachtungen, herausgerissen und niedergeschrieben aus dem Tagesleben.