Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band
Part 20
Die Stille machte die Menschen auf den Inseln hellsehend. Denn alle, die auf den todstillen Inseln wohnen, sie sind so nahe Nachbarn des Todes, daß sie seine Geschöpfe kaum noch von den Geschöpfen des Lebens zu trennen vermögen. --
Und als wir am Abend zur Stunde, da der Landwind sich legte und kein Lufthauch die Segel antrieb -- so daß wir die Leinwand vom Mast abnehmen und abwechselnd rudern mußten --, als wir da in den spiegelglatten Gassen, wo nur unsere Ruder im Takt Wasser schaufelten, an jener Stelle vorbeikamen, wo an einem Sonntagnachmittag die beiden jungen siebzehn- und achtzehnjährigen Burschen ertrunken waren, da wurden um uns die Sonne und der Wind und die Wasserströmung tot.
Da zeigte sich kein Vogel, da waren auch die farbigen Lichter, die wie buntes Glas am Morgen im Wasser geleuchtet hatten, verschwunden. Da waren die tiefen Gassen wie große Grüfte. Da war unser Boot, das ohne Segel mühsam vorwärts kam, wie ein schwerer Holzsarg. Und es fiel von den Felswänden eine eisige Kälte über uns.
Der Schwede und ich ruderten und schaufelten, aber das Boot schien nicht vorwärts zu rücken.
Kein Fisch war im Wasser zu sehen, und die Gassen schienen enger geworden zu sein und schienen uns irre zu führen in ihrem Labyrinth, denn die Stunden vergingen, und wir kamen nicht fort. Die Stunden waren nicht mehr wie am Vormittag unergründliche vorüberkreiselnde Jahrtausende. Es waren schwere unvergängliche Stunden geworden.
„Um diese Stunde mögen sie hier untergegangen sein,“ sagte der Schwede, und er meinte die Söhne der Fischerfrau.
Da hörte ich die Mutter hinter mir im Boot sagen: „Ja.“ Aber ich sah mich nicht um. Die Frau dachte wahrscheinlich daheim gar nicht daran, uns in Gedanken zu folgen. Sie bereitete zu Hause jetzt wohl das Abendbrot und melkte wieder die Ziege. Aber hier an der Stelle, wo ihre Söhne sich am umgekippten Boot angeklammert hatten, hier war das innerste weltferne Leben jener Mutter immer, und das war zu uns ins Boot gekommen.
Und so konnte auch ihre Stimme in meinem Ohr „Ja“ sagen. Hier um diese Stunde mußte die Mutter, so lange sie in ihrem Häuschen lebte, viele Male des Tages unbewußt mit ihrem innersten Leben um die Wasserstelle kreisen, und dann zog sie die Söhne beide mit Mutterkräften von dem untergehenden Boot fort und schritt mit ihnen über das Wasser heim. Und die Söhne folgten ihr in die Hütte, wo sie umhergingen und ihr Tagewerk vor den Augen der Mutter lautlos vollbrachten. --
* * * * *
Dieses war das Erlebnis meines ersten Segeltages. Am zweiten Tag fuhren wir nach einer großen Lotseninsel, von wo wir, nachdem wir im Hause des Oberlotsen übernachtet hatten, am anderen Tag zur äußersten Insel im Skagerak weitersegelten.
Diese letzte bewohnte Insel heißt Väderbod, das bedeutet Wetterschutz. Ich war vorher nie auf einem so seltsamen Fleck Erde gewesen. Die Insel hatte einen mächtigen Leuchtturm, und außer dem Leuchtturmwärter, der ein alter abgedankter Kapitän war, befanden sich nur noch ein zweiter Leuchtturmwächter und dessen Frau auf dieser kleinen Klippe. Diese Leute hatten im Schutz einer Klippenwand, auf einer Klippenanhöhe, alle drei ein kleines Holzhaus und daneben einen Stall für eine Kuh.
Die Insel stand ziemlich schroff wie ein Riesenwürfel aus dem Meer. Nachdem wir das Boot an Steine angebunden, warf man uns Seile zu, denn die drei Bewohner hatten unser Kommen längst bemerkt, und sie hißten uns an Seilen zu sich hinauf auf die Felsenplatte.
Dort oben wurde es einem fast schwindlig, wenn man sich umsah. Man hatte das Gefühl, als würde einen der Meerwind forttragen. Da oben war kein Baum und kein Strauch und kein Halm und keine Blume und nicht das kleinste Kräutlein, sondern nur eine Steinfläche und in ihr eingehauen einige gähnende Felsenspalten und Risse, die da klafften.
Rundum kreiste das leere Meer. Die ferne Küste lag im Abend außer Sehweite, und nur einige der letzten Inseln sah man wie winzige graue Wölkchen ganz fern, in der Richtung gegen die Küste, auf dem pechschwarzen Wasser liegen. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob diese grauen Flecken im Meer Erde oder Nebel waren.
Unendlich toste das Meer hier draußen. Ich fühlte mich anfangs betäubt auf diesem zu furchtbarer Meereinsamkeit verdammten Stein. Es war mir, als sprächen die Felsenplatten, über die ich trat, vor Sehnsucht zart werdend, vor Sehnsucht nach der Küste, mit meinen Füßen, bei jedem Schritt, den ich tat. Und die Felsenplatten wußten nicht, was sie tun sollten, um ihre Freude zu zeigen, weil sie von Füßen berührt wurden, die vom riesigen Mutterfestland kamen.
Es war etwas wie Ratlosigkeit über dem kahlen Inselstein, der nie Fremde sah, vom Augenblick an, da der junge Schwede und ich erschienen. Aber es war eine freundliche, aus Beglückung stammende Ratlosigkeit.
Ratlos war der kleine, alte, vertrocknete Kapitän, dessen Körperchen flach und dürr war, von Sonne und Wind und Meersalz gebeizt und gedörrt wie ein getrockneter Stockfisch. Und ratlos war die Magd, die Frau des zweiten Wächters, und der Wächter selbst.
Als wir oben bei ihnen auf der Klippe standen, schüttelten sie uns abwechselnd bald die linke, bald die rechte Hand mit ihren beiden Händen. Sie streichelten den Kleiderstoff an unseren Schultern und Armen, und sie lachten, und sie bückten sich, und sie schlugen die Hände zusammen, und sie lachten wieder, und sie sprachen alle drei zu gleicher Zeit, und sie lachten alle drei zu gleicher Zeit, und sie schüttelten sich selber gegenseitig die Hände, denn es war ihnen ganz wunderbar, daß sie zwei Lebende, wirkliche, lebende junge Männer an den Seilen emporgezogen hatten, sie, die sonst während des ganzen Jahres nur das traurige Geschäft zu verrichten hatten, Leichen von Schiffbrüchigen, die vorüberschwammen, aufzufischen. Leichen waren ihre Menschenbesuche. Andere Besucher kannten sie kaum. Andere als tote Menschen fanden sich hier selten ein.
Im Frühjahr und im Herbst, nur zweimal im Jahre, kam der Regierungsdampfer gefahren, der ihnen den Mundvorrat für das nächste halbe Jahr in Kisten ausschiffte, und der alle Leuchttürme an der Küste zu versorgen hatte. Aber dieser Dampfer legte nur ein paar Stunden kurz an, und dann fuhr er weiter. Dann fischten die Einsamen wieder Leichen, wenn im Herbst oder Frühjahr zu den Gezeiten ein unglücklicher Schoner oder ein segelnder Dreimaster vom Orkan an die Klippe geschleudert wurde. Sie hatten oft nur ein paar gellende Schreie oder ein paar Zurufe in der Nacht gehört und sahen am nächsten Morgen Tote schwimmen, Menschenleichen, und vielleicht nur noch ein paar Schiffsbretter.
Diese Klippe war ein Unglücksblock, düster umstanden von jahrhundertealten Schrecknissen. Und der Riesenblock erzitterte immer. So ungeheuerlich war der Meeresdruck hier, daß der große Felsenwürfel Tag und Nacht bebte.
Mir aber schien es, als hätten die Wellen den Felsen eben erst hergetragen und als könnten sie ihn gleich wieder fortheben, denn ich war auch eben erst hergetragen worden, und ich hatte meinen Standplatz noch nicht begriffen. So neu und fremd war alles um mich, daß das Leben mir hier wie ein Spuk vorkam, und hundert Verwandlungsmöglichkeiten schienen mir möglich.
Ich selbst fühlte mich ratlos. Der weite Ausblick rundum war schwindelerregend, denn wo ich hinschaute, war ein Abgrund.
Die Kuh im Stall brüllte unausgesetzt, seit wir gekommen waren. Und aus einer Felsenspalte krähte der Haushahn unausgesetzt, der dort mit seinen Hennen lebte. Die Tiere begrüßten uns wie die Menschen verwirrt und aufgeregt.
Es waren da keine Bäume über unseren Köpfen, kein Grashalm am Wege. Nichts Vermittelndes zwischen Himmel und Erde. Nur die glatte geschliffene Felsenplatte zu Füßen und darüber unendliche Luft.
Die Felsenfläche war nicht größer als ein kleiner Dorfmarktplatz. Aber die Häuser fehlten. Nur der Meereswind kam pfeilgerade über den Platz. Kam und ging. Und draußen im Wasser stand hie und da eine Meereswelle aufrecht und bäumte sich gegen eine andere Welle, und beide bildeten zusammen einen weißen Palmbaum aus Schaum. Dort im Meer waren dann die unterirdischen Klippen, an denen die Schiffe so leicht zerschellten.
Bei den Leuten hier auf der Klippe mußten wir übernachten. Es war gegen sechs Uhr abends, als wir angekommen waren, und wir hätten nicht mehr genug Segelwind gefunden, um die Küste zu erreichen. Auch wäre es zu dunkel in den Inselgassen geworden, und wir hätten vielleicht nicht zurückgefunden.
Wir gingen zum Haus hin, und ich hatte bei jedem Schritt das Gefühl, als wenn wir ins Meer fallen könnten. Denn das Meer, das so riesenhaft ringsum lag, übte eine mächtige Anziehung aus von allen Seiten. Am liebsten hätte man sich flach auf die Steinfläche gelegt und mit dem Gesicht in den Himmel gesehen, um von dem Schwindelgefühl frei zu werden.
Wir hatten vorher im Boot das Rauschen des Meeres als einen wohltuenden Rhythmus empfunden. Und erst als die Insel, auf der wir jetzt waren, uns näher gekommen war, waren wir aufgestört worden durch den betäubenden Lärm, durch den Gischt und die überstürzende Flut, durch die waschenden Wellen und ihren donnernden Anprall und durch das gurgelnde Getose der Brandung, das uns mit seinem ohrenbetäubenden Lärm mehr und mehr umfing.
Vermittelst eines Sprachrohres hatten die Leute von der Klippe oben zu uns ins Boot hinuntergeschrieen. Und auch jetzt, oben angekommen, konnte man nicht reden, sondern man mußte schreien und lachen. Man schrie und lachte mit dem Höllenlärm rundum. Erst als im Haus die Türen geschlossen waren, wurde es möglich, die Menschenworte zu verstehen.
Der kleine lebhafte, ganz vertrocknete Kapitän plauderte mit uns zärtlich und kindisch vergnügt, wie ein Knabe, dem man zwei junge Katzen geschenkt hatte. Und er schob in seinem Zimmer viele Stühle an den Tisch, so viele Stühle als er hatte, als wären nicht bloß zwei Menschen, sondern wenigstens das halbe Fjellbacka zu ihm gekommen.
„Die Einsamkeit hat ihn etwas närrisch gemacht, den Alten,“ sagte der junge Schwede zu mir, und er bot dem Kapitän von seinen Zigarren an. Beim Rauch der Zigarre begann der Alte gleich von seinen Reisen nach Westindien und von Havanna zu erzählen. Und er erzählte, er wäre auch viele Male im „echten“ Indien gewesen, in Bombay, in Kalkutta und Colombo. Und er war oft in China, in Java und Australien gewesen und viele Male rund um Afrika und rund um Kap Horn in Südamerika, war teils mit großen Segelbooten, teils mit Lastdampfern gefahren. Er kannte alle Küsten der Erde.
Er war auf allen Weltmeeren mit Dutzenden von Schiffen herumgetanzt, und er konnte jetzt noch nicht stillsitzen. Trotzdem er schon zehn Jahre auf dieser Klippe lebte, um seine alten Tage nützlich zu verwenden, hatte er doch nicht Ruhe lieben gelernt. Seine Zunge stand so wenig still wie seine Beine, und nur seine Hände steckten nach alter Seemannsgewohnheit in den Taschen.
Vierzehn Schiffbrüche hatte er mitgemacht. Vier eigene Schiffe hatte er verloren, und jetzt war er arm wie der Meerwind. Er hatte auf Ansuchen diese armselige Stellung von der Regierung bekommen und war jetzt Feuerturmwächter hier draußen auf dem letzten bewohnten Klippenstein im Skagerak. Und weil er die Unruhe liebte, liebte er auch den Meereslärm, der hier rund um die Steine war, und er hörte den Lärm schon fast gar nicht mehr.
Obwohl bei jedem Tür- und Fensteröffnen das Meeresgeschrei hereinstürzte, als wenn draußen ein ewiger Mord und Totschlag wäre, war es ihm doch in den Zimmern oft zu still, und er hatte sich deshalb eine Unzahl von laut tickenden Uhren angeschafft. Er schien seinen Jahresgehalt für den Einkauf neuer großer Standuhren auszugeben. Die Wände waren voll von Standuhren, und diese tickten alle zu gleicher Zeit, und ihr Räderwerk schnurrte durcheinander. Und der Kapitän hatte seine Freude daran in seiner Einsamkeit, die Uhren schlagen zu lassen, ihre Gewichte aufzuziehen und ihre Zeiten miteinander zu vergleichen.
Mir aber war vor den vielen lauten Uhren, als wenn da Katzen an den Wänden säßen und schnurrten, und im dämmerigen Abend sahen auch alle die vielen weißen Zifferblätter weißen dickbackigen Katzengesichtern ähnlich.
Die Magd brachte zum Abend einen gekochten mächtigen Hummer und geräucherte Fische, gesalzene Fische und gekochte Fische und eine Schüssel voll mit dampfenden Kartoffeln. Aber in der vollständig geruchlosen Luft hier draußen im Meere, wo kein Halm und kein Laub und kein grünendes Maienholz duftete, und Häuser und Menschen vom Wind stündlich ausgepeitscht wurden, so daß kein Geruch an den Kleidern und den Wänden haften blieb, dufteten auch die Speisen nicht.
Es roch während der Mahlzeit nicht nach Fisch und roch nicht nach Kartoffeln, und es roch auch nicht nach Zigarren, wenn man rauchte. Und man hatte das Gefühl, als wären die angerichteten Speisen alle nur Schaugerichte aus Pappendeckel, wie man solche auf der Bühne in Theaterstücken verwendet. Man merkte nur auf der Zunge, ob man etwas Warmes oder etwas Kaltes hinunterschluckte. Der Geschmack aber war gleich null.
Der warme Kaffee schmeckte wie warmes Wasser, die kalte Milch wie kaltes Wasser. Der Branntwein brannte und gesalzenes Fleisch und Fisch unterschieden sich nur durch den stärkeren oder schwächeren Salzgeschmack. Man aß und schmeckte nichts und war eigentlich um einen Lebenssinn, den Geschmackssinn, betrogen. Man horchte und hörte nur Lärm, immer wieder Lärm, nie einen gesteigerten und nie einen verminderten Lärm. Man horchte auf den unendlich vielen Lärm und hörte doch nichts und kam sich vor wie einer, der an beständigem Ohrensausen leidet. So war man wieder um einen Sinn genarrt, um das Gehör.
Trat man an ein Fenster, da sah man draußen nichts als eine Linie zwischen Wasser und Himmel. Und trat man an ein zweites Fenster und sah nach einer anderen Himmelsrichtung, so sah man wieder nichts als dieselbe Linie, und so war es bei jeder Himmelsrichtung. Man sah nichts als eine Linie zwischen einer dunklen Leere und einer etwas helleren Leere hingezogen. Und man wußte nicht, was man am Fenster mit den Augen anfangen sollte, und warum die Fenster Scheiben hatten und hinaussahen. Und man mußte einsehen, man war auch noch um den dritten Sinn hier bestohlen, um das Gesicht. Denn, so weit man auch die Augen und die Fenster aufriß, man sah nur immer wieder eine zweifache Leere und in deren Mitte eine einzige dünne Linie.
Da auch die Steine vor der Türe keinen Duft hatten, so schienen hier alle Sinne überflüssig zu sein. Man hätte ebenso gut als Leichnam hier ankommen können. Man hätte nichts dabei verloren. Denn alle Sinne gingen hier leer aus. Das Menschenleben ist hier draußen überflüssig! Das schien der Höllenlärm rundum jedem Ankömmling zuzuschreien. Hier wollen nur Wasser, Luft, Sonne und Stein zusammenkommen! So schrie es aus dem Trubel und aus dem vielfachen Echo und Getöse der Brandung und des Windes.
Und man wird verstehen, daß die Menschen hier alle etwas verrückt wurden, wenn sie lange auf dem Inselstein blieben. Sie mußten deshalb abgelöst werden. Sonst lösten sie sich eines Tages selbst ab und stürzten sich im Irrsinn von der Klippe hinunter in das Meergeschrei, um nur einmal zu versuchen, ob sie diesen Lärm nicht überschreien könnten, auch wenn sie ihr Leben dabei einsetzten. Und siehe, der Lärm hörte plötzlich dann in ihnen auf und wich einer lang ersehnten tiefen Stille.
Aber bis die Menschen dazu kamen, sagten sie sich dort alle immer vor, daß sie den Lärm nicht hörten. Aber das sagten sie nur, weil sie den Lärm hören mußten und ihm nirgends ausweichen konnten. Der Meerlärm war tags mit ihnen um ihre Arbeit und setzte sich mit ihnen zu Tisch und legte sich mit ihnen zu Bett, und es gab für sie keine Nachtruhe. Wenn die Leute hier schliefen, war der Lärm doch in ihren Ohren, und die Ohren durften nie schlafen. Und der Lärm zerrüttete allmählich die Gehirne, so wie die Brandung mit der Zeit Felsenblöcke absprengte.
Da in den Holzstuben des Hauses wenig Raum war, hatten dort keine Betten Platz, wie in anderen Häusern, und man schlief in großen Schubladen, die unter Schränken nachts herausgezogen wurden, und worin nur die Hälfte des Körpers Ruhe hatte. Und es sah aus, als meinte man, weil der Lärm den Geist nur zur Hälfte schlafen ließ, sollte auch der Körper nur ein halbes Bett haben.
Ich konnte mich in jener Nacht mit meiner Lagerstelle nicht in Frieden auseinandersetzen, und ich lag mit offenen Augen und horchte neben dem Meeresgeräusch noch auf die vielen irrsinnig tickenden Uhren, die im Zimmer und hinter den Wänden ihre Pendel rastlos arbeiten ließen. Als müßten sie hier die Zeiten anfertigen, die über das Weltall verteilt werden sollten, so arbeiteten alle Uhrenpendel hastig tickend darauf los.
Die Frühlingsnächte waren bereits hell hier oben im Norden. Aber das hatte ich an der Küste im Pfarrhause, wo der dunkle Granit den hellen Nachthimmel nicht widerspiegelte, noch nicht auffallend bemerkt. Hier draußen aber im Meer, wo Wasser und Himmel sich beleuchteten, blieb es während der ganzen Nacht bereits so hell, daß man um Mitternacht am Fenster hätte lesen können.
Da ich nicht schlafen konnte, stand ich aus meiner Schublade in jeder Stunde ein paarmal auf und setzte mich an eines der Fenster. Der Himmel war gelbgrünlich, so wie die Blätter der Pflanzen leuchten, die in Kellern gewachsen sind. Die Sonne war im Norden um zwölf Uhr nachts im Meeresrand ein wenig untergetaucht. Aber es blieb so hell dort, als sähe man die Sonne blaß unterm Wasser liegen. Und um halb ein Uhr kam die Sonne schon wieder wie eine große Elfenbeinkugel aus dem Meer empor. Übernächtig und leblos sah sie aus und glich mehr einem Klumpen Teig, einem großen Mondleib, und zeigte nichts von ihrer sonstigen Herrlichkeit. Sie schien von allem Licht entkleidet zu sein und lag kahl und verlassen da draußen, als bettelte sie selbst um Licht.
Eine Stunde später entzündete sie sich ganz allmählich. Aber der Himmel blieb noch lange hellgrün, als müßte er den Klippensteinen nachts hier draußen im Meer den grünen Schein der Küstenwälder ersetzen, das Grün jener Wälder und Bäume, nach denen die Steine im Frühling zu hungern schienen, das Grün, das ihnen die Sonne nicht geben konnte.
Wohl sind die Nächte hell im Norden, und man spricht viel von ihrer Schönheit, aber mir schienen sie immer krankhaft, jene hellen Nächte, nicht wie eine Verschönerung, sondern wie eine Entstellung der Natur. Sie waren wie Einäugige traurig anzusehen. Man bekam nicht den vollen Blick, sondern nur einen halb lebenden, halb getöteten Blick vom Licht dieser hellen Nächte. Man erlebte sich selbst in dieser halben Helle als ein Zwischending von Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Man saß nicht ruhig in seinem Körper. Man konnte sich aber auch nicht stark im Geist erheben, da man von dem hinschmachtenden Licht in seinen innersten Kräften unsicher gemacht wurde.
Ich wünschte oft die Dunkelheit herbei. Ich kann mir gut vorstellen, daß die Berserkerwut, die früher unversehens bei den nordischen Völkern einzeln und in Massen ausbrach, und daß auch der große Wanderzug, der die Normannen bis zum Mittelmeer nach Sizilien und nach Island und nach Nordamerika getrieben hat, von den hellen Nächten angeregt wurde, die keine Ruhe geben, und die nach den langen Winternächten mit übermäßigem Lichtbesitz auch übermäßigen Machtbesitz vorspiegelten und die Männer in die Meerräume hinauslockten, wo das Gold der Welt und nicht die Sonne jene Nächte aufzuhellen schien.
* * * * *
Am nächsten Morgen rückte der kleine vertrocknete Kapitän, während er alle seine Uhren aufzog, mit dem Wunsch heraus, einmal wieder eine Kirche besuchen zu dürfen. Es war Sonnabend, und wir verstanden, daß er gerne mit uns hinüber zur Küste segeln wollte.
Wir dachten nicht weiter darüber nach, ob ihn auch noch etwas anderes zur Fahrt nach der Küste locken könnte, und der junge Schwede sagte zu mir:
„Wenn der Kapitän mitfahren will, dann ist es nicht nötig, daß wir gleich in den Vormittagsstunden zurückkehren. Dann können wir auch erst nachmittags fahren. Und sollte der Wind abflauen, dann wird der Kapitän, der ein ausgezeichneter Ruderer ist, uns beim Rudern helfen, und wir brauchen nicht zu befürchten, von der Nacht überrascht zu werden.
Den Vormittag können wir dann damit ausfüllen, daß wir erst noch hinaus nach den letzten Inselsteinen eine kleine Segelfahrt wagen. Es sind da Steine draußen im Skagerak, wo keine Menschen wohnen, aber wo Tausende von Möwen jetzt nisten.“
Wir segelten dann in den Morgenstunden über das blauschwarze Morgenmeer, das uns mit weißköpfigen kleinen Wellen entgegengeschwommen kam. Es war, als zeigte jede Welle ein blankes Gebiß.
Das Boot glitt spielend in die Wassertäler und wurde auf halber Talfahrt schon wieder von einem Wasserberg, der unter ihm anwuchs, in die Luft gehoben, und das Aufsteigen und Versinken des Wassers wurde immer mächtiger, je weiter wir hinauskamen in den offenen Skagerak. Das Meer überspritzte uns, und wir kamen in die Nähe von hohen aufsprudelnden Wellenspringbrunnen, die sich über unterirdischen Klippen wie Geisire weißschäumend aufbäumten.
Aber es war seltsam: je mehr Gefahren da ringsum wurden, und je weiter wir vom letzten bewohnten Klippenstein fortkamen, desto ruhiger und gefahrloser, einfacher und natürlicher fühlte sich mein Herz werden. Die Allmacht des Meerelementes schien eins geworden mit der Unergründlichkeit meines eigenen Wesens. Und der Weg des Bootes schien mir ebener, weil mir der Weg des Meeres ebener, unverfälschter und unverdorbener vorkam, je weiter ich mich von den Irrsinnigkeiten des verfälschten Menschenlebens entfernte.
Die Magd hatte uns ein paar hartgesottene Eier, Salz und Zwieback mitgegeben. Das Frühstück wollten wir, wenn wir auf einer der Inseln gelandet waren, verzehren. Aber wir wußten nicht, wohin wir uns wenden sollten. Die Inseln, die da aus dem Meere sahen, waren keine Anhöhen, keine Klippen, sondern lagen wie flache große Steinlinsen, jede in einem weißen Brandungskranz.
Der Schwede kannte den Weg nicht und hatte noch nicht hier draußen gesegelt. So kreuzten wir ziellos, und das Meer erschien mir, je höher die Sonne stieg, die es blauer färbte, wie ein stahlblauer Garten, in welchem die Brandungen wie rauschende weiße Blütenbäume standen. Weißen Palmen ähnlich, schäumten die verschiedenen Meerspringbrunnen über den unterirdischen Klippen, und um die Inseln ereiferten sich die Schaumwellen und waren ähnlich wirren weißblühenden Hecken.
Immer vertraulicher wurde mir des Meeres Anblick. Der weite Morgenäther war mir wie ein altbekanntes Hausinnere, und das heilige Meer war wie ein altbekannter jauchzender unendlicher Garten. Das Boot wiegte uns zwischen der Lust der Gefahr und der Lust des unendlichen Friedens.
Es war eine Fahrt durch unwirkliches Leben, denn die Größen der Gefahren verflüchtigten das wirkliche Dasein derart, daß man sich über Tod und Leben gleichmäßig erhaben fühlen mußte.
Von der Küste sahen wir kaum einen Nebelrand, und die Klippe, auf der wir übernachtet hatten, war nur als ein weißes Schaumpünktchen fern im schwarzblauen Meer zu sehen. Wäre unser Boot in einen Meerstrudel gekommen, deren es viele rundum gab, so wären wir im Kreis getrieben, mit dem Boot eingesogen worden und verschwunden wie ein Bissen in der Gurgel eines Tieres. Nirgends hätte man es bemerkt, und niemand hätte Rettung bringen können.
Aber darüber dachten wir kaum sekundenweise nach. Das Meer hatte uns eingeladen, und wir fühlten uns als sein Gast, und wir genossen das Bewußtsein der Gefahr und waren ganz Aug’ und Ohr für die Meerfestlichkeit ringsum.