Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 19

Chapter 193,637 wordsPublic domain

Dieses erzählte mir der Schwede, während wir jetzt im schönsten Morgensonnenwetter an dem Inselstein vorüberkreuzten. Und es war mir wunderbar, auszudenken, daß Steine aus dem Meere wachsen und daß neue Welten sich bilden, und daß das hundertjährige kleine Inselchen noch wie ein Kind im Verhältnis zu den großen Inseln draußen war und doch schon hundert Menschenjahre zählte.

Und auszudenken, daß da einmal, wo wir jetzt über Abgründen, mit Meersalz bespritzt, in der Morgensonne hinfuhren, das Wasser verschwunden sein würde und überall Land auferstehen würde!

Daß dann da Menschen gehen und Häuser bauen würden, wo jetzt Wasser war! So wie das Pfarrhaus drinnen im Land auf Meeresgrund stand, so würden Menschen hier walten, und niemand würde sich dann der Menschen von heute mehr erinnern nach den Tausenden von Jahren; niemand würde an uns beide denken können, niemand an diesen Tag, an dem wir hier Wirklichkeit waren.

Und wir hatten doch wirkliche Herzen und Hände, die jetzt eben in jedem Augenblick auf unser Leben bedacht sein wollten, die die sonnendurchleuchtete Segelleinwand sorgsam an den Tauen der Windrichtung anpassen mußten und vorsichtig gegen den Wind kreuzen mußten, um unsere Leben über die Abgründe zu bringen, die unter uns lagen.

Und auszudenken, daß unsere Schatten und der Schatten des Schiffes, die als schwarze gezeichnete Flecken über die grüne Wasserfläche mitfolgten, nicht körperloser waren als die Körpermasse des Bootes und unserer beiden Menschengestalten! Und ich verstand, daß das Holz des Bootes und sein Leben und das Leben der Segelleinwand und unsere Körper aus Fleisch und Blut, die so verschieden aussahen, im Grunde sich in nichts voneinander unterschieden. Sie würden, wenn hier das Wasser verschwunden und dieser Meeresplatz ein Tal mit Menschenhäusern darin geworden war, alle in der Spurlosigkeit eins geworden sein. Dieses Meer von heute, dieses Boot von heute und wir zwei Menschen im Boot waren im Grunde körperlose Schatten.

Und diese Betrachtung, die sicher täglich an verschiedenen Orten der Erde und rund um die Erde Tausende von Menschen anstellen, diese Betrachtung, die angestellt worden ist, so lange Menschen auf der Erde leben, endete bisher immer bei allen Sterblichen mit einem Seufzer des Sichhineinfindenmüssen in die lästige Vergänglichkeit.

Die Menschen aller Zeiten sahen das Vergehen ihrer Gestalt fast als eine persönliche Beleidigung an, als eine Beleidigung, die ihnen jemand antat, jemand, von dem sie behaupteten, daß er stärker wäre als sie.

Und das Menschenleben konnte nie recht aufatmen, wenn es an die Vergänglichkeit erinnert wurde. Denn nur wenige haben den Gedanken in all den Zeiten zu Ende gedacht, der mit etwas Lebenslust so leicht zu Ende zu denken ist.

Es wird uns nichts angetan, auch, wenn wir am Ende unseres Menschenlebens den Tod zur Menschengestalt kommen lassen. Denn wir sind aus der Vergänglichkeit hergekommen, aus der Unergründlichkeit, und gehen in die Unergründlichkeit. Wir gehören also dem Unergründlichen immer an, auch in jeder Sekunde des Lebens, weil wir von dort herkamen. _Aber wir gehören ebensogut immer der Wirklichkeit an, weil wir zur Wirklichkeit kommen konnten_.

Da einmal für uns die Möglichkeit vorhanden war, ins Wirklichkeitsleben zu kommen, so können wir ruhig annehmen, daß diese Möglichkeit schon tausende Male und immer in uns vorhanden war und ist. Wir müssen verstehen lernen, daß wir bereits tausende Male zur Wirklichkeit gekommen sind, und daß wir viele tausende Male immer wieder dieselbe Möglichkeit finden werden. Die Unergründlichkeit, der Tod, hält uns nicht für ewig fest, so wie die Wirklichkeit, das Leben, uns nicht ewig festhält.

So denken logisch die meisten Asiaten heute schon, und so haben die alten Ägypter gedacht, und so sollten wir wieder denken, nur mit dem neuen Zusatz unserer in tausend Jahren weiter fortgeschrittenen Erkenntnis, daß jeder Mensch, der da stirbt, die Kraft des ganzen Weltalls so gut in sich trägt, in seiner ihm angeborenen Unergründlichkeit, wie er auch die Schwächen seiner kleinen Wirklichkeitsfigur zugleich mit sich trägt.

Und es ist kein Seufzen, mit dem ihr diese Betrachtung schließen müßt. Ihr müßt lernen, mit weisem Lächeln eurem Verschwinden nachzusehen. Ihr müßt es feiern lernen, daß eure kleine Wirklichkeit vergeht und immer wieder vergehen muß, und müßt wissen, _daß ihr immer besteht als unvergänglich_, so oft ihr auch das Wirklichkeitsspiel scheinbar verlaßt; das Festspiel des wirklichen Lebens behält euch immer.

Und wenn euch dann der Gedanke kommt: dieses Boot, in dem ich segle, dieses Meerwasser, auf dem ich fahre, diese Menschengestalt, in der ich heute die Segelfahrt genieße, sie werden in abertausend Jahren verschollen sein, dann werdet ihr lächelnd sagen:

Aber die Fahrt war deswegen doch festlich und genußreich, und es gibt noch Tausende von Sternen und Tausende von Lebensarten, auf denen und in denen wir wieder aufleben werden.

Ein schöner Tag, eine schöne Morgenfahrt wie heute, ist deswegen nicht weniger schön, weil sie vergänglich ist. Denn jedes Menschen Unergründlichkeit steht hinter seiner Gegenwart, seine Unergründlichkeit, die viel tiefer ist als diese Meerestiefe unter dem Boot, und die viel tiefer ist als alle Höhe über dem Boot.

Sie, unsere Ewigkeit, unser festlicher Besitz und der festliche Besitz aller, weilt bei mir im Boot, in mir, in meiner Gestalt. Sie schaut aus dem Wasser neben mir herauf, sie dröhnt aus dem Holz des Bootes, sie leuchtet aus der Leinwand des Segels, sie blickt mich aus dem Auge meines Kameraden im Boote ebenso an, wie sie aus meinem Auge ihn und alle Dinge rundum unergründlich ansieht.

_Wie wenig ist dagegen die endliche Wirklichkeit, die ihr beweisen möchtet, der ihr nachseufzen möchtet, da doch die herrliche erhabene Unergründlichkeit -- die ihr besitzt, und die euch besitzt -- weitaus großartiger als die Wirklichkeit jede eurer kleinsten Handlungen beleuchtet_!

_Darum seufzt nicht über die unwirkliche Vergänglichkeit. Nichts stört euer großes Fest, ihr seid von Ewigkeit zu Ewigkeit mitten in diesem Fest, immer und ewig_. --

* * * * *

An diesem Tage, bei dieser Segelfahrt, sah ich auch die Inselgassen wieder, in die wir nach der Durchkreuzung des Meeresplatzes eintraten. Die vielen Möwenvölker, die im Winter dagewesen, waren jetzt fortgeflogen. Sie sind im Sommer draußen, sagte mir der Schwede, auf den äußersten Inseln im offenen Skagerakmeer, wo sie brüten. Nur hie und da glitt ein einzelner Strandvogel durch die stille Luft der geheimnisvollen Gassen.

Ich mußte an Venedig denken, als wir zwischen den hohen Felsenwänden in den Wasserläufen im Boote hinglitten. An ein versteinertes farbiges Venedig! Während wir zwischen dunkelblauen und grauen Klippenwänden fuhren, leuchteten hohe goldgelbe Steinwände auf und purpurbraune getürmte Riesenblöcke, und im Wasser zuckten die Widerscheine auf vom feuerblauen Frühlingshimmel, der wie ein blaues Glasdach die dämmerigen Inselgassen hell überdeckte. Im Wasser kreiselten langgezogene, farbige Spiralen, rote, gelbe und blaue, auf grünem Schattengrund, als wäre das Meerwasser hier mit beweglichen schwimmenden Blumenmassen angefüllt.

Ernst sah uns jeder vorweltliche Steinkoloß an, der die Menschenstimme zurückgab und doch regungslos blieb. Hie und da wehte aus einer Felsenspalte ein verlassenes Birkengebüsch im Morgenwinde.

Tiefe Versunkenheiten waren um uns, die fernen, dem Menschen unbekannten Leben: die Gedanken und Gefühle der Fische, die Gedanken des Tangs und die Gedanken der versunkenen Steine und Muscheln, die Gedanken und Gefühle vorüberstreichender lautloser Vogelpaare, die Gedanken des Morgenlichtes und des Morgenwindes. Alle begleiteten uns, vereinigten ihr tiefstes Leben mit unserem tiefsten Leben und verstanden sich hier untereinander in den lautlosen Gassen, wo nur der Kiel des Bootes im Wasser knisterte und der Meerschaum an der Bootswand zischte. Meersalz, das eben noch im Wasserabgrund gelebt, klebte, angespritzt, an unseren Segeljacken, bildete dort Kristalle und blitzte uns an, aufgestanden vom Wasserleben zum Sonnenleben.

Solchen innersten Zusammenkünften der Gedanken- und Gefühlswelt, die der Wald oder der Fluß, das Meer oder nur ein Feldweg in Stille und Einsamkeit dem Menschen anbieten, diesen schweigenden unergründlichen Unterredungen zwischen Menschengedanken und Naturgedanken gaben die Menschen sich seit Jahrtausenden immer gerne willig hin. Ich meine die natürlichen, gesunden, einfachen und starken Menschen, jene klugen Menschen, die fühlen und wissen, daß nicht der Mensch allein dem Menschen Lebensklugheit gibt und Lebensreichtum.

Keine bewußten Gedanken machen einem vor der Natur jene Bereicherung und jenes Klügerwerden klar. Aber der ganze Mensch fühlt sich, wenn er wieder aus Natureinsamkeit, von jener schweigenden Unterhaltung, die er mit den Naturleben pflog, zu den Menschen zurückgekehrt, lebensbestärkter und lebenssicherer und benimmt sich dann also auch lebensklüger und lebensreicher zu den Mitmenschen.

Es ist nicht der Sauerstoff der Luft allein, nicht allein das wärmende Sonnenlicht, nicht die Stille allein, die den Menschen also in der Natur stärken. Es sind die unbewußten Unterhaltungen und Festlichkeiten, die entstehen, wenn sich die Unergründlichkeit des Menschen mit der Unergründlichkeit der anderen Lebewesen zu einem großen Schöpfergefühl vereinigt. Wobei das Geschöpf Mensch, ohne daß es sterben muß, totenstill und wunschlos wird und in Fühlung tritt mit seiner Unermeßlichkeit, mit seiner unsterblichen Urkraft.

Nicht bloß dem höher gebildeten Menschen, auch dem geistig tiefstehenden, ist es unbewußt innigstes Bedürfnis, von Zeit zu Zeit mit offenen Augen und offenen Ohren mitten im Naturleben, im Wald, Feld, auf einem Berg oder auf dem Meer sein Urweltgefühl dem Urweltgefühl der Naturleben bewußt oder unbewußt hinzuhalten und so für Augenblicke die Menschengestalt zu vergessen. -- Der Dichter aber, der aus der Stadt fort von den Menschen wandert und seine Unergründlichkeit mit der Unergründlichkeit des Naturlebens zusammenlegt und sein tiefstes Menschengefühl, sein Liebesgefühl zu einem Menschen, in die Natur hinausträgt, ihm wird diese Vereinigung den Rhythmus eines unermeßlichen Liebesliedes geben. Und der Wald oder das Meer, der Berg oder der Garten, zu dem der Dichter sein Liebesgefühl hintrug, die Wiese und der Wind, der Vogel und der Baum, die fernsten Sterne und der nahe Mond, sie werden alle mit ihm zusammen Liebeslieder erfinden, wenn er seine Menschengestalt bei ihnen weilen läßt und seine Unergründlichkeit mit ihrer Unergründlichkeit umgibt.

Die Naturleben verwandeln sich, so wie das Wetter, zu jeder Tagesstunde, und so wie die Beleuchtung und die Jahreszeiten täglich wechselnd vorüberschreiten, so werden sie -- wenn ein Dichter immer mit dem gleichen warmen Liebesgefühl von seiner Geliebten kommt, oder wenn er in Zweifel von ihr kommt, oder wenn er getrennt von ihr in Sehnsucht kommt, oder wenn er beglückt von ihr in Freude kommt -- so werden sie immer wieder, wenn er mit seinem unergründlichen Liebesgefühl die anderen unergründlichen Leben betrachtet, für jede seiner Stunden, die er in ihnen untertaucht, ihm eine andere Melodie gleich einer neuen Perle schenken.

Und jedes so entstandene Gedicht wird anders singen, und es ist da kein bestimmtes Versmaß, das dem Dichter vorgeschrieben ist, als das Versmaß seines Herzens und seiner Umwelt. Denn das Weltall kann dem Dichter das Liebesgefühl täglich in neuen Versmaßen zusingen, so daß er eine tausendtönige Stimme erhält, und jeden Tag eine neue Melodie. Und später sieht der Dichter auf einen unermeßlichen Melodienreichtum zurück. --

In der geheimnisvollen Inselstadt, deren Häuser mammutartige Klippenblöcke waren und Klippenberge, dort war, ganz verloren und vereinzelt, manchmal eine Menschenhütte hingestellt, ein gelbes oder rotes Holzhaus eines Fischers, mit weißen Tür- und Fensterleisten, schmuck und freundlich. Ein solch einsames Häuschen wirkte aber wie verhext, wenn es hinter einer Klippenkante auftauchte und in den glasgegossenen Meergassen scheinbar dem Boot entgegenschwamm.

Wir stiegen bei einem solchen Haus aus, der Schwede und ich. Das Holzgebäude stand etwas vom Wasserspiegel abgerückt, ein paar Schritte fort auf Steingeröll, aber es hatte eine bretterne Landungsrampe auf Pfählen vor sich. Sonst wäre es unmöglich gewesen, an den steil ins Wasser abfallenden Felsenwänden zu landen.

Grabesstille war auf dem kleinen Geröllplatz. Das gelbe Häuschen und ein paar rotbemalte Holzschuppen daneben leuchteten uns an, als wären sie von einem gelb und roten Feuer beschienen. Erstaunlich farbig standen die Gebäude hier bei den grauen Gesteinmassen. Und nichts rührte sich rund um die Hauswände.

Nur ein paar Geröllsteine klapperten unter unseren Füßen und waren wie Wächter, die ein Signal geben. Dann schob sich eine Frauengestalt aus der Haustüre und kam uns in der Morgensonne einige Schritte entgegen.

Als der Schwede seinen Namen nannte, verstand die Frau, daß er des Pfarrers Sohn war, und ihr erstauntes Gesicht wurde freundlich.

Sie hatte ein einfaches dunkles Kleid an, und in der Stube, in die sie uns hineinführte, waren mir Tisch und Stühle, Schrank, Spiegel und Sofa und die Bilder der Königsfamilie so erstaunlich wie das Kleid jener Frau, denn alle diese Dinge waren aus derselben Zeit wie wir.

Ich würde aber eher erwartet haben, daß eine Wikingfrau im selbstgewebten Mantel uns in ein leeres Wohngewölbe geführt hätte, wo nur ein Herd und Felle an der Erde den Gast empfangen hätten.

Denn ich war durch Jahrtausende gefahren in diesen Morgenstunden in den Inselgassen und mußte mich erst wieder damit zurechtfinden, daß ich in meiner Zeit geblieben war. So ungeheuerlich war die Einsamkeit zwischen den Klippen hier gewesen, daß, als wir das Boot angelegt hatten, es mir schien, als hätte ich seit Menschenalter kein Land mehr betreten, und als hätte ich viele Leben gelebt.

Ich war auf der Herfahrt, über den Bootsrand schauend, in der Wassertiefe oft einer der Dorsche da unten gewesen. Ich hatte auch als ein Muscheltier in vielen Muscheln gelebt. Ich war auch als Qualle neben dem Boot hergekreiselt. Ich war auch als einzelne Möwe den Möwen nachgeflogen hinaus zu den Brutstätten. Ich war ein Birkenstrauch gewesen, eingeklemmt in eine Klippenspalte, und hatte die Morgensonne auf meinen Blättern spielen lassen.

Und ich war unzählige Male ein roter Stein und ein gelber Stein und ein brauner Stein und ein grauer Stein gewesen und hatte angeschwemmten Tang jahrelang an mich anwachsen lassen und kleine Schnecken. Und ich bin in der Ebbezeit ein wenig aus dem Wasser gestiegen und bin in der Flutzeit mit meinem Tang und meinen Schnecken, vom Wasser überspült, unsichtbar geworden für die Oberwelt.

Ich bin in so vielen Leben gewesen, die ich vorher nicht gekannt hatte, so daß es mich sehr erstaunte, als die Frau in dem Haus an der Klippengasse in denselben Kleidern zu mir trat und in dieselben Möbel mich niedersetzen hieß, die ich in Fjellbacka, wie mir schien, vor Tausenden von Jahren verlassen hatte.

Denn wenn ich im Boot an Menschen dachte, so hatte ich vergangener Menschen Leben in den Meergassen nachgelebt. Unser Segelboot hatte sich unzählige Male in das Drachenschiff eines Wikinghäuptlings verwandelt. Denn diese Wasserläufe, durch die wir kreuzten, hatten früher die Spiegelbilder der Boote der Wikinger vor Tausenden von Jahren verschluckt und widergespiegelt. Und die Felsen hatten damals die Stimmen der erzenen Wikingschilde und die Zurufe der Männer in sich verschluckt und konnten sie zurückrufen, wenn wir an sie dachten in der Totenstille.

Dieses gewesene Leben früherer Menschen, das ich auch gewesen bin und wir alle gewesen sind, tönte mit seiner Unergründlichkeit von fern in meinem Bewußtsein an, so daß ich die Gegenwart nur noch verschollen fühlte, und alle Vergangenheit war Macht und Wirklichkeit in mir geworden.

Und so werden auch wir Heutigen einmal über die Zukunftswelt Macht haben, wenn wir Großes getan, Starkes, das sich den Zeiten einprägt wie der Name des Wikingervolkes. So werden Menschen in fernen Zeiten für Augenblicke uns wieder zur Wirklichkeit rufen können, indem wir Besitz von ihren Sinnen, ihrem Geist und ihrem Herzen ergreifen dürfen, und unsere Menschengestalt wird auch für Augenblicke durch zukünftige Menschen wieder zur Wirklichkeit hintreten können. Denn die Menschengestalt, die wir im Tode ablegten, auch sie kennt keinen Tod. Auch ihr Zerfall wird wirklich und unwirklich sein, wie alles Weltalleben. --

Die Fischerfrau, die uns empfangen hatte, erzählte uns, daß ihr Mann nach Fjellbacka gefahren sei; aber wir waren ihm in dem Labyrinth der Inselgassen, da wir auf Umwegen kamen, nicht begegnet. Sie kochte dann für uns Kaffee. Jede einzelne alltäglichste Handlung in diesem einsamen Hause, das umgeben vom breiten Rahmen einer unergründlichen Stille dalag, war hier in dieser Weltferne wertvoll und wichtig, jede Handlung wurde bedeutungsvoll wie ein Kunstwerk im Rahmen künstlerischer Ruhe.

Ein wenig Reisigfeuer prasselte in der Küche auf dem ganz neuzeitlichen eisernen Kochherd, der wahrscheinlich von Gothenburg nach Fjellbacka gebracht worden war. Aber selbst dieser geschmacklose und sonst unschöne Gußeisenherd konnte in dieser Einsamkeit nicht einmal unschön wirken. Er sprach von Treuherzigkeit und Einfalt, ließ die Funken knistern und krachen und zeigte Hilfsbereitschaft wie die Hände der Frau.

Der arbeitende Eisenherd war in der Weltferne hier ein lebendes Wesen geworden, hatte Lebensberechtigung und Lebensbedeutung und war beteiligt am Wohl des Häuschens und verschwand nicht hinter dem tausendfachen leeren Lärmen des Tages, wie die Dinge in den menschenreichen Städten heutzutage hinter dem lärmenden Menschenleben, dem überanspruchsvollen, verschwinden müssen und nur stumme Sklaven sein dürfen, statt mitlebende Freunde und Berater.

Daß wenig Gerät im Hause war, das war es vor allem, was allen Dingen Bedeutung und ein Sichtbarwerden ihres Lebens zukommen ließ. Die Stühle und das Sofa kannten die Frau so gut, wie die Finger an ihren Händen sie kannten.

Da waren im Häuschen auch keine großen hallenden, toten Räume, die totgeborenen Geschöpfen gleichen, wie sie der Mensch in den Städten nur seiner Eitelkeit, seinem leersten Gefühl zuliebe erstehen läßt.

Solche Eitelkeit ist nicht einmal ein Gefühl, so wenig wie der Sonnenreflex Sonne ist. Eitelkeit ist nur zurückgespiegeltes Gefühl. Eitelkeit ist hinter allen Gefühlen immer nur eine Gefühlsleiche, und ihr Anblick erkältet und läßt kein warmes Leben aufkommen. --

Dieses Häuschen war für seine Bewohner nicht mehr als eine Nußschale um einen Nußkern. Und mehr Schale, als der Kern braucht, mehr sollte der Mensch an Geräten und Haus nicht um sich sammeln. Sonst wird die Schale zum Ballast, und der Kern erstickt dumpf und wird schimmelig und verwest im ungesunden Druck der Eitelkeitslasten.

Die Fischerfrau brachte dann ihre guten Tassen, und aus ihrer silbernen Kaffeekanne -- die das ständige Hochzeitsgeschenk dort im Lande ist -- goß sie uns den Kaffee in die uns anlächelnden ehrwürdigen Tassen. Und ebenfalls in einer silbernen Schale auf hohem Silberfuß stellte sie den Zucker zum Kaffee in die Mitte des Tisches und reichte uns auf einem Glasteller von ihrem Zwiebackvorrat, der zu jedem Fischerhause hier gehört wie das Salz.

Ehe die Frau aber das alles brachte, hörten wir zuerst eine Ziege im Holzschuppen neben dem Häuschen meckern, und der Schwede sagte lächelnd: „Jetzt ist sie zu ihrer Ziege gegangen, um Milch für den Kaffee zu melken.“

Wie wunderbar gewichtig wurde dieser einfache Imbiß, dieser Kaffee vormittags um elf Uhr, der im ganzen Lande Elfuhrkaffee genannt wird und eine Landesgewohnheit ist, da die Leute arm sind und nicht mit Wein oder Bier aufwarten können, wie in den südlichen Ländern.

Während wir dann den Kaffee tranken, setzte sich die Frau höflich ans Fenster, ein wenig abseits, um ihre Gäste nicht durch aufdringliches Zuschauen zu stören. An der Wand unter einem Glaskästchen sah ich die in Holz geschnitzte Abbildung eines Bootes, wie man sie fast bei allen Fischersleuten findet. Gewöhnlich haben einige männliche Angehörige solcher Fischerfamilien die Welt als Matrosen oder Steuermänner auf Frachtschiffen bereist und schnitzen, heimgekommen, zur Erinnerung ihr Schiff. Aber dieses Schiffchen hier war nur das Modell eines kleinen Segelbootes, wie sie in Fjellbacka von den Fischern angefertigt werden.

Die Frau folgte mit ihren Augen meinen Blicken und sagte dann -- wie mir der Schwede übersetzte --, daß dieses Boot der eine ihrer beiden ertrunkenen Söhne angefertigt habe.

Sie sagte das einfach und sah mich an und hörte jetzt erst von dem jungen Pfarrerssohn, daß ich ihre Sprache nicht verstünde. Aber das hielt sie nicht ab, auch weiter zu mir zu sprechen, und ich merkte am Tonfall und an dem Blick, den sie bald mit dem Bootmodell und bald mit dem Meer draußen wechselte, daß sie mir das Unglück erzählte, wie es vor Jahren ihre Söhne betroffen.

Und als ich zuhörend unwillkürlich nickte, weil ich begriffen hatte, daß das Boot in der Inselgasse nicht weit vom Hause bei einem Sturm gekentert war, und daß dabei die jungen Leute ertrunken waren, da sah die Frau mich plötzlich ganz entgeistert an und wußte nicht recht, ob sie jetzt gar Deutsch gesprochen hätte, oder ob ich plötzlich bei ihr Schwedisch gelernt hätte. Und sie bat mich, Deutsch zu sprechen, sie wollte sehen, ob sie mich auch verstünde.

Solche Einfalt, welche gläubig ist und nichts für unmöglich hält, konnte dem Menschenherzen nur in diesem einsamen Steinwinkel zufliegen.

Zwei von den Fensterchen des Zimmers, die gegen die Meergasse hin lagen, waren trüb, und noch vom letzten Sturm, der am Tag vorher gewütet hatte, mit Salzkristallen beklebt. Im Herbst, wenn die Stürme immer tobten, wurden oft alle Fenster des Hauses blind von der Salzkruste, die die Wellen an die Scheiben klebten.

Ich konnte auch bald verstehen, warum jener Frau Gesicht fast unbeweglich blieb, wenn sie von den ertrunkenen Söhnen sprach, und weshalb kein Schmerz darin zuckte. Sie sah nämlich oft ihre Söhne in der Einsamkeit deutlich in dem kleinen Boot wiederkommen und wieder fortgehen. Die Mützen der toten jungen Leute hingen noch bei der Tür am Nagel, und die Frau bürstete sie täglich ab. Auch die Bücher, in denen die Söhne gelernt hatten, standen säuberlich abgestaubt auf einem Wandbrett.

In den ersten Tagen nach dem Unglück hatte die Mutter wohl manchmal geweint, aber dann waren die toten Söhne wiedergekommen. Sie hörte sie oft abends die Leiter zur Bodenkammer hinaufklettern und hörte morgens zur Stunde, da sie bei Lebzeiten das Boot gerüstet hatten, ihre Zurufe.

Und die Frau ging oft in Gedanken hinaus an die Anfahrtsrampe und sprach ein paar Worte ins Leere. Aber daß niemand da war und daß beide Jungens ertrunken waren, wenn ihr das einfiel, das störte sie gar nicht. Der Todesfall der Söhne war ihr nur wie eine kurze Krankheit gewesen.

Vom Tod waren für die Mutter beide Söhne längst wieder genesen. Sie kamen auch oft herein und sagten der Mutter, daß es Zeit sei, die Ziege zu melken, und sie erinnerten sie auch an verschiedene Sachen, die ihr nützlich waren. „Es sind gute Söhne,“ meinte sie und nickte mir zu. --

Diese ihre innersten Gedanken aber erzählte uns die Frau nicht. Die hörten wir erst am Abend, als wir nach Fjellbacka zurückkamen, von Leuten, denen es der Mann jener Frau erzählt hatte.

Da ich meine Verwunderung darüber aussprach, daß die Frau die Mützen der ertrunkenen Söhne immer am Türnagel hängen haben wollte, und weil ich damals als junger Mensch glaubte, sie müsse dadurch täglich von neuem an Verlust und Tod erinnert werden, erklärte man mir in Fjellbacka, daß die Frau immer ihre ertrunkenen Söhne kommen und gehen sehe und ihre Toten mehr lebendig als tot fühle.