Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 18

Chapter 183,681 wordsPublic domain

Freitags war der Begräbnistag. Am ersten Freitag meines Aufenthaltes dort wußte ich das nicht. Als ich ahnungslos, am Giebelfenster sitzend, von meinem Buch zufällig aufsah, hörte ich fern am Himmelsrand, wo ein Schneeweg zwischen Granithügeln ging, einen Schlitten klingeln. Als dann das Gefährt am Pfarrhaus vorbeikam, bemerkte ich einen Sarg, der neben dem Kutscher einen großen Platz im Schlitten einnahm. Dieser eine Sarg erstaunte mich noch nicht sehr. Der Schlitten mit dem Sarg fuhr hinter die Hügel, wo die Kirche lag.

Aber nach einer Weile, als ich einen Spaziergang machte, kam auf einem ganz anderen Schneeweg, von einer ganz anderen Himmelsrichtung wieder ein Schlitten an, und als er näher kam, sah ich, daß dieser Schlitten auch einen Sarg mit sich führte. Und auf einem dritten Weg aus einer dritten Richtung hörte ich dann wieder einen Schlitten klingeln, und nun blieb ich neugierig am Kreuzweg im Schnee stehen, um zu sehen, ob er auch einen Sarg dabei hatte. Und wirklich, es war wieder ein Sarg auch auf dem dritten Schlitten.

Nun wurde es mir ganz unheimlich. Da schwarzgekleidete Leute in jedem Schlitten saßen, die in ihre Taschentücher weinten, so konnten die Särge nicht leer sein. Und da die Schlitten aus verschiedenen Himmelsgegenden kamen, nahm ich an, es sei im ganzen Land eine Epidemie ausgebrochen.

Ich hörte dann aber im Pfarrhaus, daß jeden Freitag der Beerdigungstag war. Da die Leichen in dem kühlen schwedischen Klima acht Tage zu Hause aufgebahrt liegen dürfen, konnte man es so einrichten, einen einzigen Tag in der Woche zum Beerdigen festzusetzen.

Samstag und Sonntags waren Kindstaufen und Hochzeiten angesetzt. Diese fielen aber meistens in die wärmere Jahreszeit und nicht in die Schlittenzeit, indessen die Särge natürlich auch in der wärmeren Jahreszeit nicht ausblieben.

Am Samstag und Sonntag sah ich dann immer von meinem Giebelzimmer aus, auf den verschiedensten Wegen, über den Hügeln Bauernfuhrwerke auftauchen, deren Kutscher schon von ferne beim Anblick des Pfarrhofs lustig mit der Peitsche knallten. Gewöhnlich fuhren zwei, drei kleine Wagen hintereinander; und alle Peitschen knallten, und die Räder sprangen hoch über den Steinboden, und die Wägelchen hüpften mehr, als daß sie fuhren, und die Insassen hielten ihre Hüte und ihre Tücher am Kopf fest. Nur lachende Leute kamen an diesen Tagen in den Pfarrhof. Sie wurden an der Haustür des Pfarrhauses ausgeladen und stiegen zum Pfarrer ins Studierzimmer hinauf, wo sie ihre Traupapiere abholten, um nachher zur Kirche zu fahren.

Oder ein anderer Trupp lachender Leute begegneten mir auf der Haupttreppe. Sie trugen ein kleines weinendes Kind auf weißen Kissen oder in dicke Reisedecken gehüllt. Das Kindchen hatte stundenlang im offenen Wagen reisen müssen, um seinen Vornamen im Pfarrhause zu erhalten und seine Aufnahme in die Gemeinde. Auch die Särge hatten oft stundenlang reisen müssen, um ihre Toten bei der Kirche zur Ruhe zu bringen. Ebenso mußten die Brautpaare von allen Windrichtungen stundenweit herreisen, um sich ihren Segen zum Ehestand beim alten weißhaarigen Liebegottpfarrer zu holen. Alles dieses war seit alters her so eingerichtet und wurde befolgt.

Des Pfarrers stattliches Landkirchlein lag hinter einigen Granithügeln, eine kleine Viertelstunde entfernt vom Pfarrhause. Das Kirchenhaus war ein schöner vielhundertjähriger behäbiger Granitbau mit gotischem Gewölbe und erinnerte an altschottische Kapellen. Ganz einsam lag das Gebäude in der Landschaft. Auf einer erhöhten Erdfläche, die den Friedhof bildete, stand diese schmucke silbergraue Kirche und hatte weite Fernsicht über das narbige steinerne Hügelland. Das Kircheninnere hatte Ähnlichkeit mit einem trutzigen Burgsaal. Die Sonne ging den ganzen Tag rund um diesen großen Kirchensaal, der einfach weißgetüncht war und doch einen festlichen Eindruck machte. Die Sonne sah auf ihrem Rundgang zu allen Fenstern in den Saal hinein.

Im Kirchhof draußen standen als Grabsteine viele mannshohe aufgerichtete Granitblöcke, und einige dieser Steine zeigten neuzeitliche Drachenzeichnungen, alte aufgefrischte Wikingererinnerungen.

Eines Sonntagmorgens fragte mich der junge Schwede, ob ich nicht einmal seinen Vater predigen hören wollte. Ich hatte längst gefürchtet, daß einmal im Pfarrhaus dieses Ansinnen an mich gestellt werden könnte. Und als ich fragte, ob der Pfarrer den Wunsch selbst ausgesprochen hätte, ob der Vater den Sohn beauftragt habe, mich zur Kirche zu führen, lachte der Gefragte und meinte, sein Vater kümmere sich nicht darum, was ich glaube oder nicht glaube, denn ich gehörte ja nicht zu seiner Gemeinde. Der alte Herr wisse recht gut, daß jeder nach seiner Art selig werden dürfe.

Wir gingen dann zur Kirche. Der Gottesdienst hatte schon begonnen, und der junge Schwede öffnete deshalb vorsichtig und langsam die Türe, erst nur ein wenig, um zu horchen, weil wir bei einer Pause eintreten wollten.

Dicht bei der Türe hörte ich aus dem Innern des Steinhauses eine laute Predigerstimme. Aber das schien nicht die Stimme des Pfarrers, nicht die Stimme eines gesunden, würdevollen und ruhigen Menschen zu sein. Diese Stimme klagte in den jämmerlichsten Lauten, ächzte, stöhnte und krümmte sich, als winde sie sich, um aus einem Menschenkörper zu entschlüpfen, der sie quälte. Und die Stimme näselte dabei, so daß ich ihr nicht glauben konnte, daß ihre Qual echt sei. Es schien mir, als jammere sie den Jammer eingebildeter Leiden; Leiden, die sie mit einer gewissen Wollust aufzählte. Die Stimme war wie die eines eingebildeten Kranken, der atemlos eine Krankheit nach der anderen an sich zu finden beteuert, und der sich und andere überreden muß, an diese Krankheiten zu glauben, weil er getrieben ist von einer unerklärlichen Notwendigkeit, fortgesetzt mit Krankheiten, die nicht vorhanden sind, sich und andere zu beschäftigen.

„Das ist doch nicht Ihr alter, ernster, Ihr stattlicher und rüstiger Vater, der da drinnen von der Kanzel spricht,“ sagte ich tief erstaunt zu dem jungen Schweden, nachdem ich einen Augenblick sprachlos draußen vor der Kirchentür gelauscht hatte. „Das ist doch nicht seine natürliche Stimme, mit der er sonst so weise, vornehm und würdevoll im Hause mit uns spricht.“

Der junge Mann sah mich an und lachte. Er hatte seinen Vater oft predigen hören, und er begriff nicht recht, daß ich die Stimme des alten Herrn nicht wiederfinden konnte.

„Das ist er nicht! Das ist ganz unmöglich,“ behauptete ich. „Das ist ein fremder Geistlicher. Sicher hat sich Ihr Vater heute von einem anderen Prediger ablösen lassen.“

„Aber ich kenne doch die Stimme meines Vaters wieder,“ meinte nun der Sohn ernst werdend.

„Ob das nun Ihr alter Herr ist oder nicht,“ sagte ich, „dieser Stimme will ich jedenfalls nicht zuhören. Diese Stimme kommt mir so unwahr und so unmenschlich vor, daß ich dem Menschen nicht zuhören will, der diese Stimme hat. Wie kann man bei schönem Frühlingsonnenschein so wimmern, wenn man nicht todkrank oder am Sterben ist! Ich finde diese Stimme unvernünftig. Der Frühling lacht auf den Steinen, und die Steine selber sehen in der Sonne so festlich aus, daß ich es eine Sünde finde, wenn ein Mensch an diesem frohen Sonntagmorgen ein so gequältes Gewimmer aufschlägt, welches mir ganz unausstehlich in den Ohren weh tut und meine Menschenwürde plagt.“

„Es ist aber _doch_ mein Vater,“ lachte jetzt wieder der Schwede, der meine Rede mehr lustig als ernst fand, und den es plötzlich gewaltig unterhielt, daß sein Vater zwei so verschiedene Stimmen hatte. „Das ist seine Amtsstimme,“ sagte er. „Mit dieser Stimme muß er zu den Bauern und zu den Fischern sprechen. Sonst glauben diese einfachen Leute nicht den Worten, die er zu sagen hat.“

„Dann können die Worte nicht wahr sein,“ meinte ich und murmelte diesen Satz vor mich hin, denn der Schwede streckte eben seinen Kopf durch die Türspalte in die Kirche hinein und zog ihn vergnügt wieder zurück und sagte:

„Natürlich ist es mein Vater und kein Hilfsprediger. Aber jetzt, wo ich die Verschiedenheit in seiner Stimme empfunden habe, kann ich heute selber nicht mehr, ohne zu lachen, in die Kirche hineingehen.“

Und wir gingen und wanderten, immer noch über den alten Herrn und seine Stimme streitend und sprechend, von der Kirche fort, und schritten lachend über das frühlingsbesonnte Steingesicht der Landschaft, das so aufrichtig und unverhüllt am Sonntag wie am Alltag mit gleicher Würde und Vornehmheit einem zu Herzen sprach, und das nur _eine_ tiefe Weltallsprache und nur _eine_ festliche Lebensstimme kannte.

Später zu Hause, beim Sonntagmittagstisch, war der alte Herr großgeistig genug, unsere Aussprache über seine zwei Stimmen, die wir vor der Kirchentür hatten, und die ihm sein Sohn erzählte, lachend und humorvoll aufzufassen. Und ich war dadurch einer peinlichen Erklärung meiner Weltauffassung, die ich unvermeidlich hätte geben müssen, enthoben.

Denn es ist mir nie eingefallen, solange mich meine neue Weltanschauung beschäftigte, sie irgend jemandem unaufgefordert einreden oder aufdrängen zu wollen. Trotzdem ich damals jung und lebhaft war, schwieg ich über meine Gedanken.

Teils schwieg ich, weil ich mich in den Jahren meiner Lebensunerfahrenheit älteren und in ihren Bürden und Gedanken weiß gewordenen Männern gegenüber nicht fürwitzig benehmen wollte, aber hauptsächlich schwieg ich deshalb, weil ich die neue Weltauffassung zuerst am eigenen Leben, am eigenen Geist und Körper durchkosten und anwenden wollte.

Ich schwieg aber nicht bewußt, ich fühlte nur unbewußt: die Zeit wird kommen, wo ich entweder die Auffassung von der Festlichkeit des Lebens vergessen, abgetan und als unsinnig empfinden werde, oder ich bleibe dieser Anschauung treu, und mein Leben und meine Lebensarbeit gestalten sich von selbst im Sinne meiner neuen Anschauung.

Und dann, wenn das einmal sein wird, dachte ich, dann habe ich in mir selber den Wirklichkeitsbeweis gefunden, daß man glücklich, weltfestlich und alle Leben verstehend und auf alle Leben eingehen könnend, auch zu den ältesten und zu den jüngsten Leuten wird sagen können: „Seht, ich weiß einen Weg, einen Gedankengang, der alle Handlungen des Menschen, die Tätigkeit und die Ruhe, die Freude und das Leid festlicher und reicher machen kann, als es bisher in allen Jahrhunderten der Menschheit möglich gewesen ist.

_Sich Schöpfer und Geschöpf fühlen, ob man nun Handwerker oder Dichter ist, Mann oder Frau, König oder Knecht, sich zu fühlen als Besitz aller und als Besitzer des Alls, diese Kraft legt in eure Gedanken_.

Mit dieser Kraft lebt euer Leben, und ihr werdet so reich sein wie jene Götter, die ihr euch immer reich gedacht habt, so reich werdet ihr dann sein. Ihr werdet allwissend, allfühlend, allweise sein. Ihr werdet allmilde, allgütig und gestreng sein, mit euch und allen Leben. Ihr werdet dem Menschenleben in dieser festlichen Lebensauffassung eine natürliche Schönheit geben. _Und ihr werdet euch alle nicht mehr erniedrigen müssen, mit Doppelzungen zu reden_.“

* * * * *

In den nächsten Tagen nach jenem Sonntagvormittag, an dem ich zum erstenmal in meinem Leben vor einer Kirchentüre umgekehrt war und mich von einer Doppelstimme hatte erschrecken lassen, dachte ich viel nach und sagte mir, daß ich wahrscheinlich niemals vor jener Kirchenstimme erschrocken wäre, wenn mir der Prediger unbekannt gewesen. Denn ich hatte eigentlich in der Kirche nichts anderes erwarten dürfen als den mir seit meiner Kindheit bekannten, halb klagenden, halb strafenden Kanzelton, bei dem wir Schulknaben alle unsere Sonntagvormittage bis zur Schulentlassung hatten verbringen müssen.

Aber hier in der fremdartigen Landschaft, auf dem heimatfernen Weltfleck, wo einen noch vor der Kirchentüre die Drachenzeichnungen alter starker Wikingererinnerungen auf aufgerichteten Friedhofsteinen empfingen und einem mächtige naturstolze Menschen aus der Vorzeit in die Vorstellung gerufen wurden, hier war in der Granitpracht des ungebändigten Landes und bei der Nähe des ungebändigten freien Nordmeeres die weinende, klagende, strafende und krankende Predigtstimme etwas, das sich so gar nicht in die starke Umgebung einfügte. So daß ich schon davon allein, vom Klang des jammernden Predigttones, bedrückt worden wäre, auch wenn ich gar nicht die schöne vornehme und kräftige Alltagsstimme des Pfarrers vom Pfarrhause her gekannt hätte. --

Kein Mann darf aber zwei Stimmen haben; die Amtsstimme und die Hausstimme sollen beide so ineinander verschmolzen sein, so wie Mund, Lunge und Herz im Amt und im Haus dasselbe bleiben und nicht an- und abgelegt werden können durch einen zweiten Mund, ein zweites Herz, eine zweite Lunge.

Das Hausamt ist ebenso feierlich und festlich zu nehmen wie das Weltamt, und keines darf das andere an Würde überbieten wollen.

Denn Kinder zu erziehen, lebende Menschen zu schaffen und zu bilden und zu versorgen im Hause, das ist eine ebensolche feierliche Arbeit wie die Amtsarbeit außer dem Hause, die Würde verbreiten soll in das Leben der Menschenmassen.

Aber es war außer der Stimme auch der Schrecken über die Lehre von der Erbsünde und über die Lehre von dem Lebensjammertal, der mich mitten im Frühsonnenschein wie eine mittelalterliche Dunkelheit an der Kirchentür überfallen hat. Die Stimme, die da drinnen in der Kirche nur von Strafe und Leid und Sorgen zu predigen schien, von irdischen Qualen und sehnsüchtig erhofften ungewissen Himmeln nach dem Tode, diese Stimme schien die Tagessonne auslöschen zu wollen.

Ich versuchte es in den nächsten Tagen nach jenem Sonntag im Pfarrhause öfters, wenn ich mich mit dem alten Herrn in altgewohnter Weise unterhielt und er sich so ernst und gemessen in seinem Schaukelstuhl im großen Wohnzimmer wiegte, ob ich die Kirchenstimme, die mir von jenem Sonntagmorgen her wie ein trüber Spuk noch im Geiste stand, in den stattlichen, wohlgepflegten und trutzigen Herrn, der einem Wikingerhäuptling ähnlicher war als einem Pfarrer, hineindenken konnte.

Es war mir das aber ganz unmöglich. Zu Hause sprach der alte Herr tief und gewichtig, verständig, gesund und bedeutsam, und sein Ton wiegte sich auf einer allmenschlichen Güte und Würde, und in seinen blauen blitzenden Schwedenaugen blinkte das Salz eines klugen Verstandes wie der Glanz des Meeres. Und wenn die Sonne vom Fenster her in seinen weißen Bart leuchtete und wir von Politik und Philosophie sprachen und sein Sohn ihn beim Deutschsprechen ein wenig unterstützte, dann war das ganze einfache Haus, das diesen Alten in Amt und Würden seit vielen Jahren beherbergt hatte, für mich mehr festliche Kirche als die Kirche, zu der der Pfarrer Sonntags ging, und in der er, wie mir schien, seinen Leib aufgab und als sein eigenes Gespenst auf der Kanzel stehen mußte und zu Gespenstern predigen mußte.

Diese Begebenheit verwischte sich aber bald, verdrängt von neuen Tagen und neuen fremdartigen Eindrücken.

* * * * *

Eines Tages, als wir auf der Höhe beim Pfarrhaus standen, der junge Schwede und ich, und nach der Ferne hinhorchten, wo es immer wie Erdbeben grollte und wo die Meerlinie mit ihrem Glanz den Erdrand silbern erscheinen ließ, da sagte mein Freund zu mir:

„Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er leiht uns morgen Wagen und Pferd. Dann fahren wir nach Fjellbacka. Dort nehmen wir ein Segelboot und segeln mehrere Tage.“

Es war nun Mitte Mai, und überall zwischen den Steinen grünte es, und die Birken winkten im Wind mit tausend kleinen grünen Wimpeln, und die Sonne ließ sich nicht vom Meerwind verjagen. Es waren keine Wolken mehr am Himmel, und ich war sehr erstaunt, als der Schwede mit der Hand über das Land nach der Richtung des Meeres deutete und mitten im hellen Maisonnenschein behauptete, heute wäre noch Sturm auf dem Meer. Aber morgen würde der Wind wohl nachlassen, da es schon mehrere Tage gestürmt habe.

Da fühlte ich zum erstenmal, als passe das Wort Landratte auf mich. Sturm, ohne dunkle fliegende, grell beleuchtete Wolken, Sturm bei klarem blauen Himmel und reinstem Sonnenschein, dieses Sturmbild hatte noch nie in meiner Vorstellung gelebt. Aber ich fühlte, daß der Wind scharf an uns anprallte, als wir da in der Sonne unterm wolkenleeren Himmel auf dem Granithügel standen. Also mußte es draußen auf dem Meer bei diesem Winddruck hohen Seegang geben.

Der Schwede zeigte mir von unserem Platz aus einige Brandungswellen, die man am Horizont wie den weißen Dampf aus einer Kanone über dem sonnenglänzenden Meeresspiegel aufsteigen sah. Dort prallte das Meer an unterirdische Klippen und sprang in haushohem Schaum zur Luft. Das tat es aber nur an Sturmtagen. An windstilleren Tagen kreiselte es, nur ein wenig aufspritzend, an jenen Meerstellen.

Am nächsten Morgen waren wir schon um vier Uhr aufgestanden. Ein Knecht hatte das Pferd geschirrt und den Wagen vors Haus geführt. Alles schlief noch. Die Mägde hatten vergessen, uns Milch ins Eßzimmer zu stellen, und so ging mein Freund selbst nach der Milchkammer, um uns einen Morgentrunk zu holen. Er kam aber gleich wieder, leise auf den Zehen gehend, und winkte mir verstohlen.

Um zur Milchkammer zu kommen, mußte man durch die große Mädchenkammer gehen. Und als ich hinter dem jungen Schweden dort eintrat, verstand ich lachend, warum er mich gerufen hatte. An den Wänden befanden sich in dem Raum drei pritschenartige schmale Betten, so schmal, daß sie kaum den üppigen Leib der Stall- und Küchendirnen fassen konnten, die da schliefen. Die Mädchen ließen die nackten Arme auf die Dielen herunterhängen, schöne stattliche Arme mit rosiger, zarter Haut, wie sie dem schwedischen Volke eigen ist.

Die lautlose Kammer im dämmerigen Morgenlicht, in der nur die Atemzüge der drei kräftigen Geschöpfe gutmütig auf- und niedergingen, war wie ein Bild aus Homers Zeiten. Ursprünglich, naturwüchsig und festlich irdisch war der Eindruck der gesunden, schlafenden Mägde, die da den Schlaf wie eine geweihte Mahlzeit vor uns genossen.

Während ich noch unter der Türe stand, ging der Schwede in die Milchkammer und holte den Milchkrug. Er konnte sich dann nicht enthalten, im Vorübergehen mit einem Löffel einige Tropfen Milch einer Magd auf den nackten Arm zu spritzen. Die so Gestörte öffnete die Augen, schien uns aber in ihrem angenehmen Schlafdunst für zwei Traumgesichter zu halten. Sie erschrak gar nicht, rückte auch die Arme nicht von der Stelle. Sie lächelte ein wenig, schloß die Augen und atmete weiter.

Wir schlossen wieder vorsichtig die Tür, und nachdem wir die Milch lachend getrunken hatten, verließen wir das Haus und kletterten auf den Wagen.

Im Augenblick aber, da der Knecht dem jungen Schweden die Zügel gab und, uns grüßend, sich zurückzog und der Wagen mit Lärm den Hof verließ, sahen wir hinter den Erdgeschoßfenstern der Mägdekammer alle drei Mägde hinter den Scheiben stehen. Sie drückten ihre Nasen an das Fensterglas und winkten uns zum Abschied ein wenig nach.

Sie hatten alle drei den muntern Sohn des Hauses gern. Dem jungen Schweden behagten auch die Landmädchen mehr als die Stadtfräuleins. Bei jeder Gelegenheit sprach er ein wenig spöttisch über Stadtdamen und lobte die gesunden einfachen Bauernmädchen seines Landes, deren Stallgeruch ihm angenehmer war als die überfeinerten Wohlgerüche der Städterinnen.

Er war auch der erste Mensch, dem ich begegnet bin, der in Paris gewesen war und die Pariserinnen nicht ausstehen konnte. „Sie sind nur eine Firnismasse und keine Menschen,“ behauptete er. „Es sind Wesen mit Schminke und Puder maskiert, verstandesmäßige, geldgierige Geschöpfe, deren ganzes Dasein sich in ewigen Berechnungen abwickelt, fern von allen natürlichen, einfach menschlichen und warmen, gütigen Gefühlen.“ Er sagte, er habe es nur drei Tage in Paris ausgehalten, so sehr habe ihn diese Stadt geekelt.

Ich war damals noch nicht in Paris gewesen und hörte diese Äußerungen mit Staunen. Ich hatte bis dahin Paris von den Deutschen immer nur loben hören. Dem urgermanischen Widerwillen gegen alles Romanische; dem Widerwillen, der die beiden Völker wie Hund und Katze in den tiefsten Instinkten einander nie natürlich befreundet macht, wenn nicht gegenseitige Geduld, Weisheit und Nachsicht walten, diesem Gefühl war ich noch nie so offen begegnet wie hier bei der Wikingernatur des jungen Schweden.

Ich war seit dem Tag meiner Ankunft aus Deutschland nicht wieder an der Küste in dem Fischerdorf Fjellbacka gewesen, denn der Ort lag zu weit weg, um ihn auf einem Spaziergang vom Pfarrhause erreichen zu können. Nun fand ich Fjellbacka frühlinghaft wieder. An der steil zum Meer abfallenden Hauptstraße standen die schmucken Holzhäuschen frisch weiß und gelb und blaßblau und rot bemalt, und in den winzigen Vorgärten, auf wenig Erde, zwischen buckligem Gestein, grünten sparsame Gartenbeete, in denen die wenigen Blumen kostbarer zu leuchten schienen als irgendwo; sie wurden hier den Menschen wertvoll, ähnlich dem Schluck Wasser, der in der Wüste den Wert von Menschenleben hat.

Fjellbacka heißt: Felsenhang. Die niedlichen roten Holzhäuschen kleben hier wie ein Haufen Schwalbennester an der grauen und lilarosigen Felsenwand, die dort zum Meer abfällt. Im Dorf sind winzige Gäßchen, und manches Häuschen ist nicht viel höher als ein Mensch. Manches Fischerhaus hat nur eine Küche und eine Stube, aber glänzt von Sauberkeit innen und außen. Die Gassen sind von Felsen natürlich, höckerig gepflastert, und jeder Schritt muß erklettert werden über kleinen und großen Granitbuckeln, die auch hier wie überall in Bohuslän in der Erde einen einzigen riesigen Stein zu bilden scheinen, der den Umfang einer ganzen Provinz behauptet.

Nachdem wir den Wagen in den Gasthof eingestellt hatten, traten wir unter einem nach Fisch und Teer duftenden, roten, hölzernen Vorratsschuppen hinaus auf eine Landungsrampe. Diese steht auf Holzbohlen ins Meer gerammt, und an ihr liegen unzählige kleine Boote der Fischer und Händler von Fjellbacka angeseilt.

Es machte mich fast erschrocken, wie dunkel und abgrundfinster das Meer mich ansah, das ich zuletzt, acht Wochen vorher, als weiße blinde Eisfläche undurchsichtig erstarrt gesehen hatte. Und nun spielte es mit kleinen kurzen quecksilberigen Wellen, die die Farben der verankerten bunten Fischerboote zurückspiegelten, als wäre das Wasser mit gelben, roten, blauen Glassplittern bestreut. Aber weiter draußen wurde das Meer ein dunkelgrüner Abgrund.

Es war mir einen Augenblick, als endete hier an der Anfahrtsrampe alle Erde, und das Meer schien einen Weltabgrund auszufüllen. Ich hatte das Meer vom Lande drinnen nur als ferne Spiegelfläche gesehen und ganz vergessen, daß es eine ungeheure Tiefe hatte. Bei der Winterfahrt vor einigen Wochen war mir die Meeresoberfläche, die vereist gewesen, wie ein weißer Ballsaal mit blankem Boden erschienen und hatte nicht von Tiefe gesprochen und von keiner Unergründlichkeit, vor der ich jetzt staunte.

Als wir dann ein Boot bestiegen und der Schwede mit Hilfe eines Fischers die Segel aufsetzte, da war es ein großer Genuß, sich vorzustellen, daß wir nun in dem Kahn auf der tanzenden Wasserfläche hin über Abgründe, in denen alle Möglichkeiten des Todes lauerten, schweben sollten.

Das Meer, das vor Fjellbacka nicht frei liegt, sondern nur einen Meerplatz bei der Küste bildet, der von den vorgelagerten Inseln wie von hintereinanderliegenden Hügeln begrenzt wird, das Meer hat hier durch die Eingeschlossenheit etwas Heimliches, Gemütliches. Man war hier erst in einem Vorgemach zum Unendlichkeitssaal des Meeres.

Ungefähr in der Mitte dieses eingeschlossenen Meerplatzes liegt ein winziges Steininselchen, das sich nur mehrere Fuß hoch über den Wasserspiegel hebt. Diese Insel, auf der kein Baum und kein Strauch steht, sondern wo nur ein paar Holzgerüste zum Trocknen von Fischen errichtet sind, dieser kleine hellgraue Steinbuckel befand sich noch im letzten Jahrhundert unter dem Meeresspiegel, und an jener Klippe ist damals bei einem Sturm ein Bischof in seinem Boot mit seinen Leuten aufgerannt und untergegangen.