Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 17

Chapter 173,673 wordsPublic domain

Auch diese Wahrnehmung machte mir Schweden lieb. Die Ruhe und Breite, mit der jeder einzelne Mensch seine Lebenstätigkeit nahm, diese Art tat mir wohl. Ich war als Bayer gewöhnt, den Körper ebenso gewichtig zu nehmen wie den Geist, welche Art ich bei Norddeutschen und besonders bei den Berlinern damals vermißt hatte, die mehr im Gedanklichen aufgingen.

Im Pfarrhaus, das in der einsamsten Einsamkeit, die man sich kaum ausdenken kann, wie am Weltende lag, in jenem Pfarrhaus murrte es erst in meinem Innern einige Tage, wie es im Magen eines Fleischessers murren mag, dem plötzlich reinste Gemüsekost verordnet wird. Man stelle sich vor, daß ich mitten aus dem Wintertrubel der Millionenstadt Berlin in eine Schnee- und Granitwüste verschlagen war, in ein großes weißes Holzhaus, in dem man den ganzen Tag als einzigen Laut eine Zimmeruhr ticken hörte. Sie war wie das alte Herz des alten Hauses. Sie redete den ganzen Tag vor sich hin in einem mächtigen Wohnzimmer, dessen viele Fenster ins Lautlose sahen. In den Vormittagsstunden kam zu einem Südfenster die Sonne hinter großen Blumenstöcken herein, und ich möchte sagen, daß es mich nicht verwundert hätte, wenn ich in der Stille dieses einsamen weltfernen Zimmers auch plötzlich das Vorwärtsrücken der Schatten der Blumenstöcke, die die Sonne über die Diele zeichnete, laut und deutlich gehört hätte, ebenso laut wie die laut marschierende Uhr.

Im Hause befanden sich unten große Erdgeschoßwohnräume und darüber unter dem Dach einige Giebelzimmer. In diesem einsamen Hause ging der Pfarrer, der Vater des jungen Schweden, wie der alttestamentarische Liebegott, alt und weißbärtig, stattlich und ehrfurchtgebietend, die Treppe zu seinem Studierzimmer hinauf und hinunter.

Ich hatte nie vorher in einem Holzhause gewohnt, und die unwahrscheinlich dünnen Wände, die doch keinen Laut hereinließen, weil es draußen noch stiller als drinnen war, diese dünnen Wände machten mir das Haus noch unwirklicher, als wäre es eine Erscheinung, gleichsam als wohnte ich in Eierschalen und könnte das Haus leicht zerbrechen und könnte in der Stille draußen körperlos aus diesem unkörperlichen Haus fortschweben.

Die älteste Tochter des Pfarrers, ein Mädchen von vierundzwanzig Jahren, und eine Gesellschaftsdame führten mit Hilfe mehrerer Mägde den Haushalt. Das Brot wurde im Hause gebacken. Die Milch kam aus den Ställen. Fische brachten die Fischer von Fjellbacka. Zu den Festtagen des Jahres wurde ein Kalb oder ein Schwein geschlachtet und eingesalzen. Die Hauptnahrung waren Fische, Milch, Grütze und Brot. Die Mutter des Schweden, die Frau des Hauses, lebte im Winter mit den jüngeren Töchtern und einem jüngeren Sohn in der Stadt Gothenburg, wo die Kinder in die Schule gingen. Sie kam mit diesen nur im Sommer und zu den Festtagen in das Pfarrhaus.

Der Begriff, daß Menschen mit Fleisch und Blut dieses einsame Haus bevölkerten, der kam mir dort, wenn ich allein in einem von diesen totstillen Zimmern stand, leicht abhanden. Denn draußen sah ich jetzt, in den Tagen im April, wo der Schnee, zu großen Stücken zerrissen, von der Sonne weggeleckt war, keine Ackererde, keinen Grasboden, sondern überall nur Granit, überall steinerne Granitbuckel. Als trüge das Land eine eiserne Rüstung, so unbeweglich starrte der graublaue Granit mich von allen Himmelsgegenden her an. Alle Hügel rundum, von denen der Schnee verschwand, waren gewölbte Granitkuppeln, ebenso wie es die Inseln im Meere draußen waren, die ich auf der Herfahrt gesehen, und zwischen denen meine Stimme wie in Kellergewölben gehallt hatte.

In diesem steinernen Schweigen war es mir zuerst, als sei ich in einen ungeheuren Kerker geraten. Die Leute, bei denen ich zu Gast war, schienen meine Kerkermeister zu sein. Da ich noch nicht Schwedisch konnte, konnte ich nicht an den Gesprächen und an der harmlosen Unterhaltung teilnehmen. Im Haus bemühte man sich zwar, das Schuldeutsch, das jeder in Erinnerung hatte, aufzufrischen und mit mir deutsche Sätze zu radebrechen. Aber man kam oft eine Stunde lang nicht über zwei Sätze fort, und die Unterhaltung stockte meistens im Gelächter über die deutsche Aussprache. Zum Beispiel verkündete mir die Tochter des Hauses eines Tages auf einem Spaziergang, daß sie sieben Greise im Stalle hätten und zu Ostern einen Greis schlachten würden. Sie verwechselte das schwedische Wort „gris“, das Schwein bedeutet, mit dem deutschen Wort „Greis“.

So hörte ich denn wie ein lebendig Begrabener auf das Leben rundum, ohne ihm näher kommen zu können. Aber um so schärfer wuchs die Aufnahmefähigkeit meiner Augen und Ohren, je länger ich zu unfreiwilligem Schweigen verdammt war. Und es ist mir heute, als seien meine Sinne in jenem Hause dort für alle Zeiten geschärft worden. Und vor allem lernte ich Landleben kennen. Ich, der vorher nur von Stadt zu Stadt gezogen war und das Land nur in der engsten Heimat kennen gelernt hatte, freute mich, hier Land- und Meeresleben und Dichtungsleben zusammen genießen zu können.

Denn oft lange Vormittage saßen der junge Schwede und ich in dem großen Wohnzimmer bei der tickenden Uhr und versuchten Gorters holländische Verse zu übersetzen und ebenso Walt Whitmans englische Verse. Und der Eifer ging mir dabei ebensowenig aus wie dem Schweden der Rauch seiner kostbaren Zigarre.

Gegen Ende April konnten wir die Zimmer verlassen. Der heftige nordische Frühling setzte über Nacht ein. Auf vielen der Granitbuckel trieb das purpurne Preiselbeerkraut, das die Hügel bedeckte, rote Blätter, und ferne Hügel standen tagsüber wie blutübergossen in der Sonne.

Der alte Pfarrer, der alte Liebegott mit weißem Bart, hatte mich öfters in seinem kleinen Wagen bei seinen Überlandfahrten mitgenommen, zu Krankenbesuchen oder zu Besuchen in anderen Pfarrhäusern. Und ich hatte mich immer wieder wundern müssen über die Einsamkeit und über den Granit, die auf Meilen über Meilen hier nirgends ein Ende nahmen.

Wo sich zwischen zwei Granitbuckeln ein wenig Humuserde angesammelt hatte, da hatte auch meistens an dem Rand des Erdfleckchens und im Schutz des Granithügels ein Menschenpärchen sein Holzhäuschen gebaut. Nirgends im Lande war ein Dorf. Die ganze Provinz schien ein einziges weites Dorf zu sein. Nur lagen die Häuser nachbarlich meilenweit auseinander. Und auf diesen Meilenstraßen fuhr der alte Pfarrer mit seinem alten Wägelchen, mit seinem alten zwanzigjährigen Gaul, als Hirte in dieser Einsamkeit tagelang umher.

Die kleinen rotgetünchten Bretterhütten mit den weißen schmucken Fenstervierecken und der weißen Türleiste saßen zwischen grauen Granit geduckt und tauchten wie rote Gesichter aus ihren Winkeln in der Ferne auf, wenn wir durchs Land fuhren. Eine einzelne Birke oder ein vom Wind schief gewehter Ebereschenbaum schmückten karg die ununterbrochenen Steinwellen des Granithügellandes.

Hier kam der Wind nicht wogend und weich über Äcker und rauschende Halme, er prallte von Stein zu Stein und zerplatzte an den Granitkuppeln. Und als ich einmal im Frühlingstauwetter, gegenüber dem Pfarrhause auf der nächsten Anhöhe, die nur dreimal so hoch wie das Haus war, stand und auf die ferne Meeresstimme lauschte, die jetzt aus dem Eis mit der Brandung aufgewacht war, und die man auch mehrere Meilen von der Küste her immer wie ein fernes Gewitter donnern hörte, da sah ich die kleinen Schneewasser, die in den Granitsenkungen von der Bergkuppel herunterrieseln wollten, vom Winde senkrecht aufgestellt, so daß sie, ähnlich kleinen Springbrunnen, mehrere Fuß hoch in Strahlen zur Höhe zerspritzten.

Dort oben auf einem anderen Hügel in der Nähe des Pfarrhauses zeigte mir der junge Schwede eines Tages einige mannshohe Steine, die da, einen Kreis bildend, einst vor tausend Jahren von Menschenhand aufgerichtet wurden. Hier hatten die Wikinger den Ratring gehalten, und an jedem Stein stand einst ein Häuptling angelehnt, wenn die Ältesten unter freiem Himmel berieten. Die Männer besprachen hier ihre Kriegszüge. Und der unerschütterliche Steinboden unter ihren Füßen und der unerschütterliche Himmel über ihnen machte auch ihre Ratschlüsse fest und unerschütterlich und ihr Vorhaben, das sie hier planten. Die aufgerichteten Steine, die treuen Stützen jener Männer, standen nun noch nach tausend Jahren hier, unangetastet von der Zeit.

Als wir beiden jungen Männer uns jeder an einen der Steine anlehnten, mögen die greisen Blöcke sich gewundert haben, wie leichtbeweglich die Männer einer anderen Zeit geworden waren. Und vielleicht haben sie erst daran gemerkt, daß über ihnen tausend Jahre vergangen waren.

Und wieder oben auf einer anderen Granitkuppel beim Pfarrhause zeigte mir der junge Schwede eine große Steinplatte, darauf neun kleine Schiffe eingeritzt waren. Als früher das Meer bis an diese Steinplatte reichte und der Granithügel eine der vielen Inseln in der Meeresfläche gewesen ist, war hier ein alter Landungsplatz der Wikinger. Neun Boote landeten hier. Wenn damals die Frauen hier saßen und die neun Boote abends erwarteten, die von einem Kriegszug oder Fischzug heimkehren sollten, dann deckten sie mit den Händen die Zeichnungen der Boote auf der Steinplatte zu. Und für jedes Boot, das in die Bucht einlief, zog sich eine Frauenhand von den gezeichneten Booten zurück. So wußten sie, ehe die Boote noch landeten, ob alle heil heimgekommen und keines untergegangen war.

Tiefer im Lande waren auf anderen Steinplatten unter Dornbüschen noch mächtigere Granitzeichnungen zu sehen. Da zeigte man mir eine eingeritzte Bootszeichnung, die war so groß wie ein liegender Mensch, und der Drachenkopf am Kiel und die Schilde der Krieger im Boote und viel Runenschrift waren ausführlich mit viel Schmucklinien in den Stein eingegraben.

Die Runen spielten auch immer noch eine Rolle hier im Lande. Die Kinder lernten die Runenzeichen in der Schule und die Töchter im Pfarrhause hatten Bergstöcke, in deren Holz sie sich von ihren Bekannten Erinnerungsworte in Runenschrift einritzen ließen.

Die Töchter des Pfarrers waren frisch und gewandt, und die jüngste ritt oft früh morgens in ihren Ferien in weiten Reithosen auf ungesatteltem Pferd ins Land hinein. Und wenn sie heiß und mit offenem geringeltem Haar zurückkam und schnell ins Haus springen wollte, um sich umzukleiden, weil sie sich ihrer Reittracht vor mir schämte, kam sie mir in ihrem Gemisch von Wagehalsigkeit und Mädchenverschämtheit noch begehrenswerter vor als sonst. Aber sie war erst fünfzehn Jahre alt, und ich war nur ein junger Dichtersmann, zwar reich an vielen Plänen, aber sonst kapitalarm. Und ich wußte, daß ich hier noch nicht ans Freien denken durfte.

Der junge Schwede und sein Vater saßen am Spätnachmittag oder abends meistens jeder in einem Schaukelstuhl und rauchten ihre Zigarren, und der Alte ließ sich von seinem Sohn über dessen Rundreise und über die Amerikafahrt berichten. Der Alte war einmal als junger Student Hauslehrer in Brasilien gewesen. Er kannte also auch die Welt ein bißchen, und er schmunzelte behaglich und frischte bei den Reiseerinnerungen seines Sohnes seine eigenen Reiseerinnerungen auf.

In jenen Stunden, wenn Vater und Sohn sich in ihrer Sprache unterhielten, ging ich draußen auf den Steinwegen umher und wunderte mich, wie beweglich jetzt im Frühling sogar das unbewegliche Steinland wurde. Da waren tausend kleine Wasser, die wie ein verstricktes Netz über alle Hügel und Berge gerieselt kamen, und überall hörte man die Echos von Tropfen noch tagelang, nachdem die kleinen Bäche längst versickert waren.

In der Osternacht standen dann die Hügel dunkelblau und trocken, aber ein heller gelber Berg kam wandernd am Erdrand herauf. Der war zuerst nur ein kleiner Hügel in der Ferne. Mitten unter den abenddunklen Hügeln ein einziger sonniger Hügel. Und er wuchs, während ich wanderte, und rollte über die fernen Granitkuppeln fort und wurde zur goldenen Vollmondskugel, die sich vom Erdboden ablöste.

Der Mond hier in den ewigen Steinen war wie ein Leib aus Fleisch und wanderte wie ich, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich ihm dann später in einem der stillen Steintäler an einer Wegecke ganz nah begegnet wäre. Er schien mir hier keine ferne Welt zu sein, die da im Weltraum um die Erde kreist. Er war in diesen einsamen Tälern, wo niemand meine deutsche Sprache sprechen konnte, und wo ich so allmählich lernte, schweigend mit den schweigenden Dingen zu reden, mein heimatlicher Wanderkamerad.

Aber ich dachte mir dabei den Mond nicht als Menschen aus, mit dem ich plaudern wollte. Ich sagte nicht du und nicht Sie und nicht Mann und nicht Frau zu ihm. Ich ging und er ging, und wir schwiegen und verstanden uns, und näher bin ich dem Mond nie wieder gekommen als in den einsamen Steinhügeltälern in Bohuslän, wo wir Kameraden waren und im fremden Lande deutsch sprachen.

Da gab es auch einen Platz am Weg beim Pfarrhaus, wo ein Dachs wohnte. Seit Jahren wohnte er da und war ein alter Nachbar des Pfarrhofes. Und wenn ich mit einer der Töchter spazieren ging, sprachen die jungen Mädchen immer geheimnisvoller und leiser in der Nähe der Wohnung des Nachbarn und riefen ihm Scherzworte zu wie einem alten Hausfreund.

Und da war ein kleiner Birkenhain am Fuße eines Hügels und am Rande eines Baches. Wenn wir dort hinkamen, sprachen die Mädchen noch leiser und legten den Zeigefinger auf den Mund, weil im Frühlingsabend der Birkhahn balzte. Der war der zweite Nachbar. Und er balzte dort in jedem Frühjahr, solange die Leute denken konnten. Vielleicht war es immer ein anderer, aber davon sprach man nicht.

Und der junge Schwede -- der neben der Schriftstellerei auch Botanik pflegte -- hatte eine Birke dort am Waldrand besonders lieb. Und schon als Knabe hatte er in jedem Frühjahr die Birke mit seinem Messer angeschnitten und ein kleines Rohr in den Stamm gesteckt und sich den Birkensaft in den Mund träufeln lassen und hatte oft so der Birke Herzsaft genossen.

Wenn er jetzt manchmal heimkam vom Walde, hatte er wieder seine Birkenfreundin besucht, und dann war er immer schwärmerisch gestimmt. Er behauptete auch oft, wenn er von seinen Spaziergängen heimkam, wunderbare Blumen gefunden zu haben. Doch wenn er sie mir zeigte, waren es die allerwinzigsten Blüten der Welt. Denn andere wuchsen dort in der steinernen Welt im Vorfrühling noch nicht. Stiefmütterchen, deren Blüte nicht größer als eine Linse war, kleine blühende Bärenmoose und die kleine Linea, die stark mandelduftende Lieblingsblume der Schweden, die nicht größer als ein großer Stecknadelkopf ist. Wunderbar waren diese winzigsten Blumen wohl, aber ich hätte, an die deutsche Flora gewöhnt, diese fast unsichtbar blühenden Pünktchen nicht Blumen nennen können und erwartete immer, wenn der Schwede von Blumen sprach, daß er einen Strauß von großen Blüten nach Hause bringen würde, wie ich sie aus deutschen Wäldern und Wiesen kannte.

Oben auf den Granitkuppeln, wo wir im Vorfrühling, nachdem der Schnee so plötzlich verschwunden war, zur Mittagsstunde, wenn die Sonne die Steine wärmte, am liebsten saßen, weil man von dort die ferne Meerscheibe sehen konnte, dort wuchs aus Steinplatten heraus eine rote krallenartige Blüte. Und der Schwede fing manchmal eine kleine Spinne oder eine Fliege und warf sie auf die Krallenblume. Jedes Glied dieser Blüte war eine kleine Röhre und sah klebrig glänzend aus. Ein solches Röhrchen krümmte sich sofort und verschluckte das ihm zugeworfene Insekt. Diese Blume lag da vor uns im Sonnenschein auf dem Granit, der früher Meeresboden war, und erinnerte an den verkümmerten Rest einer einst hier lebenden Tiefseepflanze, die sich am Meeresgrund Beute gefangen hatte mit schlangenartigen Armen, und die nun die Insekten in der Luft belauerte.

Winzige Eidechsen huschten vertraulich, wenn wir auf den Steinen saßen, bis an den Rand unserer Schatten. Dann aber erschreckten sie vor unseren beweglichen Schatten zurück und schossen wie kleine Pfeile davon.

Die kahlen Granithöhen, deren es Tausende bis tief ins Land hinein gab, zeigten wenig scharfe Ecken oder Kanten. Man sah ihnen allen an, daß das Meer sie einst rund gewaschen hatte in mehrtausendjähriger Arbeit. Und dieses, daß da rundum im Land nicht zackige Felsen waren, sondern zu Kuppeln geschliffene, glattgerundete Höhen, an denen man noch den Gang der großen Meereswellen, die sich einst hier überstürzten, deutlich eingeprägt und eingewaschen sehen konnte, dieses vom Meer einst umspülte und jetzt verlassene Granitgekröse, das jetzt statt des Wassers Sonnenlicht und Wärme auf sich leben fühlte, gab dem Gesicht der Landschaft ein unheimliches Gemisch von alter versteinerter Sturmpracht und unendlicher himmlischer Friedlichkeit.

Wenn Westwind war und man das Ohr auf einen Steinbuckel legte, hörte man in ihm das meilenferne Meerdonnern, das fern in Fjellbacka an die Küste gezogen kam, und das deutlich den Steinen tief im Lande Stimme gab. Es war, als kehrten die alten brausenden Erinnerungen in die fernen Granitmeilen der Hügel und Täler zurück. Und man würde sich nicht gewundert haben, wäre plötzlich das wirkliche Meer angestürzt gekommen in die hügeligen Granitwüsten, die in der Frühlingssonne nicht auf Blüten, sondern auf weißen Meerschaum zu warten schienen.

Hinter dem Pfarrhause, einige hundert Schritte fort im Tal, lief ein Bach am Rande eines verwachsenen Obstgartens. Woher der Bach kam und wohin er lief, wußte ich nicht. Er kam vielleicht aus irgend einem der alten Eichenwälder, die ein paar Meilen weiter drinnen im Lande, urwaldähnlich, in üppiger bemooster Herrlichkeit, ohne Forstaufsicht, vorweltlich wuchsen. In dem kleinen Tal hatte das stille Wasser im Verein mit Abend- und Morgennebeln seit Jahrhunderten den Granit mürbe gemacht und hatte Humus und Waldabfälle in all den Zeiten reichlich angeschwemmt und hatte mitten im Granit ein paar Wiesen und Gartenerde geschaffen.

Und die Wärmeausstrahlung des Granites, der sich in der Sonne schnell erhitzte und nachts noch warm blieb, machte, daß im Frühling in jenem Tal am Bach entlang die Wiesen über Nacht blitzrasch aufblühten, so daß sie fast nicht natürlich, sondern wie plötzlich künstlich hingestellt aussahen. Halme und Wiesenblumen schossen in acht Tagen hoch. Da waren Schierlingpflanzen, Sauerampfer, Salbei, die da eilig in den Himmel wuchsen, üppiger als auf irgendeiner anderen Ackerwiese. Und die Wiesenkräuter dufteten in der reinen Steinluft nach reinstem Honig und nach starken Gewürzen. Das Grün und die siebenfarbige Blumenschar waren hier leuchtender und selbstherrlicher als auf irgendeiner Wiese der Erde.

Eingerahmt von den dunklen, am Tage noch nachtblauen Granithügeln, die auf der Sonnenseite wie altes Silber schimmerten und rötliche und lila Schatten warfen, wirkten die wachen Wiesen wie ein greller Spuk, unwirklich in dem unwirklichsten Land, das ich je gesehen habe.

Eines Tages hatte ich lange mit dem alten Pfarrer über Deutschland gesprochen. Der alte Herr hatte einmal vor Jahren in Halle und Leipzig studiert. Und wie ich mich so recht an die deutsche Heimat zurückerinnerte, da fiel mir erst auf, wie fremd hier um mich alles war. Ich war im Gespräch mit dem alten Herrn in Gedanken in deutschen Straßen bei deutschen Lauten, auf deutschen Wegen, an Äckern, Kornfeldern hingewandert und sah mich dann zurückgekehrt vor einem der Erdgeschoßfenstern des großen Wohnzimmers im schwedischen Pfarrhof stehen und sah draußen zwischen den rotgetünchten Stallungen und den rotgetünchten Futtermagazinen den blauen granitbuckligen Felsenboden, den keine Menschenhand hier bewältigen konnte. Granit überall in mannshohen Buckeln und in tiefen Furchen. Der Granit machte auch noch den inneren Hof zwischen den Stallungen und dem Wohnhaus kraus. Wie ein zu Stein erstarrter Wasserfall stand der Granit vor den Fenstern, in steinerstarrten Strudeln, unerbittlich dem Menschen trotzend, hie und da roten Eisenrost zeigend und offenliegende Eisenadern. Furchtbar gerüstet und fremdartig starrte so das Land rund die wohnlichen Holzbauten und mich deutschen Menschen an.

Wenn es Abend wurde, und die Sonne hinter den nächsten Steinkuppen schwand, ließ sie den staubreinen Himmel zwar noch lange glashell leuchten, aber die stumme Steinlandschaft verwandelte sich, sonnenverlassen, rasch in eine dunkle Kohlenlandschaft, die schien geformt aus riesigen Schlackenmassen voll Höhen und Tälern. Fast angstvoll sah ich dann immer auf die ungewohnte Verwandlung. An jenem Abend, nachdem ich im Gespräch mit dem alten weißbärtigen Herrn weit in Deutschland geweilt hatte und er mich fragte, wie es mir in Bohuslän gefiele, mußte ich unwillkürlich ausrufen:

„Fremder könnte ich mich nicht fühlen, wenn man mich plötzlich von einer Erdlandschaft in eine Mondlandschaft versetzt hätte.“

Und ich bat, man möge mir eine Landkarte zeigen, damit ich mich überzeugen könnte, daß ich wirklich nur eine bis zwei Tagesreisen von Deutschland entfernt war. Denn ich hatte, solange ich jetzt in Schweden war, noch keinen genauen Begriff davon, unter welchem Breitegrad ich eigentlich lebte. Und wenn man mir gesagt hätte: „Sie sind ganz nah am Nordkap,“ so hätte ich vielleicht erstaunt gefragt: „Ach, bin ich nicht weiter von Deutschland fort?“ Denn die Landschaft hier im Vorfrühling erinnerte wirklich mehr an Landschaften auf dem Mond als an Erdgebiete.

Auf der Karte sah ich dann zwar zu meinem Erstaunen, daß die bohuslänsche Küste nur am Skagerak lag, dessen Meereswellen von Schottland und von der Nordspitze Dänemarks, von Skagen herüberkommen. Ich war also mitten in mir bekannter Geographie und war noch nicht einmal in Norwegen und hatte doch, der Landschaft nach, geglaubt, ich befände mich schon am äußersten Ende der Welt oder vielleicht gar nicht mehr auf der Erde.

Ich hatte in den ersten Tagen gefürchtet, mit dem Pfarrer über Glaubensfragen in Streit zu geraten. Aber dieses Pfarrhaus war so einzig dastehend in der Welt wie die Landschaft, in der es lag. Es herrschte da jene echte selbstverständliche Lebensandacht. Die Würde und die Ruhe, die den alten Pfarrer umgaben, waren ebenso unerschütterlich wie die Weltallwürde der Granithügel draußen. Denn dieser Geistliche dachte nicht daran, Glaubensfragen irgendwelcher Art aufzuwerfen oder aufzutischen. Sein Leben war tägliche Amtsarbeit, durchdrungen von ernster menschlicher Güte.

Zu Anfang jeder Woche besuchte der alte Herr bei Wind und Wetter -- die dort schneidender als irgendwo sein konnten -- ferne, verstecktgelegene Armeleutehäuschen seines Sprengels, wenn er vorher Nachricht bekommen, daß irgendein armes Weib oder ein Kind oder ein alter Mann krank lagen. Am Mittwochnachmittag war Katechismusstunde. Aber man denke nicht, daß da Kinder ins Haus kamen, um die Sprüche und Gebote des Katechismus aufzusagen.

Es gab im Pfarrhause eine Bank, die stand unter dem Gebälk des Dachbodens, wo des Pfarrers Arbeitszimmer als breite Mansardenstube lag, und dort vor der Tür, unter dem schiefen Dach, saßen an jedem Mittwoch schiefgebückte und ein wenig schiefgeratene Frauenzimmer der weitzerstreuten Gemeinde. Da waren Frauen, die Ehebruch begangen hatten, und junge Mädchen, die der Verführung eines Burschen nachgegeben hatten und sich nun Mütter werden sahen, ehe sie noch mit dem Burschen einen Hausstand gegründet hatten. Diese Verfehlungen gegen Haustreue und Gesellschaftssitte mußten vom Pfarrer dadurch gerügt werden, daß die betreffenden Frauen zusammen Mittwochs zur Katechismusstunde befohlen wurden, wobei sie noch einmal das betreffende Gebot, das sie außer acht gelassen hatten, sich einprägen mußten und sich vom Pfarrer einige darauf hinweisende Worte zum besseren Verständnis ihrer Lebensstellung sagen lassen mußten.

Der junge Schwede machte sich an jedem Mittwoch immer ein besonderes Vergnügen daraus, mich aus dem Giebelzimmer, das ich bewohnte, zu rufen, um mit mir langsamen Schrittes und plaudernd im Hausboden auf und ab zu gehen, wo die büßenden Frauen und Mädchen der Fischer oder Mägde der nächsten Güter auf der langen Bank verlegen beieinander saßen und auf den Pfarrer warteten.