Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 14

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Da ich sehr wenig Menschenverkehr suchte und mich immer mit Plänen und Gedanken trug, die ich abends auf den Spaziergängen mit meinen zwei Freunden besprach, so prägten sich bald die auf der Ausstellung gesehenen neuen Bilder der neuen Freilichtschule so stark in mein Gedächtnis, daß ich sie stündlich wie neue Kameraden empfand. Und ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, um mich im Beschreiben zu üben, einige der Bilder der Sezession in knappen dichterischen Worten wiederzugeben.

Da waren Bilder von Ludwig von Hoffmann, von Exter und von Segantini und von einigen anderen, die ich ausgewählt hatte. Diese Bilderbeschreibungen waren die ersten Anfänge zu der kleinen Prosagedichtsammlung „Ultraviolett“, deren weiteren Inhalt ich hauptsächlich in einem Pfarrhaus in Schweden fertig schrieb, das in einsamen Granitwüsten wie am Ende der Welt versteckt lag, und wo ich im folgenden Frühjahr weilte.

Den Winter 1892-1893 verbrachte ich in Berlin, und hier trat ich zum erstenmal mit Dichtern und Denkern der Neuzeit in engere Fühlung.

Mein Roman „Josa Gerth“, mein erstes Buch, war zu Winteranfang bei Pierson in Dresden erschienen, und mit dem Bewußtsein, mein erstes Buch der Öffentlichkeit gegeben zu haben, fühlte ich mich mutiger und getraute mich, den Kreis gleichgesinnter Zeitgenossen aufzusuchen.

Auf der ersten Seite dieses meines ersten Buches stehen die Worte: _dieses Buch gewidmet einem Toten_. Dem toten Dichter und meinem Dichtermeister, dem Dänen J. P. Jacobsen -- dessen Schreibart ich mir zuerst zum Vorbild genommen hatte, um mich vom deutschen Aufsatzstil frei zu machen -- hatte ich meinen Erstling gewidmet, zufrieden, daß nur ich allein es wußte, welcher Tote mit der Widmung gemeint war.

Auch die Person jenes Dichters in der Gestalt eines Doktor Wiking, eines Naturwissenschaftlers und Botanikers, war in den Roman verwebt. Nach Jacobsens Photographie, die ich mir aus Kopenhagen hatte kommen lassen, hatte ich meiner Romangestalt möglichst die Ähnlichkeit meines dänischen Prosameisters zu geben versucht.

Die Handschrift dieses Buches hatte ich noch in Würzburg im Herbst 1891 beendet, kurz, ehe ich zu Weihnachten beinahe gewaltsam von meinem Vaterhaus geschieden war. -- Diese Trennung habe ich bereits im „Geist meines Vaters“ ausführlich beschrieben.

Nach dem Erscheinen meines ersten Romanes hatte mein Vater mein Monatsgeld etwas erhöht, so daß ich in weniger großer Bedrängnis, aber immer noch knapp gehalten, in Berlin leben konnte. Aber es wurde mir zugleich angedroht, daß ich nur bis zu den nächsten Ostern väterliche Hilfe erhalten würde und dann auf eigenen Füßen stehen müßte.

Einstweilen aber lag Ostern noch für mich hinter tausend Jahren, und ich versuchte, so wenig wie möglich an das Ende der Gnadenfrist meiner Freiheit zu denken.

In Berlin besuchte ich zuerst den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson. Ich hatte im Herbst in München das Buch „Sensitiva Amorosa“ von Ola Hanson gelesen. Feingezeichnete Menschenschatten bewegten sich darin auf dem Hintergrund starker, gütig beobachteter Landschaften, Abrisse von Lebensschicksalen stumm vorüberwandelnder Gestalten. Die eine Gestalt kam lebenssuchend auf einem Feldweg bei einem Gut in Schonen daher; die andere saß auf einer Bank am Meer und sah lebensbetroffen über den Sund; und andere traten auf in der schicksalsreichen, stimmungsvollen Östergade Kopenhagens.

So ungefähr erinnere ich mich dieses Buches noch heute. Und die bedeutsame Art des Schweden Ola Hansons, mit der er schwere Menschenschicksale zart und verständnisvoll behandelte, erinnerte mich an Jacobsens Art. Und als ich hörte, daß Hanson, mit der Schriftstellerin Laura Marholm verheiratet, in jenem Jahr 1892 in Friedrichshagen bei Berlin wohne, freute ich mich, ihn aufzusuchen.

Denn alles Nordische übte eine starke Anziehung auf mich aus. Jene fast menschenleeren Länder, die ich mir dort oben vorstellte, schienen eine reinere und keuschere Luft zu haben, einen stärkeren rücksichtsloseren Geist, verbunden mit schärferer Selbsterkenntnis. Und die kleinen Völker dort oben, außerhalb unserer Kulturgrenzen stehend, lockten mich damals mehr als das von verweichlichten üppigen Kulturen schlaffe, sinnensüße Südeuropa.

Kunstformen und künstlerische Gedanken, die aus Italien kamen, waren mir alle zu sehr beeinflußt von dem christlichen Zeitalter. Der Dichter Dante ist mir immer mit seinem Himmel- und Höllenwahn der Göttlichen Komödie mehr schulmeisterlich als dichterisch erschienen. Es kam mir häßlich vor, daß er sich in seinem großen Gedicht zum Richter seiner Zeitgenossen aufgestellt hatte.

Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen Hand, so schien mir Dante in der Göttlichen Komödie mehr fanatisch beschränkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den Schluß: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu jeder weiteren künstlerischen Entwicklung unfähig und ist unfruchtbar.

Im Norden dagegen lebten unverbrauchte Völker mit unverbrauchten Geisteskräften. Und jedes neue Buch, das vom Norden über die deutsche Grenze kam, hatte damals den Atem einer belebenden Meerbrise und schien von Länderstrecken zu kommen, wo die Menschen, die von Jugend an einer rauhen Wirklichkeit gegenüberstanden, stark geworden waren auf noch jungfräulicher Erde, der sie reinste Ehrlichkeit zeigen mußten.

Ich sah im Geiste dort in skandinavischen Meernebeln Fischerdörfer und Einzelgehöfte an weltentrückten Küsten, und wenn ich ans Reisen dachte, sehnte ich mich, jene weltabgeschiedenen Stätten aufzusuchen.

Und mein Schicksal kam auch auffallenderweise diesem meinem innersten Wunsche entgegen. Ich tat nur einen Schritt in dieser Wunschrichtung, und das war der, daß ich, in Berlin angekommen, den Schriftsteller Ola Hanson besuchte. Alles weitere fädelte dann mein Schicksal von selbst ein, und ich kam plötzlich nach dem Norden, wo ich die nächsten Jahre meines Lebens mit kleinen Unterbrechungen verbrachte, und wo ich dann auch später ein Mädchen fand, das meine Frau wurde. --

Die deutschen jungen Mädchen zerfielen damals für mich in zwei Gattungen. Die einen waren noch nach altmodischer, beschränkter, gedankenenger Weise erzogen und waren wie abgerichtete Wesen, denen Geistesfreuden -- außer den Grenzen christlicher Auffassung und der Familienkunstbegriffe -- unbekannt waren. Ihr Benehmen war jungen Männern gegenüber wohl jugendlich und körperlich lieblich, aber geistig stumpfsinnig. Sie waren versunken in einer Empfindsamkeit, die geistige Festlichkeit vorstellen sollte. Mit all ihrer Bildung machten sie darum auf einen geistig anspruchsvolleren Mann einen völlig ungebildeten Eindruck. Ich spreche hier natürlich von der großen Masse. Vereinzelte geistig wacherzogene Mädchen mag es immer in Deutschland gegeben haben, aber ich bin ihnen damals nicht begegnet.

Die andere Gattung waren die sich in jener Zeit vom Familienzwang befreienden Frauen, jene, die in blinder Nachahmung männlichen Auftretens in der ersten Sturm- und Drangzeit der neuen Frauenbewegung abstoßend wirkten. Sie trugen mit Vorliebe die Haare kurz geschnitten, dazu steife Herrenstehkragen und Krawatte, und wollten die Reize des weiblichen Körpers möglichst übersehen wissen. Sie taten sich etwas zugute auf ungelenke Bewegungen, sie trugen Zwicker, Manschetten, und sie wählten ihre Kleider schmucklos, alle Zartheit und Zierlichkeit mit Absicht vermeidend.

Heutzutage sind diese beiden Frauenarten glücklicherweise zu einer neuen Frauengattung verschmolzen. Man kann von einer neuen Frau sprechen. Denn die Geistesfrische und eine gewisse natürliche Geistesfreiheit, die die Frau fernhält von unnatürlicher Familienverblödung, ist jetzt im ganzen Lande allgemein geworden. Damals, vor zwanzig Jahren aber hatten beinahe nur die nordischen Länder die geistige Neugestaltung der Frau aufzuweisen.

Diese Frauenverschiedenheit zwischen Nordeuropa und Südeuropa erkannte ich aber natürlich nicht früher, als bis ich nach dem Norden kam. Dort wurde mir der Unterschied schnell bewußt. Fast alle jungen Mädchen waren dort damals schon in ihrem Auftreten von natürlicher geistiger Frische.

Die Haushaltungsarbeit schloß nicht das tiefere Wissen und die geistige Aufklärung aus, und ebenso hielten die nordischen Frauen, die sich ähnliche geistige Kenntnisse wie der Mann angeeignet hatten, auch nicht die kleinsten Haushaltungsarbeiten für unwert.

Die Mädchen in Schweden waren von ihren Müttern und Vätern und von den frischen und harten Lebensbedingungen, bei denen die Menschen dort, trotz der Rauheit des Landes, fröhlich und festlich aufwachsen, so freigeistig erzogen, daß sie liebende Frauen, geistige Kameraden und tüchtige Familienmütter im Hause eines verständigen Mannes werden konnten.

Die meisten jungen nordischen Mädchen hatten durch ihre geistige und körperliche Erziehung einen europäischen, vorurteilslosen Weltblick erhalten. Sie waren auch glühende Vaterlandsverehrerinnen, treue Pflegerinnen alter heimatlicher Gebräuche und verständige Beobachterinnen ihrer Heimatnatur und ihrer Heimatlandschaften. Da die meisten von ihnen von Kindheit an beinahe die Hälfte des Jahres in freier Luft, bei Seen und Wäldern, an Küsten und auf Inseln verbracht hatten, waren sie körperlich und seelisch frisch und gesund.

Die Urlaute der Natur waren den Damen der Stadt so bekannt wie den Bauern des Landes. Die nordischen Damen zeigten sich nicht bloß auf städtischen Promenaden, sondern waren gewohnt, zu wandern, zu segeln und mit den Pflanzen und Tieren wie die Bauern zu plaudern, während die langen Winternächte den Büchern und dem Familienleben in der Stadt gewidmet waren.

So wurde ich angenehm überrascht, ernsteren und geistig klareren und körperlich gesunderen Frauen und Männern in Schweden zu begegnen als in irgendeinem südlicheren Lande. Auch hatten die meisten weite Auslandsreisen gemacht. Viele der jungen Mädchen hatten mit Freundinnen Paris, London, Italien, Deutschland besucht.

Sie hatten schon mit zwanzig Jahren ein Stück Welt und fremde Menschen zu beobachten Gelegenheit gehabt. Aber sie prahlten nicht mit ihren Kenntnissen. Sie waren ein wenig verschlossener als unsere Frauen, und man mußte ihnen Urteile und Gedankenaussprüche entlocken.

Aber dann, wenn diese Frauen die Lippen öffneten und einen Satz sagten, sprachen sie nicht Gelesenes aus Büchern nach, sondern gaben ein unumwundenes frisches Urteil. Das klang manches Mal fast rücksichtslos, war aber im Grunde nur unbeholfen, ehrlich und äußerst schlicht und ernst gemeint.

Dieses war in großen Zügen das Wesen der Nordländerinnen, die ich in kleinen und großen Städten, auf Pfarrhöfen und Bauernhöfen in manchen Jahren kennen lernte.

Aber bis ich das Mädchen dort fand, dem sich mein Herz zukehrte, vergingen noch zwei Wanderjahre.

* * * * *

In Berlin war in den ersten Jahren der neunziger Jahre eine große nordische Bewegung im Gang. Ibsen belebte die Theater. Björnson wurde uns näher bekannt. Strindberg war nach Deutschland gekommen. Außerdem machten die Bilder des jungen norwegischen Malers Munch einen verblüffenden Eindruck auf die Berliner Akademie.

Ein Akademieprofessor hatte auf einer norwegischen Reise von den Arbeiten Munchs in Christiania gehört und den jungen Künstler aufgefordert, in der Berliner Akademie eine Ausstellung zu veranstalten.

Als aber Munch seine Bilder im darauffolgenden Herbst sandte und die Sendung in der Akademie ausgepackt werden sollte, wurden die anderen Akademieprofessoren, die bei der Öffnung der Kisten anwesend waren, dermaßen erschrocken über die neue Malart des Norwegers, daß sie nicht einmal die Bilder auspacken lassen wollten, den Saal zur Ausstellung verweigerten und so dem Gaste, den sie eingeladen, schmählich die angebotene Gastfreundschaft kündigten.

Der Norweger aber wußte sich zu helfen und wußte sich zu rächen. Er mietete Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße, also an der damals verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk eines Prachtgebäudes leerstehenden großen Ladenraum, ließ seine Bilderkisten dorthinbringen und stellte die ganze Sendung auf eigene Faust dort aus. Natürlich wollte Berlin den Maler sehen, den die Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.

Die berliner Zeitungen brachten lange Spalten für und gegen Munchs neue nordische Malerei, die alle Überlieferungen übersprungen hatte, die nicht mehr gewollte Schönheit sah und nicht nach der Farbenskala vorgeschriebener Farbentöne malte, sondern die die Welt in Linien und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren phantastischen Eindrucksbilde getreu, von dem das Herz des Künstlers erschüttert worden war.

Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange in Europa unverstanden, und ich habe später oft in Paris bei den Jahresausstellungen der „Independants“ beobachtet, daß das Bürgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des Schreckens vor den Munchschen Bildern stehen blieb und dann mit einem Lachen sich abwendete.

So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst später genießen lernte!

Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mußte ich mich auch vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es erst, ich möchte sagen, entziffern muß, so war daran nicht Munch, nicht der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrücken nicht gewachsenes Auge, das in alten Überlieferungen eingeschult war und noch nicht mit der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.

Aber ich fühlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten zuerst ähnlich wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den mächtigen Verkürzungen und den fortstürzenden Verkrümmungen, die das Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohl miterlebt hatte, aber deren Eindruck nicht zum festen Bewußtsein gekommen war.

So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrücke zum Bewußtsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.

Wenn einer aber ungeduldig war und hartnäckig an seinen eigenen altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemälde Munchs so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europäern neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster und tiefster Weise eröffnen, aber lange für Wirrwarr, linienverrenkt, farben- und formenunmöglich angesehen wurden. --

Die selbstzufriedenen, unkünstlerischen und lebensunwilligen Menschen, die, in der Torheit eines beschränkten Ichs befangen, die Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern können, sind Schädlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe wie einen zu kurzen Maßstab der Weiterentwicklung aller Künste entgegenhalten.

Diesen Menschen begegnen die Dichter ebenso oft wie die Maler und Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Künstler die großen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund und blutig reißen muß auf seinem festlichen Lebensweg.

Diese Stillstandmenschen sind die letzten an der großen Tafel des Lebensfestes, sind die, die beschränkterweise allem neuen Lebensfestlichen mißtrauen, die schelten und unverständlich schielen auf die anderen Festlichen.

Doch können sie nicht die unendliche Schöpferlust hindern, und lange, nachdem die andern schon zu neuen Freuden übergehen, bleibt jenen Störern doch nichts anderes übrig, als dem Fortgang des Festes nachzuhinken, da die Lust am Leben sie dazu zwingt und endlich ihre Trägheitswiderstände überwindet. --

Diese Munchsche Ausstellung stellte mir die nordische Landschaft, ungeschmeichelt und in ihrer einsamen und rohen Pracht, zum erstenmal vor Augen. Auf vom Meer rundgewaschenen Klippensteinen begegnete ich auf den verschiedenen Bildern einer und derselben Mädchengestalt, die einem weißen Runenstein ähnlich dastand und über die kahlen Steinfelder fortsah. Sie kam dann auf einem anderen Bild wieder und stand im Abend im Tang beim Meerwasser, und in der Ferne, wie ein grauer Stein aufgerichtet, sah ihr immer ein junger Mann zu.

Diese Eindrücke von nordischen einsamen Menschengestalten erweckten in mir eine heftige Sehnsucht nach den Küsten jener urgermanischen Leute, bei denen nachdenkliches deutsches Wesen noch ursprünglicher zu leben schien als bei uns.

Ich war im engen Franken zwischen Weinbergen, in einer Landschaft abgezirkelter Felderflecken aufgewachsen und hatte mein Lebenlang nur Wälder gesehen, in denen jeder Baum im Forstbuch wie ein Haustier aufgezählt und eingetragen war. Das waren nicht mehr die ursprünglichen machtvollen Naturwälder; es waren gezüchtete Baumherden, bei denen der Förster und sein Hund, ähnlich dem Hirten und dem Hirtenhund, Aufsicht und Ordnung zu halten hatten.

Die Heimatwälder waren nicht mehr Naturgewalten; sie waren staatliche Holzgeschäfte geworden. Und die Zeiten, da man von ihrer Undurchdringlichkeit sprach und man sich eine Abenteuerfülle in die Wälder hineinträumen konnte, waren bei uns längst vorüber. Die Bürger hatten zwar versucht, sich durch Butzenscheibenromantik das alte Abenteuerdeutschland wieder vorzuspiegeln. Aber die altdeutschen Wälder, die altdeutsche Landschaft, die konnten sie sich nicht mehr aus der Vergangenheit zurückrufen.

Nach einem jahrelangen Schul-, Familien- und Kulturzwang sehnte ich mich nach kräftigster urweltlicher Ursprünglichkeit, und die fehlte in dem kulturreichen Franken auf allen Wegen.

Prächtig verlockend aber sahen mich die nordischen Steinmassen und das nordische Tangmeer in der Munchschen Ausstellung an, und ich beneidete die Figuren, die da in den Munchschen Bildern herumgingen, die ihre träumende Stirn weiten, stillen, urweltlichen Länderstrecken hinhalten durften, Landschaften, die beleuchtet waren von unergründlich hellen, gedankenreichen Sommernächten.

Es erschien auch auf jenen Munchschen Bildern oft ein Haus, immer wieder dasselbe Haus, das kahl, unschön, nüchtern, in einem Garten lag, dessen Baumwelt den verzerrten Tangpflanzen glich. Stürme hatten den Bäumen erschrockene und ringende Arme gegeben.

Auf einem Bild stand das Haus mit einer Reihe beleuchteter Fenster und vom Mondlicht grell getüncht auf einem freien Platz im Garten, wild beleuchtet, als würde es von den Bäumen und von Sturmstimmen hell angeschrien. Und im Garten stand das weißgekleidete Mädchen wieder, schmal und weiß wie eine dünne Blumenzwiebel, wie die Luftwurzel einer Orchidee über dem Gartenweg schwebend. Und neben dem Mädchen, einige Schritte entfernt, war da eine Reihe anderer Mädchengestalten, die der Sturmwind, der ihnen die Kleider an die schmalen Glieder preßte, unwirklich schlank machte.

Die Figuren waren in dem großen Garten so klein, daß ihre Gesichter im Gemälde nicht mehr als ein Farbenfleckchen bedeuteten. Aber man sah doch die Empfindung dieser Gesichter deutlich. Wie eine Reihe Irrlichtflammen strebten sie vorwärts, dem Sturm, der durch den Garten jagte, entgegen. Es war, als hörten sie alle zusammen in der großen Sturmstimme eine gemeinsame Sehnsucht reden.

Und die Gartenwirrnis mit den ungeschlachtnen Bäumen glich den Maschen eines Netzes, in denen die Mädchengestalten wie kleine gefangene Fische hingen. Das grelle Haus aber über dem Gartenplatz war wie ein Spuk, vor dem die Mädchen flohen und immer noch weiter entfliehen wollten. Sie wußten noch nicht, daß ein einziges Netz von Sehnsucht sie alle gefangen hielt. --

Nachdem ich diese Munchschen Landschaften lebhaft erlebt hatte, wurde der Gedanke, den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson zu besuchen und vielleicht mein Schicksal mit den in fernen Nebeln versunkenen Küsten des Nordens verbinden zu lassen, immer kräftiger in mir.

Und als ich einige Monate später -- nachdem ich oft als Gast im Hause Ola Hansons aus- und eingegangen war -- mit einem jungen schwedischen Schriftsteller bekannt wurde, kam mir nichts erwünschter als die Aufforderung desselben, mit ihm sein Vaterhaus an der schwedischen Westküste zu besuchen.

Jenes jungen Schweden Vater war Oberprediger, und ich konnte bei seiner Mutter im Pfarrhause Pension erhalten, da sie im Sommer immer Pensionäre, meist aus der Stadt Gothenburg, bei sich habe.

Ehe sich aber für mich diese Gelegenheit fand, zum erstenmal nach den nordischen Ländern zu kommen, hatte ich vorher in Berlin einige geistige Erlebnisse, die von wichtigem Einfluß auf meine Weiterentwicklung waren.

Diese Ereignisse waren das Zusammentreffen mit zwei bedeutenden Zeitgenossen, mit dem Dichter Richard Dehmel und dem Dichter Stefan George.

Als ich im Herbst 1892 nach Berlin gekommen war, hatte ich noch keine Ahnung vom Erdendasein dieser beiden jungen Dichter. Das war auch nicht gut möglich, denn ihre Namen fingen eben erst an, in die Öffentlichkeit zu treten, und noch nicht einmal an die breitere Öffentlichkeit; sie wurden damals erst in den Kreisen der jüngsten Schriftsteller genannt.

Ich, der ich damals schon keine Gedichte mehr schreiben wollte, aus den früher genannten Gründen, und mich ganz der Entwicklung eines neuen Prosastiles gewidmet hatte, las auch in der neuen Zeitschrift „Die freie Bühne“, die damals in Berlin erschien, nur selten Gedichte. Und da ich noch nicht mit Literaten verkehrt hatte, waren mir Dichter, die Gedichte schrieben, kaum dem Namen nach bekannt. Ich kannte nur aus jener Zeitschrift neue Dramatiker und Romanschriftsteller.

Ola Hanson hatte mich in Berlin an den polnischen Schriftsteller Przybyszewski empfohlen, und dieser sagte mir eines Tages, er habe meinen Roman „Josa Gerth“, der eben erst erschienen war, Richard Dehmel zum Lesen gegeben. Ich hörte zum erstenmal den Namen, den er für sich so bekannt aussprach, als wenn er mir eine Stadt in Europa genannt hätte, die irgendwo auf der Landkarte stand, von der ich aber nichts wußte.

Bald darauf besuchte mich eines Tages in meiner Studentenwohnung ein Herr, den meine Hausfrau in ihre gute Stube führte. Ich hatte den Namen des Besuchers nicht verstanden, und ich saß mit dem Fremden vor einem großen Tisch in der eiskalten guten Stube, in der ich selbst noch nie gewesen war, und wo ich mich auch als Besuch fühlte. Die Haltung des Fremden war sinnend und gedankenvoll, so daß mir jedes Wort im Halse stecken blieb.

Der fremde Besucher hatte einen großen dunkelblauen Kragenmantel an -- wie sie damals getragen wurden --, in dem er wie in einer Tarnkappe verborgen saß. Sein Gesicht schien mir sorgenvoll, und es war sehr durchfurcht. Und was der Fremde sagte, verstand ich nicht, denn er murmelte etwas Leises vor sich hin. Und er verstand wieder nicht, was ich gesagt hatte, denn meine Art war es ebenfalls, leise zu sein und leise zu sprechen -- was meinen Vater und meine Umgebung oft zur Verzweiflung gebracht hatte.

Wohl nahm ich mir ganz schüchtern heraus, nochmals nach seinem Namen zu fragen, aber ob der Besuch meine Frage verstanden hatte, das erfuhr ich nicht, denn er antwortete wieder etwas Leises, als antworte er seinen innersten Gedanken.

Etwas lauter, und dieses Mal wahrscheinlich an mich gerichtet, mit einem leichten Blick in mein Gesicht, sagte mir dann der unergründliche Mensch, er habe mein Buch gelesen. Damit konnte ich aber nichts anfangen, denn er sagte nicht, ob es ihm gefallen hätte. Er murmelte etwas von „erstaunlicher Ausdrucksweise“ und von sehr „farbig“.

Daraufhin versanken wir wieder, jeder in seine Stille. Es wurde, als gingen wir lautlos nebeneinander durch ein weites weißes totstilles Schneeland, ohne Weg und nicht wissend, woher und wohin.