Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band
Part 11
Aber in jener Zeit, die ich meine, hatte man für den jungen Dichter in den Gesellschaftskreisen entweder ein mitleidiges Achselzucken, oder ein solch junger Geist wurde kurzweg als eine Lächerlichkeit angesehen, die nicht einmal mit ernstem Spott verfolgt wurde; er war für die Gesellschaft Luft und hatte kaum Daseinsberechtigung. --
* * * * *
Durch die neue Weltanschauung war ich aus dem Gleichgewicht der griechischen Rhythmen und einlullenden gutmütigen Melodien der alten Dichterwelt aufgerüttelt worden, und die Trochäen und die Jamben und der Hexameter, alle die uns von den Griechen überkommenen Versmaße, schienen mir undeutsch, zu feierlich und nicht auf die heutigen Lebensäußerungen und Lebenszerrissenheiten anwendbar, mit denen der Arbeitsgeist uns Menschen einer neuen Welt umgibt.
Ich sagte mir: unter dem herrlichen blauen Himmel Griechenlands wurden alle jene Versmaße aus dem Sinn eines angeborenen Gleichgewichts geboren. Die Südsonne und das Südblut des Mittelmeervolkes mußten dem inneren Leben der Dichter dort einen mächtigeren Rausch und Schwung geben, ein höheres Pathos, welches zu uns gebracht, in unser deutsches Klima und bei unserer kühleren Rasse ewig unnatürlich wirken wird und unwahr.
Unser Leben in Deutschland, das fast ein halbes Jahr Winter kennt, den kurzatmigen Sommer hat, und das zugleich von einer neuzeitlichen Emsigkeit durchdrungen ist und die Aufmerksamkeit auf ganz andere Lebensgesetze richten muß, als es die Griechen vor zweitausend Jahren taten, dieses Land muß ein eigenes Versmaß, seine eigenen Rhythmen haben. Dieses Versmaß muß sich dem inneren Leben, den zarteren Menschen, dem bewölkteren Himmel und den grübelnden Träumen, den rauschenden Laubwäldern unseres Landes anpassen.
Die Natur jedes Landes -- Landschaft, Himmelsstrich und Sprache -- gibt ihren Dichtern ein bestimmtes Versmaß ein.
Die Länder der Zypressen und Pinien, die Länder des heißen Südweines, die südlichen Länder, wo keine Singvögel nisten, können nicht in demselben Verstakt dichten wie deutsche Haine, deutsche Wiesen und Buschlandschaften voll fliegender Sänger und kühler lauschiger Grashügel.
Nach dieser Erkenntnis war es mir vorerst unmöglich, daran zu denken, Gedichte zu schreiben, da ich nicht im alten Versmaß schreiben wollte und zur Eingebung des neuen noch nicht gekommen war. Außerdem lag nichts zur Dichtung Aufmunterndes in der Haltung des damaligen Zeitgeistes, wie ich es vorher erklärt habe.
Und so stellte ich mich auf den Standpunkt, daß es vorläufig unmöglich sei, Gedichte zu schreiben in einer Zeit, die voll Maschinenlärm und Reiselärm war und mit Triumphen und neuen Wahrheiten der Naturwissenschaft protzte.
Ich wollte mich deshalb zuerst nur in einer neuen Erzählerkunst ausbilden, ausgehend von haarscharfster Beobachtung und genauester Wiedergabe der zartesten Lebenseindrücke. Dann hoffte ich, es würde sich vielleicht mit der Zeit die Sehnsucht und die Kraft zum Dichten in mir wieder verstärken und Dichterlust eines Tages von selbst hervorbrechen. Was ich aber im Lärm aller Neuheiten, die jetzt auf mich einstürmten, vorläufig stark bezweifelte.
Ja, ich ging damals so weit in meinem Urteil, und war darin nicht der einzige meiner Zeit, Dichtung und Dichten für eine Unmännlichkeit zu erklären. Dichtung schien mir, war heutzutage nur noch möglich für junge Mädchen, Schüler, ältere Tanten und Greise.
Der zeitgemäße Mann sollte auf die altmodische Süßigkeit gedichteter Gedanken verzichten und das Prosawort handhaben lernen und seine Gedanken durch die Kraft einer neuen Prosa vermitteln. --
Aber dieselbe Sehnsucht, sich von einer alten überlebten Welt zu trennen, die damals die Dichter erfaßt hatte, die hatte alle Künstler erfaßt.
Die Musiker, unter Wagners Führung, sagten sich von der alten Lehre des Kontrapunktes frei. Und die deutschen Maler packte die Sehnsucht, die Heimat in Licht und Farben wiederzugeben. Und die Dunkelmalerei der alten Schule und das Sichbrüsten mit dem Malen von sogenannten Charakterköpfen und Ideallandschaften wurde ebenfalls mehr und mehr beiseite gelassen, und die Freilichtmalerei feierte ihre ersten stürmischen Feste.
Man malte mit Weiß in Weiß, wo man vorher nur Braun in Braun gegeben hatte, und man malte Bunt in Bunt, lustig befreit von den schematischen Farbenlehren akademischer Abtönungen.
Und man malte das Häßlichste und das Eintönigste, sowie man auf der Bühne den Armeleutestand und auch das Häßliche zu Wort kommen ließ und sich bemühte, Pathos und Pose möglichst von den Brettern zu verbannen.
Die Schauspieler fingen an das Versesprechen zu verachten, weil der geistige Zuschauer den Versstücken nicht mehr zuhören wollte und übersättigt von Pathos und Pose war und einen Wirklichkeitshunger abends ins Theater brachte, der entstanden war aus dem neuen wachsenden Großstadtlärm und aus dem Bedürfnis nach Kraftbetätigung und Wirklichkeitslust.
Die ganze Kunstwelt war in jenen Jahren vielleicht mit einem Maskenball zu vergleichen, bei welchem plötzlich das Zeichen zur Maskenabnahme gegeben wird. Und wo vorher sich nur Larven angesehen hatten, sah man plötzlich wirkliche lebende Gesichter wieder, lebende Gesichter in den Büchern, auf den Bildern und auf der Bühne.
Die Künstler begrüßten fröhlich diese Umwandlung, die Rückkehr zum Leben ohne Larve, während die breite Bürgermasse sich nicht recht an die entlarvten Gesichter gewöhnen wollte und nur seufzend, rückwärtsschauend, schwerfällig und gezwungen dem neuen Zug der Zeit Folge leistete.
Viele äußere Umstände trafen da noch zusammen, die den Wirklichkeitssinn bei den Künstlern wachriefen und die auch die Bürger mitrissen. Das neue ungewohnte schnelle Reisen und Orte wechseln können, durch das damals ausgebaute Eisenbahnnetz über ganz Europa, machte die Menschen wirklichkeitsfroh, und ebenso die Erfindung und Anwendung des reinlichen und verblüffend hellen elektrischen Lichtes; dessen alle Winkel ausleuchtende Klarheit ließ nachts keine Gespensterfurcht und keine überflüssig wuchernde Romantik mehr aufkommen.
In der Wissenschaft legte die Bakterienlehre die Ohnmacht und Macht des Menschen klar, dem winzigsten und dem Auge unsichtbaren Lebewesen gegenüber. Und weiter kamen dazu die aufsehenerregenden ersten Versuche der Hypnose, die in allen Gesellschaftskreisen mit Eifer besprochen und begutachtet wurden. Die bei diesen Versuchen sich befestigende Überzeugung, daß der Mensch keine ihn durch Gut und Böse leitende Seele habe, sondern daß durch den Willen eines stärkeren Menschen der Wille des Schwächeren so ausgeschaltet werden kann, daß dem besten Menschen in der Hypnose Böses zu tun befohlen werden kann, dieses alles half mit am Aufbau einer neuen Weltauffassung.
Auch ein amerikanisches Buch muß ich noch erwähnen, das in jenen Jahren in hunderttausend Exemplaren von Hand zu Hand ging. Das war Bellamys „Rückblick aus dem Jahr 2000“. Es war ein Buch, das erstaunlich den Wünschen und Sehnsüchten der Zeit entgegenkam, indem es scheinbar alle Wünsche des letzten Standes mit den Wünschen der höheren Stände so verschmolz, daß ein Idealstaat dem Leser des Buches gar nicht so unmöglich erschien und es manche Ungeduldige für möglich hielten, im neuen Jahrhundert diesen Staat noch zu erleben.
Ich will und kann hier nicht alles aufzählen, was in jenen Jahren bei der Neuheit des Maschinenlebens, bei der Neuheit des naturwissenschaftlichen Denkens, bei der Neuheit des raschen Reisens und des plötzlich sich schnell Verständigenkönnens durch Telegraph und Telephon mit nie dagewesener Macht die Menschen von alten Vorurteilen entkettete, das abgezirkelte Gesellschaftsleben entkräftete und Bewegung und Denkfreiheit in Kunst und Leben herstellte. Diesem neuen Zeitgeist, den zuerst die Künstler erfaßt hatten, arbeitete aber der altmodische Bürgergeschmack entgegen.
Die Bürgerkreise sehnten sich, kaum ein wenig aufgerüttelt vom neuen Zeitgeist, scheinbar nach den Dunkelheiten des Mittelalters, so wie einer, den durch eine aufgerissene Tür die Sonne blendet, die Hand zum Schutz über die Augen legt oder sich nach dem Zimmerdunkel umsieht und sich erst allmählich an die plötzliche krasse Helle gewöhnen will.
Es blühte und wuchs bei den Bürgern in jenen Tagen in Deutschland allgemein die kindische Lust nach sogenannten altdeutschen Stuben mit Butzenscheiben, diese Lust, die man später höhnend Butzenscheibenromantik nannte. Bei jeder Gelegenheit wurden in den Städten altdeutsche Festzüge veranstaltet, wo die Leute, die im Zeitalter der Zeitungen, Eisenbahnen und der Sozialdemokratie aufgewachsen waren, plötzlich als Faustritter, Zunftmeister, Ritterfräulein und Ehrenjungfrauen sich gebärdeten. Als sei die Gegenwart nicht Maskenspiel genug, wollte man auch noch am hellen Tage die Gegenwart mit der Vergangenheit maskieren.
Jedes neue Haus mußte damals wenigstens _einen_ altdeutschen Turm bekommen oder ganz unnötige Zinnen, und die Mode des Altdeutschen tobte sich auch bei allen Gebrauchsgegenständen in der lebhaftesten Weise aus. Es ist übrigens heute noch nicht viel anders. Nur ist die Maskerade der Butzenscheiben von der Maskerade der Biedermeierei verdrängt worden.
Die Bühnen- und Romanschriftsteller hatten sich noch zu Anfang der achtziger Jahre so romantisch altdeutsch benommen, daß schon deshalb Gerhart Hauptmann für jeden ernster empfindenden Deutschen nicht bloß als Geist einer neuen Zeit, sondern auch als Erlöser vom altdeutschen Massenwahnsinn begrüßt werden mußte. --
So lagen die Dinge der geistigen Welt, als ich im Frühjahr 1892 nach München kam, wo die großen Brauereien eben ihre prunkenden Bierpaläste zu bauen begannen. Da las ich im gleichen Frühjahr in den Zeitungen, daß sich vom Glaspalast, dem großen Ausstellungspalast der Maler, eine Malergruppe trennen wolle, die nichts mehr zu tun haben wollte mit akademischen Grundsätzen. Dieser Gruppe Mitglieder strebten die Freilichtmalerei und die Freiheit für jede Eigenart fern aller Schablone an. Auf Wunsch des Prinzregenten hatte man sich aber noch einmal geeinigt und wollte sich noch nicht vom Glaspalast trennen, sondern die neue Malergruppe, die sich Sezession nannte, sollte im Glaspalast einige Säle für sich erhalten.
Wenn ein Bienenvolk schwärmen will, beginnt es im Bienenkorb laut zu summen, also summte es damals wütend in allen Bierlokalen der Stadt München. Man ereiferte sich für und wider den Streit, der unter den Malern im Glaspalast ausgebrochen war. So wie man vorher für und gegen Wagner gewesen, so stritt man jetzt für und gegen die Sezessionisten.
Das Kaffeehaus Luitpold war eben erst eröffnet worden und galt als das prächtigste Großstadtkaffeehaus Deutschlands. Das Leben in prunkhaften Kaffeehäusern hatte damit für München seinen Anfang genommen, und die Bürger wollten wichtiger genommen sein, seit sie ihren Kaffee mit ihren Frauen auf rotem Samtsofa bei vergoldeten Säulen und in Oberlichträumen einnehmen durften. Überhaupt, das Bürgerleben wurde täglich feister, und das Sprichwort „nur Lumpen sind bescheiden“ wurde in Bürgerkreisen zum Erziehungswort.
Bahnbrechend im Geistesleben in München war aber damals nicht bloß die Sezession, sondern ebenso ein Häufchen Schriftsteller, die wie weltferne Kameraden dem, in altdeutscher Maskerade protzenden Bürgertum die maskenlose, ehrliche und erschütternde Wirklichkeit in Romanen und Dramen darbieten wollten.
Ich erinnere mich besonders gut an einen literarischen Abend auf der Isarinsel in dem Gasthaus „Isarlust“, das, wenn ich nicht irre, ein paar Jahre vorher zur Zeit der ersten Elektrizitätsausstellung gebaut worden war. Dort in einem Saal war von jener Schriftstellergruppe ein Vorleseabend veranstaltet worden, der mich zum erstenmal in die Nähe von wirklichen Dichtergeistern brachte.
Ich kann kaum ausdrücken, mit welcher heiligen Scheu und mit welcher höchsten Seelenspannung ich mich auf den Weg zu jener Vorlesung machte, und wie geweiht ich mir vorkam, die Gesichter neuzeitlicher Schriftsteller sehen zu dürfen, ich, der bis dahin nur in Würzburg in engster Familie, fern von allem öffentlichen Leben, aufgewachsen war.
Mir war, als sollte ich einen neuen Olymp kennen lernen. Ich hatte bis jetzt nur Bücher aus jener neuen geistigen Welt zu Freunden gehabt, nur Geschöpfe, aber keine Schöpfer. Außer mit meinen beiden studierenden Freunden hatte ich bisher mit niemandem einen Gedankenaustausch erlebt, abgesehen natürlich von den Gesprächen meines Vaters, dessen Geist mir bis dahin die Unterhaltung von hundert Leuten hatte ersetzen können.
Als ich in jenen Vortragssaal eintrat, ließ ich mich scheu und beklommen auf der letzten Sitzreihe nieder, reich beglückt, dort sein zu dürfen, wo Frische und neue Geisteslust die Luft, wie mir vorkam, leichter und zum Atmen selbstverständlicher machte.
Der Saal war ungefähr zu dreiviertel von Zuhörern gefüllt. Max Halbe las sein Drama „Jugend“ aus der Handschrift vor. Dasselbe war noch nicht aufgeführt. Nach ihm lasen Johannes Schlaf, Ludwig Scharf und noch andere, deren Namen ich mich heute nicht mehr entsinne.
Ich hatte von dem, was vorgetragen wurde, da die Schallkraft des Saales schlecht war, auf meiner letzten Sitzreihe, wo ich einsam saß, zwar nur halbe Sätze und halben Sinn aufgefaßt, aber ich war doch ehrfürchtig gestimmt worden, als hätte ich Stimmen aus einer anderen Welt sprechen hören. Und deshalb blieb mir jener Abend für immer unauslöschlich in der Erinnerung.
Doch eigentümlicherweise kam in mir nicht die Kraft auf, an einen jener Dichterkameraden heranzutreten, mich vorzustellen und die Hand zum Gruß zu reichen. Wohl war der Wunsch da, mich unter jene Männer zu mischen und mich mit und bei ihnen frei und fern der Bürgerwelt zu bewegen.
Aber, wie ich schon vorher sagte, war es in jenen Tagen allgemein, daß jeder Dichter in jenen Jahren entweder den Doktortitel führte und auf eine Universitätsbildung zurücksehen konnte oder daß er doch das Abiturientenexamen gemacht hatte. Ich aber, da ich Maler hatte werden wollen, hatte nur eine Realschule besucht und nur mit Mühe und Not das Zeugnis zum Einjährigfreiwilligendienst erlangt.
Dem geistigen Wissen meiner besten Freunde, dem Denker und dem Schweigenden, die Studierende der Universität waren, konnte ich meine künstlerischen Veranlagungen entgegenstellen, und es konnte dadurch gleiche Wertstellung im Verkehr herrschen.
Den Dichtern aber, denen ich in jener Vorlesung zum erstenmal begegnet war, hätte ich nur künstlerische Anfänge bieten können. Es waren von mir bisher nur in der „Gesellschaft“ und in der „Wiener modernen Rundschau“, den beiden damals einzigen Blättern des neuzeitlichen Schrifttums, ein paar Novellen erschienen. Mein erster Roman „Josa Gerth“ lag nur in der Handschrift fertig und sollte erst zum Herbst 1892 erscheinen.
Ich hatte also noch kein Buch aufzuweisen, um mich vor den bereits anerkannten jungen Dichtern als Geisteskamerad auszuweisen.
Meine Familienangehörigen hatten mir außerdem, wenn ich davon gesprochen, Schriftsteller zu werden, oft vorgehalten, daß ich nicht die nötigen Vorkenntnisse zu diesem Beruf besäße, und daß der künstlerische Drang zwar gut und schön sei, aber daß er kein überzeugender Beweis dafür wäre, daß ich im Schriftstellerberuf vorwärts kommen könne.
Auch war ich in einer Universitätsstadt aufgewachsen, in welcher der junge Studierende alle Hochachtung genoß und dagegen der künstlerisch Begabte herzlich wenig beachtet wurde. Wenn man noch keine großen Werke aufweisen konnte, erschien man dort als anfangender Dichter mehr als lächerlich und wurde ohne Universitätsbildung nicht ernst genommen.
„Glauben denn diese Leute,“ so mußte ich manchmal zu meinen Freunden sagen, „Homer habe Ägyptisch oder Persisch oder Hebräisch studiert? Hat man je von einem Dichter der alten Zeit verlangt, daß er ein Examen machen mußte in fremden Sprachen und in Wissenschaften? Genügte es nicht, daß er die Begeisterung und das angeborene Können eines Dichters besaß?
Haben die indischen und arabischen Dichter und die alten deutschen Barden Universitätskenntnisse besessen? -- Dichterfeuer, dichterische Vorstellungskräfte und tiefstes Gefühl für den Weltrhythmus, nur angeborene Kräfte besaßen jene alten Dichter alter Völker. Die Professoren konnten ihnen nichts lehren. Nur das große Leben war immer ihr Lehrer gewesen, und ebenso war ihnen Lehrer der Lebensernst und die Lebensfreude.“
Und meine Freunde gaben mir stets recht. Aber was half mir das, wenn die Bürgerkreise, in denen sich mein tägliches Leben abspielte, unaufgeklärt und befangen waren in dem, was sie Bildung nannten.
Diese Kreise glaubten, da sie selbst die Bücher und die Professoren zur Bildung nötig hatten, der Dichter müsse den bürgerlichen Weg erst gehen und sollte nachher seinen eigenen künstlerischen fortsetzen. Mit dem Satz: „Heutzutage ist es einmal so“, lehnten die meisten Leute jener Zeit jedes höhere Verständnis für die freie angeborene Schöpferkraft des Dichters ab, die doch über jede Universitätsbildung erhaben ist.
Einige studierte Verwandte von mir, Vettern mit Staatsanstellung, warfen mir sogar den Ausruf hin: „Wie willst du denn Bücher schreiben können, wenn du lateinische und griechische Fremdwörter, die in der deutschen Sprache eingeführt sind, nicht ableiten kannst? Du wirst dich mit falschen Ausdrücken nur lächerlich machen!“
Ich sagte ihnen zwar: „Für die, denen ein Fremdwort mehr wert ist als ein deutsches Wort, das ich an Stelle der Fremdwörter möglichst immer setzen werde, für die, die glauben, daß die deutsche Sprache nur schön ist, wenn sie sich mit lateinischen und griechischen Ausdrücken schmückt -- als ob man eine Menschenhand geschmückt mit falschen Brillanten hinreicht --, für die, die fremdklingende Worte den deutschen, einfachen deutlichen Worten vorziehen -- für diese Leute will ich gar nicht schreiben.“
„Es ist gar nicht zu vermeiden,“ antworteten jene darauf, „daß man fremde Ausdrücke anwenden muß. Die deutsche Sprache reicht nicht für alle Begriffserklärungen aus.“
„Gut,“ sagte ich, „dann werde ich der deutschen Sprache neue Worte geben. Denn es ist das Recht jedes wirklichen Dichters, seine Muttersprache zu bereichern, und es ist seine Pflicht, Fremdworte auszumerzen und an ihrer Stelle Worte mit heimatlichem Klang der Heimatsprache zu erschaffen.“
Man lachte und zuckte die Achseln und sagte, die Erfahrung würde es mir schon lehren, daß ich Unmögliches wolle. Und mein Vater, beeinflußt von den Reden jener studierten Verwandten, setzte mein Taschengeld monatlich so knapp an, daß ich ohne die Hilfe meiner Freunde hätte verhungern müssen. Denn er wollte mich durch die Entbehrungen, die ich mir auferlegen mußte, zwingen, von dem Vorhaben, Dichter zu werden, abzulassen, nach Hause zurückzukehren und mein Leben einem sicheren Geschäftsberuf zu widmen.
Auch dieses Gefühl, daß ich mich noch nicht durch das Schreiben erhalten konnte und nur von der Gnade meines Vaters leben mußte und nichts besaß, um auch mal fröhliche Feste feiern zu können, das hielt mich damals davon ab, mich jenem Dichterkreis in München zu nähern, und ich wartete bessere Zeiten ab, um dann Anknüpfung zu finden.
Die Entbehrungen zu ertragen, fiel mir leicht. Trotzdem ich in Würzburg in einem wohlhabenden Hause aufgewachsen war und es mir nie an irgend etwas gefehlt hatte, empfand ich die Einschränkungen jetzt im Verhältnis zur geistigen Freiheit, die ich genoß, als fast gar nicht vorhanden.
Es wäre mir komisch vorgekommen, wenn mich jemand als ärmer angesehen oder mich bedauert hätte und mir gesagt hätte, ich hätte zu Hause bei meinem vermögenden Vater reicher gelebt und besser, weil sorgloser.
Ich kam mir in jenen meinen ärmsten Tagen nie arm vor, und das Gefühl, ich besitze alles und alle besitzen mich, und das Gefühl, Mitteilhaber an allem Reichtum der Welt zu sein, war mir von jeher angeboren.
Ich konnte deshalb meinen Sorgen immer nur schwer glauben, bis sie dicht vor mir standen und nicht mehr abzuweisen waren; dann kamen sie mir erst wirklich vor. Unverständige Leute nennen dies Leichtsinn. Ich nenne es _Sorgenblindheit_. Und sie ist der angeborene sechste Sinn aller Künstler.
Denn wie könnten die Dichter Melodien und Lieder finden, die Maler sich an Farben, die Bildhauer sich an Formen freuen, die Musiker an Tönen, wenn sie sich nicht die Sorgenblindheit als sechsten Sinn geschaffen hätten, der ihnen Schutz bietet, wie Öl, das man in die Maschinen träufelt, damit sich die Räder nicht heiß laufen.
Und ohne die Öldrüse der Sorgenblindheit würde der eindrucksfähige Künstler tausendmal am Wege, lange vor seinem Ziele, sorgengebrochen zusammenstürzen.
Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, die zu jener Zeit in München die Universität besuchten, halfen mir in edelster Weise. Ohne ihre Mithilfe wäre ich vielleicht doch gezwungen gewesen, ins üppigere Vaterhaus zurückzukehren. --
In dem vegetarischen Speisehaus „Thalysia“ in der Landwehrstraße, in welchem ich mittags ein kärgliches Reis- oder Linsenkotelett aß, fand ich damals seltsame Menschen, von deren Anwesenheit auf der Erde ich vorher nichts geahnt hatte. Es waren Theosophen.
Diese Menschen mit blassen Gesichtern und großen vergeistigten Augen wirkten auf mich so befremdend, wie wenn man von einem zoologischen Garten in die Grotte eines Aquariums eintritt und hinter Glasscheiben im Wasser die Pflanzen der Tiefsee und die geschmeidigen Gestalten der Meeresfauna bei künstlicher Sauerstofferhaltung leben sieht.
Mir schien, jene Theosophen hatten die Geschmeidigkeit von Fischen oder Pflanzen, die schlank im reinen Wasser leben. Ihre Sehnsucht war, den Indiern ähnlich zu werden, und die Lotosblume, jene auf dem Wasser ruhende, keusche Reinheitsblume, war auch ihnen wie den Indiern das höchste Lebenssymbol.
Aber die Indier, aus dem reichen heißen Himmel, aus dem reichen heißen Tropenleben geboren, kamen sich zu kühlen, wenn sie sich zur Lotosblume neigten. Die Indier kommen aus dem Reich wildester Begierden und wollen ähnlich werden der Blume, die in Ruhe über kühlen Wassern schwebt. Es ist natürlich, daß sie sich aus dem natürlichen Sonnenbrand ihres Landes, aus ihres edelsteinschweren Landes Üppigkeit nach kühlender Einfachheit sehnen und dann bei der Weltflucht und der Weltentsagung anlangen. So wie der von der Sonne Überhitzte gern zum Schatten flüchtet. Dagegen jene Theosophen kamen, aufgewachsen im nebelgrauen Deutschland, in einem kargen Klima, auf einer Sorgenerde, zu der Lotosblume wie die Fische angeschwommen.
Und sie sahen wie Fische zur Lotosblume hinauf, zu ihr, die in einer höheren Welt lebte, zu ihr, die in der reinen Sonnenluft atmete, während sie selbst nur in den bläulichen Dämmerungen einer Wasserschicht ihr Dasein hatten.
Diese Theosophen, schien mir, sehnten sich aus der Kargheit eines phantasielosen Daseins nach der Phantasieblume des Lebens. Ihre Gedankenschicht, in der sie immer schwammen, schien mir der Wasserschicht ähnlich zu sein, auf der die Lotosblume schwimmt. Sie selbst aber schwammen immer um die Wurzel der Blume und sahen den Lotoskelch nur von unten.
Denn diese Männer, die ich da sah, waren nicht durch den Weltbrand hindurchgegangen und hatten sich nicht, um sich vom Leben zu kühlen, ans Wasser des Gedankenfriedens niedergesetzt wie die Indier. Sie haßten die Wirklichkeit, ehe sie sie erlebt hatten, weil sie zu schwach und zu kühl geboren waren und die Wirklichkeit nie ihr Reich gewesen war.
Sie lebten immer in ihren Gedankengewässern, in denen sie geboren waren, wie der Fischlaich. Und sie sprachen von dem Begierdereich wie Kinder, die vom Liebesleben der Erwachsenen in ihrem Kindheitsreich nur eine verzerrte Ahnung erhalten können.