Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Part 10

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Körner und Kleist, Hauff und Mörike, Uhland und Rückert, Heine und Klopstock, ihre Bücher waren gütig und ehrwürdig und von der Vergangenheit geheiligt und gaben dem Zimmer, in dem sie standen, eine glückliche Ruhe und eine Weltferne. Und dieses wunderte mich nicht, denn sie waren aus alter Zeit. Aber daß die neueren Schriftsteller, die der sechziger und der siebziger Jahre, einen süßen Vergangenheitshauch in ihre Sprache legten, als wären ihre Bücher unter der Feder alt geboren, während die Worte noch tintennaß waren, das fiel mir unangenehm auf. Die Schriftsteller der achtziger Jahre dagegen, die, statt mit Tinte, mit Tier- und Menschenblut zu schreiben schienen, wirkten auf mich erlösend.

Ich hörte eines Tages zwei Herrn in Würzburg vor mir auf der Domstraße zueinander sagen: „_Zola_, dieses Schwein, sollte in Deutschland verboten werden.“ Und ich wurde stutzig, denn die Gesichter derer, die das sagten, waren derart empört, daß ich sofort begriff: wenn diese Bürgerleute sich so aufregten, dann würde jener Schriftsteller -- dessen Name ich oft gehört, aber von dem ich noch kein Buch gelesen -- sicher sehr ernsthaft sein.

In denselben Tagen war auch die Welt erfüllt vom Geschrei über Tolstois „Kreuzersonate“. Und es hatten sich, wie für und gegen Wagners Musik, Streiter für und gegen die „Kreuzersonate“ in allen geistigen Kreisen des Landes aufgemacht.

Kühler lassend, aber auch aufrührerisch, wirkte das Auftreten Björnsons, der in seinem Buch „Der Handschuh“ zum erstenmal die Forderung aufstellte, daß der junge Mann seine Keuschheit bis zum Hochzeitstage ebenso streng bewahren müsse, wie das junge Mädchen.

Die Erde schien in jenen Tagen dem geistig Miterlebenden im tiefsten Geiste stündlich zu erzittern. Dem sicheren Gesellschaftsleben war außerdem in dem noch unsicher schwankenden Geist des neue Menschenrechte fordernden Sozialismus ein Gespenst erstanden, und nur die Dichter wurden vorerst angelockt von der noch unbedichteten Zyklopenwelt des Arbeitertums.

Bei verweichlichten Gemütern mußte jedes Buch dieser neuen Gattung einen Schrecken erzeugen. Das Wohlbehagen des Bürgergeistes wurde gewaltig gestört durch die neuen Armuts- und Arbeitergestalten, die, ungewaschen und ungekämmt, verhungert und ungehobelt, in Fabrikluft schwindsüchtig und elend geworden, aber mit unverheuchelt ehrlichen Lebens- und Liebestrieben versehen, das Erbarmen und die Bewunderung der Dichter gefunden hatten.

In Deutschland konnten darum damals gute Bürger Zola auf offener Straße ein Schwein nennen! Auch Gerhart Hauptmann und Holz und Schlaf, die drei ersten deutschen Verkünder des Wirklichkeitslebens in Dramen und Romanen, waren von der sogenannten guten Gesellschaft noch geächtet, als könnten sie mit ihren Büchern die Leprakrankheit in Haus und Theater verbreiten.

Außerdem war da noch der Philosoph Nietzsche aufgetaucht. Ich sah zum erstenmal in der „Gesellschaft“ -- die M. G. Conrad mit mächtigem Sturm und Drang stark und mutig begründet hatte -- das Bild Nietzsches, des Dichterphilosophen, im Lesesaal der Würzburger „Harmonie“ im Jahre 1891, und zugleich war da ein begeisterter Aufsatz mit einer kurzen Angabe aller seiner Werke und mit der Nachricht, daß der große Mann geistig umnachtet bei seiner Mutter in Naumburg lebe und wahrscheinlich nie mehr die Klarheit seiner Gedanken zurückerhalten werde.

Ich eilte vom Lesesaal sogleich zur Stubertschen Buchhandlung und verlangte dort Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“. Niemand in der Universitätsbuchhandlung kannte den Namen des deutschen Philosophen. Man bestritt sogar, daß ein Philosoph dieses Namens in Deutschland lebe oder gelebt habe. Man behauptete, ich müßte mich im Namen geirrt haben. Man lächelte und schrieb den Namen, den der Universitätsbuchhändler und die ihn umgebenden Herren noch nie gehört hatten, nur ungern auf.

Man wird sich das heute kaum vorstellen können, heute, wo jeder einigermaßen gebildete Student Nietzsches Namen so gut kennt, wie ein Musiker Richard Wagner kennt.

„Den Philosophen Nietzsche, den Sie verlangen, kennen wir nicht. Nehmen Sie doch die Werke eines anderen,“ so riet man mir in jener Buchhandlung. „Einen Philosophen Nietzsche gibt es gar nicht, und wir werden uns nur lächerlich machen, wenn wir nach Leipzig schreiben. Bestellen Sie doch ein Werk von Kant oder Spinoza. Bei diesen Namen sind wir sicher, daß wir Ihnen die Werke verschaffen können.“

Ich dankte für den billigen Rat und wollte gehen. Da ersuchte man mich gnädigst, den Namen noch einmal aufzuschreiben. Drei Tage später bekam ich aus Leipzig das Buch.

Nietzsche war bereits geistig gestorben, aber sein Werk stand vollendet da. Ist es dann nicht erstaunlich, daß damals bloß die geistigen oberen Zehn, die sich um M. G. Conrads „Gesellschaft“ sammelten, den Namen Nietzsche kannten und im Besitz seiner Werke waren? Während fünfzig Millionen Deutsche, die ahnungslos das Kommen und Gehen eines deutschen Geisteszyklopen miterlebt hatten, so wenig von ihrem großen Zeitgenossen wußten und so wenig an seiner Arbeit beteiligt waren, wie wenn ein fernes Sonnensystem im Weltall untergegangen wäre, von dessen Glanz und dessen Erlöschen nur einige Sternwarten der Erde Kunde hatten.

Und ich frage mich: woran liegt dieses auffallende Unbeteiligtsein der gebildeten Massen an der Entwicklung großer Männer und ihrer Geistesarbeit? Erst wenn ein Lebenswerk vollendet ist, erst wenn manche Geister irrsinnig werden vor Überanstrengung und vor Qual über den Unverstand und die Teilnahmlosigkeit, auf die sie stündlich stoßen müssen, erst dann wird die heutige Gesellschaft in breiteren Massen auf sie aufmerksam. Selten aber werden junge einsame Geisteshelden von ermutigenden Zurufen, von der Spannung und Erwartung eines ganzen Volkes durchs Leben getragen. Jene jungen Männer sind die einsamsten Söhne ihres Landes, und, wie ich schon zu Anfang dieses Buches sagte, sie müssen durch Wälder von Dornen wandern.

Heute weiß ich mir die Teilnahmlosigkeit der Nation zu erklären. Der Hauptgrund, daß das Verachten oder Übersehen starker junger Männer in einem Volke möglich ist, beruht auf einer unglücklichen Weltanschauung der Menschheit. Würden die ungeheuren Kräfte und die ungeheure Aufmerksamkeit, die die Gesellschaft graugewordenen Idealen zuwendet, dem Weltfestlichkeitsideal zugewendet, so würde eine größere Festlichkeit des Geisteslebens das Völkerleben verklären, und die Schwungkraft des Geistes aller Gesellschaftskreise würde sich erhöhen. --

Kühnheit und umwälzende Neuheit waren die Kennzeichen aller bedeutenden Bücher der achtziger und der neunziger Jahre. Diese neuen Werke wirkten, wenn man sie mit den auf einer alten Weltanschauung fußenden Werken der Klassiker verglich, wie Dynamitpatronen im Bücherschranke.

Zugleich mit dem umwälzenden Geist des Schrifttums waren in jener Zeit die Frauen teilweise der Madonnenhaltung müde geworden, und auch der Geist der Frau wollte am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Zeit gärte, und es wogten im Geistesleben jener Tage zwei Strudel auf und nieder. Künstlerbewegung und Frauenbewegung, beide von Schöpferkraft angefeuert, hielten die öffentliche Meinung in Atem.

Von der Republik Amerika kam dazu das Wort _Arbeit_ wie ein festliches Schlagwort herüber, und Europa echote: „Arbeit,“ und der Arbeiter wurde zum Ritter in der Phantasie der Dichter. Und die Frau wollte nicht zurückbleiben und wollte zur Arbeiterin werden. Sie, die vorher nur im Hause Mutter und Dame gewesen war, sie suchte sich jetzt auch einen Wirkungskreis außer dem Hause.

Ich muß gestehen, daß ich im Jahre 1890 noch herzlich wenig von all diesen geistigen Umwälzungen, die in der Welt vorgingen, wußte. Ich hatte bis zu meinem dreiundzwanzigsten Jahr von Gefühlsfragen und von Geistesfragen, die das Weltbild von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Jahrtausend zu Jahrtausend umgestalten müssen, nur eine Ahnung bekommen aus der Geschichtsstunde der Schule oder aus den Gesprächen meines Vaters über Politik. Sonst aber war die Welt bisher für mich scheinbar vollkommen gewesen, unerschütterlich nach biblischen Vorbildern aufgebaut, die vom Staate gutgeheißen und von den Dichtern mit Phantasie durchdrungen und besungen worden waren.

In der Privatier- und Universitätsstadt Würzburg sah man nicht das Elend und den Haß der Armen gegen die Reichen, der in Fabrik- und in Bergwerksgegenden damals zuerst aufschrie. Denn die Kaufmanns- und Rentierbevölkerung, die Beamten, Professoren und Offiziere, dazu die unbekümmerte Studentenschaft gaben dem Stadtbild, bei Weinbergen und altersgrauen Kirchen, den Frieden einer Lämmerhürde.

Das Wort Streik kannte man nur aus Zeitungen. Auch von der Frauenbewegung und Dichterbewegung kamen damals nur die Echos in Zeitschriften oder Zeitungen zu den stillen Gestaden meiner Vaterstadt. --

Außer einer würzburger Zeitung hatte ich kaum einmal in einem Kaffeehause eine andere Zeitung in der Hand gehabt, bis ich von dem einen meiner beiden Freunde, von dem Schweigenden, eines Tages auf das Berliner Tageblatt aufmerksam gemacht wurde. Ich höre noch seine Worte, als er sagte: „Im Feuilleton dieser Zeitung ist immer von einer Literatur die Rede, die nichts mit der alten Zeit zu tun hat. Diese Kreise, die in einem neuen Geist schreiben, solltest du aufsuchen.“

Ich hatte jene Literatur bereits aus der Zeitschrift „_Die Gesellschaft_“ kennen gelernt, aber ich war wie jeder Anfänger scheu und wollte erst meine eigenen Kräfte sammeln und meine Eigenart ausgeprägt haben, ehe ich mit jenen fremden Kreisen in Verbindung trat, die mir vielleicht zumuten würden, ihre Eigenart anzunehmen. Und ich war ängstlich, mein schriftstellerisches Ich zu hüten, bis es mir soweit ausgebrütet schien, daß es eine Persönlichkeit bekommen hatte.

So ließ ich es beim Lesen und Wiederlesen von Jacobsens Niels Lyhne beruhen. An diesem Buche bildete ich zuerst meine Schreibweise, und zugleich kam mir Niels Lyhnes Weltanschauungskampf, der zwischen dem Glauben an den alten Gott und dem Glauben an die Menschenvernunft schwankte, nahverwandt vor. Denn auch ich wog, ähnlich wie Niels Lyhne, noch immer die alte und meine neue Weltanschauung stündlich ab, schwankend zwischen der qualvollen Lehre der Erbsünde, der Verdammnis und der Belohnung nach dem Tode, und jener festlichen Denkweise, die mir erlaubte, mich Schöpfer und Geschöpf eines ewigen Weltfestes zu fühlen, zurückgeführt auf die Atomkraft aller Dinge.

Und so wie die Bücher der deutschen christlichen Klassiker nicht mehr in der Mauserzeit meiner Weltanschauungen auf mich wirken konnten, da sie mir in der gärenden Zeit zu christlich gottergeben vorkamen, so konnte ich auch selbst nicht mehr den Wunsch hegen, ähnlich dichten zu wollen wie die Dichter der alten Weltanschauung, die da in Reihe und Glied die Familienbücherschränke eines jeden deutschen Hauses füllten und den eisernen Geistesbestand meiner Zeit darstellten.

Solche Bücher kamen mir damals vor wie die jahrhundertalten Festungswerke der Stadt Würzburg, die schweigend behaupteten, für alle Jahrhunderte gut und nützlich zu sein und den Feind, den Erbfeind abwehren zu können. Sie sahen auch sehr trutzig drein, diese prächtigen Wälle, die von den klügsten Geistern ihrer Zeit zur Abwehr ausgedacht waren und stattlich und unerschütterlich schienen, als könnten sie noch Jahrtausenden trotzen.

Das Stadtleben aber, das sie schützen wollten, engten sie mit der Zeit so ein, daß die Bevölkerung, die weiterwuchs und immer licht- und luftbedürftiger wurde, durch Raummangel jeden Tag verheerende Krankheiten ausbrechen sehen konnte, hervorgerufen durch Menschenanhäufungen.

Und dieselben Wälle, die dem Feind wehren sollten und ihre Bürger retten vor dem Tod durch Feindeshand, sie wären schuld geworden, daß der Tod sich von selbst in der Stadt geboren hätte, wären sie nicht niedergelegt worden. Denn sie waren jetzt nicht mehr die Verteidiger, sondern die Feinde der Bürger, deren Kindern und Kindeskindern sie den Lebensatem und die Lebensfrische unfreiwillig raubten.

Ebensolche Wälle schienen mir die vorsichtig gehüteten Geistesgüter der Vergangenheit und einer alten Weltanschauung zu sein. Die neuen Bücher dagegen, wenn sie vielleicht auch nicht bleibende Grundsteine zu neuen Mauern waren, so brachen sie doch wie Dynamitpatronen Breschen in das veraltete Geistesbollwerk der europäischen Nationen.

Die neuen Schriftsteller, die diese aufrührerischen Bücher schrieben, wurden aber zur damaligen Zeit noch vom Adel sowohl als vom Bürger und vom ganzen Volk, gleich den Geächteten, für vogelfrei erklärt. Das Wort „Schweine!“ war noch das mildeste, das man ihnen nachwarf.

Und so wie sich damals Familien und Freunde in der Musik über Richard Wagner zerkriegten, so entspannen sich in der deutschen Dichtung über Gerhart Hauptmann und die Jüngsten geistige Bürgerkriege, die in allen Gesellschaftskreisen mit heftigem Dafür und Dagegen ausgefochten wurden, -- gar nicht zu sprechen von Nietzsche, dessen Name noch lange in Bürger- und Volkskreisen so unbekannt blieb, wie er es jenem Universitätsbuchhändler in Würzburg im Jahre 1890 gewesen.

Auch Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“ schlug wie mit Keulen an die guten alten Bücherschränke. Und es war eigentlich kein Wunder, daß an der Provinzuniversität der Name eines solchen Umwerters aller Werte noch unbekannt blieb, auch nachdem der Zyklopengeist dieses Denkers bereits aufgehört hatte, dem Leib zu gehorchen.

Es war so viel Gärstoff in jener Zeit, so viele große Männer waren an der Arbeit, daß, wer sich nach Geistesnahrung sehnte, reichlich genährt wurde.

Zu jedem Weihnachtsfest gab Ibsen ein neues Drama heraus. Björnson und Tolstoi behaupteten große Wahrheiten. Und Strindberg, der damals noch an der Züchtung seiner gewaltigen Eigenart arbeitete, stand in der Mitte seines Lebens und hatte noch seine mächtigsten Arbeitsjahre vor sich.

Liliencron fing eben an seine stürmischen und weltfröhlichen Lieder zu singen. Er trat erst mit vierzig Jahren als Dichter auf.

Die meisten der Genannten haben sich aber heute auch schon in jene alten Bücherschränke eingebürgert, und sie sind die Klassiker der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geworden; das deutsche Volk hat sie bereits in Gnaden aufgenommen, dasselbe Volk, das sich damals gegen ihren neuen Geist gewehrt hat.

Das Deutschland der blauen Ritterromantik und einer bleichsüchtigen Griechentumverehrung ist in jenen Jahren abgelöst worden von jenen Männern, die tapfer und furchtlos gegen Geistesverweichlichung weiter Bürgerkreise wie junge Ritter mit den Arbeitern Schulter an Schulter kämpften. --

Ich wollte mit diesen letzten Zeilen kurz eine Erinnerung des Geistesgesichtes jener Umsturzzeit geben. Ich habe auch nicht alle Geisteshelden jener Zeit genannt, sondern nur einige Schriftsteller und wollte nur das Zusammenwirken jener Titanen dem Leser in Erinnerung rufen, damit er Fuß fassen kann und meinen Weg leichter miterleben kann, den ich ihn jetzt durch die Jahre nach 1890 bis zur Jahrhundertwende führen will.

Ich habe im ersten Teil des Buches bereits gesagt, daß sich Stöße von Notizbüchern bei mir ansammelten, da ich die täglichen Spaziergänge, Gespräche und so weiter im Jahre 1890 niederschrieb und die Eindrücke in neuen Vergleichen festzuhalten versuchte. Es waren dies Übungen, wie ein Maler sie beim Aktmalen und der Musiker sie bei der Kompositionslehre vielleicht ähnlich vornehmen muß.

In meinen ersten Prosaversuchen hielt ich mich nicht an die alte Erzählungskunst der Klassiker, sondern an die neue Erzählungskunst, die mit Jacobsens „Nils Lyhne“ mir zum erstenmal bekannt geworden war. Diese Kunst verweilte nicht bloß am Wege, um notwendige Dinge zu schildern, die dem Fortgang der Erzählung nützlich waren. Auch vertiefte sie sich nicht in _moralisierende_ Betrachtungen zum Beispiel beim Ansehen eines Sternhimmels, einer Blume, des Meeres und so weiter, wie es die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts mit Vorliebe getan. Sie beschrieb auch nicht die Dinge nur der Schönheit halber, sondern es war ihr darum zu tun, künstlerisch Leben zu geben, vertieftes Weltsehen, das in den leisesten Bewegungen eines Blattes, eines Baumes, das im Summen einer Biene und in der Zeichnung eines Gesichtes festliche Erlebnisse findet. In alles Weltalleben vertiefte sich mehr als in irgendeinem Jahrhundert diese neue Schreibart. Die früheren Zeiten beschrieben ein Frauengesicht nur, um seine Schönheit zu schildern, oder um festzustellen, daß jene Frau gut oder böse sei.

Nun aber enthielt man sich jedes Urteils. Die Neuen zeichneten ihre Personen, wie ein Maler sein Modell zeichnet, das ihn anregt, und dem Schuld oder Unschuld desselben gleichmäßig künstlerisch anziehend ist. Man lud keinen Fluch mehr auf die Handlungen des Menschen und übte keine offensichtliche Belobung ihrer guten Eigenschaften.

In dieser Weise schrieb Jacobsen seinem „Niels Lyhne“, der für eine ganze Reihe von jungen Schriftstellern der neunziger Jahre gleichsam als die Schöpfungsgeschichte einer neuen Schreibkunst galt. Jacobsen, der Naturwissenschaftler, der Botaniker, faßte die Menschen so behutsam wie Pflanzen an, die Menschen seiner Bücher, und schilderte ihre leisesten Handlungen mit einem feinen Beobachten, als galt es, Pflanzensorten zu bestimmen.

Seine durchaus nie verdammende oder beschönigende Art glich der Art eines Arztes und nicht der eines Richters. Wie ein Arzt, der, seelen- und körperkundig, die Fehler nachsichtig Schwächen nennt und die Schönheiten nicht überschätzt, sondern auch diese mit Augen betrachtet, welche die Vergänglichkeit aller Lebensformen nur zu gut kennen, und der darum nicht übermäßig begeistert und nicht übermäßig verurteilend auftreten kann, so war Jacobsen als Schriftsteller.

Seine Art gewann damals rasch die Herzen vieler der jüngeren aufwachsenden Dichter. Die Seelenkunde in den neuen Büchern schien ein großer Fortschritt zu sein gegenüber der moralisierenden Schreibart der Vergangenheit und gegenüber dem einfachen Richtertum, das selten über gute und böse Helden hinausgekommen war. --

Die meisten jungen Dichter der achtziger Jahre mußten mit einem Doktortitel versehen in die Welt treten. Denn das Wort Dichter stand tief gesunken im Ansehen des Volkes, und die komische schmachtlappige Dichterfigur, die Wilhelm Busch im Dichter Bählamm geschaffen hat, spukte immerfort in den Gehirnen der Dichter, die, überfüttert von verweichlichter Lyrik, deutlich ihren Ekel und Spott zur Schau trugen, wenn man von jemandem sagte, er dichte.

Heute ist es ein wenig besser geworden. Man ahnt wieder, daß die Dichter ernste Männer sind, arbeitsame, kräftige Naturen voll Wirklichkeitssinn. Man ahnt wieder, daß das Wort „Dichter“ nicht mit dem Wort „Schmachtlappen“ verwechselt werden darf, und daß wirkliche Dichter Kraftnaturen des inneren Lebens bedeuten, so wie große Feldmarschalle, große Diplomaten und große Herrscher Kraftnaturen des äußeren Lebens darstellen.

Wenn ein Dichter leiser auftritt als ein anderer Mann, wenn er träumender umhergehen muß, so ist es, weil er das wirkliche Leben äußerlich rascher aufgenommen hat als die anderen, blitzartiger, und weil in ihm die Gedanken und Gefühle dann tosen. Diesem inneren Gewitter seiner Gedanken und Gefühle muß er nachhängen und muß äußerlich oft verstummen und sich selbst zuhören.

Jeder wirkliche Dichter wird demütig gemacht von der Wucht, Ehrlichkeit und Eindringlichkeit seiner Gedanken und Gefühle, die ihm die Melodie des Lebens schon offenbaren, wenn die andern nur erst Lärm und Wirrnis sehen. Andere werden vielleicht demütig gemacht durch Niederlagen, durch Notlagen, Enttäuschungen und durch gewaltsame Demütigungen von außen. Der Dichter wird demütig gemacht von seiner Dichterstimme, die ihn fortwährend begleitet, als trüge er die Weltorgel in sich, auf der er den Lärm der äußeren Ereignisse in innere Töne auflöst.

Die Zerstreutheit eines Dichters, seine geistige Abwesenheit, der scheinbare Hochmut, der über seiner Haltung oft unbewußt liegen kann, die Ungeduld und der scheinbare Größenwahnsinn und sein Stolz -- alles sind Zustände, wie sie die andern Menschen vielleicht kaum zehnmal in ihrem Leben kennen lernen, ein Zustand, wie ihn ein Feldmarschall während einer Schlacht empfinden muß, wenn diese noch zwischen Sieg und Niederlage schwankt. Der Dichter ist in jedem Augenblick auch ähnlich einem Erfinder, der nahe daran ist, der Welt eine Entdeckung zu offenbaren, und den nur noch fünf Sekunden von dem Recht trennen, darüber aufgeklärt zu werden, ob er sich in seinen Voraussetzungen geirrt hat oder nicht.

In diesem steten Schöpferzustand, in diesem ununterbrochenen Schöpfungsfieber bewegt sich das Leben des Dichters vom ersten Gedicht bis zum letzten. Er erledigt das äußere Leben blitzartiger, vorausfühlend und vorauswissend, wo die andern erst an der Tür des äußeren Ereignisses stehen. Aber die Verinnerlichung, in der er zum zweitenmal die äußeren Erschütterungen in sich lautlos nachleben und in Worte und Rhythmen bringen muß, ist ihm wichtiger und scheinbar wirklicher.

Ein Dichter im Verkehr wirkt deshalb immer unbequem, rätselhaft und ungelenk. Er scheint nur mit dem einen Fuß mitzutanzen, während die andern mit beiden Beinen Lebensgaloppaden ausführen.

Ein ernster Dichter wird immer den Frauen und den Männern ungesellschaftlich vorkommen, denn während sie ihn noch im Gewande oder in den Melodien seiner letzten Werke sehen und ihn darüber befragen möchten, hat seine innere Welt längst neue Töne angeschlagen, und er kann den Fragenden nicht einmal mehr antworten, da er fortgerückt und tief benommen ist von dem neuen Schöpfungsfieber, das ihn gepackt hat, und das ähnlich ist dem Fieber bei einer wogenden Schlacht.

Es würde keinem vernünftigen Menschen einfallen, von einem Feldmarschall beim Höhepunkt einer Schlacht Aufmerksamkeit für andere Ereignisse als die mit der Schlacht zusammenhängenden zu verlangen. Ein anderes Verhältnis besteht aber zwischen Welt und Dichter.

Der Dichter, der nur für die Schlacht in seinem Inneren Ohr hat, wird meistens als unvernünftig angesehen, wenn er sich in seiner Hingerissenheit nicht zugleich auch in seiner äußeren Welt so fest behaupten kann wie die andern. Er gilt als dumm und blöd, wenn er sich dort nicht helfen kann, wo die anderen sich spielend helfen.

Er gilt der Welt als frech und anmaßend, wenn er Ansprüche an die Mitwelt stellt, die ihm vom Standpunkt seiner Schöpferkraft aus klein scheinen, während die anderen den scheinbar Lebensunbeholfenen und scheinbar Lebensblöden bescheiden und anspruchslos und möglichst verzichtend haben wollen, da er von seiner inneren Welt reichlich entschädigt sei, wie sie triumphierend behaupten.

Als ob jeder Künstler die äußere Welt nicht immer reichlich nötig hat, um zur inneren zu kommen!

Der Gedanke, daß ein Dichter nur eine Dachkammer benötige, und daß nur die Not ihm Dichterträume gibt, lebte besonders zur Blütezeit der alten Weltanschauung eingewurzelt im deutschen Volke. Heute ist es aber bereits besser geworden, wenn auch die Dichter noch lange nicht vom Staat Pfründen beziehen wie die Kirchenbeamten oder Gehälter wie die hohen Staatsbeamten. Und doch wäre dieses eigentlich selbstverständlich, denn der Dichter, der Maler, Bildhauer und Musiker, sie sind die höchststehenden geistigen Beamten des Staates, und sie sind durch ihr Schaffen neuer geistiger Güter höher an Würde und Rang als die größten politischen Führer jedes Volkes. Die Künstler sind die reichsten Festgeber des festlichen Daseins der Menschheit, und dafür hat ihnen jeder Staat zu danken.

Ich setze diese Erklärung und Verteidigung der Künstler hierher, weil ich eben jene Zeiten erlebt habe, in denen Gedicht und junge Dichter bei der menschlichen Gesellschaft niedriger im Wert standen als im Mittelalter die Scharfrichter und ihr Handwerk. Aber wer gründlich verachtet wird wie der Henker, dem wird doch noch von den anderen ein _volles_ Gefühl zuteil, das Gefühl des Abscheus.