Führer durch das k. k. österreichische Museum für Kunst und Industrie

Part 6

Chapter 62,998 wordsPublic domain

Unter den attischen Vasen des späteren schwarzfigurigen Stils mit Meisternamen, von welchen die Sammlung mehrere besitzt, sind namentlich die Amphoren des Nikosthenes (Nr. 231 und 232) hervorzuheben. Sie lehnen sich mit Rücksicht auf ihr Hauptabsatzgebiet an etruskische Formen an, haben breite, wie aus Metallblech geschnittene Henkel und wie aus Streifen zusammengesetzte Körper. Bevor die rotfigurige Technik den Sieg davontrug, gab es eine Übergangszeit, in der beide Techniken verquickt erscheinen, wie dies bei der Amphora Nr. 319 im dritten der freistehenden Schränke der Fall ist, einem Stücke, das in mehr als einer Hinsicht zu den bedeutendsten der Sammlung zählt und drei Entwicklungsperioden an sich vereinigt: Am unteren Teile des Gefäßes Ornamente des älteren Stiles, am oberen rotfigurige Darstellungen, am Halse Dionysische Gruppen in schwarzfiguriger Technik. Der Übergang von der schwarzfigurigen zur rotfigurigen Technik geschah an den sogenannten „Augenschalen“, Schalen mit großen menschlichen Augenpaaren zum Schutze vor dem „bösen Blick“, wie zum Beispiel Nr. 285. Hier ist das Innere der Schale bis auf ein Mittelrund, in dem das Gorgonenhaupt erscheint, gefirnißt. Wahre Prachtstücke aus der Blütezeit der Schalenmalerei sind im vierten freistehenden Schranke Nr. 323, 324 und 3235, eine von Hieron, zwei von Duris bemalt; namentlich muß Nr. 325 mit Szenen aus dem troischen Sagenkreis als eine typische Musterleistung des letztgenannten Malers bezeichnet werden.

Die Krone der ganzen Sammlung ist aber das im danebenstehenden Schranke befindliche große napfförmige Mischgefäß Nr. 328 mit Szenen aus der Ilias. Ihre Ergänzung finden diese Stücke zum Teil in der darunter befindlichen Reihe. Hier ist die Schale Nr. 321 „Hermes als Schelm“ besonders interessant. Auch die Vasen der unteren Reihe in dem vor dem Fenster stehenden Schranke Nr. 340 ff. gehören hierher.

Wurden im strengen Stile die für das Symposion bestimmten Vasenformen von den Malern bevorzugt, so begünstigt der schöne Stil die Gefäße für den Putztisch der Frauen. Als Beispiel hierfür mögen die kleinen Salbgefäße, Fensterschrank obere Reihe, Nr. 354 ff., dienen, Stücke, bei welchen überdies in der Anwendung aufgehöhten Goldes und polychromer Malerei eine weitere technische Wandlung zu verzeichnen ist.

Eine eigenartige Gruppe attischer Keramik bilden die Salbgefäße für den Totenkult, die Grab-Lekythoi. Bei der feierlichen Aufbahrung des Leichnams wurden sie, mit Wohlgerüchen gefüllt, neben demselben aufgestellt, bei seiner Bestattung folgten sie ihm als Liebesgabe in das Grab. Diese Gefäße sind häufig mit einer weißen Engobe versehen, und die Konturen der Figuren sind mit Deckfarben ausgefüllt. Die Darstellungen stehen in naher Beziehung zu ihrer Bestimmung. Unter den Lekythen unserer Sammlung ist Nr. 351 mit der Darstellung einer Totenklage ein Stück von seltener Schönheit. In demselben Schranke verdienen ferner zwei Becher, ein „Kantharos“ in Form eines Mohrenkopfes, untere Reihe, Nr. 347, eine treffliche, sorgfältige Arbeit, und ein „Rhyton“ (Trinkbecher) in Form eines Fuchskopfes, Nr. 380 (obere Reihe), besonders hervorgehoben zu werden.

Attische Gefäße aus der Zeit des rotfigurigen Stiles ohne Bemalung finden wir im folgenden Wandschrank, obere Reihe, Nr. 401 ff. Hierher gehört auch der einzeln aufgestellte große prächtige Krater (Mischgefäß) mit vergoldeten Weinranken aus Capua.

Im vorher beschriebenen Wandschrank sowie in dem zweitfolgenden befinden sich hauptsächlich etruskische, zum Teil unter attischem Einflusse entstandene, ferner apulische und unteritalische Arbeiten. Unter den erstgenannten ragt die Kanne in der obersten Reihe links, Nr. 452, durch reiche sorgfältige Bemalung mit dionysischer Szene besonders hervor. Ferner verdienen die einer späteren Periode angehörenden apulischen Kopfvasen, Nr. 489 bis 491, und die mit weißer, gelber und roter Farbe bemalten sogenannten Vasi di Gnathia, Nr. 508 ff., hervorgehoben zu werden.

Zwischen diesen beiden Vitrinen befindet sich die mit der Sammlung griechischer Terrakotten aus Lokris, Cypern, Kleinasien, Syrakus, Tarent und aus unbestimmten griechischen und italischen Fundorten. Unter diesen Arbeiten sind einige Tanagrafiguren von hervorragender Schönheit besonders bemerkenswert. So die weibliche Figur, Reihe 3, Nr. 794, eine der besten Schöpfungen der tanagräischen Tonplastik, und Nr. 795, eine sorgfältige, schöne Arbeit von unzweifelhafter Echtheit, der Hermaphrodit aus Myrina der alexandrinischen Zeit angehörend, die Appliken mit Spuren von Vergoldung aus Tarent und die drei Puppen mit beweglichen Gliedern Nr. 891 ff. Überdies ist hier die große Anzahl von Repliken aus der Niobidengruppe (Reihe 1 und 2, Nr. 860 ff.) hervorzuheben.

Im letzten Schranke dieser Reihe sind verschiedene Typen italischer Lampen ausgestellt: Nr. 638 und 639 in Figurenform, 641 und 642 maskenförmig, 673 bis 696 mit figuraler Reliefpressung usw. Überdies sind hier die Calener Schale, Nr. 573, die Stempelform zu einer solchen Schale, Nr. 574, die sogenannten megarischen oder samischen Reliefschalen, Nr. 580 und 581, ein in der Masse krebsrot gefärbtes sogenanntes Terrasigillata-Gefäß, Nr. 587, und der römische Trinkbecher mit Reliefs und grüngelber Bleiglasur hervorzuheben.

In dem Schranke an der Eingangsseite rechts befindet sich die Sammlung Blum-Blankenegg. Hier sind in der untersten Reihe besonders bemerkenswert die zu den ältesten Vasengattungen gehörende ringförmige böotische Kanne Nr. 36, die Amphora späten korinthischen Stiles mit dem laufenden geflügelten Gorgonen Nr. 136, der altattische Teller mit Herakles, den kretischen Stier einfangend, Mitte Nr. 240, und der Aryballos mit dem Brustbilde der Artemis Nr. 363.

Frei aufgestellt finden wir ferner kolossale rottonige Vasen und große Schüsseln mit Reliefs sogenannte „Rotware“, in prächtigen Exemplaren. Die Dekoration ist mit Stempeln hergestellt, statt der Malerei sehen wir fries- oder streifenartig angeordnete Reliefverzierungen. Die Vorratsgefäße (Pithoi) zeigen überdies Riefelungen, die zugleich als Verstärkungsrippen dienen, und aufgelegte einfache Dekorationsmotive, wie Bogen, Zickzacklinien, Augen u. dgl.

Sodann haben, ebenfalls in freier Aufstellung, große spätantike Spitzamphoren, provinzielle Erzeugnisse aus Tharros in Sardinien, Platz gefunden. Überdies befinden sich an der Wand oberhalb der Schränke griechische und italische Architekturdetails dekorativer Art, zum Teil Spuren von Bemalung aufweisend.

Auf dem Eckschranke, frei aufgestellt, befindet sich eine Frauengestalt, eine Klagefrau mit erhobenen Händen und mit Spuren von Bemalung. Daneben eine große Grabvase, mit Gorgonenrelief und frei abstehenden Figuren, beide Stücke aus Apulien.

Unterhalb des Schrankes mit den römischen Lampen haben, obwohl sie das Gebiet der Keramik nicht berühren, Mumienmasken und Büsten der griechisch-römischen Periode aus Oberägypten Aufstellung gefunden.

Die Sammlung keramischer Objekte vom Ausgange der Antike bis in die Gegenwart umfaßt über 6000 Objekte, von welchen jedoch wegen Raummangels ein Teil in der ostasiatischen Sammlung im zweiten Stock und ein anderer ausgeschieden und im Depot untergebracht ist. Die Objekte sind nach historisch-topographischen Gesichtspunkten in der Weise systematisch aufgestellt, daß man an der Eingangsseite zunächst die orientalischen Erzeugnisse vor sich hat.

PERSISCHE UND TÜRKISCHE FLIESEN, WANDBEKLEIDUNGSPLATTEN AUS MOSCHEEN, GRABBAUTEN ETC.

Die echte Fayence, das heißt die keramischen Erzeugnisse mit undurchsichtiger Zinnglasur, reicht im Orient in sehr frühe Zeit zurück. Die ältesten auf uns gekommenen Stücke, in den Trümmern von Susa entdeckte, in Relief geformte Wandbekleidungsziegel mit bunten Zinnglasuren, stammen vom Palaste Darius I. (um 500 v. Chr.), sind aber ohne Zweifel späte Produkte einer aus älteren Kulturen Babylons oder Ninivehs stammenden Technik. Neben der Anwendung von Zinnglasuren ging unausgesetzt die Erzeugung von Fliesen mit durchsichtigen Bleiglasuren einher. Die einen wie die andern bestehen aus einer sandigen mit wenig Ton gemengten Masse, die mittels einer alkalischen Fritte zusammengebacken ist. Die ältesten Stücke unserer Sammlung reichen in das XIII. Jahrhundert zurück, das ist die Zeit, aus welcher die ältesten Fliesen mit Metallüster bekannt sind. Hierher gehören die mit braunrotem Kupferlüster verzierten Stern- und Kreuzfliesen aus der Imamzade Jahya (Heiligengrab des Johannes) zu Veramim bei Teheran. Zu dieser Gattung zählen auch die kleinen lüstrierten Sternfliesen mit Tierfiguren und blauen Rändern, deren Erzeugung vom XIII. bis zum XV. Jahrhundert reicht. Aus dem XIV. Jahrhundert stammen die in Relief geformten Fliesen mit blauen Koraninschriften auf ornamentiertem Lüstergrunde. Ebenfalls noch dem Mittelalter gehören die lasurblauen und türkisblauen Fliesen mit Vergoldung in Blattgold an. Die dunkelblauen Stücke zeigen überdies eine ungemein zarte Musterung mit kleinen weiß aufgemalten Ornamenten. In der Art der berühmten Fliesen von den Bauten des Osmanensultans Muhamed I. in Brussa (XV. Jahrhundert) sind die Stücke mit weiß ausgesparten Inschriften oder Ornamenten auf kobaltblauem Grunde, wobei in die weißen Ornamente bunte Pflanzenmotive hineingemalt sind. Derselben Periode gehören die geschnittenen Mosaikfliesen mit Inschriften und Ornamenten an. Ihre Entstehung ist auf das Einlassen von Koransprüchen u. dgl., die aus glasierten Fliesen geschnitten waren, in die Rohziegelwand hervorragender Gebäude zurückzuführen. Im weiteren Verlauf entwickelte sich aus dieser Bauverzierung eine der schwierigsten keramischen Techniken, die des vollständigen, ganze Flächen mit Ornamenten und Inschriften überziehenden Fliesenmosaiks aus eigens geschnittenen farbigen Platten verschiedenster Form. Zu höchster Prachtentfaltung hat sich diese Technik in der gegenwärtig dem Verfall entgegengehenden sogenannten Blauen Moschee in Täbris aufgeschwungen. Eine Gattung, die namentlich im XVI. und XVII. Jahrhundert zur Zeit der Sefevidendynastie eifrig gepflegt wurde, repräsentieren die Fliesen mit prächtigen Blumen und Rankenverzierungen in Dunkel- oder Türkisblau, Grün und Manganviolett auf weißem Grunde. In der neupersischen Kunst, das heißt seit dem XVI. Jahrhundert, nähern sich diese Pflanzenformen immer mehr der natürlichen Erscheinung der Pflanze. Ein besonders prächtiges Beispiel ist die in der Mitte der Wand angebrachte und über diese emporragende Kielbogenfüllung, aus 16 Fliesen bestehend, mit persischem Rankenwerk, von großem, rotem chinesischen Wolkenband durchzogen, ein Wandschmuck aus der Moschee Piali Pascha in Konstantinopel, 1565 bis 1570.

Eine Ergänzung findet diese Fliesenkeramik in den Gefäßen und Moscheekugeln, welche in den beiden Schränken an den gegenüberliegenden Wandpfeilern ausgestellt sind. Besonders bemerkenswert ein dunkelblaues vasenartiges Gießgefäß des XIII. Jahrhunderts aus Rhages, mit Überglasurdekor in Weiß, Rot und Gold, eine hellgrüne Flasche mit weißen Blumenstauden (Untersatz einer Wasserpfeife), XVII. Jahrhundert, eine ebensolche Moscheekugel und eine besonders große derartige Kugel des XVI. Jahrhunderts, im Rhodos-Stil verziert. Überdies zahlreiche sogenannte Rhodos-Teller und persische Nachahmungen des chinesischen Porzellans. Die sogenannten Rhodos-Fayencen sind keramische Arbeiten, die an den Ufern des Bosporus, in Kleinasien, Syrien und Ägypten angefertigt wurden. Die Masse ist ähnlich der der persischen Fayencen. Der vorwiegend weiß gelassene Grund ist auf eine Angusschicht zurückzuführen, über welcher die farblose Glasur liegt. Die zur Bemalung verwendeten Farben sind dieselben wie in Persien, bereichert durch ein feuriges Rot, eine Farbe, die aus verriebenem Bolus besteht, der dick aufliegend, eine etwas erhöhte Schichte bildet und unter dem Schutze der Glasur vor dem Abreiben bewahrt wird. Die Ornamentik setzt sich der Hauptsache nach aus Blumen (Tulpe, Nelke, Rose, Hyazinthe), aus den federartigen Blättern und blütenartigen Palmetten des persischen Rankenwerkes und sonstigen Elementen, wie Zypresse, Wolkenband etc., zusammen. Einige vorzügliche Schüsseln mit dem charakteristischen schwarzen Schnörkelwerk aus kleinen Spiralen, ein Blumentopf mit eckigem Henkel und Spuren von Vergoldung, Krüge und sonstige Gefäße veranschaulichen diese eigenartige und zu den mustergültigsten Schöpfungen der Keramik gehörende Gruppe in mannigfacher Art. Eine Zuweisung der einzelnen Objekte an bestimmte Fabrikationsorte ist der Forschung bisher nicht gelungen, nur eine Gruppe von Erzeugnissen, für welche der Krug mit Zinndeckel (Reihe 3) charakteristisch ist, wird als damaszenisch angesehen.

An der über Eck gestellten Wand, anschließend an die persischen Fliesen, sind spanische Azulejos ausgestellt. An Stelle der ursprünglichen kleinen Mosaikfliesen in geometrischen Formen hat man im XV. Jahrhundert auf orientalische Anregung hin der einfacheren Herstellung wegen größere quadratische Wandverkleidungsplatten angefertigt, auf welchen die Umrisse des Musters durch Formpressung in erhabenen Linien erscheinen, zwischen denen die farbigen Glasuren eingebettet waren, wodurch man eine mosaikartige Wirkung erreichte. Im XV. Jahrhundert trat an Stelle des alten geometrischen Musters und der geradlinigen Bandverschlingungen das Renaissanceornament. Hauptort dieser Industrie war Sevilla.

SPANISCH-MAURISCHE FAYENCEN.

Im ersten Schranke des auf die antiken Vasen folgenden Kompartiments sind die spanisch-maurischen Fayencen mit Lüsterdekor ausgestellt, Arbeiten, die den Übergang von den orientalischen Fayencen zu den italienischen Majoliken bilden. Die ältesten Nachrichten über diese Fabrikation reichen bis ins XII. Jahrhundert zurück. Mittelalterliche Stücke aus sarazenischer Zeit sind aber äußerst selten. Von der berühmten Alhambra-Vase aus dem XIV. Jahrhundert in Goldlüster und Blau gibt eine Kopie von Th. Deck in der Ecke links neben dem Eingange ungefähr eine Vorstellung. Die Mehrzahl der auf uns gekommenen spanisch-maurischen Fayencen besteht aus Schüsseln, Becken und Töpfen. Sie sind innen und außen mit gelblich getönter Zinnglasur überzogen und auf der Rückseite wie auf der Schauseite mit einer Verzierung in Goldlüster versehen. Manchmal tritt stellenweise Bemalung in Kobaltblau hinzu, auch Buckelungen nach Art getriebener Metallgefäße sind beliebt. Im XV. und XVI. Jahrhundert werden die Flächen durch Verteilung der Muster in Felder und Bordüren noch scharf gegliedert, Blattwerk erscheint hierbei gotisch stilisiert, die maurischen Schriftzeichen werden verständnislos ornamental verwendet, wovon die große Schüssel mit Kupferlüster, Reihe 3 rechts, ein Beispiel gibt. In späterer Zeit erscheinen an Stelle des prächtigen Goldlüsters dunklere Töne und vom XVIII. Jahrhundert an beginnt der Lüster eine grelle kupferrote Färbung anzunehmen. In der untersten Reihe sind Schüsseln, ebenfalls mit Metallreflex aus Diruta unweit Perugia ausgestellt.

ITALIENISCHE FAYENCEN (MAJOLIKEN).

Die italienischen Fayencen sind Töpfererzeugnisse mit deckender Zinnglasur, welche noch vor dem Brande mit Scharffeuerfarben bemalt wurden. Im Brande verschmolzen die Farben mit der Glasur und erhielten dadurch Glanz und Leuchtkraft. Um die Mitte des XV. Jahrhunderts erreichte die italienische Majolikamalerei eine künstlerische Höhe, von der sie gegen Ende des XVI. Jahrhunderts durch das erwachende Interesse für chinesisches Porzellan allmählich herabsank. Nur in Castelli, wo man sich zu Beginn des XVIII. Jahrhunderts dem Porzellangeschmacke anzunähern suchte, trat eine kurze Nachblüte ein.

In der ersten Blüteperiode (1490-1530) dominiert Faenza (daher Fayencen), in der zweiten (1530-1560) Urbino. Wegen der Ähnlichkeit der älteren Fayencen mit Produkten, die von der im Mittelalter Majolika benannten balearischen Insel Majorca kamen, nannten die Italiener diese Stücke Majolika. Unsere Zeit übertrug diese Bezeichnung auf die italienischen Fayencen der Renaissance überhaupt.

Zwischen dem vorher beschriebenen und dem folgenden Schranke befindet sich eine von milchweißer Zinnglasur in dünner Schicht überzogene Reliefplastik, Madonna mit dem Kinde, eine Arbeit aus den Werkstätten der Della Robia. Luca della Robia, der berühmte Florentiner Bildhauer (1399-1482), gilt nach Vasari fälschlich für den Erfinder der Zinnglasur in Italien. Der übliche blaue Hintergrund und die bunten Fruchtkränze der Umrahmung sind bei diesem Werke weggeblieben, dagegen finden sich Spuren von Goldornamenten am Saume des Kleides der Madonna. Modellierung der Arme und Hände, Ausdruck und Gesamthaltung verweisen das Werk in die Zeit um 1450.

Im folgenden Schranke sind Erzeugnisse verschiedener italienischer Fabriken des XVI. Jahrhunderts ausgestellt. In der obersten Reihe besonders bemerkenswert die Schüsseln aus Caffagiolo, Gubbio (mit Rubinlüster), Pavia (mit Sgraffitodekoration), Castel Durante und Urbino, dem Hauptorte der italienischen Fayenceindustrie, von dem zwischen 1530 und 1620 jene ungeheure Menge von Majoliken ausgegangen ist, die den Weltruhm dieser Industrie begründet hat. Bildmäßige Darstellungen pflegen hier ohne Rücksicht auf die Form die ganze Fläche des Gefäßes zu bedecken. Szenen aus dem Alten Testamente, geschichtliche oder der Sage angehörende Vorgänge nach Livius oder Virgil und die Liebschaften der olympischen Götter nach Ovids Metamorphosen bilden die Hauptgegenstände der Darstellung. In der nächsten Reihe finden wir nebst Stücken aus Ravenna und Castelli in der Mitte eine hervorragend schöne Schüssel aus Siena mit dem Violine spielenden Apollo in der Mitte. Die unterste Reihe enthält durchwegs Arbeiten aus Castelli. Ebenso der folgende Schrank. In dieser zum Königreich Neapel gehörenden Stadt der Abruzzen und in zahlreichen Ortschaften ihrer Umgebung erfuhr die Fayenceindustrie im XVII. Jahrhundert eine späte Nachblüte. Ein Streben, dem Porzellan nahezukommen, ist dabei unverkennbar und kommt in der feinen Masse der gleichmäßigen Glasur sowie in den kalten, zarteren, nur in gebrochenen Tönen zur Verwendung kommenden Farben zum Ausdruck.

Zur duftigen Malweise gesellt sich bei feineren Stücken reichlich verwendete Aufhöhung mit Gold. Die Motive sind der bolognesischen Schule entlehnt, Tierstück, Landschaft, bäuerliches Genre, Bilder religiösen Inhalts, später auch Blumen. Die Ränder der Teller erhalten einen von der Fläche getrennten, oft äußerst reizvoll komponierten Dekor mit Putten und Blumengewinden. An Stelle der Schüsseln treten häufig viereckige oder kreisrunde ebene Platten, manche mit Malersignaturen von Mitgliedern der mit der neapolitanischen Fayencemalerei durch anderthalb Jahrhunderte eng verknüpften Familie Grue. Der hier vorkommende Dr. F. A. Grue lebte von 1686 bis 1746.

Zwischen beiden Schränken: Bacchusknabe der Fabrik Talavera in Spanien (XVIII. Jahrhundert). Im großen Mittelschranke sind besonders die prächtigen Urbino-Fayencen hervorzuheben, an der Stirnseite eine große Schüssel mit dem Sturze der Giganten und darüber eine kleinere mit Venus in der Schmiede des Vulkan, die in Gubbio, wo sich die durch ihren Lüsterdekor berühmte Werkstätte des Maestro Gurgio Andreoli befand, mit Rubinlüster versehen wurde. Zu beiden Seiten und auf der obersten Stufe schöne sogenannte Pilgerflaschen. Die beiden Deckelvasen zu Seiten der Gigantenschüssel sind charakteristische Stücke aus Castel Durante.

An beiden Langseiten sind hauptsächlich Venedig, ferner Urbino und Castel Durante in Schüsseln, verschiedenen Apothekergefäßen und Vasen vertreten, unter welchen zwei muschelförmige Becken mit Schlangengewinden besonders hervorragen. An der Schmalseite am Fenster eine vorzügliche Faentiner Schüssel mit der Anbetung der drei Könige.

Die meisten dieser Majoliken sind Eigentum des Stiftes Neukloster in Wiener-Neustadt.

Im folgenden Schranke an der Fensterseite sind in der obersten Reihe die durch ihr geringes Gewicht auffallenden venezianischen Relieffayencen des XVIII. Jahrhunderts aus der Fabrik Bertolini aufgestellt, dann folgen venezianische Fayencen mit bläulich getönten Glasuren (a berettino), in der dritten Reihe in der Mitte zwei blaue Schüsseln mit Golddekor, eine davon mit dem Wappen des Kardinals Ghislieri (Pius V.), links eine graublau bemalte Schüssel aus Castel Durante, im Fond Herkules im Kampfe mit der lernäischen Schlange, auf dem Rande von Hunden gehetzte Stiere, in der untersten Reihe oberitalienische Fayencen des XVIII. Jahrhunderts, hauptsächlich aus Nove.

Im links folgenden Schranke finden wir in den oberen Reihen Majoliken minderer Qualität aus bereits genannten Fabriken, in der unteren Reihe dagegen prächtige Sieneser Fußbodenfliesen aus dem Palazzo del Magnifico (Pandulfo Petrucci), um 1513, und solche aus dem Hause der heil. Katharina, um 1520. An der Pfeilerwand zwei Schüsseln aus Candiana bei Padua, Nachahmungen der sogenannten Rhodos-Schüsseln, mit Hinweglassung des charakteristischen Rot.

Am Pfeiler gegenüber dem großen Schweizer Ofen sind noch mehrere toskanische Majoliken des XVII. Jahrhunderts aus Montelupo ausgestellt.

FRANZÖSISCHE FAYENCEN.

An der Spitze der Fayenceproduktion der französischen Renaissance stehen die eigenartigen Erzeugnisse des als Autodidakt und ruheloser Erfinder berühmten Bernard Palissy (1506 bis 1590). Seine buntfarbig glasierten und mit plastischen Verzierungen geschmückten Gefäße bilden eine Gruppe von Arbeiten, die eine Zeitlang von andern Werkstätten nachgeahmt und weiter ausgebildet wurde, so daß eine zweifellose Zuweisung derartiger Arbeiten an den Meister vielfach unmöglich ist. Es sind meist große Zierschüsseln mit Schlangen, Eidechsen, Muscheln, allerlei Kräutern und sonstigen Formen, die ihm die Natur seines Aufenthaltsortes in der Saintonge, dem Mündungsgebiete der Charente, darbot. Diese Objekte befestigte Palissy mittels Fäden durch Löcher auf Zinnschüsseln, nahm danach eine Gipshohlform und benutzte diese als Matrizze für seine Tongefäße. In späterer Zeit dienten ihm auch die Metallarbeiten seines Zeitgenossen François Briot als Modelle. Vier Beispiele im ersten Schrank, Reihe 2, der folgenden Abteilung repräsentieren beide Gattungen.