Part 4
Und find ich keine Herberg, so lieg ich zur Nacht Wohl unter blauem Himmel; die Sterne halten Wacht; Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach, Es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.
O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust! Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust; Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt: Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!
Emanuel Geibel
Frühling, Frühling überall
Vor meinem Fenster sang der Fink: „Heraus ins Freie, frisch und flink! Der Frühling ist ja kommen!“ Ich ging noch in der Mauern Kluft, Da kam schon lind und lau die Luft Entgegen mir geschwommen.
Und wie ich schreite durch das Tor, Steigt jubelnd eine Lerch empor, Als flög sie in den Himmel. Lustwandelnd lenk ich querfeldein: Blauveilchen duftet schon am Rain, Am Bach die goldne Primel.
Wohin ich seh, die Bäume weiß Und laubig schon der Büsche Reis Und sammetgrün die Hulde. Und wie ich wieder steh und horch: Am Weiher klappert laut der Storch, Der Kuckuck ruft im Walde.
So lug und lausch ich, bis von fern Am Himmel blinkt der Abendstern Und rings die Glocken gehen. Nun tracht ich heim; o Nachtigall, Da bringt mir deines Liedes Hall Der Nachtluft sanftes Wehen!
Und so ich nochmals rückwärts schau, Erglühen Wald und Strom und Au Im goldnen Abendrote. -- O Finke, deß gedenk ich lang, Wie mich herausgelockt dein Sang, Du lieber Frühlingsbote!
Friedrich Güll
Ostern
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück! Der alte Winter in seiner Schwäche Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorther sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes; Überall regt sich Bildung und Streben, Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt’s im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen, finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern; Sie feiern die Auferstehung des Herrn. Denn sie sind selber auferstanden. Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht. Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt, Wie der Fluß, in Breit und Länge, So manchen lustigen Nachen bewegt; Und, bis zum Sinken überladen, Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel; Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
Wolfgang von Goethe
Das Birkenbäumchen
Ich weiß den Tag, es war wie heute, Ein erster Maitag, weich und mild, Und die erwachten Augen freute Das übersonnte Morgenbild.
Der frohe Blick lief hin und wieder, Wie sammelt er die Schätze bloß? So pflückt ein Kind im Auf und Nieder Sich seine Blumen in den Schoß.
Da sah ich dicht am Wegessaume Ein Birkenbäumchen einsam stehn, Rührend im ersten Frühlingsflaume, Konnt nicht daran vorübergehn.
In seinem Schatten stand ich lange, Hielt seinen schlanken Stamm umfaßt Und legte leise meine Wange An seinen kühlen Silberbast.
Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte Im zarten Laub wie Schmeichelhand. Ein Zittern lief herab, als fühlte Das Bäumchen, daß es Liebe fand.
Und war vorher die Sehnsucht rege, Hier war sie still, in sich erfüllt; Es war, als hätte hier am Wege Sich eine Seele mir enthüllt.
Gustav Falke
Wieder vorwärts!
Berghinan vom kühlen Grund Durch den Wald zum Felsenknauf Haucht des Frühlings holder Mund, Tausend Augen tun sich auf.
Sachte zittert Reis an Reis, Langt hinaus, noch halb im Traum. Langt und sucht umher im Kreis Für drei grüne Blättlein Raum.
Doch mit lautem Wellensang Weckt der Bach die Waldesruh; Mitten drin am jähen Hang Schläft ein Trumm von einer Fluh.
Das einst hoch am Silberquell In des Berges Krone lag, Nieder führt an diese Stell Es ein solcher Frühlingstag,
Wo es hundert Jahre blieb Hangen an der Eschenwurz; Heute reißt der junge Trieb Weiter es im Wassersturz.
Dröhnend springt’s von Stein zu Stein, Trunken von der wilden Flut, Bis es dort am Wiesenrain Schwindelnd unter Blumen ruht.
Du versteinte Herrlichkeit, O, wie tanzest du so schwer Mit der tollen Frühlingszeit -- Hinter dir kein Rückweg mehr!
Gottfried Keller
Die heilige Woche
Als Jesus von seiner Mutter ging Und die große, heilige Woch anfing, Da hatte Maria viel Herzeleid, Sie fragte den Sohn mit Traurigkeit:
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Sonntag sein?“ „Am Sonntag werd ich ein König sein, Da wird man mir Kleider und Palmen streun.“
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Montag sein?“ „Am Montag bin ich ein Wandersmann, Der nirgends ein Obdach finden kann.“
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Dienstag sein?“ „Am Dienstag bin ich der Welt ein Prophet, Verkünde, wie Himmel und Erde vergeht.“
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Mittwoch sein?“ „Am Mittwoch bin ich gar arm und gering, Verkauft um dreißig Silberling.“
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Donnerstag sein?“ „Am Donnerstag bin ich im Speisesaal Das Opferlamm bei dem Abendmahl.“
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Freitag sein?“ „Ach Mutter, ach liebste Mutter mein, Könnt dir der Freitag verborgen sein!“
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Samstag sein?“ „Am Samstag bin ich ein Weizenkorn, Das in der Erde wird neu geborn.
Und am Sonntag -- freu dich, o Mutter mein! -- Dann werd ich vom Tod erstanden sein: Dann trag ich das Kreuz mit der Fahn in der Hand, Dann siehst du mich wieder im Gloriestand.“
Volksmund
Da Jesus in den Garten ging
Da Jesus in den Garten ging Und ihm sein bittres Leiden anfing, Da trauert alles, was da was, Es trauert alles Laub und Gras.
Maria, die hört ein Hämmerlein klingen: O weh, o weh, meins lieben Kindes! O weh, o weh, meins Herzen ein Kron, Mein Sohn, mein Sohn will mich verlon.
Maria kam unter das Kreuz gegangen, Sie sah ihr liebs Kind vor ihr hangen An einem Kreuz, was ihr nit lieb, Maria war das Herz betrübt.
„Johannes, liebster Diener mein, Laß dir mein Mutter befohlen sein! Nimm s’ bei der Hand, führ s’ weit hintan, Daß sie nit seh mein Marter an!“
„Ach Herr, das will ich gerne tun, Ich will sie führen also schön, Ich will sie trösten also wohl, Wie ein Kind sein Mutter trösten soll.“
Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast! Mein Kind hat weder Ruh noch Rast. Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras! Laßt euch zu Herzen gehen das!
Die Feigenbäum, die bogen sich, Die harten Felsen zerkloben sich, Die Sonne verlor ihren güldnen Schein, Die Vögel ließen ihr Singen sein.
Volksmund
Golgatha
Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich, So rein, so klardurchsichtig war die Luft. Ich stand auf einem sanften Heidehügel In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein. Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht. Die Himmelsschlüssel blühen überall, Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn. Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt, Reumütig liegt die Sense neben ihm. Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören, Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand, Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag.
Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern, Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander. An eine dieser Kiefern dann gelehnt, Sah ich hinab in all die stille Landschaft Und freute mich des wundervollen Friedens. Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben, Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben. Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch, Glückselig in der Freude seines Daseins. Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder. Der Mittag kam, ich saß noch immer da. Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer, Ich werde müde, Träume tun sich auf:
Aus den drei deutschen Kiefern werden Pinien, Und die drei Pinien wandeln sich zu Palmen, Und seltsam ändert sich um mich die Gegend: Im Westen, Osten steigen Mauern auf, Ein Tempel schimmert auf, ein Rathaus auf, Fern eine fremde, nie gesehne Stadt: Jerusalem! Die Burg Antonia, Der Schloßbau von Herodes mit den Türmen, Und Josaphat, das Tal mit seinem Kidron, Gethsemane, der Ölberg, Golgatha! Vor allen Toren glänzen Villen, Gärten, Springbrunnen klatschen in die Marmorbecken, Und Säulenhallen stehn: Jerusalem! Der Schmerzensweg, die ~via dolorosa~. Und zieht den Weg nicht eine große Schar? Grad auf mich zu? Und zieht nach Golgatha? Steh ich auf Golgatha, der heiligen Stätte?
Laut schiebt sich, stößt sich alles durcheinander, Barone, Priester, Staatsanwälte, Bader, Doctores: Pöbel aller Stände folgt Dem blassen, zarten Mann, der vorne geht. Von bernsteingelben Haaren eingerahmt Ist sein Gesicht; und große braune Augen Schaun traurig, starr, verlassen in die Menge, Die tobend, lachend, lärmend ihn umdrängt. Und plötzlich bin ich auch mit im Gewühl, Und höhne, lache mit ...
Und der die bernsteingelben Haare hat, Der blasse Mann schleppt sich mit einem Schragen, Bis ihn die Kraft verläßt; er sinkt zusammen. Ein andrer, stärkrer, nimmt die Last ihm ab, Und weiter zieht der Zug nach Golgatha. Und alles, was uns nun entgegenkommt, Hält an: ein General, ein Bärenführer, Die Purpursänfte einer Edeldame, Der Bauer, der sein Kalb zu Markte treibt, Mit Staatsdepeschen ein Kurier aus Rom, Die alte Semmelfrau von Jericho, Ein Handwerksbursch, zuletzt ein Trupp Soldaten, Der eben von der Felddienstübung heimkehrt. Und alles lacht und johlt und kreischt und brüllt: „Hurra, da bringen sie den Judenkönig!“ Und trollt sich weiter auf dem Weg zur Stadt. Und eine Geierschar, in Wolkenhöhe, Gibt, langsam kreisend, unserm Zug Geleit.
Zwei Zimmerleute fügen aus den Kiefern, Aus den drei Kiefern, meinen lieben Kiefern, Drei plumpe, rohbehaune, kurze Kreuze. Wir stürzen uns auf Jesum, packen ihn, Wir schlagen ihn mit Nägeln an die Äste. Und ein Geschrei klagt gräßlich in die Welt Hinauf, so gräßlich, wie’s ein Mensch ausstößt, Dem mit Gewalt ein großer rostiger Nagel Durch Hand und Fuß gehämmert wird ...
Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare, Daß sie sein blutiges Gesicht verdecken: „Mich dürstet!“ Ein Soldat der deutschen Wache Steckt den getränkten Schwamm auf seinen Spieß Und läßt den Heiland voll Erbarmen trinken. Und Barrabas erscheint, der Gassendichter, Der wegen Straßenraubs verurteilt saß, Doch den das Volk losbat, und grinst hinauf: „Ja, hättest du, wie unsereins, verstanden, Den Leuten Spaß zu machen, alter Freund, Du hingest nicht, ein schwerer Sack, am Holz; Kerl, dein Genie hat dich ans Kreuz gebracht!“ Und Jesus senkt die bernsteingelben Haare, Daß sie sein blutiges Gesicht verdunkeln.
Ein rabenschwarz Gewölk kriecht vor die Sonne, Nur einen schmalen, grellen Lichtrand lassend, Der dem Erlöser in die Augen blinkt. Ein Blick der Liebe trifft uns, seine Quäler, Ein Schimmer, der uns anglänzt wie erstarrt, Und Jesus schreit, der Marterpfahl erbebt, Schreit: „~Eli, Eli, lama asabthani!~“
Da: seht doch, seht! da jagt, von Straßenstaub Verhüllt, jetzt wieder frei, jagt einer her, In rasender Karriere jagt er her. Sein Helm stürzt ab, sein Haar fliegt lang ihm nach. Er spornt den Hengst auf unsern Blutplatz zu, Er schwenkt ein weißes Tuch, er schwenkt’s, er schwenkt’s, Er setzt die Zinken ein zum äußersten Sprung Auf unsern Hügel, an der Kante kommt Des Fuchses wilde Mähnenwelle hoch: Der Adjutant von Pontius Pilatus. Er und sein Syrer, wie getüncht von Schweiß, Brechen zusammen, und ein Wort springt hörbar Aus diesem wüsten Knäul von Mann und Gaul: „Begnadigt!“
Stracks klettert einer das Gebälk hinan: Er hebt die bernsteingelben Haare Jesu Ihm von den Augen -- er ist tot.
Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern, Sie stehen noch; sechs Fuß weit voneinander. An eine dieser Kiefern angelehnt, Sah ich hinab in all die stille Landschaft Und freute mich des wundervollen Friedens. Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben, Glückselig in der Freude seines Daseins.
Detlev von Liliencron
Karfreitag
Jesus Christus erhub die gebrochenen Augen gen Himmel, Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme, Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten, Freigehorsam dem Mittlertod hingab, er rufte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimnis. Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: „Mich dürstet!“ Ruft’s, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte: „Vater, in deine Hände befehl ich meine Seele!“ Dann --: „Gott, Mittler, erbarme dich unser! -- Es ist vollendet!“ Und er neigte sein Haupt und starb.
F. G. Klopstock
Die Steine werden zeugen
Der Ostermorgen lächelt, Ein Bräutgam, in die Welt, Vom Frühlingsduft gefächelt, Steigt er aus seinem Zelt.
Und rings herum das Schweigen! Der Wald, er steht so still; Kein Blümlein sich verneigen, Kein Blättchen rauschen will.
Im fernen Kirchlein singet Die fromme Christenschar; Da von den Steinen klinget Das Echo wunderbar.
Als wenn aus Bergestiefen Das Singen kläng hervor, Als wenn die Felsen riefen: „Er lebt! er lebt!“ im Chor.
„Er lebt! er lebt!“ da lauschen Die Blümlein, neigen sich, Da bücket sich mit Rauschen Der Wald so feierlich.
Und mächtger immer wieder: „Er lebt! er lebt!“ vom Stein -- Mir läuft ein Schauer nieder Im tiefsten Mark und Bein;
Und denk -- und muß mich beugen -- Was dort geschrieben ist: Die Steine werden zeugen, Wenn mich der Mensch vergißt.
Otto Ludwig
Auferstanden
Durchs Fenster scheint der Maientag, Ich schließe die Augenlider Und horche -- das ist Lerchenschlag! O, endlich wieder!
Ich lausche, wie des Windes Hauch Dahinrauscht durch die Zweige, Es keimen Blüten an jedem Strauch, Auf jedem Steige.
Da rührt mich Wonne allzumal, Ich schließe die Augenlider -- Ich fühl es wie ein Sonnenstrahl; Ich lebe wieder!
Es singt die Lerche noch immer fort, Mein Herze möcht zerspringen, Ich lasse verstummen Wort um Wort -- -- Und laß sie singen!
Karl Stieler
Osterhäslein
Drunten an den Gartenmauern Hab ich sehn das Häslein lauern. Eins, zwei, drei: Legt’s ein Ei, Lang wird’s nimmer dauern.
Kinder, laßt uns niederducken! Seht ihr’s ängstlich um sich gucken? -- Ei, da hüpft’s -- Und dort schlüpft’s Durch die Mauerluken.
Und nun sucht in allen Ecken, Wo die schönen Eier stecken, Rot und blau, Grün und grau Und mit Marmelflecken!
Friedrich Güll
Eine Frühlingsnacht
Im Zimmer drinnen ist’s so schwül; Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.
Im Fieber hat er die Nacht verbracht; Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.
Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand; Er hält die Uhr in der weißen Hand.
Er zählt die Schläge, die sie pickt, Er forschet, wie der Weiser rückt;
Es fragt ihn, ob er noch leb vielleicht, Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht,
Die Wartfrau sitzt geduldig dabei, Harrend, bis alles vorüber sei. --
Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod; Und draußen dämmert das Morgenrot.
An die Fenster klettert der Frühlingstag, Mädchen und Vögel werden wach.
Die Erde lacht in Liebesschein, Pfingstglocken läuten das Brautfest ein,
Singende Burschen ziehn übers Feld Hinein in die blühende, klingende Welt. --
Und immer stiller wird es drin; Die Alte tritt zum Kranken hin.
Der hat die Hände gefaltet dicht; Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.
Dann geht sie fort. Stumm wird’s und leer, Und drinnen wacht kein Auge mehr.
Theodor Storm
Das Mädchen aus der Fremde
In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten, Ein Mädchen, schön und wunderbar.
Sie war nicht in dem Tal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam; Und schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm.
Beseligend war ihre Nähe, Und alle Herzen wurden weit; Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit.
Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichern Natur.
Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus; Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
Willkommen waren alle Gäste; Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaben beste, Der Blumen allerschönste dar.
Friedrich v. Schiller
Frühlings Begräbnis
Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten? Elfenscharen ziehn den Wald entlang, Die mit Klaggesang Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten.
Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht, Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre! Allzuschwer mit sommerlicher Wut Traf ihn Sonnenglut Und ihm sank das Haupt, das morgenklare.
Blumen in der Hand, die er geliebt, Kleine, rote Fackeln leise schwingend, Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt, Sonst im Flug geübt, Heute schrittweis, Totenlieder singend.
Stumm in Wehmut schaut der Mond herab, Und es schluchzen alle Nachtigallen. Wo er oftmals seine Feste gab, Senkt man ihn hinab, Und die bleichen Silberflöre wallen.
Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten: „Stillt die Tränen, tröstet euern Gram! Der stirbt wonnesam, Der in blühnder Jugend darf erkalten.
Glaubet mir, der lang die Welt gesehn: Den ihr heut hier unter Blumen bettet, Neu und ewig wird er auferstehn. Nimmer kann vergehn, Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“
Als so weihevoll der Alte sprach, Lauter schluchzte da das Grabgesinde, Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“ Ihrem Liebling nach Warf sie in die Gruft die goldne Binde.
Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang? Finster hat Gewölk den Mond verschattet. Ein Gewitter zieht den Wald entlang, Und zerstoben bang Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet.
Paul Heyse
Künftiger Frühling
Wohl blühet jedem Jahre Sein Frühling mild und licht, Auch jener große, klare, Getrost! er fehlt dir nicht; Er ist dir noch beschieden Am Ziele deiner Bahn, Du ahnest ihn hienieden Und droben bricht er an.
Ludwig Uhland
Der deutsche Spielmann
herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten. In neuer Bearbeitung liegen bis Ende Mai 1924 vor:
Bd. 3 Wald (W. Weingärtner) „ 4 Hochland (Franz Hoch) „ 6 Helden (W. Weingärtner) „ 7 Schalk (Julius Diez) „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler) „ 11 Sänger (Hans Röhm) „ 12 Frühling (H. v. Volkmann) „ 13 Sommer (Edmund Steppes) „ 14 Herbst (Karl Biese) „ 15 Winter (Karl Biese) „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl) „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez) „ 18 Stadt und Land (J. V. Cissarz) „ 19 Bach und Strom (E. Liebermann) „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann) „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl) „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck) „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner) „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl) „ 40 Fabelreich (Ernst Weber)
Im August 1924 werden sich anschließen:
Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz) „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler) „ 20 Heide (Adalbert Holzer) „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.) „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)
Hinter den Band-Titeln ist der Name des illustrierenden Künstlers jeweils in Klammern beigefügt. Folgende Bändchen der Sammlung stehen noch aus:
Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf) „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz) „ 8 Legenden (G. A. Stroedel) „ 23 Germanentum (H. Röhm) „ 24 Mittelalter (H. Schroedter) „ 25 Zeit d. Wandlungen (C. Roesch) „ 26 Neuzeit (Angelo Jank) „ 27 Gespenster (Julius Diez) „ 28 Tod (Matthäus Schiestl) „ 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau) „ 31 Italien (Hans Volkert) „ 32 Hellas (Karl Bauer) „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert) „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl) „ 37 Glück u. Trost (H. Schwegerle)
Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen Ganzleinenband werden wiederum neu ausgegeben, und zwar liegen bis Mai 1923 vor die Bände „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“ u. „Deutsche Natur“ (je 5 Mk.). Im August folgt die Ausgabe der Sammelbände „Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“ und „Deutsches Volk“.