Part 3
Es klingt wie Leides Ahnung, Sie singt im schwarzen Kleid Schon jetzt die trübe Mahnung: Wie kurz die schöne Zeit.
Heinrich Seidel
Die schwarze Amsel
Wann ich schon schwarz bin, Schuld ist nicht mein allein, Schuld hat meine Mutter gehabt, Weil sie mich nicht gewaschen hat, Da ich noch klein, Da ich noch wunderwinzig bin gesein.
Volksmund
Der Nimmersatt
In unserm Flieder raschelt was, Ein kleiner Spatz. „Hier sitz ich ohne Futter, Wo bleibt nur meine Mutter? Ich hab ein schön gelb Schnäbelein; Es tut mir keiner was hinein, Mir armen Matz.
Ade, du schöner Sonnenschein, Du grüner Platz! Hier muß ich nun verderben, Sie läßt mich Hungers sterben; Sie fliegt in aller Welt umher Und findet mich gewiß nicht mehr, Mich armen Matz.“
Da schwirrt’s und bringt ein Räuplein zart: „Hört eins den Fratz! Ich stopfe, und ich stopfe; Er schilt mit vollem Kropfe! Ich wüßt nicht, wer es besser hat: Du bist ein kleiner Nimmersatt, Mein kleiner Matz!“
Viktor Blüthgen
Das Blumenbeet
Das Beet, schon lockert sich’s in die Höh, Da wanken Glöckchen So weiß wie Schnee; Safran entfaltet Gewaltge Glut, Smaragden keimt es Und keimt wie Blut. Primeln stolzieren So naseweis, Schalkhafte Veilchen, Versteckt mit Fleiß; Was auch noch alles Da regt und webt, Genug, der Frühling, Er wirkt und lebt!
Wolfgang v. Goethe
Die Frösche
Ein großer Teich war zugefroren; Die Fröschlein, in der Tiefe verloren, Durften nicht ferner quaken noch springen, Versprachen sich aber, im halben Traum, Fänden sie nur da oben Raum, Wie Nachtigallen wollten sie singen. Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz, Nun ruderten sie und landeten stolz Und saßen am Ufer weit und breit Und quakten wie vor alter Zeit.
Wolfgang v. Goethe
Winterbericht
Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder Und sprach: „Da, Kinder, bin ich wieder! Nun saget mir, was ist geschehn, Seit ich das Dörfchen nicht gesehn?“ „Ei“, sprach der Hans, „in diesen Tagen Da hat sich vieles zugetragen; Mein Vater kaufte eine Kuh Und meiner Schwester neue Schuh. Ich hab an Größe zugenommen Und jetzt auch Stiefel und Hosen bekommen, Weihnachten kriegte ich ein Schwert Und ein sehr wildes Wiegenpferd. Und in die Schule geht, mein Bester, Jetzt auch die Suse, meine Schwester, Und weil sie neulich nichts gewußt, Hat sie nachbleiben schon gemußt.“ „Pfui, Hans“, begann der Storch zu klappern, „Man darf nicht aus der Schule plappern!“
Rudolf Löwenstein
Der Storch ist da
Juchheirasa, Der Storch ist da! Er steht vergnügt im Neste Und klappert auf das beste; Er bückt sich vor der Störchin fein Und dreht sich auf dem langen Bein.
Juchheirasa. Der Storch ist da! Was er im Wickelkissen Mitbringt, wer kann es wissen? Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein? Es wird doch nicht ein Pärchen sein?
Martin Greif
Klapperstorch
Storch, Storch, Langbein, Wann fliegst du ins Land herein, Bringst dem Kind ein Brüderlein? Wenn der Roggen reifet, Wenn der Frosch pfeifet, Wenn die goldnen Ringen In der Kiste klingen, Wenn die roten Appeln In der Kiste rappeln.
Volksmund
Kuckuck
Der Gutzgauch auf dem zaune saß, guckguck, guckguck! es regnet ser, und er ward naß, guckguck, guckguck, guckguck! Darnach do kam der sonnenschein, guckguck, guckguck! der Gutzgauch der ward hüpsch und fein, guckguck, guckguck, guckguck! Alsdann schwang er sein gfidere, guckguck, guckguck! er flog dort hin wol über se, guckguck, guckguck!
Volksmund
Der Zweig und der Vogel im April
Wach auf! wie schläfst du gar so still -- Wach auf! wir haben schon April. Wach auf! was schläfst du gar so fest? Ich brauche Schatten für mein Nest, Ich brauch ein Dach, recht dicht gebaut, Damit mein Nest kein Würger schaut, Der mich beraubt und mich bedroht Und meinen Kleinen bringt den Tod. Drum, lieber Zweig, erwach, erwach, Bau mir solch dichtbelaubtes Dach! Was tut der stille Zweig darauf? Er schlägt die Blütenaugen auf Und spricht: „Geduld, lieb Vögelein, Ich brauch zum Bauen Sonnenschein. Wart nur zwei Wochen oder drei, Dann kommt mein Meister an, der Mai! Dann schmück ich dir dein kleines Haus Mit festen grünen Wänden aus, Von grünen Ziegeln hundertfach Bau drüber ich ein dichtes Dach, Daß dich kein böser Würger sieht. Dann kannst du singen froh dein Lied, Kannst pflegen deine kleine Brut Mit deinem Weibchen, still und gut, Den ganzen, lieben Sommer lang!“ Da spricht das Vöglein: „Schönsten Dank! So will ich baun mein Nest in Ruh; Doch für das Dächlein sorge du! Und kommt der Mai, dann ohne Rast Tu, was du mir versprochen hast!“
Rudolf Löwenstein
Frühlingsregen
Die grauen Wolken flogen, Umwölbend das Gefild, Und nieder kam gezogen Ein Regen warm und mild. Nun träufelt der Erquickung Tau, Es dampft die zartbegrünte Au -- Die Erde hat gesogen Und ihren Durst gestillt.
Ein Duft von jungem Leben Den kühlen Hain durchdringt; Die Knospen wonnig beben, Und sachtes Tröpfeln klingt. Durch Erlenbüsche streift der Wind, Mit feuchtem Haar -- ein heitres Kind; Ein Säuseln läßt er schweben Aus dem Gezweig und singt:
„Sonne, erschließe Das himmlische Blau, Goldglanz gieße Auf grüne Au! Ihr gebadeten Blumen, Laßt die feuchten Äuglein leuchten! Ich schüttle von schwanken Erlen Zum Spiel euch glitzernde Perlen -- Solch bunte Perlen woben Die schwebende Brücke droben Am blauen Himmelssee.“
Bruno Wille
Aprilwetter
Sprühregen, drein die Sonne scheint, Jetzt da und jetzt auch schon vorüber, So kurz, wie wach der Säugling weint, Er wendet sich und schlummert wieder. Sprühregen! Jetzt der Himmel blau, Und jetzt von Wolken überzogen, Nun lachend über allem Grau Im Wunderschein der Regenbogen.
Martin Greif
April
April! April Weiß nicht, was er will, Ist gar ein launischer Gesell, Bald düster, bald hell, Bald lacht er wie Maien-Sonnenschein Dir freundlich und hell ins Herz hinein Und grüßt dich mit Blicken, mit frühlingswarmen, Bald weint er und heult schier zum Erbarmen. Bald läßt er des Sommers Strahlen blitzen, Daß Perlen dir von der Stirne schwitzen, Bald rüttelt und schüttelt er deine Glieder Und hagelt und wettert wild hernieder. Dem Frühling heut zu dienen beginnt er, Und morgen dient er wieder dem Winter. Ist eben zweier Herren Knecht Und macht’s drum keinem Herren recht, Will sich für keinen von den beiden Mit ehrlich festem Sinn entscheiden. Was er verspricht, das hält er nicht, Was er bringen soll, das bringt er nicht, Was er singen soll, das singt er nicht, Wenn er lachen kann, so lacht er nicht, Was er machen kann, das macht er nicht, Tut, was er schafft, nur mit Verdruß, Und tut’s nur darum, weil er muß. Da lob ich mir, denn der kommt jetzt herbei, Vor allem doch den Monat Mai!
Rudolf Löwenstein
Das arme Vöglein
Ein Vogel ruft im Walde, Ich weiß es wohl, wonach? Er will ein Häuschen haben, Ein grünes, laubig Dach.
Er rufet alle Tage, Und flattert hin und her, Und in dem ganzen Walde Hört keiner sein Begehr.
Und endlich hört’s der Frühling, Der Freund der ganzen Welt. Der gibt dem armen Vöglein Ein schattig Laubgezelt.
Wer singt im hohen Baume So froh vom grünen Ast? Das tut das arme Vöglein Aus seinem Laubpalast.
Es singet Dank dem Frühling Für das, was er beschied, Und singt, so lang er weilet, Ihm jeden Tag ein Lied.
Hoffmann von Fallersleben
An den Mai
Es ist doch im April fürwahr Der Frühling weder halb noch gar! Komm, Rosenbringer, süßer Mai, Komm du herbei! So weiß ich, was der Frühling sei.
-- Wie aber? Soll die erste Gartenpracht, Narzissen, Primeln, Hyazinthen, Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht, Schon welken und verschwinden? Und mit euch besonders, holde Veilchen, Wär’s dann fürs ganze Jahr vorbei? Lieber, lieber Mai, Ach, so warte noch ein Weilchen!
Eduard Mörike
Mailied
Es kommt ein wundersamer Knab Jetzt durch die Welt gegangen, Und wo er geht, bergauf, bergab, Hebt sich ein Glast und Prangen. In frischem Grün steht Feld und Tal, Die Vögel singen allzumal, Ein Blütenschnee und Regen Fällt nieder allerwegen.
Drum singen wir im Wald dies Lied Mit Hei und Tralaleyen; Wir singen’s, weil es sprießt und blüht, Als Gruß dem jungen Maien.
Den Mai ergötzt Gebrumm und Summ, Ist immer guter Laune; Drum schwirren durch den Tann herum Die Maienkäfer braune, Und aus dem Moos wächst schnell herfür Der Frühlingsblumen schönste Zier; Die weißen Glocken läuten Den Maien ein mit Freuden.
Drum singen wir im Wald das Lied mit Hei und Tralaleyen; Wir singen’s, weil es sprießt und blüht, Als Gruß dem jungen Maien.
Viktor v. Scheffel
Nochmals vom Kirschbaum
Nun sagt, was ist im Kirschenbaum? In seinen Schlaf kam’s wie ein Traum: In seinen Adern regte sich’s leis: In seinen Ästen bewegte sich’s leis: Noch eine einzige laue Nacht -- Und plötzlich steht er in Blütenpracht!
Jetzt schwirren die Boten rings weitum -- Gesumm, Gebrumm Von feinsten Stimmen: „Heran, ihr Immen, Zum Feste: Der Alte erwartet die Gäste!“ Leg dich darunter, nach oben schau -- Dies Funkeln im Weiß, dazwischen das Blau! --
Und lausche: von fern und nah Richtig, sind schon die Bienen da, Ganz aus ist nun die Winternacht, Der alte Herr ganz aufgewacht -- Behaglich rauscht er: „Laßt’s euch schmecken!“ Wie sie von allen Tellerchen schlecken.
Von einem zum andern, summ, summ, summ, Zu Tausenden tummeln sie sich herum, Nippen, naschen, trinken, brummen, Die Blüten selber, meinst du, summen Immer im gleichen Geschwirr in Ruh -- Der Alte strahlt über und über dazu.
Endlich zieht davon der Schwarm, Aber nun werden die Tage warm, Aber nun brechen die Blätter heraus, Aber nun reifen die Früchte aus.
An jedem Aste die Körbe schwer, Richtet er’s jetzt für die Großen her: Stützt ihm die Arme, daß er nicht Unter dem eignen Segen bricht!
Ferdinand Avenarius
Der Säemann
Immer seh ich dich so, mein Vater, zu jeder Zeit des Jahres, so oft ich dein gedenke: als Säemann. Und deine Söhne, groß und schlank wie du, ganz dein verjüngtes Bild, barhäuptig und barfuß am Pflug.
Ein breiter Acker, aus der Mulde, die so windstill, nach der Höhe, luftig bewegt.
Lang am Wald hin dunkle Eichen und helle Birken, und wilde Heckenrosen am Rain in runden Büschen, an den Dornen Wollen-Flöckchen. Die frisch gebrochenen Furchen braun und dampfend im herben, würzigen Frühwind. Hinter uns stolzierend der schwarzglänzende Rabe, emsig im Spähen nach des Engerlings fettem Wurm.
Weiße Wolken als träumende Schäfchen hinziehend am hohen Himmel.
Du in langen Schritten gradaus, kräftig atmend, das Auge hell und fest.
Kuckucksruf aus dem Wald: Du blickst uns an und lächelst schalkhaft. Wir klopfen dreimal an die Tasche.
Nun gürtest du um den Leib den grauen, körnerschweren Samensack. Der rechte Arm, nackt bis zum Ellenbogen, mit flatterndem Ärmel, geht im Schwung mit dem Schritt. Aus der Hand fliegen sausend im Bogen die Körner, sorglich erlesen, glatt und prall und glänzend in Keimkraft. Stillbedächtig, wie in verhaltener Lust, empfängt sie die Erde und zieht sie ein in den harrenden Schoß, Hampfel um Hampfel.
Immer seh ich dich so, mein Vater, als Säemann. Immer so im festen Schritt über den frischgepflügten, dampfenden Acker hin, wie von heimlicher Musik aus der Tiefe der Erde begleitet, von segnenden Winden umsungen aus des Himmels leuchtender Höhe. Und deine Söhne alle, emsig wie du, was auch sonst ihre Hantierung, immer wieder am Pflug, bespannt mit jungen Stieren, gelben und weißen, weit leuchtend über die Felder hin.
Und aus der Ferne hör ich den Zuruf der Mutter, lieb und fröhlich: „Wie seid ihr fleißig heute!“ Dann erscheint sie, die Hand schirmend über den lachenden Augen, die feine Gestalt umflossen vom goldenen Licht: „Längst ist vorüber der Mittag, habt ihr nicht läuten gehört? Kommt jetzt, der Tisch ist bereitet, Linsensuppe gibt’s und Spätzli --“
Und wir wischen uns den Schweiß von der Stirn: „Gleich, Mutter, gleich. Wir sind hungrig wie Wölfe.“
„Gott sei Dank,“ sagst du, Vater, „wir haben das Unsrige getan. Nun schenk uns der Himmel gut Wetter zu Wachstum und Ernte.“
Immer seh ich uns so, ganz deutlich, und hör jedes Wort von dir und der seligen Mutter. So lange ist’s her, so lange, so lange. Und immer noch schwillt uns das Herz in Hoffnung künftiger Ernten.
Michael Georg Conrad
Säerspruch
Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung! Die Erde bleibt noch lange jung! Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht. Die Ruh ist süß. Es hat es gut. Hier eins, das durch die Scholle bricht. Es hat es gut. Süß ist das Licht. Und keines fällt aus dieser Welt Und jedes fällt, wie’s Gott gefällt.
C. F. Meyer
Junge Kätzchen
Fünf Kätzchen vorm Fenster und Lieschen dazu, Die stehen zusammen längst schon auf du. Trippelt zum Garten sie in der Früh, Wartet Frau Miezekatz schon auf sie, Putzt die vier Kleinen noch akkurat; Jeder macht gern mit den Kindern Staat.
Die Kätzchen haben heut Augen gekriegt, Gucken ganz dumm und blinzeln vergnügt. Wenn solch ein großes Wunder geschehn, Das muß die Mutter doch auch mal sehn! Holt ein Näpfchen, so ein kleins; Macht für die Kätzchen was Extrafeins. Das ist ein Springen, hinauf und hinab, Lecken sich alle Pfoten ab.
Durch den Apfelbaum, schwerbelaubt, Fällt der Mutter ein Strahl aufs Haupt, Glänzt dann auf Lieschens Blondhaar hell, Gleitet hernieder aufs Katzenfell, Bis zu den Kätzchen winzig und klein Kriegt jedes sein bißchen Sonnenschein.
Ludwig Jacobowski
Der Sperling
Der Sperling ist ein kleines Tier, Hat ein kurzes Schwänzchen, Sitzt vor Hänschens Kammertür, Macht ein Reverenzchen.
Volksmund
Spatzenausflug
Die Spatzen schrein in ihrem Nest, Als hätten sie ein großes Fest; Philippzipzip! Philippzipzip! Und weiß nicht, wie viel Gäst. --
Nun ist vorbei Gesang und Schmaus, Da fliegen sie aufs Dach heraus: Philippzipzip! Philippzipzip! Und ruhn ein wenig aus.
Der alte Spatz, der kluge Mann, Hebt jetzo seine Rede an: Philippzipzip! Philippzipzip! Hoch auf der Wetterfahn;
„Ihr Kinder, eh nach Samen Ihr ausfliegt auf das Feld, Geb ich euch eure Namen, Dann schlagt euch durch die Welt, Ihr könnt nun prächtig singen Und flattern und hüpfen und springen, Und baun, wo’s euch gefällt.
So merkt denn auf und horchet, Wie jeder von euch heißt, Und seid dann unbesorget, Wenn ihr von dannen reist. Helft nur einander treulich, Und seid nicht so abscheulich, Seid friedlich allermeist!
Du bist der Winkelschlupfer, Der Mück und Schnak ertappt, Du bist der Gassenhupfer, Der Korn und Haber schnappt, Und du der Bröselesser, Und du der Kirschenfresser, Wohl schmeck euch, was ihr habt!
Und wohnt ihr in den Hecken, Und wohnt ihr unterm Dach: Fern sei euch jeder Schrecken Und jedes Ungemach! Seid nur auch auf der Lauer, Wenn über Zaun und Mauer Euch schleicht das Kätzchen nach!
Miau! Dort kommt sie schon, die Katz, Die hat uns all auf einen Satz: Zwickelwickbembem! Zwickelwickbembem! Sucht einen sichern Platz.“
Friedrich Güll
Bei Goldhähnchens
Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast! Sie wohnen im grünen Fichtenpalast In einem Nestchen klein Sehr niedlich und sehr fein.
Was hat es gegeben? Schmetterlingsei, Mückensalat und Gnitzenbrei Und Käferbraten famos -- Zwei Millimeter groß.
Dann sang uns Vater Goldhähnchen was, So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas. Dann wurden die Kinder besehn: Sehr niedlich alle zehn!
Dann sagt ich: „Adieu!“ und „Danke sehr!“ Sie sprachen: „Bitte, wir haben die Ehr, Und hat uns mächtig gefreut!“ Es sind doch reizende Leut!
Heinrich Seidel
Unser Fritz
Unser Fritz richt’t seinen Schlag, Wollt ein Meislein fangen, Doch weil ihm denselben Tag Keines drein gegangen, Wird dem Fritz zu lang die Zeit. Denkt: ich hab umsonst gestreut, Will ja keine kommen.
Nach acht Tagen fällt ihm ein, Im Garten zu spazieren: Es ist schöner Sonnenschein, Man kann nicht erfrieren, Und am alten Apfelbaum Kommt’s ihm plötzlich wie im Traum: Ob der Schlag gefallen?
„Ja! Es sitzt ein Vogel drin! Aber, weh! o wehe! Das ist trauriger Gewinn: Tot, so viel ich sehe! -- Aber, was kann ich dafür? Sicher hat das dumme Tier Sich zu Tod gefressen!“
So tröst’t sich dein Mörder wohl, Der dich hungern lassen, Aber ich vor Leid und Groll Weiß mich nicht zu fassen! Hast alle Körnlein aufgepickt, Hast dann vergebens umgeblickt, Wo noch ein Bröslein wäre!
Ihr andern Vöglein allesamt, Wohl unterm blauen Himmel, Ihr habt mit Wehgesang verdammt Den Vogelstellerlümmel. Ach, eines starb so balde, bald, Eben da in Feld und Wald Der Frühling wollte kommen.
Eduard Mörike
Ritter Mai
Ich weiß hoch droben, im Walde versteckt, Am Berg eine wilde Wiese; Da liegt todwund auf den Grund gestreckt Der Winter, der reisige Riese. Den stach vom Rosse in scharfem Turnei Der Ritter Mai, der Ritter Mai.
Grieswärtel war dorten der Meister Specht, Kampfrichter waren die Dohlen. Den Ritterdank, ein Rankengeflecht, Mit Primeln durchwirkt und Violen, Empfing aus den Händen der lieblichsten Fei Der Ritter Mai, der Ritter Mai.
Nun reitet im Harnisch von klarem Gold Der herrliche Sieger zu Tale, Drommeter blasen, der Ehrenhold Verkündet mit hellem Schalle: „Viel Grüße entbeut den Vasallen in Treu Der Ritter Mai, der Ritter Mai!“
O. Kernstock
Die Kurfürsten
Die Kinder schreien Vivat hoch! In die blaue Luft hinein; Den Frühling setzen sie auf den Thron, Der soll ihr König sein.
Theodor Storm
Kling hinaus
Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute. Klinge, kleines Frühlingslied, Kling hinaus ins Weite!
Kling hinaus bis an das Haus, Wo die Blumen sprießen! Wenn du eine Rose schaust, Sag, ich laß sie grüßen!
Heinrich Heine
Was im Maien Wunder man gewahrt
Der Mai hat Gewalt! Ob er Zauberlist ersonnen? Wo er naht mit seinen Wonnen, Da ist niemand alt.
Walther von der Vogelweide
Begegnung
Ich ging im Feld. Die Drossel schlug. Ein lindes, weiches Wehen trug Von einem wilden Apfelbaum Ein Blütenblatt, einen Frühlingsflaum. Da kam aus Osten, hügelab, Trug keinen Hut und keinen Stab Und führte keinen Ranzen mit, Der Tag im leichten Wanderschritt.
Auf seine helle Stirne fiel Ein frei Gelock, des Windes Spiel. Kein Kleid umgab der Glieder Pracht, Nackt schritt er, wie ihn Gott erdacht. Nur eine Sonnenblume hielt Er in der Linken. Hochgestielt, Der goldne Sternkelch scheitelnah Ihm schwankend über die Schulter sah.
So ging er strahlend gradeaus, Und über ihm zog mit Gebraus Ein Schwarm von weißen Schwänen mit. Er wuchs, wie er das Feld durchschritt, Und stand zuletzt am Horizont, Ein Riese, flammend übersonnt. Um ihn wie lichte Wölkchen sahn Die Vögel aus, Schwan neben Schwan. Und aus dem weißen Glitzermeer Grüßte die gelbe Blume her.
Gustav Falke
Übersehen
Es tat ein Gelahrter im Garten spazieren Und seinem Nachbar demonstrieren, Was doch für eine Lumperei Im Grund der deutsche Frühling sei. Statt daß der März die Vöglein bringe, Was Wunder, wenn bei solcher Tück Im Mai noch Schnee herunterdringe, Die Flora bleibe stets zurück. Drum, wollten wir ihr Recht begreifen, So müßten wir gen Süden schweifen. So sprach das Männlein baß verdrossen Und machte seine scharfen Glossen: Da war er, blind für junges Prangen, Einem Rosenbeet vorbeigegangen.
Martin Greif
Frühlingsgespenster
Ich saß noch spät in meinem Zimmer Studierend bei der Lampe Schimmer, Und ob mein Auge müd und matt, Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt.
Da klopft es plötzlich an mein Fenster, Ich glaube zwar nicht an Gespenster, Doch weil gar hoch mein Fenster war, Schien mir das Klopfen wunderbar.
Ich spähte in die nächt’gen Räume, Der Mond schien freundlich durch die Bäume. Tief unten schlug die Nachtigall, Sonst tiefes Schweigen überall.
Doch kaum saß ich zu lesen nieder, So klopft es auch vernehmlich wieder; Weit macht ich nun das Fenster auf Und ließ den Klopfern freien Lauf.
Und plötzlich schwärmten durch das Fenster Zwei braune, surrende Gespenster; -- Maikäfer waren’s, die’s verdroß, Daß ich im Zimmer mich verschloß;
Daß ich mich über Büchern härmte, Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte Die linde, weiche Maiennacht Voll Blütenduft und Sternenpracht.
Julius Sturm
Maienkäferlied
Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg! Dein Häuschen brennt, Dein Mütterchen flennt, Dein Vater sitzt auf der Schwelle, Flieg in Himmel aus der Hölle!
Volksmund
Gedenk!
Es ist kein Vöglein so gemein, Es spürt geheime Schauer, Wenn draußen streift der Sonnenschein, Vergoldend seinen Bauer. Und du hast es vergessen fast In deines Kerkers Spangen, O Menschlein, daß du Flügel hast Und daß du hier gefangen.
Josef von Eichendorff
Lenzfahrt
Es wollten um das Lenzerwachen Drei Freunde eine Lustfahrt machen, Da wendete der eine ein: „Es muß der Tag erst länger sein!“ Und als sie wieder Ratschlag hatten, Der zweite sprach: „Es fehlt an Schatten!“ Doch als sie zechten bald in Schweiß, Der dritte sprach: „Es ist zu heiß!“ -- So war, noch eh sie sich verglichen, Der schöne Lenz auch schon verstrichen.
Martin Greif
Der Mai
Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus! Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.
Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt! Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht? Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert, Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.
Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal; Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all; Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.
Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein: „Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein! Ergreife die Fidel, du lustger Spielmann, du! Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.“