Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil
Part 8
Hätte ich den Raum von 50 oder 60 Meilen, der uns von einander trennt, am Dienstage, wo ich Ihren lieben Brief vom 24. October erhielt, doch durchfliegen können, um Sie an meine Brust zu drücken und Sie zum Zeugen meiner Empfindungen über Ihre freundschaftlichen gegen mich geäußerten Gesinnungen zu machen! Ja, in Wahrheit, ein sympathetischer Zug treibt mich zu Ihnen hin, und mit Kindlichkeit sehe ich zu Ihnen hinauf, Klopstock's, Gerstenberg's, Kunzens, Schulzens, Baggesen's Freund ist mir ......[22] Aber so soll es auch mit der innigsten Liebe, Freundschaft und .. zwischen uns bestehn, bis Sie oder ich vom Freunde Charon in jenes unbekannte Land hinüber gesteuert werden. So lange wir aber noch hienieden pilgern, und uns mit dem prosaischen Troste des bürgerlichen Lebens herumschlagen, oder uns wenigstens durchzuwinden haben, lassen Sie uns Einer dem Andern nützlich sein; uns helfen und rathen; zusammen uns freuen und -- dem Gemeinbesten frommen, wo und wie die Gelegenheit sich zeigt. Ich gebe Ihnen meine Hand, daß Sie auf mich wie auf Ihr eignes Selbst rechnen können. Wenn Sie mich einmal näher kennen, werden Sie mir, hoffe ich, ein Gleiches zusichern. Sehr wahrscheinlich komme ich noch im Winter auf einige Wochen zu Ihnen. Ich will Ihnen also lieber von meiner Sehnsucht nach dorten Nichts sagen; denn wo könnte meine Prosa Worte finden, mein glühendes Verlangen auszudrücken?
Das dem Freunde; jetzt dem Geschäftsmann und Verfasser! .... Ich komme zu dem mich am vorzüglichsten interessirenden Punkte davon: der Herausgabe Ihres »Tagebuchs«. Sie haben also so wenig Urtheile darüber vernommen? Ich glaube das wohl; und es ist auch wirklich in Deutschland sehr wenig bekannt geworden. Ich selbst habe mir unsägliche Mühe gegeben, ehe ich's erhalten konnte. Ich ruhte indeß eher nicht, bis ich's hatte; und seitdem hat es immer mit zu meiner Leibgarde gehört, die mich nicht verlassen darf. Noch gestern Abend habe ich meinem lieben Weibe die beiden schönen Briefe an Kunzen daraus vorgelesen und mich aufs neue an dem Freundschaftsbunde gefreut, der zwischen Ihnen und jenem Edlen muß geschlossen sein. Und dann las ich wieder die für mich hinreißende Stelle vor, wo Sie von dem Funde des _Colchicum_ und Ihrer Begeisterung dabei erzählen. Ach, wie haben wir Sie recht lieb; wie unsern Bruder und unsre Jugendfreunde.
Ich nehme Ihre Vorschläge zur Herausgabe alle an .... Der von Ihnen gewählte Titel ist sehr gut; bis auf die _Noms de guerre_. Diese, liebster Freund, wünschte ich ließen Sie weg. Ich könnte Ihnen diesen Wunsch mit einer Menge von Gründen motiviren; ich unterlasse es aber, da Sie, glaube ich, den größten Theil derselben ahnden werden. Nur Das: daß ich sicher bin, daß dem Werke dadurch häufig der Eingang wird erschwert werden; besonders hier in unserer Republik, wo ich doch auf einen ansehnlichen Absatz rechnen muß ..... Ich sagte vorhin: ich vermuthe, daß Sie meine übrigen Gründe wegen dieser Nahmen ahnden werden. Thun Sie Das aber nicht, so werde ich sie Ihnen nächstens mittheilen ... Ich wünschte, daß der Titel folgenden Zusatz erhielte: von Cramer »und seinen Freunden«, damit Sie von diesen einige bewegen möchten, dann und wann ... mitzutheilen.
Auch glaube ich, daß es sehr gut wäre, wenn Sie anfingen, Ihre im Journal »Frankreich« und anderswo zerstreuten Aufsätze und Briefe zu sammeln; und besonders, als Supplement zu den »Individualitäten«, oder als Vor- oder Nebenläufer derselben, herauszugeben. Es ist sehr Vieles darunter, das, in der großen Masse jetzo ersäuft, so aufs neue zusammengestellt, und allenfalls mit einigen neuen Schüsseln vermehrt, als Ihr specielles Eigenthum Aufnahme finden dürfte; einige Artikel, wo die Kurzsichtigkeit des Menschen scheiterte, als die Triumphgesänge über den 18. Fructidor, die Erwartungen von Mercier's »Neuem Paris« .. die allein, däucht mich, wären wegzulassen. Was denken Sie zu dieser Idee? und wenn Sie sie goutiren und ausführen können, bin ich Ihr Mann. Ihr ersticktes »Tagebuch« fände aufs neue einen Platz darin ..... Da Sie mit Ihren Anspielungen ein solcher Sphinx nun einmal sind, und es nur wenig Oedipe im Leservolke gibt, so dächte ich gar sehr: Sie behielten allerdings Ihre exegetische Tagebuchmethode, mit den angehängten Anmerkungen und Citaten, unten und hinter den Capiteln, selbst auf die Gefahr hin ein Pedant ein wenig zu erscheinen, bei .....
Cramer ging auf alle Wünsche seines Verlegers ein: die Veränderung des Titels und selbst die Weglassung der »_noms de guerre_«, obwol nur ungern, da er die Manie der Kriegsnamen nun einmal liebe und sie von jeher geliebt habe; er beruft sich deshalb auf das Beispiel von Lorenz Sterne (Yorik), Jung-Stilling und Jean Paul.
Es würde zu weit führen, auf den Inhalt der »Individualitäten« hier näher einzugehen, obwol dieselben viele interessante Beiträge zur Beurtheilung jener Zeit enthalten. Klopstock, Mirabeau, Grétry -- literarische, musikalische, Theaterzustände von Paris und Amsterdam -- feuilletonistische Plaudereien über die verschiedenartigsten Themata: dies der bunte Inhalt jenes wunderlichen Mitteldings zwischen Zeitschrift und Buch. Es ist nicht zu verwundern, daß die »Individualitäten« keine weitere Verbreitung und kein längeres Leben hatten: Cramer war trotz seiner unleugbaren Genialität nicht der geeignete Herausgeber, Amsterdam und Paris waren nicht die richtigen Ausgangspunkte einer für Deutschland bestimmten literarisch-politischen Zeitschrift. Die Absicht, die der Verleger damit verfolgte, hat er später -- im »Hermes« und im »Literarischen Wochenblatt« -- besser zu verwirklichen vermocht.
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Ein drittes journalistisches Unternehmen des jungen Verlegers neben der deutschen Monatsschrift und der holländischen Zeitung war, wie bereits erwähnt, eine französische Zeitschrift rein belletristischen Charakters: »_Le Conservateur. Journal de littérature, de sciences et de beaux-arts._« Dieselbe trat Anfang 1807 ins Leben, war also ebenfalls schon im Laufe des Jahres 1806, gleichzeitig mit den beiden andern Zeitschriften, vorbereitet worden. Sie erschien in Monatsheften von acht bis zehn Octavbogen, wovon je drei einen Band mit besonderm Titel bildeten, und war somit äußerlich wie auch innerlich ganz wie die großen französischen Revuen unserer Tage, z. B. die »_Revue des deux Mondes_«, angelegt. Die Zeitschrift bestand anderthalb Jahre lang, bis Mitte 1808, sodaß im ganzen sechs Bände davon erschienen sind. Nur zwei derselben, der dritte und vierte Band, liegen uns vor, die zugleich wenigstens ein Inhaltsverzeichniß der ersten beiden Bände enthalten, während weder ein Prospect noch ein Vorwort oder Schlußwort vorhanden ist.
Den Inhalt dieser Zeitschrift bildeten historische (namentlich zeitgeschichtliche), biographische, kunstgeschichtliche und literargeschichtliche Abhandlungen; ferner Erzählungen, Novellen und Gedichte; drittens Berichte über neue literarische Erscheinungen und über die Theater von Paris und Amsterdam; endlich kleinere Artikel über Verschiedenes, »_Variétés_« genannt.
Unter den Mitarbeitern, die fast stets mit ihren Namen unterzeichnet sind, befinden sich die besten französischen Schriftsteller jener Zeit, wie Bonald, Boufflers, Chateaubriand, Chénier, Ch. de Dalberg, Despréz, Dubois, Guingené, Lacretelle, Lebrun, Legouvé, Mercier, Bernardin de Saint-Pierre, Charles de Villers u. s. w.
Diesen Namen entsprechend ist der Inhalt der Zeitschrift ein sehr gediegener, und manche Abhandlungen haben bleibenden Werth. Natürlich beschäftigt sich die Mehrzahl der Artikel mit Frankreich; indeß hat diese Zeitschrift ebenfalls einen entschieden internationalen Charakter, indem sie auch England, in zweiter Linie Holland und am meisten Deutschland berücksichtigt. Fast in jedem Hefte finden sich Artikel aus oder über Deutschland. So bringt gleich das erste Heft einen Brief des Professor Erhard über eine Audienz der Deputirten der Universität Leipzig bei dem Kaiser Napoleon. In demselben Hefte beginnt Charles de Villers (der später in nähere Beziehungen zu Brockhaus trat) eine sich durch drei Hefte erstreckende Abhandlung über die wesentlich verschiedene Weise, wie die französischen und die deutschen Dichter die Liebe behandeln, wozu später noch ein Nachtrag kommt, der durch eine Tabelle erläutert wird. Ferner schreibt Charles de Dalberg, »_Prince-Primat de Germanie_«, über den Einfluß der schönen Künste auf das allgemeine Wohlbefinden. Später folgt eine Beschreibung der Düsseldorfer Galerie als Bruchstück einer noch nicht veröffentlichten Reise, ohne Namensnennung. Daran schließt sich der Abdruck einer von dem »_historiographe prussien_« Johannes von Müller am 20. Januar 1807 in der berliner Akademie gehaltenen Rede über den Ruhm Friedrich's des Großen. Im Aprilhefte von 1807 erschien auch zuerst der später als besondere Schrift gedruckte (und von uns noch näher zu erwähnende) Brief von Charles de Villers an die Gräfin Fanny von Beauharnais über die Ereignisse in Lübeck am 6. November 1806, der Villers viele Unannehmlichkeiten bereitete; er schildert darin offen die von seinen Landsleuten bei der Erstürmung Lübecks begangenen Greuel. Vielleicht als Gegengewicht gegen diesen Aufsatz ist in demselben Hefte eine von Villers angefertigte Uebersetzung der Rede enthalten, welche der bekannte Kirchenhistoriker Henke am 2. December 1806 zur Jahresfeier der Krönung des Kaisers Napoleon in der Universitätskirche zu Helmstedt hielt.
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Ehe wir uns den übrigen Verlagsunternehmungen von Brockhaus in dieser Zeit außer den drei journalistischen zuwenden, mögen noch zwei Briefe desselben an seinen Bruder Gottlieb einschaltet werden.
Der erste ist der schon oben erwähnte vom 25. Februar 1806, den er aus Anlaß der Geburt seines dritten Sohnes schrieb:
Hermann, lieber Bruder, so heißt das Schäflein, womit der Himmel unsere kleine Heerde wieder vermehrt hat. So hieß der Edelste der Deutschen! Wir müssen uns ja jetzt wohl an Namen halten! Wo sind jetzt Männer unter unserer Nation? Oder vielmehr unter unsern Fürsten? Würden wir sonst die Schmach kennen, die jetzt schwer beladen auf uns liegt? O der schändlichen Rolle Preußens! Freilich für die Menschheit ist es gut, daß Bonaparte mit seiner Herkuleskeule die Pinsel und Knaben mit einem Schlage dahingestreckt hat. Wie würde Deutschland von zahllosen, sich immer neu recrutirenden Armeen von Kosacken, Kalmucken, Kroaten, italienischen und französischen Völkern zerrissen, geplündert und zerfleischt worden sein, wenn die Vortheile der Armeen sich balancirt hätten und nicht Schläge wie die von Ulm und Austerlitz gefallen wären. Aber Deutschlands Ehre? -- sie ist zernichtet. Unnennbar groß ist aber Bonaparte geworden! Es ist wirklich fast kein Mensch, es ist ein Halbgott. Wäre er immer, was er zu zeiten ist, als Mensch, denn über ihn als Krieger und Regenten kann nur eine Stimme sein, wer würde ihn nicht unbedingt verehren, ja vor ihm niedersinken?
Verzeih diese Digression, zu dem der Name meines kleinen Hermann mich verleitet.
Hier folgt die früher abgedruckte Stelle über Cramer, dem er die Wahl dieses Namens verdanke. Darauf heißt es weiter:
Ueber die politische Lage unsers Landes circuliren tausend Gerüchte. Sehr fatal ist es, daß Schimmelpenninck so gut wie blind ist, -- und daß man wenig Wahrscheinlichkeit zur Besserung hat. Das gibt nun den besten Vorwand für ihn, sich zu entfernen, oder für die Franzosen, sich unsers Gouvernements zu bemächtigen. Man spricht von einem Könige von Batavien, das Louis, ein elender Mensch, sein würde, Ostfriesland soll mit unserem Lande vereinigt werden u. s. w., doch wer kann wissen? Daß Dortmund ebenfalls wieder unter andere Herrschaft kommen wird, ist auch wol sicher. Wol Darmstädtisch oder Braunschweigisch. Was denkt man bei Euch davon?
Mit unserer literarischen Entreprise geht es immer _crescendo_. Wir erhalten jetzt einen Factor aus Deutschland. Mit _medio_ März wird ein eigenes Haus dazu bezogen. Die Unternehmung kann eben so hochwichtig als sehr lucrativ werden. Mit dem 11. März fängt sie mit der Herausgabe einer Zeitschrift an, deren Wichtigkeit nicht berechnet werden kann, wenn sie einschlägt. Es ist dies eine politisch-literarisch-historische Zeitung, wie noch keine ....
Hier schließt der erste Briefbogen, der zweite ist leider nicht mehr vorhanden; die eigenen Aeußerungen von Brockhaus über den »_Ster_« wären von besonderm Interesse gewesen.
Der zweite Brief ist der von ihm unterm 25. August 1807 geschriebene, dessen auf sein Etablissement bezügliche wichtigste Stellen bereits mitgetheilt wurden, während der in anderer Beziehung interessante Anfang desselben hier folgen möge. Er schreibt:
Dein Brief war meiner guten vortrefflichen Sophie und mir am Donnerstag, als wir ihn erhielten, ein Fest der Erquickung, und bis spät in die Nacht unterhielten wir uns über euch, ihr Lieben, über Vergangenheit, Zukunft, und wie es einst noch werden möchte! und werden könnte! und werden mag. So sitzen wir alle Abend, einen wie den andern, da ich allein niemahlen für mich ausgehe, wenn ich Abends 8 oder 9 Uhr vom Comptoir abkomme, zusammen und verplaudern dann süße, dann bittere Stunden, je nachdem der Gegenstand heiter oder traurig ist. Wie ich mich so an diese Häuslichkeit habe gewöhnen können, daß es mir auch unmöglich ist, nur eine Stunde oder ein paar es anderwärts auszuhalten, ohne von Langeweile und Ueberdruß bis zum Aeußersten gefoltert zu werden; wie ich auch gar nicht mehr für diese Abendgesellschaften, wo es lustig und fidel hergeht, passe und eine recht alberne Figur darin spielen würde; wenn ich über diese wie so manche Veränderung nachdenke, so fühle ich freilich wohl, welch einen großen Theil daran die Begebenheiten meines stürmischen Lebens haben, allein in dieser Hinsicht kann ich die Resultate davon doch nicht anders als höchst beglückend finden. Dieses #innere# Leben! diese Veredlung unserer ehelichen Verhältnisse und Rückwirkung von da auf unser ganzes Gemüth, wodurch dieses etwas Hehres und Heiliges erhalten, hat wirklich etwas so Beseligendes, daß ich nicht wünschen kann, es möchte anders sein.
Unsere Bekanntschaften sind jetzt noch eingeschränkter als ehemals, und nur mit zweien Familien stehen wir auf einem wahren freundschaftlichen Fuß: die eine ist die unsers Arztes, eines vortrefflichen Mannes, der ein edles wackeres Weib hat; -- sie sind nie einen Augenblick an uns irre geworden und ihre Freundschaft und ihr Edelmuth hat alle Proben ausgehalten. Die andere ist eine wackere Künstlerfamilie: er ein Deutscher, sie eine Holländerin. Beide große Maler und sie wieder eine der liebenswürdigsten und gebildetesten Frauen, die ich kenne. Auch ihr zwölfjähriger Sohn ist schon großer Künstler. Alle drei: Vater, Mutter und Sohn, haben Baggesen gemalt, wie er hier war, und nach der Zeichnung der Mutter lassen wir jetzt einen Kupferstich machen. Sie wird auch Sophie und mich malen -- für dich, mein bester theuerster Bruder, Schwester, Vater. Harry wird Gustchen und Fritz malen, und das sollst du auch haben. Außer diesen beiden Familien, mit denen wir innigst verbunden sind, haben wir nur noch ein paar Bekanntschaften: wir sehnen uns aber auch nicht nach mehreren, da uns diese genug sind. Desto mehr lebe und webe ich dagegen im Briefwechsel mit mehreren auswärtigen Freunden, der eine zweite Würze meines Lebens ist: Baggesen ist der erste darunter, von Villers, der berühmte Verfasser des unsterblichen Werks über die Reformation, der zweite, Professor Fischer in Würzburg und mehrere andere schließen sich an sie an. So lebe ich.
Die in diesem Briefe erwähnten beiden Familien waren die des Arztes Nieuwenhuys und des Malers Jan Baptist Scheffer nebst seiner Gattin Cornelia, Aeltern des hier als zwölfjähriger Knabe erwähnten, später berühmt gewordenen Malers Ary Scheffer. Jan Baptist Scheffer war in Manheim geboren; er ging nach Holland, wurde zum Hofmaler des Königs Ludwig ernannt, starb aber schon 1809 in Amsterdam. Seine Gattin Cornelia, eine Holländerin, war ebenfalls Künstlerin und eine sehr anmuthige, auch literarisch gebildete Frau. Später zog sie mit ihren Söhnen Ary und Heinrich nach Paris und starb dort 1839. Ary Scheffer war am 10. Februar 1795 in Dordrecht geboren, kam dann mit seinen Aeltern nach Amsterdam und verließ dieses erst 1812, um sich in Paris weiter auszubilden; hier wirkte er bis zu seinem 1858 erfolgten Tode. In Amsterdam war er der Spielgefährte der ältesten Kinder von Brockhaus gewesen.
Die hier erwähnten Porträts scheinen leider nicht mehr vorhanden zu sein; über ihren Verbleib hat sich auch bei spätern durch Ary Scheffer selbst angestellten Nachforschungen nichts ermitteln lassen.
4.
Weitere Verlagsthätigkeit.
Gleich im Beginne seiner Verlegerlaufbahn entwickelte Brockhaus auch auf andern Gebieten der Literatur einen nicht minder regen, vielseitigen und für einen Anfänger kühnen Unternehmungsgeist als den eben geschilderten in der Herausgabe von Journalen.
Von Cramer verlegte er außer den »Individualitäten« zunächst noch Uebersetzungen von sechs Dramen der von diesem enthusiastisch verehrten und Shakspeare zur Seite gestellten englischen Dichterin Joanna Baillie (geb. 1762, gest. 1851). Sie erschienen noch 1806 unter dem von Cramer herrührenden Titel »Die Leidenschaften« in drei Theilen, deren jeder wieder einen ähnlichen charakterisirenden Titel führt: »Die Liebe«; »Der Haß«; »Der Ehrgeiz«, später (1808 und 1809) auch einzeln in sechs Separatausgaben unter ihren Originaltiteln.
Außerdem veröffentlichte er noch (1807 und 1808) Cramer's deutsche Bearbeitung der Werke des Engländers Pinkerton und des Franzosen Mercier über das damalige Paris unter dem Titel: »Ansichten der Hauptstadt des französischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an« (zwei Bände, jeder mit einem Titelkupfer), von Cramer durch eigene Beiträge vervollständigt. Die Idee zu diesem Werke scheint von Brockhaus ausgegangen zu sein; Cramer sagt darüber in dem Vorberichte:
Mein Freund Wilibald, Pflegevater meiner »Individualitäten«, glaubte daher (und vielleicht nicht mit Unrecht), daß dieses Gemälde eines Engländers (Pinkerton) ... eines deutschen Kupferstichs nicht unwerth ... Er trug mir dieses Geschäft auf ... bat mich endlich sogar, von dem Meinigen noch hinzuzuthun und Pinkerton's Gemälde mit einigen (wie ich es für gut finden würde) Verzierungen oder _hors d'oeuvres_ zu vermehren. Wenn ich (wünschte er weiter) den ersten großen Vorläufer aller dieser Maler -- »_notre maître à nous tous!_« -- Mercier, dazu bewegen könnte, mir sein Atelier zu öffnen ... so (meinte er) würde diese Vereinbarung eines Engelländers, Deutschen und Franzosen eine vielleicht nicht unpikante Sache sein, und an jener ursprünglich hauptsächlich britischen Zeichnung wenigstens nichts verderben.
Neben Cramer war Jens Baggesen, der bekannte dänische Dichter, der gleichzeitig auch in deutscher Sprache schrieb (geb. 15. Februar 1764 zu Korsör, gest. 3. October 1826 zu Hamburg), einer der ersten Schriftsteller, mit denen Brockhaus in geschäftliche und freundschaftliche Verbindung trat. Er schloß mit Baggesen schon am 17. Juni 1806 in Amsterdam, wo dieser damals zum Besuche war, einen Contract über eine neue umgearbeitete Auflage seines idyllischen Epos »Parthenais oder Die Alpenreise«, die 1808 erschien, und wenig Tage darauf (21. Juni) über eine Sammlung seiner Briefe, die aber erst 25 Jahre später (1831), als beide Contrahenten gestorben waren, herausgegeben wurde. Im folgenden Jahre (16. Juli 1807) wurde dann ein neuer Contract über Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die fast gleichzeitig mit der »Parthenais« (auch 1808) unter dem Titel: »Heideblumen. Vom Verfasser der Parthenais. Nebst einigen Proben der Oceania«, erschienen. Von der »Parthenais« verlegte er außerdem eine französische Uebersetzung in Prosa, von dem bekannten Gelehrten Fauriel gefertigt; hieran knüpfte sich eine längere Correspondenz zwischen Brockhaus und Fauriel über das durch Baggesen's Schuld vielfach getrübte Verhältniß zwischen diesem und Brockhaus, worüber wir weiter unten Näheres mittheilen.
Allein nicht blos journalistische und poetische Werke waren es, mit denen sich der junge Verleger beschäftigte; er wagte sich sofort auch an strengwissenschaftliche Werke größern Umfangs, deren Verlag zu allen Zeiten mit Opfern verbunden zu sein pflegt.
Schon 1807 erschien in seinem Verlage der erste starke Band einer lateinisch geschriebenen Geschichte der Botanik von dem gelehrten Arzt und Botaniker Kurt Sprengel in Halle: »_Historia rei herbariae_«, und im nächsten Jahre folgte der zweite Band; eine deutsche Bearbeitung desselben Werkes unter dem Titel: »Geschichte der Botanik«, erschien erst 1817-18 in seinem Verlage.
Fast gleichzeitig begann er ein noch umfangreicheres Werk desselben Verfassers zu verlegen: »_Institutiones medicae_«, in sechs Bänden, wovon der erste 1809 ausgegeben wurde, während die übrigen Bände in den Jahren 1810, 1813, 1814 und 1816, in einer für den Verleger theils seiner persönlichen, theils der politischen Verhältnisse wegen sehr schwierigen Zeit, erschienen. Indeß wurde bei diesem Werke sein Muth belohnt, indem er bereits wenige Jahre nach der Vollendung (1819) eine zweite vermehrte und verbesserte Auflage desselben veranstalten konnte.
Ein drittes wissenschaftliches Verlagswerk, das er gleich im Anfange seiner Verlegerthätigkeit übernahm, war die berühmte Naturgeschichte der Eingeweidewürmer von dem greifswalder (später berliner) Professor Karl Asmund Rudolphi (aus Stockholm); sie erschien unter dem Titel: »_Entozoorum sive vermium intestinalium historia naturalis_« (2 Bände, Band 2 in 2 Abtheilungen, 1808-10, mit 12 Kupfertafeln).
Ein viertes ebenfalls naturwissenschaftliches Werk, das er indeß wahrscheinlich nur als Commissionsartikel übernahm (auf dem Titel sind die Gebrüder van Cleef im Haag als Verleger genannt, während Heinsius' »Bücher-Lexikon« das Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam als solche bezeichnet) ist das Werk des bekannten französischen Botanikers Brisseau-Mirbel (damals im Haag, später in Paris) über eine Theorie des Gewächsbaues, mit französischem und deutschem Titel, herausgegeben von dem holländischen Dichter Bilderdijk, der sich vielfach auch mit naturwissenschaftlichen Studien beschäftigte. Eigenthümlicherweise ist der Text des Werks gleichzeitig französisch (links) und deutsch (rechts), während die Widmung an den König von Holland, die Vorrede Bilderdijk's und die ausführlichen Noten blos französisch sind. Bilderdijk entschuldigt sich in der Vorrede, daß er, in Amsterdam geboren, weder das Französische wie ein Pariser, noch das Deutsche wie ein »Sachse« schreibe; hiernach scheint auch die deutsche Uebersetzung von dem holländischen Dichter herzurühren.
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