Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil

Part 7

Chapter 73,370 wordsPublic domain

Am 29. April 1805 war die Verfassung der Batavischen Republik auf Napoleon's Wunsch zum dritten male umgeändert und der Patriot Rütger Jan Schimmelpenninck, in dem er ein gefügiges Werkzeug für seine Plane zu finden hoffte, als Groß- oder Rathspensionär (unter Erneuerung dieses alten holländischen Staatsamtes) mit fast unbeschränkter königlicher Macht an die Spitze derselben gestellt worden. Schimmelpenninck benutzte seine Stellung aufs beste, um die durch Gebietsabtretungen an Frankreich und England geschwächte und finanziell zerrüttete Republik wieder zu heben. Doch gelang ihm dies nur zum kleinsten Theile, während er dadurch Napoleon's Mistrauen erweckte. Als sich bald darauf ein Augenübel Schimmelpenninck's so verschlimmerte, daß dieser fast ganz erblindete, benutzte Napoleon diesen Umstand, um den ihm jetzt gefährlich erscheinenden Patrioten zu beseitigen und mit seinem langgehegten Plane offen hervorzutreten. Er schlug vor, seinen Bruder Ludwig Bonaparte zum König von Holland zu wählen. Vergebens bemühte sich Schimmelpenninck, diesem gewaltsamen Aufdrängen eines Fremdlings entgegenzuwirken; Napoleon's Wunsch war damals so gut wie ein Befehl, und am 5. Juni 1806 wurde sein Bruder zum König von Holland ausgerufen, die Batavische Republik war todt. Das Königreich Holland von Napoleon's Gnaden hatte freilich auch keinen langen Bestand: die neuen Unglücksfälle, die das Land trafen, veranlaßten den König schon am 1. Juli 1810 die Krone zu Gunsten seines ältesten Sohnes (des ältern Bruders Napoleon's III.) niederzulegen, doch Napoleon erkannte dies nicht an; ein Decret vom 9. Juli 1810 vereinigte das Königreich Holland mit dem französischen Kaiserreiche, und erst im Herbste 1813 wurde durch die Schlacht bei Leipzig auch Hollands staatliche Selbständigkeit wiederhergestellt.

Wir mußten an diese geschichtlichen Daten erinnern, weil durch sie die Haltung und das Schicksal der jungen Zeitschrift erklärt wird. Als »_De Ster_« am 11. März 1806 zu erscheinen begann, bestand die Batavische Republik noch, und die Zeitschrift wirkte im Sinne des mit Brockhaus persönlich befreundeten Großpensionärs Schimmelpenninck. Indeß schon in ihrer Nummer 37 vom 3. Juni hat sie die Umwandlung der Republik in ein Königreich zu melden; in der zweitfolgenden Nummer 39 vom 7. Juni muß sie erklären, daß sie »auf Wunsch der Herren Magistratspersonen der Stadt Amsterdam« nicht fortfahren kann, »betrachtende Artikel, den gegenwärtigen Zustand unsers Vaterlandes betreffend«, aufzunehmen; die nächste Nummer aber, Nr. 40 vom 10. Juni, ist zugleich die letzte: »_De Ster_« war durch königlichen Befehl vom 9. Juni unterdrückt worden! Gründe dieses Verbots sind in dem betreffenden Decrete nicht angegeben; sie lagen wol darin, daß die neuen Machthaber überhaupt kein politisches Blatt dulden wollten, das nicht ganz ihren Absichten huldigte.

Trotz dieses Schlags verlor übrigens Brockhaus den Muth nicht; er gründete sofort ein neues Blatt unter dem Titel »_Amsterdamsch Avond-Journal_« oder vielmehr er änderte nur den bisherigen Titel »_De Ster_« in jenen um, denn das neue Blatt gleicht dem alten vollständig, sowol äußerlich wie innerlich, und tritt selbst so offen als unmittelbare Fortsetzung desselben auf, daß Nr. 2 den Schluß eines in der letzten Nummer des »_Ster_« begonnenen Artikels bringt! In der vom 19. Juni (also nur neun Tage nach dem Erscheinen der letzten Nummer des »_Ster_«) datirten Nr. 1 ist ein Auszug aus einem königlichen Decrete vom 16. Juni abgedruckt, worin die Erlaubniß zu dem neuen Blatte ertheilt ist. Dieses hielt sich indeß noch weniger lange als das frühere; es erschienen davon nur zwanzig Nummern, die letzte am 2. August, ohne daß über den Grund seines Aufhörens etwas mitgetheilt ist.

Einige Aeußerungen Cramer's (in seinen »Individualitäten«) über den »_Ster_« mögen als die einzige uns bekannte öffentliche Besprechung und zur Charakterisirung der Zeitschrift wie ihres Begründers hier folgen.

Cramer schreibt aus Amsterdam vom 17. Februar 1806:

Es werden noch manche Sterne aufgehen, denke ich, am hiesigen sowie an allen Horizonten der Welt. Einer, an dem ich einen so lebhaften Antheil nehme, als hätte ich ihn selber hervorgerufen aus dem Nichts, ist der, den uns unser Freund Wilibald[20] gleich in seinem ersten Briefe an mich angekündigt hat, und womit er jetzo in voller Arbeit begriffen ist. Die Zeitung, die er so nach einem bereits in Engelland funkelnden benennt, aber die durchaus nicht ganz politisch sein soll, scheint nun, nach den vorläufigen unvermeidlichen Geburtswehen, ihrem ans Lichttreten ziemlich nah. Welch schönes Feld hat er darin, in Gemeinschaft mit so vielen der besten hiesigen Geister, die daran theilnehmen werden, für Wirkung auf Wissenschaft und Geschmack in all den mannichfaltigen Aesten und Zweigen des großen Baums der Erkenntniß Gutes und Böses vor sich! Es ist ein völlig jungfräulicher Boden; von keinem -- zu meinem großen Verwundern! bisher in den sieben Provinzen urbar gemacht; eine Idee, um die man beneiden ihn muß. Ich will nicht sagen, daß sie unter den andern _Couranten_ von Amsterdam, Rotterdam, Haag schimmern wird, »wie unter den Sternen der Mond«; -- denn diese haben gar keinen Glanz; geben nichts als die magerste politische Kost, ohne jemals ein Fünkchen Raisonnement, in einem Schwall der tädiösesten Edictalcitationen, Tod- und Geburtannoncen, Nachrichten angekommener Schiffer, oder Gewürzkrämer- und anderer Notizen ersäuft, größtentheils auf schändlichem Papier mit noch schändlicher stumpfen Lettern gedruckt .... sie wird durch ihren Inhalt für denkende, gebildete Leser, für jeden Erkenntnißbegierigen ein Komet, ein wahres Phänomen von neuem Weltkörper sein. Alle möglichen literarischen auswärtigen Mittel, außer vielen inländischen, stehen ihm, der ein Kaufmann aus unsers Sieveking's Kategorie ist, zu Gebot; und da er im Kopfe den Zeug, aus Allem die Quintessenz zu wählen, besitzt, wird es sehr leicht für ihn werden, daß er an Interesse die »Freymüthigen«, die »Eleganten Zeitungen«, die »Auroren«, »Sphinxe«, und was weiß ich, wie sie alle heißen? so weit übertreffe, als der wieder aufgeweckte brüsselsche »_Esprit des Journaux_« nach dem ich unter allen Tag- und Monatsschriften in Paris am happigsten greife, die einzelnen Journale, aus denen ihn der Verfasser distillirt. Ueber die Organisation und Nativitätstellung dieses Sterns haben wir uns in den vergangenen Wochen fast tagtäglich unterredt; und uns gestern noch mit Bestimmung des emblematischen Druckerstockes dazu amüsirt. Einer aus Gille's Carte hat uns dazu zum Muster gedient, mit den gehörigen Veränderungen jedoch; so daß der blitzführende Adler unten in den siebenpfeiletragenden Löwen, und die Kaiserkrone in den batavischen Freiheitshut umgewandelt worden ist; zur Seite ein Eichen- und Lorbeerzweig, das Schöne zum Ernsten! -- dessen Kreis der Stern denn durchstrahlt. Sobald was davon dem Telescop oder Auge sichtbar werden wird, gebe ich Dir weitere Nachricht.

Diese Nachricht findet sich in einem Briefe Cramer's vom 30. März, ebenfalls aus Amsterdam:

Als ich aus dem Ballet wieder zu Wilibald kam, fand ich seinen Landsmann, den Kaufmann Mallinckrodt aus Arnheim[21], noch bei ihm, einen vortrefflichen Gesellschafter und humanen Mann ..... Vom »Sterne« hat er eben noch die ersten drei oder vier Blätter gesehen und einstecken gekonnt, die mit sehr piquanter Speise angefüllt sind; auf den ersten Netzwurf hat Wilibald doch gleich so viel Abonnenten gehabt, daß die Kosten gedeckt sind durch den Fang, und Tag vor Tag laufen der Schäflein mehr in die Hürden ein. Es stehen leckere politische, ästhetische, mercantilische Artikel drin; jedem Fremden, der holländisch mit Vergnügen lernen will, gibt der »Stern« die empfehlungswürdigste Uebungschrestomathie ab; schon erste der hiesigen Köpfe arbeiten daran (z. E. eine Kritik der Aufführung des Trauerspiels »Tancred«), es wird also eine Elite wahrscheinlich von Sprache, ein Schatz werden für das Lexikon und den Stil der Nation. Im vierten Stücke steht eine treffliche Uebersetzung von Sturzens Reise nach dem Deister, depaysirt, und hier nach Soesdyk hinversetzt; auch kömmt die hiesige Plantage darin vor. Ich denke: es wird den amsterdammer Damen gefallen, das Stück; und warum nicht den Rotterdammerinnen Haagerinnen, Delfterinnen, Gröningerinnen &c. auch? Giebt es Eine, in welcher Stadt auf der Erde es sei, der dies Schalksstück nicht aus dem Herzen und dem Wandel wie abgeschrieben gleichsam ist?

Cramer's schon mehrfach erwähnte »Individualitäten« waren das zweite journalistische Unternehmen des jungen Verlegers, ein deutsches neben dem holländischen »_Ster_« und dem französischen »_Conservateur_«. Denn wenn es uns auch nur in Buchform vorliegt, in vier Bändchen, die »Hefte« genannt sind, so zeigt doch die ganze innere und äußere Einrichtung (die Eintheilung in einzelne Abschnitte und Briefe mit fortlaufenden Daten, vom 2. August 1805 bis 26. September 1806) den journalistischen Charakter. Noch mehr geht dies aus dem am 15. März 1806 zwischen Brockhaus und Cramer darüber abgeschlossenen Verlagscontracte hervor. Danach handelte es sich um den in »freien Heften« herauszugebenden »ersten Jahrgang« eines Werks unter dem Titel: »Individualitäten aus und über Paris von Karl Friedrich Cramer und seinen Freunden.« Dieser erste Jahrgang sollte in zwölf Heften (die also wol als Monatshefte gedacht waren), jedes zu zwölf Bogen erscheinen; je drei Hefte sollten gleichzeitig einen zweiten Titel erhalten und dadurch als neue Theile des in den Jahren 1792-97 in Altona und Leipzig von Cramer herausgegebenen »Menschlichen Leben« bezeichnet werden. Das Werk sollte in Leipzig in der Breitkopf'schen Druckerei gedruckt werden und jedes Heft die Handschrift eines Gelehrten u. s. w. in einem Facsimile bringen, dessen Platte in Paris unter Cramer's Leitung zu stechen wäre. Ueber eine Fortsetzung des Werks in einem zweiten, dritten u. s. w. Jahrgange sollte neue Verständigung stattfinden. Also der Verleger in Amsterdam, der Redacteur in Paris, der Drucker in Leipzig, monatlich 12 Bogen (jährlich 144!), dazu artistische Beilagen und ein für damalige Zeiten und ein derartiges Monatsjournal ansehnliches Honorar (24 resp. 30 Francs für den Bogen klein Octav) -- jedenfalls ein kühnes Unternehmen für einen angehenden deutschen Verleger im Auslande! Die Ausführung entsprach denn auch nur theilweise diesem Vorhaben: statt zwölf Heften erschienen nur vier (wenn auch meist mehr als zwölf Bogen enthaltend und jedes mit einem Facsimile) im Laufe von dreiviertel Jahren. Der Gehalt der Zeitschrift war indeß ein werthvoller, der ein etwas näheres Eingehen verdient, zumal darin auch einige biographische Mittheilungen über Brockhaus enthalten sind und der Herausgeber seinem Verleger persönlich nahetrat.

Vor allem müssen wir den Herausgeber selbst näher kennen lernen. Karl Friedlich Cramer war eine eigenthümliche Natur, in vieler Hinsicht der von Brockhaus ähnlich und diesen deshalb anziehend, wie Brockhaus in seinem ersten Briefe an ihn (vgl. S. 61 fg.) selbst schildert. Am 7. März 1752 in Quedlinburg geboren, wo sein Vater, der verdiente Kanzelredner Johann Andreas Cramer (auch als religiöser Dichter und Biograph Gellert's bekannt), damals Oberhofprediger war, kam er mit diesem noch als Kind nach Kopenhagen, dann nach Lübeck und Kiel. Er studirte in Göttingen, wo er Anfang 1773 in den Göttinger Dichterbund aufgenommen wurde, und lebte seitdem in Kiel, wo er erst Privatdocent, 1775 außerordentlicher und 1780 ordentlicher Professor der griechischen Sprache, der orientalischen Sprachen und der Homiletik an der Universität wurde. Als ein leidenschaftlicher Anhänger der Französischen Revolution wurde er 1794 seines Amtes entsetzt und selbst aus Kiel verwiesen. Den nächsten Anlaß dazu scheint er dadurch gegeben zu haben, daß er den bekannten französischen Revolutionsmann Péthion (der erst Jakobiner, dann Girondist war, als Royalist verdächtigt aus Paris entfloh und im Juli 1793 in der Gegend von Bordeaux todt aufgefunden wurde) in einer Ankündigung der Uebersetzung von dessen Werken einen Mann von »menschenfreundlichstem Geiste«, »einen Märtyrer seiner Rechtschaffenheit« genannt hatte! Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg ging er 1795 nach Paris und errichtete dort eine Buchhandlung und Buchdruckerei, scheint damit aber schlechte Geschäfte gemacht und dabei sein ganzes Vermögen eingebüßt zu haben. Eine Zeit lang war er deshalb genöthigt, sich aus Paris zu entfernen. Er wendete sich nun wieder literarischen Arbeiten zu und starb in Paris am 8. December 1807.

Cramer war ein fruchtbarer, talentvoller und kenntnißreicher Schriftsteller, der lange Zeit auch großes Ansehen genoß, aber excentrisch und von einem Hang zum Sonderbaren beherrscht. Anfangs concentrirte sich seine literarische Thätigkeit um seinen fast 30 Jahre ältern Landsmann Klopstock (geb. 2. Juli 1724 in Quedlinburg), der mit Cramer's Vater befreundet war und z. B. 1754 dessen Berufung nach Kopenhagen veranlaßt hatte, nachdem dieser selbst 1751 auf Graf Bernstorff's Veranlassung dorthin gegangen war. Auch war der Göttinger Dichterbund, dem Cramer angehörte, der Mittelpunkt der damaligen begeisterten Verehrung Klopstock's. Cramer schrieb in den Jahren 1777-92 zwei große Werke über Klopstock, das eine aus zwei, das andere aus fünf Bänden bestehend, und übersetzte unter anderm dessen »Hermannsschlacht« ins Französische. Daß Klopstock auch seinerseits viel auf Cramer hielt, geht schon daraus hervor, daß er eine seiner schönsten Oden an ihn richtete; es ist die 1790 gedichtete Ode »An Cramer, den Franken«, in der er das französische Volk vor neuen Ueberschreitungen warnt, zugleich aber die Fürsten mahnt, sich durch das Gespenst des untergegangenen Königthums warnen zu lassen. Ein zweites Stadium der Schriftstellerlaufbahn Cramer's bildet das bereits erwähnte Werk »Menschliches Leben«, ein drittes umfaßt drei von ihm in Paris geschriebene Werke: ein »Tagebuch aus Paris« (2 Bände, Paris 1800), die »Individualitäten aus und über Paris« und ein gleichfalls von Brockhaus verlegtes Buch »Ansichten der Hauptstadt des französischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an. Von Pinkerton, Mercier und C. F. Cramer« (2 Bände, 1807-8), außerdem ein Wörterbuch der deutschen und französischen Sprache (2 Bände, Braunschweig und Paris 1805) und zahlreiche Uebersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche und umgekehrt, auch aus dem Dänischen, sowie Artikel in französischen und deutschen Journalen.

Brockhaus trat mit Cramer erst im Herbst 1805 in Beziehungen, indem er am 17. October jenen Brief an ihn richtete, in welchem er ihm seine Verehrung aussprach und mehrere literarische Anträge stellte. Ihre Verbindung dauerte gerade nur zwei Jahre, da Cramer, wie eben erwähnt, am 8. December 1807 starb, war aber in dieser kurzen Zeit eine sehr freundschaftliche und selbst innige. Cramer antwortete auf den erwähnten Brief sofort am 24. October, sichtlich erfreut über die warme Begrüßung (seine Antwort folgt weiter unten) und es entspann sich daraus ein lebhafter Briefwechsel, ja Cramer kam im Februar des nächsten Jahres nach Amsterdam und blieb dort drei Monate, in täglichem geschäftlichen und persönlichen Verkehr mit Brockhaus. Als diesem am 28. Januar dieses Jahres (1806) der dritte Sohn geboren war, gab er ihm auf Cramer's Rath den Namen Hermann. Er schreibt darüber unterm 25. Februar folgende Worte an seinen Bruder Gottlieb, die am besten das Verhältniß zwischen ihm und Cramer charakterisiren:

Die Wahl dieses Namens machte mein Freund, der Professor Cramer aus Paris, der sich seit einigen Wochen hier aufhält und während seines hiesigen Aufenthalts unser unzertrennlicher Gesellschafter ist, da vielleicht keine zwei Menschen auf der Erde existiren, die eine größere Aehnlichkeit in ihren Neigungen, in ihrem Geschmacke und in ihren Ansichten der Welt zusammen haben, als wir Beide. Er ist überhaupt einer der interessantesten Menschen, die ich kenne, und ich rechne die Wochen, die ich mit ihm verlebt, zu den glücklichsten meines Lebens.

Cramer äußert sich seinerseits mehrfach in ähnlicher Weise über Brockhaus. So schreibt er aus Amsterdam unterm 30. März 1806 in den »Individualitäten«:

Fast alle meine Abende, wenn mir nicht gar zu arg von Morpheus zugesetzt wird, bring' ich bei unserm Freund Wilibald zu und seinem lieben Weibe, die an schöner deutscher Häuslichkeit, Gutheit, Freundlichkeit und Verstand zu meinen Idealen gehört; ich glaube mich manchmal in Eutin bei Vossen wieder zu sehen, dessen Ernestine sie sehr gleicht. Bei Erdäpfeln, fast noch nationaler hier, als die Canäle und Alexandriner sind, und die ich gebraten (_à l'italienne_) sehr gern mag, Fischen und trefflichem Beaunewein schwatzen wir oft bis tief in die Nächte hinein, schlummern dann und wann auch an der Torfglut des englischen Camins ein Duettchen zusammen; ich habe bei meiner Modehändlerin, Madame Müller, bei der ich, zehn Schritt ab von seinem Hause, mich einquartirt, meine Zerstreutheit so in Credit zu setzen gewußt, daß sie mir den Schlüssel zu ihrer Boutique anvertraut und ich in der Kunst, sie mit einer eisernen Stange wieder zu schließen, von ihr unterrichtet worden bin; so schlüpfe ich denn manchmal des Nachts um 12 oder 1 erst wieder zu mir herein.

Das obige schöne Wort über Brockhaus' Frau verdient um so mehr mitgetheilt zu werden, als uns über dieselbe sonst leider sehr wenig bekannt ist. Später richtet Cramer einmal einen (im vierten Hefte der »Individualitäten« abgedruckten) Brief »An Sophie« statt »an Ihren unmusikalischen Mann«, weil er über den Componisten Grétry spricht, und fügt hinzu:

Indem ich dies Stück Tagebuch schreibe, kömmt es mir vor als säße ich bei Ihnen und läse Ihnen daraus, indem Sie die Fliegen von der Wiege Ihres kleinen Hermann's verscheuchen ... ach! welch ein Name für mein Herz.

Brockhaus ließ in dieser Zeit auch das Porträt Cramer's für sich malen (wahrscheinlich von dem ihm befreundeten Scheffer, dem Vater Ary Scheffer's), und trennte sich später nur schwer davon, um es Cramer's Witwe zu schenken.

Cramer's früher schon erwähnte Antwort an Brockhaus, datirt Paris 2. Brumaire XIV (24. October 1805), lautet:

Seit langer Zeit ist mir kein lieber Brief zugekommen, der mir so viel Freude gemacht, als der Ihrige; Freund Kühnwille! der Sie sind. Wie sachte es einem so vielfach angefeindeten, gescheuchten, so oft vorschnell verurtheilten Ismael thut, wenn er in den arabischen Syrten auf einen Esau-Kühnwille trifft, einerlei zottigen Haares mit ihm; davon hat nur ein Wüstenbewohner Begriff. Eng verbündet er sich und willig mit ihm, der ihm so frank seine Gleichförmigkeit enthüllt; so viel Edles von jugendlichem Antheil ihm sagt; ihn kennt und erkennt; wie eng und wie gern, dazu schenken Sie ihm der Worte Weitläufigkeit wohl. Er fühlt es, daß seine Seele mit der Ihrigen gebrochen ward aus einerlei Gestein. Also kurz und bündig, wie er's izt kann, in dieser herben und schnöden Zeit, zur Sache. Er nimmt die ihm vorgelegten Materien sogleich Punktweise vor ....

Wegen Ihres dritten Gedankens, mein weitaussehender Herr: _alors comme alors_! Kömmt Zeit, kömmt auch Rath! Ich gehe mithin sogleich an Ihren vierten Punkt, der die Uebernehmung der Fortsetzung meines Tagebuches betrifft. Hätt' ich doch niemals geglaubt, ich Strauß, der seine Eier sogleich, wie er sie gelegt, im Sande vergißt, daß jenes seit acht Jahren verscharrte ausgebrütet worden sei; und ein klein Sträußchen geworden, das sich bis zu Ihnen nach Amsterdam hin verirrt! Ich wenigstens habe von keinem Menschen, über Aufnahme oder Nichtaufnahme davon (außer von Klopstock, der mir mit meinem »Marcus Sextus« darin seine vollste Zufriedenheit bezeugt) auch nur ein Sylbchen gehört. Es ward, da ich mich in Frankreich nicht mehr mit deutschem Verlage befassen gewollt, und August Campe mir dazu seine »Vermittlerschaft« versagt, von ihm wider meinen Wunsch an Kaven vertraut; bei dessen plötzlichem Hinschied auf einem Dorfe zwischen Hamburg und Lüneburg, es in seine Masse, dann justizmäßig in die Gläubigerklauen gerieth; so daß mir auch kein einziger kupferner Sechsling Billons nur dafür ward. Nun -- da mich denn neulich von Ohngefähr, bei Gelegenheit Raynouard's, der Fortsetzungskitzel dazu stach, und Ihre Sympathie nebst Kühnwillen Sie hinreizt, zu meiner »rhapsodischen kühnen Manier« -- wohlan, so seien Sie vor allen Andern dazu denn mein .. Mann. An Stoff, in meiner und meines Vaters Correspondenz, die gar manche Artikel von Ersten Nahmen aus unserm und andern Vaterlanden enthält, und meinem Umherblick auf den Wüsten und Aeckern der Menschheit, fehlt es mir eben nicht; unser Babylon hier reichte mir deren allein schon genug. Ich brauche gegen Sie, der sich auf _Dotem_ und Nicht-_Dotem Libellorum_ versteht, keiner weitläufigen Verständigung deshalb. Die »Individualitäten« werden ohngefähr geben, was mein »Menschliches Leben«, und jenes vergessene Ei, das von jenem den zwanzigsten Theil füllt, enthielt; und da es, Ihrem Wunsche gemäß, zu einer Art von periodischen _Salmi_ (aber um Gotteswillen, in freien Heften! denken Sie ans .. Mühlenpferd!) gedeiht, gleich den »Sphinxen«, »Auroren«, »Freymüthigen«, »Eleganten« u. s. w., deren jedes »_Pages_« (siehe Diderot) und einige Quadersteine, nebst vielen Sandbröckeln, Moëllons, und Kalkausfüllseln, euch gibt; nicht bloß wilde Tellow-Ismaelitische Aufsätze reichen, im stricten und strictissimen Verstand, sondern auch, als Schnabelweide für die »Million«, eßbarere Hausmannskost, wie sie seit einigen Jahren, für den allgemeinen Gaumen der Neugier, in den »Miscellen«, »Politischen Annalen«, u. s. w. regelrechterer Art, und nicht ganz mit Verschmähung abseiten des Leservolks, gargekocht, zurechtgestutzt und aufgetischt worden sind. Ihr neuer Titel: »Individualitäten« bestimmt ihren .. Tadel und ihren Zweck; sie werden von Ismael Abdallah, der auch Artikel darin macht, herausgegeben und commentirt .. Die Tendenz dieser .. Kriegsnahmen ist Ihnen aus meinem »Tagebuche« bekannt.

Die Sosiasbedingungen dabei anlangend denn nun .... Ich erwarte über diese, mit der nächsten Post, Wilibald's #Ja# oder #Nein#: -- (»Euer Ja sei Ja! und Euer Nein sei Nein!«) .. vielleicht schreibe ich Ihnen alsdann auch noch über ein andres Werk, das mich seit Jahr und Tag in poetischer und prosaischer Zweisprache beschäftiget; und das, von manchen Bauleuten verworfen bisher, zum Ecksteine Ihres jungen Buchhandels vielleicht wird. Dieser Marmor ist -- wunderbar genug! von einem .. Weibe in England, aus dem schönsten parischen Bruche gehaun .. ich ciselire für Deutschland nur ein wenig daran; gelt, Sie haben wie jeder Andre, der nicht etwa der Berlepsch »Caledonia« las .. niemals etwas von .. Joanna Baillie gehört? Solch wunderbar Unbekanntbleiben, selbst in unserer alles Ausländische verschlingenden Lesenation, muß jeden Unbekannten für ein ähnlich Schicksal trösten darin. Für heute soviel genug, und .. Allah's heiligem und würdigem Schutze befohlen hiermit! ..

Brockhaus erwiderte sofort mit folgendem Briefe, datirt Amsterdam, 7. November 1805: