Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil

Part 19

Chapter 193,423 wordsPublic domain

Am folgenden Tage bittet er ihn, in Amsterdam Niemand zu sagen, daß er in Leipzig sei, sondern etwa, er wohne in Weimar oder Dresden. Damit stimmt überein, wenn er ihn kurze Zeit darauf veranlaßt, in die amsterdamer Blätter folgende Anzeige zu setzen:

Die jetzigen Zeitumstände und meine bekanntlich veränderten häuslichen Verhältnisse bewegen mich, vor der Hand nicht persönlich nach Amsterdam zurückzukehren. Indem ich meinen Freunden und Bekannten hiervon Nachricht gebe, ersuche ich Diejenigen, welche noch etwa Forderungen an mich haben möchten, solche Herrn N. N. aufzugeben, durch welchen sie, wenn solche richtig, auch baldigst ihre Bezahlung erhalten werden.

Weimar. Friedrich Arnold Brockhaus.

Als Bevollmächtigter soll ein amsterdamer Advocat, den Bornträger unter mehrern ihm vorgeschlagenen auszuwählen hat, genannt werden; gleichzeitig soll Bornträger an alle Correspondenten des Geschäfts, damit diese und das Publikum nicht glauben, als ob das Geschäft ganz aufhören werde, ein Circular etwa folgenden Inhalts richten:

Amsterdam, .....

Herr Brockhaus, der seither unser hiesiges Sortimentsgeschäft dirigirt hat, wird sich in Zukunft unserm Verlagsgeschäfte in Deutschland widmen. Um Misverständnissen hierüber vorzubeugen, zeigen wir hiermit an, daß hierdurch nicht die geringste Veränderung in unserm hiesigen Geschäfte entstehen, sondern dasselbe mit der nämlichen Thätigkeit wie seithero unter der Direction von dem Mitunterzeichneten, Friedrich Bornträger genannt Schmidt, wird fortgesetzt werden.

Friedrich Bornträger genannt Schmidt wird unterzeichnen: Kunst- und Industrie-Comptoir. Kunst- und Industrie-Comptoir. Friedrich Schmidt.

Auffallend ist in diesen Veröffentlichungen, daß Bornträger's früher so streng gehütete Pseudonymität auf einmal aufgegeben wird, und ferner, daß Brockhaus Weimar statt Leipzig als seinen Aufenthaltsort angibt. Letzteres hatte wol darin seinen Grund, daß er sich vor persönlichen Behelligungen infolge der vorher erwähnten Processe schützen wollte. Uebrigens war er auch noch nicht fest entschlossen, in Leipzig zu bleiben; er schwankte zwischen mehrern Orten und schreibt in dieser Zeit einmal an Bornträger: er wolle nächstens nach Berlin reisen, und es sei auch gar nicht unwahrscheinlich, daß er sich vielleicht dort ganz fixiren werde.

* * * * *

Brockhaus war seit Bornträger's Abreise aus Leipzig unablässig bemüht, Klarheit in seine Verhältnisse zu bringen und vor allem über den Stand des amsterdamer Geschäfts klar zu werden. Bornträger widmete sich zwar der ihm übertragenen schweren Aufgabe mit vollem Eifer, vermochte sie aber doch nicht vollständig zu lösen. Die ihm von Brockhaus übersandte Cessionsurkunde trug er Bedenken zu unterzeichnen, obwol ihm sein Principal wiederholt versicherte, daß dies ungefährlich sei und Niemand dadurch benachtheiligt werde. Auch war der bisherige zweite Gehülfe in Amsterdam, Krieger, von Bornträger bald nach seiner Rückkehr in Brockhaus' Auftrage entlassen worden, da er seit des Letztern Abreise von Amsterdam die dortigen Geschäfte durchaus nicht zu dessen Zufriedenheit besorgt hatte, und Bornträger mochte Mühe haben, allein fertig zu werden.

Unter diesen Umständen verwickelten sich die Verhältnisse immer mehr, statt sich zu klären, und es entsprangen daraus auch für Brockhaus persönliche Unannehmlichkeiten der gefährlichsten Art. Er hatte an die Gleditsch'sche Buchhandlung in Leipzig einen auf sein amsterdamer Haus ausgestellten Wechsel gegeben, der noch vor Bornträger's Ankunft in Amsterdam präsentirt und von dem zweiten Gehülfen Krieger zurückgewiesen wurde, obwol die Deckung dafür von Brockhaus eingesandt worden war. Daraus entstanden die ärgerlichsten Verhandlungen, die schließlich Brockhaus veranlaßten, am 17. September Leipzig zu verlassen und sich nach Altenburg zu wenden.

* * * * *

So wurde nicht Leipzig, wie er gehofft hatte, sondern Altenburg der Rettungshafen, in dem er Schutz suchte vor den auf ihn anstürmenden Wogen, die sein kühn aufgebautes und mit Beharrlichkeit gegen mancherlei Stürme glücklich vertheidigtes Lebensschiff plötzlich, als er schon ganz nahe am Ziele zu sein glaubte, völlig zu Grunde zu richten drohten. Und hier endlich, wo er mit kurzen Unterbrechungen die Zeit vom September 1810 bis Ostern 1817 zubrachte, sollte er, wenn auch nicht die ersehnte Ruhe, die ihm überhaupt eigentlich nie im Leben beschieden war, doch den festen Grund finden, auf dem er das Gebäude seines Geschäfts endlich dauerhaft begründen konnte.

Zunächst freilich schlugen die Wogen fast über ihm zusammen, und diese Zeit, wol die allertrübste seines schweren Lebens, haben wir noch vor der Schilderung seiner Niederlassung in Altenburg vorzuführen. Sie knüpft sich an den Namen einer Frau, die in verhängnißvoller Weise in sein Leben eingriff.

3.

Beziehungen zur Hofräthin Spazier.

Als Brockhaus am 18. September 1810 Altenburg zum ersten male betrat, geschah dies in Begleitung einer Freundin, an die er sich seit dem Tode seiner Frau mehr und mehr angeschlossen, die während der letzten vier Monate in Leipzig seine treue Beratherin gewesen war und ihn auch in der Stunde der Gefahr nicht verließ. Es war dies die Hofräthin Spazier, die bald seine erklärte Braut werden sollte.

* * * * *

Minna Spazier, mit ihrem vollen Vornamen Johanne Karoline Wilhelmine und nach ihrem zweiten Manne gewöhnlich Uthe-Spazier genannt, von der wir bisher meist nur als Herausgeberin des Taschenbuchs »Urania« zu sprechen hatten, lebte seit dem Tode ihres Mannes, des am 19. Januar 1805 in Leipzig verstorbenen Hofraths _Dr._ Karl Spazier, Herausgebers der »Zeitung für die elegante Welt«, zuerst in Neustrelitz, dann wieder in Leipzig. Sie war die zweite Tochter des Geh. Tribunalraths Mayer in Berlin und daselbst am 10. Mai 1779 (oder 1777) geboren. Ihre ältere Schwester, Karoline, war an Jean Paul Friedrich Richter in Baireuth verheirathet, die jüngere, Ernestine, die aber schon 1805 starb, an den Hofrath August Mahlmann in Leipzig, der nach dem Tode seines Schwagers Spazier die »Zeitung für die elegante Welt«, später (1810-18) zugleich die »Leipziger Zeitung« redigirte und sich auch als Dichter einen Namen gemacht hat. Mit ihren beiden Schwägern stand sie in guten Beziehungen, und wurde von ihnen auch in ihrer literarischen Thätigkeit unterstützt. Sie war Mitarbeiterin an verschiedenen Zeitschriften, gab seit 1801 das »Taschenbuch der Liebe und Freundschaft« heraus, redigirte die ersten beiden Jahrgänge (1810 und 1812) des von Brockhaus begründeten Taschenbuchs »Urania«, übersetzte die von Frau von Staël französisch herausgegebenen »Briefe, Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl von Ligne« (Leipzig 1812) und die »Briefe der Lespinasse« (2 Bände, Elberfeld 1810), die von Jean Paul günstig recensirt wurden, und gab später auch eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel: »Sinngrün, eine Folge romantischer Erzählungen, mit Theilnahme Jean Paul Richter's und einiger deutscher Frauen Unterstützung« (Berlin 1819) heraus. In Leipzig bewegte sie sich in den literarischen Kreisen und war namentlich mit dem als Uebersetzer bekannten Adolf Wagner (dem Onkel Richard Wagner's) und dem Dichter August Apel befreundet.

Auch mit Varnhagen von Ense und dessen Gattin Rahel war sie näher bekannt. Ersterer[39] schildert sie (1807) als »eine schriftstellernde, lebhafte, liebenswürdige, nicht gleichgültig lassende Frau« und fügt hinzu:

Sie bekannte mir ihre ganze Lage, wie ihr Witwenstand sie dazu dränge, sich irgendwo wieder anzuschließen, wie sie einige Bande leichter Neigung festzuhalten gesucht, aber noch unentschieden zwischen mehrern schwanke, die einstweilen gleicherweise von ihr begünstigt wurden; auch ich sollte diese Begünstigung erfahren und an solchem Band oder Bändchen mich gehalten fühlen, allein ich war durch so viele scharfe Geschichten abgehärtet genug, um diesmal ohne Zagen die noch schwachen Fäden gleich wieder abzureißen, obgleich mehr gebunden war und zerrissen wurde, als ich damals ahndete und nachher glauben wollte.

Außer durch reichen Geist und Liebenswürdigkeit war sie auch durch hervorragende Schönheit ausgezeichnet.

Brockhaus hatte sie schon im Herbste 1808, als er Leipzig zum ersten male als Buchhändler besuchte, kennen gelernt und, wie es scheint, schon damals mit ihr wegen Herausgabe der »Urania« verhandelt. In einem von ihm an Bornträger in Leipzig gerichteten Briefe aus Amsterdam vom 27. Februar 1809 finden wir sie zum ersten male erwähnt. Während der Ostermesse 1809 verkehrte er viel mit ihr in Leipzig wegen der »Urania«. Als Bornträger im Spätherbst 1809 wieder nach Leipzig reist, schickt Brockhaus wichtige Geschäftsbriefe statt an seinen bisherigen dortigen Commissionär Weigel an seine »Freundin«, die Hofräthin Spazier, und weist Bornträger an, die Briefe bei ihr in Empfang zu nehmen. Der betreffende Brief an Bornträger ist am 30. November 1809, also kurz vor dem (am 8. December) erfolgten Tode seiner Frau geschrieben, und bald nach diesem, in den früher von uns erwähnten Briefen vom 19. und 23. December, nennt er sie seine »wahre Freundin«, der Bornträger ganz vertrauen könne, und fordert ihn auf, in Leipzig zunächst Niemand als sie zu besuchen.

Bornträger scheint ihr indeß doch nicht so vollständig wie Brockhaus vertraut und diesen selbst vor ihr gewarnt zu haben, namentlich wol unter Hinweisung auf ihren, auch von Varnhagen erwähnten vertrauten Verkehr mit Andern. Darauf bezieht sich folgende Antwort von Brockhaus in einem Briefe vom 21. Januar 1810:

Ich habe noch ein Wort im Vertrauen mit Ihnen zu sprechen über mein Verhältniß zur Hofräthin. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß dies Verhältniß sehr innig sein müsse. Dies ist es. Ich glaube an ihr eine treue und edle Freundin zu haben im ganzen Umfange des Worts. Ich bin von Weibern und Männern in der Welt oft getäuscht worden, ich glaube nicht, daß sie mich täuschen wird. Ich weiß es, daß ihr, wie fast Jedem widerfährt, der sich von der Landstraße des Gemeinen entfernt, vom geschwätzigen Publikum vieles Ueble nachgesagt wird oder ist nachgesagt worden, und ich glaube selbst, daß Manches davon nicht ungegründet sein mag. Mich kümmert das aber nicht. Ich werfe darum keinen Stein auf sie, sondern frage nur: ist sie dir als treue und biedere Freundin getreu? Ist und bleibt sie das, so kümmert mich nichts weiter.

Ihre Sorge, guter Bornträger, sei nur, dieses zu beobachten. Finden Sie dies nach Ihrem unbefangenen Sinne bestätigt, so vertrauen Sie ihr, wie ich ihr vertraut habe und noch vertraue. Finden Sie es aber nur nach Ihrer Ansicht anders, so überlasse ich Ihnen, wie Sie handeln wollen, und mache Ihnen nur das zur Pflicht, mich nicht eher von Ihren Gegenideen zu unterhalten, bis Sie eine wenigstens relative Art von Gewißheit über diese Ansichten möchten erworben haben.

Noch füge ich hinzu, daß mein Verhältniß zur Hofräthin in Zukunft nie einen andern Charakter erhalten kann, als den es jetzt hat.

Nach diesem Briefe dachte Brockhaus damals gewiß noch nicht daran, Frau Spazier zu heirathen. Noch deutlicher geht dies aus einem folgenden Briefe vom 16. März hervor, in dem es heißt: Er beabsichtige in Leipzig wieder eine kleine Haushaltung anzufangen und zwei seiner (eben in Dortmund untergebrachten) Kinder abwechselnd um sich zu haben, wozu er eine Haushälterin suche, die gebildet genug sei, auch das häusliche Leben etwas erheitern zu können; heirathen werde er nicht wieder, aus Gemüths- und aus Verstandesgründen.

In einem der nächsten Briefe freut er sich, Bornträger melden zu können, daß die Hofräthin auch ihn, der mit ihr so viel zu verkehren hatte, liebgewonnen habe. Freilich findet sich auch einmal ein Zeichen von Mistrauen gegen sie, indem er unterm 1. Mai 1810 schreibt:

Die Entschuldigung der Hofräthin gegen Varnhagen war nicht edel, und nur eigene drückende Verlegenheit kann sie dafür entschuldigen in etwas. Ich vertraue auf die Hofräthin viel, ob zu viel, wird die Zeit würdigen.

Seit seiner bald nach diesem Briefe in den ersten Tagen des Mai erfolgten Ankunft in Leipzig trat er allerdings in ein näheres Verhältniß zu ihr; aus dieser Zeit, bis zu der Anfang August erfolgten Abreise Bornträger's nach Amsterdam, fehlt indeß jede intimere Correspondenz, die darüber Aufschluß geben könnte. Jedenfalls war er bald darauf fest entschlossen, sie zu heirathen. Schon in dem ersten an Bornträger nach Amsterdam gerichteten Briefe vom 7. August heißt es: »Minna und ich werden Ihnen ewig danken, wenn Sie dort mit Mannessinn handeln«; am 11. August schreibt er: »Sobald wir hier einigermaßen rangirt sind, reisen wir bestimmt nach Berlin« (wo ihr Vater wohnte), und trägt Bornträger auf, aus den Musikvorräthen des amsterdamer Sortimentsgeschäfts zu schicken »was für Minna's Studien paßt«, besonders Guitarrenmusik; am 25. August endlich sagt er: »Von Berlin haben wir von Minna's Vater sehr angenehme Nachrichten jetzt, und wir wünschten nun bald hinreisen zu können.«

Bornträger machte den Versuch, ihn von der Heirath, der er von Anfang an entgegen war, abzuhalten, und wählte dazu ein Mittel, das er bei dem ihm wohlbekannten edeln Charakter seines Principals für das wirksamste halten mochte.

Er schrieb ihm in einem Briefe (dessen Concept uns jedoch nur vorliegt):

Nun noch eine Bitte, die nicht mich betrifft, die ich aber auf die Gefahr, Sie zu erzürnen, wage, die Sie aber lesen müssen.

Niemand kann den Werth der Frau, die Sie an Ihr Leben und Ihr Schicksal fesseln wollen, besser erkennen als Sie, und Niemand kann den Stand Ihrer eigenen Geschäfte wieder besser kennen als Sie. Seien Sie einmal ehrlich gegen sich selbst und thun Sie nicht eher einen Schritt, von dem das Glück eben dieser Frau ganz abhängt, als bis Sie sicher sind, daß Ihnen Beiden kein Unglück mehr droht. Sie wissen, wie Vieles noch unentschieden ist. Sie wissen, wie viel auf dem Spiele steht. Warten Sie den Erfolg erst ab, ehe Sie handeln -- wie edel und wie uneigennützig die Frau denkt, wissen Sie; sollte sie es wol verdienen, dieses Alles büßen zu müssen?

Brockhaus antwortete auf diese wohlgemeinte und verständige Warnung zwar nicht erzürnt, aber doch ausweichend unterm 28. August:

In dem, was Sie mir über Minna sagen, erkenne ich Ihr gefühlvolles theilnehmendes Freundesgemüth. Ich danke Ihnen dafür. Ich vertraue und glaube, Alles wird wohl werden. Nur Muth, Thätigkeit und festes Wollen, moralisch gut zu handeln! Ich und Minna vertrauen für dort auf Sie. Vertrauen Sie auf uns!

Am 1. September meldet er: »Minna ist diese Woche recht krank gewesen, seit heute aber wieder wohler«, und einige Tage darauf fügt er hinzu: »Mit unserer Heirath eilt es und eilen wir nicht.«

* * * * *

So standen die Sachen, als sich Brockhaus am 17. September 1810 entschloß, Leipzig zu verlassen und nach Altenburg überzusiedeln. Wir knüpfen hier den früher unterbrochenen Faden der Erzählung seiner nächsten Lebensschicksale wieder an.

Brockhaus schreibt an Bornträger noch an jenem Tage aus Leipzig in einer Nachschrift zu einem längern Briefe:

Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen .... Wir reisen diese Nacht ab. Nach Altenburg. Gott erhalte uns und die edle Minna, die wie eine Römerin jetzt begeistert ihr Schicksal zu dem meinigen machen will. Nur als meine Gattin kann Minna mein Schicksal theilen. Wir werden thun, was denkbar ist, aber das Schicksal ist schwer.

In Altenburg kannte Brockhaus den Kammerverwalter Ludwig (mit dem er 1808 in Leipzig zusammengetroffen war), den Buchhändler _Dr._ Pierer und den Kriegsrath von Cölln, der jetzt hier lebte und den er erst kurz vorher in Leipzig persönlich kennen gelernt hatte, obwol er an dem Verlage seiner »Vertrauten Briefe über den preußischen Hof« mit betheiligt war. Er schreibt über ihn:

Dieser ist ein tüchtiger Mensch und voller _liaisons_ und Ideen. Auf seine Verlagsanerbietungen sind wir nicht entrirt und sind darum um so freier. Er hat sich aber sonst sehr an uns attachirt, und seine genaue Freundschaft mit Schnorr[40] ist uns auch Bürge mit, daß er ein in sich rechtlicher Mensch ist.

Mit diesen Männern, die ihn sehr freundlich aufnahmen, und mit dem Hofgerichtsadvocaten Ferdinand Hempel, den ihm Pierer zuführte und der bald sein vertrautester Freund und Rathgeber wurde, besprach Brockhaus seine Lage, und ihrem Rathe folgend entschloß er sich zu dem verzweifelten, aber den Umständen nach gerechtfertigten und praktischen Ausweg: sein Geschäft an seine zukünftige Braut zu verkaufen. Er glaubte sich dann mit seinen Creditoren leichter arrangiren zu können, ohne befürchten zu müssen, durch sofortiges Einschreiten einzelner derselben der Möglichkeit, alle zu befriedigen, beraubt zu werden. Der Kaufvertrag wurde am 5. resp. 6. October abgeschlossen, Kammerverwalter Ludwig zum Curator der neuen Besitzerin, Hempel zu Brockhaus' Vertreter ernannt. Die Betheiligten reisten nach Leipzig, um die Uebergabe des Geschäfts an die neue Besitzerin zu vollziehen, zuerst Ludwig mit Frau Spazier, am nächsten Tage Hempel, einen Tag später Brockhaus selbst. Die Uebergabe ging ohne besondere Schwierigkeiten von statten.

Die hierüber erlassenen Anzeigen und Circulare dürfen als zur Geschichte der Firma F. A. Brockhaus gehörig, zumal das Geschäft dadurch sogar eine neue Firma erhalten sollte, an dieser Stelle nicht fehlen, obwol zweifelhaft ist, ob sie in die Oeffentlichkeit gelangten, und es außerdem nur ein Scheinkauf war, der bereits zehn Tage darauf, am 16. October, von den Betheiligten wieder aufgehoben wurde.

Die zwei in Altenburg gedruckten Anzeigen, die uns in dem von Brockhaus an Bornträger gesandten Exemplare (in Circularform) vorliegen, lauten:

Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.

Als Eigenthümer der unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir, bekannten Verlags- und Sortiments-Buchhandlung zeige ich hiermit an, daß ich diese Handlung mit allen Vorräthen, Verlags-Rechten und sämmtlichen Activ-Schulden an die Witwe Hofräthin Spazier, geb. Mayer, verkauft habe; hiernächst aber die Liquidation der Passiven, insofern diese nicht durch Gegenrechnungen, so weit sich solche bis _à dato_ in den Handlungsbüchern verzeichnet finden, ausgeglichen werden könnten, mir selbst vorbehalte.

Friedrich Arnold Brockhaus.

Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.

Indem ich Obiges bestätige, füge ich hinzu, daß in Verbindung mit mehrern Freunden eine neue Buchhandlung, unter der Firma:

Typographisch-litterarisches Institut in Amsterdam und Leipzig,

errichtet ist, von welcher Firma hinführo der seitherige Verlag des Kunst- und Industrie-Comptoirs allein wird zu erhalten sein.

Es verbittet sich dies neue Geschäft jedoch einstweilen, bei den in Holland eintretenden Veränderungen in Rücksicht des deutschen Buchhandels, alle und jede Zusendung von Novitäten, bis es darüber etwas Näheres anzeigen wird, und begnügt es sich vorläufig mit dem Empfange der Continuationen, um deren prompte Zusendung gebeten wird. Was die Sortiments-Handlung des neuen Geschäfts gebrauchen möchte, wird es für feste Rechnung verlangen.

Das, was von heute an noch für das Kunst- und Industrie-Comptoir eingeht, wird von dem Typographisch-litterarischen Institute verrechnet werden.

Die Herren W. Rein und Comp. in Leipzig haben die Güte, die Commission für dieses neue Geschäft zu übernehmen, und ich ersuche dieserhalb, die mir als Käuferin des Kunst- und Industrie-Comptoirs competirenden Saldo-Reste und alles Weitere diesen unsern Commissionärs zuzustellen.

Johanne Caroline Wilhelmine, Witwe Hofräthin Spazier, geb. Mayer.

Das in Amsterdam gleichzeitig in deutscher und holländischer Fassung gedruckte Circular lautet in ersterer:

Leipzig und Amsterdam, 5. October 1810.

Ich zeige Ihnen hiermit an, daß ich die Direction und meinen Theil an dem seit 1806 hier in Amsterdam wie in Leipzig, unter der Firma von Kunst- und Industrie-Comptoir, bestanden habenden Buchhandlungs-Etablissement abgegeben und an die Hofräthin Witwe Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer, unter heutigem Dato verkauft habe, wodurch diese alleinige Eigenthümerin beider Geschäfte mit allen Vorräthen, Verlagsrechten und ausstehenden Activ-Schulden geworden ist.

F. A. Brockhaus.

Indem ich Obiges bestätige und hinzufüge, daß ich für Amsterdam Herrn F. Schmidt zu meinem Commissionär ernannt, und ihn mit allen nöthigen notariellen Vollmachten versehen habe, an den Sie sich also von jetzt an, in Rücksicht alles dessen was Ihre Verhältnisse zum ehemaligen Kunst- und Industrie-Comptoir betrifft allein wenden, und dem, was von ihm darin geschieht, ganzen Glauben beimessen wollen, zeige ich zugleich an, daß ich künftig allein das Verlagsgeschäft und zwar unter der Firma Typographisch-litterarisches Institut in Leipzig fortführen, hingegen die in Amsterdam bestehende Sortiments-Buchhandlung aufheben werde, weil der deutsche Buchhandel durch die franz. Gesetze sehr beschränkt und gehemmt werden wird, und derselbe ohne gänzliche Freiheit nicht mit Vortheil bestehen kann.

Um nun mein daselbst vorhandenes großes Lager noch möglichst verkleinern zu können, biete ich Ihnen hierdurch alles ohne Ausnahme, was Sie noch von den vorräthigen Artikeln, nach unsern bereits erhaltenen Katalogen, zu acquiriren wünschen, gegen comptante Zahlung mit 33 1/3 p. Ct. Rabatt an, doch erbitte ich mir Ihre Orders so bald als möglich, da sie späterhin nicht gut mehr möchten ausgeführt werden können.

Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer.

Mit vollem Rechte konnte Brockhaus am 21. October an Bornträger schreiben: der kühne Schritt sei gelungen und das Geschäft gerettet; jedermann habe eingesehen, daß der Verkauf fingirt sei; derselbe habe deshalb gesetzmäßig umgestoßen werden können, wenn man den Verdacht der Insolvenz gehegt hätte, das sei aber glücklicherweise nicht der Fall, wie auch kein Grund irgendwelcher Art zu einem solchen Verdacht vorliege.

Ueber die Einwirkung aller dieser Verhältnisse auf seine dadurch scheinbar so viel näher gerückte Heirath schreibt Brockhaus an Bornträger unterm 14. October:

Was unter diesen Umständen aus unserer Verbindung werden wird, weiß Gott! Es versteht sich von selbst, daß sie nicht eher statthaben darf, bis sie einigermaßen geordnet sind. Für mich fürchte ich in Rücksicht meiner Gesinnungen nichts, da mir Minna theurer wie mein Leben ist und ich höchst unglücklich sein würde, wenn ich sie verlöre. Von der andern Seite denke ich aber auch zu zart, als daß ich auch nur auf die leiseste Weise Ueberredung gebrauchen möchte, im Fall ich auch nur einigermaßen ahnden könnte, als seien ihre Gesinnungen und ihre Liebe verändert. Ich begreife vollkommen, wie diese Geschichten alle auf sie influenciren müssen, und wie es geschäftige Rathgeber geben wird, die ihr die Verhältnisse und mich mit Farben darstellen, die sie sicher ängstlich machen müssen. Haben sich solche Rathgeber ja auch bei mir eingefunden in Rücksicht auf sie. Man muß ihre und meine Verhältnisse so genau und in allen ihren hundertfältigen Beziehungen kennen, als Sie es thun, muß wissen, wie isolirt und verloren wir Beide standen und getrennt wieder stehen würden, man muß unsere achtzehnmonatliche genaue und innige Freundschaft kennen, man muß dies Alles genau wissen, um unser Verhältniß ganz würdigen zu können ....