Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil
Part 18
Ich habe mich halb krank über die _négociation_ gelacht, die wir aber unter uns halten müssen, weil, wenn es die deutschen Buchhändler erführen, daß man alte abgelebte Almanache beinahe für einen halben Gulden loswerden könne, bald alle Landstraßen damit bedeckt sein und der Handel _de fond à comble_ verdorben sein würde. Ein Triumph meiner Phantasie würde es sein, wenn ich der Frau auch noch den leipziger Ueberschuß, der eine ganz andere Masse bilden wird, aufhängen könnte. Ich habe darauf angespielt; sie meinte aber, daß an 223 sie einstweilen (!) doch genug habe. Ich denke es auch und fürchte: für immer. Aber es ist wahr: in Amsterdam ist doch auch Alles zu verkaufen! Indessen bin ich noch mit ihr im Handel über unsern hiesigen Rest von .... (folgen einige Titel älterer Verlagswerke), worüber ich bis Dienstag Rapport haben soll. Einzelne Exemplare kauft das Weib nicht; sie macht Alles im Großen, _en bloc_. Original!
Infolge der geistigen Aufregung und Ueberanstrengung in dieser ganzen Zeit, wozu noch die häufigen rasch zurückgelegten Reisen kamen, wurde Brockhaus bald darauf ernstlich unwohl. Schon am 24. März sagt er, daß er sich seit kurzem gar nicht wohl fühle, keine Eßlust habe und beständig ein kleines Fieber mit sich herumschleppe. Eine Folge dieses Uebelbefindens und seiner Erregung ist es wol, wenn er weiter schreibt, er habe in Erwartung eines Berichts von Bornträger mehrere Tage nicht schlafen können, und in Bezug auf einige unberechtigte Forderungen von Schriftstellern hinzufügt:
Ich bin keineswegs geneigt, diesen Leuten einen Schritt zu weichen. Göschen zeigte mir einmal ein dickes Convolut Papiere: »Dieses enthält Documente zur Schande der Menschheit«, sagte er; »es sind die Verhandlungen mit unsern berühmten Autoren.«
Lange wehrte er sich gegen die Krankheit, ohne sich zu schonen; so fuhr er einmal in einer Nacht nach Leyden und kehrte in der nächsten Nacht nach Amsterdam zurück, um schon einige Tage darauf in ähnlicher Weise nach Rotterdam und zurück zu reisen. Endlich aber mußte er sich doch darein ergeben, seine Thätigkeit zu unterbrechen und sich zu pflegen. Die Krankheit stellte sich als Gelenkrheumatismus und Gicht heraus. Sechs Wochen lang, bis Anfang Mai, wurde er davon geplagt, und mußte also so lange die Abreise nach Leipzig verschieben, obwol seine Anwesenheit dort besonders während der Messe so nothwendig war. Während dieser Zeit erhielt er auch aus Dortmund die Trauerkunde vom Tode seines jüngsten, noch nicht ganz drei Jahre alten Sohnes Max, des Pathen Baggesen's.
Am 10. April schreibt er an Bornträger:
Ich habe von meinem Rheumatism einen solchen fürchterlichen Rückfall bekommen, daß ich seit Sonnabend, wo ich Ihnen schrieb, nicht aus dem Hause gewesen bin und fast immer das Bett gehütet habe. Auch diese Zeilen schreibe ich Ihnen aus dem Bette, und habe ich in diesen Tagen nicht anders als durch Dictiren arbeiten können. Ich habe sehr heftige Schmerzen in den Muskeln des Halses und des Kreuzes, sodaß ich leider weder gut liegen noch irgendeine ruhige Stellung annehmen kann. Es ist mir erstaunlich fatal, wie Sie denken können. Indessen hoffe ich doch, daß durch Ruhe und Wärme sich Alles bald geben wird .... Mich fatiguirt das Schreiben außerordentlich und ich schließe daher in Eile.
Wenige Tage darauf, am 14. April, klagt er:
Ich bin noch immer sehr krank, und wenn auch auf der Besserung, so geht's doch langsam. Mein Rheumatismus hat einen heftigen Charakter, der sich gar nicht fügsam beugen will. Indessen schreibe ich Ihnen doch wieder außer dem Bette. Die Stube darf ich aber noch nicht verlassen. Und morgen über vier Wochen soll ich schon in Leipzig sein! Wie mich dies ergreift! Und doch muß und soll es möglich werden! Nur Hygiea verlasse mich nicht, oder komme vielmehr, deine stärkende Hand über mich zu erheben!
In einem Briefe vom 21. April heißt es:
Ich habe Ihnen Dienstag nicht geschrieben, weil ich Ihnen dann hätte melden müssen, daß ich aller Berechnung nach nicht zur Messe kommen könne. Ich war an diesem Tage von meiner vert........ Gicht in Nacken, Rücken und Fußgelenken so gelähmt und so gepeinigt, daß ich mich nicht rühren konnte. Es scheint aber das Maximum gewesen zu sein, und ich gehe seit vorgestern an einem Stocke im Zimmer herum. Ich hoffe nur jetzt, daß ich werde kommen können! Ich #hoffe# es und ich #glaube# es! Schon wollte ich Ihnen alle Bücher schicken und Sie wie mein Geschäft Gott anbefehlen.
Ich habe hier übrigens Mühe mich durchzuwinden, wie Sie denken können, besonders da ich krank bin; indessen guter Muth und Hoffnung, die menschliche, verläßt mich nicht.
Daß Sie auf sechs gute Groschen reducirt waren, hat mir ein wenig Spaß gemacht, denn bei allem Ungemach und Sorgen verläßt mich mein guter Humor nicht ganz. Vor der Messe unmittelbar ist die Auslieferung immer schlecht. Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen!
Im nächsten Briefe, vom 24. April, schreibt er:
Seit Sonnabend bin ich mit meinem Uebel nichts gefördert. Es ist um gar nichts besser geworden, und ich habe die beiden Ostertage recht traurig zugebracht und die Nächte unter vielen und heftigen Schmerzen, da es des Nachts immer schlimmer ist als am Tage. Aller Gichtstoff hat sich jetzt auf den linken Fuß geworfen, der dadurch sehr angeschwollen, sodaß die Haut außerordentlich gespannt ist .... Da ich indessen, diesen Punkt ausgenommen, vollkommen gesund bin und vielleicht jetzt der höchste Punkt des Uebels erreicht ist, so bleiben meine Aerzte dabei, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach an meiner Reise nicht werde gehindert werden. Ich begreife es selbst, daß zwei bis drei Tage mir hinreichende Genesung geben können, aber Sie können denken, wie angstvoll ich bin. Der Himmel wird mich nicht ganz verlassen!
Die gehoffte Besserung trat endlich ein und die Ausführung der Reise nach Leipzig wurde fest beschlossen. Er schreibt an Bornträger unterm 28. April:
Erst seit gestern Morgen darf ich jetzt wahre Hoffnung haben, die Reise nach Leipzig noch machen zu können. Erst seit gestern ist wahre Besserung da! Erst seit gestern Abend kann ich mich im Zimmer herumbewegen. Noch ist aber nur der Anfang der Besserung da. Es muß kein Rück-, kein Incidenzfall eintreten. Alles muß vortrefflich gehen, wenn es möglich werden soll, daß die Reise geschehe. Wie sehr ich aber auf diese Begünstigung der Glücksgöttin vertraue, sage Ihnen der Umstand, daß ich am Mittwoch unter den heftigsten Zufällen, die ich aber zu verschmerzen noch die Kraft hatte, mit Jemandem Abrede wegen der Zusammenreise nahm und diese beschlossen wurde; wir stehen jetzt selbst noch in Unterhandlung über den Kauf eines Reisewagens, dessen ich besonders sehr bedurfte für diesmal. Auf jeden Fall riskire ich freilich bei dieser Reise mein Leben oder den Verlust meiner Gesundheit für immer. Aber gibt es hierin eine Wahl? Kann ich hier bleiben, darf ich es, wenn nicht die gebieterischste Nothwendigkeit mich ans Krankenbette fesselt? Mein Körper ist sehr schwach. Meine Nerven sind in einem unglaublichen Grade gespannt und angegriffen; mein furchtbarer Seelenzustand ist die Ursache meiner Krankheit; diese fängt eben an, der sorglichsten Behandlung und aller Kunst meiner Aerzte zu weichen, und schon im ersten Genesen soll ich diesen zerrütteten schwachen Körper allen Beschwerlichkeiten und Gefahren einer solchen Reise aussetzen, wo ich auf schlechten Wegen, in rauher, kalter Witterung, und selbst des Nachts in der für mich unangenehmsten Lage des Körpers in elenden offenen Wagen (wenn wir den Reisewagen nicht kaufen) eine Reise von 150 Meilen machen soll! Indessen Pflicht und Ehre rufen mich, und ich werde nicht wanken, wenn nur die Elemente der Kraft dazu da sind.
In den beiden letzten Briefen, die Brockhaus vor seiner Abreise von Amsterdam am 1. und 5. Mai an Bornträger schreibt, spricht er die zuversichtliche Hoffnung aus, daß seine Anwesenheit in Leipzig alles Geschäftliche in Ordnung bringen werde. Er sagt:
Wie Alles werden, sich ordnen und lösen solle, weiß ich nicht, und um es zu wissen, müßte ich ein Halbgott sein .... Ich werde der Gefahr ruhig unter die Augen treten und von der Gegenwart etwas Erträgliches erkämpfen, für die Zukunft Besseres bereiten .... Ich habe hierüber wie über hundert andere Dinge sehr Vieles mit Ihnen zu sprechen. Besonders von der jetzt möglichen ganz neuen Einrichtung unsers Geschäfts habe ich Ihnen sehr wichtige Ideen mitzutheilen. Auf Sie, lieber Bornträger, vertraue ich Alles, und nur durch Ihre Mitwirkung können diese Ideen ausgeführt werden. Ich glaube indessen gewiß zu sein, daß bei ihrer Befolgung wir in ein paar Jahren sehr glücklich leben werden und keine der Sorgen mehr kennen, die uns Beiden jetzt das Leben verbittern. Mündlich von dem Allen .... Dies ist eine jener Maßregeln mit: Oekonomie ist die Basis des Mehrsten. Und die Unmöglichkeit, mich mit Oekonomie einrichten zu können, das Unermeßliche, was meine Haushaltung verschlang, der Kampf zwischen Gewohnheiten und nothwendigen Annehmungen, die _fierté_ meines persönlichen Charakters, der alle die Wege nicht paßten, die im jetzigen Berufe liegen -- dies war es, was mich gedrückt und zurückgebracht, mich ausgesogen hat. Aber noch ist für Alles Rettung, denke ich. Ich habe mit Ruhe auf meinem jetzigen Schmerzenslager einen neuen Geschäfts- und Lebensplan entworfen, in den Sie, lieber Bornträger, aber als ein nothwendiges Glied eingreifen. Sonst Niemand!
Auf den 10. Mai setzt er nun seine Abreise von Amsterdam fest. Freilich fügt er hinzu: er werde wol abreisen können, aber ob er bis nach Leipzig komme, wisse der Himmel; er sei am Genesen, aber noch keineswegs wirklich genesen.
Indessen scheint er glücklich und ohne neue Erkrankung in Leipzig angelangt zu sein, da sich kein weiterer Brief aus Amsterdam vorfindet, wohl aber ein von ihm schon am 18. Mai in Leipzig unterzeichnetes Actenstück.
Ueber seinen Abschied von Amsterdam, das er nur noch einmal nach Jahresfrist auf kurze Zeit wiedersah, und über die Reise, auf der er wahrscheinlich Dortmund berührte, um seine Kinder wiederzusehen, ist uns nichts bekannt.
2.
Vier Monate in Leipzig.
Noch während der Buchhändlermesse in Leipzig eingetroffen, gelang es Brockhaus im Verein mit Bornträger alle geschäftlichen Verhältnisse rasch in Ordnung zu bringen und dadurch das vielfach gegen ihn entstandene Mistrauen zu beseitigen. Näheres darüber vermögen wir nicht zu berichten, da unsere Hauptquelle für diesen Zeitabschnitt, die Correspondenz mit Bornträger, während ihres Zusammenseins aufhört und Brockhaus keinen andern Vertrauten für seine geschäftlichen Mittheilungen hatte.
Dagegen ist wenigstens ein von ihm unterzeichnetes Schriftstück aus dieser Zeit erhalten. Dasselbe trägt das Datum: Leipzig, 18. Mai 1810, und zeigt also, daß er, wie vorher erwähnt, an diesem Tage bereits in Leipzig anwesend war. Der Inhalt dieses Actenstücks ist in vieler Hinsicht interessant.
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Die von uns schon mehrfach erwähnten Werke des Obersten von Massenbach, die Brockhaus verlegte, hatten in hohem Grade das Misfallen der preußischen Regierung erregt, besonders die »Memoiren zur Geschichte des preußischen Staats unter den Regierungen Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III.«, wovon 1809 die ersten drei Bände erschienen waren und lebhaften Absatz gefunden hatten. Es sollten noch drei weitere Bände folgen und der Verleger hatte dies bereits öffentlich angekündigt. Der vierte Band war auch bereits in der Druckerei von Mauke & Söhne in Jena bis auf die beiden letzten Bogen im Druck vollendet, als die herzoglich weimarische Regierung, wahrscheinlich auf Requisition der preußischen, die ganze Auflage in Jena mit Beschlag belegen ließ. Gleichzeitig kam der preußische Oberstlieutenant Gustav von Rauch nach Leipzig, um im Auftrage seiner Regierung den Verleger des Werks zur Verzichtleistung auf die fernere Veröffentlichung desselben zu bestimmen. Welche Gründe er dafür anführte, ist uns nicht bekannt, doch waren es jedenfalls solche, die keine Ablehnung zuließen, denn Brockhaus schloß mit ihm als dem Bevollmächtigen der preußischen Regierung einen diese Verzichtleistung aussprechenden Vertrag ab. Dieses ist das Actenstück vom 18. Mai 1810.
In dem Vertrage wurde zunächst ausgesprochen: Brockhaus bewillige, daß der zwischen ihm und dem Obersten von Massenbach über jenes Werk abgeschlossene Vertrag aufgehoben und der Verfasser seiner contractmäßigen Verpflichtung, dasselbe complet zu liefern, entbunden werde; ferner, daß der vierte Band nicht erscheine oder im Publikum ausgegeben werde, vielmehr, daß alle davon gedruckten Exemplare mit Einschluß der an Brockhaus gesandten (in Amsterdam befindlichen) sogenannten Aushängebogen, ohne Ausschluß eines einzigen, an Herrn von Rauch abgeliefert würden. Sodann gab Brockhaus sein Ehrenwort, daß er nie und in irgendeinem Falle den Versuch machen werde, diese Memoiren fortzusetzen, und daß er die ihm darüber gemachten oder noch zu machenden Anerbietungen gänzlich abweisen werde. Dagegen übernahm Herr von Rauch die Bezahlung der Druckrechnung für den vierten Band sowie die Regelung des Honorarverhältnisses zwischen Brockhaus und dem Obersten von Massenbach, da letzterer von ersterm bereits das gesammte Honorar auch für die letzten drei Bände (in drei Wechseln, jeder zu 500 Thlr.) erhalten hatte. Brockhaus glaubte außerdem, und gewiß mit vollem Rechte, wie es in dem Vertrage heißt, »daß für die Unterbrechung der Herausgabe dieses Werks gerade in der Periode, wo es für den Haufen des Publikums ein höheres Interesse erhalten mußte, daß ferner für die Nichtvollendung des Werks, worauf er ansehnliche Kosten verwandt hat, die sich noch nicht rentirt haben können, weil das Werk noch nicht vollständig war, ihm eine Entschädigung gebühre«. Die Höhe dieser Entschädigung hatte er »als Kaufmann und als Hausvater nach dem billigsten Maßstabe festgesetzt«, doch stellte er dieselbe auf Wunsch des Herrn von Rauch, »im Fall Se. Majestät von Preußen diese Entschädigungssumme unbillig finden sollten, unbedingt der allerhöchsten Entscheidung Sr. Majestät anheim, womit er in jedem Falle zufrieden zu sein hiermit förmlich erklärt und also seine ad 1, 2, 3 und 4 gegebenen Versprechen durchaus zu erfüllen bereit ist«. Nur die Berichtigung einer Summe von 500 Thlrn., die Massenbach von Brockhaus noch zu fordern hatte, versprach Herr von Rauch jedenfalls zu übernehmen.
Weiter wurde festgesetzt, es solle »zur Sicherung der mercantilischen Ehre des Herrn Brockhaus« in den öffentlichen Blättern eine Anzeige erlassen werden: »daß auf Intercession eines hohen Gouvernements die Verlagshandlung sich veranlaßt gefunden habe, die bereits im Werke begriffen gewesene Herausgabe des vierten Bandes der Massenbach'schen Memoiren zu unterdrücken, wie auch auf die Herausgabe des fünften und sechsten Bandes Verzicht zu thun«.
Freiwillig hatte Brockhaus Herrn von Rauch noch mitgetheilt, daß er eine Anzahl Originalbriefe des verstorbenen regierenden Herzogs von Braunschweig von dem Obersten von Massenbach erhalten habe, welche in vieler Hinsicht höchst interessant wären und besonders den preußischen Staat beträfen; er erklärte sich zur Auslieferung derselben bereit, wenn dies verlangt würde.
Schließlich verpflichtete sich Herr von Rauch, sobald als möglich, spätestens aber in Zeit von drei Wochen, über die mit Brockhaus gepflogenen Unterhandlungen bestimmte Auskunft zu ertheilen, während beide Theile sich verbindlich machten, »der Schicklichkeit und anderer verschiedener Rücksichten wegen« den Vertrag unter sich geheimzuhalten und solchen zu keiner weitern Kenntniß zu bringen.
Ein zweites Actenstück über diese Angelegenheit liegt uns nicht vor, auch keine briefliche Aeußerung, und wir wissen also nicht, ob die vom Oberstlieutenant von Rauch versprochene weitere »Auskunft« und die Genehmigung des Vertrags durch den König von Preußen erfolgte, doch ist beides wol nicht zu bezweifeln. Jedenfalls aber hat Brockhaus das von ihm in loyaler Weise gegebene Versprechen auf das gewissenhafteste gehalten. Selbst als ihm in späterer Zeit ein Exemplar des vierten Bandes, so weit er gedruckt worden, zum Kauf angeboten wurde, wies er diesen Antrag, seines Wortes eingedenk, zurück. In den vierziger Jahren wurde von Berlin aus an die Firma das Ansuchen gestellt, die an dem vierten Bande eines Exemplars fehlenden Bogen zu ergänzen, was zu thun sie natürlich außer Stande war. Das Werk ist somit ein Torso geblieben (die ersten drei Bände sind noch jetzt im Buchhandel, da ihre Vernichtung, die ohnedem kaum ausführbar gewesen wäre, von der preußischen Regierung gar nicht verlangt wurde), und es liegt hier der seltene Fall vor, daß es gelungen ist, die theilweise bereits gedruckte Fortsetzung eines Werks vollständig der Oeffentlichkeit zu entziehen. Höchstens dürfte sich ein Exemplar an unzugänglicher Stelle in Berlin befinden.
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Wir lassen gleich hier einen mehrere Monate nach der Verhandlung mit Herrn von Rauch geschriebenen und mit derselben nicht zusammenhängenden Brief des preußischen Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg an Brockhaus folgen, weil er eine ähnliche Angelegenheit betrifft. Der auch für Hardenberg's Charakterisirung wichtige Brief, aus Berlin vom 15. October 1810 datirt, also kurz nach der am 6. Juni erfolgten Erhebung Hardenberg's zum Staatskanzler nach Stein's Rücktritt geschrieben, lautet:
Wohlgeborener, hochgeehrter Herr!
Durch ein anonymes Schreiben bin ich benachrichtigt worden, daß in einem unter der Presse befindlichen Buche ein Artikel mit Privat-Anekdoten über mich abzudrucken beabsichtigt werde, und daß ich, wenn ich solches verhindern wolle, mich an Ew. Wohlgeboren unter Couvert des Herrn Buchhändler Rein in Leipzig wenden müsse. Ich erkenne zwar die gute Absicht, welche dem anonymen Schreiben zu Grunde liegt, sehr dankbar; aber warum wählte der Herr Schreiber dieses Briefs die Anonymität? Ich liebe sie nicht. Was die Anekdoten anbetrifft, womit man das Publikum über mich unterhalten will, so wünsche ich, mehr um des Verfassers als um meinetwillen, daß sie ungedruckt bleiben mögen, weil das wenige Wahre, was ihnen zum Grunde liegt, dergestalt mit ganz falschen Umständen und irrigen Folgerungen durchwebt und dadurch entstellt ist, daß dadurch das Ganze nothwendig gleich in dem verdächtigsten Lichte erscheinen muß. Ich scheue die Publicität gar nicht. Der rechtliche Theil des Publikums unterscheidet bald das Wahre und Glaubwürdige von dem Falschen und absichtlich oder leichtsinnig Verdrehten und Ausstaffirten. Mein Bewußtsein genügt mir als Mensch; es #muß# mir als Staatsmann genügen, da ich mich als solcher nicht vertheidigen #darf#. Um desto unedler ist aber der Angriff auf ganz unrichtige oder halbwahre Thatsachen und auf Grundsätze, die man nicht kennen und würdigen kann. So habe ich ganz falsche Darstellungen meiner politischen Handlungen und Ansichten betrachtet und werde sie forthin so betrachten.
Hiernach überlasse ich es Ew. Wohlgeboren eigenem Gefühl, was Sie wegen Verhinderung des Drucks des gedachten Artikels oder dessen Einrückung in das erwähnte Buch veranlassen wollen, und beharre mit vollkommenster Hochachtung
Ew. Wohlgeboren ganz ergebenster
Hardenberg.
Das Buch, um welches es sich handelte, war jedenfalls die erst ein Jahr darauf, Ende 1811 (mit der Jahreszahl 1812), in Brockhaus' Verlage anonym und, wie es scheint, ohne Verlagsort oder unter der Firma »Peter Hammer in Köln« erschienene Schrift, die ihm auch andere Unannehmlichkeiten zuzog: »Handzeichnungen aus dem Kreise des höhern politischen und gesellschaftlichen Lebens. Zur Charakteristik der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts«, in welcher ein Abschnitt »Minister Hardenberg« enthalten ist. Weshalb Brockhaus den Wunsch des Staatskanzlers nicht erfüllte, ist uns nicht bekannt, da weder seine Antwort auf obigen Brief noch irgendeine weitere Notiz darüber vorliegt. Jedenfalls war es die erste Berührung, die Brockhaus mit dem lange Jahre allmächtigen Staatskanzler Preußens hatte, und wenn sich daran auch zunächst keine weitern Folgen knüpften, während er später mit demselben in für ihn sehr verhängnißvolle Conflicte gerieth, so ist in ihr doch vielleicht die erste Ursache zu letztern zu suchen.
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Nachdem Brockhaus die mit der Ostermesse zusammenhängenden Arbeiten erledigt und seine Beziehungen mit den Buchhändlern, Buchdruckern und Schriftstellern in Leipzig und dessen Nähe geordnet hatte, ging er mit Eifer an die Regelung seines Geschäfts in Amsterdam. Es war ein eigenthümliches Verhältniß: er selbst nebst seinem vertrautesten Commis in Leipzig, mit der Absicht, hier zu bleiben und seine Verlagsunternehmungen von diesem dazu so viel geeignetern Mittelpunkte des deutschen Buchhandels aus zu leiten; sein eigentliches buchhändlerisches Geschäft, wenigstens der den Sortimentsbuchhandel betreffende Theil desselben, unter der Firma Kunst- und Industrie-Comptoir fortwährend noch in Amsterdam, unter der Leitung eines zweiten Gehülfen, Krieger, der durchaus nicht sein volles Vertrauen besaß. Er blieb zwar bei seinem Entschlusse, das amsterdamer Geschäft aufzulösen, und sah auch bald ein, daß es für ihn am besten sei, den Sortimentsbuchhandel ganz aufzugeben und nur das Verlagsgeschäft ganz nach Leipzig zu verlegen. Aber mit welchen Schwierigkeiten war das verbunden, mit welchen unvermeidlichen Verlusten! Er selbst mochte nicht wieder nach Amsterdam zurückkehren, das ihm seit dem Tode seiner Frau und nach seiner letzten Krankheit ganz verleidet worden war und wo ihm außerdem wegen des Hiltrop'schen Processes und der früher von uns kurz erwähnten Geldgeschäfte mit zwei französischen Emigranten persönliche Unannehmlichkeiten drohten. Es blieb kein anderer Ausweg übrig: Bornträger mußte sich entschließen, wieder nach Amsterdam zu gehen, um dort zu retten, was noch zu retten war, die ausstehenden Forderungen einzutreiben und das Sortimentsgeschäft bestmöglich zu verkaufen.
Aber auch dies hatte seine besondern Schwierigkeiten. Bornträger erkannte in dem Antrage, den ihm Brockhaus machte, einen großen Beweis von Vertrauen seitens seines Principals, die beste Anerkennung seiner bisherigen Leistungen. Die Annahme schloß aber, ganz abgesehen von der großen Verantwortlichkeit, eine persönliche Gefahr für ihn ein. Unter seinem wirklichen Namen Bornträger in Amsterdam vielfach gekannt, sollte er nun unter dem von ihm angenommenen Namen Friedrich Schmidt dort auftreten, mit denselben Leuten in Berührung kommen, die sich seiner aus der Zeit seines frühern dortigen Aufenthalts noch erinnern mußten, und selbst die Vermittelung der Behörden in Anspruch nehmen. Wie leicht konnte er von den Franzosen denuncirt werden und der ihm dann drohenden harten Strafe als _conscrit réfractaire_ verfallen. Doch jugendlicher Muth sowie Anhänglichkeit an seinen Principal, dem er sich vielfach zu Dank verpflichtet fühlte und dessen verstorbener Frau er als seiner mütterlichen Freundin das treueste Andenken bewahrte, bewogen ihn, jenem Wunsche nachzugeben. Er verließ Leipzig und langte am 15. August glücklich in Amsterdam an.
Schon am 7. August schreibt Brockhaus wieder an ihn, wenn auch, wie er sagt, der Brief wol früher als der Empfänger in Amsterdam sein werde. Er verspricht ihm, mit nächster Post eine provisorische Cessionsacte zu schicken, wahrscheinlich damit Bornträger formell als Eigenthümer des Geschäfts erscheine, und wünscht ihm Muth und Kraft.
Am 11. August schreibt er:
Es bedarf wol keiner Erinnerung von mir, daß da, wo sich Gelegenheit findet, von meinen hiesigen jetzigen und künftigen Verhältnissen, wenn auch gewiß nicht ruhmredig, doch mit einer gewissen _assurance_ und Bedeutung muß gesprochen werden.