Part 2
Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich bei einem Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der Insel Rügen, war, nach dem Landgute Zurkow und seinem Besitzer zu erkundigen. Da erfuhr ich, daß Zurkow zwar kein Edelsitz sei, wohl aber eines der schönsten und reichsten Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz gewesen, aber der letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines rheinischen Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf sei ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, der habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand gesetzt, wie es seit Menschengedenken nicht erhört worden. Der Landbau und die Waldwirtschaft, die Jagd und die Fischerei blühten nun. Auch habe der Eigentümer von Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe, die zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das Schloß habe er herstellen und einrichten lassen, daß es nun einer königlichen Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber alles nichts geholfen; mit seinem Sohne sei er unglücklich gewesen und so sei er, nachdem das Gut so fürtrefflich hergestellt war, aus Gram gestorben. Es sei aber ein junger Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze nun auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. Man erzähle sich von dieser Familie mancherlei, aber da nichts Bestimmtes zu sagen sei, so tue man am besten, zu schweigen.
So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf dem Ruhebette des Schlosses Zurkow -- ich konnte nicht sagen, daß mir gerade wohl zu Mute war.
Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster hinausblickte, war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau und in seinem Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten von der aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches früher fern wie ein Sternchen gefunkelt, war näher gekommen, es war das einzige Fahrzeug auf der dunkelnden Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere wie blutige Schatten.
Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte sich sachte eine Hand auf meine Achsel. Wendel stand hinter mir.
»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich ein, mit mir zum Abendbrot zu kommen.«
»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete meine Entgegnung, »ich habe diesen stillen, meerumschlungenen Hain als Knabe im Traume gesehen, zur Zeit, da wir die nordische Mythologie studierten.«
»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie! Darum kann dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich sein.«
»So schrecklich?«
Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen und sagte: »Geliebter Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal, daß du zu mir gekommen bist.«
Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark und Bein ging.
Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm in Arm gingen wir auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch gedeckt war. Es war ein anderes als jenes, in welchem wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel einfacher und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch mit Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn auf. Wir saßen uns bei etwas gedämpftem Lampenlichte an einem kleinen Tisch gegenüber; sonst war niemand da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur, wenn er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren nach Wiener Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen Champagners stand eine Flasche jenes ehrlichen, männlich herben Rotweines da, wie er in den gottgesegneten Talungen der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in Gemeinschaft mit Wendel einst so gerne getrunken hatte.
»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund und schaute mir mit feuchtem Auge ins Gesicht.
»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung, dich so wiederzufinden,« bemerkte ich.
»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin in den letzten Stunden, während du dich von den Reisestrapazen ein wenig erholtest, nicht müßig gewesen. Ich habe nach der Art gesucht, die uns wieder zusammenbringen soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens war ich nicht zufrieden.«
»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel, was um alles in der Welt ist mit dir vorgegangen?«
»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen Miene, »ein reicher Mann bin ich geworden.«
»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit so natürlichen Dingen zu, daß man weiter gar nicht darüber spricht. Aber bei dir ist's ein anderes. Du warst stets unpraktisch, hast weder Schick gehabt zum Spiel noch zum Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens nie ein Interesse gehabt an Geld und Herrlichkeit -- Künstler werden wolltest du, diesen Weg sah ich dich von mir fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Freund!«
»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.«
»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist mir zu trivial.«
»So dekoriere ihn mit der Liebe.«
»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat immerhin.«
»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die Liebe rentieren könnte?«
Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen wurden, war verblüffend. Ich schwieg.
»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein Künstler geworden.«
»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.«
»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund, wann war ich glücklicher als damals, als ich mich wie ein Bettelvagabund durch die Alpenländer nach Italien schlug! Ich war fest überzeugt, daß meine Rückkehr ein Triumphzug sein würde und daß die abenteuerliche Wanderschaft des Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der Biographie des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist, und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen irdischer Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen Platz bald verloren. In Mailand auf einer Wand sah ich das Abendmahl -- ein Triumph der Zimmermalerei,« setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich mit einem Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken Denkmale des Kolumbus kam mir der Gedanke, ob ich mich nicht etwa der Bildhauerei zuwenden sollte. Auf jeden Fall wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen, dort weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein Gasthaus der ~Via nuova~. Das, Freund, war der erste Schritt nach dem Herrengute Zurkow auf Rügen.«
»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?«
»Wen?«
»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war und die hernach deine Frau wurde.«
»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest banal. Du mußt schon tiefer ins Unglaubliche.«
»Ich bitte dich, erzähle!«
»So werde ich rasch und kurz erzählen. -- In einer Weinlaube des Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin und musterte die Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem feinsten Braten, sondern in der Preisrubrik nach der kleinsten Ziffer -- nun, das kannst du dir ja denken. Es war für die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so war der Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein Herr mit weißem Backenbart und schaute zwischen den grünen Blättern zu mir herüber.
Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen Teller beiseite und blickte noch schärfer auf mich her. Dann stand er auf, kam an meinen Tisch und drückte mir die Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen, dann trat er wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin. Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie und sah sie an und schaute auf mich -- und stützte sein Haupt traurig auf die Hand. Jetzt mußte auch ich immer wieder auf ihn hinblicken und wurde dabei unruhig; ich bildete mir ein, das wäre ein großer Künstler und habe an mir vielleicht das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit zum letzten Ziele manchen Künstlers -- zum Narrenhaus. Es gehörte ein Wunder dazu, um mich davon zu retten -- und das Wunder geschah.«
»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur Not gesättigt hatte, erhob ich mich, um meine nebelhaften Wege weiter zu wandeln. Da sprang der Mann am Zitronenbaume auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer ich wäre.«
»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.
»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, wenn du in meiner Geschichte die Wahrheit erraten willst, so mußt du dich gerade an die größten Unwahrscheinlichkeiten halten. Der Mann hörte meine Geschichte, kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast. Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch nur ein Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud mich ein, mit nach Rügen zu kommen, wo er ein Gut habe, er wolle für mein Fortkommen sorgen helfen.«
»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«
»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Sohne hätte.«
»Du gingst mit ihm?«
»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. Und als ich dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert hatte, und in dem Gemäuer des Kolosseums bei den Fledermäusen mein Nachtlager hielt, fiel mir wieder die Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm, daß ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb hätte; wäre es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte mir Geld, ich reiste auf dem kürzesten Wege nach Rügen. Als ich nach Zurkow kam -- auf dieses schöne, reiche Zurkow, ja -- da hat er mich wie einen lieben Anverwandten empfangen, hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt und ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? -- Ja, sagte Freda, und doch wieder nein, Albin war nicht so schlank. -- Aber er hatte dasselbe nußbraune Haar, das ihm geradeso in die Stirn stand, denselben Mund, das ganze Gesicht; schau' sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O Gott, mein Albin! -- Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt --«
»Und dein Auge?«
»Das hat sie angeschaut.«
»Dann verliebt?«
»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell ging das nicht. Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. Der Alte gab uns zu schaffen, der wollte -- höre es! -- er wollte uns schon in den nächsten Wochen zusammenhaben. Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes verwirrt, beinahe schwachsinnig geworden.«
Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst dort die weißen Felsen?«
Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe schroff aus dem Meere aufragen.
»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin Marketze, der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, bei der er sich zu tollkühn an die Hänge hinauswagte, in das Meer gestürzt und zugrunde gegangen. Der Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges Kind, suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten nach Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ sich von seinem Grame ziellos in der Welt herumtreiben. So war er auch nach Genua gekommen, wo wir uns also begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die er mir schenkte, nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen verstorbenen Sohn. -- Hast du dieses Bild schon betrachtet?« Wendel wies auf das Ölgemälde an der Wand.
»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu haben,« bemerkte ich, »es ist Individualität in dem Bilde und doch stört mich etwas in den Zügen. Durch die wohlbekannte Form schaut mich eine fremde Psyche an.«
»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. Und siehe, das ist das Porträt des verunglückten Albin.«
Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich an, das besondere Interesse des alten Marketze für Wendel zu begreifen.
»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler zu werden, begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen vergangen, so fügte ich mich gerne den fürsorglichen Wünschen meines Gönners, ich gab mich, anfangs gleichgültig, später mit Interesse, der Landwirtschaft hin und machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches zur Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs auch -- möchte ich sagen -- mein Herz und ich schloß mich warm und dankbar meinem Wohltäter an. Ich war kaum drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze eines Tages zu verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor seinem Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme. Freda war um einige Monate älter als ich, sie war mir nicht unangenehm gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich, reiche Bewerber eingefunden, allein --«
»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,« unterbrach ich in meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war sie selbst, gesellschaftliche Rücksichten war sie nicht schuldig, so nahm sie sich einen Herzensmann. Ich habe mir oft gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit, Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie es die Weiber gerne haben.«
»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar und ich habe mich wohl oder übel mit meiner neuen Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.«
»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein reicher und glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird, als dir jemals ein gutes Gemälde gelungen wäre.«
Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel: »Es gehört zum einen wie zum andern ein großes Talent. Wenn sich der reiche Mann in seine Lage nicht zu schicken weiß, so ist er ein +armer+ Mann.«
Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch zu stocken. Wir machten noch manchen stillen Schluck aus unseren Gläsern, dann wünschten wir uns in freundlicher Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde hierauf in mein Zimmer geführt.
Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Auf dem Meere lag der Schimmer des Mondes und die zackigen Kreidefelsen von Stubbenkammer standen wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine Schulter wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich und verstört, wie ein Nachtwandler.
»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe störe,« sagte er mit unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute noch fragen, wann du von hier abreisest?«
Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise? Ich glaube, du könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich gefragt hättest, wie lange ich denn zu bleiben gedächte. Du weißt, daß ich auf deine Einladung aus Wien komme, um dich zu besuchen.«
»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er hervor, »aber ich verreise morgen und wünsche in deiner Gesellschaft zu reisen.«
Ich starrte ihn an.
»Du hältst mich für verrückt,« sagte er.
»Allerdings --«
»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte mit krampfiger Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich. Ich ertrage es nicht mehr länger, ich will fliehen, ich will nach Wien zurück. Mein Weib und ich, wir lieben uns nicht. Sie behandelt mich mit Hochmut, sie hat ihre Freunde, mit denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt; ihrem Reitpferde schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem Familienleben ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder sie zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen herbei und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen die Zielscheibe ihrer Launen bin, oder sie reitet davon und läßt mich allein in diesem Schlosse, das mir unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte mit ihr für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht; sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es mir auf Zurkow nicht behage, sie sei keine Freundin der vielgerühmten österreichischen Gemütlichkeit. Das einzige Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn sonst müßte ich mich von jenem Felsen dort, der die erste Ursache meiner Leiden ist ... Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig Stunden, arm wie ich gekommen bin. Ich gehe mit dir nach Wien.«
»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer Freund,« sagte ich, »wenn du ruhig geworden sein wirst, wollen wir es überlegen.«
»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es längst überlegt und heute mich entschlossen. Ich habe sie von deiner Ankunft unterrichtet und sie gebeten, daß sie zu Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie weiß, daß du mein liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt, und sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose Wort sagen.«
»Welches Wort?«
»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie könne sich denken, wie mein bester Freund aus der Zeit der Farbenkleckserei aussehe, sie sei auf derlei vagabundierendes Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer hätte sie mich nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.«
»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur Ursache eines unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle ich mich.«
»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden Armen, »von dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich! Mir hat sie den Schlag versetzt, sonst wollte sie nichts, als mich, mich beleidigen, aber das wollte sie. Meiner überdrüssig ist sie, den Bruch wünscht sie zu vollziehen. Der Wunsch kann erfüllt werden.«
Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er knirschte mit den Zähnen.
»Du hassest sie also?« war meine Frage.
Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so würde ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr auf Zurkow bleiben und das Leben des Reichen genießen und ihr im Wege stehen und mich an ihrem ohnmächtigen Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab -- sie ist mir gleichgültig.«
»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.«
»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen, sondern meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von mir, ich nehme wieder die Armut und Nichtigkeit auf mich. Seit ich dich sehe, mein Freund, habe ich wieder Mut, ich gehe mit dir nach Wien!«
Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er mich: »Könntest du an meiner Stelle bleiben? Es mögen Gesetze und Sitten hundertmal für dich sprechen, wenn die Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so wirst du verzichten und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme Anstreichergeselle sein, als auf Zurkow ein -- was weiß ich! Es war ja nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein Roman ohne Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit und der Kitzel, reich zu sein, waren die Helden! Könntest du mich denn achten, wenn ich so noch hier sitzen bliebe?«
»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau gesehen habe.«
»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie ich sie kenne, kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit hat, daß du nicht mehr im Hause bist.«
»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe. Bevor die Sonne aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.«
»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.«
Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere Unterredung hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich schlief schlecht in derselben Nacht. Reue, daß ich hierher gekommen, Mitleid mit dem armen Wendel, Ratlosigkeit, was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir der Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu spielen; diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir -- zwischen Eheleute dränge sich kein Dritter, am wenigsten ein Fremder. Er würde es unter allen Umständen schlechter machen. Als der erste Schimmer des Morgens aus dem Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine Sachen zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte:
»Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf dieses Stück Papier das Wort zu schreiben: +Sei ein Mann!+ Lebe wohl.
Dein treuer Hans.«
Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große Hunde auf und ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren in mein Zimmer, warf mein kleines Gepäck zum Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den Garten. Das Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe da; ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke weiter hin zum Wege.
Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen, als von einer Eichengruppe ein Mann auf mich zusprang und mich mit dem Worte: »Da bist du ja schon!« an der Hand faßte.
Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht mehr Herr auf Zurkow, in dem Kleide eines fahrenden Gesellen stand er da.
»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal mitsammen wandern.«
Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten wortkarg nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen waren, machte mein Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie er so frisch und laut auf Rügen vorher wohl kaum erklungen sein mochte.
»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen gelegen,« sagte er hernach und deutete auf einen bemoosten Grenzstein, »hier endet das Gut Zurkow, hier beginnt die weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!«
Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll!
So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten wir auf einer abseits gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen wir, weil Wendel sich vor dem Erkanntwerden fürchtete. Und dann wollte er zu Fuß nach Wien reisen. Er hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um ihm die Eisenbahnfahrt aufzuzwingen. Endlich, als es ins Österreich hereinging, fanden wir uns und waren harmlos heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit Ruhe und Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein ganzes Wesen wurde mit fortgerissen.
Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich. So saßen wir nun endlich wieder in meiner Stube, wo wir vor Jahren oft froh beisammen gesessen und ich fragte ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow, wie ist dir zu Mute?«
»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten Freund, Hans, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib von sich zu schleudern, wie eine faule Birne?«
»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich mir noch einen, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib zu beherrschen.«
»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte Wendel, »ausgerüstet mit neuen Mitteln mich zu demütigen, und wird selbst die größte Demütigung erlebt haben, die ein reiches Weib erleben kann: von dem Bettler abgelehnt zu sein.«
Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich, in einem Vororte Wiens als Zimmermaler Beschäftigung zu finden. Er besuchte mich häufig, aber für meine Bilder und ästhetischen Studien hatte er kein Interesse mehr, er saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus auf die alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von seinem abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht mehr; ich aber dachte daran und mir kam die ganze Geschichte noch wunderlicher vor.
Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und ihr absichtlich seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so eifriger las er ein pommersches Wochenblatt und in demselben einmal eine Feilbietung des Gutes Zurkow auf Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir haben nicht ein Wort darüber gesprochen.
Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben -- die grünen sollen besonders schädlich sein -- dem Wendel Blees nicht mehr so wohl bekamen als einst, er wurde bleich und bekam eingefallene Wangen. Seine Besuche bei mir verminderten sich, er strich in seinen freien Stunden allein umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer und brütete vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise zurückgekehrt war, gedachte ich wieder einmal seiner und suchte ihn auf. Ich fand ihn auf dem Fußboden kauernd, wo er eben ein paar Patronen (Formen für Zimmermalerei) aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften Gestalt, vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich anglotzte.
»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.