Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches.
FREMDE STRAßEN
Von
PETER ROSEGGER
Elftes bis fünfzehntes Tausend
1922 Verlag von L. Staackmann in Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
Druck von C. Grumbach in Leipzig
Verhandlung zwischen Autor und Verleger.
1884.
Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«.
+Der Verleger+: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich wünsche ein neues Buch von Ihnen.
+Der Autor+: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie doch schon fast anderthalb Dutzend Bände von mir!
+V.+ Machen Sie die genannte Zahl voll.
+A.+ Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht zählen, sondern wägen.
+V.+ Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen ist man gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen Band vom Waldpoeten zu finden.
+A.+ Man vergißt über die Waldbücher den Wald.
+V.+ Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan ist, brennen wir Bücher.
+A.+ Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat? Weil er den Bücherdruck erfunden. -- Soll ich denn so viel schreiben, daß man mich auf meinen Schriften verbrennen kann?
+V.+ Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus schrieb über vierhundert Bücher, Chrysippus an siebenhundert, Didymus gar viertausend. Keiner ward verbrannt.
+A.+ Weil sie keiner drucken ließ.
+V.+ Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken.
+A.+ Die Tinte eines +solchen+ Mannes ist, wie der Koran sagt, wertvoll gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir anderen dem Beispiele folgen wollten, müßte unsere Erdoberfläche in kurzer Zeit ein Bücherbrett werden.
+V.+ Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt sein ganzes Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm nachzuschleppen vermag.
+A.+ Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist, um mit einem deutschen Dichter zu gehen. -- Des bin ich zwar überzeugt, wenn aller Spreu von der Weltliteratur aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge sie ein Esel leicht auf seinem Rücken, und zwar auf einmal.
+V.+ Sie wären frivol genug, sich über den Untergang der Alexandrinischen Bibliothek zu freuen?
+A.+ Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur die, so keine eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler, welche aus fremden Büchern eigene schreiben, mit jener Katze, die ein Pfund Butter fraß und doch nur dreiviertel Pfund wog.
+V.+ Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch kein eigenes Fett sein.
+A.+ Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das Sie haben wollen.
+V.+ Sie schreiben doch jeden Tag!
+A.+ Briefe.
+V.+ Wohl doch nicht lauter --
+A.+ Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger, sondern auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die in Zuschriften meine Bücher loben und um Freiexemplare bitten; tiefsinnige Sprüche für Autographensammler, Gedichte für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums. Ferner Antworten auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in welchem Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und wo sich die Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe, wo man die »Dorfsünden« zu kaufen und den »Heimgarten« zu schenken kriege? -- So vergeht der Vormittag.
+V.+ Und nachmittags?
+A.+ Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter Ladenschwengel, über die Novellen und Romane höher gebildeter Töchter usw., die mit dem Ersuchen geschickt worden sind, darüber ein »wenn auch noch so strenges Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion oder einem Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag.
+V.+ Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre Novellen und Skizzen, denen man in den Blättern begegnet?
+A.+ Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn ich Besuch habe oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst und Literatur beiwohne, bei welchen man ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen kann.
+V.+ Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen, Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine neue Sammlung flott machen.
+A.+ Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern und nichts als Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt endlich die Geduld!
+V.+ So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus der großen Welt.
+A.+ Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie nicht, daß man mir meine Dorfgeschichten nur verzeiht, weil es keine Stadtgeschichten sind? Wissen Sie nicht, daß die Rezensenten unruhig werden, so oft man einen Bauernburschen zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges Dienstmädel aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft -- weil sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig nicht mehr zu folgen vermöge!
+V.+ Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten, anstatt an das, was in Ihnen keimt und reift und gedichtet sein will? Hat die Gesellschaft, die Welt, in der Sie nun doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie denn niemals angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten, Ideen, Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern, zu interessieren, aufzuregen, Ihre dichterische Kraft herauszufordern?
+A.+ Gewiß.
+V.+ Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten, wie Sie Waldgeschichten schreiben?
+A.+ Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß selbst die fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder was anderes hervorbringen möchte. -- Auf meines Vaters Acker wollte nicht +jedes+ Jahr Korn wachsen. So bauten wir auch manchmal Hafer drauf an, dann Kraut, Rüben, Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker. Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche Wechselwirtschaft ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig. Anstatt Waldgeschichten sollen Sie einen Band Weltgeschichten haben. Oder auch solche, die nicht äußerlich erlebt, vielmehr innerlich geschaut sind. Sie verstehen schon: Ich werde Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben sollen. Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen mit der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg. Trotzdem werde ich auf solchen Straßen einmal marschieren -- weil es mich freut, wie den Burschen die Wanderschaft. -- Bin ich doch wirklich schon viel herumgekommen, in der Gesellschaft unten und oben, in der Welt hier und dort, nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See, ich bin -- auf den Beinen des ewigen Juden -- durch die Geschichte geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer bis zum Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich habe nicht allein in der Werkstatt angehalten und in der Stube des Bürgers, sondern auch beim Lehrer und Gelehrten, beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen und Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie andere. Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen. Daß ein freies Auge in Dorf und Wald klarer und richtiger sieht, als durch die Stadtbrille, ist natürlich. Aber die Freude, der Schmerz, der Spott und der Zorn über das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens in meiner Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben.
+V.+ Wo sind diese Manuskripte?
+A.+ In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen.
+V.+ Und die Schlüssel?
+A.+ Ins Wasser geworfen.
+V.+ Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der Schere trug. Also können wir die Sachen drucken?
+A.+ Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr Verleger?
+V.+ Nur von denen aus dem Tierreich.
+A.+ Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus fremden Straßen nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie bisher für einen klugen Mann gehalten.
+V.+ Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen ein Experiment. Fremde Straßen. Romantische, naturalistische, moderne -- pikant?
+A.+ Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen. Diese Straßen- und Weltgeschichten kamen ebenso tief aus mir hervor, als die Dorfbücher; es mag mancher Tropfen Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich auch Herzblut. Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und Toren.
Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal ein bißchen aushüpfen können auf freier Straße.
+V.+ So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal auch den Gegnern der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude machen.
+A.+ Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser.
+V.+ Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben hat? »Der Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte, »wird nachgerade unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen! Was fängt der echte Dichter mit dem Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt, sein Horizont ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der Poesie als komisches Element zu gebrauchen, etwa für Posse und Schwank.«
+A.+ Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu nehmen. Er läuft in der Welt nur so nebenher und schlägt seine Purzelbäume.
+V.+ Nun, was sagen Sie dazu?
+A.+ (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, Psychologen, Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters Licht geführt haben. Da faselten sie, daß die ganze Sippe der Bauer ernähren müsse, und größtenteils auch beschützen. Nach Darwin sollen die Menschen sogar vom Bauern abstammen. Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei in allen Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen wollen gefunden haben, daß der Landmann in bezug auf die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug auf den Schwung seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler der Poesie angeblich dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt wohnt und in der Hütte: Das Volksmärchen, das Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten irren können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. -- Nun wissen wir es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn am Billard oder an der Kredenz der Kassierin, der gelehrte Stubenhocker, die Ehebrecherin im Salon, die Theaterdame usw., das sind poesiefähige Leute. Aber Andreas Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und Dirnen, die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. Der äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der als Soldat in der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; die bis in ihr hohes Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen arbeitende und geplagte, aber innerlich zufriedene und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig. Der arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der Menschheit höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, haben mit Poesie nichts zu schaffen. Die ländliche Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr Horizont zu klein ist«. Des Landvolkes Vereinigung mit der Natur, sein stilles Walten in derselben, sein Leben und Beben unter ihren Gewalten ist nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten in der Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in Waldesnacht ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«. Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken, hat also nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen Wert. -- Und die unzähligen hervorragenden Männer, die aus dem Bauernstande hervorgewachsen und in der Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind? Wir ignorieren sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen Erscheinungen und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, der bäuerlichen Neigung zur Stadt, zum Studieren, von den zahllosen Autodidakten, dem Eisenbahnwesen, der Tourist, den Sommerfrischen, haben wir -- die literarischen Bauernfresser -- noch nichts gehört. -- Wir sitzen noch auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren geritten zur Zeit, als der Ritter und die Köhlerin, die Räubermühle, die Zauberliese usw. die Literatur bevölkerten. Wir wissen nichts davon, daß dem modernen Erzähler für den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der gleiche Grundsatz gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen, effektvoller Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung der seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer Notwendigkeit, das organische Heranwachsen der Geschehnisse, des Segens, der Schuld und des Unheils aus der Artung der handelnden Personen. -- Und indem wir also die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, die einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten worden ist -- sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, der -- aus hundertjährigem Schlafe plötzlich auffahrend -- nach seinem Zopfe greift und nun mit Verwunderung inne werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare ausgegangen sind.
+V.+ Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß man ihn nicht beim Schopf nehmen kann. --
+A.+ Weil er keinen hat.
+V.+ Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß Sie den Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude machen und ihnen zeigen sollen, um wieviel die Novellen aus der größeren Welt besser sind.
+A.+ Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, den Leuten würden meine +Waldgeschichten+ wieder besser schmecken, sobald sie erst meine Weltgeschichten kennen gelernt haben. Das ist ein Standpunkt. -- Gut, wagen wir's. Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«
Der Gutsherr auf Zurkow.
Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. -- Es war mit mattfarbigem Samte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, derlei besitzt in irgendwelcher Stadt jeder reiche Schlucker.
Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so hell und rein waren, daß man meinte, sie stünden offen und die reine Nordlandsluft wehe aus und ein. Das eine Fenster zeigte die hellgrünen Buchen- und Eichenwälder von Jasmund und die weißen Strandfelsen von Stubbenkammer, das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber auf die Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete wie ein aufsteigendes Sternlein.
Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer gesehen. Ich war erst vor zwei Stunden von der Reise gekommen, die von Wien bis Rügen zwei Tage und Nächte ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge als Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder ein Interesse an den malerischen Elbeufern der sächsischen Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt Berlin aufkommen lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet -- es war sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise, als wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften »Edelsitz« Zurkow. In drei Stunden hatten wir mit den feurigsten Hengsten, die mich je durch die Luft gerissen, die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten durchschnitten.
Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches zwei weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm waren, wie der Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte auch nicht gleich, wo und wie er das vor sechs Jahren durch eine plötzliche Studienreise nach Italien unterbrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es am schicklichsten damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit wegen nach Putbus gefahren sei.
Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den man in der Künstlerbluse eines Wandmalers so oft gesehen und so liebgewonnen hat, spricht sich's etwas unglatt. Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig und wohlgemeint war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann, und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem Mißtrauen auf den Gastherrn hin, ob er's denn wirklich sei, der gute Wendel Blees. Daß er's +gewesen+ war, konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's +noch+ sei, das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun entschiedener, seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm blaß, sein Mund höflicher und sein braunes Auge lebhafter geworden. Daß er seine Absicht, Künstler zu werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem Wesen unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte Geist; überall der formenängstliche reiche Mann. An dem überladenen Aufputz der Tafel, an der Auswahl der ziemlich auffallenden Leckerbissen und an der etwas klobigen Art, womit er die Dienerschaft behandelte, war zu erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer heimisch gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen wisse.
Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und meinem Freunde über das allgemeine Befinden die geziemende Mitteilung gemacht hatte, schloß Wendel, daß ich von der Reise ermüdet sein würde und wies mir mein Zimmer an, »um mich auszuruhen«.
Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut in die mir so seltsame, zauberhaft schöne Gegend. Ich hatte eine der vortrefflichen Zigarren angebrannt und mich auf das Ruhebett hingestreckt und den mich umgebenden Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie kommst du zu diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?
Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes Bürschchen ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube getreten war, meine Bilder scharf angeblickt und mich gebeten hatte, daß ich ihn in seiner Absicht unterstützen möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre? fragte ich. »Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind, das ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern zeichnen soll. Das ist aber nichts, ich bin durchgegangen, denn ich will Maler werden.« Ob er mir Proben von seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten Zeichnungen aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem Militärleben und eine Auffahrt bei Hofe; manches war mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich diese Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß ich aus diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm doch rate, sich einem Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch sei, als das Künstlertum. Er verwies auf Maler, die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm gebracht hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein, wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen sollte, mir sie seinerzeit wieder zu bringen. Das war das erste Begegnen mit Wendelin Blees. Wir sahen uns von diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für ihn zu tun vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher in die Lehre, denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien Stunden, die er hatte, war er bei mir, sah meinen Arbeiten zu und übte sich selbst. Er eignete sich eine gewisse Technik an, aber es war kein Schwung da, keine Originalität -- kurz kein Talent.
Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.
Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens für die Kunst wegen, später, weil er ein offener, herzens- und geistesfrischer, fröhlicher Junge war. Schrullen hatte er freilich, oft so wunderliche Schrullen, daß ich mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder doch zu einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes jünger als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich keine Bildung genossen, aber er hatte liebenswürdige Naturanlagen, und wenn in seinem Wesen auch ein gewisser Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung seines Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. Es hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund bekannt, der mir nicht so viel war als der kleine Wendel. Er hat während unseres zweijährigen Beisammenseins nur eine einzige Dummheit gemacht. Auf mehreren Ausstellungen erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen. Als Folge des Beifalls erwuchsen -- wie das immer so geht -- auch die Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein Zeitungsrezensent, forderte der kleine Wendel meines Bildes wegen zum Duell. Der Rezensent machte ihn abtreten und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und ich lachte ihn auch aus.
Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, war er ein fleißiger Gehilfe, aber niemand als ich wußte, mit welchem Widerwillen er das Handwerk betrieb. Und eines Tages trat er aufgeregter als sonst in meine Stube und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu nehmen. Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien gehen könne, um an den berühmten alten Meistern groß zu werden.
Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete, daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meine Freundschaft, die ihm das Teuerste auf der Welt sei, behalten wolle. Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen, dann ging er. Ging ohne Geld -- denn sein Erspartes half ihm kaum bis über die Grenze -- ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach Italien.
Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und war's jahrelang, so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmut wurde, wie man eines Toten gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch sein mochten, immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir die durch Effekt leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen inneren Unmut nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Galerie zu Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben:
»Geschätzter Freund!
Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast, so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der Besitzer ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir bei ihm recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter
Wendelin Blees.«
Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, aber es war die seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. Zur alten Neigung kam nun auch die Neugierde. Leicht locker gemacht war ich überhaupt und schon an einem der nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.