Part 2
Auf einmal höre ich ein munteres lautes Zwitschern. Erstaunt sehe ich mich um. Gibt es hier auch Vögel? Jetzt derselbe Klang wieder. Nicht von den Bergwänden herab, nein, von unten her. Da fliegt wahrhaftig der Sänger das Eis entlang, und nun taucht er mitten in den wilden Fall hinein. Das war die Wasseramsel. Ihr ist das Leben nie zu schwer, außer wenn der Fluß zufriert und sie kein offenes Wasser mehr findet.
Weiter oben, nach Borgund zu, beginnt sich das Tal zu weiten. Nachdem ich an Huse vorübergekommen war, bog ich bei Vindhellen in den alten Weg ein, der in steilen Windungen aufwärts führt, dafür aber viel kürzer ist.
Über einen Felsrücken geht es an der andern Seite wieder bergab. Man kann hier weit in das schöne Borgundtal hineinsehen; unten rechts liegt die alte Holzkirche von Borgund, die neue Kirche unmittelbar neben ihr. Sie ist schön im Sommer, aber schöner noch ist sie anzusehen in dem weißen Winter, wenn ihre vielen Giebel und Dächer mit Schnee bedeckt sind.
Es war schon längst dunkel geworden, als ich gegen sieben Uhr in Burlo anlangte und die langen steilen Höhen zum Filefjell hinaufstieg. Der Weg war schwierig. Die Beine, die noch nicht recht geschmeidig waren, machten sich auch bemerkbar, und ich war den Tag über auf der schlechten Bahn nicht wenig gegangen. Doch hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, die Nacht in Breistölen zu schlafen, und da mußte ich eben gehen, bis ich dorthin kam.
Ich band die Schneeschuhe zusammen und zog sie hinter mir her. Wenn nichts andres, so war es doch eine kleine Abwechslung, sie nicht mehr beständig an den Füßen zu haben.
Bald begann die Bergweite sich vor mir auszubreiten, während hinten das Tal im Dunkel lag. Über mir flimmerte der Sternhimmel und warf einen unsichern Schein über die Berge. Die Nacht war still, kein anderer Laut war zu hören als meine eigenen Schritte im Schnee.
Wie ganz anders war es doch, als ich im letzten Winter an Weihnachten hier wanderte; es war just um dieselbe Tageszeit. Jetzt dieser tiefe Friede. Man sieht geradezu in den Weltenraum hinein. Damals Sturm und Schneetreiben, das ganze Bergland im Gestöber, so daß man nur ein paar Armlängen weit sehen konnte. Der Gegenwind war so stark, daß man auf den Schneeschuhen zurückgeworfen wurde; man mußte sie abschnallen, um nur vorwärtszukommen. Der Hund jammerte und zitterte unter den Windstößen.
Endlich erglänzten auch diesmal die Fenster von Breistölen lockend in die Nacht hinein, und bald war ich unter Dach.
„Herrjesses, ist denn jemand noch so spät in der Nacht im Gebirge?“
„Jawohl, es ist einer da.“
„Ach nein, du bist’s? Du bist ja immer so spät unterwegs.“
Ich bekam Milch, und dann ging’s ins Bett. Es läßt sich nicht leugnen, es gibt wenige Genüsse im Leben, die den übertreffen, sich nach einem beschwerlichen Tag in einem guten Bett auszustrecken, nachdem man den Durst gestillt und sich satt gegessen hat.
Am nächsten Morgen ging es über das Filefjell weiter nach Bjöberg.
Gerade als ich von Breistölen aufbrach, ging die Sonne auf und ergoß ihre Röte über das Nebelmeer und die Berggipfel, die wie weißrote Zelte aus dem Nebel aufragten. Das Tal, aus dem ich kam, lag ganz unter den Nebelwogen verborgen. Über der Berglandschaft aber spaltete sich der Nebel immer mehr und mehr, so daß die Sonne in breiten Streifen durchdrang, während einzelne warmgetönte Nebelfetzen um die Gipfel krochen.
Nun galt es, vom Westland Abschied zu nehmen. Nach Osten hatte ich nur das weiße Hochland vor mir.
Wie ich in dieser Stille dastand, weckte mich auf einmal Lärm in nächster Nähe; donnernd ging in dem Berge hinter mir eine Lawine herab; der Rauch stieg zum Himmel an. Sie erreichte den Grund -- das Echo erstarb im Schnee -- nur einige feine weiße Schneewolken umschwebten noch die Bergwand.
Ich setzte meinen Marsch fort. Es war richtiges frisches Winterwetter. Die Sonne glitzerte in Tausenden von Eisnadeln. Ringsum erhoben sich die kuppelförmigen Berge in weißer Pracht. Alles lag im Sonnenlicht, alles war glänzend weiß. Nur hier und da zogen schwarze Wolkenbüschel um einzelne Berggipfel, während sich der Himmel darüber hellblau und fleckenlos wölbte.
Ich fuhr über Bergrücken und Gipfel. Es war gerade kein kurzer Weg, aber man konnte auf den Schneeschuhen stehen, und das war ja die Hauptsache.
Um die Mittagszeit erreichte ich Bjöberg. Dort waren zwei Jäger aus dem Lärtal auf der Schneehuhnjagd, und nach dem, was man auf dem Söller des Hauses sah, war kein Mangel an Schneehühnern. Die Männer saßen, als ich ankam, gerade bei Tisch und genossen offenbar das Leben, wie es Jäger zu tun pflegen. Ich wurde sofort herzlich eingeladen, mit ihnen zu speisen; dazu brauchte es keine große Überredung. Das Mahl war freilich nicht zu verachten: frischer Renntierbraten von Fleisch, das seit dem Herbst unter dem Schnee gelegen hatte und so frisch war, als sei das Tier erst gestern erlegt, und dann mehrere andere Gerichte. An Getränken fehlte es auch nicht; es gab Bier, Schnaps, Milch, Rotwein, Sherry. Als wir den Durst gestillt und uns satt gegessen hatten, kamen Kaffee und Zigarren. Und wahrhaftig, da brachte der alte Knut Bjöberg aus dem Keller auch noch Curaçao herbei.
Das war eine andere Bewirtung als im vorigen Winter. Damals kam ich auch auf Schneeschuhen mit einem Hund daher. Als ich in die Küche trat, stand dort Bjöberg. Er sah mich von der Seite von oben bis unten an und schielte nach dem Hund.
„Kann ich etwas zu essen bekommen?“ fragte ich.
„Dort kannst du dir nehmen“, antwortete er und zeigte auf den Tisch, wo eine halbgeleerte Schüssel mit Grütze und etwas saure Milch in einem Topfe stand. Ich sah die Schüssel an und sagte langsam:
„Ich bin ja gerade kein Kostverächter, aber wenn es angeht, möchte ich doch am liebsten etwas Fleisch haben.“
Da warf mir Bjöberg einen scharfen Blick zu und fragte:
„Kannst du denn das Essen auch bezahlen?“
Ich erwiderte: „Freilich will ich bezahlen!“ Und da bekam ich denn etwas gekochtes Fleisch.
Er hielt mich für einen Landstreicher, für deren Beköstigung sie auf diesen Berghöfen vom Staate Bezahlung erhalten. Es konnte ja nicht anders sein, wenn einer in der Winterszeit hier auf Schneeschuhen daherkam, den Rucksack auf dem Rücken und mit so einem Hund! Aber jetzt hatte der alte Bjöberg-König eine andere Ansicht von mir bekommen. Er wußte gar nicht, was er alles mit mir anstellen sollte.
Ja, es war ein gemütlicher Mittag. Es ist eigentümlich: wenn Jäger zusammenkommen, gibt es nicht viele Umstände; sie sind gleich gute Freunde. Und manche Jagdgeschichte würzte das Mahl.
Die beiden Männer drangen immer mehr in mich, ich möchte dableiben und mit auf die Schneehuhnjagd gehen. Flinte und Patronen sollte ich erhalten, und schöne Hühner gebe es genug. Wahrhaftig, es gehörte weniger dazu, ein Jägerherz in Brand zu setzen. Aber unterwegs begann ich unschlüssig zu werden. War es nicht doch das beste, weiterzuziehen, um zu dem Schneeschuhwettlauf zu kommen, den ich mir nun einmal in den Kopf gesetzt hatte? Und so leid es mir tat, nahm ich Abschied von diesen gemütlichen Menschen, dankte für all ihre Gastlichkeit und zog weiter übers Gebirge nach dem Hemsetal zu.
Ich hatte mir’s in Bjöberg doch zu bequem gemacht. Es dämmerte schon, die Sterne traten allmählich hervor, und der neue Mond stand im Süden über dem Gebirge. Als ich an dem stillen Abend weiterwanderte, hörte ich von der andern Seite des Tals herüber aus den Weidengebüschen das Gack-gack-gack-gack der Schneehühner. Sie waren wohl dabei, sich für die Nacht eine Unterkunft zu suchen.
So eine Bewirtung mag recht gemütlich sein, aber es fragt sich, ob sie für den gut ist, der weiterwandern soll. Ich habe sonst eine gute Lebensregel: Trink nicht viel und rauche nicht, wenn du einen langen Weg vor dir hast. Heute hatte ich beides getan. Aber ich fühlte es auch wie Blei in den Gliedern.
Es war spät, als ich Tuf im Hemsetal erreichte. Da ich entschlossen war, am selben Abend noch weiterzukommen, um wenn möglich am nächsten Tag Gulsvik zu erreichen, wollte ich hier am liebsten ein Pferd haben.
Die Lampe unter dem Balkendach erleuchtete matt den großen Raum, in den ich trat. Um den Tisch herum saß eine ganze Gesellschaft, meist Pferdehändler, die Karten spielten. Man schlug auf den Tisch, und das Geld klirrte. Ich wurde sogleich eingeladen mitzutun, zog es aber vor, weiterzukommen. Es gab saure Gesichter, daß man so spät noch heraussollte; aber ein Pferd bekam ich. Die Fahrt in dieser sternklaren Nacht war etwas kalt, leicht angezogen und müde wie ich war. Aber ab und zu ein Dauerlauf half darüber hinweg.
Endlich blinkt ein Licht durch den Wald. Wir biegen auf einen Hofplatz ein und sind an der Poststation Kleven. Mitternacht ist schon vorüber. Alle Leute schlafen. Wir donnern gegen Türen und Fenster, erhalten aber keine Antwort. Endlich werden einige Mägde wach. Licht wird angezündet. Aber auch hier ist alles von Pferdehändlern besetzt, die ostwärts auf die Märkte reisen. Nach einigen Unterhandlungen läßt sich doch noch Unterkunft schaffen, und ich erhalte ein Bett und ein Fell.
Am nächsten Morgen gegen neun Uhr ging es wieder auf Schneeschuhen das Hemsetal hinab. Die Berglehnen stiegen zu beiden Seiten gleichmäßig an. Der Fichten- und Kiefernwald stand frisch und schön unter der Last des Schnees. Da und dort lagen oben auf den Hängen Sennhütten in den weißen Almwiesen, und im Talgrund murmelte der Fluß geschützt unter dem Eis. Wie winterstill es war! Ja, nun bin ich zum norwegischen Winter zurückgekehrt. Das Herz jubelt.
Dort ist ja bereits Rolfshus. Vielleicht ist es möglich, heute noch die siebeneinhalb Meilen bis Gulsvik zurückzulegen. Es ist erst halb elf Uhr; anderthalb Meilen in anderthalb Stunden, das verspricht Gutes. Mit neuem Mut geht es durch das Hallingtal nach Nes.
Hier bekam ich ein kräftiges Mittagessen und hielt eine Stunde Rast, dann ging’s die vier Meilen nach Gulsvik weiter.
Der Schnee fiel in weichen, dichten Flocken. Ich hatte Angst wegen der Bahn. Die Schneeschuhe blieben schon etwas haften, aber es ging vorwärts, und solange kann man ja zufrieden sein.
Spät in der Nacht kam ich endlich müde und durstig nach Gulsvik. Aber nun war ich bald am Ziel: nur noch die vier Meilen über den Krödersee und morgen mittag mit dem Zug weiter. Dann kann ich am Sonntag ausruhen und mich für den Schneeschuhlauf am Montag etwas üben.
Ein paar Liter gute süße Milch, wie köstlich das schmeckt! Gibt es wohl etwas Besseres? Und dann zu Bett gehen und die müden Glieder mit Wohlbehagen in den Wolldecken ausstrecken!
Am nächsten Morgen war wieder klares Wetter. Die Sonne schien, als ich um neun Uhr von Gulsvik aufbrach. Ich dachte an den Ringnesrücken mit seinen lockenden Höhen. Aber die Zeit war zu knapp, um noch den Dreiuhrzug zu erreichen. Deshalb war es am besten über das Eis zu fahren; auf den Schneeschuhen ging es darüber in größter Geschwindigkeit.
Schimmernd weiß lag der Krödersee Unter den steilen Birkenhalden.
Und dann oben rundherum die Fichtenhänge und hoch über dem Ganzen der weiße Noreberg. Ja, hier ist es schön, winters und sommers!
In Ringnes war ich gegen zwölf Uhr, und da es von dort noch eine Meile bis Olberg ist, mußte ich mich beeilen. Von neuem ging es weiter, was Glieder und Schneeschuhe nur leisten konnten, und in weniger als einer Stunde war ich in Olberg. Ich hatte noch mehr als zwei Stunden bis zum Abgang des Zugs und nur noch eine Meile zu laufen. Ich konnte bequem einkehren und eine Weile ruhen.
Als ich in der Sofaecke saß, war die Versuchung zu stark. Es war vielleicht doch gut, die letzte Meile zu fahren, und im Pelze des Posthalters, die Schneeschuhe hinter mir, den Hund vor mir, sauste ich im Schlitten in scharfem Trab übers Eis nach dem Bahnhof.
Von Kristiania zurück nach Voß.
Die Schlittenschellen klingelten munter in die Nacht hinaus. Vor mir erstreckte sich das Krödereis blank in das Dunkel hinein. Hoch oben strahlten die Sterne. Die Gedanken gingen im Takt mit den Schellen, während ich im Schlitten saß.
Die Hauptstadt und ihr Lärm lagen hinter mir; es ging wieder hinauf in die freien Berge. Die Tanzmusik des letzten Abends summte und hüpfte noch in den Ohren.
Welcher Wechsel! Am Ufer des Krödersees unter den dunkeln Höhen blinkten freundliche Lichter aus Höfen und Hütten in die Nacht hinein. Welcher Friede! Wie still und ruhig fließt das Leben an diesen Berglehnen dahin. In der Stadt dagegen....
Schwapp, schwapp, das Pferd trat durch die brüchige Eiskruste. Ich schreckte aus meinen Gedanken auf, fuhr schärfer zu, und flott ging es bald über Glatteis, bald über Krusteneis nach Olberg.
Am nächsten Morgen im Schlitten weiter über den Krödersee. Wie rasch sich alles verändert! Als ich vor etwa anderthalb Wochen diesen Weg kam, herrschte hier strenger Winter, und alles war weiß. Schwer lag der Schnee im strahlenden Sonnenschein auf Wald und Busch. Jetzt aber war alles schwarz und traurig, nur hier und da vereinzelte weiße Streifen. Die Bäume standen nackt, die Dächer der Hütten waren ohne Schnee, das Eis blank und naß, die Luft dunkel und regenschwer, und die Höhen mit dem feuchten Nebeldach, wie waren sie düster und schwermütig! Der lichte, frische Winter war verschwunden.
Das war wenig versprechend für den, der die Schneeschuhe gebrauchen wollte....
Doch es wird sich schon machen. Auf den Höhen liegt Schnee --, und schnell ging es das Hallingtal hinauf auf der gewölbten, blanken Straße, wo es oft recht schwer war, den Schlitten in der Mitte des Wegs zu halten, ohne in die Gräben zu geraten.
Lange Strecken konnten wir den Fluß hinauffahren; dort lag blankes Schlittschuheis. Mehr und mehr ärgerte es mich, daß ich die Schlittschuhe nicht mitgenommen hatte. Sicher hätte ich fast den ganzen Weg vom Bahnhof über den Krödersee und den Fluß hinauf bis weit hinein nach Ål laufen können. Das wäre eine lange Schlittschuhfahrt geworden. Doch -- -- da trat das Pferd durchs Eis -- -- ein Ruck in die Zügel, nach links, und wir waren geborgen. Man muß gut aufpassen. Nach dem langen Tauwetter ist das Eis mit seinen Löchern jetzt heimtückisch.
Schon begann es zu dämmern, als wir am Nachmittag Nes erreichten. Aber ich wollte noch die zwei Meilen bis Rolfshus zurücklegen und gern die steifen Glieder wieder geschmeidig machen. Deshalb nahm ich die Schneeschuhe auf die Schulter und marschierte weiter.
Es war dunkel, und der Weg war glatt und beschwerlich zu gehen. Vom Fluß her vernahm ich den Lärm des Eises, dazu Rufe und Gelächter. Schlittschuhläufer amüsierten sich offenbar gut, und auch die Dunkelheit hatte sie nicht nach Hause getrieben.
Bald kam ich an einem Gehöft vorüber -- es mochte irgendeinem Beamten gehören -- und hörte die gebietende Stimme einer Hausmutter ins Dunkel hinausrufen: „Na, kommen sie noch nicht?“
Und eine Mädchenstimme antwortete im Hallingdialekt: „Nein, ich habe mich schon heiser geschrien, aber sie wollen nicht gehorchen.“
Da stand die Kindheit mit einem Male lebendig vor mir. Ja, wenn das Eis blank auf Fluß und Teich lag, war es nicht leicht, uns nach Hause zu unsern Schularbeiten zu bringen....
Der Freitagmorgen brachte klares Wetter und einige Grade Kälte. Von Rolfshus aufwärts lag soviel Schnee am Straßenrand, daß ich die Schneeschuhe benutzen konnte.
Ich stand vor der Entscheidung: sollte ich wieder den Weg durchs Hemsetal und über das Filefjell einschlagen? Das war ja das Sicherste, aber auch etwas zu zahm. Nein, dann lieber durch Ål und über die Hallingberge. Das Wetter lockte. Sicher gab es im Gebirge gute Bahn, und man hat ja die Wahl zwischen drei Übergängen: über den Gjeiterücken nach Aurland hinunter, oder über Nygard nach Eidfjord in Hardanger, oder auch den längeren Weg über Vosseskavlen nach Voß hinab. Einer davon mußte doch möglich sein...
Nach Sundre kam ich kurz nach Mittag; ich sprach hier mit dem Posthalter, welcher Weg wohl der beste sei, doch müsse ich morgen jenseits des Gebirges sein. Das sei unmöglich, meinte er; er war bloß den Weg über Nygard nach Eidfjord gegangen; aber ich könnte Nygard heute nicht erreichen, denn bis dahin seien es fünf Meilen, ich müsse warten.
Nein, das dauerte zu lange. Dann wollte ich lieber nach Gudbrandsgard fahren, dem höchsten Gehöft des Bezirks nach Sogn und Voß zu. Bis dahin waren es vier Meilen, und von dort aus kam ich morgen wohl wenigstens bis nach Aurland in Sogn, vielleicht sogar nach Voß. Dort war aber der Posthalter nicht bekannt, und nie hatte er gehört, daß jemand im Winter diesen Weg eingeschlagen hätte. Er glaubte auch nicht, daß es ginge. Ich meinte, ich wolle es versuchen. Dann war es aber das beste, ein Pferd bis Nerål, der letzten Station im Tal, zu nehmen, um Gudbrandsgard vor Einbruch der Nacht zu erreichen und am nächsten Morgen in aller Frühe aufbrechen zu können.
Ein Pferd bekam ich, und schnell genug ging es bis Nerål über das blanke Eis der vielen Seen. Von dort mit frischem Pferd weiter nach Gudbrandsgard. Aber nun war es spät am Nachmittag geworden, und es dämmerte schon. Die Straße war gewölbt und vereist. An vielen Stellen geht es durch enge Schluchten, die Bergwand an der einen, den Abgrund und den Fluß auf der andern Seite. Man mußte vorsichtig fahren.
Diese Straße war vielleicht die, die König Sverre im 12. Jahrhundert nach seinem Marsch übers Gebirge von Voß her mit seinen Anhängern, den Birkenbeinern, gekommen war...
Der Weg wurde schlechter. Es war stockdunkel. Über den Bergen schien sich ein Unwetter zusammenzuziehen. Das versprach für morgen nichts Gutes.
Endlich waren wir auf dem Sundalsfjord, und in scharfem Trab ging es nach Gudbrandsgard.
Ich trat in eine große gemütliche Stube. Auf dem Herd flammte ein Scheiterhaufen harzigen Kiefernholzes. Sie hatten sich schon schlafen gelegt, waren aber gleich aufgestanden. Von den nahe der Decke angebrachten Betten sahen einige fragende Gesichter herab.
Etwas recht Gemütliches und Warmes haben diese alten Hallinghöfe, und gerade Gudbrandsgard ist einer von den echten. Wände und Dach sind schwarz von Feuer und Rauch, aber sie würden nur verlieren, wenn sie frisch gescheuert würden. Diese braunen Holzwände und dieses rauchgeschwärzte Balkendach bergen Erinnerungen.
Ich zog einen Stuhl an den Herd und streckte mich behaglich aus. Der Hund kroch dicht an das Feuer heran, starrte hinein und machte sich’s recht bequem.
Ich plauderte mit dem Bauern über die Aussichten, morgen übers Gebirge zu kommen.
„Ja, nach Aurland kommst du wohl hinüber. Im Gebirge ist jetzt gute Bahn.“
„Ich möchte am liebsten über Hallingskei und Vosseskavlen nach Voß,“ wandte ich ein.
„Das wirst du wohl nicht schaffen. Ich bin in der Gegend nicht bekannt und habe auch nicht gehört, daß einer den Weg im Winter gegangen ist. Du willst doch nicht etwa allein dorthinüber gehen?“
„Im Herbst vorigen Jahres bin ich schon dort gegangen. Wenn ich aber einen Begleiter kriegen kann, so möchte ich gern einen guten Schneeschuhläufer haben, der die Gegend kennt.“
„Hier im Tal wirst du nicht leicht einen finden, der dich jetzt übers Gebirge nach Voß begleiten wollte. Der einzige wäre Andres Myrestöle. Er treibt Renntierzucht und Schneehuhnjagd und ist im Gebirg überall gut bekannt. Wenn er dich nicht begleiten will, so ist gewiß kein andrer aufzutreiben.“
Nach Myrstöl waren es fünf Viertelmeilen. Es lag gerade auf meinem Weg bei Strandefjord. Das beste war, am frühen Morgen aufzubrechen und dort vorzusprechen. Die Frau versprach, mich um ½3 Uhr zu wecken und etwas Essen bereitzuhalten.
Wie groß war meine Überraschung, als ich Rahmgrütze auf dem Frühstückstisch vorfand.
„Du mußt mit dem vorliebnehmen, was da ist,“ sagte die Frau. „Grütze hält lange vor, und dann wird man nicht durstig davon.“
Ja wahrhaftig, ich nahm vorlieb, wenn auch nicht gerade, weil ich jetzt im Winter im Gebirge den Durst fürchtete. Aber ich sollte die Richtigkeit ihres Wortes, daß Grütze auch für den Durst gut sei, noch bestätigen müssen.
Die braven Menschen! Wie gut sie es meinten, und als ich mich verabschiedete, ermahnten sie mich dringend, vorsichtig zu fahren!
Dann ging es in die mondhelle Nacht hinaus. Die Bahn war gut, der Schnee hart. Bevor ich das Tal verließ, mußte ich mehrere Male fühlen, daß Mondschein für Schneeschuhläufer heimtückisch ist. Der Schnee leuchtete in silbernem Glanz, wo nicht Abhänge und Vertiefungen dem Mond abgewandt waren. In den wenigen zerstreuten Waldstrecken warfen die Bäume lange Schatten. Die Berglehne im Süden lag im Dunkel.
Ich sauste eine lange Anhöhe hinab. Erst durch ein Wäldchen, dann aufs offene Feld hinaus. Aber auf einmal lag der Weg wieder im Schatten. Dichtes Gebüsch stand zu beiden Seiten. Bums! Die Schneeschuhspitzen rannten gegen einen Schneebuckel -- und ich lag auf der Nase. Nun, das war nicht das einzige Mal.
Allmählich ließ ich das Tal mit den Bäumen und Büschen hinter mir. Im Westen lag die Bergweite wogend vor mir. Wohin das Auge schaute, war Schnee, Schnee, weißer, schimmernder Schnee.
Schnell ging es vorwärts. Mein Schatten tanzte neben mir her. Ich kam auf einen Bergrücken hinauf; vor mir breitete sich westwärts weit hinaus die weiße Fläche des Strandefjords, und den Hang hinunter ging es gerade auf ihn zu. Die Schneeschuhe hüpften über die Schneewehen wie über erstarrte Wogenkämme; es ging mit rasender Geschwindigkeit. -- Nun war ich drunten auf dem Eise und hatte nur noch eine halbe Meile bis Myrstöl.
Bald meldete sich über der Bergreihe im Osten der Tag mit tiefstem Feuerrot, das nach und nach stärker und heller wurde. Berge und Schneeflächen empfingen einen seltsam unwirklichen blauvioletten Schein. Aber noch schien der Mond und warf lange Schatten.
Da lag auch schon Myrstöl. Ich ging um das Haus herum, um den Eingang zu finden. Es sah ganz so aus wie ein Stall. Ich klopfte, man antwortete, und ich öffnete die Tür. Ich sah in einen Raum mit Feuer auf dem offenen Herd, einige Frauen standen dort. Ein scharfer Geruch von Kühen schlug mir entgegen, und ich hörte die Tierlaute aus dem Raum nebenan und aus dem Raum unter der Diele. Ein solches Zusammenleben von Mensch und Vieh unter einem Dach hatte ich noch nie gesehen. Aber es gab Wärme, und Holz war spärlich, so tief im Gebirge.
„Guten Morgen, ist der Bauer zu Hause?“
„Nein, er ist bei Sennhütten jenseits des Fjords. Sie sind dabei, Renntiere zu zeichnen.“
Das Glück ist ein launischer Vogel. Die Renntierherde, die sie hier halten, hatte ich nicht in Rechnung gesetzt.
„Wie weit ist es bis dahin?“
„So eine halbe Meile Wegs wird’s wohl sein.“
Hm, bis Voß waren es wohl sieben oder acht Meilen. Da noch zwei halbe Meilen zuzulegen, war etwas viel. Ich mußte sofort weiterwandern. Aber etwas Proviant und eine Schachtel Streichhölzer hätte ich gern mitgehabt.
„Hast du etwas Proviant für mich zum Mitnehmen?“
„Da kann wohl Rat geschafft werden, wenn du mit dem vorliebnehmen willst, was wir haben. Aber wohin willst du denn? Du willst doch nicht etwa jetzt allein durchs Gebirge gehen?“
Jawohl, daran hätte ich gedacht, und die Bahn wäre im Gebirge jetzt wohl gut.
„Ja, das ist sie, und wenn du den Weg kennst, so sind es nur drei Meilen bis Aurland. Aber die Tage sind kurz, und es kann schwer werden, bis zum Abend ans Ziel zu kommen.“
Nein, diesen Weg kenne ich nicht. Ich wollte über Hallingskeid, Gröntalsee und über den Skavlen ins Rauntal hinab.
„Nein! Hat man so was gehört, +den+ Weg jetzt zu gehen! Wo soviel Schnee im Gebirge liegt!“
Um so besser sei es, meinte ich, dann gäbe es doch gute Schneeschuhbahn.
„Aber du kommst heute nicht hinüber, und was willst du dann tun?“
Darüber wollte ich unterwegs nachdenken. Sehe es allzu gefährlich aus, dann könnte ich ja immer noch nach Aurland hinabfahren. Aber auf alle Fälle möchte ich etwas Proviant mitnehmen.
„Und dann könntest du mir eine Schachtel Streichhölzer geben,“ sagte ich zu dem jungen frischen Mädchen, das neben mir stand.
„Die sollst du haben,“ sagte sie und mit schelmischem Lächeln in den Augen fügte sie hinzu: „Aber dann mußt du mir auch versprechen, nicht übers Hochgebirge zu gehen.“