Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Buches verschoben.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Freiluftleben
Fridtjof Nansen
Freiluftleben
Leipzig ♢ F. A. Brockhaus ♢ 1920
Von diesem Buch sind dreihundert Exemplare auf Büttenpapier von Van Gelder Zonen abgezogen, mit einem Bildnis des Verfassers in Kupferdruck in Halbleder gebunden und handschriftlich numeriert worden.
Copyright 1920 by F. A. Brockhaus, Leipzig.
Inhalt.
Seite
An den deutschen Leser 5
Auf Schneeschuhen übers Gebirge 9
Von Bergen nach Kristiania 9
Von Kristiania zurück nach Voß 29
Ein Menschenalter später 54
Haraldsets Jagdgeschichten 62
Winter im Gebirge 88
Nach Island und Jan Mayen 104
Herbstjagd in den Bergen 144
Auf der Auerhahnbalz 161
Im Bereich Rondanes und der Sölenberge 173
An den deutschen Leser.
Wenn diese Blätter eine Mahnung enthalten, so ist es das alte Losungswort: +Zurück zur Natur!+ Das einzige Heilmittel gegen die Krankheit unserer Zeit.
Nur allzuvieles, was geschehen ist, seitdem diese Blätter geschrieben wurden, scheint mir dies in unheimlichem Maße erwiesen zu haben.
Europa ist krank. Die weiße Rasse hat eine Fieberkrisis zu überstehen. Die menschliche Gesellschaft zeigt an vielen Stellen die Symptome der Auflösung.
Der Heiltrank kann nur aus den einfachen Tiefen der Natur geschöpft werden.
Als Präsident Wilson die Vereinigten Staaten in den Krieg führte, hoffte er die Welt dadurch „~safe for democracy~“ zu machen.
Die Welt aber wollte es anders.
Europa ist ein Chaos geworden, ein brodelnder Hexenkessel, in dem Demokratie, Despotie, Militarismus und Anarchie in unheilschwangerem Brei sich umeinanderwälzen, und niemand weiß, was in heftigsten Entladungen explodieren wird.
Klarer als je zuvor hat sich erwiesen, daß der Krieg keine Heilung, keine Erlösung bringen kann. Wohl vermag er eine drohende Krankheit auszulösen. An ihrer Stelle aber schafft er zehn neue Krankheitskeime. Er ist selber ein Fieber und keine Kur.
Die Seele der menschlichen Gesellschaft läßt sich nicht durch Bajonette reformieren, und keine Idee, auch eine falsche nicht, kann durch Maschinengewehre umgebracht werden.
Bernard Shaw soll kürzlich gesagt haben, er wisse nicht, was die Bewohner der andern Planeten im Sinne hätten. Dessen sei er aber sicher, daß sie unsern Planeten für ein Irrenhaus hielten.
Das gibt ein treffendes Bild des jetzigen Zustands unserer Erde.
Die Geisteskrankheit rührt aber von den falschen Grundanschauungen her.
Die Menschen sind auf Abwege geraten in ihrer wahnsinnigen Jagd nach Macht.
Die Massen haben Kultur mit materieller Entwicklung verwechselt. Letztere bringt die Macht des Überflusses, erstere die Schönheit der Harmonie.
Nicht der Wille zur Macht, sondern der Wille zur Schönheit wird die neue Zukunft schaffen:
die Schönheit der großen, einfachen Lebenslinien, die alle Herrschgier, allen Flitterstaat, allen Überfluß abgestreift hat.
+Schließlich muß doch der Geist den Sieg erringen+:
nicht +der+ Geist, der neue Gewaltmittel erfindet, neue Zerstörungsmaschinen, neue Sprengstoffe, neue Gase --,
auch nicht +der+ Geist, der neue Industrien schafft, neue Verkehrsmittel erschließt, so nützlich er auch sein mag --,
sondern +der+ Geist, der aus den alten, ewig jungen Urquellen der Natur schöpfend neue Lebenswerte formt:
die +Welt der Zukunft+, deren Symbol nicht mehr die raffende Raubtierklaue ist, sondern die gebende Menschenhand --,
in der die Klassenpolitiker und die Staatsmänner entdeckt haben, daß es +nicht nur Menschen+ gibt, +sondern auch Mitmenschen+ --,
in der sie nicht nur mit den Lippen bekennen, sondern auch durch die Tat beweisen, daß sie anstatt die brutale Selbstsucht der Staaten, der Klassen, der Einzelnen, auch in der Politik die Lehre der Nächstenliebe vertreten, die da sagt:
+Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu.+
* * * * *
Laßt uns, trotz der Finsternis, laßt uns nicht an der Morgendämmerung zweifeln!
Noch gilt das Gesetz von der Kontinuität des Keimplasmas. Noch ist das Geschlecht im Kern gesund und unverdorben. Nur die Lebensbedingungen, die Grundlagen der Erziehung in den sogenannten Kulturzentren sind naturwidrig.
Die Rettung liegt, jetzt wie immer, in der Losung:
Zurück zur Natur, zu den einfachen Grundwerten, auf denen alle Schönheit des Lebens sich aufbaut.
Wie in Wissenschaft und Forschung, so auch im Menschenleben gilt es den Naturgesetzen zu folgen. +Nicht wider die Natur heißt es zu wirken, sondern im Bunde mit der Natur!+
+Lysaker+, Weihnachten 1919.
Auf Schneeschuhen übers Gebirge
Von Bergen nach Kristiania.
+Bergen+, im März 1884.
Es war am Sonnabend, 26. Januar, in diesem Jahre des Heils 1884. Ich ging abends vom Museum nach Hause. Der Regen peitschte mir das Gesicht mit einer Heftigkeit, die selbst hier in Bergen ungewöhnlich war. Am Himmel jagten schwarze Wolken. Das Thermometer zeigte viele Grade Wärme, das Barometer sank und sank und stand auf Erdbeben. Wahrhaftig ein Wetter, das der Verzweiflung nahebringen konnte. Das sollte also der norwegische Winter sein!
Die Geschäftsleute hasteten die Straße entlang, den Regenschirm gegen den Wind, den Kopf tief zwischen den Schultern. Nach vollbrachter Wochenarbeit strebten sie dem gemütlichen Heim zu.
Morgen war Sonntag. Erst noch einen Abstecher nach dem Postamt, um nach Post zu fragen; dann nach Hause, um es mir gemütlich zu machen und alle Schlechtigkeit der Welt und des Wetters zu vergessen.
Ich hatte mich im Lehnstuhl zurechtgesetzt. Einen flüchtigen Blick in das eben angekommene Sportblatt; dann wollte ich mich in meine Studien vertiefen. Doch was stand da? Schneeschuhwettlauf auf der Husebyhöhe am 4. Februar. War es möglich? Sollte es wirklich irgendwo in norwegischen Landen Schneeschuhbahn geben?
Schneeschuhe und Schneeschuhbahn waren wohl das, was noch vor einem Augenblick meinen Gedanken am fernsten gelegen hatte. Nun ergriff es mich mit unwiderstehlicher Gewalt: Lockend weiß stand der Nadelwald unter der Schneedecke; die Dörfer mit den Halden, Hügeln und den Bergen lagen blank und weiß da und glitzerten im Sonnenschein. Alles so frisch und so leicht in der klingenden Winterkälte...
* * * * *
Der Sonntag kam und brachte noch mehr Sturm und Regen. Am nächsten Morgen wollte ich aufs Meer hinaus zur Tiefseeforschung. Aber die Gedanken gaben keine Ruhe. Ich mußte in den Zeitungen der letzten Tage nach den Wetterberichten schauen. Nein, Wärmegrade übers ganze Land, nirgends konnte es Schneeschuhbahn geben. Da unternahm ich lieber meine Meerfahrt.
Am Nachmittag aber half nichts mehr: fort mußte ich, und ich ging zum Oberhaupt des Museums, zum alten Doktor Danielsen. Er war verständnisvoll wie immer, und ich bekam Reiseurlaub. Nun galt es, alles für meine Abwesenheit zu ordnen, dann konnte ich am nächsten Morgen um halb sieben Uhr mit dem Zuge abfahren.
Alle vernünftigen Freunde meinten natürlich, es sei Wahnsinn, in dieser Zeit über das Gebirge reisen zu wollen, und schüttelten den Kopf -- aber Jugend hat keine Tugend...
Endlich saß ich im Abteil, und es ging nach Voß hinauf. Der Regen trommelte auf das Wagendach. Na ja, ein schönes Schneeschuhwetter das! Aber höher oben würde es wohl besser werden. Durch Tunnels und Einschnitte ging es, an Abgründen vorüber, die engen Fjorde entlang. Als wir weiter hinaufkamen, begannen die Abhänge der Berge hoch oben weiß zu werden. Das hob sofort die Hoffnung: im Gebirge gab es sicher Kälte und Schnee.
Um zwölf Uhr brachen der Hund und ich von Voß auf. Wir schlugen den Weg durch das Rauntal ein; von dort wollten wir nach Hol im Hallingtal hinübergehen. Das ist ein etwas weiter Weg übers Gebirge. Dafür wird aber der Weg nach dem Ostland um so kürzer.
Die Schneeschuhe auf den Schultern, stieg ich getrost in rieselndem Regen aufwärts. Es würde schon besser werden, wenn ich erst ins Gebirge hinaufkam; dorthin wollte ich bis zum Abend gelangen. Ich ging und ging, aber beständig lag der Nebel dicht und schwer über den Abhängen zu beiden Seiten des Tals, und die Regentropfen fielen gleich schwer und ungemütlich.
Unterwegs fragte ich, ob jemand wisse, wie die Schneeschuhbahn im Gebirge sei. Aber man schüttelte nur den Kopf und meinte, bei solchem Wetter sei nicht ans Gebirge zu denken.
Als ich mich dem Sverresteig näherte und es noch nicht aussah, als wenn es besser werden sollte, dachte ich, es sei doch vielleicht vernünftiger, umzukehren und den Weg über Gudvangen und von da ins Lärtal einzuschlagen. Von dort konnte ich auf der Poststraße weiterkommen, mochte dann das Wetter sein wie es wolle.
Gedacht, getan. Und da ich auch einen Pferdehändler mit Pferd und Schlitten traf, der auf demselben Weg nach dem Ostland wollte und sich erbot, die Schneeschuhe mitzunehmen, so ging ja alles in schönster Ordnung.
Am Abend erreichte ich Vinje. Hier war schon gute Schneeschuhbahn, nur war es noch etwas zu mild. Der Mann mit den Schneeschuhen und noch ein Pferdehändler, der sich angeschlossen hatte, übernachteten auf dem Nachbarhof. Sie versprachen bei mir vorzusprechen, bevor sie am nächsten Morgen aufbrachen.
Nach der ungewohnten Bewegung schlief ich gut. Der Tag war schon ziemlich weit vorgeschritten, als ich erwachte. Ich richtete mich auf, um durchs Fenster zu schauen. Doch was für ein Anblick: Eisblumen an den Fenstern! Es war unmöglich hindurchzusehen. In aller Eile stand ich auf und durch Reiben und Hauchen taute ich soviel von dem Fenster auf, daß ich erkennen konnte: es war klares Frostwetter mit Neuschnee. Das gab einen Jubel...
Hastig verzehrte ich das Frühstück, und dann sprang ich nach dem Nachbarhof hinüber, um die Schneeschuhe zu holen; nun sollte es nach Gudvangen gehen. Aber ach, die Männer waren vor einer halben Stunde abgefahren und hatten die Schneeschuhe mitgenommen.
Das kühlte mir das Blut ab. Aber wenn ich sie noch vor dem Stalheimhügel einzuholen vermochte, dann konnte ich dort ja doch noch die Schneeschuhe gebrauchen. Aber bis dahin war es nur eine Meile[1], und da ist eine halbe Stunde ein großer Vorsprung.
[1] Unter „Meile“ wird hier und im folgenden die alte norwegische Meile = 11 Kilometer verstanden.
Ich eilte die Anhöhen hinan. Es war schwer, im Schnee zu gehen; aber das Wetter war herrlich. Ringsum strahlten die Berge blendend weiß in der Sonne. Die Nadelbäume standen feierlich still unter der Decke von Neuschnee. Es war Winter, strahlender Winter, und ihn hatte ich ja gesucht. Auch der Hund freute sich des Lebens und wälzte sich im Schnee.
Aber ach so tot, so öde! Nirgends ein Schneeschuhläufer, nirgends eine Schneeschuhspur zu sehen. Gab es denn hier keine Menschen? Doch da lagen ja viele Gehöfte. Aber die Männer verschlafen wohl in dieser Gegend des Landes den größten Teil des Winters. Dunkel und leblos stehen die Gehöfte auf dem weißen Schnee; nur der Rauch steigt träge aus den Schornsteinen auf. Die Weiberleute arbeiten, während das Mannsvolk in den Stuben herumhockt. Draußen breitet sich eine glänzende Schneeschuhbahn, und im Gebirge gibt es Wild genug. Welches Winterleben könnte sich hier entfalten, wenn sie nur die Schneeschuhe gebrauchen lernten!..
Weiter ging es an schneebedeckten Abhängen entlang, über fischreiche Wasser, die unter Eis und Schnee schliefen und auf den Sommer warteten. Und dann durch kleine schöne Wälder. Hier und da lief eine Hasenspur über den Weg. Puß hatte es jetzt schwer, im Schnee vorwärtszukommen, der Arme.
Nach und nach holte ich die Männer mit meinen Schneeschuhen soweit ein, daß ich sie in den Windungen der Straße erkennen konnte. Ich begann zu springen und erreichte sie auch wirklich.
Welcher Jubel, die Schneeschuhe unter den Füßen zu fühlen -- und erst, wenn ich eine Anhöhe hinabsauste! Das war wahrhaftig ein anderes Leben, als in Bergen durch Regen und Schmutz zu waten. Die Schlitten waren bald außer Sicht.
Aber dort war Gelegenheit zu einem schönen Sprung über den Weg. Die Lust, die alten Künste zu probieren, erwachte mit einem Male: erst hinauf und dann hinunter. O wie gut es tut, sich dem Himmel näher zu fühlen! Aber der Rucksack muß herunter. Noch höher, noch geschwinder, und nun -- hopp -- wie eine Möwe herabschweben! Ja, man fühlt: noch ist Kraft und Saft in den steifgewordenen Gliedern.
Doch nun war es mit einem Male auf den Höfen ringsum lebendig geworden. Wie im Frühjahr die Ameisen aus dem Bau, so wimmelten sie heraus, Junge und Alte; alle mußten sie sehen, was das war, das da oben sprang.
Ich hatte Durst bekommen und steuerte dem nächsten Gehöft zu. Und nun gab es wieder ein Wettrennen in das Haus hinein. Einer vor dem andern, alle auf einmal; nur ein alter Mann stand noch da, als ich ankam.
„Wie heißt dieser Hof?“
„Du kannst aber schneeschuhlaufen.“
„Wie weit ist es wohl bis Gudvangen?“
„Wo kommst du denn her?“
„Ich komme von Bergen und will nach dem Ostland. -- Glaubst du, daß ich hier etwas Milch bekommen kann?“
„Du willst also übers Gebirge? Das sind feine Schneeschuhe. Was ist denn heute für Wetter?“
Nein, ich mußte wohl hineingehen. Vielleicht ging es dort besser.
Ich schnallte die Schneeschuhe ab und trat in eine Stube, die der Dunst von Menschen und Tieren erfüllte. Die Wände entlang und oben in den Betten standen, saßen und lagen Frauen und Männer, Mädchen und Knaben. Auf dem Boden krabbelten Kinder im Verein mit Ferkeln und Hühnern und andern Tieren.
„Kann ich einen Tropfen Milch bekommen?“
Eine lange Pause. Dann kommt von einer Frau die langgezogene Antwort:
„Ich weiß nicht.“
Das gab mir Hoffnung.
„Habt ihr denn nicht etwas Milch?“
„O ja, die haben wir wohl.“
„Kann ich denn etwas kaufen?“
„Willst du vielleicht saure Milch haben?“
„Danke, am liebsten möchte ich süße, wenn es geht.“
„O ja, die kannst du schon haben.“
Dann geht sie endlich zu einem Gesims, um eine Kanne herunterzunehmen; die Milch war gut und tat gut.
„Wieviel bin ich schuldig?“
„Ich weiß nicht. Es ist ja nicht des Bezahlens wert.“
Ich legte einige Pfennige auf den Tisch und bedankte mich.
„Nein, das ist zuviel.“ Als sie aber sah, daß ich verschwand, rief sie hinterdrein:
„Ja, dann also vielen Dank.“
Draußen umstanden eine Menge Männer meine Schneeschuhe. Sie waren von den Gehöften ringsum gekommen. Schneeschuhe und Bindung wurden an allen Ecken und Enden untersucht, und als der Besitzer selber kam, der auch.
Ich schnallte die Schneeschuhe an und fuhr die Anhöhe hinauf. Hinter mir her hörte ich: „Das waren feine Schneeschuhe!“ „Was er für einen kleinen Stock hat!“ „Wie groß der Hund ist!“ --
In Gesellschaft eines der Pferdehändler, der gerade gefahren kam, zog ich weiter.
Wir waren in der Nähe von Stalheim. Das Gebirgstal mit den kiefernbestandenen Abhängen lag tief unter Schnee. Unten im Grunde strömte der Fluß, und oben erglänzten in der Sonne die gewaltigen Berge weiß unter dem blauen Himmel. Das Tal ist hier wild und großartig. Vorn rechts schnitt eine enge Schlucht in das Bergmassiv ein, umgeben von wilden, zerrissenen Gipfeln. Wie ich so ging, dachte ich darüber nach, wohin sie wohl führen könnte. Den Grund sah ich nicht; der verschwand tief unten, aber die Berghänge gehörten zu den steilsten, deren ich mich je erinnerte.
Unwillkürlich wurden die Augen von diesem Spalt angezogen. Durchfuhr einen auch ein Kälteschauer, so oft man dahin sah, so konnte man sich doch nicht davon abwenden.
Auf einmal blieb ich stehen. Vor meinen Füßen hörte der Weg auf. Ich stand unmittelbar vor dem Schlund und sah plötzlich in einen Abgrund hinab. Nie hätte ich geglaubt, daß durch diesen Spalt der Weg nach Gudvangen ginge. Aber es mußte doch so sein. Ich wandte mich nach dem Pferdehändler um, der mir folgte. Ja, es war wirklich so: wir standen auf dem Gipfel des Stalheimhügels, am Ende des Närötals.
Ich schaute hinunter. Der Fluß und der Talgrund schlängelten sich dort unten wie ein schmales Band. Ich blickte in die Runde: vorn war das Närötal mit seinen steilen Wänden; über sie stürzten die gefrorenen Gebirgsbäche in ihrem blaugrünen Winterstaat, hier und da lag der Schnee auf Absätzen in weißen Streifen die vereisten Bergwände entlang, und darüber hingen die Schneewächten, bereit, beim ersten Tauwetter abzubrechen. Unmittelbar rechts war ein Schlund, in den der Stalheimfall mit dumpfem Brausen unter der Eisdecke hinabstürzte. Ein Stück weiter links donnerte ein anderer Wasserfall in eine ähnliche Kluft. Gerade unter mir wand sich der Weg in kurzen Windungen von der einen Schlucht zur andern, dem Talgrund zu. Über all das steigt der Kegel des Jordalsgipfels empor, hoch und jäh, wie ein gewaltiger Riese. Weiter hinten als Rahmen für diese vereiste, zugeschneite Gebirgskluft erhoben sich die Bergspitzen und verschwanden in dunkeln, schweren Wolken. Zuhöchst oben aber über dem Ganzen stand blau und klar der Himmel, während die Sonne auf Schnee und Eis im Vordergrund spielte.
Als ich in Betrachtung versunken dastand, sagte eine Stimme hinter mir: „Komm, laß mich deine Schneeschuhe probieren.“
„Nein, danke, mit denen werde ich selber fertig.“ Und ich begann abwärts zu gleiten.
Es ging bergab, bald am Rande der einen Schlucht, bald nach der andern hinüber. Es gab viele kurze Windungen. Bei jeder mußte man bremsen, sich gut einwärts lehnen und dann mit um so größerer Schnelligkeit weiterfahren, sobald es wieder geradeaus ging.
Unterwegs sauste das Bild eines Bauern an mir vorbei, der vor Schreck ganz in die Bergwand hineingekrochen war.
Noch ehe ich recht zur Besinnung gekommen, war ich drunten auf dem Talgrund. Von oben kam der Hund wie ein brauner Knäuel hinterher. Das Pferd konnte ich nicht mehr sehen.
Ich fuhr weiter. Der Weg führt den Fluß entlang. Der Grund des Närötals bis Gudvangen ist so flach, daß sich kaum eine Anhöhe findet. Der Talboden ist schmal. Zuweilen ist gerade noch Platz für Fluß und Straße, und auf beiden Seiten steigen die Gebirgswände schroff in die Höhe. Hoch oben hängen die Schneewächten, zwischen ihnen ein Streifen blauen Himmels.
Hier und da lagen große Schneelawinen. Sie folgen im Närötal rasch aufeinander, und unglaublich sind die Geschichten, die man von ihnen zu hören bekommt. Man muß sich geradezu wundern, daß Menschen hier leben wollen, am Fuße dieses immer drohenden Berges. Aber sie gewöhnen sich so daran, daß eine Lawine für sie etwa soviel bedeutet wie für uns ein Gewitter. Wenn sie nur sehen, daß die Lawine nicht ihren Weg kreuzt, so sind sie ruhig, wenn sie kommt, auch wenn der Boden unter ihnen wie bei einem Erdbeben erzittert. Der Luftdruck, der der Lawine voranzugehen pflegt, ist so stark, daß er weiter draußen, wie die Sage geht, Leute auf die andere Seite des Fjords hinübergeworfen hat.
Die Lawinen können zuweilen so groß sein, daß sie den ganzen Fjord füllen und Boote und was sie sonst auf ihrem Weg antreffen, unter sich begraben.
Einmal konnte sich ein Dampfer nur mit knapper Not retten. Als die Leute die Lawine kommen hörten, suchten sie unter Volldampf zu entkommen. Im letzten Augenblick gelang es ihnen auch. Nur das Achterende und ein Stück des Decks bis zur Kajütentreppe wurden mit Schnee angefüllt. Im Nu war der ganze Fjord voller Schnee, und wäre der Dampfer nur einige Schiffslängen zurück gewesen, so wäre er begraben worden und wohl niemals wieder an die Oberfläche gekommen.
Eine große Lawine war kurz vor meiner Ankunft in dem Fjord niedergegangen, und man bekam ordentlich Respekt davor, wie sie dort lag und sich weiß leuchtend von den dunkeln Bergwänden an den Seiten und dem schwarzen Wasser darunter abhob.
In Gudvangen zeigten sie mir auch einen großen Block, der vom Gebirge herabgekommen war. Er hatte sich zu oberst auf dem Kamm losgelöst und war in drei Sprüngen herabgesaust. Beim zweiten Sprung war er wie eine Kanonenkugel quer durch beide Wände eines Hauses hindurchgegangen, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß die Löcher, die er geschlagen hatte, nicht größer waren als er selbst. Beim dritten Sprung fuhr er durch Dach und Wand eines andern Hauses, schlug eine Frau tot und eine zweite zuschanden und bohrte sich dann in die Erde ein, wo er noch lag.
Von Gudvangen ging es mit dem Dampfschiff am sternklaren Abend durch den Näröfjord und weiter nach dem Lärtal.
Am nächsten Morgen früh fuhr ich bei mäßiger Schneeschuhbahn durch das Lärtal hinauf. Das Wetter war ganz gut, aber der Schnee war schlecht, und der Weg wurde bald ganz schwarz, so daß ich die Schneeschuhe tragen mußte. Auch hier ist es eng und wild, aber nicht so wie im Närötal. Hier und da waren Lawinen niedergegangen, die nun weißleuchtend unten an den Berghängen lagen.
Im Verlauf des Vormittags ließ ich mich bei einem kleinen Bach am Wege nieder, holte den Proviant hervor und begann zu frühstücken. Eine tiefe Schlucht durchschnitt die jähe Bergwand bis zum Gipfel hinauf. An den gewaltigen Schneemassen konnte ich erkennen, daß eine große Lawine niedergegangen war.
Wie ich eben in die Umgebung vertieft dasaß, dem Getöse des Wasserfalls lauschte und an den Sommer dachte, da man mit der Angel am Fluß entlang gehen konnte -- es gab hier so schöne Fischgumpen -- wurde ich von einer gellenden Stimme aus meinen Träumen geweckt.
„Du bist wohl nicht recht bei Trost, dich hierher zu setzen, gerade unter eine Lawine?“
Ich fuhr auf. Ein Bauer kam in schneller Fahrt auf einem Schlitten vorüber.
„Ach, es wird wohl nicht so gefährlich sein.“
„Nicht gefährlich? O ja, es ist schon manchem hier schlecht gegangen. Kommen die Lawinen herunter, dann füllen sie das ganze Tal.“
„Man hört wohl, wenn sie kommt, und kann dann flüchten?“
„Hören, wenn sie kommt? Mann, das geht so schnell wie ein Büchsenschuß.“
Wie ich noch darüber nachdachte, kam wieder einer gefahren. Er trieb das Pferd an und rief mir zu, ich möge sehen, daß ich weiterkomme.
Weiter oben traf ich einige Männer, die mir erzählten, die Schlucht heiße Saueskluft und sei wegen ihrer Lawinen, die den ganzen Talgrund sperren können, die gefürchtetste Stelle im Lärtal. Sie kämen vom Gipfel herab und wüchsen durch den Schnee, der von beiden Seiten herabstürze, und auf ihrem langen Weg könnten sie eine unheimliche Größe erreichen. Was ich da sah, war nur der erste Absturz, der den Weg für das ebnete, was nachkommt und das nun zu erwarten war. Da würde ich etwas ganz anderes zu sehen bekommen.
So marschierte ich denn weiter. Bald konnte ich die Schneeschuhe wieder anschnallen, und es ging nun schnell durch die wilden Gebirgsschluchten hinauf. Der Fluß tief unten war mit Eis bedeckt, unter dem er einen ruhigen Lauf hatte. Um die offenen Löcher herum und von Loch zu Loch gingen Otterfährten. Hier lebt der Otter sommers und winters. Man erschauert, wenn man in diese schwarzen Löcher hinabsieht und sich vorstellt, man solle untertauchen und in diesem kalten Wasser leben. Aber dem Otter geht es gewiß ganz gut, Fische gibt’s hier genug.