Frau Rietschel das Kind

Part 3

Chapter 33,816 wordsPublic domain

Jetzt war Konditor Breitkopf wieder zu den Damen getreten. Er behielt sein Negergrinsen bei, auch wenn er es ernst meinte: »Nach meiner unmaßgeblichen Ansicht, Fräulein Oberlehrerin -- die eigentliche Schuld an dem Malheur steckt bei dem alten Prutz. Er kann Streuselkuchen backen, aber erziehen kann er nicht. Wenn er immer knurrt und so'n Mädel einsperrt und ihr nie einen Groschen Geld in die Finger gibt, dann glaubt er, er hat sie am Bändel. Dadurch kommt sie ja erst auf schlechte Gedanken.«

Frau Barkhusen und Fräulein Knittel nickten bedeutsam und sahen sich an. Dann sagte die erste: »Da haben Sie gewiß recht, Herr Breitkopf. Aber was soll daraus werden?«

Mohrenkopf zuckte die Achseln: »Das geht mich nichts an. Für solche Sachen ist der Herr Pastor da. Der trinkt ja sowieso seinen Kaffee bei Prutz und läßt sich von Fräulein Liese bedienen.«

Fräulein Knittel sog noch einmal an ihrem Strohhalm, aber das Glas war leer, und es gab nur einen häßlichen Laut. »Ich fürchte, ich fürchte, wir gehen schweren Ereignissen entgegen.« -- --

Liese kam an einem Regennachmittag plötzlich zu Viktor Schwarz hinauf. Er lag rauchend auf seinem Sofa und erkannte im Halbtraum erst allmählich ihre Gestalt. Bestürzt erhob er sich: »Aber Kind -- was fällt dir denn ein? Du bist ja noch nie in meiner Wohnung gewesen! Und jetzt -- vor allen Leuten -- die Sonne ist noch gar nicht unten!«

Sie näherte sich langsam. Ihr Gesicht war weiß und etwas gedunsen. Ihre Bewegungen waren schwerfällig. Sie erwiderte mit halbgeschlossenen Augen: »Das ist mir ganz egal. Wahrscheinlich wundert sich ja doch kein Mensch mehr.«

»Liese -- um Gottes willen -- hast du denn schon einen Anhalt? Hat schon jemand eine Bemerkung gemacht?«

Sie lächelte müde: »Nein. Da kennst du die Strelenwalder schlecht. Wer drin steckt wie die Fliege im Sirup, der kriegt nie was zu hören. Da tuscheln sie zu Hunderten, aber es bleibt immer aus Hörweite. Plötzlich knallt die Geschichte los.«

Viktor Schwarz wurde von tiefer Pein ergriffen. Er zog Liese neben sich: »Was ist dir denn? Du scheinst sehr nervös zu sein. Sicherlich ist gar kein Grund vorhanden. Wir sind doch immer so vorsichtig gewesen. Heute hast du allerdings die erste Dummheit gemacht. Wir hatten doch fest verabredet -- nie darfst du den Fuß über Herrn Schörgs Schwelle setzen. Wenn dein Vater das sieht -- dann ist alles verdorben. Und nun bist du gar in meinem Zimmer! Ich bin überzeugt, daß Adele draußen an der Tür steht und horcht.«

Liese senkte den Kopf: »Mag sie doch. Dann hat sie wenigstens auch was. Die tut mir immer so leid. Die hatte schon als Kind so hungrige Augen. Mir tun alle Menschen leid, die sich immer bloß sehnen. Was ich getan habe -- das hab' ich doch auch bloß aus Sehnsucht getan.«

Viktor wand sich: »Liese, ich bitte dich! Das ist ja nicht zu ertragen! Was ist denn auf einmal über dich gekommen? Deine ganze Frische ist fort! Bereust du denn --?«

Sie sah ihn mit übergroßen Augen an: »Nein. Das tu' ich nicht. Aber ich bin mir jetzt darüber klar, was geschehen muß. Du tust nichts für mich, du willst immer bloß das Vergnügen. Aber was ich täglich durchzumachen habe, davon hast du keine Ahnung. Vater redet kein Wort mehr mit mir, aber er guckt mir durch und durch. Mir ist oft, als kriegte ich Ausschlag am ganzen Körper, wenn er mich so anguckt. Gestern hat er Mutters Bild aus meiner Stube genommen -- ich konnte nicht mal was dagegen sagen.«

Sie weinte. Viktor tupfte sich die Schweißtropfen von der Stirn. -- »Mein Gott, glaubst du denn -- daß er Vermutungen hat?«

»Ich glaube gar nichts. Ich fürchte mich nur entsetzlich. Wie ich ihn kenne, bricht er plötzlich los. Und dem muß man zuvorkommen. Deshalb bin ich heute bei Doktor Hoppe gewesen.«

»Beim Kreisarzt? Was wolltest du denn bei dem? Fühlst du dich krank?«

Liese lächelte, hob aber im nächsten Augenblick die Hände vor das Gesicht. Dann schüttelte sie den Kopf: »Nein, Viktor -- krank nicht -- aber ... Na, es war schon so, wie ich mir's gedacht hatte.«

Viktor fuhr zurück: »Du bist --?«

»Ich gräme mich nicht drum -- im Gegenteil. Ich habe sehr viel Mut, Viktor. Ich habe gewußt, was ich tue. So ging es nicht weiter. Aber du hättest doch schon vorher mit Vater reden sollen. Daran ist nun nichts mehr zu ändern. Jetzt dürfen wir keine Zeit verlieren.«

Er sah sie unsicher an. Seine blanken Augen zogen sich hinter dem Kneifer zusammen: »Und was meinst du, was geschehen soll?«

»Ich meine, Viktor -- ich meine, daß du morgen zu Vater gehen mußt und richtig um mich anhalten. Dann atmet man auf. Dann ist noch alles einzuholen.«

Er schneuzte sich stark: »Und wenn er mich hinauswirft?«

»Er wirft dich nicht hinaus.«

»Und wenn er erfährt -- was du heute erfahren hast?«

Liese sah ihn mit einem so schweren Ernst an, daß er bis über die Stirn errötete:

»Das ist doch das Entscheidende, Viktor. Vater muß wissen, daß wir noch an die Ehre denken. Das ist das einzige, worauf es ihm ankommt. Sonst fühlt er sich unmöglich in der Stadt. Wenn er aber hört, daß ein Mann, wie du, Ernst macht ...«

Viktor biß sich in die Lippe und starrte zu Boden.

»So ... Ach, so ... Ja, ja ... Nun, dann werde ich also morgen zu ihm gehen ...«

Sie schnellte auf. Noch einmal kam die Grazie des Glücks über sie: »Wann kommst du?!«

»Bis elf Uhr habe ich Termin. Also zwischen elf und zwölf.«

»Darf ich's -- ihm sagen?«

»Was denn? Bist du verrückt?!«

»Bloß, daß du kommst, natürlich!«

»Das halte, wie du willst. Sieh zu, ob es möglich ist.«

Er war verstimmt. Ihr aber genügte sein Versprechen. Sie verließ ihn bald und schlüpfte die dunkle Treppe hinunter. Adele Schörg, die im Flur stand, mit geschlossenen Augen und den Kopf an die kalkige Mauer gelehnt, hatte sie gesehen. --

Am nächsten Morgen sah es in dem Konditorladen sonderbar aus. Vater Prutz war schon um sieben Uhr unten und hatte seinen Kaffee in den Laden mitgenommen. Liese stockte das Herz. Sollte das heißen, daß er nicht mehr mit ihr frühstücken wollte? Sie erschien auch bald im Laden, um die Stimmung des Vaters zu erforschen. Da sah sie ihn in einer fremdartigen Verfassung. Er ging wie ein Löwe im Käfig umher. Dieser Vergleich war möglich, obwohl Vater Prutz seine weiße Konditormütze auf dem Kopf und die grünen, von Liese gestickten Pantoffeln an den Füßen trug.

Liese blieb hinter dem Ladentisch und arbeitete scheinbar. In Wahrheit ließ sie kein Auge von dem Vater. Wirre Überlegungen jagten in ihrem Kopf. Hatte er alles erfahren? Wollte er jetzt mit ihr abrechnen? Seine Erregung konnte ja nur ihr gelten. Jedenfalls hieß sie es willkommen, daß die Krisis da war. Keinen Tag mehr durfte das Versteckspiel dauern.

Heute wollte Viktor kommen! Ihr schwirrte der Kopf, sie mußte sich mit beiden Händen auf die Marmorplatte des Ladentisches stützen. Aber nun war alles gleich. Jetzt gerade mußte sie Viktors Besuch vorbereiten.

»Vater«, begann sie leise. -- »Was hast du nur? Nicht mal 'ne Semmel hast du zum Kaffee gegessen.«

Er war zusammengezuckt. Indem er seinen Löwenmarsch etwas verlangsamte, erwiderte er: »Was ich habe? Ich möchte lieber dich fragen! Aber das widersteht mir. Ich bin zu alt. Ich möchte am liebsten von nichts mehr was wissen.«

Er ließ sich schwer an einem der kleinen Tische nieder. Zufällig war es der Tisch, der sonst dem Assessor geheiligt war. Atemnot befiel den alten Mann. Sein Kopf sank auf die Brust, und der weiße Bart sträubte sich.

Liese kam hinter dem Ladentisch hervor: »Vater, ich fürchte, die Leute haben dir was vorgelogen.«

Vater Prutz fuhr wieder auf: »Ich traue nur meinen eigenen Augen!«

»Das tu, Vater. Das ist auch das einzige, wonach ich mich richte. Wir haben jetzt so lange zusammengelebt. Immer warst du doch mit mir zufrieden. Was ist denn los? Ich kann doch erwarten, daß du mir's sagst, Vater.«

Er machte mit seiner zitternden Hand eine abweisende Bewegung: »Laß mich zufrieden.«

»Nein, ich halt' es nicht mehr aus. Du denkst dir alles mögliche. Das geht mir an die Ehre.«

Bei diesem Wort fuhr er zu ihr herum: »Wahrhaftig?! Na, was meinst du denn, was ich mir denke, du?!«

»Ach, du meinst, ich habe was mit dem Assessor und -- da hast du auch recht, Vater.«

Er wollte sich aufrichten: »Da hab' ich --?«

Sie hielt ihm stand. Verwirrt sah er auf ihre trotzige Schönheit. Er konnte die Hand nicht heben. -- »Du hättest auf mich warten sollen, Vater. Du hättest nicht lauern und gucken und horchen sollen. Dadurch macht man den Menschen erst schlecht. In Strelenwalde ist es immer so gewesen. --«

»Rede nicht so viel! Die anständigen Leute hier wissen ganz genau, was sie tun. Ich höre nur auf anständige Leute! Was hast du mir zu sagen?«

Liese wich nicht von der Stelle: »Daß ich mich mit Assessor Schwarz verlobt habe -- sonst nichts! Daß er heute nach elf Uhr zu dir kommt und um mich anhält!«

Der zornige Ausdruck des Vaters blieb, aber in seine Augen kam ein feuchter Schimmer. »So?« brummte er nach einer Weile. »Also alles hinter meinem Rücken? Verlobt? Einfach verlobt? Er will dich heiraten?«

»Was anderes ist doch wohl nicht möglich.«

»Hm ... Also, ich werde mit dem Herrn Assessor reden. Ich werde ihm mal gehörig meine Meinung sagen.«

»Aber du wirst auch dran denken, wen du vor dir hast. Er schafft mir eine großartige Zukunft, Vater --«

»Abwarten!«

Nun schwiegen beide und begannen zu arbeiten.

Die gemeinsame Spannung brachte sie über die quälenden Wartestunden fort. Als die Zeit herannahte, wurde Liese ruhiger. Sie war ihrer Sache sicher. Doch es wurde elf, es wurde halb zwölf und zwölf Uhr -- Viktor Schwarz kam nicht. Liese wagte den Vater nicht mehr anzublicken. Ein schleichendes Wehgefühl packte sie. Eisig waren ihre Glieder, aber im Gesicht brannte eine Glut, die wie Scham aussah.

Um halb eins wandte der Vater sich zu ihr. -- »Du hast wahrscheinlich noch gar kein Mittagessen gekocht?« fragte er scheinbar gleichmütig.

»Wann sollte ich denn, Vater?«

Er lachte kurz: »Das weiß ich auch nicht! Aber dein Assessor scheint verhindert zu sein.«

Liese setzte sich. Erschrocken sah der Alte, wie sie sich wand. Jetzt wuchs sein furchtbarer Verdacht, aber zugleich regte sich auch der Zorn seiner Vaterliebe.

Da bimmelte die Ladenglocke. Liese fuhr auf. Doch es war nicht der Ersehnte -- Adele Schörg kam. Sie hatte immer etwas Trotziges in ihrer hinkenden Langsamkeit. Mit verlegenem Lächeln sah sie auf den Konditor. Sie hätte Liese viel lieber allein getroffen.

»Was gibt's, Adelchen?« fragte Vater Prutz fast wild. »Hast du Hunger auf Kuchenkrümel?«

Adele wich zurück: »Nein, nein, Herr Prutz ... Ich danke sehr ... Sowas ißt man doch bloß als Kind. Ich habe für Liese einen Brief ...«

Liese streckte die Hand aus: »Gib her!«

Während seine Tochter las, fragte der Konditor: »Habt ihr noch euren Zimmerherrn?«

Adeles Blick huschte zu Liese hinüber: »Nein. Heute ist Herr Assessor plötzlich abgereist.«

Prutz schlug mit seiner schweren Hand auf den Tisch: »Wohin?«

»Ich glaube, nach Berlin! Aber ich weiß es wirklich nicht, Herr Prutz! Ich will gar nichts gesagt haben! Es ging so über Hals und Kopf! Vormittags schrieb Herr Assessor noch den Brief, und dann ist er gar nicht mehr aufs Gericht gegangen, sondern gleich zum Bahnhof!«

Prutz wandte sich zu seiner Tochter. Die aber streckte nur die Hand gegen Viktors Botin aus: »Geh weg, Adele!«

»Na, erlaube mal, du kannst dich doch wenigstens bedanken ...«

»Geh weg!!!«

»Man ist doch -- ein Stück Vieh ist man schließlich auch nicht!«

Wütend humpelte Adele hinaus. Der Konditor aber fragte: »Kann ich den Wisch da lesen?«

Liese nickte. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen.

»Meine liebe Liese!

Nun ist doch alles anders geworden. Nachdem Du gestern bei mir gewesen, bin ich mit mir zu Rate gegangen. Ich verbrachte eine schlaflose Nacht, aber gegen Morgen kam mir die Erkenntnis. Liese, es ist unmöglich, wir müssen vernünftig sein. Ich habe einen großen Fehler begangen. -- Das gestehe ich freimütig ein. Ich hätte Dir sagen sollen, welches Versprechen mir mein Onkel, der Justizrat Joachim, abgenommen hat. Von diesem Mann hängt meine ganze Zukunft ab. Da er sich unserer Heirat bis aufs Äußerste widersetzt, kommt auch die Entscheidung Deines Vaters nicht mehr in Frage. Es hat deshalb auch keinen Zweck, daß ich ihn heute besuche. Ich hatte gehofft -- trotz allem -- ich wollte mit dem Kopf durch die Wand -- aber das geht nicht. Meine herzliche Liebe bleibt Dir natürlich gewiß. Ich werde Dich in schöner Erinnerung behalten. Aber zugrunde gehen darf ich nicht. Ich muß fort, Liese. Eine entsetzliche Platzfurcht ergreift mich. Schaden wird es mir genug, denn ich lasse heute zum ersten Male mein Amt in Stich, aber von Berlin aus werde ich den Herren alles auseinandersetzen. Glaube mir, Liese: Wenn Du nicht ein wirkliches Erlebnis für mich gewesen wärst, würde ich nicht so darunter leiden. Und nun sei getrost und gräme Dich nicht. Du bist noch jung, Du wirst es verwinden. Ich wünsche Dir den Mann in Deiner Vaterstadt, der Dich verdient! Den Du verdienst! Lebe wohl!

Dein schmerzerfüllter Viktor Schwarz.«

Vater Prutz hatte zu Ende gelesen. Er begann noch einmal seinen Marsch durch den Laden. Noch kämpfte das Mitleid mit seinem zerbrochenen Kinde in ihm -- dann aber kam ihm ein Einfall, und er blieb mit eiserner Miene stehen: »Du bist bei ihm gewesen?«

»Ja, Vater.«

»In seiner Wohnung?«

»Warum nicht?«

Jetzt tappte der Vater ein paar Schritte zurück: Er griff sich an den Kopf -- die Konditormütze fiel zu Boden: »Kommst du von den Wilden? ... Habe ich dich nicht was andres gelehrt? ...«

»Doch, Vater. Aber das Leben reißt einen mit. Ich weiß nicht, wie es gekommen ist. Jedenfalls durfte ich ihn besuchen.«

»Du durftest --?«

»Ich war schon seine Frau.«

Der Tisch, an dem Assessor Schwarz immer gesessen, fiel um. Teller und Löffel kollerten umher. Vater Prutz hatte zuschlagen wollen, aber er war gestolpert und brach nun in die Knie. Liese rührte sich nicht. Da bimmelte wieder die Türglocke, und das kleine Fräulein Sanftleben kam leise herein. Entsetzt erkannte sie, daß der Zusammenbruch da war. Sie galt als eine ängstliche alte Jungfer, aber manche wußten auch, daß sie im gegebenen Augenblick heroisch werden konnte. Sie ließ sich auch jetzt nicht einschüchtern. Schnell war sie bei ihrem Schwager und half ihm auf: »Mein Gott, was ist dir denn, Reinhold? Hast du eine schlimme Nachricht erhalten?« Sie sah auf Viktors Brief.

»Nur 'ne Kleinigkeit! Liese ist 'ne Dirne! Sonst nichts!« Ein gellender Schrei -- das Mädchen stürzte zur Tür. Aber an Tante Sanftleben kam sie nicht vorbei. Sie, die sie immer gestützt hatte, hielt sie jetzt mit stählernem Griff fest.

»Laß sie laufen!« brüllte der Konditor. »Sie weiß schon, warum! Wenn sie außer der Schande auch den Tod will -- meinetwegen! Das ist ihre Sache! Ich habe keine Tochter mehr.«

Tante Sanftleben hielt Liese, deren Kraft schon wieder erlosch: »Pfui, Schwager, -- pfui, schäme dich doch! Du bist so erregt -- ich will es nicht gehört haben, wie du dich versündigest!«

»Ich?«

»Ja, lache nur! Wir sind alle gebrechliche Menschen! Du auch! Wir dürfen alle nicht den ersten Stein werfen! Jedenfalls, das sage ich dir: Wenn du dein Kind verstößt, dann bin ich auch mit dir fertig!«

»Sei nicht so frech, Ottilie!«

»Doch, Reinhold! Wenn's drauf ankommt, bin ich auch frech! Ich will jetzt gar nicht wissen, was geschehen ist -- ich sehe nur, wie Liese leidet! Bei dir darf sie selbstverständlich nicht bleiben! Ich nehme sie mit!«

»Tante!!« -- Liese schlang wie ein hilfloses Kind die Arme um das alte Fräulein.

Vater Prutz ballte die Faust: »Du machst dich in Strelenwalde unmöglich!«

Jetzt kam ein schönes Lächeln auf Tante Sanftlebens Gesicht: »Ach -- Reinhold -- das läßt sich ertragen.«

Sie führte ihren Schützling hinaus. Der alte Konditor war in seinem Laden allein. Er starrte der Entschwundenen nach -- dann flüsterte er, auf einen Stuhl sinkend: »Ich ertrag' es nicht.«

FÜNFTES KAPITEL

Es war noch das Berlin der achtziger Jahre, in das Viktor Schwarz zurückkehrte, aber zum Unter- und Wiederauftauchen fand er schon das rechte Wasser. Als er sich besonnen, kam eine ärgerliche Scham in ihm auf. Wie hatte er nur so schmählich die Flucht ergreifen können, vor den Spießbürgern von Strelenwalde!

Das Unwürdige seines Verhaltens kam ihm freilich dort, wo es am nötigsten gewesen wäre, nicht zum Bewußtsein. An Lieses Not dachte er kaum. Jetzt galt es ihm vor allem, wieder in den Sattel zu kommen. Er mußte sich den Rücken decken. Konditor Prutz fürchtete er weniger als die Herren vom Strelenwalder Amtsgericht. Die durften keinesfalls glauben, daß er aus Schuldgefühl entwichen war. Feigheit würde man ihm immer vorwerfen. Nein, er mußte eine einleuchtende Erklärung finden und sich zugleich interessant machen.

In seiner lieben alten Wohnung am Tempelhofer Ufer kam ihm die Erleuchtung. Er blickte auf die langen »Appelkähne« im schmalen Kanal hinaus, und die Frische eines Mannes, der am Wasser wohnte, erfüllte ihn. Natürlich -- so war es zu machen: nervöse Depression infolge von Überarbeitung. Nicht etwa im Amtsgericht hatte diese Überarbeitung stattgefunden -- das wäre den Herren dort nicht angenehm gewesen -- sondern daheim, bei Sattlermeister Schörg, wo, wie man jetzt erst erfuhr, dieser Musterassessor ein großes Werk über die fiskalischen Ansprüche auf Rieselfelder entworfen hatte. Nächtliche Pflichterfüllung hatte seine Gesundheit untergraben.

Nun faßte er sich. Nun setzte er den Kollegen alles auseinander -- erbat ihr Verständnis und ihre Entschuldigung. Das Zeugnis eines bekannten Nervenarztes wurde beigefügt. Was noch fehlte, lieferte Onkel Joachim. Der alte Justizrat zeigte sich anfangs peinlich überrascht. Dann aber spürte er, daß sein eigener Machtspruch die Ursache der Flucht gewesen, und daß nur ein radikales Mittel Viktor vernünftig gemacht hatte. So hieß er es schließlich gut. Er setzte seine Autorität dafür ein, daß man den entwischten Assessor wohlwollend verabschiedete. Joachims Fürsprache war auch die baldige Berufung an das Moabiter Landgericht zu danken.

»Alles geht gut«, konnte Viktor Schwarz nach einigen Wochen händereibend sagen. Jetzt hatte er das alte Strelenwalde schon wieder ganz lieb. Rührende Erinnerungen beschlichen ihn. Rechnungen waren bezahlt, Abschiedsbriefe an Personen, die es wohl nicht erwartet hatten, wurden mit bestrickender Liebenswürdigkeit geschrieben. Nun kam sogar der tiefe, schmerzliche Druck zurück, daß in der Hauptsache die Versöhnung fehlte. Von Liese hatte er nichts mehr gehört. Es war ebenso unheimlich wie auffallend, daß ihr Vater keinen Schritt gegen ihn unternahm. Was mochte da vorgefallen sein? Viktor Schwarz zählte immer wieder an den Fingern, wieviel Monate Liese noch bis zu ihrer schweren Stunde blieben. Es war ja ausgeschlossen, daß sie ihren Zustand verborgen hielt. Besonders wenn er ihre Stimmung in Betracht zog. Vielleicht hatten sich so schlimme Dinge ereignet, daß sie gar nicht zu ihm gelangten? Jedenfalls konnte es aber nichts sein, was die Öffentlichkeit beschäftigte, denn sonst ... Er las ja täglich das Strelenwalder Kreisblatt.

Ganz losmachen konnte er sich doch nicht. Und was das Fatalste war -- je wohler er sich in Berlin fühlte, desto hartnäckiger beschlichen ihn die trauten Bilder der Kleinstadt. Er vergaß wohl im Genuß, aber er wollte sein bestes Erlebnis nicht missen.

Das steigerte sich allmählich zu Halluzinationen. Er hörte sich selber »Engel« flüstern und bekam die rauhe Antwort »Schuft!« Es war ein peinlicher Zustand. Nur Arbeit half darüber fort. Die leistete er, unverdrossen und erfolgreich -- Onkel Joachim wurde immer zufriedener. Es fehlte nicht viel, und er hätte vergnügt gesagt: »Siehst du, mein Junge -- es war doch richtig, was dein alter Onkel gewollt hat!«

Richtig, ja -- aber ... Eines Abends faßte Viktor Schwarz einen kühnen Entschluß. Er griff nach Schreibpapier und Feder. Aber er schrieb nicht etwa an die Verlassene, sondern an ihren letzten Gegensatz, an die kleine Adele Schörg. Auf eine andere Auskunftsstelle kam er nicht. Die Tochter seines ehemaligen Wirtes war ihm verpflichtet -- er hatte ihr in der Aufregung der Abreise zwanzig Mark geschenkt. Das war natürlich lächerlich viel. Aber nun konnte sie ihm auch noch einen zweiten Gefallen tun.

Wenige Tage später erhielt er ihre Antwort:

»Hochgeehrter Herr Assessor!

Selbstverständlich sage ich niemand was von Ihrem Brief. Man weiß doch auch, was diskret ist. Aber es ist mir eine Ehre, daß Sie sich an mich gewendet haben, denn ich kann Ihnen ja die beste Auskunft erteilen. Denken Sie sich: Herr Prutz war doch immer spinnefeind mit meinem Papa, und nun auf einmal hat er mich als Ladenfräulein engagiert. Ganz von selber hat er mich gefragt, aber mit einem Gesicht, als ob er mich auffressen wollte. Ich habe aber keine Angst vor ihm. Der arme, alte Mann ist ja jetzt so verlassen, denn Sie wissen wohl, daß er seine Tochter verstoßen hat. Liese wohnt bei ihrer Tante, und Herr Prutz sieht sie nicht mehr an. Er ist ein harter, alter Mann. Liese kann einem doch leid tun, denn das Schwerste steht ihr noch bevor. Dabei können Sie sich denken, wie alle Leute sie behandeln. Sie wagt sich nur noch, wenn es dunkel wird, auf die Straße. Und sie sieht aus -- so was von Veränderung habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Alles wundert sich hier aber über Fräulein Sanftleben. Daß die es noch mit so einer hält. Für mich ist es natürlich viel besser gekommen, als ich jemals gehofft hatte. Jetzt bediene ich in einem feinen, schwarzen Kleid, mit einer blendend weißen Schürze die Gäste. Morgen kaufe ich mir Lackschuhe. Der Alte ist mir ja unheimlich, denn ich weiß eigentlich gar nicht, warum er mich gerade genommen hat. Man glaubt hier, daß er nicht mehr recht bei Troste ist. Er spricht, wenn ich im Laden bin, plötzlich ganz laut mit seiner verstorbenen Frau. Ich sage Ihnen, da schmeckt einem manchmal kein Kuchen mehr. Aber meine Selbständigkeit habe ich wenigstens. Denn Herr Prutz rafft sich zu nichts mehr auf. Mit bestem Gruß, und wenn Sie mal wieder was hören wollen, immer zu Ihrer Verfügung.

Adele Schörg.«

Viktor Schwarz blickte scheu umher, als er diesen Brief gelesen hatte. Nun wußte er genug -- mehr als genug. Das Weitere mußte er abwarten. Zum erstenmal beschäftigte er sich eingehend mit Tante Sanftleben. Von der war jetzt das Aktive in der Angelegenheit zu befürchten. Aber mochte sie nur. Bis das Kind auf der Welt war, saß er als angesehener Rechtsanwalt in der Taubenstraße. Die Kollegen in Strelenwalde waren daran gewöhnt, unter sich ein Auge zuzudrücken. Außerdem verdarb es niemand mit Justizrat Joachim. Alimente wollte er natürlich prompt, wie das Gesetz es gebot, bezahlen. Ihm kam es nur auf die Diskretion an.

So war er schon wieder ganz zufrieden mit sich. Als er auf die Straße hinaustrat und die frische Herbstluft einatmete, verhärtete sich seine Empfindung. Er schritt elegant und in der Haltung eines geschäftigen Ehrenmannes auf die Potsdamer Brücke zu.

In dieser Stimmung war es Schicksal, daß er seiner Tante Klara begegnen mußte. Die korpulente Frau Justizrat Joachim bewegte sich aus der Straße Am Karlsbad, wo sie seit vielen Jahren wohnte, auf ihren Neffen zu. Sie hatte mit ihrer Hakennase, ihren hervorstehenden Augen und der hohen, grauen Frisur etwas altmodisch Majestätisches, freilich eine Majestät, wie das Theater sie vorspiegelt. An eine alte Hofschauspielerin erinnerte sie. Komödiantenhaft war sie auch durch ihr aufdringlich kostbares Schmuckzeug.

Das Lebenselement von Tante Klara hieß: arrangieren. Jede ihrer Gesellschaften diente einem mehr oder minder verhüllten Zweck. Sie unterstützte Kunst und Wissenschaft, um Liebespaare hervorzuzaubern; sie lud Verliebte ein, um die Kunst zu fördern. Selbstverständlich fehlte nie die materielle Grundlage -- leere Romantik gab es nicht.