Frau Rietschel das Kind

Part 1

Chapter 13,707 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription.

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Georg Hirschfeld

Frau Rietschel das Kind

Frau Rietschel das Kind

Roman

von

Georg Hirschfeld

Deutsche Buchvereinigung »Neuland«

Berlin

Copyright 1925 by Deutsche Buchvereinigung »Neuland« GmbH., Berlin. Gedruckt bei Herrosé & Ziemsen GmbH. in Wittenberg (Bez. Halle)

ERSTES KAPITEL

»Sache mit Wohnung wäre gemacht.«

Diese Worte flüsterte Viktor Schwarz, der junge Assessor am Amtsgericht Strelenwalde. Es war ein Monolog, den er am offenen Fenster seines neuen Zimmers hielt. Viktor Schwarz liebte kurze Monologe. Sie schlossen seiner Selbstzufriedenheit eine Reihe wichtiger Überlegungen ab, und er konnte sich unbeschwert dem nächsten Unternehmen zuwenden.

Das hatte er wirklich wieder gut gemacht. Die Hände auf das Gesims gestützt, lehnte er sich in den hellen Frühlingstag hinaus. Direkt gegenüber lag das Häuschen des Konditors. Wie nett man es von hier aus übersehen konnte! Etwas geradezu Rührendes hatte der alte Patrizierbau mit dem spitzen Giebel und den bunten Hyazinthen, die an allen Fenstern leuchteten. Viktor Schwarz konnte sich denken, wer die Blumenfreundin war. Eine Frau Konditor gab es nicht mehr -- die lag schon lange draußen auf dem Friedhof. Aber Liese, die Blonde, Liese, die Schlanke, herrschte in der Wohnung, wie im Laden. Von ihren fleißigen Händen lebten die Blumen. Und man konnte von der vorzüglichen neuen Wohnung aus auch hinter das Haus des Konditors sehen. Da lag der kleine Hof, da lag das Gärtchen. Der ganze Kreis von Lieses Tätigkeit war zu überblicken.

Freilich -- hier runzelte sich die Stirn des Assessors, als ob er seinem schwächeren Ich widersprechen müßte; er hatte auch noch anderes zu tun, als am Fenster zu stehen und ein junges Mädchen zu beobachten. Mit seinem Beruf nahm er es sehr ernst. Er hatte nicht umsonst die Verbannung aus Berlin auf sich genommen. Die beiden Jahre Amtsgericht mußte er hinter sich haben -- dann noch Landgericht, vielleicht schon Moabit -- und dann: er sah sich wie ein Sultan über den abendlichen Bosporus fahren -- Rechtsanwalt in der Taubenstraße, Erbe der Joachimschen Praxis.

Immerhin -- Viktor Schwarz war nie ein Bücherwurm geworden. Indem er es mit Goethe hielt, der ja auch Jurist gewesen, bewahrte er sich von Anfang an das Ausleben seiner Persönlichkeit. In Strelenwalde war es auch so übel nicht. Immer geachtet, immer als Instanz befragt -- am Honoratiorentische im »Goldenen Engel« saß der Herr Assessor neben dem Kreisarzt und dem Bürgermeister gegenüber. Ließ Viktor Schwarz sich auf der Gasse blicken, grüßte man ihn aus Türen und Fenstern. Mancher hübsche Mädchenkopf drehte sich nach ihm um.

Er pflegte eine gewisse Leutseligkeit. Auch die Huld der Frauen nahm er als selbstverständlich hin. Schon über seiner Kindheit hatte das Gesetz gewaltet: Mache dich beliebt, aber verkaufe dich nicht, sei den Menschen, mit denen du lebst, ein Wohlgefallen, aber verpflichte dich nirgends. Es waren Grundsätze des Altberliner Liberalismus, der in der Familie Schwarz erfolgreiche Stützen hatte. Viktor Schwarz kannte die Menschen. Er fühlte sich gefeit, und das beste war, daß man es ihm nicht anmerkte. Nur wer tiefer in seine blanken Augen blickte, die durch allzu scharfe Gläser ein wenig zum Schielen neigten, konnte mißtrauisch werden. Aber noch lebte der Kern des Starken und Guten in ihm: er war noch jung, er hatte Empfänglichkeit für das wirklich Wertvolle. Deshalb wandelte sich ihm die Welt, als er Liese Prutz erblickt hatte.

Bisher war er nur als Gast in ihre Nähe gekommen. Jeden Nachmittag erschien er in der Prutzschen Konditorei und nahm an dem runden Marmortischchen Platz, das dem Herrn Assessor geheiligt war. Liese kam in ihren netten Schuhen und fragte: »Wie immer, Herr Assessor?« Nach wenigen Minuten hatte er den guten Kaffee mit dem noch besseren Napfkuchen vor sich. Liese war das Muster einer züchtigen und doch freien Kleinstadtbedienung. Sie gab sich Herren gegenüber durchaus nicht schüchtern. Sie verweilte mit graziöser Sicherheit am Tisch. Man durfte ganz ausführlich ihre schlanke Gestalt betrachten, man konnte auch lange Blicke in das frische Gesicht emporsenden und den reinen, blonden Scheitel bewundern -- alles blieb in Ehren.

Viktor Schwarz verstand sich auf weibliche Reize. Hier störte ihn nichts Zimperliches, hier brauchte er keine Spekulation zu fürchten -- dieses Mädchen lebte im Gleichgewicht seiner bürgerlichen Kraft. Liese Prutz suchte keinen Mann, sie ließ das Schicksal an sich herankommen. Ahnte sie, wie groß ihr Erfolg bei ihm war? Sie war das erste Weib in Strelenwalde, nach dessen Gunst der Herr Assessor trachtete. Doch allmählich brachte sie auch eine peinliche Unruhe über ihn. Viktor Schwarz stellte als strenger Selbsterzieher die Kardinalfrage: »Was ist mit dir los? Bist du verliebt? Das wäre fatal, aber man muß es sich eingestehen.«

Er gestand es sich ein. »Wenn du dich nur nicht verplemperst«, hatte Onkel Joachim in Berlin zu ihm gesagt. Nein, das wollte er nicht. Das war schon aus dem einfachen Grunde ausgeschlossen, weil ein Mädchen wie Liese Prutz ihm heilig war. Aber er wußte nicht, was er mit ihr anfangen sollte.

Da kam es wie eine Eingebung über ihn, als er erfuhr, daß im Hause des Sattlermeisters Schörg, der Prutzschen Konditorei gegenüber, ein Zimmer zu vermieten sei. Und wenn es eine Million kostete. So viel kostet es natürlich nicht, aber Viktor Schwarz mietete es sofort und erklärte im »Goldenen Engel«, daß er doch wieder Furcht vor Wanzen habe. Die eine Wanze, die sich einmal in seinem Zimmer gezeigt hatte, verwandte er als Kündigungsgrund.

Liese erzählte er nicht, daß er ihr jetzt gegenüber wohnte. Sie wußte es natürlich längst, denn Neuigkeiten hatten in Strelenwalde schnelle Beine. Gerade weil der Herr Assessor nichts von seiner neuen Wohnung erwähnte, spürte Liese die Bedeutung seines Schrittes. Es ergab sich nun ein hübsches Spiel von Blicken und Nicken über die Gasse fort. Wenn Liese am Fenster stand und ihre Hyazinthen begoß, erschien »zufällig« gegenüber auch der Assessor. Dann kam es immer wieder zum Gruß, nicht ohne schelmische Verlegenheit. Erglühend zog sich Liese zurück, und Viktor Schwarz hätte vor Begeisterung den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn spielen mögen. Er hatte aber noch kein Klavier.

Als er richtig verliebt war, wurde er auch wieder naiv. Er rechnete nämlich mit allem, nur nicht mit der bösen Beobachtungsgabe der Strelenwalder. Geradezu blind aber zeigte er sich gegen Vater Prutz. Der alte Konditor war ein typischer Vertreter seiner Heimat. Nirgends ließ sein Horizont eine Lücke offen. Er wirkte wie ein milder, abgeklärter Greis, aber er trug eine Maske, denn es blieb ihm nichts anderes übrig. Das Schicksal war grausam gegen ihn gewesen, es hatte ihm früh seine gute Berta genommen. Nun fügte er sich dem Leben, wie es in Strelenwalde vorgeschrieben war. Er bediente seine Kunden, er sorgte für sein sauberes, altes Geschäft. Denken und Fühlen nützte er nur für eine vorbildliche Schlagsahne. Er glich mit seinem weißen Vollbart und der goldenen Brille einem alten Professor, wenn er über süße Leckereien grübelte.

Aber auch Liese, seine Tochter, galt ihm nur für den Beruf bestimmt. Daß sie hübsch und allgemein beliebt war, nützte dem Geschäft -- anders sah er sie nicht. Er wies den Gedanken von sich, daß Liese einmal heiraten und ihn verlassen könnte. Aber er war ein Kenner der Strelenwalder Lebemänner -- deshalb blieb er auf seiner Hut. Da war es ihm denn gar nicht recht, daß Assessor Schwarz plötzlich bei Sattlermeister Schörg wohnte. Die gesellschaftliche Stellung des jungen Mannes schätzte er richtig ein, aber um so mehr mißtraute er seinen Absichten. Auch wurmte es ihn, daß der neidische Sattlermeister tückische Bemerkungen unter die Leute bringen konnte. Schörgs Tochter war verwachsen, und Liese galt als die Schönheit von Strelenwalde. Da konnte man sich vorstellen, wer die Anziehungskraft für Viktor Schwarz bildete.

Nach zornigem Nachdenken beschloß Vater Prutz, der unvorsichtigen Liese gegenüber deutlicher zu werden. Sie brachte eben die ersten Spargel auf den Tisch und glaubte ihren Vater in gute Laune zu versetzen -- da knurrte er: »Den Herrn Assessor habe ich wirklich für einen feineren Mann gehalten.«

Liese zuckte zusammen, aber sie beherrschte sich:

»Warum denn, Vater?«

»Na, das tut doch kein feiner Mann, daß er plötzlich zu dem Gauner, zu dem Schörg zieht, und den ganzen Tag am Fenster steht und uns in die Stuben guckt!«

»Hat er das getan? Davon weiß ich garnichts.«

»So?«

»Außerdem sind doch im ›Goldenen Engel‹ Wanzen --«

Jetzt ließ Vater Prutz seinen Spargel, den er schon in den Mund gesteckt hatte, wieder auf den Teller fallen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Komm du mir auch noch damit! Ich sage dir, daran glaub' ich nicht! Ich würde mich nicht wundern, wenn der Engelwirt den Assessor bei seinem eigenen Gericht wegen Verleumdung verklagt!«

»Vater, Vater --«

»Jedenfalls ist es unverschämt von dem Mann! Er hat den ganzen Tag sein Fenster offen und zwingt uns, unsere Fenster zuzuhalten!«

»Ja, um Gottes willen -- wieso denn?«

»Frage nicht, als ob du erst zwölf wärst! Du bist doch ein anständiges Mädchen! Das Fenster von deiner Stube muß selbstverständlich immer geschlossen bleiben!«

»Unsinn, Vater! Ich will auch mal frische Luft haben! Was soll denn das alles? Der Herr Assessor kann doch wohnen, wo er Lust hat! Der hat außerdem was andres zu tun, als mir in die Stube zu gucken! Der hat den halben Tag im Gericht zu tun! Der ist überhaupt ein sehr feiner Mann! Der ist feiner als hier alle zusammen!«

Nach diesen Worten verließ Liese das Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Nun blieb ihr Vater mit dem Spargel allein. Aber er war etwas eingeschüchtert. --

Am nächsten Morgen fuhr Liese zum Einkauf über Land. Sie lenkte selbst ihren steifbeinigen Schimmel.

Voll Unruhe lief Viktor Schwarz heute durch die Strelenwalder Straßen. Er wollte sich doch noch einmal prüfen. Vielleicht täuschte er sich über seine Gefühle. Vielleicht liebte er Liese Prutz gar nicht, sondern war nur ein bißchen in sie verschossen. Jedenfalls konnte er jetzt noch tadellos davonkommen.

Da führte ihn sein Weg bis zum Küstriner Tor hinaus. Selten kam er in diese Gegend. Hier wohnten Arbeiter in niederen blaugetünchten Häuschen. Es war Abend geworden. Lange war er über das alte Holperpflaster gelaufen -- mit schmerzenden Füßen blieb er stehen. Indem er auf den gotischen Bogen des Küstriner Tores starrte, sah er, wie etwas Helles und Lebendiges durch sein Dunkel kam. Ein weißer Pferdekopf erschien und dahinter ein Wägelchen, das von einer weiblichen Gestalt gelenkt wurde. Etwas Frisches und Frühlingshaftes ging von diesem Bilde aus. Wie sie die Peitsche schwang -- kein Zweifel: Liese Prutz kam auf ihn zu. Hinter ihr saß in freundlicher Bescheidenheit, das Kapotthütchen auf dem Kopf und die eingekauften Waren hütend, Tante Sanftleben.

Viktor Schwarz zog tief den Hut. Liese erkannte ihn jetzt, lachte fröhlich und hielt bei ihm.

»Guten Abend, Herr Assessor! Wie kommen Sie denn ans Küstriner Tor?«

»Bin auch müde genug, Fräulein Prutz! Ihre Vaterstadt hat ein mörderisches Pflaster!«

»Finden Sie? Darüber hab' ich noch gar nicht nachgedacht.«

»Ach ja«, seufzte Tante Sanftleben. -- »Der Herr Assessor hat ganz recht.«

»Aber dann steigen Sie doch bei uns ein -- Sie brauchen doch nicht den langen Weg zurückzulaufen. Sie wohnen uns doch gegenüber.«

Viktor Schwarz sah Liese betroffen an: »Geht das? Glauben Sie, daß ich mir so was erlauben darf?«

»Warum denn nicht?«

»Na, wissen Sie, in Strelenwalde haben die Leute komische Ansichten.«

Liese lachte: »Das stimmt! Aber daraus macht man sich am besten nichts! Steigen Sie nur ruhig ein -- Tante rückt noch ein bißchen!«

Das alte Fräulein errötete, wagte aber nicht zu opponieren. -- »Natürlich«, flüsterte sie eifrig. »Es geht ja sehr gut! Nur Vorsicht, Herr Assessor -- daß Sie sich ja nicht auf die Eier setzen!«

Mit Grazie turnte Viktor Schwarz hinauf und saß nun hinter Liese. Dann klatschte die schöne Kutscherin mit ihrer Peitsche, und in frischem Trabe ging es über das Holperpflaster. Es stieß zwar heftig, aber Viktor Schwarz glaubte über eine Himmelswiese zu fahren. Keck sah er auf die erstaunten Strelenwalder, die die Köpfe zusammensteckten. Jetzt stand es für ihn fest: er begrub jeden Zweifel. Er wollte um Liese Prutz kämpfen, denn sie war das lieblichste Geschöpf.

ZWEITES KAPITEL

Alles war im Keller gut verpackt -- der Vater war heute mit Lieses Einkäufen besonders zufrieden. Nach dem Essen ging sie bald in ihr Zimmer, denn sie war ehrlich müde und mußte am nächsten Morgen früh heraus. Da wartete viel Gartenarbeit auf sie.

Aber sie kleidete sich noch nicht aus. In ihrer hell tapezierten Stube ging sie noch eine Weile umher und betrachtete, was sie genau kannte. Von einem Bildchen, das »Erwartung« hieß und eine schöne junge Dame in abendrotem Fenster zeigte, wandte sie sich zu ihrem eingerahmten Konfirmationsspruch, von diesem zu »Tannhäuser und Elisabeth« und daneben zu einer Gruppenphotographie ihrer Schulfreundinnen. An einer Parfümflasche roch sie, und eine schimmernde Muschel hielt sie lauschend ans Ohr. Dann besann sie sich noch einmal, ob sie auch wirklich alle Pflichten erfüllt hatte. Unten im Stall hörte sie Peter, den alten Schimmel, stampfen -- aber der hatte ja reichlich Futter.

Liese seufzte und wandte sich nun doch zum Fenster. Ein scheuer Blick zeigte ihr, daß sie nichts wagte. Gegenüber war alles dunkel -- der Herr Assessor saß wohl noch im »Goldenen Engel«. Der Herr Assessor ... Sie lachte leise vor sich hin, denn eigentlich war er ihr schon zu vertraut für den steifen Titel. Sie atmete tief und sog die reine Nachtluft ein. Plötzlich erschrak sie vor ihrer eigenen, fremdartigen Unruhe.

Sie wußte, daß sie Eindruck auf den begehrtesten Mann der Stadt gemacht hatte. Aber sie war die Tochter ihres Vaters -- nicht ausgezeichnet fühlte sie sich, nicht über Vorteile dachte sie nach. Ihre reifen, heißen Sinne waren geweckt. Heute, nach dem schweren Arbeitstage, ließen sie ihr keine Ruhe. Sie fragte sich mit pochendem Herzen, ob auch ihr dieser Mann gefiel.

Aufmerksam sah sie in das Dunkel seines Zimmers. Doch, er gefiel ihr. Schön war er ja eigentlich nicht. Doch seine Gepflegtheit, sein gescheiter Blick. Man merkte ihm den Großstädter an. Es war schon zu verstehen, wie die Mädchen von Strelenwalde sich nach einer Berliner Heirat sehnten.

Sie zuckte ärgerlich zusammen. Warum dachte sie denn überhaupt darüber nach? Für sie kam das nicht in Frage. Selbstverständlich, ein herrliches Leben mußte die künftige Frau dieses Mannes führen.

Das verdammte Strelenwalde! Es durfte sie nicht um die ganze Zukunft bringen. Liese stampfte mit dem Fuß auf. Sie fror jetzt in der Nachtluft und schloß das Fenster. Aber in ihren Kleidern warf sie ich aufs Bett. Immer nur Arbeit, Arbeit. Ein Tag wie der andere. Sie war erst dreiundzwanzig, und der Vater dachte nur an sich. Wie würde das enden? Wie es immer in Strelenwalde endete. Die Konditorstochter heiratete den Papierhändlerssohn. Neue Lasten kamen, neue Arbeit. Froschteich. --

Am nächsten Tage war Sonntag. Liese hatte einen guten Einfall. Nach dem Frühstück entwischte sie dem Vater, der sich ins Strelenwalder Kreisblatt vertiefte, und schloß sich in ihr Zimmer ein. Noch war das Fenster gegenüber zu. Im »Goldenen Engel« mußte es gestern spät geworden sein -- nun schlief er vielleicht einen kleinen Rausch aus, der Herr Assessor. Liese lächelte, denn sie glaubte die Ursache des Rausches zu kennen. Dann öffnete sie ihr Klavier und sang, was ihr eben in den Sinn kam. Es war eine wunderliche Zusammenstellung: Franz Schubert und Operettenschlager -- doch überall kam Liebe und Sehnsucht vor.

Sie hatte eine hübsche, unverbildete Stimme. Ihr Fenster stand offen. Sie wollte den Langschläfer drüben wach singen. Es glückte. Nach einer Weile hörte sie gegenüber die Vorhänge aufziehen, und bald darauf öffnete sich das Fenster. Sie konnte kaum weitersingen -- so kam sie ins Lachen. Deutlich spürte sie, wie Viktor Schwarz sich langsam herauslehnte und andächtig lauschte. Sie entdeckte sogar im Spiegel den Schimmer seines geröteten Gesichts. Da konnte sie nicht weiter. Plötzlich schlug sie das Klavier zu, sprang auf und lief aus dem Zimmer. --

Als sie vormittags die Kirche verließ, traf sie Viktor Schwarz auf dem Markt. Er war heute kecker als sonst. Obwohl sie sich im Schwarm der Leute befanden, ließ er sie nicht vorüber. -- »Fräulein Prutz, ich muß Ihnen noch mein ganz besonderes Kompliment machen! Sie haben heute früh ein Talent entwickelt, von dem ich keine Ahnung hatte!«

Liese sah ihn schelmisch an. -- »Wahrscheinlich waren Sie doch sehr böse auf mich? Ich hab´ Sie doch im schönsten Morgenschlaf gestört?«

»Aber wo denken Sie hin! So angenehm bin ich in meinem Leben noch nicht geweckt worden! Nur das Programm war -- verzeihen Sie -- etwas bunt. Der Frühlingsglaube von Schubert und der Zigeunerbaron -- wie kommt denn das zusammen?«

Sie wurde rot: »Ach Gott, das liegt an meinem Album! Da steht es so! Ich singe immer alles hintereinander! So musikalisch wie Sie bin ich nicht!«

»Sie haben vor allen Dingen eine entzückende Stimme. Was meinen Sie wohl, was man in Berlin dafür geben würde!«

»Ich singe bloß für mich.«

»Wenn Sie den richtigen Unterricht hätten, könnten Sie direkt eine Künstlerin werden.«

»Sagen Sie das bitte nicht so laut. Wenn die Leute hier was von ›Künstlerin‹ hören, ist man schon bei ihnen unten durch.«

Liese wurde sich der gefährlichen Situation bewußt. Man kam aus der Kirche -- da waren die Strelenwalder besonders streng. Die hübsche Konditorstochter, die ohnehin auffiel, sah man zum erstenmal mit dem Herrn Assessor gehen. Gewiß, sie waren gut bekannt, aber miteinander gehen, nicht nur stehenbleiben, plaudern und Abschied nehmen, das war ein starkes Stück. So etwas erlaubten sich überhaupt nur öffentlich Verlobte.

Fräulein Knittel, die Lehrerin, und Frau Apotheker Barkhusen folgten dem Paar in unauffälliger Entfernung.

»Gestern hat man sie auch schon zusammen gesehen«, tuschelte Frau Barkhusen. »Und in einer Situation! Das wissen Sie doch?«

Die Lehrerin zog ihre gotischen Augenbrauen noch höher. »Ich habe keine Ahnung!«

»Kutschiert hat sie ihn!« prustete die dicke Frau Apotheker. »Vom Küstriner Tor bis vor ihres eigenen Vaters Haus! Es ist ein Skandal, wie das Mädchen sich benimmt!«

»Kehrten sie von einem gemeinsamen Ausfluge zurück? Waren sie wirklich auf dem Wagen allein?«

»Die Berichte lauten verschieden. Manche behaupten, daß die alte Sanftleben dabeigewesen sein soll. Na, wenn auch -- die merkt ja nichts, die ist ja so dumm.«

»Das wußte ich gar nicht, daß Fräulein Sanftleben dumm ist?«

»Ein Heupferd! Im übrigen natürlich schrecklich gutmütig. Nein, mir tut nur der Vater leid. Wissen Sie, solch Mann -- so rücksichtsvoll in jeder Beziehung -- jetzt hat er extra meinetwegen echte Lebkuchen aus Nürnberg kommen lassen -- nein, über Herrn Prutz sind wirklich alle Meinungen einig. Aber mit seiner Tochter werden wir noch böse Erfahrungen machen!«

Frau Barkhusen rief es prophetisch. Im übrigen hatte sie Asthma und konnte die Verfolgung des interessanten Paares nicht fortsetzen. Viktor Schwarz und Liese Prutz waren in der schmalen Johannisgasse verschwunden.

Hier war es immer schattig und still. Die Sonne konnte nur die Spitzen der Giebel übergolden. Vom blauen Maienhimmel war ein schmaler Streif zu sehen. Aus den uralten Häusern kam ein etwas muffiger Geruch. Zuweilen aber zeigte sich in einem Gärtchen auch schon blühender Flieder.

Viktor Schwarz sah, daß seine Begleiterin ernst war. Sie trug ihr Gebetbuch in der Hand. Da hielt er sich für verpflichtet, ein ihm völlig fremdes Gebiet zu berühren: »Wie war die Predigt heute, Fräulein Prutz?«

Liese fuhr aus ihren Gedanken auf: »Das weiß ich eigentlich gar nicht.«

Er lächelte. »Das wissen Sie nicht?«

»Ach, unser Pastor ist schon alt. Ich habe ihn ja sehr gern -- mein ganzes Leben hängt mit ihm zusammen -- aber er predigt doch nur für alte Leute. Unsereiner -- man möchte doch mal was anderes hören ...«

Er lauschte entzückt. Dann fragte er: »War ihr Herr Vater auch in der Kirche?«

»Nein, heute nicht. Er muß backen, und Tante Sanftleben bedient. Das weiß der Herr Pastor, daß der Kuchen nicht alt werden darf -- Sonntag nachmittag kommt er immer selber zum Kaffee.«

»Ah, so!«

Viktor Schwarz putzte lächelnd seinen Kneifer. Dann setzte er ihn wieder auf, und die blanken Augen zogen sich zusammen: »Wie sähe denn ungefähr die Predigt aus, die Sie sich wünschten, Fräulein Liese?«

Er nannte sie plötzlich beim Vornamen -- jetzt wurde sie zum erstenmal verwirrt: »Aber das weiß man doch nicht -- das ist doch Sache vom Herrn Pastor! Machen wir nicht einen Umweg, Herr Assessor? Ich müßte doch längst zu Hause sein.«

Sie blickte ängstlich umher. Er schüttelte harmlos den Kopf -- aber natürlich hatten sie einen Umweg gemacht. Um die Mädchenschule und den ganzen Waisenhausgarten waren sie gegangen. Aber das war nun nicht mehr zu ändern. Sie zürnte ihm fast ein bißchen, denn er hatte sie überlistet. Wenn nur der Vater nichts merkte.

Endlich näherten sie sich der Prutzschen Konditorei. -- »Ach, die beste Predigt ist doch solch Frühlingstag!« rief Viktor Schwarz plötzlich. »Dagegen kommt alle Menschenweisheit nicht auf!«

Seine Stimme tönte. Sie zuckte zusammen. Eine fliegende Röte überzog ihr schönes Gesicht.

»Morgen abend ist in der ›Post‹ ein Konzert von Berliner Künstlern«, sagte er. »Kammermusik. Sehr schön. Ich habe zwei Karten. Darf ich Ihnen die zweite anbieten?«

Sie war ganz bestürzt: »Aber Herr Assessor ... Ich danke Ihnen vielmals ... Das ist ja so liebenswürdig ... Aber ich muß erst meinen Vater fragen!« --

Sie fragte ihn natürlich nicht -- Viktor Schwarz dachte es sich schon. Eine Ausrede hatte sie gebraucht. Herr Prutz glaubte, daß die Karte von Adele Schörg stammte. Wenn man Liese nun auch neben dem Assessor sah -- das konnte Zufall sein -- darüber dachte sie nicht weiter nach. --

Es war ein sehr schönes Konzert. Immer stärker lösten sich die Schleier von der großen Welt, in die sie durch Viktor Schwarz gezogen wurde. Er hatte sie bis an die Schwelle geführt -- drüben konnte kein Abgrund sein. Jetzt erst fühlte sie sich in Strelenwalde gefangen. Während er sie durch die schwüle Nacht heimbegleitete, lauschte sie durstig auf seine lockende Rede: »Ja, solche Künstler sind bei uns in Berlin nur zweiten Ranges -- da müßten Sie die Ersten hören! Lauter Weltberühmtheiten! Ich fehle bei keinem künstlerischen Ereignis! Ach, überhaupt, Berlin -- gewiß, hier herrscht eine goldene Ruhe, und Strelenwalde hat seine Vorzüge, aber in Berlin, da hat man doch erst einen Begriff vom Leben! Viel Arbeit, gewiß, der Kampf ums Dasein ist kolossal -- aber alles funkelt dafür auch von Kultur und Anregung! Na, und eine junge Frau, die einen Mann in gesicherter Position hat -- was sage ich, gesichert -- in glänzender Position -- die kann sich wirklich nichts Besseres wünschen! In Berlin kommt sie erst zur Entfaltung! Da erkennt sie ihre eigenen Möglichkeiten!«

»Ach, lieber Gott«, seufzte Liese. »Wenn noch welche da sind. Wenn sie hier nicht längst verkümmert sind.«

Viktor Schwarz machte eine kühne Bewegung: »Das beurteilt nur ein erfahrener Mann! Ich für meine Person, ich setze mich über alle Hindernisse der Herkunft fort, wenn ich den richtigen Fond in einem Mädchen entdecke! Die Naturbegabung entscheidet! Es kommt auf die Auffrischung der Großstadtnerven an, auf die Veredlung durch die unverbrauchte Kraft des Landes!«