Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band.
Part 8
Nun wurde aber sogleich sein Weg verändert, und der nach Egypten eingeschlagen. Die Reuter wußten von Kukus Befehl, Gigi in das innre Darkulla zu bringen, nichts, sondern hatten nur Weisung, Mehemed zu gehorchen, was solche Menschen denn blindlings thun.
Gigi saß auf ihrem Dromedare, noch kein Unheil ahnend, da kam Perotti lachend herangeritten, und rief: »Nach Egypten zieht die Karavane. Die stolze Königin der Beduinen schläft diese Nacht in Perottis Zelt. Endlich werden Recht und Klugheit siegen!« Er sprengte weg.
Sie gerieth außer sich vor Schrecken, wollte den Ring vom Finger reissen -- er war dahin. Sie wollte sich von dem Dromedar hinabstürzen, man hielt sie ab, und hinderte jeden Ausbruch ihrer Verzweiflung. --
Der Leser lasse sich gefallen, daß die Szene des Romans wieder in das innre Darkulla verlegt werde, und wende den Blick einstweilen von Perotti und Gigi.
Flore hatte unterdessen von Perottis Unterhandlungen vieles gehofft. So wenig sie auf seinen Charakter baute, meinte sie doch, auch er würde wohl des Lebens unter den Negern müde sein, und gern nach der Heimath zurückkehren. Das mußte ihn denn bestimmen, alles zur gemeinschaftlichen Abreise einzuleiten.
Es währte aber lange, ehe eine befriedigende Nachricht einlief, Flore theilte sich unterdessen mit Alonzo und jenem treuen Neger in die Regierungsgeschäfte, deren sie aber mit jedem Tage müder ward, denn mit jedem Tage drangen mehr Bitten und Gesuche auf sie ein, weil des Volkes Begriffe so erweitert worden waren. Stolz und Habsucht forderten überall Ehrenstellen und Reichthümer, und wie konnten sie immer befriedigt werden. So häuften sich auch die Klagen, da der Verbrechen immer mehr ins Leben gerufen wurden. Oft gedachte Flore der Worte ihrer alten Räthe, wenn sie sie damals schon verlacht hatte, und sahe ein, daß: wie einmal die menschliche Natur angethan ist, Monarchengewalt, verbrüdert mit der heiligsten Religion des edelsten Willens, dennoch _keine Glückliche zu erschaffen vermag_. Nein, nein, in der Mansarde des Palais Royal wäre mirs besser, wie in diesem Pallast, dachte sie, denn es ist unter andern mit dem Glücke auch, wie mit dem Regenbogen, nur wenn er vor oder hinter uns steht sehen wir ihn, mitten darin nicht.
Es giebt bei dem allen Gemüther, welche in der Volkserziehung große Ausdauer zeigen, wie z. B. Numa Pompilius, (nachdem Romulus, den die Sache etwas zu langweilen begann,) den kühnen Entwurf eines neuen Reiches geboren, und die Riesenschritte eingeleitet hatte. Flattersinn geht bald in eine gewisse Philosophie über, die zwar weise Wahrheit genug in sich trägt, allein der anhaltenden Arbeit nicht frommt.
Genug, Flore war des Regierens müde, und harrte ihrer Erlösung. Da kam der Eilbote Musas an, durch welchen der Dschelab kund thun ließ, Mehemed übe Verrätherei, und wolle wie es schien, Gigi in das Innre von Darkulla führen, um Nene zu bekämpfen, und vom Thron zu werfen. Das letztere klingt auch dem hart, der freiwillig vom Thron zu steigen gewilligt wäre. Des Thrones Höhe durchglüht mit einem gar empfindlichen Stolz, und die Lear, oder Carl V würden gleich ihre volle Gewalt entgegnet haben, wenn Jemand in dem Augenblicke, da sie das Szepter niederlegen wollten, es ihnen zu entwinden versucht hätte. So empfing Flore auch kaum jenen Bericht, als sie Alonzo zu sich rufen ließ, und ihm aufgab, zur Sicherheit des Landes doppelt zu sehn.
Das geschieht ohnehin, gab er zur Antwort, es ist nicht nur der Paß wie immer besetzt, sondern es steht auch noch ein Heer nahe an demselben bereit. Der Treue, welcher es anführt, meint: Kuku könne, auch Friede heuchelnd, Arges im Schilde führen, und man müsse deshalb unter den Waffen sein.
Von Kuku fürchte ich nichts, versetzte Flore, doch Gigis wegen seid auf eurer Hut. Sie könnte jenen schlagen, und dann zu uns eindringen wollen, und ihre Rache wegen der vorenthaltenen Caffern, die Unschuldigen empfinden lassen.
So verstrich einige Zeit, bis das Gerücht einlief: Kuku habe in einer großen Schlacht das Leben verloren. Bald darauf erfuhr man, sein Leichnam würde nach der Hauptstadt gebracht werden, weil der Verstorbene ein Grab neben Tata gewünscht hätte. Dem Gerücht folgte eine förmliche Meldung, denn der Offizier, welcher den Leichnam geleitete, sendete zum Paß voraus, und begehrte Eingang. Es wurde bei Floren angefragt, und diese beschloß, mit Alonzo selbst dem Zuge entgegen zu reisen, und begab sich zur Gränze. Diese Ehrenbezeugung geschah, um das Volk noch mehr zu gewinnen, denn seine Gunst ist bei allem, was man vorhaben mag, wichtig.
Sechstes Kapitel. Fortsetzung.
Der Zug hatte mit dem Leichnam einige Tage außerhalb warten müssen, da Flore ankam. Sie wollte ihm zuerst auf der innern Gränze ein Todtenopfer darbringen.
Schon in einiger Entfernung kam ihr ein wohlgekannter Beamter entgegen, der ihr von dem letzten Willen des Sultans Nachricht gab. Die Sultanin konnte nicht anders, wie sich wahrhaft gerührt dabei zeigen. Der Neger setzte anhänglich hinzu, das Erbe außerhalb der Felsen mögte dir vielleicht streitig gemacht werden. Vornehme Krieger, von denen einige durch Heirathen ihrer Väter mit dem Sultansstamme verwandt sind, zeigen sich schwierig, und der Caffer Mehemed selbst redete ihnen zu, einen Rath niederzusetzen, der vermuthlich aus ihrer Mitte ein Oberhaupt wählt. Doch giebt es auch eine Parthei für dich, und nach der dir so eigenen Kunst, die Herzen zu gewinnen, wirst du auch da wohl durchdringen. Floren reizte diese Aussicht wenig, doch empörte sie die Falschheit des treulosen Perotti, welche sie vernommen hatte. Noch erfuhr sie, daß Gigis Truppen sämmtlich zerstreut wären, und die Feindin selbst ihr würde gefangen eingeliefert werden. Du hast die Gelegenheit deiner Rache bald in der Hand, setzte jener Neger hinzu, denn Mehemed bringt nach einem Auftrage Kukus die Gefangene.
Alles wünschte Floren Glück zu so vielen günstigen Ereignissen, mit kluger Politik aber erwiederte sie: das alles tröstet meinen Kummer über des edlen Kuku Hintritt nicht.
In geringer Entfernung vom Felsenpaß sahe sie das Heer, von dem Alonzo ihr gemeldet hatte. Darf der Führer sich dir nahen? fragte letzterer. Und warum nicht, erwiederte sie, schon lange wünscht ich ihn zu sehen, der sich meinem Anblick entzog, und dem ich den Sieg über Tata verdanke.
Ein Wink Alonzos, und der Führer ritt heran. Froh überrascht rief die Französin: Coutances! Ihr? ihr lebt? Ich glaubte dir manche Unruhe zu ersparen, sagte Alonzo, wenn du ihn todt, und seinen Kopf dem Sultan überliefert wähntest.
O meine Ahnung! versetzte Flore, wohl habe ich ihn unter den Lebenden vermuthet. Es gab eine Szene großer Freude, von allen Seiten.
Wohlan, nahm Flore wieder das Wort, nachdem sie Coutances herzlich begrüßt und ihm gerührte Dankbarkeit erwiesen hatte, wohlan meine Freunde, nun mögen diese Krieger auseinander gehn, denn keinen Feind fürchten wir mehr.
Viele davon zerstreuten sich auch sogleich; doch einen Theil davon, behielt Coutances noch beisammen, um die Begleitung des Leichnams zu machen.
Jetzt gab man am Felsenpaß das Zeichen, dem Zuge den Weg zu öffnen, und die Wache ließ die Brücken nieder. Doch wurde in der großen Sicherheit, worin man sich befand, die Masregel versäumt, welche sonst in der Gewohnheit war, nämlich einen Theil der Ankömmlinge zuvörderst über die erste Brücke zu lassen, und diese sodann wieder aufzuziehn, ehe die folgende erhoben ward, und so von einer zur andern. Das Gefolge des Leichenzuges war bekannt und nicht zahlreich genug, um von ihm, hätte es auch tückische Absichten genährt, etwas zu fürchten; sonst entdeckte sich außerhalb der Felsen Niemand, die Brücken sanken also alle nieder, langsam und feierlich ging der zusammenhängende Kondukt fort.
Flore wartete seiner, in tiefer Trauer, von ihren Höflingen umgeben; in einiger Entfernung standen Truppen mit gesenkten Waffen und rührten ihr dumpfes Spiel. Feierlich war die Anordnung.
Alonzo gab auf den Zug wenig Acht, sondern hatte sich während der Zeit zu Coutances begeben. Was meint ihr, sprach er zu diesem, wird eure Landsmännin noch daran denken, diesen reizenden Aufenthalt zu verlassen, nachdem sie hier so sicher, und keine Feinde mehr fürchtend, thronen kann?
»Vermuthlich dennoch. Ein geheimer Zug ins Vaterland zieht sie unwiderstehlich an. Und vielleicht kann sie ihm nun um so eher folgen. Denn was hindert sie nun, eine starke Bedeckung auszuwählen, und mit dieser ihre Reise anzutreten?«
Hm -- wer weiß, wäre das Volk dabei gleichgültig. Es dürfte die Regierung nicht gern wieder verändert sehen, weil das nicht ohne Erschütterungen erfolgt.
»O da helfen Erdichtungen.«
Ich gestehe offen, daß ich gern den übrigen Abend meiner Tage hier verlebte.
»Auch ich. Jemehr die Spuren der Barbarei ausgetilgt werden, jemehr verdient dies Land den Namen eines Paradieses.«
Bewerbt euch um die Liebe eurer Landsmännin. Großen Anspruch habt ihr auf ihren Dank. Das Volk wünscht sie vermählt zu sehn. So ist ihr Sein an Darkulla zu fesseln. Ich deutete schon oft bei ihr dahin.
»Ich? Ihr wißt -- -- nein, nein!«
Ihr denkt immer noch an Isabellen, und das rührt mich innig. Allein sie schlummert im Grabe. Ihr seid jung. Denkt an die Prophezeihung, ihr würdet hier den Thron besteigen.
»Wie, an die Prophezeiung?«
Hier wurden sie durch den Anblick eines Getümmels unterbrochen, das sich da erhob, wo die Sultanin betend kniete, indem grade der Leichnam an ihr vorüber kam. Dies Getümmel war mit einem wilden unverständlichen Geschrei begleitet, und Alonzo und Coutances spornten ihre Thiere an, um dahin zu eilen.
Die Ursache dieser Bewegungen war folgende:
Langsam war der Kondukt durch den Paß gegangen, und wie das Ende desselben dem innern Ausgang nahe war, sahen die Wachen mit Schrecken und Befremdung, daß ein Trupp Beduinen vorwärts sprengte, um sich daran zu schließen. Man wollte abwehren, zu spät, sie hatten sich dieser Gelegenheit, einzuschleichen, mit vollem Glück bedient, schon waren die vorderen über alle Brücken, ein zahlreicherer Schwarm drang nach, die Wachen sahen sich geworfen, und jene dehnten sich im Innern aus.
Alles flüchtete in einen nahen Wald, Coutances flog zu den Truppen, um sie heran zu führen. Er war aber zu schwach bei der Gegner Menge, mußte vorerst auch auf einen Rückzug bedacht seyn, um die jüngst Zerstreuten in einer vortheilhaften Stellung zu sammeln. Unter dieser Zeit wuchs die Zahl der Beduinen immer stärker an.
Flore berathete mit Alonzo. Ohne Zweifel meinte dieser, sind diese Reuter von dem geschlagenen Heere Gigis, und sie treibt wilde Abentheurerei umher. Es ist großer Unfug von ihnen zu fürchten, wenn hier nicht kräftig widerstanden wird. Man traf also alle Anstalten, ein zahlreiches Heer in kurzem beisammen zu haben.
Da die Zerstreuten noch keinen weiten Weg zurückgelegt hatten, so fanden sie sich, nachdem ihnen Boten nachgeschickt waren, bald wieder ein, und Coutances konnte daran denken, dem Feinde die Spitze zu bieten. Flore und Alonzo blieben beim Heere, theils, um die Tapferkeit aufzumuntern, theils weil der Weg zur Hauptstadt durch die herumschwärmenden Feinde unsicher gemacht war. Von den Anhöhen, auf welchen nun Coutances die wieder zusammen gebrachten Truppen ordnete, erblickte man bald darauf die jetzt auch in regelmäßige Schlachtordnung gestellten Feinde, die durch die Ebene zum Kampf heranzogen. Coutances rückte ihnen entgegen, und bald standen die Heereslinien in einer geringen Entfernung von Einander.
Ein Herold erschien vor der Mitte, und gab das Verlangen nach Unterhandlung kund. Coutances ritt ihm mit Bedeckung entgegen, und fragte, was den Haufen so vermessen machte, in dies Land zu dringen?
Der Herold erwiederte: Bist du Feldherr?
»Ich bin es!«
Sultanin Gigi fordert dich auf, die Waffen zu strecken!
»Diese Aufforderung darf mir Niemand thun. Aber deine Sendung, Herold, beginnt auch noch mit einer Lüge. Gefangen ist deine Sultanin.«
Dorthin wende den Blick. Die hohe Gestalt mit der weissen Feder auf dem Helm ist Gigi. Willst du kämpfen, so sind wir bereit. Aber noch soll ich dir vorschlagen, von beiden Theilen die Waffen ruhn zu lassen, bis Gigi Bothschaft an deine Sultanin geschickt hat.
»Nicht fern ist sie von hier. Sie soll durch mich erfahren, was an sie zu bestellen ist. Doch ihr Räuber wollt nur Zeit gewinnen. Schon zu lange hauset ihr hier. Von Kuku schon seit ihr geschlagen. Vor mir streckt das Schwerdt, oder keiner wird lebend davon kommen.«
Nicht mögt ich wagen, dies an Gigi zu bestellen. Mache aber erst deiner Sultanin kund, was ihr Gigi sagt: »Ich komme in dies Land, Wohnplätze für mein Heer zu finden. Es giebt deren noch genug hier. Gieb mir meine mir lange verweigerten Caffern, vor allen Mustapha und Osmann, von denen ich weiß, daß sie noch leben, dann wollen wir friedlich zusammen wohnen. Gleich zum Zeichen des freundlichen Willens muß aber das Heer mir die Waffen liefern, und dann auseinanderziehn.«
Coutances war nicht wenig verwundert. Der Antrag, erwiederte er, ist Nene nicht zu machen. Wer würde auch mit treulosen Beduinen einen thörigten Bund eingehn. Die Caffern, wovon du sprichst, befinden sich wohl unter dem Szepter ihrer edlen Gebieterin.
Indem kam Flore selbst herzu, und vernahm den Antrag des Herolds mit Verwunderung. Ich begreife nicht, rief sie, wie mir von Gigi eine Sendung zukommen kann, die ich gefangen weiß; wäre es aber, so sage ihr: sie soll ihre Krieger die Waffen niederlegen lassen, und sich selbst mir als Geissel übergeben, dann sage ich Freundschaft und Wohnplätze zu. Wo nicht, so entscheide das Schwert.
Der Herold eilte kopfschüttelnd hinweg, und kehrte nach einer Stunde wieder. So entbietet meine Herrin der Sultanin von Darkulla, sprach er: Mich jammert des Blutes, das in dieser Fehde strömen soll, doch giebt mein hoher Sinn nicht nach, und räumen kann ich dies Land nicht mehr, denn das meinige ging verloren, und überlegene Feinde harren draußen meiner. Es mag aber der Feldherr des Heeres sich gegen mich in tapferem Zweikampf stellen, ich bin bereit, in Person das Schwert gegen ihn zu ziehn. Sinkt er, so gebiete ich im innern Darkulla, trifft mich der Tod, sind meine Beduinen Nenes Sklaven.
Ich nehme die Ausforderung an, schrie Coutances. Flore wollte abmahnen. Laßt mich, laßt mich, versetzte er, um so unblutiger wird die Entscheidung nahen. Er wartete nicht erst ab, was die Sultanin aufs Neue einwenden wollte, sondern spornte den muthigen Barbarhengst, und flog vor die Linie hinaus.
Gigi von der andern Seite, ersah ihn kaum, als auch ihr Thier angetrieben wurde. Kaum schien sein Huf den Staub zu berühren. Der Reiterin Schwerdt glänzte im Schein der heissen Sonne, hoch wallte der Federbusch an ihrem Helm empor.
Beide kamen sich näher. Gigi trug einen Wurfspieß in der rechten Hand, und wußte so fertig damit umzugehn, wie ein Beduin. Da sie nun aber auf funfzig Schritte heran war, rief sie: Wie? kein Neger, ein Weisser führt dies Heer? Wohlan, Europäerwaffen! Sie schleuderte den Spieß hin, und zückte einen breiten Degen. Coutances hatte den Griff des seinigen schon in der Hand, und hob ihn hoch über den Kopf, einen wüthenden Streich damit auf die Gegnerin zu führen.
Bis auf wenige Sprünge sind sie sich nah, da blicken sie einander an, und in plötzlicher Erstarrung reißt jede linke Hand den Zügel zurück, jede rechte läßt die Waffe sinken. Dennoch stehen die Rosse dichte zusammen, weil der Sprung sich nicht jähling anhalten läßt. Bald darauf eilen beide, hinab vom Sattel zu kommen, und sinken sich in die Arme.
Die Heere, in deren Angesicht das vorgeht, staunen, Flore, wenig von den Kämpfern entfernt, sagte zu Alonzo: Coutances umarmt die Feindin, er ist ein Verräther, oder -- oder --
Kein Verräther! ruft dieser aus, und flieht bestürzt zu dem Paare. Da sprengt auch von jener Linie ein Beduin herzu. Auch mir eine Umarmung, ruft Alonzo, die stattliche, mehr herangewachsene schöner gewordene Heroin erkennend, auch mir Isabelle, und reißt sie Coutances weg. Da greift der Beduin in des Franzosen Hand. Erinnerst du dich des Mannes, Frank, dem du in der Wüste das Leben rettetest? Ich sagte dir Lohn zu, endlich kann ich zahlen. Coutances fiel ihm an die Brust.
Flore, die von fern die umarmende Gruppe sah, eilte auch hinzu, da stellte Alonzo die Tochter, Coutances die Geliebte, Gigi Vater und Geliebten vor, daß jeder Funke der Kriegesflamme erstarb. Daß die Weiber, welche durch das Gerücht schon lange Antheil aneinander genommen hatten, auch sich in den Arm fielen, ahnet der Leser schon, aber es sollte die Gruppe noch dichter werden. Denn von der andern Seite kam Musa, einen Esel führend, worauf ein sehr gebrechlich scheinender Kranker saß. Es war Perotti.
An dem Fleck, wo der Zweikampf hatte vor sich gehen sollen, wurde ein prächtig Zelt aufgeschlagen, worin die Gesellschaft Erfrischungen nahm, und sich ihre Begebenheiten mittheilte. Beide Heere traten zu einander über, und wurden köstlich bewirthet.
Siebentes Kapitel. Erläuterungen.
Wie kam aber Gigi, die Gefangene, zu Freiheit und Heeresmacht? Das sind wir bereit zu erzählen.
Der Leser entsinnt sich, daß der dankbare Imar zugesagt hatte, des Franken Edelthat zu lohnen. Er sah wohl ein, daß es nur durch Gigi geschehn konnte, und verlor sie nicht aus dem Gesicht. Ihr heldenmüthiger Charakter griff kräftig in die Begebenheit, da er sie durch die Flucht befreit hatte, und ihre alle Beduinen bezaubernde Schönheit, gab ihr die Gewalt über die Herzen und den Herrscherstab in die Hand. Denn die wilden unstäten Krieger hatten das Weib nur verhüllt, schwach und ängstlich gekannt, die alles für sich gewinnenden Reize, die kühne unternehmende Natur der trefflichen Spanierin, durch die viel eingewebte Romantik ihres Schicksals entwickelt, kamen ihnen wie etwas Zauberisches vor, und sie erblickten eine Seherin, eine Prophetin in ihr. So viel vermögen Schönheit, Kraft, Verstand!
Da sie nun ihre Plane zur Kultur des eroberten Landstrichs entwarf, die freilich poetischer empfunden, als genau auf die mögliche Ausführbarkeit berechnet waren, sollte Imar ihr auch den Vater und Geliebten zur Stelle schaffen. Daher seine Reise nach Egypten. Doch war ihm strenge untersagt, ihren europäischen Namen kund zu thun, sie wollte eine Szene des unerwarteten Erkennens vorbereiten, ob sie schon nicht glaubte, die Verkettung würde dahin gedeihn, daß sie noch einst dem Geliebten im Zweikampf gegenüberstände. Dies war auch so ein romantischer Sinn. Wir wissen nun, warum Imar jederzeit ein Geheimniß barg, selbst mußte er Isabellens Tod behaupten, so prüften sich auch Treue und Anhänglichkeit.
Uebrigens zog er häufige Nachrichten von den beiden Lieben ein, war auch selbst im innern Darkulla, wenn es schon, wie wir wissen, nimmer gelingen wollte, sie zu den Beduinen zu bringen. Imars Vater starb unterdessen.
Da nun endlich die Unterhandlung mit Perotti angeknüpft, und die Schlacht verloren war, sollte dieser bekanntlich die Gefangene an Floren liefern. Imar aber sammelte von den zerstreuten Beduinen einige Tausend Mann, und zog mit diesen in einiger Entfernung neben Perotti her, der auf seinem Wege genau beobachtet wurde. Jener hatte sich auch eine Unterredung mit Musa möglich gemacht, und weil dieser sich unerkannt unter Perottis Gefolge mischte, gegen den er seinen alten Haß trug, so empfing Imar von des Italieners Beginnen jede Nacht Kunde. Der veränderte Weg, und die trotzig rohe Sprache desselben entgingen ihm also ebenfalls nicht.
Als er nun an jenem Tage, wo er sich seiner ganz werth betragen, den Marsch vollendet hatte, und die Zelter aufgeschlagen waren, ließ er Isabellen zu sich bringen, hohnlachte: Du bist, wenn du schon einem Volke gebotest, meine Sklavin, und endlich will ich afrikanische Rechte an dir gültig machen. Die Arme wollte verzweifeln, daß sie sich nicht den Tod geben konnte. Er spottete frech. Eben ging es so weit mit dem ruchlosen Beginnen, als Waffenlärm und Mordgeschrei draußen ertönten. Der Himmel erbarmt sich, sendet mir Rettung, rief Isabelle. Rettung erwiederte Imar, der eben mit Musa ins Zelt stürzte. Die Beduinen hatten die Neger überfallen, und sich zu Meistern der Dinge gemacht.
Man trug Sorge für die schwer Geängstete, aber Perotti kam diesmal nicht mit so gelinder Strafe davon, wie er es bei anderen Unthaten gewohnt war. Der Araber behandelte ihn im Geschmack des Landes. Die böse Lust soll dir vertilgt werden, rief er. Eine Art Chirurgus begleitete ihn, der auf dem Fleck, und mit rascher Geschicklichkeit eine Operation an dem Italiener vollzog, wie man sie in seinem Vaterlande zum Behuf der Musik, und in den muselmännischen Reichen, der Haremssicherheit wegen kennt. Es versteht sich aber, daß Isabelle damals das Zelt schon verlassen hatte.
Ihr alter Muth kehrte ihr bald zurück, und der Rath, sich nach dem innern Darkulla zu wenden, fand Gehör. Musa wußte, daß Sultan Kukus Leichnam durch den Felsenweg würde gebracht werden, und Imar baute darauf den listigen Anschlag, mit hineinzudringen.
Der Bote, den Perotti abgeschickt hatte, war unterwegs von Beduinen aufgefangen worden, und langte darum nicht bei Floren an, wenn seine Briefe schon destomehr Licht über des Italieners Vorsatz warfen.
Isabelle hätte nach dem inneren Darkulla eilen müssen, auch, wenn sie das Herz nicht dahin zog, denn Uebermacht hatte schon die Beduinen ausgemittelt, und verfolgte sie. Doch einmal durch den Weg, zog man die Brücken auf, und wachte so sorgsam, daß nichts weiter zu befürchten stand. Das Uebrige wissen wir.
Achtes Kapitel. Die neuen Freundinnen.
Isabelle bat Floren jetzt dringend um Vergebung, daß sie mit listiger Gewalt in ihr Reich gedrungen war.
Diese lehnte die Höflichkeit auf das artigste ab, entschuldigte den Schritt durch den Zug des Herzens und den Drang der Umstände.
Isabelle machte das Kompliment: Wie Flore nur befehlen sollte, und sie wäre bereit, gleich wieder hinauszuziehn.
Flore machte das Gegenkompliment: wie sie ihr unendlich vielen Dank zu sagen hätte, denn ihre Ankunft gewähre ihr das Glück, einer lange sehnlich gewünschten Bekanntschaft.
Isabelle dankte für ihre Güte, und sprach: wenn ich bleiben darf, werde ich mich und meine Beduinen ganz unter eure Befehle stellen. Ihr seid Herrin!
Flore antwortete: Seid es mit mir! Wohnplätze giebt es genug, und die reizendsten von der Welt. Noch um eine zwiefache Zahl kann das innre Darkulla bevölkert werden, seitdem die letzten Kriege so viel Leben raubten. Nun blühe der Oelzweig immer. Tragen wir nur Sorge, daß Harmonie unter den beiden Nationen besteht. Ist irgendwo der schöne Traum des Abt St. Pierre zu verwirklichen, so laden die Dinge hier dazu ein.
Diese sinnigen Gegenartigkeiten führten zum Wechselvertrauen, und dies bald zu großmüthiger feuriger Freundschaft. Flore redete davon, wie sie es bald bei den schwarzen Machthabern im äußeren Darkulla dahin bringen wolle, daß alle Beduinenhaufen, welche noch zerstreut umherschwärmten, ungehindert in das Felsenland gelassen würden, wie auch die Weiber und Kinder in den noch übrigen Lägern. Das erweckte allgemeine Freude unter den Arabern. Dann schlug sie vor, bald nach der anmuthigen Hauptstadt zu eilen, womit Isabelle sehr zufrieden war. Von dort, sprach Flore, leitet sich alles wegen der Ansiedlungen am besten, ich kann euch auch anständiger bewirthen, und dann -- vor allen Dingen -- ein Geschäft, bei welchem ich auch die Sorge mit Niemand theilen werde -- vor allen Dingen muß ich Anstalt zu einem hohen zärtlichen Feste treffen, das doch wohl bald gefeiert werden wird. Nicht wahr, schöne Isabelle?
Isabelle lächelte hoch erröthend. Coutances schlug die Augen nieder, eine Bewegung, welche ein Franzos nicht leicht macht, er müßte denn wahrhaft verliebt seyn.