Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band.

Part 6

Chapter 63,593 wordsPublic domain

Nun hielt der junge kräftige Prinz ein, empfing Urkunde und Huldigung, und vergaß, was geschehen war. Froh kehrte alles zur Burg. Glücklich herrschte Basil, Sohn des Boguslav. Kein innrer Zwiespalt, kein Krieg von außen, störten seine Regierung, denn alle Welt fürchtete Basil, Sohn des Boguslav, Fomuschka den Langen, und Bogdanuschka den Kleinen.

Die ^Archives litteraires de l'Europe^ erheben diese Legende, wegen mancher Züge von Einfalt, doch giebt sie auch einen Maasstab, wie rohe Einbildungskraft Monarchenwerth in Anschlag bringt. Unserm Roman wurde sie als Beilage verliehn, um den Leser zu der Betrachtung aufzufordern: Es ist im Nord und Süd sich manches ähnlich, Bös und Gut überall gleich gemengt, Demokrit und Heraklit vermissen nirgend ihren Stoff, und nach Belieben, oder Lebensalter und Gemüthsstimmung ist Schillers Wort anzuwenden:

Thor, wo du siehst die Noth und die Plag, Erblick ich des Lebens hellen Tag.

Sechstes Buch.

Erstes Kapitel. Flore und ihre Räthe.

Wir sahen, daß die Räthe der Sultanin in Darkulla fleißig einander den Platz streitig machten, woraus für das Ganze nicht viel Segen zu keimen pflegt. Man kann die Staatsführung allenfalls mit einem Wagen vergleichen. Die vorgespannten Rosse sind die oberen Diener, der Souverain lenkt ihre Zügel, achtet auf des rechten Weges Geleis. Gut, wenn die Rosse stark sind, muthig schnaubend vorwärts dringen, daß es eher nöthig wird, den Zaum aufzuhalten, als ihn bei anderweitiger Antreibung zu lockern; mögen sie auch ein wenig eigenwillig, wiewohl dem obern Willen gehorchend, lenkbar seyn, denn Shakespear sagt sinnreich genug: verdrießlich ein Roß, das nicht in den Zügel beißt. Herrlich geht alles von Statten, wenn die ausgreifenden Kräfte vorne _Talent_, und die Lenkenden hinten _Genie_ genannt werden können. Es mangelte sogar nicht an Beispielen eines gar lobenswerthen Fortgangs unter so angethanen Umständen. Auch darf man nur in den bunten Gukkasten der Geschichte blicken, wo die Tragikomödie der Vergangenheit aufgeführt wird, und man wird da manchen Zügler gewahr, dem das Lenken unbequem wird, und der sich also einen Stellvertreter anordnet, dem er nur bisweilen auf die Hände sieht. Auch kann es gedeihlich ergehn, ermangelt diesem nur nicht Kunde des Wegs und Kraft der Fäuste, schlimm aber wenn der Zügel nachgelassen wird, eines der Thiere springt im wilden Gallop an, das Zweite will sich im trägen Trott schonen, auch gelegentlich Gras an der Seite des Weges rupfen. Am Kreuzpfad biegt eins rechts, das andre links. Oder dem eigentlichen Bilde, worauf es hier angesehen ist, näher zu kommen: ein Hochbeamter will rüstig fort ins Gebiet der Neuerung, wird entzückt von den Phrasen der Projektenmacher, freuet sich der Zahlen eines Law, hofft für jede papierne Saat Goldärndten, und der andre gleichet solchen, wovon Herr von Held ein meisterhaft possierliches Gemälde lieferte:

Wohl mancher läßt an der Geschäfte Spitze, Von dem erhabenen Ministersitze, Die Staatsmaschine leiernd gehn, Das Schnarrwerk tanzt, und endlich lohnen Den invaliden Leirer, Pensionen, Dann mag ein Andrer weiter drehn.

Wie geht es da? Man gelangt auf Irrwege. Bald bricht etwas am Wagen, bald kömmt er nicht von der Stelle, man wirft um u. s. w. u. s. w.

Floren machte es gewaltigen Verdruß, da sie sah, daß Alonzo, Perotti und der Darkullaner ungleich und gegen einander wirkten. Und das Lenken selbst nun so schwieriger, gewährte ihr um so weniger Vergnügen, als die Blutszene ihr das sonst reitzende Land verhaßt gemacht hatten, und die Sehnsucht den Blick nur ins Vaterland rief. Mit heißer Ungeduld erwartete sie Musa zurück, und schöneren Traum konnte sie nicht träumen, als Kukus Einwilligung in ihre Vorschläge.

Unterdessen kam Alonzo öfters, und stellte ihr vor: für die Arme einer Dame wären die Zügel des Regiments zu beschwerlich. Ein Premierminister würde ihre Sorge am freundlichsten erleichtern. Dann hatte er diesen oder jenen glänzenden ausschweifenden Entwurf, welchen er zur Stelle vollzogen wissen wollte. Denn obschon unthätig im Tagewerk, lebte ihm doch eine rege Phantasie, er hielt den Charakter des Hispaniers fest. Allein Flore fand die Entwürfe selten nach ihrem Geschmack, und der Alte ward dann murrlaunig.

Perotti erschien noch häufiger, immer festlich geschmückt, die ziemlich greisen Haare mit einer Farbe geschwärzt. Wenn er Floren nun eine Menge angenehmer Dinge, und süßer Lügen vorgebracht hatte, stellte er ihr vor, wie nöthig ihr in dem dermaligen Verhältnisse ein Gatte sei, ein Gatte, nicht zu jung, um noch ein Sklave der Unbesonnenheiten zu sein, nicht zu alt, um noch das Feuer der Liebe empfinden zu können. Dann gab er die Rolle des Zerstreuten, Nachsinnenden, Unglücklichen.

Flore lachte in sich, da sie seine Plane ahnte.

Nicht lange, so erschien auch ein Brieflein voll der zärtlichsten Wendungen. Flore lachte noch mehr, und beantwortete es nicht.

Doch wenige Tage nachher spielten ihre Frauen auf eine Verheirathung der Sultanin an, die Stadt war plötzlich eines Abends erleuchtet, und Alonzo erschien noch ganz spät, warf sich Floren zu Füßen, und warnte mit den dringendsten Gründen, gegen den neuen Vorsatz. Flore war vor Erstaunen außer sich.

»Nein, ehe du dem arglistigen gauklerischen Italiener die Hand reichst, weiß ich einen Gemahl für dich, edelmüthig, tapfer, jung, liebenswerth, und dem du eben so viel verdankest --«

Aber ums Himmels Willen, wurde er unterbrochen, wer hat euch gesagt, daß mir so ein Gedanke einkam?

»Wer? Jedermann. Die gesammte Stadt ist voll davon. Darum die Erleuchtung. Morgen werden Abgeordnete dir im Namen des Volkes Glück wünschen.«

Hieraus ergab sich, daß Perotti die Neuigkeit selbst verbreitet hatte, Floren desto eher für die Ausführung zu stimmen. So läßt man in den Zeitungen verkündigen, man habe ein gewisses Geschenk, eine Stelle, eine Ehrenbezeugung erhalten, und Einigemal hat das die Wirklichkeit zur Folge gehabt.

Nicht so bei Floren. Sie ließ den Wälschen rufen, und sagte ihm gemessen: Signor Perotti, war ich euch Dank schuldig, so bedenkt, daß ich ihn durch Vertrauen, und durch Vergessen eurer ehemaligen Untreue, entrichtet habe. Spielt ihr jemals auf diese eure thörigte Absicht wieder an, geht ihr eures Amtes verlustig.

Perotti versetzte: Sultanin, wohin führt Liebe!

»Wie, in eurem Alter?«

Medea verjüngte den Greis Aeson, ihr, eine größere Zauberin, werdet doch den Mann aus den Mitteljahren ins Jünglingsalter zurückführen --

»O erlaßt mir das! Ich meinte, jene Isabelle sei eure Geliebte. Schlecht lös't ihr euer Wort, sie bis ans Ende der Welt zu suchen.«

Im Wetteifer mit Coutances gab ich dies Wort. Er ist todt, was brauche ich es nun zu lösen.

»Also Eitelkeit, elende Eitelkeit, der Listigste gelten zu wollen, nicht kräftige Leidenschaft spornte euch?«

Flore gab ihm noch manchen ernsthaften Verweis, dann trat auf ein gegebenes Zeichen der Wachtoffizier herein, und Perotti wurde verhaftet. Nur auf vier Wochen, sprach Flore. Jener mußte alles Sträubens ungeachtet mit fort.

Diesen Abend war die Stadt noch weit heller erleuchtet. Das hatte Alonzo besorgt. Flore, die ihn rufen ließ, erhielt auf ihre Frage folgenden Bescheid:

»Das Volk ist doppelt froh. Einmal, daß Perottis Sage unwahr ist, ferner daß ein Minister, der seinen vollen Haß trägt, hat ins Gefängniß wandern müssen.«

Das sind, erwiederte Flore, alles Dinge, wovon dies gute Volk nichts wußte, ehe wir die Hand an seine Verfeinerung legten. Ich sehe gar wohl, daß jede Unze des Guten, die es durch mich empfing, reichlich durch eine Unze Uebel aufgewogen wird, und das ist es, was mir die ganze Beherrschung höchst zuwider, mit jedem Tage mehr zuwider macht. An all das geflossene Blut darf ich vollends nicht denken, oder mich befallen Gram und Trübsinn.

O, fiel der andre ein, ein Gemahl, ein Gemahl, nur Perotti nicht.

Schweigt, ich besitze schon einen! -- Doch Apropos! Ihr erwähntet vor Kurzem eines rühmlichen jungen Mannes. -- Faßt ja keinen unrichtigen Gedanken, wenn ich frage. Es hieß, ich verdankte ihm viel, und das mag ich nicht schuldig bleiben.

Alonzo fing eben lächelnd an:

Es ist --

Da trat ein Diener ins Zimmer, und meldete Musas Zurückkunft. Dies unterbrach das Gespräch völlig, denn Florens ganzer Antheil war dem Neger zugewendet, der auch gleich vorkam.

Zweites Kapitel. Musas Berichterstattung.

Was sagt Kuku? wackerer Dschelab, rief Flore dem Ankömmling entgegen.

Er erwiederte folgendes:

Da ich zu dem Sultan kam, erhabene Nene, und mich als deinen Gesandten offenbarte, warf er sich jammernd und winselnd auf den Teppich. Alle Liebe ist von den Weibern gewichen, rief er, auch diese Nene, die ich zur Eselin der Eselinnen erhob, wollte nicht sterben.

O der Barbar! fiel Flore ein.

Jener fuhr fort: Nun mußte ich deinen Krieg gegen den Bruder berichten, und wie Tata fiel. Da zürnte er nicht. Mein Bruder war ein Krieger, sprach er, rühmlich ist Tata gesunken. Nun erzählte ich, wie du sein Grab geehrt, sein Denkmal erhöht hast, da weinte er vor Freude.

Edler Rittersinn, rief Flore. Kuku verleugnet sich nicht. Das Gute und Böse liegt in seiner Seele beieinander. Ich aber mag hier weder tilgen noch entwickeln. Weiter!

Da ich nun antrug, du wolltest ihm sein Land zurückstellen, wenn er dich mit sicherem Geleite ziehen ließe, war er halb zufrieden, halb nicht, doch erklärte er sich endlich: er müsse vor allen Dingen erst Osmanns Kopf, womit er betrogen worden sei, bekommen, diese Bedingung würde Nene nicht versagen.

Osmanns Kopf? rief Flore. Osmanns Kopf! Betrogen sagst du? Hat er ihn nicht? Mit meinem Willen zwar nimmer. Alonzo, was sagt ihr?

Ich weiß nicht anders, stockte dieser.

Musa fuhr fort: Der Sultan behauptet, einen anderen Kopf erhalten zu haben. Er besteht auf den ächten; dann sollst du ihm auch noch einen geschickten Caffern zusenden, der ihm das schwarze Pulver bereitet. Er will es wider Gigi gebrauchen, mit der es immer noch nicht zu der lange erwarteten entscheidenden Schlacht kam, denn man unterhandelt noch mit Habesch um die Mittel, jene unfehlbar zu verderben.

Der Caffer soll ihm werden, ich hab ihn schon ersehen. -- Es ist ein Irrthum. Der Kopf wurde ihr zugeschickt. Doch stände der Franzose auch lebend vor mir, ich würde nimmer in die Forderung willigen.

Sie ließ hierauf Perotti aus dem Gefängnisse bringen.

Signor, erklärte sie ihm, ihr geht zum Sultan Kuku! Verseht ihn mit Kunst, mit List, so viel ihr wisset und ihm Noth thut. Wenn ihr das gehörig ins Werk gerichtet habt, so vollendet meinen Frieden mit ihm. Der ehrliche Musa wird euch begleiten. Vielleicht ziehen wir am Ende froh nach Europa.

Nach Europa? rief Perotti. Ich habe es schon vergessen, und darauf verzichtet.

»Ich nicht, Signor, ich nicht!«

Laßt uns doch in Darkulla bleiben. Zum Paradiese fehlt ihm ja nichts mehr, als eine Opera buffa, und ein maskirt Carneval. Doch Geduld, ich richte alles noch ein.

»O meinetwegen künftig bei Sultan Kuku. Genug, ich höre keinen Widerspruch, keine Bitte.«

Aber mein Amt, mein Amt!

»Werde ich einstweilen schon verwalten lassen, auch mich beim Sultan einlegen, daß es euch vorbehalten bleibt.«

O keinem Sultan mag ich dienen, einer Monarchin. Wie Essex der Elisabeth. Das bringt vortrefflich Regiment.

»Dies waren eure Abschiedsworte. Kameele vor. Glück auf die Reise!«

Er mußte gehorchen.

Alonzo wurde wieder allein befragt: Welchen jungen Mann meintet ihr?

Er gerieth in Verlegenheit. Ich bitte um Nachsicht, Sultanin. Ich weiß keinen. Es war mir nur darum, zu erfahren, wie du einen Antrag der Art beantworten würdest.

»So? -- Ei! -- Und Osmanns Kopf? Ihr stokt. Ihr bergt mir ein Geheimniß, auch mag ich es nicht entschleiern. In einem Fall bin ich aber unzufrieden mit euch. Das sollt ihr einst erfahren. Die Verkettung der Ereignisse, welche uns treffen, ist sonderbar. Gebe das Schicksal nur eine endliche freundliche Lösung.«

Alonzo mußte Perottis Geschäfte mit versehn. Flore drängte ihn, da durfte er seiner Trägheit weniger nachhängen. Ehrlicher wie Perotti, hing das Volk ihm lebhaft an, wiewohl es bald darauf auch genug an seinen Einrichtungen zu tadeln fand, denn mit den ersten Eindrücken der Verfeinerung, hatte sich der Geist des Widerspruchs, der in aller Busen wohnt, der uns als moralisches Vertheidigungsmittel von der Natur zugelegt zu sein scheint, auch ziemlich bei den Darkullanern ausgebreitet. Von ihm sagt Morellet, einer der geistvollsten unter den neueren französischen Autoren:

^Supposons qu'on appelle au Ministère un génie élevé, d'une probité qui décourage la calomnie même, plein de la passion du bien public, et de tous les sentimens qu'on peut desirer et exiger dans un homme en place; je vais dire ce qui arrivera. S'il regarde autour de lui avant d'entreprendre; s'il étudie, non pas les principes de l'administration que l'expérience et de profondes réflexions lui ont rendus familiers, mais les moyens par lesquels on peut les mettre en pratique et vaincre les obstacles que la corruption élève de toutes parts; s'il marche avec cette sage lenteur qui conduit plus sûrement et plus promptement au but, on dira: _il ne fait rien_; _nous ne voyons rien_; c'est qu'on sera au desespoir de n'avoir rien à blâmer et à contredire; mais à la première de ses opérations, des milliers de voix s'élèveront; l'un critiquera la forme, l'autre le fonds, non pas d'après des principes réfléchis, mais uniquement par esprit d'opposition. Si le ministre eût fait tout le contraire, on se fût simplement abstenu de corriger tel abus de faire telle loi, ces mêmes gens l'auraient désapprouvé avec la même violence. On eût dit: pourquoi ne réforme-t-il pas ceci ou cela? Pourquoi ne fait-il ce bien au peuple, cette faveur à l'agriculture? S'il réforme, s'il change, s'il s'efforce d'améliorer toutes les parties de l'administration, on s'écriera: pourquoi toucher à ce qui est? Ne sommes-nous pas bien? L'esprit de système, la constitution de l'Etat, les privilèges des différens corps, le caractère de la nation, les dangers d'une liberté, qui deviendrait bientôt licence, seront les mots de ralliement que se donnera l'esprit de contradiction, et bientôt sera renversée, la statue au pied de laquelle on avait brûlé quelque encens.^

Dieser Geist des Widerspruchs, tief verfolgt zur Wurzel, und dann wieder einen vielzweigigen Stamm aus der Tiefe erzogen, lieferte gar wohl den Stoff einer neuen Erklärung des gesellschaftlichen Lebens. Doch scheint die Sucht, philosophische Systeme aufzustellen, bei den Deutschen in Abnahme zu gerathen. Bliebe es dabei! Denn wohin führen sie alle? Den Mann bis zum Grabe zur Pein des Schülers zu verdammen; denn will er nicht das sogenannte Hinken nach dem Zeitalter als Vorwurf hören, muß er immerfort lernen. Und darf man Schätzen einen Werth zuerkennen, von denen es ausgemacht ist, die Mode wird früher oder später gebieten, sie wieder wegzuwerfen. Oder soll der Teutone die Weisheit inniger umschlingen, da die Klugheit sich seinem Arm so viel entwindet?

Drittes Kapitel. Der Kriegsschauplatz.

Wenden wir den Blick nach dem Kriegesgetümmel.

Immer hatte Gigi Unterhandlungen anknüpfen wollen, doch kein Gehör bei Kuku gefunden. In seiner festen Stellung trotzte er ihren Angriffen, wie wir bereits wissen, und übte daneben seine Truppen mit vieler Klugheit. Eilboten gingen fleißig nach Habesch, und kamen von daher. Der Entfernung halber, und da es nothwendig war, beträchtliche Umwege zu nehmen, verliefen aber mehrere Monate, ehe die Unterhandlung am Ziele stand. Endlich aber sagten die Verbündeten zu, Gigi mit einem großen Heere in den Rücken zu gehn, und es wurde ein Tag beraumt, wo Kuku seine Verschanzung meiden, und die Amazone im offenen Felde angreifen sollte. Der Feldherr der Verbündeten rechnete darauf, um diese Zeit auch nahe zu sein, so gerieth die Feindin zwischen zwei Angriffe, und um desto eher hoffte man sie zu verderben.

Eben war man auf das ernsthafteste mit Waffenübungen beschäftigt, da Perotti in Kukus Lager kam. Aber welche Waffenübungen. Nicht etwa so bequem wie in Deutschland, wo man die freundliche Jahreszeit, den Tag, und fein flache Gefilde dazu auswählt, dazu jedermann auf dem Papiere hat, welche Szenen aufgeführt, welche Truppen vorwärts rücken, und welche fliehen sollen. Nein, Sturm, Regen, Wolkenbruch, wie sie die nasse Jahreszeit dort viele im Gebürge gab, tiefe Nacht, hohe Felsen, Wald und Sümpfe liebte Kuku zu diesem Behuf. Immer wurden zwei Partheien aufgestellt, deren Führer nach Urtheil handelten. Daß es dabei auf blutige Köpfe nicht ankam, auf dem Exerzierplatze Todte zu begraben, ins Spital Verwundete zu bringen waren, versteht sich von selbst.

Perotti kam in der übelsten Laune von der Welt im Lager an. Er hatte so schöne Träume geträumt, und war so übel davon erwacht. Zwar besaß er viele Schätze, denn es war ihm vergönnt worden, ein Kameel mit seinen Habseligkeiten zu beladen, und was er erpreßt, und durch Bestechungen gewonnen hatte, nahm darauf Platz; gleichwohl aber sah er wenige Sicherheit für den Reichthum voraus, und dem Kriegsruhm hatte er in Europa nimmer Geschmack abgewonnen, um wie viel weniger in dieser Erdgegend. Bei dem allen mußte er der Nothwendigkeit weichen, und es galt ihm nur, sich in die Gunst des Sultans zu schmeicheln.

Das geschah denn nach aller Kraft, es wurde Pulver verfertigt, auch Kanonen, ob sie gleich zu nichts taugten, als Schrecken einzujagen, was freilich schon viel taugen heißt, besonders wenn man schreckhafte Feinde vor sich hat. Kuku wollte ihm eine Unterbefehlshaberstelle bei den Truppen anvertrauen, die er aber demüthig verbat, und dafür antrug, die eines Feldhistoriographen anzuordnen, welche er mit nicht geringem Eifer zu versehn anfing. Dabei stutzte er Zeitungsschreiber zu, und ließ alle Tage ein Palmblatt ausgeben, worauf die Kriegsvorfälle geschildert wurden. Hatte ein Darkullaner einen Fluch oder Schimpf gegen die Beduinen ausgestoßen, so sprach diese Zeitung von der begeisterten Stimmung, die das ganze Heer durchglühe. Kriegslieder enthielt sie zu Dutzenden, sie wurden in der Expedition gut bezahlt, also fand sich alles damit ein, was nur in der Landessprache reimen konnte. Hatte ein Krieger in der Nacht _Wer da!_ gerufen, hieß es in Perottis Zeitung: ein Ueberfall sey mit großem Verlust des Feindes zurückgeschlagen. Eine ausgeschickte Patroll wurde zum Scharmützel gemacht, und eine größere Zahl von Beduinen war auf dem Platze geblieben, als ihr Heer stark seyn konnte. Da sagte Kuku aber: du bist ein Narr mit deiner Zeitung, höre auf!

Bald darauf fiel des Sultans Geburtstag ein. Perotti machte, daß im ganzen Lager Gastmahle gehalten wurden, man streute Blumen, Raketen und Schwärmer stiegen am Abend leuchtend in die Höhe. Ueber dies Fest wurde eine eigne Schrift herausgegeben, worin man den Patriotismus und die Unterthanenliebe der Darkullaner bis zu den Wolken erhob. Kuku lachte aber gar sehr, wie er die Schrift sah, und sagte zu Perotti: also meinst du, ich soll an dem Darkullaner Tugenden des Unterthans erblicken, wenn mein Geburtstag ihm einen Anlaß giebt, sich bei Mahl und Fröhligkeit zu ergötzen? Nein, da will ich andre Beweise, am meisten in der nahen Schlacht. -- So gescheut war Kuku.

Einmal lag Perotti in seinem Zelte. Schon war es tiefe Nacht. Da nahte etwas durch die Stränge, womit das Haus von Linnen befestigt war. Perotti horchte bange, und wollte eben nach der Wache rufen, als eine Stimme ihm leis zuflisterte: Sei ruhig, es naht ein Freund, der dir große Schätze nachweisen kann. Dies machte, daß der Italiener die Furcht überwand. Der Fremde kam ins Zelt. Ich bin von Gigi gesandt, sprach er. Sie weiß, daß Mehemed beim Sultan gilt. Liefere ihr die beiden Caffern Mustapha und Osmann lebendig in die Hand.

Mustapha? erwiederte Perotti, das wäre so unmöglich nicht, aber Osmann ist todt. Der Sultan hat ja sein Haupt abholen lassen.

Glaubst du das Mährchen auch? entgegnete die Stimme. Osmann lebt im Felsenlande.

Osmann lebt? lebt? fuhr Perotti auf.

»Gewiß.«

Und wie kömmt es, daß Gigi das weiß?

»Man schickte ihr einen Kopf, der Osmann gehören sollte, sie erkannte ihn aber falsch.«

Falsch? Wenn sah denn diese Gigi Osmann? Fremdling, ist mir doch, als hätte ich deine Stimme schon einmal gehört.

Das wüßte ich doch nicht, versetzte die Stimme.

Seltsame, seltsame Gedanken stiegen bei Perotti auf. Endlich rief er: wie weit ist es von hier nach Gigis Lager?

»Nur wenige Tausend Schritt.«

Kannst du mich unbemerkt hinübergeleiten, und wieder zurückbringen?

»Das ginge wohl an, doch aus welchem Grunde?«

Ich muß selbst mit Gigi reden.

»Kannst du mir deinen Willen nicht vertrauen?«

Laß mich zu ihr, dann verständigen wir uns leichter. Verdacht kann sie nimmer gegen mich bergen, wie wagte ich mich zu ihr, und hier mein Leben, fühlte ich nicht gegen sie warme Anhänglichkeit. Ich habe so viel von ihren Thaten gehört, und bin schon lange ihr Bewunderer. Nicht nur die Caffern sollen ihr werden, sondern wenn sie mir Folge leistet, auch Sieg über Kuku.

Wohlan, schleiche mir nach, sagte der Fremde. Ich kann unbemerkt durch die Außenwachen finden.

Nicht ohne Zittern willigte Perotti ein. Aber eine gewisse Ahnung in seiner Seele bestimmte ihn zur Entschlossenheit.

Man tappte hinaus. Die einzelnen Wächter der Lagerkette sangen, dies verbarg das leise Rauschen der Fußtritte im Sand. Nicht lange darauf kam man bei einigen Reutern an, die den unternehmenden Späher erwarteten. Einer von ihnen mußte sein Pferd an Perotti geben, und so ging es im schnellen Galopp davon.

Wie man in das fremde Lager angekommen war, mußte Perotti etwas zurückbleiben, da sein Führer ihn erst anmelden wollte. Jener brauchte diese Zeit dazu, sich das Gesicht mit Erde zu beschmutzen, und sich möglich unkenntlich zu machen, denn er meinte: _es sei wohl möglich, daß er hier gekannt wäre_.

Es währte einige Zeit, bis der Beduin wiederkam. Er trug eine Fackel in der Hand. Neugierig blickte Perotti nach seinem Gesichte, aber ein tief in die Stirn gedrückter Turban, und ein bis über die Brust herabfließender Bart machten, daß nur wenige Züge kenntlich waren.

Die Fürstin ist geweckt, und ihr deine Ankunft berichtet worden, sprach Jener; folge zu ihrem Zelte.

Er ging mit der Fackel voran. Man kam durch lange Reihen von Pferden, welche theils schnarchend ausgestreckt lagen, theils wachend ihr Gras käuten, die Reuter lagen mitten unter ihnen, denn sowohl die Beduinen wie die Kalmucken halten mit dem edelsten der Hausthiere enge Freundschaft. Wachen waren in diese Gassen vertheilt, bei denen kleine Feuer brannten. Die Zelte der Vornehmen erhoben sich geordnet, und wurden durch Laternen, welche an ihrem Eingang hingen, auch in der Nacht sichtbar. Endlich gewahrte man der Königin Gezelt. Wie der Dom eines prachtvollen Tempels, zu einer Festlichkeit erleuchtet, ragte es empor, denn nicht nur seine Höhe erregte Staunen, sondern überall waren auch Laternen angebracht, welche rund umher den Platz erhellten, und alle Schildwachen zu Pferde, welche umhergestellt waren, und die blinkende Harnische bekleideten, sichtbar machten.